Dez 272019
 
Johann Wolfgang von Goethe: Lebendmaske. Gips, schellackiert. Mastermodell gefertigt vor 1950. Staatliche Museen zu Berlin, Gipsformerei (Original am Gesicht Goethes gefertigt im Oktober 1807 durch Carl Gottlieb Weißer). Fotografische Aufnahme gefertigt am 26.12.2019 durch den hier schreibenden Vf. in der Ausstellung “Nah am Leben. 200 Jahre Gipsformerei” in der James-Simon-Galerie Berlin

Zu den nützlichen, gefälligen, aber leider auch notwendigen Geschenken, die uns an Heiligabend überreicht wurden, zählen wir “Das magische Aufräumbuch” von Inga Scheidt. Durch fleißiges Lesen dieser Hinweise, die sich zwanglos in den Fächern “Loslassen, Ordnung schaffen, durchatmen” rubrizieren lassen, hoffen wir gleichsam magisch, wie im Handumdrehen eine noch bessere Ordnung in Schreibstube, Küche, Schlafgemach und Keller herbeizuführen! “Richten Sie sich ein Regal mit Ordnern für die wichtigsten Unterlagen ein”, lautet eine der durchaus beherzigenswerten Einsichten der Autorin.

Neben dem Lesen des magischen Aufräumbuches fanden wir gestern zum ersten Mal auch Zeit, die neue James-Simon-Galerie ausführlich zu erkunden, und zwar nicht als Durchgang oder Übergang zu den fünf verschiedenen Museen der Museumsinsel, sondern um ihrer selbst willen! Ein derartiger Besuch lohnt sich! Uns überraschte zunächst der freie herrliche Ausblick, den man vom Kolonnadengang aus auf den Lustgarten und den Kupfergraben genießt. Hier der Beleg:

Hervorheben möchten wir heute die Ausstellung “Nah am Leben”, in welcher die Gipsformerei ihr gesamtes Handwerk und ihre Kunstfertigkeit an ausgewählten Beispielen zeigt. Besonders tat es mir gestern unter allen ausgestellten Stücken die Lebendmaske Goethes an, die der Alte vom Frauenplan im Jahr 1807 von seinem Gesicht abnehmen ließ. Es waren genau die Monate, in denen Goethe seine Wahlverwandtschaften verfasste! Und siehe da, auch hier spricht er das Thema des Ordnens, Aufräumens und Loslassens an. Er schreibt im vierten Kapitel des ersten Teils über den reichen Baron Eduard:

Zwar von Natur nicht unordentlich, konnte er doch niemals dazu kommen, seine Papiere nach Fächern abzutheilen. Das, was er mit Andern abzuthun hatte, was bloß von ihm selbst abhieng, es war nicht geschieden, so wie er auch Geschäfte und Beschäftigung, Unterhaltung und Zerstreuung nicht genugsam von einander absonderte. Jetzt wurde es ihm leicht, da ein Freund diese Bemühung übernahm, ein zweites Ich die Sonderung bewirkte, in die das eine Ich nicht immer sich spalten mag.

Sie errichteten auf dem Flügel des Hauptmanns eine Repositur für das Gegenwärtige, ein Archiv für das Vergangene, schafften alle Dokumente, Papiere, Nachrichten aus verschiedenen Behältnissen, Kammern, Schränken und Kisten herbei, und auf das Geschwindeste war der Wust in eine erfreuliche Ordnung gebracht, lag rubricirt in bezeichneten Fächern. Was man wünschte, ward vollständiger gefunden, als man gehofft hatte. Hierbei gieng ihnen ein alter Schreiber sehr an die Hand, der den Tag über, ja einen Theil der Nacht nicht vom Pulte kam und mit dem Eduard bisher immer unzufrieden gewesen war.

Ich kenne ihn nicht mehr, sagte Eduard zu seinem Freund, wie tätig und brauchbar der Mensch ist. Das macht, versetzte der Hauptmann, wir tragen ihm nichts Neues auf, als bis er das Alte nach seiner Bequemlichkeit vollendet hat, und so leistet er, wie du siehst, sehr viel; sobald man ihn stört, vermag er gar nichts.

