Apr 192020
 

Die COVID-19-Quarantäne bedeutet für viele in so manchem europäischen Land Hunger, Versorgungskrise, Abgeschnittensein. Der Staat kann nicht überall sein, kann nicht allen helfen. Aber hier zeigt sich auch das Beste in den Menschen, ein mitfühlendes Herz! Auch in der Hauptstadt des größten europäischen Landes gelten jetzt strenge Ausgangsbeschränkungen. Guter, vorbildlicher Einsatz junger Bürgerinnen und Bürger im Freiwilligendienst um Jegor Schukow für diejenigen Menschen in Moskau, die durch die Quarantäne besonders hart getroffen werden. Konkrete Hilfe für die Menschen! Gut, macht weiter so!

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Aug 212019
 
Blick auf Sergijew Possad, Aufnahme vom 17.08.2019

Behutsam langsame Annäherung an Sergijew Possad am vergangenen Samstag, langsamen Schrittes wie die Pilger im Pilgerzug auf dem Weg zum Dreifaltigkeitskloster. Unser Pilgerzug ist die Elektritschka, der Vorortzug von Moskau her. Hinter Puschkino beginnt der endlose Einmarsch der fliegenden Händler: sie verkaufen nacheinander Tücher, Putzmittel, Hüte, Taschen, ja sogar einen Molekularkleber, der – im hohen Tenor des Verkäufers angepriesen – alles heilt, alles schweißt, was zerbrochen ist.

Ben zi bena, gelid zuo gelida, so si geliminan sin! Man muss nur glauben an die Kraft des Klebers. Das war schon in uralten Zeiten so! Und so ist es auch heute.

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Aug 112019
 
Blick über den finnischen Meerbusen auf den Lachta-Turm, mit 462 m der höchste Büroturm Europas, Aufnahme vom 10.08.2019

“Wasser stürzt uns zu verschlingen,
Rollt der Fels uns zu erschlagen,
Vögel schon auf starken Schwingen
Kommen her uns fortzutragen…”

Der Vogel, der uns gestern hierher trug von Moskau nach Petersburg auf seinen Schwingen, heißt Сапсан, Sapsan, der Wanderfalke, flog in 4 Stunden mit meist über 200 km/h die mehr als 700 km. Wir wurden umhegt und umsorgt von dienstbaren Geistern, die uns Pantoffeln, Frühstück mit drei Gängen und Erfrischungstüchlein brachten – zu einem Preis, den man ohne BahnCard in der zweiten Klasse des ICE von Hamburg nach München zahlen müsste, ohne auch nur die mindeste Annehmlichkeit erwarten zu dürfen.

Den ersten Tag beschlossen wir mit einem Gang entlang dem Ufer auf der Krestowskij-Insel.

Die Sonne verabschiedete sich mit unendlich verzögertem Fall in der Ferne des Baltikums. Ruhig schwappte das Wasser zu unseren Füßen. In der Dunkelheit trieb allerlei Flotsam und Schlick umher. Junges Volk hatte sich an der Quaimauer versammelt, ließ den Tag verklingen. Ein Grüppchen junger Menschen bat uns, Fotos von ihnen auf ihren Handys zu machen, wir taten es gern. Die Kaimauer schwingt sich biegsam am Rand der Insel. Sie ahmt die mächtig aufragende Außenmauer des Fußballstadions nach, das wie ein gewaltiges UFO die Befreiung dieser Petersburg vorgelagerten Insel gebracht zu haben scheint. Zwei Schwingen des Wanderfalken, die uns dahintrugen!

Drüben im Osten ruht ein mächtig aufragendes, hellerleuchtetes Kreuzfahrtschiff. Noch weiter entfernt steigt ein Feuerwerk in den verlöschenden Nachthimmel an einem Tag, der nicht enden will.

Verlöschende Reflexe zucken durch die schwarzen Fluten. Es blinkt und flimmert unruhig, furchtsam. Tiefen lauern. Bräsig schwappen die Fluten. Und die Seele schwingt sich auf, weit hinaus, unbehindert, frei, der Sonne nach, die gischtend im Meer versinkt, während stotzig und stolz, machtvoll und kühn der gleichsam gasfüllte Lachta-Turm in den Himmel ragt wie ein mesopotamischer Zikkurat.

