Kategorien
Dante Freiheit

“Se innanzi tempo Grazia a sé nol chiama” – Tod vor der Zeit, ein Geschenk der Gnade?

“Der Sinn von Politik ist Freiheit. Hannah Arendt.” Meinungsäußerung auf der Roten Insel in Schöneberg, Gustav-Müller-Straße. Aufnahme vom 10.04.2021

“Mit diesem Dante musst du dich gut stellen,
kann er dir doch zu langem Ruhm verhelfen,
sofern ein gnädiges Geschick sein langes
Leben nicht vor der rechten Zeit beendet.”

Guter Ratschlag Vergils an den Riesen Antaios! In der Tat, wir sprechen heute noch über diesen Antaios aus dem 31. Gesang in Dantes Inferno. Ohne Vergils Rat täten wir es nicht. Dass Vergil hier den vorzeitigen Tod (la morte innanzi tempo) als Geschenk der Gnade darstellt, ist eine unerträgliche Provokation des geruhsamen Gewissens, wonach ein möglichst langes Leben das erstrebenswerteste Ziel überhaupt sei. Mehr noch: dass alles staatliche Handeln letztlich darauf abzielen müsse, möglichst vielen Menschen das Erreichen eines möglichst hohen Lebensalters und einen planbaren Tod zu gewährleisten, gilt heute als höchste Maxime der Politik. Dem dienen Inzidenzberechnungen, Ausgangssperren, Stotterbremsen, Notbremsen aller Art. Der Staat wacht von ganz oben herab darüber, dass die einfältigen Bürger nicht wissend-unwissentlich in die Falle eines vorzeitigen Todes tappen.

“Ich trage dafür als Bundeskanzlerin immer die letzte Verantwortung.” Mit diesen Worten hat die Bundeskanzlerin sich am 24.03.2021 eindeutig zu dem überragenden, monarchischen Grundgedanken des quasi göttlich legitimierten Staates, verkörpert in der überragenden Hellsicht und Weitsicht der Herrscherin bekannt. Nicht der einzelne Mensch, nicht die niedrigen Ebenen – also die Stadt, die Region, die Familie – tragen die letzte Verantwortung für Leben und Tod (man nannte dies früher Subsidiarität), ganz zu schweigen von heillos veralteten Instanzen wie “Gnade” oder “Gott”, sondern der staatliche Souverän, und der Träger der Souveränität, das ist nach eigenem Bekunden die Herrscherin. Ein phantastischer Anspruch, wie ihn im Mittelalter die römischen Kaiser immer wieder zu erheben versuchten!

In Dantes realistischer Weltsicht wäre ein derart übersteigerter Anspruch unhaltbar gewesen. Für ihn zählte stets die Verantwortung des Einzelnen vor Gott mehr als der mit staatlicher Macht bewehrte Wille des Herrschers. Die letzte Verantwortung trägt für Dante immer – wer, ja wer? Der einzelne Mensch! Begriffe wie “Gnade”, “Gott”, “Freiheit – das größte Geschenk Gottes an den Menschen” deuten darauf hin. Il maggior dono fu della volontà la libertate.

Der Zeitpunkt des Todes entzog sich der bewussten Kontrolle des einzelnen; er lag völlig außerhalb der Kontrolle des Staates. Der Tod war nicht planbar.

Ich meine: Souverän im Dasein ist der einzelne freie Mensch. Souverän im staatlichen Sinne ist in der Bundesrepublik Deutschland die den Staat tragende Bevölkerung, das freie Volk, vertreten durch die frei gewählten Parlamente. In der parlamentarischen Demokratie, so meine ich, tragen immer die Parlamente die letzte politische Verantwortung. Nicht die Regierung. Nicht der Bundeskanzler.

Hannah Arendt griff diese Hochschätzung der Freiheit auf, wie sie ein Dante, ein Thomas von Aquin, ein Immanuel Kant schon vorformuliert hatten. In schroffem Gegensatz zu den herrscherlichen Ansprüchen der heutigen Politik formulierte sie es so: “Der Sinn der Politik ist Freiheit.”

Zitate: Dante, Commedia, Inferno, canto XXXI, 129; Paradiso, canto V, 19-22. Freie Wiedergabe aus dem Gedächtnis und freie Übersetzungen der Dante-Zitate durch den hier Schreibenden.

