Okt 262021
 
Faustův dům, das „Faustische Haus“, am Karlsplatz in Neustadt gelegen – in direkter Nachbarschaft der Universität.

Faust, der vielbeschreyte Schwarzkünstler, Aufschneider, Zauberer, alfanzende Mädchenverführer soll hier seinen Pakt mit dem Teufel eingegangen sein. Lange Beobachtungsreihen waren wohl seine Sache nicht – ganz im Gegensatz zu dem deutlich seriöseren Franz Hofmeister. Das dunkle Treiben des englischen Mystikers und Alchemisten Edward Kelly, der hier ab 1587 auf Geheiß von Kaiser Rudolf II. seine Experimente vollführte, dürfte dem Haus diesen Übernamen eingetragen haben.

Im Innenhof des Prager Fausthauses, heute kurz vor 18 Uhr

In einer Hofecke schraubte ein Mann am Boden eines Autos herum. Nüchternes Heute!

Da das Haus nur bis 18 Uhr geöffnet bleibt und ich nicht in den Fängen von Zauberern oder Alchemisten gefangen werden wollte, verließ ich den Innenhof nach wenigen Minuten wieder.

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Du bist der erste nicht!

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Okt 062021
 
Blick vom Steubenplatz auf ein Brachfeld, Potsdamer Stadtschloss, Nikolaikirche, Wohngebäude mit Mittelbrandenburgischer Sparkasse, Bauzaun vor Bauplatz, 4 Baukräne. Aufnahme vom 4. Oktober 2021

Unaufhörlich bauet die Zeit, reißt wieder ein,
Was sie gebaut mit mächtigem Arm – es gilt ihr als nichtig.
Was du im großen entstehen hast sehn, nicht sinnst du es aus.
Merke dir, Wanderer, das und tue im kleinen desgleichen!

Diese Verse kamen mir unwillkürlich in den Sinn, als ich vorgestern mittags in Gedanken versonnen über den Steubenplatz meinen Weg zurück zu meinem Dienstort suchte. Wer mochte diese Hexameter wohl gedrechselt haben? Mir war es so, als kämen sie von weit weit her.

„Merke dir Wanderer, das …“, richtig: Goethe hatte diese Wendung in einem seiner Venezianischen Epigramme gefunden. Und in der Tat, es gibt kaum eine italienischer geplante, italienischer gebaute Stadt in Deutschland als es Potsdam vor seiner Zerstörung im zweiten Weltkrieg war. Das hier nicht zu sehende Museum Barberini, überhaupt der Alte Markt vermag heute wieder einen Eindruck davon zu geben.

Doch das Ganze drumherum, diese Einsicht in das notwendigerweise Unabgeschlossene jedes städtebaulichen Strebens und Wollens? Städte sind teils geplant, teils wuchern sie weiter, ergreifen Brachfelder, teils werden sie zerstört… Endgültiges ist nicht. Diese Erkenntnisse – ich war der erste nicht, der sie hatte – flossen schließlich zusammen in diese vier harmlosen Zeilen. So, und da stehen sie nun hier. Sie sind einfach so gekommen – gekommen um zu bleiben.

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Weisungslos Wandern im Weglosen in den Werbelliner Wäldern

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Sep 172020
 

Prachtvolle alte, beständig sich verjüngende Baumbestände durchwanderten wir am 30. August 2020. Als Wanderstrecke hatten wir am Vorabend die Route „Joachimsthal-Altenhof-Hubertusstock. Rund um den Werbellinsee“ gewählt, und zwar nach folgendem, in vielerlei Hinsicht vortrefflichem Büchlein:

Bernhard Pollmann: KOMPASS Wanderführer+Karte Berlin-Brandenburg. 75 Touren. Innsbruck 2017, S. 188-191

Das Abenteuer im Weisungslosen begann bereits mit dem Schienenersatzverkehr ab dem Bahnhof Eberswalde, denn wegen Lokführermangels konnte die fahrplanmäßige Bahnverbindung zum Ausgangspunkt der Wanderung, dem Kaiserbahnhof Joachimsthal nur mit einem eiligst beorderten Bus bedient werden. Der sehr freundliche Busfahrer erkundigte sich nach der Strecke und nach unseren Fahrtzielen, und einige ortskundige Mitreisende schlugen ihm eine geeignete Route zu dem vorgegebenen Endbahnhof vor.

