Mrz 292020
 
Weiter, immer weiter führt der geheinmisvolle Weg. Was hinter der Ecke wartet, wissen wir nicht.

τί δειλοί ἐστε οὕτω; πῶς οὐκ ἔχετε πίστιν; “Was seid ihr so feige?”, “warum seid ihr so feige?”, so der sichtlich ungehaltene Jesus in jener hübschen Begebenheit, welche uns Matthäus, Markus und Lukas in gleichen Grundzügen, obschon mit einigen Abwandlungen berichten.

Übersetzen wir zunächst einmal die Stelle aus den griechischen Textzeugen für Mk 4,24-41 heraus, wie sie uns die Handausgabe des Novum Testamentum Graece in der 28. Aufl. (Stuttgart 2012) bietet. Wir lesen da:

Als es an diesem Tag Abend geworden war, sagte er zu ihnen: Fahren wir hinüber! Sie schickten die Menschenmenge fort und fuhren ihn weg in dem Boot, in dem er war; und andere Boote waren auch dabei. Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm und die Wellen schlugen in das Boot, sodass es schon vollzulaufen begann. Er lag hinten im Boot an der Kopfstütze und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Lehrer, geht es dich nichts an, dass wir zugrunde gehen? Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein. Da sagte er zu ihnen: Warum seid ihr so feige? Habt ihr denn kein Vertrauen? Da packte sie große Angst und sie sagten zueinander: Wer ist denn dieser, dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?

τί δειλοί ἐστε οὕτω; “Warum seid ihr so feige?” Keine der heute üblichen deutschen Übersetzungen gibt dieses bestens bezeugte, von Homer bis zum heutigen Griechischen in den Jahrhunderten und Jahrtausenden vielfach belegte Adjektiv δειλός in seiner gängigen Bedeutung “feige, jämmerlich, nichtswürdig” wieder. Das ist schade, geht doch die Pointe der Erzählung vom Sturm auf dem See damit verloren.

Denn der Vorwurf der Feigheit ist einer der schlimmsten, der gegen die Männer der Alten Welt im griechischen Sprachraum erhoben werden konnte. Bereits Achilles verwahrt sich mit zornigen Worten gegenüber Agamemnon gegen dessen unbillige Zumutungen, indem er genau dieses häufig verwendete Schimpfwort δειλός als Ausdruck besonderer Verächtlichkeit anführt (Homer Ilias, I, 293-294):

ἦ γάρ κεν δειλός τε καὶ οὐτιδανὸς καλεοίμην
εἰ δὴ σοὶ πᾶν ἔργον ὑπείξομαι ὅττί κεν εἴπῃς·

Ein Feigling und Nichtsnutz müsste ich heißen,
wenn ich dir nachgäb in allem, was du verlangst!

Wie so oft hat Jesus in dieser Lage heftige, schroffe Worte gewählt, die an Beleidigungen grenzen. Man geht nicht fehl, wenn man sagt: Er schimpft seine Schüler aus.

Der Vorwurf der Feigheit, den der jüdische Lehrer seinen Schülern entgegenschleudert, könnte darauf hinweisen, dass er die Lage auf dem See anders eingeschätzt hat als alle anderen. Der Schiffsuntergang war wohl objektiv Ausgeburt einer deutlich übertriebenen Furcht. Offensichtlich hatte sich unnötige Panik an Bord ausgebreitet, eine Art epidemische Angst, wie man sie in Gesellschaften der alten und der heutigen Zeiten immer wieder erlebt. Jesus, der ein überragendes Sensorium für kollektive Hysterien hatte, scheint ein Gespür dafür gehabt zu haben, dass die Wetterlage nicht so schlimm war, dass er seinen Schlaf hätte unterbrechen müssen. Er wollte offenkundig in Seelenruhe weiterschlafen und fühlte sich grob aus dem Schlaf gerissen. Deshalb auch seine unwirsche, kurz angebundene Ansprache an Wind, Wasser, Mensch.

In einem beeindruckenden Auftritt hat Papst Franziskus am vergangenen Freitag auf dem Petersplatz genau diese Stelle nach dem Evangelium des Markus gewählt, um seine Gedanken über die angstbeherrschte Lage, in der die Menschheit sich befindet, darzulegen.