Kategorien
Dante

Ein unerschrockener Leser Dantes hat seine liebe Not mit blinder Danteverehrung

Ha! Arno Widmann, endlich jemand, der sich jahrzehntelang mit Dante auseinandergesetzt hat, jemand, der sich nicht durch blinde Danteverehrung ins Bockshorn jagen lässt! So möchte ich meinen. Lebhafteste Aufmerksamkeit fand erfreulicherweise in Italien der folgende, am 25.03.2021 in der Frankfurter Rundschau veröffentlichte Zeitungsartikel Widmanns:

Dante: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen | Literatur (fr.de)

Ich muss sagen, mich freut jeder Streit um Dante, il mio compagno di vita di lunga data!, – vorausgesetzt, die Streitenden nehmen einander zur Kenntnis, lesen einander in Redlichkeit. Vorausgesetzt ferner, sie lesen Dante, versuchen diesen unerschöpflichen Kosmos immer neu zu erkunden, zu hören, zu sehen und zu spüren. Alle diese Voraussetzungen liegen, so scheint mir, bei Arno Widmann geradezu mustergültig, bei seinen lautstarken Kritikern nur sehr eingeschränkt vor. Manche meinen, der große oder allergrößte Italiener aller Zeiten sei verunglimpft worden. Sie fühlen sich gar in ihrer nationalen Ehre durch Deutschland angegriffen und beleidigt.

Arno Widmann: «Non attacco Dante, era un grande. Salvini e gli altri? Così non difendono l’Italia»- Corriere.it

Was geht hier eigentlich ab? Werfen wir doch einen unvoreingenommenen Blick in die politische Lage nicht des heutigen Italien, sondern Italiens zur Zeit Dantes! Dino Compagni (geb. vor 1260-1324), der mutige Zeitgenosse Dantes, charakterisiert seine Mitbürgerinnen und Mitbürger zu Beginn des 2. Buches seiner zeitgeschichtlichen “Cronica” mit folgenden Worten: “Malvagi cittadini pieni di scandoli, distendete le vostre malizie. Palesate le vostre inique volontà e i pessimi proponimenti.” Auf Deutsch: “Böswillige Bürger voller skandalisierter Empörungswellen, breitet ihr eure Boshaftigkeiten aus, legt ihr eure ruchlosen Absichten und niederträchtigen Vorsätze offen dar.”

Die von Compagni gegeißelte abgrundtiefe Zerstrittenheit der italienischen Städte, Stadtrepubliken, Herrschaftsgebilde aller Art war legendär. Dante beklagt sie ebenfalls auf Schritt und Tritt, er zahlte selber einen hohen Preis dafür.

Denn seine Mitbürger verurteilten ihn zu Verbannung und drohten ihm mit Hinrichtung. In vielen Versen Dantes spüre ich seine abgründige Verbitterung, seine Trauer, ja und auch momentweise einen aufflammenden echten Hass auf so manche seiner lieben Mitbürger und lieben Landsleute heraus.

Ich für mein Teil lese Arno Widmanns Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 25.03.2021 als Beispiel einer Philologia controversistica, “Kontroversphilologie”, als Probstück einer auf Einspruch ausgelegten, scharfsinnigen Erzählung persönlicher Erfahrungen, fleißig gesammelter Lesefrüchte und eigener Meinungen. Man merkt, Widmann hat sich jahrzehntelang mit Dante auseinandergesetzt, er kennt “seinen” Dante besser als so mancher empörungsbereite Politiker und Journalist nördlich und südlich der Alpen.

Roberto Saviano (geb. 1979) wiederum ist ein mutiger italienischer Europäer, unser Zeitgenosse. Dante war auch ein mutiger italienischer Europäer, in gewisser Weise ebenfalls immer noch unser Zeit-Genosse.

Und Saviano lässt darin Widmann Gerechtigkeit widerfahren, dass er einfach mal den Artikel Widmanns vollständig liest und ihn, seinen Zeitgenossen, persönlich befragt – ein Grundgebot der Redlichkeit.

Savianos Vorgehen ist vorbildlich. Andere sollten ihm folgen.

Zitatnachweis:
Dino Compagni: Cronica delle cose occorrenti ai tempi suoi. Libro secondo. Proemio. Zitiert nach: Raffaele Spongano: Antologia della letteratura italiana. Volume primo: Dalle origini alla fine del Quattrocento. Casa editrice Giuseppe Principato. Milano – Messina 1940, Seite 115-135, hier Seite 121

Kategorien
Dante Gemeinschaft im Wort Russisches Ukraine Was ist europäisch?

Hält letztlich nur noch das Gas den Kontinent zusammen?

