Apr 272024
 

„Als ich in dieser Eiseskälte und im Schnee an der Bushaltestelle stand und dich als Baby, eingewickelt in einer Decke, die nicht einmal dir gehörte, ganz fest an mich drückte, damit du nicht frierst, so viel zu klein und viel zu schwach, und dich so anschaute, da wusste ich, du wirst, solange du bei mir bist, sicher sein. Niemand wird dir weh tun, niemand wird dich verletzen. Du bist frei und kannst später dein Leben selbst gestalten, dafür werde ich alles geben. […]
Heute sehe ich dich und bin glücklich, weil aus den Gedanken damals im Schnee etwas Wahres geworden ist, und freue mich über dich, über deine Geschwister, über mein Leben mit euch und weiß, ich habe damals und heute das Richtige entschieden und bereue es keine Sekunde. Lerne jeden Tag etwas Neues, sei freundlich zu den Menschen, wenn sie auch freundlich zu dir sind – die unfreundlichen kannst du einfach ignorieren oder, wie ich es sonst mache, auch mal anschreien. Lass dir deine Freiheit nicht nehmen, entscheide richtig, und falsch darf es auch mal sein, dafür ist dieses Leben da. […]

Deine Mama“

Was ist das doch für eine wunderbare, überwältigende Liebeserklärung! So eine schöne Liebeserklärung habe ich gedruckt kaum je sonst in den letzten Wochen lesen dürfen. Dafür danke ich Latife Arab, der liebenden Frau und mutigen Mutter, die sich beherzt und unerschrocken gegen viele Widerstände und Hindernisse inmitten von unermesslichem Leid zu behaupten wusste.

Winterstürme wichen dem Wonnemond, die Liebe lockte den Lenz, Frühling zieht ein, die Nachtigallen singen mit süßem Sang im Naturpark Schöneberger Südgelände!

Zitatnachweis: Latife Arab: Vom Regen in die Traufe, in: Latife Arab: Ein Leben zählt nichts – als Frau im arabischen Clan. Eine Insiderin erzählt. Wilhelm Heyne Verlag, 3. Aufl., München 2024, S. 63-95, hier: S. 86-87

Bild: Frühling im Naturpark Schöneberger Südgelände, 27. April 2024

 Posted by at 18:29

Vom heilenden Blick eines Hundes

 Erosion des Staates, Freude, Liebe, Unverhoffte Begegnung  Kommentare deaktiviert für Vom heilenden Blick eines Hundes
Dez 132023
 

Unverhoffte Begegnung. Langsam setzt sich die S-Bahn in Bewegung. Draußen ziehen streifig die Häuser vorbei, an dunklen Fichtenästen schmelzen letzte Schneereste. Die gesperrte Fußgängerunterführung von Eichwalde wartet seit vielen Jahren auf den Fortgang der Bauarbeiten. Seit sechs Jahren wartet die ebenfalls gesperrte Fußgängerunterführung von Zeuthen auf den Fortgang der Bauarbeiten. Ich spreche eine Mitreisende an. Was ist da los? „Nicht einmal das klappt also in diesem Land!“ – An einer simplen Bahnunterführung scheitert schon die Planungs- und Handlungsfähigkeit der staatlichen Akteure. „Das stimmt mich höchst besorgt über den Zustand unserer Wirtschaft in Deutschland überhaupt“, erklärt mir die mitreisende Eichwalder Bürgerin, mit der ich angeregt in der S-Bahn plaudere. „Dass die Bahn es nicht schafft, unsere Bahnhöfe, die eigentlich Schmuckstücke sind – damals, im 19. Jahrhundert gebaut in wenigen Monaten! – oder sein könnten, in einigermaßen zugänglichem Zustand zu halten! Die Kioskbetreiber kämpfen um das nackte Überleben.“

Ich suche beim Heimfahren einen festen Halt in der Umgebung. Da – eine Frau mit Hund steigt ein. Der Hund legt sich unter die Bank mir gegenüber, betrachtet mich unverwandten Blicks. Ich merke auf: Die Augen dieses treuen Hundes strahlen etwas zutiefst Menschliches aus, dem kein noch so hartes Menschenherz widerstehen kann! Seine Herrin weiß und fühlt das. Sehen kann sie es nicht. Denn sie ist ja blind. Unverhofft strahlt mich dieses Wunder in der S46 an, irgendwo zwischen Eichwalde und Johannisthal. Und vertreibt alles Grämen und Barmen ob der Handlungs- und Planungsunfähigkeit staatlicher oder staatsnaher Akteure selbst bei kleinen Projekten.

Danke, du lieber Hund!