Betrachtet das Bild aus dem Inneren der Werbelliner Berge! Ihr seht mittig einen uralten Baumstumpf aufragen, der bis auf Schulterhöhe von einer Moosschicht überwachsen wird. Was mag den Riesen gefällt haben? Ein zuckender Blitzschlag, knickender Windwurf, jahrelang nagende Kernfäule? Schaut genauer hin: Schwämme klammern sich an den Flanken des gebrochenen Titanen fest, Spinnen haben an einigen Stellen ein feines Gespinst gewoben, um darin Fliegen zu fangen.

Die mächtige Krone der abgestorbenen Buche ist nicht mehr zu erkennen. Junges, frisches, aufsprießendes Grün hat Platz gegriffen, wo einstmals die weit ausgebreitete Baumkrone Licht in sich aufnahm und Wasser von Regengüssen aufsaugte. Büsche und junge Bäume suchen sich nun einen Platz, streben ungestüm dem Licht entgegen! Nicht alle werden sich behaupten, vielleicht wird nur ein einziger Baum die Größe, den Stammumfang des vormaligen Herrschers dieser Lichtung erobern.

Doch damit nicht genug! Weitere Überraschungen erwarteten uns: die angekündigten Markierungen fehlten meist, oftmals erkannten wir an Weggabelungen oder Kreuzungen nicht, wie wir weitergehen sollten. Nach einigen Kilometern fanden wir denn doch noch einen Wegweiser auf einem morschen Zaunpfahl. Doch dieser Wegweiser war frei drehbar in beliebige Richtung, und die Richtung, in der jetzt zufällig gerade zeigte, führte weglos ins Unterholz. Einige Male endeten wir derart im Weglosen, im Unbegangenen – wir waren auf einem Holzweg! Holz lautet ja ein alter Name für Wald. Holzwege sind weisungslose Wege, die im Unbegangenen enden.

Und siehe da – wir gelangten auf einem kaum erkennbaren Pfad zu einem Ansitz, vor dem auf einem Pfahl ein mächtiger Salzstein in Kopfhöhe ausgelegt war. Hier soll wohl das Rotwild direkt vor die Flinte angelockt werden, und wenn es dann den Hals emporbeugt, bietet es sich dem Jäger auf dem Hochsitz ungeschützt zum Blattschuss dar.

Theodor Fontane ist es, der uns erzählt, dass der Werbelliner Forst weltweit an der der Spitze des Jagdwildbestandes liege – übertroffen nur vom Kopenhagener Tiergarten („Dyrehave“), und er fährt fort:

Aber an Rotwild bleibt Werbellin à la tête. Seine Forsten umschließen dreitausend Hirsche, die größte Zahl, die, soweit die Kenntnis davon reicht, an irgendeinem Punkte der Welt, innerhalb eines abgegrenzten Reviers gehalten wird. Hier war denn auch, wie selbstverständlich, der Platz, wo sich die Zahl der getöteten Hirsche (denn trotz des Prinzips der Schonung müssen die alten weggeschossen werden) auf eine Höhe bringen ließ, die selbst von den Taten des Cooperschen »Hirschtöters« schwerlich erreicht worden ist. Der jetzt im Potsdamer Wildpark angestellte Wildmeister Grußdorf war dreißig oder vierzig Jahre lang Förster im Werbelliner Forst, und die Leute versichern von ihm, daß er derjenige Jäger sei, der in seinem Leben die meisten Hirsche geschossen habe. Er kannte nicht nur alle, die überhaupt da waren, er fand auch alle, die er finden wollte, und traf alle, die er treffen wollte. 

Wir können nicht vorhersagen, wie es an diesem verschwiegenen Ort bei Joachimsthal weitergeht. Doch wir sind gewiss: Die Natur wird sich behaupten, unter all den Pflanzen und Tieren bildet sich eine wandelbare Lebensgemeinschaft heraus, die auch über den Tod des einzelnen Lebewesens, etwa den Tod dieser uralten Buche hinausgeht.

