Mai 182020
 
Im schmuck hergerichteten Städtchen Belzig, dem ehemals wichtigen Knotenpunkt im Barnim, kreuzten sich wichtige Handelsrouten nach Magdeburg, Jüterbog, Wittenberg, Brandenburg, Zerbst und Dessau. Diese alte Postmeilensäule wurde 1725 in Belzig aufgestellt.
Heute erschließen sich den Wanderern von Belzig aus zahllose Pfade durchs üppige Grün, durch munter plätschernde Bachgründe, an alten Kopfweiden vorbei.
Von der alten Trutz- und Wehranlage, der Burg Eisenhardt, konnten wir zu Beginn der gestrigen Wanderung einen herrlich weiten Blick über den Fläming gewinnen, bis hin zu den fernen Hügelzügen, landschaftsprägenden Aufschüttungen, die vor wohl 300.000 bis 125.000 Jahren während der Saaleeiszeit diesem Gebiet sein leicht gewelltes, sanft wiegendes Antlitz gaben.
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Apr 122020
 

Angelehnt an die Efeuwand
Dieser alten Terrasse,
Du, einer luftgebornen Muse
Geheimnisvolles Saitenspiel,
Fang’ an,
Fange wieder an
Deine melodische Klage!

So beginnt Eduard Mörike sein herrliches Gedicht “An eine Äolsharfe”. Heute, an Ostern, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine echte Äolsharfe gesehen und gehört! Was für ein Osterwunder ereignete sich da!

Ihr kommet, Winde, fern herüber,
Ach! von des Knaben,
Der mir so lieb war,
Frischgrünendem Hügel.
Und Frühlingsblüten unterweges streifend,
Übersättigt mit Wohlgerüchen,
Wie süß bedrängt ihr dies Herz!

Die Äolsharfe, auch Windharfe oder Geisterharfe genannt, besteht aus mehreren aufeinander eingestimmten Saiten, die in einen Resonanzkasten eingespannt sind. Wenn der Gott der Winde, Äolus, hindurchbläst, erklingen diese Saiten in unterschiedlichen Tönen bzw. Obertönen und erzeugen je nach Windrichtung und Windstärke unterschiedliche Harmonien.

Und säuselt her in die Saiten,
Angezogen von wohllautender Wehmut,
Wachsend im Zug meiner Sehnsucht,
Und hinsterbend wieder.

Diese Äolsharfe im Britzer Garten in Berlin ist eine Leihgabe von Jutta Kelm, Oldenburg. Die Video- Aufnahme entstand heute, am Ostersonntag des Jahres 2020, in der Mittagsstunde, der “Stunde Pans”.

Aber auf einmal,
Wie der Wind heftiger herstößt,
Ein holder Schrei der Harfe
Wiederholt mir zu süßem Erschrecken
Meiner Seele plötzliche Regung,
Und hier – die volle Rose streut, geschüttelt
All ihre Blätter vor meine Füße!

Quelle: “An eine Äolsharfe”.
In: Eduard Mörike: Werke. Herausgegeben von Hannsludwig Geiger. Deutsche Buch-Gemeinschaft, Berlin 1961, S. 31

Hier könnt ihr die Äolsharfe des Britzer Gartens hören:

https://youtu.be/WjWSJWyCdTc


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Apr 122020
 

“Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit, denn unser Heil hat Gott bereit. Halleluja halleluja halleluja halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.”

Der Turmbläser spielte strahlend dieses Lied und vielen andere Melodien heute am Ostermorgen, die Sonne erstrahlte heller und immer heller zu diesen Tönen und wegen dieser Trompetentöne hinter der Königin-Luise-Gedächtniskirche auf der Roten Insel in Berlin-Schöneberg, und der ganze Erdenkreis strahlte und sang mit!

Text und Melodie im Evangelischen Gesangbuch, Ausgabe Berlin-Brandenburg 1995, Lied Nr. 100

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Apr 042020
 

Frühling zieht machtvoll herein! Aufnahme vom 1. April 2020, Natur-Park Schöneberger Südgelände

Schmunzeln und lachen wir immer wieder laut auf, wenn wir an den PUMUCKL und seinen Meister EDER denken! Hier kann man richtiges Bairisch hören und lernen, hier lernt man die Welt Münchens von den Graswurzeln her kennen! Spielt in MÜNCHEN! Wenn ich diese Sprache meines Lebensfrühlings, die Sprache, in der meine Mama und mein Papa sich bei Tag und bei Nacht unterhielten, die Sprache meines Geburtsortes höre, da fallen mir unabweislich jene Zeilen Walthers ein:

Owê, war sint verswunden alliu mîniu jâr!
ist mir mîn leben getroumet, oder ist ez wâr?
daz ich ie wânde, daz iht wære, was daz iht?
dar nâch hân ich geslâfen und enweiz es niht.