 Posted by at 22:46

Vom Wagnis des Übersetzens

 C.H.Beck, Griechisches, Liebe, Philosophie, Platon, Sprachenvielfalt  Kommentare deaktiviert für Vom Wagnis des Übersetzens
Sep 302023
 

δάκρυα μὲν Ἑκάβῃ τε καὶ Ἰλιάδεσσι γυναιξὶ
Μοῖραι ἐπέκλωσαν δή ποτε γεινομέναις
σοὶ δέ Δίων ῥέξαντι καλῶν ἐπινίκον ἔργων
δαίμονες εὐρείας ἐλπίδας ἐξέχεαν
κεῖσαι δ᾽ εὐρυχόρῳ ἐν πατρίδι τίμιος ἀστοῖς
ὦ ἐμὸν ἐκμήνας θυμὸν ἔρωτι Δίων

Tränen spannen der Hekabe und den Troerinnen
Moiren schon gleich bei der Zeugung zu;
Dir aber Dion, siegreich nach all deinen herrlichen Taten,
Dämonen verwirbelten weitflatternde Hoffnungen,
Ruhest du nun, geehrt von den Bürgern der Heimat,
Hast du mich rasend gemacht vor Liebe zu dir, Dion!

(Übersetzung aus dem Griechischen: Johannes Hampel)

„Nirgends im Dialogwerk gibt es eine Stelle, an der Platon mit so viel persönlicher Wärme von Sokrates reden würde wie er an den besprochenen Stellen von Dion spricht.“ Mit diesen Worten würdigt Thomas Alexander Szlezák die große, ein halbes Leben umspannende leidenschaftliche Liebe, die – nach allem, was wir den Zeugnissen insbesondere im Siebten Brief entnehmen dürfen – ein entscheidender Antrieb für die in tiefer Enttäuschung mündenden beiden sizilianischen Fahrten des Philosophen war. „Eine Frau hat in Platons Leben nie eine Rolle gespielt“, stellt Szlezák zutreffend fest, sehr wohl aber einige Männer, und unter diesen kam die schicksalhaft, ja dämonisch entscheidende Rolle wohl jenem Dion zu.

Am heutigen Hieronymustag, dem Internationalen Übersetzertag, versuche ich mich an einer neuen deutschen Übersetzung eines Gedichtes aus der Anthologia Graeca, das von alters her Platon zugeschrieben wird. Ich strebte danach, das Weh-Zerrissene, das Quälend-Unabgeschlossene dieser Liebesbeziehung zweier Männer schärfer, schroffer wiederzugeben als dies alle mir bekannten Übersetzungen in verschiedenen Sprachen bisher gewagt haben.

Quellen:
Anthologia Graeca VII.99, zitiert nach Codex Palatinus 23:

Epigram 7.99 — Anthologia Graeca

Thomas Alexander Szlezák: Platon und der Sturz der Tyrannis in Syrakus. In: ders., Platon. Meisterdenker der Antike. 2., durchgesehene Auflage, C.H.Beck, München 2021, S. 73-88, bsd. S. 86 und S. 84

Bild: Statue eines jungen Mannes (Kouros). Aufgefunden im Heiligtum des Apollon Ptoos, einer Orakelstätte im Nordosten Böotiens. Entstanden wohl etwa 520 v. Chr. Archäologisches Nationalmuseum Athen. Aufnahme des Verfassers vom 30.12.2019

 Posted by at 18:21

„Da l’odio proprio son le cose tute“. Ist Selbsthaß möglich?

 Augustinus, Dante, Liebe, Selbsthaß  Kommentare deaktiviert für „Da l’odio proprio son le cose tute“. Ist Selbsthaß möglich?
Mrz 252020
 
Aufwärts strebt der Baum, der Sonne entgegen; sie ist hier nicht sichtbar, aber sie IST; von ihr rührt alles pflanzliche Sein. Auch die Mistel hat ihre Berechtigung; sie ist nicht böse, ist kein Schädling, denn sie IST.

Am heutigen Dante-Tag, dem Dantedì, den eines meiner europäischen Vaterländer heute, am 25. März, zum ersten Mal ausgerufen hat, stolperte ich mehr oder minder zufällig im 17. Gesang des Purgatorio hinein in sechs Verse, in denen Dantes Vergil die Möglichkeit des Selbsthasses bestreitet:

Or, perché mai non può da la salute 
amor del suo subietto volger viso, 
da l’odio proprio son le cose tute;                                

e perché intender non si può diviso, 
e per sé stante, alcuno esser dal primo, 
da quello odiare ogne effetto è deciso.  