Nicht Russland, sondern ein Blick in den Cheruskerpark, 8. Februar 2021

Mitunter wird ja behauptet, Gas und Geld seien doch immerhin noch fast die letzte verbleibende Brücke, die Russland, das größte Land Europas, mit den anderen Ländern Europas verbände. Da man sich auf anderen Ebenen nicht verstehe, müsse eben das durch neue Röhren fließende Gas herhalten, um eine gewisse Verbundenheit zwischen Russland und den anderen Ländern Europas zu bewahren. Ein bedeutender Vertreter unseres Landes wird soeben in der FAZ mit der Aussage zitiert, dass “die Energiebeziehungen fast die letzte verbliebene Brücke zwischen Russland und Europa seien”.

Ist das so? Hat er das so gesagt? Das kann und mag ich nicht glauben! Hier muss ein Fehler der FAZ vorliegen. Steht und fällt wirklich alles mit dem Gas (oder mit dem Geld)? Nun, bei allem Respekt vor deutschen Politikern, ich stimme jener Aussage nicht zu. Ich meine, es gibt neben dem Gas auch noch anderes, was uns verbinden könnte. Es gibt z.B. -… hmmm, Menschen, menschliche Beziehungen. Mehr als 600.000 russische Staatsbürger leben, studieren, arbeiten, lernen alleine in denjenigen europäischen Ländern, die der EU angehören, davon weit mehr als 200.000 im bevölkerungsstärksten Land der EU, in Deutschland. Die sind nicht nichts. Die sind eine lebende, eine quicklebendige Brücke. Viele Deutsche haben darüber hinaus Angehörige, Freunde, Verwandte in Russland, auch der hier Schreibende.

Als zweitwichtigste Brücke – nach den Menschen – sei hier die Kultur genannt. Die europäische Kultur – stellvertretend seien hier die Werke von Michelangelo, Puschkin, Gogol, Dante, Bach, Shakespeare, Fanny Hensel, Cervantes, Petrarca, Homer, Dostojewski, Immanuel Kant genannt, wird überall in den europäischen Ländern – natürlich auch in der Ukraine, in Belgien, auch in Russland, zum Teil sogar auch noch in Deutschland gepflegt, gehegt, weitergegeben.

Zu den erhebenden Erfahrungen im Jahr 2021 gehört es sicherlich, Dante, in meinen Augen den bedeutendsten europäischen Dichter dieser weltgeschichtlichen Stunde, in den unterschiedlichsten europäischen und nicht-europäischen Sprachen zu hören, darunter auch auf Ukrainisch und auf Russisch.

Man klicke auf die untenstehenden Links, und gleich fließt wie belebende, erquickende Luft der unversiegliche Verse-Strom der Göttlichen Komödie durch das Netz, als hätte man ein Ventil geöffnet.

Und das wird auch so bleiben. Die Menschen werden weiter die gleiche Luft atmen, die europäische Kultur, die europäischen, ineinander übersetzbaren Sprachen werden auch weiterhin als Brücke zwischen Menschen, Staaten und deren Politikern dienen. Kultur, das lebendige, in Freiheit gesprochene Wort wird weiterhin unzerstörbare Brücken bauen.

Gas her, Gas hin.

Höre Dante auf Ukrainisch:
Dalla selva oscura al Paradiso – From the dark wood to Paradise – UK – Данте – Божественна комедія (google.com)

Höre Dante auf Russisch:

Dalla selva oscura al Paradiso – From the dark wood to Paradise – RU – Dante – Божественная комедия (google.com)

Kategorien
Dante Natur-Park Schöneberger Südgelände

E non mi si partìa d’innanzi al volto: Begegnung in der Wildnis

Schöneberg, den 8. Januar 2021
Wieder einmal führt mich der Weg durch die Wildnis des verlassenen Bahngeländes. Eine undurchdringliche, wattige Nebelschicht lässt mich die Stunde des Tages nicht erkennen. Ich halte inne, ein gestreifter Intercity fährt weiter hinten vorbei, da sehe ich sehr geschmeidig und flink ein katzenartiges Wesen auf mich zukommen. In leichtem Trab kommt es mir entgegen, es scheint mich zu mustern. Ein Kräftemessen steht an! Das Tier weicht mir nicht von meinem Angesicht, vielmehr versperrt es mir den Weg, der vor mir liegt, sodass ich mich fast zur Rückkehr entschließen muss.

Da fallen mir ein paar Verse des Dichters ein, dessen Gedenkjahr wir 2021 begehen.

e non mi si partìa d’innanzi al volto,
anzi impediva tanto il mio cammino,
ch’i’ fui per ritornar più volte volto.

Vor einer Stunde habe ich die Nachricht erhalten, dass eine Einspielung mit Auswahltexten dieses europäischen Dichters soeben erschienen ist, bei der auch ich das eine oder andere Wörtlein mitzureden hatte. So sehr begleitet mich also dieser Dichter, dass selbst bei alltäglichen Begebenheiten ein Streiflicht von ihm auf die begegnende Realität fällt! Er erhellt seine, unsere dunkle Gegenwart mit einem unvergänglichen Schimmer!

