Juli 212026
 

Ein Diktat? Wie bitte? Wollen wir ein DIKTAT beginnen? Jetzt soll ich etwas in den neuen Mac diktieren? Hey, ich kenne mich mit dem neuen Mac nicht aus, aber versuchen will ich es. Gut! Ich werde etwas diktieren, und zwar möchte ich berichten über eine herrliche Veranstaltung, die wir kürzlich erlebt haben. Sie hieß: DNIPRO.

Dnipro, das waren Augenblicke, gelebt im Fegefeuer, gelebt im Paradiese. Zu Beginn spielten die drei Musiker vom Trio Voyage – die Geigerinnen Viktoria Stahlberg und Alvina Lahyani, Pavlo Feniuk am Bajan – ein Prunkstück der spanischen Musik. Sie spielten España cañí, und man hörte, man spürte in diesem Paso doble sofort die Poesie, ich weiß nicht wie… war es nicht die

poesía en flor,
esta España de mujeres bellas
con fuego en los ojos
que enciende pasión?

Ich sah sofort dieses Feuer aufblitzen.

Diese Flamme war entfacht! Gleich mit dem Schlussakkord begrüßte Alvina das Publikum mit wohlgesetzten Worten an den Ufern des Dnipro; der Dnipro, das ist ja ein Schicksalsfluss wie kein zweiter. Nicht nur für die Ukraine, sondern auch für Moskaus Machtbereich, für Weißrussland, Litauen und auch Polen. Sich umwendend fragte Alvina die Lyrikerin Zlata Zhuravlova: „Was bedeutet der Dnipro für dich?“ .

Zlata erzählte, dass sie dort am Dnipro, oder Dnjepr, wie er in deutschen Atlanten noch meist genannt wird, wie viele andere Bewohner der Stadt Dnipro (früher: Dnjepropetrowsk), ihre schönsten und beeindruckendsten Jugenderlebnisse hatte. Besonders hob sie das Meer hervor, zu dem der Fluss sich dort erweitert. Es ist natürlich kein richtiges Meer, aber doch eine künstlich herbeigeführte Ausbuchtung, die bis zu zwei Kilometer breit ist, die also an ein Meer, ein echtes Mehr-als-nur-ein Fluss, erinnert. In Dnipro gibt es auch die längste durchgehende Fußgänger- und Uferpromenade in ganz Europa! Sie erstreckt sich entlang des rechten Ufer des Flusses Dnipro über eine Gesamtlänge von 23 km!

Zlata fragte Alwina: „Woher stammst du eigentlich?“ – „Aus Kyjiw!“ – „Wirklich? Das ist schön. Dazu habe ich Gedicht geschrieben!“ Dann lass Zlata ihr Gedicht Kyiw vor. Wir zitieren:

Kyiw

Ich spaziere durch Zoloti
und versuche mir vorzustellen, ,
wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich eine Kiewerin
und nicht einfach nur ein Mensch wäre
.

und sie versetzte sich wirklich in das Gefühl hinein, dass die Kyiwer wohl empfinden, wenn sie Ihren Stolz auf diese Stadt ausdrücken.

Wie schaut es aber nun in Berlin aus? Gute Frage! Auch über Berlin hat Zlata Zhuravlova, die in Berlin lebt, ein Gedicht geschrieben. Erstaunlich war es, dass sie sagte

Berlin

Menschen kommen hierher,
um sich zu verstecken.
Im Zentrum der Welt. An der Oberfläche.
Genau hier. Genau jetzt.
Um sie selbst zu werden.
Sie probieren neue Rollen. Masken. Schuhe.


Ein sehr spannender Blick auf Berlin, gesehen mit den Augen einer zugewanderten Lyrikerin!

Es folgte dann der erste lyrische Höhepunkt des Abends, nämlich das Gedicht Train. Es fängt alltägliche Wahrnehmungen in einem Bahnhof ein. Der Blick heftet sich an einen Menschen, der einen Koffer über Treppen trägt und irgendwelche Aufgänge und Untergänge sucht. In dem Koffer befinden sich viele Bücher und in den Büchern seine Welten. Leider gibt es diese Welten nur in den Büchern. Und das Gedicht endet mit den traurigen Zeilen

Сходів і заходів безліч,
безліч було історій
у книгах-томах — поруч.
Шкода, але не в ньогом
бо в нього вдома нікого,
бо в нього немає дому. 

es gab viele Treppen und Aufgänge,
viele Sonnenauf- und untergänge
und Geschichten: in den Büchern,
Bänden – überall.
Aber leider nicht bei ihm.
Denn daheim wartete niemand.
Denn er hatte kein zu Hause.