Wenn ich dann noch den zweiten Podcast des Bayrischen Rundfunks höre, dann entspringt in mir wie ein munter sprudelnder Quell der Gewissheit die folgende Antwort an Walther:

Ja, wahr ist es! Und niemand kann’s dir wehren,
Kein Rost, kein Mehltau, kein Corona, keine Zeit,
Ein unvergesslich Schatz ist zu vermehren,
Den raubt dir allenfalls der Eigen-Neid.

https://www.br.de/mediathek/podcast/pumuckl/pumuckl-und-der-1-april/1794628?fbclid=IwAR0C0COxKOZz93lau3ghtJlelWfQ3AB69eqx0xTiWOpnu4RkdbY-K1oq9UI

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Mrz 242020
 
Flash mob sonoro a Schöneberg

Due giorni fa, domenica 22 Marzo 2020, alle ore 18:00, tutta la Germania si è unita agli altri paesi europei, ed in particolare all’Italia, per dare vita ad un flash mob canoro contro l’emergenza che ci costringe a rintanarci in casa per evitare nuovi contagi, causati dal coronavirus. 

L’idea è partita da alcuni gruppi social, e così di chat in chat è diventata una vera e propria iniziativa! Da notare che i musicisti tedeschi hanno scelto l’Inno alla gioia, quella straordinaria poesia di Friedrich Schiller pubblicata sulla rivista Thalia, in cui viene celebrata la grande solidarietà tra tutti gli esseri viventi e morti, la Sympathie ovvero simpatia, cioè la capacità umana di soffrire e di gioire insieme!

Non dimentichiamoci che il famoso inno di Schiller – che servirà da ispirazione al quarto movimento della nona sinfonia di Beethoven – ci riconcilia anche con le sofferenze inutili, con le malattie atroci, con le ingiustizie sociali ed infine con la morte:

Eine heitre Abschiedstunde!
Süßen Schlaf im Leichentuch!
Brüder – einen sanften Spruch
Aus des Totenrichters Munde!

Riferimenti bibliografici:
Friedrich Schiller: An die Freude. In: Friedrich Schiller, Sämtliche Werke. Band I. Gedichte. Dramen I. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt, 8. Aufl. 1987, S. 133-136

Ludwig van Beethoven: Finale. Presto. In: Symphonie No. 9. Edited by Richard Clarke. Ernst Eulenburg Ltd, 1987, S. 167-295

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Jan 062020
 
Blick von der Akropolis auf den Areopag (Felsenhügel in der Bildmitte). Aufnahme vom 28.12.2019

28.12.2019. 11.30 Uhr. Überpünktliche Ankunft am Flughafen Venizelos. Sonnig-kühl, mit frischer, windgereinigter Luft empfängt uns die Stadt. Frei schweift der Blick auf die umliegenden Berge und macchiabewachsenen Hügel; die Temperatur beträgt 8° C. Mit der Metro, einer modernen, sehr gepflegten S-und-U-Bahn fahren wir 40 Minuten bis zum Syntagma-Platz. Je näher wir dem Zentrum kommen, desto mehr Menschen steigen zu. Schließlich ist der Waggon dicht gefüllt mit Menschen. Am Syntagma steigen wir um und fahren noch einen Halt bis zur Station Akropolis.

Il tempio “lascia intravedere il mistero” – Der Tempel “lässt das Geheimnis erahnen”. Blick auf den Nike-Tempel, gesehen vom Anstieg zur Akropolis. Aufnahme vom 28.12.2019

Endlich in Athens Mitte angekommen! Ein erster Gang führt uns bei strahlendem Sonnenschein hoch zur Akropolis. Ich lasse den Blick weit über die Stadt hin wandern: Ja, hier war es! Hier geschah all das! Der grazile Niketempel zieht uns hinan! Kaum zu glauben, dass wir hier, während wir unter den beiden Toranlagen, den lichtdurchfluteten Propyläen hindurchschreiten, weit unter uns schon den Areopag erblicken. Das “Schuldgebirge”, so möcht’ ich diesen kahlen Felsenrücken nennen, auf dem heute die bunten Touristen sich tummeln, denn hier stand das Gerichtsgebäude des antiken Athens; auch heute noch ist dies der Name des höchsten Gerichts in Griechenland!