Übrigens entpuppte sich das geschmeidige, flink trabende Tier sehr rasch weder als Panther, noch als Luchs noch auch als Pardelkatze, sondern als Fähe, die einer direkten Begegnung mit mir dann doch aus dem Weg ging. Stattdessen zog sie ihre Spur in einem weiten Bogen links von mir, schnürte dann vor meinen Augen von links zu meiner rechten Seite, witterte, äugte misstrauisch zu mir und setzte, immer wieder niederhockend, ihre Markierungen, um mir eindeutig mitzuteilen: das hier ist mein Revier, du wirst es mir nicht streitig machen!

Gehab dich wohl, Fähe!

Genug! Für mich ist es Anlass, die drei zitierten Verse selbst ins Deutsche zu übersetzen:

und wich mir nicht von meinem Angesicht,
vielmehr versperrt’ sie mir so sehr den Weg,
dass ich beinah zur Rückkehr mich gericht.

Die Einspielung ausgewählter Textabschnitte des genannten Dichters ist nunmehr in 33 verschiedenen Sprachen unter folgendem Link abrufbar:

https://www.spreaker.com/user/emonsedizioni/de-dante-die-goettliche-komoedie

DE – Dante – Die Göttliche Komödie

From: Dalla selva oscura al Paradiso – From the dark wood to Paradise

Registrazione a cura di: Istituto Italiano di Cultura di Berlino Direttrice: Maria Carolina Foi Lingua: Tedesco Casa editrice: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Ditzingen, 2010 (vol. I), 2011 (vol. II), 2012 (vol. III) Traduttore: Hartmut Köhler Voci: Timo Weisschnur, Eva Maria Jost, Johannes Hampel

Un progetto del Ministero degli Affari Esteri e della Cooperazione Internazionale in compartecipazione con il Comune di Ravenna e in collaborazione con il Teatro delle Albe/Ravenna Teatro. Si ringrazia la Civica Biblioteca Guarneriana di San Daniele del Friuli per aver concesso la riproduzione in copertina della miniatura (c.1r) del Manoscritto 200.

Zitat: Dante, La Commedia, I, 34-36


Kategorien
Dante Homer Singen

Sahen sich die Dichter Homer und Dante als Schriftsteller?

Così vidi adunar la bella scola
di quel signor signor dell’altissimo canto
che sovra li altri com’aquila vola.

So Dante Alighieri, Commedia, Inferno, Canto IV, 94-96

“Mit Homer beginnt die europäische Literaturgeschichte.” In jeder Literaturgeschichte wird man etwas in diesem Sinne finden können. “Dante ist der größte Schriftsteller italienischer Sprache.” Wer wollte gegen diese Feststellungen etwas einwenden?

Nun, zunächst einmal Dante selbst. Bekanntlich bezeichnet er die 100 einzelnen Abschnitte seiner Commedia nicht als “Kapitel”, “Bücher”, “Texte”, “Schriften”, “Akte”, “Briefe” oder ähnliches, sondern ausschließlich als Lieder, Gesänge, als “canti”. Die drei Großbauteile der gesamten Commedia wiederum nennt er “cantiche”, in etwa wiederzugeben als “Sangeswerke”, “Gesangsgruppen”. Gesang singt und klingt bei Dante allüberall, nicht stummer, zum Lesen geschriebener Text!

Im vierten Gesang des Inferno wiederum bezeichnet Dante Homer als den “signor dell’altissimo canto”, also als den Herrn, den Herrscher des höchsten Gesanges, den Fürsten des Singens.

Und von Homer – so es ihn denn als Person gegeben hat – wissen wir, dass er seine Gesänge nicht aufschrieb, sondern sie mündlich aus dem Gedächtnis vortrug, gesanglich darbot. Homer soll blind und des Schreibens unkundig gewesen sein. Wolfgang Schadewaldt schrieb mit guten Gründen sein Büchlein über “Die Legende von Homer, dem fahrenden Sänger”. Homer war nicht Literat, er war Sänger.

Kurzum: Wir verfehlen das von Homer und von Dante Gemeinte fundamental, wenn wir ihre aufgeschriebenen Texte, die uns ja unter ihrem Namen in der Tat vorliegen, als Endzweck sehen, als Literatur, die der Literaturwissenschaft als Gegenstand dienen sollte.

Nein, es waren – und sind! – zum singenden klingenden Vortrag gedachte, rhythmisch durchgebildete, sich nicht im geschriebenen oder gedruckten Wort erschöpfende Kunstgebilde. Es sind Gesänge.