Und so war neben dem Feuer in den Augen der Schönen, neben der Weite des Meeres noch das dritte Grundthema dieses in der Tat unerschöpflichen musikalisch-lyrischen Nachmittags angeschlagen: die Ruhelosigkeit, die Entwurzelung, der Schmutz und die Schutzlosigkeit.

Und somit ist dieses erste Diktat im Mac abgeschlossen. Es entbehrt jeder Schönheit und Professionalität. Aber es war mir diesen tastenden Versuch wert. Und es wird weitere Diktate zum Thema Dnipro geben.

Zitate:
Alfredo Corral Moraleda: Letra del paso doble
https://es.wikipedia.org/wiki/Espa%C3%B1a_ca%C3%B1%C3%AD

Zlata Zhuravlova: Vorspiel Прелюдія. Gedichte Вірші. Aus dem Ukrainischen von Nadiia Telenchuk. KLAK Verlag, Berlin 2026, S. 17, S. 15, S. 36-37
https://www.klak-verlag.de/product/zhuravlova-zlata-vorspiel-%d0%bf%d1%80%d0%b5%d0%bb%d1%8e%d0%b4%d1%96%d1%8f-gedichte-%d0%b2%d1%96%d1%80%d1%88%d1%96/

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Was ist der Unterschied zwischen Sozialismus und Sozialstaat? Rosa Luxemburg und Stefan Evers im Dialog über Pflichten und Rechte der Bürger

 Pflicht, Schöneberg, Solidarität, Sozialismus, Sozialstaat, Staatssozialismus, Verwöhnt  Kommentare deaktiviert für Was ist der Unterschied zwischen Sozialismus und Sozialstaat? Rosa Luxemburg und Stefan Evers im Dialog über Pflichten und Rechte der Bürger
Juli 142026
 

Damit alle in der Gesellschaft den Wohlstand genießen können, müssen alle arbeiten. Nur wer irgendeine nützliche Arbeit für die Allgemeinheit verrichtet, sei es Handarbeit oder Kopfarbeit, darf beanspruchen, daß auch er Mittel zur Befriedigung seiner Bedürfnisse von der Gesellschaft zugewiesen bekommt.“ So äußerte sich die Berliner Politikerin Rosa Luxemburg in ihrem Aufsatz Die Sozialisierung der Gesellschaft, erstmals erschienen in:  Die junge Garde (Berlin), Nr. 2 vom 4. Dezember 1918

Wer staatliche Leistungen erhält und arbeiten kann, sollte der Gemeinschaft etwas zurückgeben – zum Beispiel, indem er dabei hilft, Berlin sauber zu halten.“ So wird der Berliner Politiker Stefan Evers in der B.Z. am 13. Juli 2026 auf S. 3 zitiert.

Zwei unterschiedliche Berliner Politiker, zwei unterschiedliche Ansichten, jedoch zwei ähnliche Forderungen! Schauen wir’s uns genauer an! Sind beide – Stefan Evers wie Rosa Luxemburg – in ihrem Blick auf die gesellschaftliche Pflichten etwa Kommunisten?

Eines ist klar: Rosa Luxemburg beharrt unerschütterlich auf der allgemeinen Arbeitspflicht für alle. In einer wahrhaft freien – also sozialistischen – Gesellschaft, so führt sie hier aus, kommt zuerst die Pflicht des einzelnen gegenüber der Gesellschaft, erst danach entsteht auch der Anspruch des einzelnen auf soziale Absicherung in Zeiten der Not. Dabei zeigt Luxemburg sich sehr großzügig gegenüber den wirklich Arbeitsunfähigen. Sie schreibt: „Allgemeine Arbeitspflicht für alle Arbeitsfähigen, wovon natürlich kleine Kinder sowie Greise und Kranke ausgenommen sind, ist in der sozialistischen Wirtschaft eine Selbstverständlichkeit.“ 

Anders denkt der erfahrene Politiker Stefan Evers! In der Bundesrepublik Deutschland, diesem gerühmten Sozialstaat, und insbesondere im Stadtstaat Berlin – so erkennt er mit untrüglich geschärftem Blick – verlangen alle Bürger zunächst einmal eine Vorleistung vom Staat; der Staat ist Anspruchsgegner, er hat alles zu tun, damit alle Menschen, die hier leben, volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben genießen können. „Staat! Schaffe gute Schulen – dann lernen wir!“ „Staat! Schaffe Arbeitsplätze – dann arbeiten wir!“ Dieses Grundmuster zieht sich durch Gazetten und Journale, durch Gassen, Straßen und Online-Kanäle im Osten wie im Westen Berlins.