Streckfuß übersetzt die Stelle (V. 106-111) einigermaßen sinngetreu:

Nun, weil ob ihres Gegenstands sich freu’n
Die Liebe muß, an dessen Heil sich weiden,
Drum hat kein Ding den Selbsthaß je zu scheu’n!
Und weil kein Sein sich kann vom Ursein scheiden
Und ohne dieses für sich selbst bestehn,
Muß dies zu hassen jeder Trieb vermeiden.

In groben Umrissen ist der – mit Thomas von Aquin zu deutende – Gedankengang Dantes also folgender: Eine Art wohlwollende Befürwortung des Seins, ein Drang zueinander, in einem Wort: Liebe, deren letzter Ursprung Gott ist, treibt die Welt an, nur durch die Liebe hat alles Geschaffene Gestalt und Gehalt. Geschaffenes, das sich selbst hasst, sich selbst ablehnt oder verwirft, ist eine logische Unmöglichkeit, da eben alles Geschaffene aus der Liebe Gottes entspringt.

Muss man so denken, ist dies logisch zwingend?

Ricordatevi lettori, ihr seid unterrichtet, dass es über die Jahrtausende hin durchaus eine breite Spur an Denkern, Theologen, Psychologen und Sozialpsychologen gibt, die ganz im Gegensatz zu Thomas von Aquin und Dante dem Selbsthass, der Selbstverwerfung, der Selbstablehnung nicht nur die logische Möglichkeit, sondern sogar eine geradezu unvermeidliche Stufe des Selbstverhältnisses zuschreiben.

Aurelius Augustinus, Martin Luther, die Jesus-Worte in Lukas 14,26 oder auch Johannes 12,25 – (Belege sind reichlich in diesem Blog unter der Rubrik Selbsthaß angeführt) – fallen einem sofort in diesem Zusammenhang ein; auch der heute stark ausgeprägte, teilweise suizidale Selbsthass in Teilen der deutschen Kultur ist ein nicht wegzuleugnendes Phänomen, das der Erklärung bedarf!

Dante würde zweifellos gegenüber solchen erstarrten Selbstverwerfungen stets seine Idee der „Läuterung“, also der verwandelnden Erhellung des Seelendunkels in Anschlag bringen. Er würde nachweisen – und er erbringt ja auch den poetischen Beweis in seiner Commedia -, dass der Selbsthaß keinen Bestand hat. Der Hass, auch der Selbsthass, dessen Möglichkeit Dante bestreitet, ist eine vorübergehende Selbsttäuschung. Er schmilzt vor der Sonne weg. Das Seelendunkel wird sich aufhellen.

Nicht zufällig beginnt der 17. Gesang des Läuterungsberges mit einem grandiosen Chiaroscuro-Spiel, einem Ineinanderfließen von Verschattung, von maulwurfshaft verschlossenem, dunkel waberndem Sumpfhauch und mählich durchdringendem Sonnenlicht:

Ricorditi, lettor, se mai ne l’alpe 
ti colse nebbia per la qual vedessi 
non altrimenti che per pelle talpe,                               

come, quando i vapori umidi e spessi 
a diradar cominciansi, la spera 
del sol debilemente entra per essi;                               

e fia la tua imagine leggera 
in giugnere a veder com’io rividi 
lo sole in pria, che già nel corcar era.

Die Aufhellung dieser seelischen Verdunkelung, als die Dante den Hass wie jede Sünde begreift, ist das große Geschehen in diesem 17. Gesang. Mit diesem tröstlichen Gedanken beenden wir den heutigen Dantedì und erwarten das Chiaroscuro der nächtlichen Träume.

Quellentexte:

https://divinacommedia.weebly.com/purgatorio-canto-xvii.html

https://de.wikisource.org/wiki/Göttliche_Komödie_(Streckfuß_1876)/Purgatorio

 Posted by at 22:26
Jul 242017
 

Das Samaritergleichnis erschließt einen Nahbereich. Im Grunde, so Jesus, spielt sich das Leben des Menschen wesentlich im Umfeld der Nahen und der Nächsten ab.

Die moderne Welt der Medien, gerade die elektronischen Medien erschließen hingegen das Fernste. Der typische Vertreter dieser fernsten Dimension sind die Nachrichten.

„Wie kannst du noch ruhig schlafen angesichts des Übels in der Welt! Hast du denn nicht die Nachrichten gesehen? Und hast du denn schon vergessen, was in der Weltgeschichte alles an Schlimmem passiert ist? Kannst du denn die Millionen und Millionen von Toten vergessen, die wir Deutschen alle für alle Zeiten auf dem Gewissen haben, direkt oder indirekt? Grad DU ALS DEUTSCHER!“

Was hat Jesus auf derartiges Starren auf die Schrecken der Vergangenheit geantwortet, in dem ja wir Deutschen die unübertroffenen Weltmeister sind?