Danke, Sapsan, starker Falke, gut hast du uns getragen, gut hast du uns abgesetzt!

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Jul 302018
 

Ein gutes Beispiel für die intelligente Verknüpfung von Leihfahrrädern, rad- und schienengebundenem öffentlichem Nahverkehr und Zu-Fuß-Gehen liefert Ivan, der unermüdliche internetbasierte Laufbote aus Moskau, neben Paris, Rom, Berlin, Madrid, London, Mailand, Lissabon, Athen usw. eine der großen europäischen Metropolen. Thema dieses beispielsetzenden Videos ist die Frage:

Wie viel verdient eigentlich ein Laufbote, der seine Aufträge ausschließlich über eine Internetplattform erhält?

Sehenswert, nicht zuletzt, weil es zeigt, welche vielversprechenden Geschäftsmöglichkeiten sich für Internet-Start-ups im Bereich der intelligenten Logistik bieten! Die Uhr läuft ab für all die schweren, in zweiter Reihe parkenden Diesel-Lieferfahrzeuge, welche unsere Straßen verstopfen! Kleine, wendige, wieselflinke, voll digitalisierte, klimafreundliche Logistik-Prozesse treten an ihre Stelle!

Das Video zeigt auch, wie Moskau, die Partnerstadt Berlins,  das Problem der Leihfahrräder gelöst hat, während die Berliner Bezirke immer noch schwerfällig und entscheidungsarm an Bergen regellos abgehalfterter Fahrräder herumlaborieren.

 

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Jul 052018
 


Удивительная жизнь Адольфа Хампеля, судетского немца, полюбившего Россию, “Das wunderbare Leben Adolf Hampels, eines Sudetendeutschen, der Russland liebgewonnen hat” –

unter diesem Titel konnten wir am 5. Juli 2018, also vorgestern, eine Radiosendung des russischen Echo Moskaus (Эхо Москвы) verfolgen.

 

 

Adolf Hampel, 1933 in Klein-Herrlitz in der Tschechoslowakei geboren, katholischer Priester und Theologe, der an der Universität Gießen lehrte, hat in seinem Buch “Mein langer Weg nach Moskau” auf sehr ansprechende  Art einen Rückblick auf einige Stationen seines ereignisreichen, wunderbaren Lebens geworfen. Das Buch ist mittlerweile durch Irina Potapenko ins Russische übersetzt worden und fand so das Interesse des Echos Moskaus. Der Autor kam nun in dieser Interview-Sendung in russischer Sprache zu Wort, und einzelne Abschnitte der russischen Übersetzung wurden vorgelesen. Angesprochen wurden Begegnungen mit Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche, die Rückführung einer Ikone nach Kasan, Kapitel aus Kindheit und Jugend, Kriegserfahrungen, die Enteignung und Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei im Jahr 1946, der mühsame Neubeginn der Vertriebenen in den aufnehmenden Ländern. Einen breiten Raum nahmen dann im Gespräch  die unermüdlichen Bemühungen Adolf Hampels um Begegnung, Austausch und Versöhnung mit Menschen in den Gesellschaften des Ostens ein. Er ist einer jener zahlreichen Pioniere der deutsch-tschechischen Aussöhnung, für die beispielhaft der Name Václav Havels stehen mag. Dabei öffnete ihm seine wundersam erwachte Liebe zur russischen Sprache auch das Tor zu allen Völkern der früheren Sowjetunion.

Ich meine: Gerade in der heutigen Zeit, wo – wie damals auch – ethnische Konflikte, Kriege, Flucht, Vertreibungen, der Wiederaufbau, die Versöhnung, das Erzählen, das Erinnern, das Teilen und das Weitergeben der Erinnerungen das Tagesgespräch bestimmen, stellen die lebendigen Erinnerungen Adolf Hampels einen unschätzbaren Denkanstoß dar. Sie verdienen sowohl im deutschen Original wie in der russischen Übersetzung größte Aufmerksamkeit.