Die Seelenruhe Jesu mag auch heute in heutigen hektischen Zeiten, wo allerorten in allen Kanälen mediale und soziale Schiffsuntergänge beschworen werden, als Aufruf zu mehr Gelassenheit, zu mehr Vertrauen verstanden werden.

Der Tag ist noch nicht zu Ende. Wir sind nicht am Ende! Es gibt Gefahren. Es hat sie immer gegeben. Ja. Aber wir werden nicht zu Grunde gehen. Die Schiffsuntergangspropheten haben nicht recht.

Übersetzungen aus dem Griechischen des Homer und des Evangelisten Markus durch den hier Schreibenden.

Belege:
Nestle-Aland. Novum Testamentum graece. 28., revidierte Auflage, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2012, S. 118 (Mc 4,35-41)

Der griechische Text in der griechisch-orthodoxen Fassung:

www.apostoliki-diakonia.gr/bible/bible.asp?contents=new_testament/contents_markou.asp&main=markou&file=1.2.4.htm

https://www.gottwein.de/Grie/hom/il01.php

https://www.vaticannews.va/it/papa/news/2020-03/preghiera-papa-francesco-coronavirus-adorazione-indulgenza.html

H. Hionides: Pocket Dictionary English-Greek, Greek-English, Atlantis, Athens o.J. Lemma δειλός

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Mrz 252020
 
Aufwärts strebt der Baum, der Sonne entgegen; sie ist hier nicht sichtbar, aber sie IST; von ihr rührt alles pflanzliche Sein. Auch die Mistel hat ihre Berechtigung; sie ist nicht böse, ist kein Schädling, denn sie IST.

Am heutigen Dante-Tag, dem Dantedì, den eines meiner europäischen Vaterländer heute, am 25. März, zum ersten Mal ausgerufen hat, stolperte ich mehr oder minder zufällig im 17. Gesang des Purgatorio hinein in sechs Verse, in denen Dantes Vergil die Möglichkeit des Selbsthasses bestreitet:

Or, perché mai non può da la salute 
amor del suo subietto volger viso, 
da l’odio proprio son le cose tute;                                

e perché intender non si può diviso, 
e per sé stante, alcuno esser dal primo, 
da quello odiare ogne effetto è deciso.  

Streckfuß übersetzt die Stelle (V. 106-111) einigermaßen sinngetreu:

Nun, weil ob ihres Gegenstands sich freu’n
Die Liebe muß, an dessen Heil sich weiden,
Drum hat kein Ding den Selbsthaß je zu scheu’n!
Und weil kein Sein sich kann vom Ursein scheiden
Und ohne dieses für sich selbst bestehn,
Muß dies zu hassen jeder Trieb vermeiden.

In groben Umrissen ist der – mit Thomas von Aquin zu deutende – Gedankengang Dantes also folgender: Eine Art wohlwollende Befürwortung des Seins, ein Drang zueinander, in einem Wort: Liebe, deren letzter Ursprung Gott ist, treibt die Welt an, nur durch die Liebe hat alles Geschaffene Gestalt und Gehalt. Geschaffenes, das sich selbst hasst, sich selbst ablehnt oder verwirft, ist eine logische Unmöglichkeit, da eben alles Geschaffene aus der Liebe Gottes entspringt.

Muss man so denken, ist dies logisch zwingend?

Ridordatevi lettori, ihr seid unterrichtet, dass es über die Jahrtausende hin durchaus eine breite Spur an Denkern, Theologen, Psychologen und Sozialpsychologen gibt, die ganz im Gegensatz zu Thomas von Aquin und Dante dem Selbsthass, der Selbstverwerfung, der Selbstablehnung nicht nur die logische Möglichkeit, sondern sogar eine geradezu unvermeidliche Stufe des Selbstverhältnisses zuschreiben.

Aurelius Augustinus, Martin Luther, die Jesus-Worte in Lukas 14,26 oder auch Johannes 12,25 – (Belege sind reichlich in diesem Blog unter der Rubrik Selbsthaß angeführt) – fallen einem sofort in diesem Zusammenhang ein; auch der heute stark ausgeprägte, teilweise suizidale Selbsthass in Teilen der deutschen Kultur ist ein nicht wegzuleugnendes Phänomen, das der Erklärung bedarf!