Er antwortet schroff und barsch: ἄφες τοὺς νεκροὺς θάψαι τοὺς ἑαυτῶν νεκρούς „Lass die Leichen doch ihre Leichen begraben“(Mt. 8,22). Tot ist tot. Widme dich den Lebenden. Die Lebenden sind wichtiger als die Toten, sie verlangen unsere ganze Aufmerksamkeit.

In ähnlichem Geist schrieb es Primo Levi am 27. Januar 1945 in sein Tagebuch, als er vor der Frage stand, ob er einen Toten bestatten oder eine Latrine leeren sollte:

Ci sono lavori più urgenti: non ci si può lavare. Bisogna vuotare la latrina. I vivi sono più esigenti. I morti possono attendere. 

Es gibt dringendere Arbeiten als die Totenbestattung. Man kann sich nicht waschen. Man muss die Latrine leeren. Die Lebenden sind anspruchsvoller. Die Toten können warten.

Saubere Abwasserentsorgung, eine Grundbedingung sicheren Trinkwassers, sicheren Lebens für alle Menschen, das war damals so und ist auch heute noch so. Über die Toten haben wir keine Gewalt.

Die sittlichen Lehren Jesu Christi richten sich stets an den einzelnen, nie an Staaten. Seine Trinitätslehre ruhte auf der Gottesbeziehung, der Beziehung des Menschen zum Menschen, der Beziehung des Menschen zum Selbst. Gottesliebe, Selbstliebe, Nächstenliebe, das ist seine Dreieinigkeit. Wenn Selbstliebe, Nächstenliebe und Gottesliebe im Lot sind – so Jesu Lehre – dann ist auch das Wohlergehen der Seele und des Leibes besorgt. Diese drei können auch Quelle von politischem Engagement werden, aber doch nur im übergreifenden Horizont dieser intimen Beziehung der Person zum eigenen Selbst, zum Nächsten und zu Gott. Der primäre Kampf richtet sich auf die Wahrheit der Person, nie auf die Wahrheit der Macht.

Politisches Handeln ist allenfalls ein Sekundärphänomen, niemals setzt der Kampf für eine bessere Welt bei der Welt an, sondern stets bei dem Kampf für eine liebevollere Beziehung zum eignen Selbst, zu Gott, zum Nächsten. Make yourself a better place for God, könnte das Motto lauten. Jesus war kein Weltverbesserer!

Christus hat es ausdrücklich abgelehnt, in den gewaltigen politischen Konflikten, die damals Palästina erschütterten, Stellung zu beziehen. „Gebt dem Caesar, was des Caesars ist, und Gott, was Gottes ist“, „mein Reich ist nicht von dieser Welt“, damit hat er im Grunde der Sphäre der Politik die höheren Weihen entzogen. Er tritt im Prozess vor Pilatus seinem Richter mit einem ungeheuren Selbst- und Gottesvertrauen entgegen. Er duzt ihn ohne Titelangabe, er wirft sich nicht in den Staub vor der Autorität des Kaisers, er führt ein Gespräch auf Augenhöhe. Er respektiert ihn wie jeden anderen Menschen auch, aber er dient sich ihm nicht an, er unterwirft sich ihm nicht.

Und er nimmt aus der aufgeheizten politisch-religiösen Diskussion seiner Zeit den Dampf raus.

Und so meine ich, man sollte den erstickenden moralisch-metaphysischen Dampf aus den politischen Debatten nehmen. Politische Fragen sind, so meine ich, zunächst einmal praktische, nicht ideologische Fragen. Jede politische Betrachtung ist eine Betrachtung dessen, was in einem Staat, also im politischen Nahbereich der Fall ist.

Danach sollten wir fragen: Und? Sind wir damit zufrieden, wie es bei uns ausschaut? Können wir es dabei belassen? Oder wollen wir es ändern?  Falls ja: Können wir es überhaupt ändern? Oder muss der Anstoß zur Änderung in anderen Staaten von diesen anderen Staaten, von diesen anderen Menschen erfolgen? Sollen wir Europäer das Leben der Amerikaner und der Asiaten verbessern? Sie lehren, sie bekehren? Sollen wir Europäer das Leben der Afrikaner verbessern? Sie lehren, sie bekehren? Haben wir Europäer von heute für die Amerikaner eine fundamentale Verantwortung? Für die Afrikaner von heute?

Quellen:

Mt 8,22; Mk 12,17; Joh 18-20 passim
Primo Levi: Se questo è un uomo. La tregua. Einaudi tascabili, Turin 1989, Seite 153

 

 

 Posted by at 19:25

Das Kind zu mir die Äuglein wandt, oder: Gemeinsames Staunen!