Kategorien
Augustinus Dante Selbsthaß

“Da l’odio proprio son le cose tute”. Ist Selbsthaß möglich?

Aufwärts strebt der Baum, der Sonne entgegen; sie ist hier nicht sichtbar, aber sie IST; von ihr rührt alles pflanzliche Sein. Auch die Mistel hat ihre Berechtigung; sie ist nicht böse, ist kein Schädling, denn sie IST.

Am heutigen Dante-Tag, dem Dantedì, den eines meiner europäischen Vaterländer heute, am 25. März, zum ersten Mal ausgerufen hat, stolperte ich mehr oder minder zufällig im 17. Gesang des Purgatorio hinein in sechs Verse, in denen Dantes Vergil die Möglichkeit des Selbsthasses bestreitet:

Or, perché mai non può da la salute 
amor del suo subietto volger viso, 
da l’odio proprio son le cose tute;                                

e perché intender non si può diviso, 
e per sé stante, alcuno esser dal primo, 
da quello odiare ogne effetto è deciso.  

Streckfuß übersetzt die Stelle (V. 106-111) einigermaßen sinngetreu:

Nun, weil ob ihres Gegenstands sich freu’n
Die Liebe muß, an dessen Heil sich weiden,
Drum hat kein Ding den Selbsthaß je zu scheu’n!
Und weil kein Sein sich kann vom Ursein scheiden
Und ohne dieses für sich selbst bestehn,
Muß dies zu hassen jeder Trieb vermeiden.

In groben Umrissen ist der – mit Thomas von Aquin zu deutende – Gedankengang Dantes also folgender: Eine Art wohlwollende Befürwortung des Seins, ein Drang zueinander, in einem Wort: Liebe, deren letzter Ursprung Gott ist, treibt die Welt an, nur durch die Liebe hat alles Geschaffene Gestalt und Gehalt. Geschaffenes, das sich selbst hasst, sich selbst ablehnt oder verwirft, ist eine logische Unmöglichkeit, da eben alles Geschaffene aus der Liebe Gottes entspringt.

Muss man so denken, ist dies logisch zwingend?

Ricordatevi lettori, ihr seid unterrichtet, dass es über die Jahrtausende hin durchaus eine breite Spur an Denkern, Theologen, Psychologen und Sozialpsychologen gibt, die ganz im Gegensatz zu Thomas von Aquin und Dante dem Selbsthass, der Selbstverwerfung, der Selbstablehnung nicht nur die logische Möglichkeit, sondern sogar eine geradezu unvermeidliche Stufe des Selbstverhältnisses zuschreiben.

Aurelius Augustinus, Martin Luther, die Jesus-Worte in Lukas 14,26 oder auch Johannes 12,25 – (Belege sind reichlich in diesem Blog unter der Rubrik Selbsthaß angeführt) – fallen einem sofort in diesem Zusammenhang ein; auch der heute stark ausgeprägte, teilweise suizidale Selbsthass in Teilen der deutschen Kultur ist ein nicht wegzuleugnendes Phänomen, das der Erklärung bedarf!

Dante würde zweifellos gegenüber solchen erstarrten Selbstverwerfungen stets seine Idee der “Läuterung”, also der verwandelnden Erhellung des Seelendunkels in Anschlag bringen. Er würde nachweisen – und er erbringt ja auch den poetischen Beweis in seiner Commedia -, dass der Selbsthaß keinen Bestand hat. Der Hass, auch der Selbsthass, dessen Möglichkeit Dante bestreitet, ist eine vorübergehende Selbsttäuschung. Er schmilzt vor der Sonne weg. Das Seelendunkel wird sich aufhellen.

Nicht zufällig beginnt der 17. Gesang des Läuterungsberges mit einem grandiosen Chiaroscuro-Spiel, einem Ineinanderfließen von Verschattung, von maulwurfshaft verschlossenem, dunkel waberndem Sumpfhauch und mählich durchdringendem Sonnenlicht:

Ricorditi, lettor, se mai ne l’alpe 
ti colse nebbia per la qual vedessi 
non altrimenti che per pelle talpe,                               

come, quando i vapori umidi e spessi 
a diradar cominciansi, la spera 
del sol debilemente entra per essi;                               

e fia la tua imagine leggera 
in giugnere a veder com’io rividi 
lo sole in pria, che già nel corcar era.

Die Aufhellung dieser seelischen Verdunkelung, als die Dante den Hass wie jede Sünde begreift, ist das große Geschehen in diesem 17. Gesang. Mit diesem tröstlichen Gedanken beenden wir den heutigen Dantedì und erwarten das Chiaroscuro der nächtlichen Träume.

