Jun 302013
 

2013-06-28 13.35.22

Jeder wird gebraucht! Jeder ist willkommen! – Das ist die große befreiende Botschaft, welche uns gestern von einem Anschlag an der Kreuzberger Stresemannstraße entgegenleuchtete. Das Nature Theater von Oklahoma, wie es sich neuerdings nennt,  sucht Tonangler, Köche und Empfangsdamen.

Ich lese nach, was Franz Kafka uns über seinen Karl Roßmann erzählt. Das letzte Kapitel seines Romans “Der Verschollene” spielt ja im großen Teater von Oklahoma. Engel und Teufel werben um die Menschen. “Es ist das größte  Teater der Welt”, erklärt Fanny und fordert Karl dazu auf, sich zu bewerben.

Wie an so vielen anderen Stellen seines Gesamtwerkes malt Franz Kafka, der große jüdisch-christliche Schriftsteller, hier ein Bild einer großen, allen Menschen offenstehenden Kirche. Denn die Kirche steht ja ebenfalls allen Menschen offen. Gott, der Unnennbare, der große Abwesende, stellt keine Aufnahmeprüfung an, er nimmt jeden und jede. Die Kirche bezaubert, wie das große Welttheater von Oklahoma, den Menschen ebenfalls mit Trompeten, mit Engeln und Teufeln. Karl Roßmann gibt sich als Ingenieur aus, denn “er wollte einmal Ingenieur werden”. Und – die gute Absicht zählt: “Führen Sie diesen Herrn zu der Kanzlei für Leute mit technischen Kenntnissen.”

Die letzten Seiten des Romanfragments von Franz Kafka eröffnen eine offene Aussicht auf Erlösung von Schande und Schuld, von Zurückweisung und Versagen. Wird der überall Scheiternde, der Verstoßene hier sein Glück finden? Wir wissen es nicht, der Roman fand zu Lebzeiten des Autors keinen Abschluss.

Franz Kafka: Der Verschollene. Roman. In der Fassung der Handschrift. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 2004, S. 295-317

Bild: Aufnahme vom 28.06.2013, Stresemannstraße, Berlin-Kreuzberg

 Posted by at 00:11
Feb 262013
 

Ein vierbändiges, wichtiges Werk des Ministeriums für Volksbildung der DDR war die berühmte “Liste der auszusondernden Literatur”. Ich meine: Man sollte diskutieren, ob heute nicht eine “Liste der auszusondernden Wörter” ebenfalls not täte.

Kürzlich hat es also Astrid Lindgren und ihre Pippi Langstrumpf ereilt.  Nicht nur brachte Lindgren in ihrem Taku-Taka-Land böse, verbotene Wörter in Umlauf, sondern sie beschrieb in Pippi Langstrumpf eine Welt, in der es gruppenspezifische Vorurteile gibt, statt dass alle Menschen, Jungen wie Mädchen, Alt wie Jung, Schweden wie Afrikaner sich einfach nur liebhaben und als gleichwertig anerkennen. “Miep, miep, miep, wir haben uns alle lieb!”, so lautet das Tischgebet der säkularen Kita.

Und kürzlich las ich erneut den spannenden Roman Der Verschollene. Ebenfalls ein schlimmes Buch mit bösen Wörtern. Hört, was der böse Autor schreibt und dem tüchtigen, arg benachteiligten Werktätigen, dem Heizer des Amerikadampfers in den Mund legt:

“Sehn Sie, wir sind doch auf einem deutschen Schiff, es gehört der Hamburg Amerika Linie, warum sind wir nicht lauter Deutsche hier? Warum ist der Obermaschinist ein Rumäne? Er heißt Schubal. Das ist doch nicht zu glauben. Und dieser Lumpenhund schindet uns Deutsche auf einem deutschen Schiff.”

Ein klarer Fall von Rassismus! Erneut ein klarer Fall von gruppenspezifischen Vorurteilen, ja diese Äußerung grenzt schon an Volksverhetzung! Sollte man also diesen Autor, der ebenfalls ein so böses Wort wie Lumpenhund verwendet, ebenfalls auf die Liste der auszusondernden Bücher setzen, oder doch mindestens das Wort “Lumpenhund” auf die Liste der auszusondernden Wörter setzen? Sollte man den offenkundig rassistischen, offenkundig deutschnationalistischen Verfasser des Romans “Der Verschollene” auf die Liste der auszusondernden Literatur setzen, zumal er ja eine weitere hellsichtige Darstellung des Rassismus und Antisemitismus geliefert hat – die kleine Erzählung Schakale und Araber?

Ich meine: nein. Gruppenspezifische Vorurteile sind etwas Menschliches. Alle Gruppen – ethnische, konfessionelle, politische, ständische Gruppen – neigen dazu, sich nach außen abzuschließen und die anderen herabzusetzen.  Das gilt für Mehrheiten ebenso wie für Minderheiten.

Der Autor des Romans “Der Verschollene” ist kein deutschnationaler Rassist, nur weil er ein gewisses Verständnis für die Lage eines deutschen Arbeiters äußert, der sich auf einem deutschen Schiff von einem Ausländer ungerecht behandelt fühlt.

