Das allrussische Großmachtsreich strebt mit aller Gewalt nach Westen

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Mrz 122022
 
Die Rote Fahne mit Hammer und Sichel auf einem russischen Panzer in der Ukraine. Screenshot RAI News 24, 12.03.2022

Welthistorische Erinnerungen tauchen auf, wenn ich in verschiedensten europäischen Sprachen – darunter Russisch, Ukrainisch, Italienisch – die Berichterstattung über den imperialistischen Zerstörungskrieg Russlands gegen die Ukraine verfolge und mir ein Gesamtbild zu verschaffen suche! Mit geballter Wucht rollen in diesen Augenblicken die russischen Panzer auf Kyiw zu. Sie sollen offenkundig das allrussische Reich, von denen schon die russischen Zaren und die russischen Bolschewiki träumten, mit Geschützdonner und Bombardierungen wiederaufbauen.

Stolz und aggressiv wie eh und je flattert heute, in diesen Augenblicken, die sowjetische Rote Fahne von diesem russischen Panzer. – Reib dir die Augen, sieh ihn dir an: da rollt doch die „Allrussische“ Union der Sowjetrepubliken heran. Wer dächte da nicht an das riesige Monumentalgemälde „Feierliche Eröffnung des II. Kongresses der Komintern“ von Isaak Brodski, das Lenin herrscherlich am 19. Juli 1920 bei der Rede zeigt, in der er die berühmten Worte sprach: „Jawohl, die Sowjettruppen stehen in Warschau! Bald werden wir Deutschland haben!“

Dies war zwar eine glatte Lüge, wie so viele andere Lügen Lenins und der anderen sowjetisch-allrussischen Führer, die in seiner Nachfolge standen und stehen. Denn damals standen die russischen Panzer VOR Warschau, nicht IN Warschau. Und sie wurden zurückgeschlagen, sie nahmen Warschau nicht ein, sondern wurden in der Schlacht bei Warschau im August 1920 geschlagen, zerstreut und in den Rückzug getrieben. Józef Klemens Piłsudski vertraute übrigens damals nicht auf Diplomatie, Friedensappelle oder Handelssanktionen, sondern auf das letzte Mittel, das in solchen Situationen weiterhelfen konnte: eine schlagkräftige Armee, ein strategischer Schlachtplan, Entschlossenheit, Kampfwillen, Überlebenswillen seines Volkes.

Aber hier stellt sich nun die Frage: Wird ein Putin oder wer auch immer – hierin dem „allrussischen“ Vorbild Lenins folgend – bald sagen können: Unsere Panzer rollen auf Kiew zu – bald werden wir Polen haben?

Bitwa Warszawska – Wikipedia, wolna encyklopedia

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24. August 1939 – Beginn der zunächst einvernehmlichen Zerstörung Europas

 Europäischer Bürgerkrieg 1914-1945, Gedächtniskultur, Polen, Vergangenheitsunterschlagung  Kommentare deaktiviert für 24. August 1939 – Beginn der zunächst einvernehmlichen Zerstörung Europas
Aug 232017
 

Ein Tag der gesamteuropäischen Schande, ein Tag, der die Pforten zur Hölle auf Erden öffnete: so muss man wohl in der Rückschau den 24. August 1939 bezeichnen, den Tag, an dem der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt unterzeichnet wurde. Während sich vor diesem Tag die fünf großen, hochgerüsteten europäischen Militärmächte Italien, Frankreich, Sowjetunion, Großbritannien, Deutsches Reich gegenseitig belauerten und ein wirres Geflecht zahlloser wechselseitiger Beistandserklärungen mit kleineren Mächten vereinbart hatten, schafften die Sowjetunion und das Deutsche Reich jetzt die Weltsensation: ein sehr konkret ausverhandeltes Bündel an militärischen, wirtschaftlichen und politischen Maßnahmen, mit denen sie den gesamten Kontinent untereinander aufzuteilen gedachten.

Damit wurden die mörderischen Pflöcke eingerammt, die in den folgenden Jahren unseren Kontinent mit seinen Menschen so unsäglich quälten und zerstörten. Es begann mit der Zerstörung Polens und der baltischen Staaten durch die beiden Hegemonialmächte Deutsches Reich und Sowjetunion.