Quellentexte:

https://divinacommedia.weebly.com/purgatorio-canto-xvii.html

https://de.wikisource.org/wiki/Göttliche_Komödie_(Streckfuß_1876)/Purgatorio

Kategorien
Antike Dante Gedächtniskultur Natur-Park Schöneberger Südgelände

Belebende Sterne


Io ritornai da la santissima onda rifatto sì come piante novelle rinnovellate di novella fronda com’è puro e disposto a salire alle stelle.

88 weltweit anerkannte Sternbilder gibt es. Ihre Namen gehen zum Teil auf antike Sternsagen zurück. Ursa major, Haar der Berenike, Perseus, Pegasus, Phoenix … der munter erzählende Astronom in der Wilhelm-Foerster-Sternwarte bot uns gestern nacht einen sehr aufschlussreichen Sternenspaziergang. Wir fanden auch den Polarstern, indem wir fünf Mal die Hinterachse des Großen Wagens abtrugen, der Teil des Großen Bären, Ursa maior, ist.
In jeder Betrübnis, die Geist und Sinn gefangen hält, kann der Mensch sich wieder durch Betrachtung des gestirnten Himmels aufrichten. Die oben angeführten Verse vom Ende des Purgatorio beweisen dies. Dante fühlt sich nach längeren Gesprächen über die Unzuverlässigkeit seiner Erinnerung erschöpft. Der Anblick des Sternenhimmels macht ihn neu. Er gewinnt Zutrauen, er gewinnt seine Erinnerung zurück. Er fühlt sich wie ein begrünter Zweig, der mit frischem Laub wiederbelebt wird.
Die unendliche Größe der Welt, die uns gestern vor Augen geführt wurde, wird aufgewogen durch die strahlende, überschießende Freude beim Anblick des ersten zarten Grüns und dieser frischen Weidenkätzchen im Schöneberger Südgelände.

Kategorien
Dante Europäisches Lesebuch Natur-Park Schöneberger Südgelände Novum Testamentum graece Sprachenvielfalt Vater Unser פרקי אבות

Dà oggi a noi la cotidiana manna. Zur vierten Bitte des Vaterunser


23. 4. 81 – Palazzo vecchio, Firenze: Lettura su Dante.

Diesen handschriftlichen Eintrag entdecke ich in schwarzer Tinte in meinem reichlich mitgenommenen Exemplar der Commedia des Dante Alighieri. Soeben fand ich das schmucklose Taschenbuch in meinem Billy-Regal. Dante begleitet mich als lo duca mio seit Jugendjahren, genauer: seit ein Lateinlehrer irgendwann uns Buben in der neunten Klasse einfach so die Anfangsverse der Commedia rezitierte. Ich verstand kein Wort, aber ich verstand den Klang, ich verstand instinktiv die Sprachmusik Dantes, ich verstand: das ist Poesie.

Bei meiner ersten Fahrt nach Florenz im Jahr 1981 besuchte ich meine erste Lectura Dantis, erneut verstand ich wenig. Aber ich verstand: Das ist Philologie! Nur durch den öffentlichen Vortrag, die öffentliche Erläuterung eines solchen überragenden Werkes kann sich seine ungeheure Lebendigkeit erweisen.

Genug der Erinnerungen, zurück zu den drängenden Fragen der Jetztzeit! Der Theologe Eckhard Nordhofen wirft 2 Jahrtausenden Übersetzungsgeschichte vor, fast die gesamte Christenheit bete heute das Vaterunser mit einem eingebauten kapitalen Übersetzungsfehler. Die Bitte “Unser tägliches Brot gib uns heute” sei falsch und widersinnig übersetzt. Es gehe gerade nicht um das gerade biologisch Lebensnotwendige, sondern um das im höheren Sinne Notwendige, das Hinzukommende, das Überwesentliche, das vom Himmel Fallende – das himmlische Brot: panis supersubstantialis. Die amtlichen Übersetzungen des Vaterunser in den unterschiedlichsten Sprachen (deren einige wir überprüft haben, darunter Russisch) seien grundfalsch. Eine taugliche Übersetzung dürfe nicht “unser tägliches Brot”, sondern müsse in etwa “unser überwesentliches, unser himmlisches Brot” lauten.

Andere heutige Theologen und Bibelausleger wiederum – genannt seien hier Gianfranco Ravasi und Joseph Ratzinger – beharren in guter Kenntnis des textkritischen Befundes seit längerem darauf, das “tägliche Brot” meine zunächst einmal das unmittelbare Lebenstaugliche, allenfalls sekundär mit hineingelegt und mitgedacht auch etwas hohes Hinzutretendes, ein “Epiphänomen” der Gnade also.