Dante würde zweifellos gegenüber solchen erstarrten Selbstverwerfungen stets seine Idee der “Läuterung”, also der verwandelnden Erhellung des Seelendunkels in Anschlag bringen. Er würde nachweisen – und er erbringt ja auch den poetischen Beweis in seiner Commedia -, dass der Selbsthaß keinen Bestand hat. Der Hass, auch der Selbsthass, dessen Möglichkeit Dante bestreitet, ist eine vorübergehende Selbsttäuschung. Er schmilzt vor der Sonne weg. Das Seelendunkel wird sich aufhellen.

Nicht zufällig beginnt der 17. Gesang des Läuterungsberges mit einem grandiosen Chiaroscuro-Spiel, einem Ineinanderfließen von Verschattung, von maulwurfshaft verschlossenem, dunkel waberndem Sumpfhauch und mählich durchdringendem Sonnenlicht:

Ricorditi, lettor, se mai ne l’alpe 
ti colse nebbia per la qual vedessi 
non altrimenti che per pelle talpe,                               

come, quando i vapori umidi e spessi 
a diradar cominciansi, la spera 
del sol debilemente entra per essi;                               

e fia la tua imagine leggera 
in giugnere a veder com’io rividi 
lo sole in pria, che già nel corcar era.

Die Aufhellung dieser seelischen Verdunkelung, als die Dante den Hass wie jede Sünde begreift, ist das große Geschehen in diesem 17. Gesang. Mit diesem tröstlichen Gedanken beenden wir den heutigen Dantedì und erwarten das Chiaroscuro der nächtlichen Träume.

Quellentexte:

https://divinacommedia.weebly.com/purgatorio-canto-xvii.html

https://de.wikisource.org/wiki/Göttliche_Komödie_(Streckfuß_1876)/Purgatorio

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Mrz 242020
 
Flash mob sonoro a Schöneberg

Due giorni fa, domenica 22 Marzo 2020, alle ore 18:00, tutta la Germania si è unita agli altri paesi europei, ed in particolare all’Italia, per dare vita ad un flash mob canoro contro l’emergenza che ci costringe a rintanarci in casa per evitare nuovi contagi, causati dal coronavirus. 

L’idea è partita da alcuni gruppi social, e così di chat in chat è diventata una vera e propria iniziativa! Da notare che i musicisti tedeschi hanno scelto l’Inno alla gioia, quella straordinaria poesia di Friedrich Schiller pubblicata sulla rivista Thalia, in cui viene celebrata la grande solidarietà tra tutti gli esseri viventi e morti, la Sympathie ovvero simpatia, cioè la capacità umana di soffrire e di gioire insieme!

Non dimentichiamoci che il famoso inno di Schiller – che servirà da ispirazione al quarto movimento della nona sinfonia di Beethoven – ci riconcilia anche con le sofferenze inutili, con le malattie atroci, con le ingiustizie sociali ed infine con la morte:

Eine heitre Abschiedstunde!
Süßen Schlaf im Leichentuch!
Brüder – einen sanften Spruch
Aus des Totenrichters Munde!

Riferimenti bibliografici:
Friedrich Schiller: An die Freude. In: Friedrich Schiller, Sämtliche Werke. Band I. Gedichte. Dramen I. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt, 8. Aufl. 1987, S. 133-136

Ludwig van Beethoven: Finale. Presto. In: Symphonie No. 9. Edited by Richard Clarke. Ernst Eulenburg Ltd, 1987, S. 167-295

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Mrz 222020
 
“Reiß mich, ein Feuermeer mir im schäumenden Aug, in der Hölle nächtliches Tor”. Am Alten St.-Matthäus-Kirchhof, Monumentenstraße, Berlin-Schöneberg

Am 22. März 1832 starb Goethe, also heute vor 188 Jahren. Anlass, sich seine Vorstellung des eigenen Sterbens vor Augen zu führen, wie er es im Alter von 25 Jahren in seinem Gedicht “An Schwager Kronos” zu Papier brachte. Dort heißt es am Ende:

Ab denn frischer hinab
Sieh die Sonne sinkt!
Eh sie sinkt, eh mich faßt
Greisen im Moore Nebelduft,
Entzahnte Kiefer schnattern
Und das schlockernde Gebein.

Trunknen vom letzten Strahl
Reiß mich, ein Feuermeer
Mir im schäumenden Aug,
Mich geblendeten Taumelnden
In der Hölle nächtliches Tor.