Der gut dokumentierte Handschlag, das bei der gemeinsamen Parade der sowjetischen Armee und der Wehrmacht in Brest-Litowsk gezeigte lächelnde Einvernehmen der Generäle Mauritz von Wiktorin (eines Österreichers), Heinz Guderian (eines Deutschen)  und Semjon Moissejewitsch Kriwoschein (eines sowjetischen Juden) lässt einem in der Rückschau das Blut in den Adern gefrieren.

Diese dramatischen Tage im August und September 1939 und ihre bis heute ganz unterschiedliche Wertung in Russland, der Ukraine, Polen, Estland, Lettland, Litauen und in den westlichen EU-Staaten prägen bis heute die einander widerstrebenden Gedächtniskulturen der 47 europäischen Staaten, die unseren Kontinent Europa bilden.

Vielleicht ermöglicht es die Besinnung auf diesen deutsch-sowjetischen Pakt, die Gründe für das bis heute völlig zersplitterte Geschichtsbild der jetzt 47 europäischen Länder zu erhellen.

Erschütterndes Archivmaterial in russischer und englischer Sprache in Ton und Bild ist heute mühelos abrufbar. Zwei drastische Videos der an jenem Tag, dem 24. August 1939 besiegelten deutsch-sowjetischen Waffenbrüderschaft möchte ich heute hervorheben.

 

 

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… ktoś kaszle, płacze, ktoś złorzeczy – Was bleibt von der gerühmten Hochkultur?

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Jan 172016
 

Beatrice:
„Ktoś kaszle, płacze, ktoś złorzeczy!“
Und nun, Kulturmensch, o du Freund höherer Kultur, du geschworener Europäer!
Hörst es nicht:
Da weint jemand, da hustet jemand, da flucht jemand!
Und, Wandrer, eingefleischter Europäer,
was bleibt nachert von aichener herrlichen Hochkultur?

Der Wandrer:
Sprich mir nicht von höherer Kultur und höherer Bildung!
Auch wenn ich alle Verse Dantes und Goethes auswendig könnte,
auch wenn ich jeden Tag einen Festtag mit Mickiewicz und Miłosz zusammen feierte,
und wenn ich jubelte jeden Tag
mit Johann Sebastian Bachs Ciacona und mit il Davide di Michelangelo,
und hörte es aber nicht,
wie nebenan jemand hustet und auf den Husten flucht,
wie nebenan jemand weint,
und wenn ich unsern kranken Nachbar auch nicht besuchte,
so wäre ich nur ein Haufen Wisssen,
sarei un’accozzaglia di regole,
una farragine della cultura e del sapere,
ich wäre Gerümpel, Geröll, ein Gelump europäischer Regeln,
ineinandergefahren, rettungslos, echolos.

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Znów czytam Pańskie wiersze. Goethe lesend. Ein Dialog

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Jan 162016
 

Europäischer Freund:
Schon wieder ertappe ich dich beim Lesen Goethes! Und dafür hast du Zeit, teurer Freund? Warum leistest du dir diesen überflüssigen Luxus?

Ego:
Weil … wenn ich Goethe lese, sei es nun der Rendsch Nameh, also das Buch des Unmuths, oder auch der Beginn des Zweiten Teiles des Faust, diese großartigen Stanzen, Goethes sehr persönliche Annäherung und Anverwandlung an Dantes Jenseitsreise, dann ergeht es mir häufig so, wie dies Adam Zagajewski für seine eigenen Lese-Erlebnisse mit Czesławz Miłosz beschrieben hat.

Europäischer Freund:
Aha, ein Pole! Polen erfreut sich ja derzeit wieder besonderer Aufmerksamkeit der westlichen Mächte des EU-Reiches! Fürwahr, fast möchte man meinen, alle die Kommentatoren, alle die Mächtigen des EU-Reiches verstünden fließend Polnisch, so rasch fertig sind sie mit ihrem Urteil über Polen.

Ego:
Es muss so sein! All die Mächtigen haben im Schlaf Polnisch gelernt, anders ist mir diese Einhelligkeit im Westen des EU-Reiches nicht erklärbar. Du lächelst, europäischer Freund?

Europäischer Freund:
Ja, ich schmunzle! Ich zweifle!

Ego:
Dann lies doch bitte das nachfolgende Gedicht aufmerksam durch! Als Erläuterung diene dir, daß das polnische Wort Pan nicht nur die höfliche Anrede – entsprechend dem deutschen „Sie“, wenn an eine männliche Person gerichtet – ist, sondern auch für Herr steht, und obendrein noch für den HErrn, also den Herrgott…!