Ein großartiges Theater, das sich abseits des Weges vor unseren staunenden Augen auf dieser begeisternden Wanderung entfaltete. Weisungslos! Denn ein menschlicher Regisseur für dieses beständig sich erneuernde, sich verjüngende Schauspiel des Lebens ist nicht zu erkennen.

Zitat
Theodor Fontane: „Am Werbellin„. In: ders., Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil. Das Oderland. Barnim-Lebus. Herausgegeben von Gotthard Erler und Rudolf Mingau. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2005, S. 480-486, hier S. 483

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Tief greifen die Wurzeln der Tanne in den…

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Jul 242020
 

Tief greifen die Wurzeln der Tanne in den Boden, leicht zieht sie mit ihren Fasern die Nährstoffe in sich ein. Schon lange steht sie hier auf dem Schöllkopf, nicht weit von Freudenstadt entfernt, wohl 250 bis 300 Jahre ist sie alt, sie, die nachweislich mächtigste Tanne des ganzen Schwarzwaldes! Erst stand sie freistehend, spendete Schatten dem unter ihr weidenden Vieh; später wurde rings um sie herum aufgeforstet.

Großvatertanne wird sie genannt. Da sie sich bester Gesundheit erfreut, mag sie durchaus das natürliche Höchstalter der Tanne, also etwa 400 Jahre erreichen. 46 Meter ist sie hoch, ihr Stammvolumen umfasst 36 Kubikmeter.

Tanne und Buche sind die beiden Baumarten, die von Natur aus hier auf etwa 700 m Höhe über dem Meer am besten gedeihen. Sie sind die Charakterbäume des Schwarzwaldes; die heute oftmals dominante Fichte wurde erst später durch den Menschen zur Ausbeutung als Monokultur nachgepflanzt.

Ich legte am Sonntag, dem 19. Juli 2020, meine Hand auf die merkwürdig sanft anmutende Rinde der Großvatertanne. Sie war schon lange vor mir da, sie wird auch lange nach mir noch da sein. Und doch kann ich Fühlung mit ihr aufnehmen. Beglückend!

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Wo steht dieses Fahrrad – in Baden oder in Württemberg?

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Jul 142020
 

Wo befindet sich mein schwarzes Rössle mit den azurblauen Fesseln, das mich jeden Tag von meiner Unterkunft zu meinem derzeitigen Dienstort trägt, verlässlich und treu? Das Rössle hört auf den Namen Haibike SDURO CROSS 5.0, statt Heu frisst es jeden Tag 0,2-0,4 KWh Strom, genügsam steckt es Wurzeln und spitze Steine weg, fröhlich packt es jede Steigung, hurtig wie der Wind rennt es die steilsten Hänge hinab. Und es liebt Rätsel!

Hier also das Rätsel: Ist das Rössle auf diesem Bild in Baden oder in Württemberg? Kleine Hilfestellung: Wir sind hier an der historischen Grenze zwischen dem Großherzogtum Baden-Baden und dem Herzogtum Württemberg (bzw. dem späteren Königreich Württemberg, 1806-1918). Weiter hinten hat sich die Kinzig ihren windungsreichen Weg durch die vermoorten Buntsandsteinhochflächen und felsendurchsetzen Flanken bis tief hinunter in das aus Gneis und Granit gebildete Grundgebirge gefräst.

Die Sonne lacht, der Sommer schickt seine Wärme in wehenden Wellen über die Wiesen hin, das Tal blitzt und blinkt, dass dir das Herz im Leibe springt.

Wo steht das Rössle auf obigem Bild? Weißt du es?

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Von Paris nach Kienbaum: Wanderungen in der Sprachenfuge

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Jun 012020
 

Von Paris nach Kienbaum! Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens! Fast bis zur Quelle der Löcknitz hat es also diese Aneinanderreihung von einfältigen Bitten geschafft, die erstmals zu Paris im Jahr 1912 in der Zeitschrift La Clochette erschienen ist.