Töne Schwager dein Horn,
Raßle den schallenden Trab
Daß der Orkus vernehme: ein Fürst kommt,
Drunten von ihren Sitzen
Sich die Gewaltigen lüften.

Mir kamen die Verse gestern – ich summte sie in Schuberts unsterblicher Liedvertonung – in den Sinn, als mich mein stählernes Rösslein durch die Monumentenstraße führte, hart an dem Kirchhof vorbei, in dem die Gebrüder Grimm ruhen. Die Sonne versank, ein glühender Feuerball, über der Langenscheidtbrücke, der Tag stand gestern und steht auch heute und morgen im Zeichen und im Bann des königlichen Sensenmannes, der, mit einer neuartigen Corona geschmückt, erbarmungslos seine Opfer weltweit dahinmäht. Die Welt erzittert, die Welt erbebt, die Welt sieht sich einer – wie sie glaubt – nie dagewesenen Herausforderung gegenüber: dem unvermutet hereinbrechenden massenhaften Sterben ohne Sinn, ohne Rettung, ohne Trost.

Demgegenüber speist sich Goethes Umgang mit dem eigenen Sterben als äußerst tatkräftig, selbstbewusst, kühn, trotzig. Dem Tod wohnt in diesen Versen nichts Schreckliches inne! So unausweichlich er sein mag – denn die Reise geht ja abwärts, immer abwärts – das Ich wird sich, vorlaufend zum Tode, seiner Gestaltungsmacht bewusst, und in diesem Bewusstsein setzt es sich den Göttern gleich, die es dort in der Unterwelt als ihresgleichen ehrend empfangen sollen. Der Tod wird nicht erlitten, er wird erlebt, gestaltet, begrüßt und schließlich entthront!

Goethe scheint zu fragen: “Krankheit, Seuche, Tod, Hölle – wo ist euer Schrecken? Ihr seid nur Bilder, ihr seid — ”

Schubert hat diese Depotenzierung der Sterblichkeit durch seine Musik noch in vollem Feuerglanz verstärkt und überhöht.

Anmerkung: Die Wiedergabe des Gedichtschlusses erfolgt hier buchstaben-, zeilen- und zeichengetreu in der Fassung der “Ersten Weimarer Gedichtsammlung”, welche Goethe eigenhändig im Jahr 1778 schrieb (Handschrift H2).

Zitiert nach:
Johann Wolfgang Goethe: An Schwager Kronos. In der Postchaise d 10 Oktbr 1774. In: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1756-1799. Hgg. von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Frankfurt am Main 1998, S. 201-203

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Mrz 202020
 
Der Beginn des ersten Gesangs der Ilias Homers, ed. Alfred Stephany, Münster 1960. Handexemplar des hier Schreibenden mit Randglossen aus seiner Jugendzeit

Seuche und Zorn, Loimos und Menis, dies ist der Titel, den spätantike Redaktoren als Verständnishilfe dem ersten Buch der homerischen Ilias vorgesetzt haben. Damit erscheint im antiken Verständnis das Wüten einer EPIDEMIE, einer verheerenden Pest als die “Schlagzeile”, als gleichberechtigtes Hauptthema neben dem ebenso wichtigen Grundmotiv des ZORNS.

Die gesammelte Einkehr, das tiefe Hinabtauchen in den Urgrund der europäischen Literaturgeschichte ist eine der paradoxen Segnungen, welche mir die CORONA-Epidemie mit der behördlich angeordneten reichlich genossenen Muße gerade in diesen Tagen ermöglicht. Denn mit der Ilias liegt uns tatsächlich das älteste schriftlich vollständig überlieferte Epos der europäischen Dichtung vor. Im wesentlichen dürfte es im 8. oder frühen 7. Jahrhundert v.d.Z. in der noch heute zu lesenden Fassung zusammengestellt, komponiert, gedichtet bzw. redigiert worden sein.

Eine Seuche leitete somit den Untergang Trojas ein! Eine Epidemie wütet gewissermaßen am Anfang unserer europäischen Literaturgeschichte. Epidemisch auftretende Krankheiten waren übrigens eine häufige Erscheinung der alten Welt. Man schrieb sie meist dem Wirken eines strafenden Gottes oder unseligen, sumpfig-feuchten, memphitischen Dämpfen zu. Denn von Viren und Bakterien im heutigen Sinne wusste man damals noch nichts.

