Mai 282013
 

2013-05-20 14.06.09

Eine der ergreifendsten Stellen aus Homers Odyssee ist mir immer die Stelle im zwölften Gesange gewesen, an der Kirke in rosenfingriger Frühe einen schmerzhaften Abschied von Odysseus nimmt. Scharfe, eindringliche, keinen Widerspruch duldende Warnungen gibt sie ihm mit auf den Weg vor den tückischen, bezaubernden Sirenen, die die Menschen einlullen und einlallen mit trügerischem Sang. Hier hilft nichts als sich taub stellen! Den Gefährten muss Odysseus deshalb die Ohren mit Wachs verstopfen, während er selbst sich in den Mast knoten lässt. Die Gefährten dürfen nicht hören – und behalten ihre Handlungsfähigkeit, denn sie müssen und sollen Odysseus an den Sirenen vorbeirudern.  Odysseus darf hören, freilich um den Preis der äußersten Unfreiheit!

Wie geht es nach bestandener Gefahr weiter? Jetzt kommt es! Welchen Weg zeichnet Kirke dem Liebling Odysseus vor? Keinen! Sie benennt ihm die Alternativen, doch entscheiden soll er nach reiflicher Überlegung selber. Kirke entlässt – in ihrer Muttersprache Griechisch – den Odysseus in den Raum seiner eigenen Entscheidungsfindung mit folgenden Worten:

αὐτὰρ ἐπὴν δὴ τάς γε παρὲξ ἐλάσωσιν ἑταῖροι,
ἔνθα τοι οὐκέτ᾽ ἔπειτα διηνεκέως ἀγορεύσω,
ὁπποτέρη δή τοι ὁδὸς ἔσσεται, ἀλλὰ καὶ αὐτὸς
θυμῷ βουλεύειν: ἐρέω δέ τοι ἀμφοτέρωθεν.

Johann Heinrich Voß übersetzt in unsere Muttersprache Deutsch:

Sind nun deine Gefährten bei diesen vorüber gerudert,
Dann bestimm’ ich den Weg nicht weiter, ob du zur Rechten
Oder zur Linken dein Schiff hinsteuren müssest; erwäg’ es
Selber in deinem Geist. Ich will dir beide bezeichnen.

Im Klartext: Ich kann dir da nicht raten, ich kann dir nur die beiden Wege aufzeigen. Du musst selber entscheiden. Überleg es dir gut. Es wird auf dich ankommen, Odysseus!

Genau das ist Freiheit! Kirke entlässt ihre Schützling Odysseus in den Raum der eigenen Entscheidungsfindung! Odysseus wird durch den Rat Kirkes vor Gefahren bewahrt, die seine menschliche Widerstandskraft übersteigen würden. Er “braucht das Rad nicht neu zu erfinden”. Es hatte sich in der Welt Homers genugsam herumgesprochen, dass die Sirenen allem Anschein zum Trotz letztlich nur Unheil bringen, dass sie die Familien – diese Keimzellen der Gesellschaft – zerstören, dass sie den Seeleuten die Heimkehr versperren und zerschmettern. Odysseus hörenden Ohrs und sehenden Auges ins Unglück zu schicken, wäre verantwortungslos von Kirke. Sie kennt ihre Pappenheimer, sie weiß um die Grenzen, an denen Menschen ihren Verstand verlieren und sich willenlos der Sucht ergeben. Die Warnung Kirkes vor den Sirenen ist alternativlos. Scheitert die Vorbeifahrt, so scheitert die Heimfahrt!

Zugleich aber entlässt die wohlwollende Wegweiserin Kirke Odysseus in den Raum seiner eigenen Entscheidungsfindung.

“Meide die Suchtfaktoren. Meide den Rausch, der deine Widerstandskraft mit Sicherheit übersteigen wird. Vor den Sirenen musst du dich hüten! Es wird danach aber der Punkt kommen, an dem ich dir nicht raten kann. Dann überlege es gut in deinem Sinn – und triff dann deine Entscheidung. Es gibt zwei Alternativen. Welche die bessere ist – das musst du selber im Herzen bedenken. Wähle selbst!”

Einsicht in das dem Menschen Mögliche, Freigabe des innerhalb des dem Menschen möglichen Wählbaren – genau das ist Freiheit! Diesen Raum der Freiheit gilt es Tag um Tag, Stunde um Stunde neu zu eröffnen, zu hegen und zu betreten. Tue das und du wirst leben.

Quellen:

Odyssee deutsch in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß nachlesbar unter:
via Projekt Gutenberg-DE – SPIEGEL ONLINE.

Odyssee Griechisch nachlesbar unter:
http://www.perseus.tufts.edu/hopper/text?doc=Perseus%3Atext%3A1999.01.0135%3Abook%3D12%3Acard%3D36
[entnommen aus: Homer. The Odyssey with an English Translation by A.T. Murray, PH.D. in two volumes. Cambridge, MA., Harvard University Press; London, William Heinemann, Ltd. 1919]

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