 Liebe, Weihnacht  Kommentare deaktiviert für Das Kind zu mir die Äuglein wandt, oder: Gemeinsames Staunen!
Dez 252016
 
Vor wenigen Tagen saß ich doch mit zwei Freunden und einem 1-jährigen Baby beim Mittagessen im Schöneberger Ratskeller. Schweres Eichengestühl umrahmte uns. Hunderte bis auf den letzten Tropfen geleerte Flaschen Moët & Chandon  empfangen den Eintretenden im Ratskeller, aufgereiht als Zeugnisse einer bedeutenden Trink- und Festkultur. Ein geschäftiges Kommen und Gehen herrschte. Hier, auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses, hielt Kennedy seine berühmte Rede mit dem Satz: „Ich bin ein Berliner!“ Und wir? Wir waren keine Ratsherren, aber wir saßen im Ratskeller als unbedeutende Fußnoten der Weltgeschichte.
Und da griff die Kleine in ihrem Kinderwagen nach einer herabhängenden Kordel, lachte und sprühte uns mit ihrem Blick an: „Schaut her, was ich kann, ich kann schon eine Schnur anfassen!“
Staunen ergriff uns. Wie gut Elisabeth das machte! Das machte mich glücklich. Unser Staunen-Können erfreute mich. Es war mir, als sähen wir das zum ersten Mal. Staunen scheint mit diesem Gefühl des Als-ob des Zum-ersten-Mal-Sehens zu tun zu haben.
Nun könnte man sagen: Was liegt am Staunen! Hier, auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses, hielt Kennedy am 26.06.1963 seine berühmte Rede. Was liegt demgegenüber am Lachen eines Kindes! Hier ertönt die Freiheitsglocke, die größte und wuchtigste profane Glocke Berlins. Und du redest vom Lächeln eines Kindes!
Kann das jetzige Lächeln eines Kindes bedeutender sein als die vergangene Weltgeschichte, als die Rede eines Kennedy von 1963, als hundert leere Flaschen Sekt? Ja, das kann so sein. Das ist so!  Davon reden wir, davon singen wir, davon sangen wir soeben, zweihundert Meter von der Schöneberger Freiheitsglocke entfernt. Ein kindhaft einfaches Lied ertönte soeben:
Das Kind zu mir die Äuglein wandt /
mein Herz gab ich in seine Hand.
So dichtete ein unbekannter Lieddichter in einem Lied, das zuerst 1621 in Köln unter dem Titel „Als ich bei meinen Schafen wacht“ bezeugt ist. Ich sang es soeben in der Christmette in St. Norbert mit, einen Steinwurf vom Schöneberger Rathaus entfernt.
Ich gehöre zu jenen, die das Staunen, das Sich-Wundern stärken wollen. Ich bin gegen die rabiate Entzauberung als Selbstzweck, gegen das hemmungslose Lüften des Schleiers der Maya. Die Welt ist staunenswert, das Du ist staunenswert, das Lächeln ist staunenswert. Staunen über das Geheimnisvolle zu teilen, stiftet Gemeinschaft.
Und somit wünsche ich Euch allen Frohe Weihnachten! Vor allem aber wünsche ich: Gemeinsames Staunen!
Bild: das Schöneberger Rathaus, heute nach dem Weihnachtssingen. Hier hielt Kennedy am 23.06.1963 seine berühmte Rede.
 Posted by at 01:19

Halkyonische Tage: una semana de oro (2)

 Antiker Form sich nähernd, Eigene Gedichte, Liebe, Sprachenvielfalt  Kommentare deaktiviert für Halkyonische Tage: una semana de oro (2)
Jul 072016
 

20160707_055812

 

 

 

 

 

Halkyonische Tage! Sanfte Wollust des Daseins!
Betrachte die weitgeöffneten Blüten,
Höre hinein in den Hörnerschall,
vertraue dich an dem Bach der Bilder!

Glutkern des Sommers, grüne Symphonie,
Genieße das Reiben der Zikadenflügel,
Koste aus die Reibungen der Dissonanzen
In Mozarts köchelndem Andante.

Schmatze die Lasagne in dich hinein,
Sauge am Sellerie, koste die Karotte,
Schenk nach den roten Wein,
Pack Backblech in Klappkorb,

Tritt in die Pedale, fahr hin und her,
Zwischen Kreuzberg und Schöneberg,
Nimm das Kreuz an vor jeder Note,
So schön es ist! Und so gut, so wahr uns…

 

 

 

 Posted by at 06:17

Col fuoco dell’amare: una semana de oro (1)

 Liebe, Sprachenvielfalt  Kommentare deaktiviert für Col fuoco dell’amare: una semana de oro (1)
Jul 032016
 