Zurück ins Lager der Griechen vor Troja! Ausgesandt wurde diese Epidemie durch Apollo, den der griechische Heerführer Agamemnon dadurch erzürnt hatte, dass er das Beutemädchen Chryseis nicht ihrem Vater, dem Apollo-Priester Chryses zurückgab. Der ZORN des Gottes Apollo tritt also handlungsauslösend, handlungstreibend noch vor dem ZORN des Achilles ganz nach vorne ins Rampenlicht des epischen Ablaufes! Hier die Verse 7 bis 12:

τίς τ᾽ ἄρ σφωε θεῶν ἔριδι ξυνέηκε μάχεσθαι;
Λητοῦς καὶ Διὸς υἱός: ὃ γὰρ βασιλῆϊ χολωθεὶς
νοῦσον ἀνὰ στρατὸν ὄρσε κακήν, ὀλέκοντο δὲ λαοί,
οὕνεκα τὸν Χρύσην ἠτίμασεν ἀρητῆρα
Ἀτρεΐδης:

Wer von den Göttern führte die zwei im Kampf zusammen?
Letos und Zeus Sohn! Denn im Zorn auf den König
erregte böse Seuche dieser im Heer und die Scharen gingen ein,
alldieweil den Chryses entehrt hatte, den Priester,
der Atride.

Anmerkungen:
Letos und Zeus Sohn: Apollo
Atride: Agamemnon, Sohn des Atreus und der Aerope
Eigene Übersetzung des hier Schreibenden.

Nachdrücklich empfohlen sei hier auch folgendes Interview:
“Es war die erste Pandemie”. Eine weltweite Seuche leitete den Untergang des Römischen Reichs ein, sagt der Historiker Kyle Harper – und erzählt, was man daraus für die Gegenwart lernen kann. Das Gespräch führte Stefan Schmitt. DIE ZEIT Nr. 13, 19. März 2020, Seite 34

https://www.zeit.de/2020/13/historische-pandemien-roemisches-reich-coronavirus



 Posted by at 20:09
Mrz 162020
 
Stechginster in Blüte. Botanischer Garten Berlin, 15.03.2020

Es wandert eine schöne Sage
Wie Veilchenduft auf Erden um,
Wie sehnend eine Liebesklage
Geht sie bei Tag und Nacht herum.

Das ist das Lied vom Völkerfrieden
Und von der Menschheit letztem Glück,
Von goldner Zeit, die einst hienieden,
Der Traum als Wahrheit, kehrt zurück.

Wo einig alle Völker beten
Zum Einen König, Gott und Hirt:
Von jenem Tag, wo den Propheten
Ihr leuchtend Recht gesprochen wird.

Dann wird’s nur Eine Schmach noch geben,
Nur Eine Sünde in der Welt:
Des Eigen-Neides Widerstreben,
Der es für Traum und Wahnsinn hält.

Wer jene Hoffnung gab verloren
Und böslich sie verloren gab,
Der wäre besser ungeboren:
Denn lebend wohnt er schon im Grab.

Gottfried Keller: Frühlingsglaube
Hier zitiert nach: Deutsche Gedichte. Herausgegeben von Hans-Joachim Simm. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig, 3. Auflage 2013, S. 762-763.

 Posted by at 19:48
Mrz 152020
 
Marcantonio Raimondi: Die Pest in Phrygien. Ausstellung Raffael in Berlin. Meisterwerke aus dem Kupferstichkabinett. Gesehen in Berlin, 13.03.2020, 17.39 Uhr

Ed erano alcuni, li quali avvisavano che il vivere moderatamente e il guardarsi da ogni superfluità dovesse molto a cosí fatto accidente resistere: […] Unter strahlendem Aufgang einer neuen, lebenschenkenden Sonne bekennt der hier Schreibende an einem besonderen Geburtstag seine Mitfreude und Zustimmung zu jener Gruppe Florentiner Bürgerinnen und Bürger, die, nach dem glaubwürdigen Zeugnis Giovanni Boccaccios, im Jahr 1348 angesichts der verheerenden Pestpandemie die Meinung vertraten, dass die gemäßigte Lebensweise, die Vermeidung alles Überflüssigen sehr dabei helfe, einem derartigen Geschick zu widerstehen:[…].