Eine sittliche, geschweige denn eine rechtliche Pflicht des einzelnen, etwas zum Gelingen der Gesellschaft beizutragen, besteht in der Bundesrepublik Deutschland, diesem allseits gerühmten Sozialstaat nicht, und schon gar nicht im Bundesland Berlin. Ganze Heerscharen von Politikern, Juristen, Lobbyisten, Sozialverbänden untermauern mit allen Kräften Tag um Tag diesen Vorrang des Anspruches auf Existenzsicherung, auf Lebensglück, welchen der einzelne gegenüber dem Sozialstaat erheben darf und soll.

Der sehr vorsichtig unterbreitete Vorschlag des Berliner Senators Stefan Evers, dass Leistungsempfänger doch auch etwas als Gegenleistung erbringen sollten, stößt überwiegend auf Ablehnung – geäußert vor allem durch die mächtigen Heerscharen von Politikern, Juristen, Lobbyisten, Sozialverbänden, Journalisten.

Ein Beispiel! Die taz berichtet:

Damiano Valgolio, arbeitspolitischer Sprecher der Linken, hält die Idee für einen „rechtspopulistischen Vorschlag“, der rechtlich „völliger Quatsch“ sei. Es sei in Deutschland nicht möglich, Menschen zur Arbeit zu zwingen. „Die CDU macht das, was sie am besten können. Runtertreten auf die Bürgergeldempfänger, die sie eigentlich wieder zurück in Arbeit bringen sollte.“

Da ist es! Die CDU soll also die Bürgergeldempfänger wieder in Arbeit bringen. Muss man nicht verstehen. Wieso ausgerechnet die CDU?

Die so unterschiedliche Argumentation einer Rosa Luxemburg, eines Damiano Valgolio und eines Stefan Evers lässt den Unterschied zwischen dem ideal erträumten Sozialismus und unserem real existierenden Sozialstaat scharf hervortreten.

Ich selber stehe übrigens mehr auf der Seite von Rosa Luxemburg, nicht auf der der Linken. Ich meine: Ja, es gibt Pflichten des einzelnen gegenüber der Gemeinschaft. Oben im Foto die schmutzigen Arbeitshandschuhe, die ich mir einmal bei einer Platzputzaktion in Schöneberg verdient habe. Es war ein gutes Gefühl, auch einmal etwas zurückzugeben, ohne rechtlich dazu verpflichtet zu sein.

Es lohnt sich – für alle.

Und hier geht’s zur Arbeitspflicht für alle:

https://www.rosalux.de/stiftung/rosa-luxemburg-1/die-sozialisierung-der-gesellschaft

https://taz.de/CDU-Spitzenkandidat-Stefan-Evers/!6195652

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Auf Widerruf gestundete Zeit: Schrott

 Heimat, Schöneberg  Kommentare deaktiviert für Auf Widerruf gestundete Zeit: Schrott
Sep. 152025
 

Ein Bild der Zerstörung bot sich meinen Augen bei der Heimkehr im noch kaum sich lichtenden Dunkel am vergangenen Freitagmorgen. Der Zugang zu meiner Wohnung war nur über Umwege möglich; der Schulhof der Teltow-Grundschule war mit Flatterband abgesperrt. Was war geschehen? Bald erfuhr ich’s: Eine gewaltige Explosion hatte einen vor dem Gashäuschen geparkten BMW zerfetzt. Um etwa 1.30 Uhr zerriss nächtens eine Bombe die Ruhe unserer Heimat. Ein Mann wurde dabei schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt. Ihm wünschen wir von hier aus rasche Genesung. Bis in den späten Abend hinein ermittelte eine Mordkommission, sicherte Zoll um Zoll die Spuren, erfasste den Tatort mit Drohnen und Präzisionskameras, konferierte, sichtete, sicherte, spürte, befragte.

Es kommen härtere Tage, die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar im Schrott.

Der Ort ist fortan gezeichnet. Einbruch der Gewalt in die brüchige Realität, unvermittelt!

Und zwei Tage später sind Spuren des Geschehenen noch sichtbar:

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Sinkt die Fertilität mit höherem sozioökonomischem Status?