Hier kann man die Sendung nachhören, indem man einfach mit der Maus auf den Link klickt und dann ganz oben auf dem Bildschirm das “Abspielen”-Symbol anklickt:

https://echo.msk.ru/sounds/2234122.html

https://echo.msk.ru/programs/diletanti/2234122-echo/

Adolf Hampel: Mein langer Weg nach Moskau. Ausgewählte Erinnerungen. Gerhard Hess Verlag, Bad Schussenried, 2012; russisch: A. Hampel: Moi dolgij put v Moskvu, übers. von I. Potapenko, Verlag Pero, Moskwa 2017, ISBN 978-5-90633-76-8

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Mai 162018
 

Soeben überfliegen wir die heute russische Oblast Kaliningrad; das Foto hier oben zeigt das Frische Haff mit der Frischen Nehrung, und da wo wir das Airbus-Triebwerk sehen, da lag einst die deutsche Stadt Königsberg, in der Immanuel Kant lebte, lehrte und starb. Nach dem zweiten Weltkrieg (01.09.1939-08.05.1945) wurde die Gegend der Sowjetunion zugesprochen, die deutsche Bevölkerung, soweit sie vor der Sowjetarmee nicht schon geflohen war, wurde enteignet und vertrieben. Die Stadt wurde nach dem langjährigen Staatsoberhaupt der Sowjetunion Michail Iwanowitsch Kalinin in Kaliningrad umbenannt.  Die Oblast Kaliningrad wurde – zusammen mit der gesamten östlichen Hälfte des durch den Großen Vaterländischen Krieg (1941-1945)  befreiten und befriedeten polnischen Territoriums – von der Sowjetunion vereinnahmt. Auch aus diesen Gebieten wurde die noch ansässige, überwiegend polnische Bevölkerung enteignet und gewaltsam vertrieben.

Gute Stunden verbringe ich bei dem Rückflug von Moskau nach Berlin mit dem Lesen der Mai-Ausgabe des in der Tat sehr lesenswerten Bordmagazins der Aeroflot.

Warum nenne ich diese Zeitschrift so im höchsten Maße lesenswert? Nun, glaubt mir bitte, es gibt kaum eine bessere Zusammenfassung der heutigen russischen Sicht auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts als eben dieses für ein breites russisches und internationales Publikum zusammengestellte Heft! Es steht ganz im Zeichen des Monats Mai, im Zeichen der menschlichen Wärme, der Freude und der Ehrlichkeit! Denn am 9. Mai 1945 hat die sowjetische bzw. russische Armee nach den erbitterten Kämpfen des Großen Vaterländischen Krieges, der am 22.08.1941 begann und bis zum 09.05.1945 dauerte, endgültig den Völkern Europas Frieden gebracht!

Lesen wir diese Tatsachen in der Begrüßung durch Vitali Saveliev, den Generaldirektor der russichen Staatsfluglinie:

Май в России — время душевного тепла, пронзительной искренности и радостного, приподнятого настроения. В эти дни, наполненные светом Великой Победы, мы с благодарностью вспоминаем всех ветеранов, которые отстояли нашу страну и принесли мир народам Европы.

Auf Englisch:

In Russia, May is a time of warmth, sincerity, and joy. In the coming days, as we mark the anniversary of the end of the Great Patriotic War, we remember all those who defended our country and brought peace to Europe.

http://webfiles.aeroflot.ru/Aeroflot_May_2018.pdf?_ga=2.169824937.923003188.1526489076-63684332.1526489076

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Mai 092018
 

Tiefe, sehr bewegende und verwandelnde Eindrücke nehme ich aus dem gemeinsamen Marsch des Gedenkens mit, an dem ich soeben in Moskau teilnahm. Seit etwa 10 Jahren versammeln sich am Tag des Sieges über den Nationalsozialismus, dem 9. Mai, um 15 Uhr die Nachkommen und Angehörige all jener, die im Kampf gegen den Faschismus während der Jahre 1941 bis 1945 ihr Leben unter oft schrecklichsten Umständen verloren; dies waren etwa 40 Millionen Sowjetbürger, die als Kombattanten oder als unbeteiligte Zivilisten zu Opfern des nationalsozialistischen Angriffs- und Vernichtungskrieges wurden.