Wir durchschreiten die lichtdurchfluteten Propyläen. Aufnahme vom 28.12.2019

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Mrz 192019
 
Blick von der Kipphornaussicht elbeaufwärts Richtung Gelobtbachmühle und Großer Zschirnstein, 17.03.2019

Wir wanderten gerade erst am Wochenende mit offenem Aug, mit weit geblähten Nüstern durch die Wälder des Nationalparks Sächsische Schweiz. Was für eine herrliche Erfrischung, was für eine Labsal für Körper und Seele, welche Wonne brachte uns das Elbsandsteingebirge zu beiden Seiten der Elbe!

Besonders gefreut hat mich, dass man auf Schritt und Tritt mit den Sachsen so gut ins Gespräch kommt und dass das Elbsandsteingebirge mittlerweile Wanderer und Erholungssuchende aus aller Welt anzieht. Insbesondere Israelis und Amerikaner haben das Bundesland Sachsen für sich entdeckt. Oft fliegen sie über den Flughafen Prag nach Europa und steigen dann in den Zug von Böhmen nach Sachsen. Sie genießen hier am Ufer der Elbe in hellen Scharen die sächsische Gastlichkeit und die überwältigenden Eindrücke der wild zerklüfteten Bergwelt. Es muss nicht immer Georgien oder der Yellowstone-Nationalpark sein!

Blick vom Fremdenweg auf die Winterbergspitzen, 17.03.2019


Und wieder haben wir herrliche Beobachtungen zum unfassbar klugen Anpassungsgeschehen des Waldes in Zeiten des Klimawandels anstellen können. Unsere Wälder entwickeln sich – teils aus eigenem, naturhaftem Wirken, durch Selektion und Adaptation also, teils durch gezielte forstliche Eingriffe – hin zu widerstandsfähigeren, an die gerade ablaufenden und die bevorstehenden Klimaänderungen besser angepasste Systeme.

Alte Fichte im Lattengrund, ca. 90 Jahre alt, vor wenigen Tagen durch Starkwind gestürzt, 16.03.2019

Unter anderem wird klar, welche Baumarten wo hingehören! Der Wind wirft viele Flachwurzler wie etwa die Fichte erbarmungslos um, während eng zueinander stehende, schlanke Buchen ohne breitausladende Krone offenbar ausgezeichnet an starke Stürme und an vorübergehenden Wassermangel in besonders heißen Dürreperioden angepasst sind. Sehr gut zu beobachten auf dem Großen und Kleinen Winterberg im Nationalpark Sächsische Schweiz bei Schmilka!

Bestand jüngerer Buchen am Großen Winterberg bei Schmilka, 16.03.2019

Während die zunehmenden Starkwindereignisse an einigen Stellen gerade die ältesten, mächtigsten Fichten umgeworfen haben, zeigen die jüngeren und mittelgroßen Laubbäume, insbesondere die zarten Birken und die schlanken Buchen keinerlei Schäden; im Gegenteil, sie scheinen für ihre Art Lebensraum zu gewinnen, den bisher die oftmals vom Menschen eingebrachten, schnellwüchsigen und zu Nutzungszwecken geförderten Nadelhölzer monokulturell in Beschlag genommen hatten.

Die Natur, und wir sind ja ein Teil von ihr!, spielt ihr Millionen Jahre altes Spiel immer weiter, sie steckt vieles weg, was unsere Fassungskraft übersteigt! Entstehen, Werden, Vergehen, Wandel, Anpassen, Aktion und Reaktion, das sind einige der Grundmechanismen, denen wir hier im Nationalpark Sächsische Schweiz zusehen konnten, wie man den Atemzügen eines schlafenden Riesen lauscht!

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Jan 282019
 

Licht, Gänge und Treppen im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie, gestern, 27.01.2019

Frühe Geglückte, ihr Verwöhnten der Schöpfung,
Höhenzüge, morgenrötliche Grate
aller Erschaffung, – Pollen der blühenden Gottheit,
Gelenke des Lichtes, Gänge, Treppen, Throne,
Räume aus Wesen, Schilde aus Wonne, Tumulte
stürmisch entzückten Gefühls und plötzlich, einzeln,
  Spiegel: die die entströmte eigene Schönheit
wiederschöpfen zurück in das eigene Antlitz.