 Armut, Brüder Grimm, Demographie, Kinder, Mären, Schöneberg  Kommentare deaktiviert für Sinkt die Fertilität mit höherem sozioökonomischem Status?
Juli 272025
 

War es schon immer so, dass die Fertilität der Frauen mit steigendem Einkommen und steigendem Wohlstand abnahm? Was sagen unsere alten Märchen dazu? Hören wir doch einmal, was die Brüder Grimm in ihren Kinder- und Hausmärchen dazu sagen! Der Anfang einer von ihnen aufgezeichneten Geschichte lautet:

Es waren einmal zwei Schwestern, die eine hatte keine Kinder und war reich, die andere hatte fünf Kinder und war eine Witwe und war so arm, dass sie nicht mehr Brot genug hatte, sich und ihre Kinder zu sättigen. Da gieng sie in der Not zu ihrer Schwester und sprach „meine Kinder leiden mit mir den größten Hunger, du bist reich, gib mir einen Bissen Brot.“

Wir sehen: Dieses Märchen bringt gleich zu Anfang eine in vielen Geschichten und Mythen vorkommende Konstellation: Geschwister, die ungleich reich sind, von denen das reichere keine Kinder und das ärmere viele Kinder hat. Erstaunlich ist hier, dass dieser Unterschied als solcher zunächst einmal hingenommen wird und die arme kinderreiche Schwester erst in höchster Not sich mit ihrer Bitte an die reiche kinderlose Schwester wendet. Was mag wohl die reichere Schwester nun erwidern? Hören wir es gleich an:

Die steinreiche war auch steinhart, sprach „ich habe selbst nichts in meinem Hause“ und wies die Arme mit bösen Worten fort. Nach einiger Zeit kam der Mann der reichen Schwester heim, und wollte sich ein Stück Brot schneiden, wie er aber den ersten Schnitt in den Laib tat, floss das rote Blut heraus. Als die Frau das sah, erschrak sie und erzählte ihm was geschehen war.

Beachtlich ist hier, dass entgegen der landläufigen Meinung im Mann ein stärkeres Erbarmen gezeigt wird als in der Frau. Ein doch recht auffälliger Gegensatz zu dem Weiblichkeitsideal, an das wir uns bei älteren Texten gewöhnt zu haben scheinen! Es ist der Mann, der hier den entscheidenden Schritt der Barmherzigkeit tut. Und so geht es weiter:

Er eilte hin und wollte helfen, wie er aber in die Stube der Witwe trat, so fand er sie betend; die beiden jüngsten Kinder hatte sie auf den Armen, die drei ältesten lagen da und waren gestorben. Er bot ihr Speise an, aber sie antwortete „nach irdischer Speise verlangen wir nicht mehr; drei hat Gott schon gesättigt, unser Flehen wird er auch erhören.“ Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, so taten die beiden Kleinen ihren letzten Atemzug, und darauf brach ihr auch das Herz und sie sank tot nieder.

So endet diese traurige Geschichte ohne Moral, die unter dem Titel Gottes Speise in einigen Auflagen der Grimmschen Märchen enthalten ist, aber heute meist nicht mehr mit abgedruckt wird – vermutlich weil sie dem gängigen Schema des mit einem Happy End endenden Märchens überhaupt nicht entspricht und einen schonungslosen Blick auf charakterliche Deformationen wirft, die offenbar seit Menschengedenken mit allzu großem Reichtum einhergehen.

Die reiche, aber kinderlose Frau ist freilich etwas, was recht häufig im Märchen vorkommt, man denke nur zum Beispiel an Rapunzel, wo die Zauberin in einem schönen weiten Garten, der von einer hohen Mauer umgeben ist, ihre wundertätigen Pflänzlein züchtet – und doch offenkundig unglücklich ist, denn sonst würde sie ja nicht unbarmherzig der armen Nachbarin aus dem Hinterhaus das Kind rauben.

Wir dürfen also festhalten: zumindest in diesem Märchen wird durchaus die auch heute in der Demografie erneut festgehaltene Hypothese ausgesprochen, dass mit steigendem Wohlstand die Zahl der Kinder abnimmt. Sozioökonomischer Status und Fertilität stehen hier, wie die Sozialwissenschaftler sagen, in einer starken negativen Korrelation.

Quellenangabe: 5. „Gottes Speise“, 12. „Rapunzel“ in:  In: Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen. Herausgegeben von Heinz Rölleke. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2009, S. 805 (Gottes Speise) und S. 84-88 (Rapunzel)

Bild: Die Grabstätte der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Alter St-Matthäus-Friedhof, Berlin-Schöneberg, Aufnahme vom 26. Juli 2025

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Im Zeitloch. Natura incognita

 Latein, Natur, Parkidyllen, Schöneberg, Singen  Kommentare deaktiviert für Im Zeitloch. Natura incognita
Nov. 242024
 

DIE POSAUNENSTELLE
tief im glühenden Leertext,
in Fackelhöhe,
im Zeitloch:

hör dich ein mit dem Mund.