O einfältige Bitte! Du hast die Sprachengrenze vom Französischen ins Deutsche überwunden, bist Flüsse bergauf gewandert, hast Gebirge überwunden – wandere weiter! Du hast noch viel Puste!

Hier deine älteste bezeugte Fassung des Jahres 1912:

Seigneur, faites de moi un instrument de votre paix.
Là où il y a de la haine, que je mette l’amour.
Là où il y a l’offense, que je mette le pardon.
Là où il y a la discorde, que je mette l’union.
Là où il y a l’erreur, que je mette la vérité.
Là où il y a le doute, que je mette la foi.
Là où il y a le désespoir, que je mette l’espérance.
Là où il y a les ténèbres, que je mette votre lumière.
Là où il y a la tristesse, que je mette la joie.
Ô Maître, que je ne cherche pas tant à être consolé qu’à consoler, à être compris qu’à comprendre, à être aimé qu’à aimer, car c’est en donnant qu’on reçoit, c’est en s’oubliant qu’on trouve, c’est en pardonnant qu’on est pardonné, c’est en mourant qu’on ressuscite à l’éternelle vie.

http://www.franciscan-archive.org/franciscana/peace.html

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Architettura metafisca – der Flughafen BBI an Christi Himmelfahrt

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Mai 232020
 

Nur als ein zeitenthobenes, sehr kostbares Kunstwerk ist der Flughafen Berlin Brandenburg International Willy Brandt so recht zu erfassen und zu würdigen! Seit über 8 Jahren im Großen und Ganzen fertig, nie genutzt, menschenleer, lud er uns bei strahlender Sonne vorgestern zum langen Spazieren und saumseligen Verweilen ein! Hier der neue Willy-Brandt-Platz: Scharfkantige geometrische Architektur, breite ungenutzte Flächen, schroffe Schlagschatten, die an den italienischen Städtebau der 1930er Jahre erinnern (Giuseppe Terragni, Mario Ridolfi, Vincenzo Pilotti u.a.). Auch die Pittura metafisica eines Giorgio de Chirico fällt einem ein. Una cattedrale nel deserto! Architettura metafisica, phantastisch! Hier eine Aufnahme vom Herrentag 21. Mai 2020

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Von Belzig auf den Hagelberg – Wanderung im blühenden Mai

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Mai 182020
 
Im schmuck hergerichteten Städtchen Belzig, dem ehemals wichtigen Knotenpunkt im Barnim, kreuzten sich wichtige Handelsrouten nach Magdeburg, Jüterbog, Wittenberg, Brandenburg, Zerbst und Dessau. Diese alte Postmeilensäule wurde 1725 in Belzig aufgestellt.
Heute erschließen sich den Wanderern von Belzig aus zahllose Pfade durchs üppige Grün, durch munter plätschernde Bachgründe, an alten Kopfweiden vorbei.
Von der alten Trutz- und Wehranlage, der Burg Eisenhardt, konnten wir zu Beginn der gestrigen Wanderung einen herrlich weiten Blick über den Fläming gewinnen, bis hin zu den fernen Hügelzügen, landschaftsprägenden Aufschüttungen, die vor wohl 300.000 bis 125.000 Jahren während der Saaleeiszeit diesem Gebiet sein leicht gewelltes, sanft wiegendes Antlitz gaben.
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Kinder, wer sind diese fleißigen Gesellen?

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Mai 112020
 
Im Tal der Briese bei Birkenwerder am 10. Mai 2020
Wir staunten gestern auf unserer Wanderung darüber!
„Land unter“ im Naturpark Barnim
Wer hat diesen Staudamm so kunstfertig aufgeschlichtet?

Nicht zu fassen,
Die dreisten Gesellen!
Sie können’s nicht lassen,
Die Bäume zu fällen
Im Tal der Briese,
Sie stauen die Quellen,
Sie fluten die Wiese,
Sie hausen im Dunkeln,
Sie nagen bei Nacht,
Bleib wach und munter,
Du nimm dich in acht,
Wenn Sterne funkeln,
Sonst gehst du unter.

Nun frage ich euch, liebe Kinder: Wer ist gemeint? Wer sind die fleißigen Gesellen, das dreiste Gelichter?

Antwort: Es sind die … !