Wohl gemerkt, jener Teil der Bevölkerung empfahl weder die Selbstkasteiung wegen der giusta ira di Dio, des gerechten Zornes Gottes, als welchen andere diese Geißel empfanden, noch auch die hemmungslosen Hamsterkäufe und die üppige besinnungslose Taumelei der Clubgänger und des Partyvölkchens – ora a quella taverna ora a quell’altra andando -, mit der man sich in das nahende Weltenende hineinzuretten hoffte, sondern nein: im Verzicht auf Überflüssiges und auf absolute Gewissheiten, in der Hinwendung zum Menschendienlichen und Menschenmöglichen, in der Zuwendung zum Schönen, Freudigen, zum Erzählerischen, in der Öffnung vom Ich zum Wir erahnten jene fernen Florentiner Zeitgenossen den Keim der Heilung, ja des Heils! Es bringt nicht alles, aber doch viel.

Zitate: Giovanni Boccaccio: Decameron. A cura di Cesare Segre. Commento di Maria Segre Consigli. V edizione GUM. Milano 1977, S. 29-32. Übersetzungen ins Deutsche durch den hier Schreibenden.

Nachträgliche Anmerkung des hier Schreibenden vom 16.03.2020:
Schreibt man das italienische Wort für so così oder cosí? – Antwort: Der heutige italienische Schreibgebrauch verlangt zwar così, Giovanni Boccaccio selbst scheint aber, gemäß dem hier zu Rate gezogenen Textzeugen (ed. Segre, Mailand 1977), stets cosí geschrieben zu haben.

 Posted by at 11:53
Mrz 012020
 
Erste Frühblüher begrüßen wie frohe Hirten in zartestem Grün den herannahenden Frühling im Naturpark Schöneberger Südgelände

Lange Tages des Dienstes zwingen mich bisweilen dazu, einen Teil meiner täglichen Gesangsübungen vom Musikstudio auf das Fahrrad, auf laute lärmende Straßen, auf das Warten an der Ampel unter tosendem Verkehr zu verlegen. Dies kräftigt die Stimme ungemein, wie ja auch Demosthenes einst im tosenden Meeresrauschen seine berühmte volltönende Stimme kräftigte und gern auch noch einen Kieselstein einlegte, um es der Zunge noch schwerer zu machen!

“Was singen Sie? Es klingt schön!” So riss mich am 26. Februar gegen 18 Uhr an der vielbefahrenen Kreuzung Blücherstraße/Mehringdamm bei roter Ampel eine helltönende weibliche Stimme aus meinen Übungen. Ich drehte mich um: Eine junge Frau von wohl 20 Jahren mit langem wallendem blondem Haar stand hinter mir wartend auf dem Radweg.

“Frohe Hirten aus dem Weihnachtsoratorium von Bach”, erwiderte ich ihr. “Zwar ist Weihnachten vorbei, aber es kommt wieder!”, ergänzte ich. Sprach’s, während die Ampel auf grün schaltete und ich schon auf die Kreuzung rollte, um über die von mir so unendlich oft befahrene Obentrautstraße den Heimweg fortzusetzen.

Frohe Hirten! Ich freu mich schon auf die nächste fröhliche Runde, diese offene Klassenstunde! Sie findet statt am Samstag, 7. März 2020, 11.00 Uhr, im Hochmeistersaal, Paulsborner Str. 86, 10709 Berlin-Halensee

Zutritt für alle Interessierten frei!

Sängerinnen und Sänger der Gesangsklasse von Kathrin Freyburg präsentieren eine abwechslungsreiche Mischung aus Liedern und Arien.

Dauer ca. 2 Stunden, mit Pause.

Ich selber darf folgende Stücke vortragen und bin unendlich dankbar dafür:
J.S. Bach: „Frohe Hirten“, Arie aus dem Weihnachtsoratorium. Am zweiten Weihnachstage. “Weihnachten ist zwar vorbei, aber es kommt wieder!” Die reine Freude!
R. Schumann: Waldesgespräch „Es ist schon spät, es ist schon kalt“, aus Liederkreis op. 39. Zwielichtige Sache, Begegnung der gefährlichen Art!
G. Donizetti: Arie des Nemorino „Una furtiva lagrima“ aus L’elisir d‘amore. Hmm, mit der zusätzlichen Kadenz einfach unwiderstehlich!

 Posted by at 20:29