20160630_205825

Reiche, goldene Ernte brachte die vergangene Woche. In leichter Abwandlung des Namens „Fuocammare“ geben wir ihr heute, am ersten Tag der neuen Woche den Titel: Col fuoco dell’amare. Eingeläutet am Montag durch das Totenglöcklein für Carlo. Mein Sohn Ivan überbrachte mir die Nachricht am Vorabend des eigenen Geburtstages. Ich war nicht überrascht. Es war angekündigt von ihm selbst. Nun, … so hatte Carlo es geschafft, er hatte ein Kapitel abgeschlossen, und er betrat das nächste Kapitel, bei dem wir ihm nicht mehr zuschauen können. Was er darüber schreiben oder denken mag, werden wir nicht mehr in eine der ca. 6000 Menschensprachen übersetzen können. Nein, dort schreiben sie nicht, dort sprechen  sie von Angesicht zu Angesicht. Ora vediamo come in uno specchio, in maniera confusa, ma allora… Addio, stammi bene, Carlo! (Occhio alla lingua!) Seien wir dankbar dafür, dass wir ihn erleben durften!

Das Kunstwerk Fuocammare, das ja zu recht den Goldenen Bären, den Orso d’oro bekommen hat, sahen wir den Abend drauf. Einen kurzen tosenden Gewehrschuss entfernt vom Weltkriegsbunker, wo heute die DAV-Kletterer die unzerstörbaren Außenmauern hochklimmen, huschten tausende und abertausende Menschen vor unseren Pupillen. Im flackernden Licht der Scheinwerfer, mit klagender Stimme die letzte Position eines sinkenden Schiffes durchgebend: Hilferufe, hörende Herzen, abgehörte Zwillingsherzen, Ultraschallaufnahmen des vergehenden und des werdenden Lebens. „What is your position? Give us your position!“

„Aver aiutato queste persone ci rende felici“, die am Menschen geleistete Hilfe macht uns glücklich, so fasst es der Dr. Bartolo zusammen.  Werden alle Schiffbrüchigen von Lampedusa überleben? Nein, aber einige werden dank der Hilfe des Dottor Bartolo überleben, leben, besser leben. Und das ist mehr wert alles Geld und alles Gold. (Und doch: die Jungs werden weiter mit Gewehren spielen, der uralt-alte Wunsch zu herrschen über das Leben, zu töten und zu verletzen, wird nicht verschwinden.)

Mhhh…, by the way: What is your position?

Bild: Goldener Widerschein der Abendsonne. Bankgebäude in Friedrichshain-Kreuzberg, am Abend des 30. Juni 2016

 

 Posted by at 10:02

Die etwas andere Logik

 Jesus Christus, Liebe, Samariter, Wanderungen  Kommentare deaktiviert für Die etwas andere Logik
Mai 152016
 

20160514_192826

„Lo spirito divino c’è in ogni uomo.“ Auf einer Wanderung durch das Brembana-Tal schneiten wir in die Pfarrkirche von Olmo al Brembo hinein. Thema der Predigt zu Pfingsten, aus der dieser Satz stammt: Was ist das Größte, was hält uns zusammen? Das Geld, der Euro, die EZB, die Logik des Kapitals?

Es scheint etwas Größeres als die Logik des Kapitals zu geben. La logica dell’amore per l’uomo, die Logik der Liebe zum Menschen, so möchte ich glauben. Nicht das Geld verdient Hingabe, Verehrung, Achtgabe, sondern der Mensch. Dieser hier, der nächste, so möchte ich annehmen.

Bilder: oben ein Hinweis auf das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter, Lukas 10,25-37. Gesehen an der Pfarrkirche St. Martin in Piazza Brembana. Unten ein Blick von der Pfarrkirche St. Anton in Olmo al Brembo in Richtung auf die Berge  Monte Saetta (1597 m) und Corna Rossa (1319 m)20160515_111528

 Posted by at 21:45

„Ist das wirklich so?“ oder „Glaubst du das wirklich?“

 Geld, Karl Marx, Liebe  Kommentare deaktiviert für „Ist das wirklich so?“ oder „Glaubst du das wirklich?“
Mai 112016
 

20160505_142712[1]

„Heute haben wir es mit einer Form des Kapitalismus zu tun, der zum ersten Mal in der Geschichte kein Außen mehr hat, weder in der Weltgesellschaft noch im Inneren der sozialen Zusammenhänge. Die Kapitallogik dringt buchstäblich in alle Poren des menschlichen Lebens ein;  das Sprach- und Symbolspektrum rankt sich um wirtschaftliches Handeln, obwohl wir den Traum der Beseitigung der Mangelökonomie längst ausgeträumt haben.“

Das sind sehr markante Sätze, getragen vom Pathos des Leidens an den Verhältnissen, so wie sie nun einmal sind oder zu sein scheinen!