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„Mein Falk ist der Kapp und der Stange so leid“

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Okt 152019
 
Alles wartet auf Janine, das Sakerfalkenweibchen. Vorführung der uralten Kunst der Beizjagd mit dem Falken. Greifvogelpark Umhausen, Ötztal, 28.08.2019

Gespanntes Ausharren im weiten Rund des Greifvogelparks. Stille herrscht. Der Falkner wartet auf Janine, das Sakerfalkenweibchen. Gleich wird sie heranstürmen auf wendigen Flügeln! Wir wohnen einer Vorführung der uralten Kunst der Beizjagd mit dem Falken bei. Eine willkommene Gelegenheit, der vielfachen Erwähnungen der Beizjagd in Franz Schuberts Liedern zu gedenken, die weiterhin in meinem Herzen summen! „Mein Falk ist der Kapp und der Stange so leid“, heißt es im „Lied des gefangenen Jägers“.

Wir legen uns die Szenerie des Liedes mit allerlei Ausschmückungen so fest. Dieses etwa denkt der gefangene Jäger:

Müde steht mein Roß im Stall. Es hebt kaum den Kopf. Es scheint zu fragen: „Und wer bist du?“ Das lange Warten hat auch meinem Falken zugesetzt. Das beständige Sitzen auf der Stange hat ihn mißmutig gestimmt, die engsitzende Kappe betäubt ihn offenkundig. Gefangenschaft – diese Gefangenschaft! – macht krank. Dieses Leben hier widert mich an! Das edle Windspiel, das mein Vater mir zum 18. Geburtstag geschenkt hat, verweigert seit Tagen die Nahrungsaufnahme. Sein Blick – ein einziger langgezogener Vorwurf! O wie anders war es doch, als ich dem Hirschen im Buchenwald nachhetzte, den Bluthund auf seine Fährte setzte, den Bogen gespannt, als ich meinen Falken Jenny auf Fasanen und Rebhühner jagen ließ! […]

Hier der Text, den Schubert vertont hat. Es handelt sich um eine Übersetzung des „Lay of the imprisoned huntsman“ aus Walter Scotts „Lady of the Lake“.

Mein Roß so müd in dem Stalle sich steht,
Mein Falk ist der Kapp‘ und der Stange so leid,
Mein müßiges Windspiel sein Futter verschmäht,
Und mich kränkt des Turmes Einsamkeit.
Ach wär ich nur, wo ich zuvor bin gewesen,
Die Hirschjagd wäre so recht mein Wesen,
Den Bluthund los, gespannt den Bogen:
Ja solchem Leben bin ich gewogen.

[…]

Wie sagte und sang doch Walter Scott:

My hawk is tired of perch and hood,
My idle grey-hound loathes his food,
My horse is weary of his stall,
And I am sick of captive thrall.
I wish I were, as I have been,
Hunting the hart in forests green,
With bended bow and blood-hound free,
For that’s the life is meet for me.

„I hate to learn the ebb of time,
From yon dull steeple’s drowsy chime,
Or mark it as the sun-beams crawl,
Inch after inch, along the wall.
The lark was wont my matins ring,
The sable rook my vespers sing;
These towers, although a king’s they be,
Have not a hall of joy for me.

„No more at dawning morn I rise,
And sun myself in Ellen’s eyes,
Drive the fleet deer the forest through,
And homeward wend with evening dew;
A blithesome welcome blithely meet,
And lay my trophies at her feet,
While fled the eve on wings of glee, –
That life is lost to love and me!“

Nachweise:

Lied des gefangenen Jägers. Aus Walter Scotts Fräulein vom See. Etwas geschwind. In: Schubert-Album. Sammlung der Lieder für eine Singstimme mit Pianofortebegleitung von Franz Schubert. Nach den ersten Drucken revidiert von Max Friedlaender. Band II. Leipzig, C.F.Peters, o.J., S. 106-109

Lay of the imprisoned huntsman. In: The Lady of the Lake. By Walter Scott. Edited with introduction and notes by Elizabeth A. Packard. Head of English and History in the High School at Oakland, California. The Macmillan Company, Published April 1900, o.O., Seite 162-163

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