Kurzes Verweilen, unschlüssiges Umhergehen vor dem Messiah Händels in den Gängen der Philharmonie. Ein paar Verse aus Rilkes zweiter Duineser Elegie kreuzen mein Gedächtnis. Der Saaldiener waltet seines Amtes und vertröstet uns auf “gleich geht die Tür auf.” Scharouns Architektur hält uns gefangen, nein, sie führt uns wie Gefangene der Zeit umher in immer neue Licht-Gelenke, Gänge, Treppen, hin zu Klangerfahrungen, Hinlauschen in das, was dann sich gleich vor unseren Ohren abspielen wird. Nie war die Hoffnung auf Musik größer als vor dem Öffnen der Saaltüren, dort oben vor dem unsichtbaren Antlitz der Schönheit der Musik. Und so war es dann auch!

Der Messiah in der Aufführung durch den Berliner Figuralchor unter Gerhard Oppelt beschenkte uns mit einer so von keinem von uns so zuvor gehörten Schönheit, einer Schönheit, die der eines ungeborenen Kindes, eines in der Geburt befindlichen Kindes entspricht: nicht so laut wie gewöhnlich, mit mehr Falten, mit mehr Sichtbarkeit der Füßlein, fragileren Fingerchen, zarteren Klängen, herzzerreißenderem Schluchzen.

Ja, wir mussten schon hinhören, es war eine Schwebung in der Luft, eine ungleichschwebende Leichtigkeit, eine historische Stimmung, die mich an Kandinskys Zeichnung “schwebende Schwere” erinnerte.

Der Dirgent Gerhard Oppelt war kein Herrscher und Lenker, sondern eher ein väterlicher Hirte, der mit Fingerzeigen lenkte, – feeding the choir, his flock, like a shepard, gathering the lambs, the soloists and players with his arms-. Elina Albach spannte an Cembalo und Orgel umsichtig, sich umsehend, klug sichernd und witternd die Gesangssolisten einerseits – Miriam Feuersinger, Stefan Kahle, Benedikt Kristjánsson, Jörg Gottschick – und das recht beträchtliche Basso-Continuo-Ensemble andererseits zusammen. Albach war in unserer kleinen, bunten, zum Frohsinn aufgelegten Hörergruppe die heimliche Favoritin des Ensembles.

Das Halleluja zu Ende des zweiten Teiles wurde somit überzeugend gedeutet als allmähliches Hineinwachsen in den Jubel, als Erlernen, Erproben, Ertasten der Freude einer Wiederkehr des Lebens, das uns schon vorher geschenkt war, ohne das wir es wussten.

Beeindruckend fand ich auch insbesondere das höchstpersönliche Zwiegespräch “If God be for us who can be against us” zwischen dem Geiger Santiago de Medina und der Sopranistin Miriam Feuersinger. Hier entspann sich ein endloser Faden des gemeinsamen Werbens und Webens, des Weiterreichens und Zurückgebens, in völliger Gleichberechtigung, auf gemeinsamer Augen- und Ohrenhöhe. Einfach schön! Was soll man sonst noch sagen außer: einfach schön!

Bestrickend schön fand ich über alle Maßen das Amen zum Beschluss des Ganzen. Ein sehr einfacher Text, möchte man meinen. Ja, das ist der einfachste ungeschminkteste Wortlaut zum kompliziertesten, äußerst figurierten Satz des großartig aufgelegten Figuralchores. Und was bedeutet dieses Amen? Vielleicht dies: So sei es für wahr so sei es gewesen so werde es sein so möchte ich das glauben so bekräftigen wir das so beglaubigen wir das denn so war es und so wird es sein. Ja.

Stricke des Todes hielten uns gefangen, doch jetzt brachen auf Blicke des Lebens! Danke, danke, danke!

PS: Hat man diese Grundhaltung des Dankens und des Ja-Sagens in sich aufgesogen, wird sie auch den Alltag erhellen. So geschah es auch mir heute, denn soeben stand ich in nüchterner Montagsstimmung in einer langen Reihe von Käuferinnen beim TK Maxx umme Ecke an, um eine geräumige Sporttasche für verschwitzte Sportklamotten zu kaufen. Vor mir, hinter mir, führten die Käuferinnen Gespräche am Handy – vor mir in Russisch, hinter mir in Türkisch. Und was höre ich da, wieder und wieder? Ich höre zum Beschluss des Handy-Telefonats in türkischer Sprache genau dies:

sağolun … sağolun … sağolun … amen .. amen… amen. Tschüß!”