Dies ist ein Gedicht Paul Celans aus der postum veröffentlichten Sammlung „Ilana“.

Unter Posaunenstelle ist hier und heute, am Totensonntag des Jahres 2024, wohl die üblicherweise mit Posaunen unterlegte Textstelle

Tuba mirum spargens sonum
per sepulcra regionum

zu verstehen.

Hör dich ein mit Mund – Hier meinen wir ein besonderes, ein hörendes Sprechen zu vernehmen. Hören mit dem Mund, das geschieht beim innehaltenden Singen, in dem der gesamte Trakt aus Mund, Rachen und Hals ein Schlot wird, in dem alles versinkt und zugleich hervorquillt. Inalare la voce – die Stimme einatmen, so formulierten das die alten Meister des Belcanto.

Zitat:

Paul Celan: DIE POSAUNENSTELLE, in: ders., Sammlung „Ilana“, in: ders., Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Mit den zugehörigen Radierungen von Gisèle Celan-Lestrange. Herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, S. 570, sowie dazugehörender Kommentar S. 1235-1236

Bild (von oben nach unten): Drüsiger Götterbaum (Ailanthus altissima), Hopfen (Humulus lupulus), Eschen-Ahorn (Acer negunda), gesichtet heute im Cheruskerpark an der Turnanlage vor dem EUREF-Campus. Bestimmt durch die App Flora incognita



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Langsam lesen, ja das ist’s!

 Knaul, Kochen, Mündlichkeit, Schöneberg, Schriftlichkeit  Kommentare deaktiviert für Langsam lesen, ja das ist’s!
Jan. 272024
 

Close reading, langsam lesen, klingen lassen, vorlesen, hören, zuhören, eintauchen in das dichte Gespinst, das feine Gewebe, den teilweise unentwirrbaren Knaul aus Gedanken, Gefühlen, Erlebtem und Erfahrenem, diesen groviglio, garbuglio, o gnommero, wie es der dottor Ingravallo, von dem uns Carlo Emilio Gadda berichtet hat, immer wieder zu sagen pflegte. Das ist es! Das wäre es!

Darüber, über diesen Knaul der Vielfalt, schreibt Italo Calvino:

„Carlo Emilio Gadda cercò per tutta la sua vita di rappresentare il mondo come un garbuglio, o groviglio, o gomitolo, di rappresentarlo senza attenuarne affatto l’inestricabile complessità, o per meglio dire la presenza simultanea degli elementi più eterogenei che concorrono a determinare ogni evento.“

Nachweis: Italo Calvino: Molteplicità. In: Italo Calvino: Lezioni americane. Sei proposte per il prossimo millenio. Con uno scritto di Giorgio Manganelli. Milano, Mondadori 2023, Seite 103-122, hier Seiten 103 und 105

Foto: Tagliatelle con ragù alla bolognese – ein unentwirbarer Knaul. Gesehen, gegessen, genossen am 18. Januar 2024 im Talea, Botanisches Bistro, Ebersstr. 27A, Berlin-Schöneberg

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Finizio – eine Hütte für Kugelmenschen

 Antike, Eigene Gedichte, Frau und Mann, Mären, Platon, Schöneberg  Kommentare deaktiviert für Finizio – eine Hütte für Kugelmenschen
Apr. 042023
 

Eine Hütte für Kugelmenschen entdeckte ich vor zwei Tagen im Cheruskerpark!

Schön aufgeschlichtet aus sauber behauenen Planken
Von hellem Holz erhebt sich nun ein kleines Büdchen
Mit freundlichem Schornstein mitten auf kahlgetret’ner Wiese.
Wer mag darin wohnen, für wen ist das Hüttchen bestimmt?
Ein Blick auf die hell leuchtende Tür gibt Auskunft: die Kugelmenschen
Sind’s, von denen schon Aristophanes in Platons Symposium erzählt.
Denn ursprünglich gab es ja nicht die Unterscheidung in Mann und Frau,
Sondern die ersten Menschen besaßen Kugelform, bewegten sich
In alle Richtungen, rollten umher und gaben sich allerlei Freuden hin.
Drei Gattungen gab es, das männliche und das weibliche und auch das
Gemischtgeschlechtliche. Und so schillerte eine bunte Palette an
Unterschiedlichsten Mengungen. Keiner war eindeutig festzulegen.
Selige Vorzeit, als die schroffe Scheidung in männlich und weiblich
Noch nicht eingeführt war! An diesen Urzustand knüpft der heutige
Geschlechterdiskurs erneut an. Und so mag denn
In diesem Hüttchen zugleich Anfang und Ende der Menschheitsgeschichte
Verkörpert sein. Inizio heißt ja auf italienisch Anfang. Fine dagegen
Heißt Ende, und so ist auf wundersame Weise Anfang und Ende
In diesem kleinen Büdchen symbolisch vereinigt, und der Name des Büdchens
Lautet: Finizio. Trefflich gesagt, zu finden im Cheruskerpark zu Berlin, Schöneberg.