Was hätte wohl Dante zu dem seit Jahrhunderten schwelenden brandaktuellen Zwist gesagt?

Bei seiner öffentlichen Lectura Dantis in Hamburg wies uns am vergangenen Dienstag der Schauspieler, Essayist und Philosoph Franco Ricordi darauf hin, Dante habe die vierte Bitte des Vaterunser eigenwillig übersetzt.

Wie? Nun, lesen wir zunächst noch einmal das griechische Original:

τὸν ἄρτον ἡμῶν τὸν ἐπιούσιον δὸς ἡμῖν σήμερον

Dante gibt nun in seiner Umschreibung des Vaterunser in Purgatorio XI,13 diesen Vers Mt 6,11 so wieder:

Dà oggi a noi la cotidiana manna –

also zu deutsch etwa:
Gib heute uns das tägliche Manna

oder als stumpf schließender Endecasillabo con uscita tronca, das heißt mit 10 metrischen Silben:

Gib heute uns das täglich Himmelsbrot

Dante kommt damit dem Übersetzungsvorschlag Nordhofens, das ἄρτον ἐπιούσιον als himmlisches Brot zu übersetzen, erstaunlich nahe. Oder besser: Nordhofen kommt dem Übersetzungsvorschlag Dantes erstaunlich nahe.

Der Befund ist klar: Nicht die ganze Christenheit irrte! Dante hat wie einige andere seiner Zeitgenossen auch mit unerhört kühnem Ausgriff eine jahrhundertelange Übersetzungsquerele beizulegen versucht, die uns bis zu diesem Augenblick beschäftigt. Hat er es geschafft? Die Entscheidung liegt beim Du, sie liegt bei dir, o Bittender!

Ein Blick zurück in Demut ist nie verkehrt, sonst dreht man sich im Kreislauf der ewigen Wiederkehr!

Womit übrigens Dante recht behielte, wenn er sagt (Inf. XI, 13f.) :

Dà oggi a noi la cotidiana manna
sanza la qual per questo aspro deserto
a retro va chi più di gir s’affanna

Wir übersetzen abschließend Dantes drei Verse nunmehr:

Gib heute uns das täglich Himmelsbrot,
Fehlt es daran, so sehr wir uns im Kreis drehn,
Führt rückwärts uns der Weg in Wüstennot.

Dante Alighieri: La Divina Commedia. A cura di Fredi Chiappelli. Grande universale Mursia, 4a edizione, Milano 1976, p. 228-229 (Purgatorio, canto XI vv. 13-15)

Nestle-Aland: Novum testamentum graece, ed. vicesima septima, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1999, Seite 13 [Mt 6,11]

Eckhard Nordhofen: Brot. Ein hapax für jeden Tag. Merkur 72 (824), Januar 2018, S. 86-93

Joseph Ratzinger: “Unser tägliches Brot gib uns heute”, in: derselbe, Jesus von Nazareth. Erster Teil. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2007, hier besonders: S. 185-191

Gianfranco Ravasi: “Unser tägliches Brot gib uns heute!” in: derselbe, Fragen und Verstehen. 150 Antworten des Glaubens. Aus dem Italienischen von Gabriele Stein. Mit einem Geleitwort von George Augustin. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2012, S. 289-292

Bild: Die Märzensonne scheint schon wolkenverhangen im winterlichen Februar. Sie wird die Blumenzwiebeln wecken. Aufnahme aus dem Schöneberger Südgelände, 12.02.2018

Kategorien
Dante Karl Marx

Doch muß man glauben! – Muß man?

Eine der nicht eben zahlreich20160514_130355en Stellen, in denen Dante ausnahmsweise die Rolle des Lehrenden, nicht wie üblich die Rolle des zu Belehrenden, des eifrig Lernenden einnimmt, finden wir im 19. Gesang des Inferno.

“Fatto v’avete Dio d’oro e d’argento
e che altro è da voi a l’idolatre,
se non ch’elli uno, e voi n’orate cento?”

“Ihr habt euch Gott gemacht aus Silber und aus Gold,
und worin seid ihr anders als der Götzendiener,
als daß ihr hunderten, doch er nur Einem hold?”
(eigene Übersetzung des hier Schreibenden)

Muß man glauben an Einen, oder darf man auch an hundert Götter glauben?