Es wäre falsch, jetzt alle Bücher säubern, alle bösen Wörter ausmerzen zu wollen, nur weil sie die zutiefst menschliche Neigung zur Feindseligkeit gegenüber anderen Gruppen darstellen.

Schaut euch doch die lachende heitere Astrid Lindgren an, diese fröhlichen zuversichtlichen Kinder! Diese stolze, kühne, unbezähmbare Pippi Langstrumpf! Lasst uns doch diese Bücher nutzen, um wieder Kinder zu werden, um mit Kindern einzulernen, dass die Feindseligkeit, die Herabsetzung anderer Gruppen zwar etwa Menschliches ist, – aber nichts Letztes sein darf!

Wir müssen erkennen, dass das Böse nicht in den Wörtern als solchen liegt, sondern in der Abschließung vor dem anderen, in der Zurückweisung und Entwertung des anderen liegt. Dieses Böse aber – liegt in uns. Es gehört zu uns. Der Pole Kolakowski sagt es so: Zło jest w nas – das Böse ist in uns.

“Ma la Madonna – è una negra!” Die verehrte Mutter ist eine Negerin. Kaum irgendwo besser als in dem Film Basilicata Coast to Coast  können wir diese Überwindung des rassistischen Weltverständnisses erleben. Die bösen Wörter – Neger, Lumpenhund, Schakal usw. – verlieren ihre Bosheit. Im zuvor verachteten, mit bösen Wörtern verspotteten Menschen erblicken wir das Antlitz eines Menschen wie du und ich, der zum Vorbild werden kann.

Quellen:
Franz Kafka: Der Verschollene. Roman in der Fassung der Handschrift. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Maon 2004, S. 13-14.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/politisch-korrektes-deutsch-verbaende-wollen-soziale-unwoerter-zensieren-12094314.html

Franz Kafka: Schakale und Araber, in: ders., Die Erzählungen und andere ausgewählte Prosa. Herausgegeben von Roger Hermes. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2004, S. 280-284

 Posted by at 23:34
Dez 102012
 

Das, was ich gegenüber Mäusen habe, ist platte Angst. Auszuforschen, woher sie kommt ist Sache der Psychoanalytiker, ich bin es nicht.”  So schrieb es Franz Kafka am 4.12.1917 an Max Brod, wie die Süddeutsche Zeitung heute auf S. 11 berichtet: Marbach erwirbt “Kafkas Mäuse”.

“In den alten Zeiten unseres Volkes gab es Gesang: Sagen erzählen davon und sogar Lieder sind erhalten, die freilich niemand mehr singen kann.” Zweifellos eine groteske Übertreibung, was der Prager Autor hier schreibt! Dennoch schlägt der Verfasser mit seiner Erzählung Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse eine Saite an, die auch heute im Leser widerklingt. Welches Kind in Deutschland kennt und singt beispielsweise heute noch das Lied “Der Mond ist aufgegangen” von Matthias Claudius? Das Lied ist noch erhalten, aber es wird  kaum mehr gesungen.

Kafka beschreibt in seiner Erzählung über Josefine, die Sängerin möglicherweise seine Trauer über den Verlust des volkstümlichen Liedsanges.

Das Singen lässt sich nicht befehlen. Die Angst lässt sich nicht verbieten. Eher schon kann man versuchen, Herr über die Angst zu werden, indem man sich in sie hineinversetzt! “Wie wäre es denn, wenn du selbst zu denen gehörtest, vor denen Angst hast?”

Verbring einen  Tag im Leben der Mäuse, und du wirst von deiner Mäuse-Angst, deiner Mysophobie geheilt!

Möglicherweise war diese vermutlich 1924 niedergeschriebene Erzählung ein Versuch Kafkas,  sich von seiner Mäuseangst zu befreien. Ich sage: möglicherweise. Denn vielleicht war es auch ein Versuch, mit der in diesem Jahr diagnostizierten Kehlkopferkrankung Freundschaft zu schließen und den drohenden Verlust der Stimme und letzlich das Sterben vorwegzunehmen.

Welche Deutung ist die richtige: Trauer über den Verlust des volkstümlichen Singens, Versuch der Bewältigung der Mäuse-Angst,  Versuch der Freundschaft mit der Kehlkopferkrankung, Vorwegnahme des eigenen Sterbens?

Die Schrift der Vergangenheit ist unveränderlich. Jede Deutung ist nur ein Versuch, ihr aus dem Hier und Jetzt heraus Sinn einzuhauchen. Sie kann auch Ausdruck der Verzweiflung angesichts der Unabänderlichkeit der Vergangenheit sein.

Quelle:

Franz Kafka: Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse. Prager Presse, 4. Jg., Nr. 110 (20. April 1924, Morgenausgabe, Beilage Dichtung und Welt, S. IV-VII). Hier zitiert nach: Franz Kafka: Die Erzählungen und andere ausgewählte Prosa. Herausgegeben von Roger Hermes. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2004, S. 518-538, hier bsd. S. 519

 Posted by at 14:39