Wer mag diese wuchtigen Sätze im Januar 2004 zu Hannover in den Boden gerammt oder vielmehr auf das Papier gestochen haben? Sind oder waren wir Menschen damals, im Januar 2004, sind wir heute, im Mai 2016, wirklich alle, alle nur ein bloßes Anhängsel der Warenproduktion, eine verzichtbare Zutat zu seiner überragenden Majestät, dem Kapital? Oder können wir uns entscheiden, nicht mehr mitzuspielen?

Der Mensch – ein Anhängsel des Kapitals? Ist das wirklich so? Glaubst du das denn wirklich, mein lieber Freund? Teilst du diese Ansicht? Ist dem wirklich so?

Meine höchstpersönliche Meinung — ich mag mich irren, dennoch sage ich: Nein, ich teile diese Ansicht nicht. Ich glaube schlechterdings nicht, dass die Kapitallogik in alle Poren des menschlichen Lebens eindringt. Auch im Januar 2004 war dies nicht so. Und im November 1837, als Karl Marx einen langen Brief an seinen Vater schrieb, war es ebenfalls nicht so. Ich halte diesen Glauben Oskar Negts an die absolute Majestät des Kapitals für eine irrige Ansicht. Oskar Negts tiefer Glaube, seine felsenfeste Überzeugung von der alle Poren durchdringenden Macht des Kapitals entspricht auch in unseren Zeiten von ESM, EZB, Maastricht-Kriterien, Basel III, OMT und Targetsalden nicht meinem Glauben.

Wichtiger als die Logik des Kapitals ist, so glaube ich, der Glaube an etwas anderes.

Was denn? Doch nicht etwa das, jenes Gefühl, das Karl Marx am 10. November 1837 in Berlin als ewig wirkende Kraft gegenüber seinem Vater bekannte?

Darüber wollen wir demnächst nachdenken! Vorerst rate ich Dir und bitte ich Dich, das schmale Bändchen mit dem Frühschriften von Karl Marx von der ersten bis zur letzten Seite sorgfältig durchzuarbeiten.

Zitatnachweis:

Oskar Negt: Zum Geleit, in: Karl Marx: Die Frühschriften. Herausgegeben von Siegfried Landshut. 7. Auflage. Neu eingerichtet von Oliver Heins und Richard Sperl. Geleitwort von Oskar Negt. Stuttgart: Kröner 2004 [Kröners Taschenausgabe; Band 209] S. 7-19, hier bsd. S. 18-19

Karl Marx‘ Brief an seinen Vater vom 10. November 1837, in: Karl Marx: Die Frühschriften. Herausgegeben von Siegfried Landshut. 7. Auflage. Neu eingerichtet von Oliver Heins und Richard Sperl. Geleitwort von Oskar Negt. Stuttgart: Kröner 2004 [Kröners Taschenausgabe; Band 209] S. 69-79, hier bsd. S. 79

Bild:
Ein Baum in einem Rapsfeld in den Coswiger Elbauen bei Lutherstadt Wittenberg. Aufnahme vom Vatertag, 5. Mai 2016

 Posted by at 16:20

ἀγάπη. Achthabe. Eine deutende Verteutschung

 Liebe, Novum Testamentum graece, Tugend  Kommentare deaktiviert für ἀγάπη. Achthabe. Eine deutende Verteutschung
Mai 092016
 

Ἐὰν ταῖς γλώσσαις τῶν ἀνθρώπων λαλῶ καὶ τῶν ἀγγέλων, ἀγάπην δὲ μὴ ἔχω, γέγονα χαλκὸς ἠχῶν ἢ κύμβαλον ἀλαλάζον …

Achtgabe, Achthabe, so meinen wir das Wort ἀγάπη (Agape) im griechisch verfassten Hohenlied der Liebe (1. Kor 13) am lautähnlichsten und am sinnesähnlichsten aus dem Griechischen ins Deutsche verdolmetschen zu dürfen.

Es ist ja eine Habe, denn Paulus verknüpft Agape ausdrücklich und mehrfach mit dem griechischen Wort ἔχω (echo)  – also haben. Sie, die Agape, ist aber auch eine Gabe, denn Paulus spricht in diesem Zusammenhang – sowohl vor wie nach dem 13. Kapitel – von den Gaben, die es einzusetzen gelte. Gaben, die sich nicht erzwingen lassen. Sie, diese Habe, ist gewissermaßen ein Echo der Gabe, die man nicht aus sich selbst hat, sondern von dem Anderen empfängt. Sie ist wie eine stehende Acht, deren Kurven sich ineinander verschlingen. In der Mathematik wiederum ist die ruhende, die liegende Acht das Zeichen der Unendlichkeit.