Europäischer Freund:
Klingt spannend. Nun lass mich das Gedicht endlich hören!

Ego:
So höre denn, übersetze dir stumm das Gehörte in dein geliebtes Deutsch, und wenn du willst, ersetze einfach das Wort Pan durch Goethe … oder durch Dante … es wird dich zum Schmunzeln bringen. Zweifle nicht! Dann übersetze diese Verse … es ist nicht schwer. Ich fang schon mal an:

Ich lese Herrn Goethes Verse und Herrn Dantes Verse erneut,
geschrieben durch einen Reichen, der ein Allesversteher war,
und durch einen Bettler, der ein Unbehauster ward,
durch einen Auswandrer und Eigenbrötler

usw.usw.

Doch lies erst das polnische Original:

Czytając Miłosza

Znów czytam Pańskie wiersze
spisane przez bogacza, który wszystko zrozumiał,
i przez biedaka, któremu zabrano dom,
przez emigranta i samotnika.

Pan zawsze chce powiedzieć więcej
niż można – ponad poezję, w góry, w stronę wysokości,
ale i w dół, tam gdzie dopiero się zaczyna
nasz region, pokornie i nieśmiało.

Pan mówi niekiedy takim tonem
że – naprawdę – czytelnik
przez chwilę wierzy,
że każdy dzień jest świętem

i że poezja, jakby to wyrazić,
sprawia, iż życie jest zaokrąglone,
pełne, dumne, nie wstydzące się
doskonałej formy.

Dopiero wieczorem,
gdy odkładam książkę
wraca zwyczajny zgiełk miasta –
ktoś kaszle, płacze, ktoś złorzeczy.

z tomu „Anteny“, 2005

Quelle:
http://www.goldenline.pl/grupy/Literatura_kino_sztuka/ludzie-wiersze-pisza/o-czytaniu-i-czytelnikach,949094/s/1

 Posted by at 14:01

„Polen, die in der Wehrmacht kämpften? Das gab es nicht! Niemals!“

 Europäischer Bürgerkrieg 1914-1945, Polen, Unverhoffte Begegnung, Vergangenheitsunterschlagung  Kommentare deaktiviert für „Polen, die in der Wehrmacht kämpften? Das gab es nicht! Niemals!“
Dez 072015
 

Aus dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge erreichte mich eine interessante Einladung, die ich hier unverändert wiedergebe:

Sehr geehrte Damen und Herren,

mehr als eine halbe Million Polen kämpften in der Wehrmacht: an allen
Fronten, von Afrika bis zum Nordpol. Ihre Rekrutenzeit dauerte vier Wochen
länger als die der deutschen Rekruten, sie mussten Befehle wie „schnell“
oder „laufen“ erst lernen. Dann wurden sie an die Front geschickt, die
meisten von ihnen wurden an der Ostfront getötet. Wer überlebte und es
zurück nach Hause schaffte, wurde als Volksverräter beschimpft – daher
erzählten sie ihren Familien am liebsten nichts.
Ein schwieriges Thema für Polen – in Deutschland kaum erinnert.

Wir konnten Prof. Ryszard Kaczmarek, Universität Katowice, für einen
Vortrag gewinnen, dessen Buch „Die Polen in der Wehrmacht“ derzeit ins
Deutsche übersetzt wird.
Alojzy Lysko berichtet über die Erfahrungen seiner Familie. Aus dem Film
„Großvater war in der Wehrmacht“ zeigen wir einen Ausschnitt; die
Regisseurin Wioletta Weiß ist anwesend.

Zu unserem Themenabend „Polen in der Wehrmacht“ laden wir Sie herzlich
ein. Mehr Informationen finden Sie hier.

Ort: Landesvertretung Niedersachsen, In den Ministergärten 10, 10117
Berlin
Zeit: Mi., 9. Dezember, 18.00 Uhr

Ihre Anmeldung erbitten wir an erinnerungskultur@volksbund.de, möglichst
bis zum 4.12.15

Eine Kooperation des Volksbundes mit dem Zentrum für Historische Forschung
der Polnischen Akademie der Wissenschaften (CBH PAN) und dem
Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen
Europa, Oldenburg.