Ein Vergleich zwischen den beiden Autoren Scheidt und Goethe ergibt: Scheidt setzt beim Bewußtseinswandel im einzelnen Menschen an. Sie verlangt vom Aufräumenden “einen Entschluss, den entscheidenden Klick im Kopf”. In Scheidts Weltsicht soll das Ich gewissermaßen endlich Herr im eigenen Hause werden; die äußere Ordnung spiegelt dann eine innere seelische Gestimmtheit, spiegelt Einklang mit sich und der Welt wider.

Goethe dagegen erzählt zu Beginn der Wahlverwandtschaften die Herstellung der Ordnung als Gemeinschaftsleistung mehrerer tätiger Individuen; nur im Zusammenwirken gelingt wie im Handumdrehen die wohltuende, entlastende, zeitsparende Ordnung, die neben dem Seelenfrieden auch Muße und Gelassenheit für das gemeinsame Erleben des Schönen schafft. Der einzelne Mensch allein schafft es nicht!

Wer hat nun recht, Goethe oder Scheidt? Die Entscheidung hierüber ist nicht abstrakt zu treffen. Sie ruht letztlich beim tätigen Erleben, beim Handeln und Anpacken, bei der Veränderung! Ein unbestreitbares Moment des Wahren steckt zweifellos in beiden Ansätzen, das erst im verändernden Zugriff auf Welt und Umwelt seine Wirklichkeit erweisen wird.

Quellenangaben:
Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften. in: Goethes Sämmtliche Werke. Vollständige Ausgabe in zehn Bänden. Fünfter Band. Stuttgart. Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung. 1885, S. 316-499, hier S. 334

Inga Scheidt: Das magische Aufräumbuch. Loslassen, Ordnung schaffen, durchatmen. Naumann & Göbel Köln, ohne Jahresangabe, hier bsd. S. 16 und S. 91

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Dez 182019
 
Helm. Geige. Rad. Zug. Tasche. Mehr brauchst du nicht, um von Berlin-Schöneberg nach Grünheide-Fangschleuse zu gelangen und 2 Tage dort in der Nähe zu verbringen. Aufnahme vom 12.11.2019

ἔγειρε ἆρον τὸν κράβαττόν σου καὶ περιπάτει, “Pack dein Bett und geh”, so knapp und unwirsch ermuntert Jesus in griechischer Sprache – nach dem Zeugnis des Evangelisten Johannes – einen Gelähmten, der nicht mehr auf seine Kraft vertraut, “es auch alleine zu packen” (Joh 5,8).

Πάρε το βιολί σου και παίξε, “Nimm deine Geige und spiel”, genau so möchte ich in griechischer Sprache die Erkenntnisse zusammenfassen, die der professionelle Geiger Antoine Morales in einem sehr empfehlenswerten Buch allen Erwachsenen mit auf den Weg gibt, die noch im Erwachsenenalter den echten Wunsch verspüren, die Geige zu erlernen. Er beweist: Es ist möglich, man muss es nur richtig anpacken!

Wer den echten Wunsch, den starken Traum hat, die Violine zum Singen zu bringen, selber zum Klingen zu kommen, der wird es auch schaffen. Der richtige Lehrer wird dann das Zutrauen in das Gelingen, das Vertrauen in die eigene Lernfähigkeit bestärken.

Besonders beeindruckt hat mich die Geschichte Alexandras, einer jungen Frau, die mit einer zerebralen Lähmung zum ersten Geigenunterricht erschien. Sie konnte ihren vierten Finger nicht bewegen! Es stellte sich heraus: Sie glaubte, ihn nicht bewegen zu können. Sie war der festen Meinung, gelähmt zu sein. Dies ist es, was Morales einen limiting belief nennt, also einen selbst auferlegten Glauben, man könne etwas NICHT tun.