Aus diesem Grunde sagt Paulus dieser Habe, also dieser Gabe die Unendlichkeit im zeitlichen Verlauf zu. Sie, die Achtgabe und die Achthabe überdauert alles. Sie ist größer als alles andere.

 Posted by at 11:16

Und wir scheinen uns nur halb beseelet: Von der absoluten Modernität bei Paulus 1 Kor 13

 Liebe, Novum Testamentum graece, Singen, Unverhoffte Begegnung  Kommentare deaktiviert für Und wir scheinen uns nur halb beseelet: Von der absoluten Modernität bei Paulus 1 Kor 13
Feb 052016
 

Das Liedhafte, Sangliche an dem Hohenlied der Liebe tritt bei näherem Versenken immer deutlicher hervor. Das bloße Lesen, das Vorlesen kann nicht mehr genügen. Erst im Singen reichert sich der Sinn an, wird der Sinn hineingelegt, der wohl auch hingeschrieben ist ohne sichtbar zu sein.

Nach und nach formen sich Tonfolgen. Monodisch, pentatonisch, Geröll der Jahrtausende, zurück treibt es uns hinter Gregor den Großen, ostwärts zurück hinter Ambrosius von Mailand! 1 Kor 13 ist bahnbrechend in seiner absoluten Modernität, es ist ein Lobpreis, bei dem das Mitgemeinte, der Mitgemeinte nur herauszuhören ist, aber nie genannt wird. Weder Gott wird genannt noch Jesus Christus, es werden keine Bilder der vielen Himmel ausgemalt wie etwa im oberschwäbischen Barock der Kirchen in Diessen, Weingarten, Steingaden. Es wird keine psychoanalytische Traumdeutung geboten, keine Trinitätslehre rettet das Ich.

Es fehlt in 1 Kor 13 der Tod, es fehlt hier der Teufel. Dafür finden wir jede Menge Zweifel, jede Menge Verzagtheit, Tasten durch einen Tunnel des Bewusstseins. Nihilismus, Verschwinden des Sinnhorizontes. Anonymität der Nachfolge.

„Und wir scheinen uns nur halb beseelet
Dämmernd ist um uns der hellste Tag!“

„Unsrer Liebe, unserem Erdenglücke
Wähnend selig nimmer hinzutraun!“

Ungefähr so schrieb es Goethe am 14.04.1776 in seinem Gedicht „Warum gabst du uns die Tiefen“, unlösbar änigmatisch beim rationalen Auflösen und Auflesen wie der Hymnus des Paulus unlösbar änigmatisch bleiben muss im bloßen Verharren im Nun und Itzt. Die Grundstimmung ist eine ähnliche.

Der Gesang im griechisch-orthodoxen Ritus bietet einen Abklang dieser abgründigen Suche nach Halt in der Haltlosigkeit. Anrufen, Anschreien, Hervorrufen!

Etwa ab Minute 02:40 kann man hier 1 Kor 13, den Hochgesang der Liebe des Apostels Paulus, im griechischen Text nachhören:

 Posted by at 22:31

… ktoś kaszle, płacze, ktoś złorzeczy – Was bleibt von der gerühmten Hochkultur?

 Eigene Gedichte, Europäisches Lesebuch, Husten, Leitkulturen, Liebe, Polen  Kommentare deaktiviert für … ktoś kaszle, płacze, ktoś złorzeczy – Was bleibt von der gerühmten Hochkultur?
Jan 172016
 

Beatrice:
„Ktoś kaszle, płacze, ktoś złorzeczy!“
Und nun, Kulturmensch, o du Freund höherer Kultur, du geschworener Europäer!
Hörst es nicht:
Da weint jemand, da hustet jemand, da flucht jemand!
Und, Wandrer, eingefleischter Europäer,
was bleibt nachert von aichener herrlichen Hochkultur?

Der Wandrer:
Sprich mir nicht von höherer Kultur und höherer Bildung!
Auch wenn ich alle Verse Dantes und Goethes auswendig könnte,
auch wenn ich jeden Tag einen Festtag mit Mickiewicz und Miłosz zusammen feierte,
und wenn ich jubelte jeden Tag
mit Johann Sebastian Bachs Ciacona und mit il Davide di Michelangelo,
und hörte es aber nicht,
wie nebenan jemand hustet und auf den Husten flucht,
wie nebenan jemand weint,
und wenn ich unsern kranken Nachbar auch nicht besuchte,
so wäre ich nur ein Haufen Wisssen,
sarei un’accozzaglia di regole,
una farragine della cultura e del sapere,
ich wäre Gerümpel, Geröll, ein Gelump europäischer Regeln,
ineinandergefahren, rettungslos, echolos.

 Posted by at 14:43