 Posted by at 19:36

Ojczyzno moja! ty jesteś jak zdrowie, oder: Was uns an Europa bindet

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Sep 262013
 

Reiterhof 2013-05-11 08.22.10

Litwo! Ojczyzno moja! ty jesteś jak zdrowie.
Ile cię trzeba cenić, ten tylko się dowie,
Kto cię stracił. Dziś piękność twą w całej ozdobie
Widzę i opisuję, bo tęsknię po tobie…

Was hält den Kontinent Europa zusammen? „Die Europäische Union – selbstverständlich!“, werden mir viele zurufen. „Der Euro – unsere geliebte Währung ist die entscheidende Klammer Europas!“, „Die Erinnerung an die unnennbaren Verbrechen, die die Deutschen überall in Europa begangen haben, nie mehr dürfen die Deutschen so viele Verbrechen begehen, wie sie sie von 1914 bis 1945 überall in Europa begangen haben!“, schallt es aus allen anderen 27 Ländern der EU uns Deutschen entgegen.

So sind auch die sieben Kreise der europäischen Erinnerung aufzufassen, die Claus Leggewie – ähnlich den Höllenkreisen des Danteschen Inferno – an den Anfang seines Buches über die europäische Erinnerung stellt. Und im Zentrum steht der Holocaust – er ist das Factum absolutum der europäischen Identität, an dem jeder Zweifel, jede Relativierung mittlerweile gesetzlich verboten und untersagt ist. Vergleichbar dem summum bonum der mittelalterlichen Theologie, hat sich mittlerweile unumstößlich eine negative Geschichtstheologie in Europa etabliert, an deren Wurzel die deutschen Verbrechen stehen.

Polens Außenminister Radosław Sikorski scheint allerdings laut neuestem ZEIT-Interview nicht ganz mit dieser allgemein akzeptierten Absolutsetzung des deutschen Massenmordes an den europäischen Juden  einverstanden zu sein: er fordert von uns Deutschen, wir sollten uns nicht immer nur für den Holocaust schämen, sondern ebenso sehr (oder fast so sehr?) dafür, wie unsere Väter und Großväter sich in Polen aufgeführt haben. Sikorski sagt, nachdem er die Erinnerung von uns Deutschen an Holocaust und Stalingrad gewürdigt hat, wörtlich: „Aber Sie [= Sie Deutsche] geben sich wenig Mühe zu erfahren, wie Ihre Väter oder Großväter sich bei uns aufgeführt haben.“

Kurz: Nicht nur der Holocaust, sondern auch die Zerstörung Polens, die Ermordung von vielen Millionen Polen soll konstitutiv für das deutsche und europäische Geschichtsbewusstsein werden. Geschichtstheologisch hat Sikorski sicher recht: die Ermordung von etwa drei Millionen nichtjüdischen Polen ist sicherlich genauso schlimm wie die Ermordung der etwa 3 Millionen polnischen Juden.

Sofern dies keine Relativierung oder schlimmer noch strafbare Verharmlosung („Kontextualisierung“)  des Holocaust darstellt, worüber man aber bei den deutschen Richtern nie sicher sein kann, hat Sikorski vor europäischen Gerichten nichts zu befürchten. Entscheidend ist: Leggewie und Sikorski begründen das einigende Band ausschließlich negativ: „Europa soll zusammenwachsen, damit es nie wieder so schlimm wird, wie die Deutschen es einmal getrieben haben.“

Die EU, namentlich der Euro,  ist also im Grunde ein metaphysisches Projekt zur Abschaffung des in Deutschland verkörperten Bösen in der europäischen Geschichte. Es ist, als würde landauf, landab verkündet: Solange der Euro hält und solange die von den Deutschen begangenen Verbrechen, insbesondere der von den Deutschen begangene Holocaust nicht als absolutes Böses der Weltgeschichte angezweifelt wird, sondern durch eifriges Gedenken und eifriges Feiern wachgehalten wird, geht es Europa gut.

Wie hängt beides zusammen? Nun, der Holocaust spielt mittlerweile eine ähnlich absolut gesetzte dogmatische Rolle in der Vergangenheitstheologie, wie sie der Euro in der dogmatisch überhöhten Gegenwartspolitik spielt. Die leidenschaftliche Verteidigung des Euro, klar zu besichtigen im letzten Bundestagswahlkampf,  ist nur als eine Art pseudoreligiöse Erregung, eine Art dumpfe Massenhysterie zu begreifen, an deren Wurzel der Wunsch nach Selbsterlösung „von allem Bösen“ zu stehen scheint.  So wie die Erinnerung an die unauslöschliche Schuld der Deutschen der absolute Gründungsmythos der heutigen europäischen Geschichtsmythen ist, so ist der Euro der absolute Zukunftsmythos der Europäischen Union, an dem ebenfalls Zweifel nicht erlaubt sind.