Aufnahme vom 2. April 2023

 Posted by at 17:40

Insulares Glück

 Freude, Schöneberg  Kommentare deaktiviert für Insulares Glück
Dez. 202021
 
Blick in den Himmel, auf dem Berg Insulaner, Schöneberg, 16. Dezember 2021

Weit in unendlichen Raum des Himmels streckt der Baum sein filigranes Geäst,

Rücklings liegst du auf grob gezimmerter Bank. Betracht es genau, dieses Bild:


Aus den Weiten des Kosmos fängt nach Jahrtausende währender Reise die Warte das Sternenlicht ein.
Licht von Sternen, die es vielleicht in diesem Augenblick – jetzt – nicht mehr gibt.

„Und du? Was machst du da? Was sagst du dazu?“- „Ich? Ich lasse mich treiben auf der Insel des Jetzt. Ich bin – der Insulaner des Augenblicks. Ich bin treibender Sternenstaub, Flotsam des Glücks, Wellenreiter der Zeit. Und also bin ich – glücklich.“

Hier fehlt nichts. Hier fällt nichts. Hier geschieht eigentlich — nichts. Also ist es ein Augenblick des Glücks.

 Posted by at 20:18
Aug. 202019
 
Der Schulhof der Teltow-Grundschule, Aufnahme vom 20.08.2019

Nachdenklich, fast traurig stimmt mich die Betrachtung des neuen Zustandes, in den der Schulhof der Schöneberger Teltow-Grundschule versetzt worden ist. Wir erinnern uns: Der Schulhof dient eigentlich der unbeschwerten Nutzung durch die Kinder in den Pausen, doch war er stets allen anderen Bürgern als Durchgang freigegeben. Die Radfahrer durften nicht durchfahren, sondern mussten zum Schutz der herumtollenden Kinder absteigen. Der Autoverkehr war ganz ausgeschlossen.

Doch nur die wenigsten Radfahrer hielten sich an das Durchfahrverbot, die meisten fuhren durch, sehr zum lauten Missfallen der Kinder. Über mehr als zwei Jahre versuchte man alles, um die Herren und Damen Radfahrer zum Absteigen und Schieben zu bewegen: Lustige bunte Plastikmännchen wurden aufgestellt, Blumenkästen verwandelten die frühere Rennstrecke der Radfahrer in einen Hindernis-Parcours. Gelegentlich kontrollierten Mitarbeiter des Ordnungsamtes oder auch Polizisten und ermahnten die fahrenden Radfahrer. Nichts half.

Im Gegenteil: Die Kinder lernten auf dem Pausenhof Tag um Tag von den Erwachsenen, dass man sich nicht an Verkehrsregeln halten muss, dass die Erwachsenen das nicht einhalten, was sie den Kindern immer wieder predigen.

Ich meine: Schon hier in der kleinen Welt des Schulhofes funktioniert das Zusammenleben nicht so richtig. Achtsamer, schonender Umgang miteinander, Einhaltung der Regeln sind eine Grundvoraussetzung für das gemeinsame Wachsen und Gedeihen der Gesellschaft. Wenn bereits hier immer wieder Rücksichtslosigkeit vorgelebt wird, wie soll dann das große Ganze klappen? Hat es dann einen Sinn von Klimaschutz, von der „Rettung der Welt“, von der Solidarität mit den Schwachen (also in dem Fall mit den Kindern) zu reden?

Ich meine: nein! Das ganze scheppernde Gerede von der Rettung der Erde, von der Klimarettung, von der klimaneutralen Wirtschaft und was dergleichen hochtrabende Reden mehr sind, hat doch keinen Sinn, solange nicht Tag um Tag, Mensch für Mensch vorgelebt wird, dass es uns ernst ist mit dem, was lauthals vorgeplärrt wird über alle Kanäle!