Zitat: Die zweite Elegie. In: Das dichterische Werk von Rainer Maria Rilke. Haffmanns Verlag bei Zweitausendeins. Leipzig 2015, S. 806-808, hier S. 806

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Jan 242019
 
Abschnitt der Inhaltsangabe (fabula) zum Gefesselten Prometheus des Aischylos, unbekannte Entstehungszeit. Enthalten bereits in der ältesten vorhandenen Handschrift, die uns den Gefesselten Prometheus überliefert, dem Codex Mediceus M (Handschrift) aus dem 9./10. Jahrhundert. 2019 durch den hier Schreibenden erneut handschriftlich entnommen der 1972 im englischen Oxford erschienenen Druckausgabe der Tragödien des Aischylos (ed. Denys Page, Oxonii 1972)

Gestern begingen wir den Tag der Handschrift. Anlass, mich ungescheut hier an dich, die Handschrift, zu wenden!

Welche Lust bereitet es mir, nach Jahren des Handschrift-Fastens mit dem Füllfederhalter zu schreiben, die Feder Zeile um Zeile hinwandern zu lassen über das leicht angerauhte Papier meiner Tages-Kladde! Die Mühsal des Kindes nachzuempfinden, das über die harte Schulbank gebeugt mit der Bewegung der Hand sich unauslöschlich einprägt den Schlüssel zum ungeheuren Schatz, den die Menschheit sich mit einer winzigen Anzahl Zeichen geschaffen hat.

Was wären wir ohne dich, o Handschrift! Wir wären unendlich ärmer. Wir stünden vor der Geschichte der letzten 3000 Jahre wie vor den milliardenjahrealten Granitsteinen. Dann gölte, dass –

Gebirgesmasse blieb’ uns edel-stumm
Wir fragten nicht woher und nicht warum.

Wir bissen uns die Zähne am Granitgestein der Vergangenheit aus. Wir hätten keinen Aischylos, keinen Platon, keinen Thukydides, keine Bibel. Keinen Koran, keinen Newton, keine Hildegard von Bingen, keine Sappho, keinen Messiah von Händel mit dem Berliner Figuralchor am kommenden Sonntag um 19.30 Uhr im Kammermusiksaal der Philharmonie! Denn komponiert wurde und wird mit der Handschrift. Händel hat so komponiert, Bach auch, Mozart auch.

Wir hätten die Prometheus-Hymne von Goethe nicht. Denn Goethe schrieb sie eines uns unbekannten Tages im Zeitraum ab Oktober 1773 bis vielleicht 1775 von Hand. Gäbe es die Handschrift nicht, hätte Goethe die Prometheus-Hymne mit Sicherheit ganz anders gedichtet. Wir wären um so vieles ärmer! Wir wären um so vieles stummer!

Handschrift, du holde Kunst,
In wievielen trüben Stunden,
Hab ich durch dich beglückt mich erst empfunden,
Aufgerichtet, gewärmt, geborgen!
In dich hinein, da flossen alle Sorgen,
Du nahmst sie alle auf, du gabst sie weiter,
In dir entstand die Himmelsleiter,
Durch dich erst sprach zu uns der Raum,
In dir gewann Gestalt der Traum.
Handschrift, du ew’ge Kunst, du Schenkerin der Menschheit –
ich danke dir.

Der oben handschriftlich wiedergegebene griechische Text lautet übersetzt: “Das Bühnenbild der Handlung liegt im Skythenland am Kaukasischen Gebirg; der Chor wiederum wird durch Okeaniden-Nymphen gebildet. Aisch”[ylos?] (Handschrift bricht unvollendet ab)

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Nov 242018
 


Das Konzert “Una serata musicale” im Hochmeistersaal hat mir sehr gut gefallen am letzten Sonntag! Das ganze Singen und Musizieren gewinnt doch den eigentlichen Sinn erst durch die Zuhörenden.

Es war ein großer bewegender Abend für mich. Ich hatte beim Vortrag des Petrarca-Sonetts das Gefühl, um das eigene Leben oder um vielmehr ein ganz neues Leben zu singen, singend um all das zu bitten, was gut und heilig im Leben ist. Insgesamt waren es einige Stunden vollkommenen – wenngleich mühsam erarbeiteten – Glücks, die ich mit und dank der singenden und musizierenden und zuhörenden Menschen genießen durfte, und die ich mit in die Nacht nahm.

Eine wunderschöne Gemeinschaftsleistung war das, die auch nachhaltige Wirkung in den Zuhörern hinterlassen hat.

Ich lasse sie noch weiterklingen und langsam ausklingen.

 Posted by at 19:46