Spannend! Die Deutschen sollen also im Grunde durch den Euro von ihren unnennbaren Verbrechen befreit werden. Das ist die Tiefenpsychologie der Euro-Debatte, rationale Erwägungen dringen in diesen quasireligiös verhärteten Kern nicht mehr ein. Das Interview mit Radosław Sikorski bringt auf genialische Weise die Verschränkung der beiden zentralen Grundmotive der heutigen politischen Theologie auf den Nenner: a) Die Deutschen sollen sich endlich in vollem Umfang  ihrer Schuld an ihren unnennbaren Verbrechen stellen. b) Sie sollen mehr Solidarität mit Europa zeigen und mehr für die Rettung des Euros tun. Damit können sie „das Vertrauen in die Unzerstörbarkeit der Europäischen Union wiederherstellen.“

Ist dies alles so eindeutig? Gibt es denn wirklich nichts Positives, das Europa zusammenhält? Überzeitliche Werte? Was würde Marcel Reich-Ranicki dazu sagen, der Goethe und Schiller aus dem Kopf nacherzählte?

Eine kleine Urlaubsbegebenheit fällt mir dazu ein: Wir selbst haben bei unserem jüngsten Besuch in Polen auf einem Reiterhof in der früher deutschen, seit 1945 polnischen Neumark die ersten Verse des Pan Tadeusz in deutscher und polnischer Sprache in den Abendhimmel hinaus rezitiert, allerdings nicht aus dem Kopf, sondern nur von einem mitgebrachten Blatt Papier, das ich tief unten am Boden in meiner Radtasche mitführte:

Litwo! Ojczyzno moja! ty jesteś jak zdrowie.
Ile cię trzeba cenić, ten tylko się dowie,
Kto cię stracił. Dziś piękność twą w całej ozdobie
Widzę i opisuję, bo tęsknię po tobie.

Der heimkehrende Dichter besingt hier die verlorene Heimat, deren er erst im Verlust gewahr wurde!

Hier sind andere Worte zu hören: Heimat, Wiederkehr, Mutterland, Schönheit, Sehnsucht, Muttersprache. Die zählen mehr als Mord, Totschlag, Verbrechen. Für mich sind solche Erfahrungen mit verschiedenen europäischen Sprachen, mit Menschen in Polen und Deutschland, aber auch mit der Natur, etwa mit Pferden unendlich wichtig.

Marcel Reich-Ranicki, der mitten im geschundenen Polen aus dem Kopf Schiller und Goethe nacherzählt, ich selbst, der auf einer Radtour in einem polnischen Reiterhof vor einigen Zuhörern den Pan Tadeusz in polnischer und deutscher Sprache zu Gehör bringen durfte … das sind für mich Kristallisationskerne des Zusammenhaltes in Europa. Jawohl, diese Gemeinschaft im Wort halte ich für sogar wichtiger als den Euro, wichtiger als das ritualisierte Bekenntnis zu den unnennbaren deutschen Verbrechen, der Aufdeckung, Analyse, Durcharbeitung, kultischen Verehrung und Pflege der Erinnerung an die deutschen Verbrechen.

Ich bin überzeugt: Die fast schon wahnsinnig zu nennende, unter dem Bann des Geldes stehende  Euro- und Politikgläubigkeit der EU-Politiker, das fast schon wahnsinnige Starren auf deutsche Schuld und nur auf deutsche Euro-Schuldigkeit kann nie und nimmer den Kontinent zusammenhalten.

Mein Bekenntnis lautet: Europa kann ohne die Pflege der reichen, üppigen  Gedächtnislandschaft, ohne die Pflege des Schönen und Guten, ohne die Pflege der Sprachen und das Zusammenfinden der Herzen  nicht zusammenwachsen. Für sie heute beispielhaft mögen heute stehen die Namen Goethe, Mickiewicz und Marcel Reich-Ranicki.