Nun, jetzt ist der ehemalige gemeinsame Raum, der „Shared Space“, wo spielende Kinder, schiebende Radfahrer, erwachsene Spaziergänger schiedlich friedlich hätten miteinander auskommen können, in eine „Gated Community“, eine umzäunte Gemeinde umgewandelt worden. Zäune schützen jetzt die Kinder in einem umhegten Raum, ein letztes schmales Band wird für die Radfahrer an der Seite freigehalten, die zusätzlich durch mächtige, aufgerüstete Blumenkasten-Balken am Durchbrettern gehindert werden. Die Postbotin muss nunmehr ihren Hänger vom Fahrrad abkuppeln, um überhaupt durchzukommen.

So weit ist es also gekommen. Kein bucklicht Männlein winkt uns mehr zu. Dann braucht man aber auch nicht mehr von Rettung der Welt oder vom Erreichen des 2-Grad-Zieles zu sprechen. Was im Kleinen, im Schulhofmaßstab nicht funktioniert, wird auch im Großen, im globalen Maßstab nicht gelingen.

 Posted by at 21:16

Ultra voluntatem nullus civis germanicus obligetur in rebus oecologicis!

 Klimawandel, Latein, Ökologie, Schöneberg, Tagesschau  Kommentare deaktiviert für Ultra voluntatem nullus civis germanicus obligetur in rebus oecologicis!
Jan. 302019
 

„In der Ökologie werde kein Deutscher über seinen Willen hinaus zu irgend etwas verpflichtet!“ Die Berliner oder auch die Deutschen sind nicht bereit, freiwillig die verhängten Parkverbote einzuhalten und damit einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten. Die Hauptstraße in Schöneberg, die ich gelegentlich entlangradele, weist über einige Kilometer eine Busspur aus. Es geht darum, die verordnete 30-km/h-Höchstgeschwindigkeit in ihrer Wirkung auf die Luftqualität zu überprüfen und zugleich den Busverkehr als weniger luftbelastende Verkehrsform zu beschleunigen. Denkste, Pustekuchen, trotz ständiger Überwachung ist die Busspur ständig zugeparkt! Dieses Foto zeigt drei Fahrspuren der Schöneberger Hauptstraße: ganz rechts die wie üblich dauernd zugeparkte Busspur, in der Mitte die vorübergehend zugeparkte erste Fahrspur, ganz links die zweite Fahrspur, auf der sich wie so oft ein Stau gebildet hat.

http://www.abendblatt-berlin.de/2019/01/27/schoeneberg-abgeschleppt-auf-der-hauptstrasse/

Ich meine, es hat überhaupt keinen Sinn, irgendetwas zum Thema Klimaschutz oder Luftreinhaltung von uns deutschen Bürgern zu erwarten. Beweis: Die Starts und Landungen an deutschen Flughäfen nehmen seit 5 Jahren mit wachsenden Wachstumsraten zu.

https://www.tagesschau.de/inland/luftverkehr-107.html

Dabei ist nachgewiesen, dass der Flugverkehr unter allen vermeidbaren CO2-Quellen die größte Last an klimabeeinflussenden Abgasen emittiert! Ein einziger Mittelstreckenflug emittiert pro Passagier so viel CO2 wie ein kleiner PKW, der das ganze Jahr über genutzt wird.

Die Deutschen wollen mehrheitlich einfach keinen Klimaschutz, jedenfalls sind sie nicht bereit einen eigenen Beitrag zu leisten.

 Posted by at 21:38

Heroes not just for a birthday: David Bowie und Klaus Nomi in Schöneberg

 Heimat, Männlichkeit, Schöneberg, Singen, Unverhoffte Begegnung  Kommentare deaktiviert für Heroes not just for a birthday: David Bowie und Klaus Nomi in Schöneberg
Jan. 082019
 
Gedenktafel und Graffito an der Hauptstraße 155 in Schöneberg, aufgenommen heute

Boah, ist das heute ein unablässig prasselnder, galaktisch sprühender Nebelregen! Nach einem Friseurbesuch pilgere ich passend zu diesem nebelfeuchten spacigen Dunstschwadenwetter einen kurzen Abstecher zur Hauptstraße 155, zu dem Haus, in dem von 1976-78 David Bowie wohnte. Er wurde ja an einem 8. Januar geboren!