Seit der Erzählung vom Goldenen Kalb ist die abendländische Überlieferung gespickt mit Warnungen vor der Vergötterung von Gold und Geld. Karl Marx, der Begründer des wissenschaftlichen Kommunismus, schleudert seinen gehässigen Bannstrahl auf das Volk, dem er doch entstammt, indem er in seiner Schrift “Zur Judenfrage” das Judentum als “Religion des Geldes” bezeichnet. Moses selbst zweifelt an seiner Aufgabe, als er sieht, wie sein Volk Israel einem selbstgemachten Gott huldigt. Er zertrümmert die Gesetzestafeln, die er eben erst auf dem Sinai empfangen hat. Und Dante zählt im 19. Gesang der Hölle mit dem Papst Nikolaus III., dem Apostel Judas und mit der Konstantinischen Schenkung des Kirchenstaates an Papst Silvester I., einer der wirkungsvollsten Geschichtsfälschungen  des Abendlandes, eine lange Reihe von Sünden auf, in denen der Glaube an die Heilkraft und die Macht des Geldes die Christen in die Irre geführt hat und auch weiterhin führt. Für Mose, Dante Alighieri, Karl Marx und einige andere, darunter auch Fausts Gretchen, stand fest: Das Geld und das Gold kann niemals die Grundlage der Glückseligkeit sein. Es kann nicht das Fundament sein, auf das sich echter Glaube stützt.

 

Doch muß man glauben!
Muß man?

 

Bild: Mailand: ein Blick auf Kathedralen des Geldes

 

Quellen:

Die Bibel, Zweites Buch: “Und das sind die Namen”/ “Auszug”, hierin insbesondere Kapitel 32. Zum Beispiel nach folgender Ausgabe: Neue Jerusalemer Bibel. Herder Verlag Freiburg Basel Wien, 1. Auflage der Sonderausgabe 2007, Buch Exodus, Kapitel 32, S. 119-121

Dante Alighieri: La Divina Commedia. A cura di Fredi Chiappelli. Grande universale Mursia, 4a edizione, Milano 1976, p. 108-112 (Inferno, canto XIX, insbesondere vv. 112-114)

Karl Marx: Zur Judenfrage, in: Karl Marx: Die Frühschriften. Herausgegeben von Siegfried Landshut. 7. Auflage. Neu eingerichtet von Oliver Heins und Richard Sperl. Geleitwort von Oskar Negt. Stuttgart: Kröner 2004 [=Kröners Taschenausgabe; Band 209] S. 237-274, hier bsd. S. 268-270

 

 

Kategorien
Dante Natur-Park Schöneberger Südgelände

“Pecore matte”?, oder: Sind Schafe immer “lammfromm” oder “gut”?

Eine unerschöpfliche Quelle von Beobachtungen bieten die Hornschafe im Natur-Park Schöneberger Südgelände! So manche gute Stunde habe ich damit verbracht, sie anzuschauen. Und so heißt diese Rasse ja denn auch: “Guteschaf”, wobei “Gute-” sich auf die Herkunft dieser Spielart bezieht, nämlich Gotland in Schweden. Die Widder tragen spiralförmige prachtvolle Hörner, die Hörner der Auen sind krumm wie eben die Krummhörner.

Hier eine Aufnahme vom 26. Mai 2016. Erstaunlich sind die schnellen Läufe einzelner Tiere, das spielerische Rangeln und Raufen, das heftige Aufeinanderprallen kämpfender Widder. Zu Beginn ist eine niesende Aue zu hören und zu sehen. Das gesamte Sozialverhalten der geselligen Tiere weicht stark von dem der üblichen Hausschafe ab. Die Herde zeigt starke selbstregulatorische Verhaltensmuster: Ruhen, Äsen, Spielen, Kämpfen, Fellwechsel scheinen sich von selbst in dieser Lebensgemeinschaft “einzuspielen”. Als ich sie heute erneut besuchte, war der Fellwechsel vollzogen. Der dicke Winterpelz, den einige Tiere noch vor wenigen Tagen zeigten, hat sich in großflächigen Abschnitten abgelöst.

Von der angeblichen “Schafsgeduld” konnte ich wenig entdecken. Im Gegenteil! Die Herde wirkt außerordentlich aktiv, sie gestaltet ein geselliges Leben, sie gestaltet verändernd auch das eigene Lebensumfeld. Die einzelnen Tiere zeigen Neugierde, Anlehnungsbedürfnis, Geselligkeit, Rivalität, Aggression und Gemeinschaftssinn.

Die Antwort auf unserer heutige Frage lautet also: Schafe sind keineswegs nur lammfromm. Dante hatte einst gedichtet: “Siate uomini e non pecore matte – Seid Männer, nicht tumbe Schafe!” Ich meine, er würde seine vorgeprägte Meinung über Schafe ändern, wenn er sähe, wie ausgelassen Schafe tollen, wie tapfer und mannhaft sie kämpfen können!