Quellen:
„Wir wollen keinen kalten Krieg!“. Interview mit Polens Außenminister Radosław Sikorski. DIE ZEIT, 26.09.2013, S. 12
Claus Leggewie: Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt. Verlag C.H. Beck, München 2011, S. 14
http://pl.wikisource.org/wiki/Pan_Tadeusz/Ksi%C4%99ga_pierwsza:_Gospodarstwo

Foto: Der polnische Reiterhof, wo sich das oben beschriebene Ereignis zutrug

 

 Posted by at 21:33

Geschichte Polens zwischen 1918 und 1939 besser kennenlernen!

 Europäischer Bürgerkrieg 1914-1945, Polen, Vergangenheitsunterschlagung  Kommentare deaktiviert für Geschichte Polens zwischen 1918 und 1939 besser kennenlernen!
Sep 102010
 

Nach dem Fall des Eisernern Vorhangs wird endlich der Blick für die gesamte bunte Gemengelage der europäischen Geschichte frei! Zur Zeit diskutiert man in Deutschland über die polnische Geschichte seit dem 3.11.1918, dem Tag, an dem die polnische Republik proklamiert wurde.

Wie andere europäische Staaten auch hatte Polen bedeutende nationale Minderheiten in seinem neu definierten Territorium: 100 000 Litauer, 1 Million Deutsche, 1,5 Mill. Weißruthenen, 3 Mill. Juden, 4 Mill. Ukrainer. Die Volksgruppenkonflikte dominierten jahrelang die Innenpolitik. Günter Grass und Walter Kempowski liefern in ihren Büchern einen Einblick in das ständige Gefühl der Benachteiligung, das damals diese Volksgruppen hegten.

Im Übrigen herrscht in deutschen Landen weit und breit eine erstaunliche Unkenntnis über die Geschichte unseres Nachbarlandes, fast niemand spricht ja auch die Sprache. Niestety, wie der Pole sagt.

Es ist für mich immer wieder ernüchternd zu sehen, dass die europäischen Staaten und die Türkei ihre Volksgruppenkonflikte nicht schiedlich-friedlich lösen konnten. Die Lösung, die letztlich erreicht wurde, lautet seit 1990: Nationalstaaten quer über die gesamte Landkarte!

Dabei gibt es nur ganz wenige Ausnahmen, wo es gut gegangen ist, wie etwa die Südtiroler in Italien.

Deutschland hat sich offenbar (?) entschieden, letztlich doch einen einheitlichen deutschen Staatsbürger zu wollen, also keine nationalen Minderheiten, keine klar abgegrenzten Volksgruppen.

 Posted by at 17:25

Was geschah in Polen zwischen September 1939 und Juni 1941?

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Sep 232009
 

Eins der besten Schaustücke des Deutschen Historischen Museums (DHM) im Berliner Zeughaus ist die lebendige Landkarte Europas, die die Entwicklung der europäischen Territorien zeigt. In einer Simulation wird die häufige Verschiebung der Staatengrenzen vom Anfang der deutschen Geschichte bis heute gezeigt. Als Freund der slawischen Völker interessierte mich vergangenen Sonntag, im Gedenkjahr 2009,  wie die Museumsleute das Schicksal Polens in der Eingangshalle des Museums darstellen würden! Denn  Polen wurde 1939 überfallen und besetzt, die polnische Intelligenz, also die höheren akademischen Berufsgruppen wie etwa Lehrer, Ärzte, Ingenieure, Richter u. dgl. wurden systematisch von den okkupierenden Mächten Deutschland und Sowjetunion ermordet. Jeder Rest des Widerstandes sollte mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Darin kamen die beiden Besatzungsmächte Deutschland und Sowjetunion überein. Andrzei Wajda hat in seinem Film über Katyn dieses Zerrissenwerden zwischen den beiden Großmächten erschütternd aufgearbeitet. Die Jahre 1939-1941 prägen noch heute die Debatten nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in der Politik Polens.

Deutsche SS und sowjetischer NKWD  arbeiteten bei ihren mörderischen „Säuberungen“ oftmals Hand in Hand. Eine gemeinsame Siegesparade der Deutschen und der Sowjets in Brest-Litowsk war sinnfälliger Ausdruck der Waffenbrüderschaft der beiden totalitären Systeme. Hunderttausende von Opfern fielen dem sowjetischen Terror und dem deutschen Rassenwahn zum Opfer. Das kommunistische Polen war jahrzehntelang auf der Lüge errichtet, dass ausschließlich Hitlers Deutschland Massenmord und Verwüstung in Polen verursacht habe. Dass auch die Sowjetunion im September 1939 mit durchaus vergleichbarer barbarischer Härte in Polen eingefallen war, durfte unter Strafe nicht erwähnt werden.