Die Immenstädter Autorin Barbara Frey führte mich kürzlich an diese Stelle, als sie auf Forschungsreise in Schöneberg vorbeikam und mich in das Leben und Schaffen Klaus Nomis einführte. Der außerhalb seiner Geburtsstadt sehr bekannte Countertenor Klaus Nomi, der in Immenstadt/Allgäu geboren wurde, in Berlin eine Gesangsausbildung durchlief und oft im Schöneberger Kleist-Casino auftrat, unter anderem mit der berühmten Arie der Dalila aus „Samson et Dalila“, war während seiner New Yorker Jahre (ab 1973) eine wesentliche Anregungsquelle für den 3 Jahre jüngeren David Bowie, der wesentliche Elemente von Nomis Bühnenerscheinung übernahm und produktiv weiterentwickelte. Insbesondere die Bühnenkostüme Nomis dürften maßgeblich die späteren Outfits von Bowie beeinflusst haben, wovon das oben zu sehende Graffito Zeugnis ablegt. Am 24. Januar 2019 veranstaltet das Literaturhaus Allgäu in Immenstadt mit Barbara Frey eine Soirée auf den Spuren Klaus Nomis.

David Bowie – 8.1.1947 London – 10.1.2016 New York City
Klaus Nomi – 24.1.1944 Immenstadt – 6.8.1983 New York

www.literaturhausallgaeu.de/Veranstaltung/literarische-soiree-out-of-immenstadt-klaus-nomi-24-jan-1944-6-aug-1983-2/?instance_id=94

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„Und so etwas soll ich singen? So etwas muten Sie mir zu?“

 Deutschstunde, Schöneberg, Singen, Vorbildlichkeit  Kommentare deaktiviert für „Und so etwas soll ich singen? So etwas muten Sie mir zu?“
Dez. 092018
 


Herrlicher, herzerwärmender Gastauftritt von Marlene Dietrich in einer der ersten Folgen von „Babylon Berlin!“ Allein schon wegen dieses trotzigen Aufbegehrens der großen deutschen Diseuse lohnt sich das Ansehen dieser prachtvollen Serie unbedingt! „Ja, damals!“ Damals hatten die deutschen Sängerinnen Mumm in den Knochen. Dietrichs Diktion war vorbildlich. Diese große deutsche Diseuse traf die Töne rein und klar und unverzerrt, auch ohne elektronische Implantate und Korrekturen, wie sie sich heute breitgemacht haben. Sie formte die Wörter der deutschen Sprache verständlich bis in die feinste Faser hinein. Ja, sie KONNTE noch GUTES DEUTSCH singen. Sie bot den Produzenten die Stirn. Sie widerstand!

Wie einigen anderen deutschen Sängern und Sängerinnen der leichten Muse heute auch noch (etwa der ebenfalls sehr sauber singenden Helene Fischer) schlug und schlägt ihr aus Teilen des Feuilletons dumpfe Ablehnung, stumpfe Ignoranz, ja roher Neid entgegen. Die Bilder mit der Aufschrift „Marlene go home“, zu sehen bei ihrer Rückkehr nach Berlin im Jahre 1960, sind ein beredtes Zeugnis dessen. Dennoch stammt sie von hier, sie gehört auch hierher nach Schöneberg!

Unser Bild zeigt einen Blick auf den Himmel über der heutigen Leberstraße, genau an der Stelle, wo Marlene Dietrich am 27.12.1901 das Licht der Welt erblickte! 280m entfernt von der Stelle, wo dieses hier jetzt niedergeschrieben wird.

 Posted by at 12:00

Das bucklicht Männlein

 Eigene Gedichte, Mobbing in der Schule, Schöneberg, Schulhofradler  Kommentare deaktiviert für Das bucklicht Männlein
Sep. 112018
 

 

 

 

 

 

Kam ich zu dem Schulhof hin
Wollte pfeilschnell rasen,
Sah ein bucklicht Männlein stehn,
Mit dem war nicht spaßen.

Fuhr ich durch den Schulhof hin,
ohne abzubiegen,
Sprach das bucklicht Männlein da:
Jetzt wird abgestiegen!

Wollt ich meinen Liebsten sehn,
Blieb ich einfach sitzen,
Sah das bucklicht Männlein stehn,
Sagt: Du sollst nicht flitzen.

Rasten wilde Kerls einher,
Mit Lärmen und mit Lachen,
Rief das bucklicht Männlein da:
Achtet auf die Schwachen!

Fuhr heut morgen ich vorbei,
Sah das Männlein liegen,
Beinchen zuckten hin und her,
Schnauft wie in letzten Zügen.

Da klagt mir das bucklicht Männlein:

Die Kinder haben sich beschwert,
Klagten weinend es zu mir.
Die Radler haben nicht gehört,
Stießen mich grob als ein Tier…!

So klagte des bucklicht Männlein.
Und weiter hab ich nichts gehört.

Lieber Radler, ach ich bitt,
Steig  ab fürs bucklicht Männlein mit!

 Posted by at 19:49