Nun, Alexandra lernte den vierten Finger richtig auf die Saite setzen, – es gelang ihr, einen schönen Ton zu produzieren! Ein kleines Wunder, möchte man meinen. Und doch nur der unerschütterliche Glaube an die Stärke, an die Gelingenszuversicht, die jeder Mensch auch noch im Erwachsenenalter aufbringen kann.

Dabei saugt sich Morales nichts aus den Fingern! Er hat ja jahrzehntelang selbst den heute weltweit überall ähnlich vertretenen Geigenunterricht mit unterschiedlichen Lehrern durchlaufen, musste sich mühsam freischwimmen, oder besser freispielen. Methodisch und didaktisch ist das Büchlein meines Erachtens rundweg einwandfrei zu nennen; jeder Geigenlehrer, der zum ersten Mal mit erwachsenen Anfängern arbeitet, sollte es einmal zur Hand nehmen. Es vermittelt einen Weg, die unleugbaren Hindernisse, die dem Erlernen eines Streichinstruments im fortgeschrittenen Alter entgegenstehen, anzunehmen, zu durchschauen und nach und nach in einen Vorteil umzuwandeln.

Wer den Traum hat, Geige zu lernen, wird ihn mithilfe eines geeigneten Lehrers und dank methodisch überlegten Vorgehens, zu dem Antoine Morales wertvolle Anstöße liefert, auch verwirklichen.

Nachweis:
Antoine Morales: Geige lernen mit Erfolg. Als Erwachsener. Münster 2019, darin: “Die Geschichte von Alexandra”, S. 38-44

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Dez 102019
 
“GASAG. FÜR EIN CO2-FREIES BERLIN.” Plakat der GASAG an einem Rohbau auf dem EUREF-Campus. Berlin-Schöneberg, Aufnahme vom 04.11.2019

Geradezu irre, manische, ja manichäische Züge nimmt mittlerweile der erbitterte Kampf gegen das Kohlendioxid an! Was ist etwa von dem Slogan “Für ein CO2-freies Berlin” zu halten, wie ihn seit Wochen am hellichten Tag die GASAG verkündet?

Fragen tauchen auf! Hat Berlin eine eigene Atmosphäre? Kann die Stadt sich in einer Blase abkapseln, um wirklich ganz kohlendioxidfrei zu werden? Man möchte es meinen! Kaum zu fassen, die Entfernung des gesamten Kohlendioxids würde das Ende des organischen Lebens in dieser Stadt bedeuten. Das wird jeder Biologe, jeder Naturwissenschaftler bestätigen. Wollen wir das?

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Dez 082019
 
Stephen Shore: Mar Saba, das Sabas-Kloster in der Wüste Juda. Digitaler Fotoausdruck. Gesehen in der Fotoausstellung המקום זה / Dieser Ort, Jüdisches Museum Berlin. Aufnahme des Verfassers vom 28.11.2019

Stellt euch vor, der folgende Text wäre in dem obenstehenden Kloster gefunden worden. Ein unvollständiger, vielfach lückenhaft überlieferter Text wäre aus einer fernen Zeit in eure Hände gelangt. Ergänzt die fehlenden Textstellen! Was entdeckt ihr? Was legt ihr in den Text hinein? Schreibt den Text weiter!

“[…] Es ging jetzt etwas in ihrem Körper vor. Die Brüste füllten sich, durch die Adern an Armen und Beinen rollte ein dickerer Blutstrom, sie spürte ein unbestimmtes Drängen gegen Blase und Darm. Ihr schmaler Körper wurde nach innen tief, empfindlich, lebendig, fremd, eins nach dem anderen; ein Kind lag licht und lächelnd in ihrem Arm; von ihren Schultern strahlte das Goldkleid der Go[…] zu Boden, und die Gemeinde sang. Es war außer ihr, der H[…] […]en! […]”

Robert Musil: Clarissens geheimnisvolle Kräfte und Aufgaben, in: ders., Der Mann ohne Eigenschaften. Roman. Erstes und Zweites Buch, 4. Aufl., Januar 2018, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, S. 435-445, hier: S. 436

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