Ein russischer Freund berichtet mir heute von einer Reise durch Polen: „Ich sah soeben in einer aktuellen Warschauer Tageszeitung Hitler und Stalin als Braut und Bräutigam. Stalin trug einen Schleier, Hitler trug einen Blumenstrauß. “

Zwischen September 1939 und Juni 1941 brach also über Polen eine vierte polnische Teilung herein, die die polnische Staatlichkeit vernichtete und einen bedeutenden Anteil der Bevölkerung dem schlimmsten denkbaren Terror auslieferte. Bis heute ist diese Zeit im Gedächtnis der Polen tief verankert: Deutschland und die Sowjetunion fielen über Polen her und teilten es zwischen sich auf.

Wie stellt die Karte im DHM diese Zeit 1939-1941 dar? Antwort: Gar nicht. Es überspringt sie einfach. Die gewählten Jahreszahlen sind 1938 und 1942. 1938 erscheint Polen in seinen Zwischenkriegsgrenzen, 1942 erscheint Polen nur noch als deutsch-sowjetisch gestreiftes Niemandsland. Eine echte Verschleierungstaktik, die weder den Ereignissen noch den Polen gerecht wird!

Dabei wühlt und gärt die geteilte Erinnerung an diese Zeit schon seit Monaten sowohl in Polen wie in Russland. Die Zeitungen sind voll davon, sowohl in Russland wie in Polen. Die Deutschen, auch die deutschen Historiker, scheinen nicht zu begreifen, welch heikles Erbe da noch unaufgearbeitet trennend zwischen den Völkern Europas liegt. Die historisch unzulängliche Karte im Berliner Zeughaus unter den Linden ist der beste Beweis für diese empfindliche Lücke.

Ich meine: Es muss deutlich werden, dass Polen, aber auch Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Rumänien ab September 1939 in eine vernichtend mahlende Zangenbewegung zwischen der Sowjetunion und Deutschland gerieten.

Diese Zange hat sich erst im Jahr 1990 gelöst. Der Druck von über fünfzig Jahren Zange oder besser „Schraubstock“ lastet aber noch auf den Seelen.

Eine Einfügung dieser Zeitspanne von 1939 bis 1941 in der Karte des DHM ist dringend nötig!

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Kaczyński: Polen braucht die Reevangelisierung!

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Jul 012008
 

Als echte Goldmine erweist sich der polnische Dziennik! Wenige Stunden ehe Präsident Kaczyński den Lissaboner Vertrag für tot erklärte, verlangte er in dieser Zeitung eine Reevangelisierung Polens! Überall herrsche Nihilismus, die Kirche sei ungebührlich zurückgedrängt worden. Die Werte der katholischen Kirche seien fundamental in Polen, dies müssten auch die Ungläubigen, deren es in Polen einige gebe, anerkennen. Dies Übergreifen des Nihilismus gelte es jetzt rückgängig zu machen. Aha, das wussten wir bisher nicht. So ergibt sich ein vollständigeres Bild! Der Präsident meint, Polen müsse als Bollwerk gegen den Nihilismus ausgebaut werden, der seit den 70er Jahren über Polen hereingeschwappt sei. Bei diesem Unterfangen – so steht zu vermuten – können Verträge wie der von Lissabon nur hinderlich sein.

Lies den ganzen Artikel:

Dziennik – Polityka – Kaczyński: Polska potrzebuje reewangelizacji

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Tusk gewinnt haushoch in Polen – dank positiver Kommunikation

 Polen, Positive Kommunikation  Kommentare deaktiviert für Tusk gewinnt haushoch in Polen – dank positiver Kommunikation
Okt 222007
 

Lese eben vor dem Aufbruch noch von Tusks Wahlergebnis. Großartig, ich bin begeistert. Tusk hat gewonnen, weil die Polen kein Freund-Feind-Denken mehr wollen, weil sie des alten Blockdenkens überdrüssig sind. Er ist – nach eigenem Bekunden – – pro-deutsch, pro-russisch, pro-tschechisch … ein echter Patriot eben, der für sein Land gute Beziehungen zu allen Nachbarn will. Jestem bardzo zadowolony! Witam panstwo serdecznie z Kreuzberga!

 Posted by at 09:06