Bei diesem Marsch der Trauer und der Erinnerung geht es nicht um Zahlen oder Analysen, sondern um ehrendes Gedächtnis, um Dankbarkeit gegenüber all jenen, die damals im Krieg um das Überleben der Heimat und des Vaterlandes hingemetzelt wurden. Sie kämpften nicht für eine Idee oder für den Kommunismus, sondern für das nackte Überleben des Volkes, für den Fortbestand der russischen Staatlichkeit.

Ich reihe mich zusammen mit russischen Angehörigen und einem russischen Freund ein. Es gibt sogar aus einer originalen sowjetischen Feldküche die damalige Hauptspeise der Soldaten, nämlich Buchweizengrütze mit ein bisschen Fleisch darin. Ivan stellt sich in die Reihe und fordert mich in deutscher Sprache auf näherzutreten. Kaum fallen die deutschen Worte, werde ich bemerkt, ein junges russisches Paar steht vor mir in die Reihe, dreht sich zu mir um und berät flüsternd kurz. Sofort steht ihr Entschluss fest: Sie weichen aus und bitten mich höflich vor. Ich darf zuerst aus dem mir gereichten Plastiknapf essen, dann nehmen sie ihre Portion und lächeln mir zu. Eine wunderbare Geste! Sie zeigt beispielhaft die Würde, den Anstand, die Menschenfreundschaft, den Geist der Versöhnung, mit dem alle Russen mir hier gerade in diesen Tagen begegnen.

Die Trauer, der Schmerz und die Dankbarkeit richten sich auf die Verstorbenen. Über der ganzen Veranstaltung, die in großer Würde verlief, lag ein großes Zutrauen, eine große Verbundenheit mit allem, das lebt. Die Menschen tragen auf Pappschildern Fotos mit dem Namen und den Lebensdaten ihrer Weltkriegsopfer mit sich. Ich schaue in die Gesichter hinein: es sind offene, nahe und sprechende Gesichter. Menschen, denen ich gerne heute begegnen würde.

Als Teilnehmerzahl wurde dieses Mal bei herrlichstem Wetter eine Million gemeldet. Letztes Jahre waren es 800.000 Menschen – Kinder, Greise, Familien, Einzelnen, Freunde.

In der Gegenwart spüre ich bei den Russen keinerlei Groll, keinerlei Ressentiment und schon gar keinen Hass gegenüber uns Deutschen oder Deutschland, sondern Entgegenkommen, freundschaftliches Interesse und echte Anteilnahme.

Und so kann ich mit Trauer, Dankbarkeit und geteiltem Gedenken in dem gewaltigen Zug der Nachfahren mitgehen, mich einreihen in dieses persönliche und doch auch gesellschaftliche Ritual. Zuletzt erreichen wir den Roten Platz auf dem Kreml. Es herrscht Friede, ich kann mitfeiern, mitsummen und mitsingen.

Dies erfahren zu haben, stimmt mich sehr froh.

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Apr 302018
 


Welche Verfassung führte als erste Verfassung überhaupt das römische Liktorenbündel, die berühmten “fasces” im Wappen? Welche staatliche Verfassung darf mit Fug und Recht die erste faschistische Verfassung der Welt genannt werden?

Eine rein antiquarische Frage, möchte man meinen. Und doch ist sie weit mehr als das! Denn es geht nicht zuletzt um die Frage nach den Wesensmerkmalen des Faschismus, also jener politischen Bewegungen im Europa des 20. Jahrhunderts, die sich ausdrücklich auf den Kult der Gewalt stützten, wie er im damaligen semiotischen Universum durch das Rutenbündel der römischen Liktoren versinnbildlicht wurde.

Die Antwort mag überraschen: Die erste faschistische Verfassung der Welt war im semiotischen Sinne, wie ihn etwa Umberto Eco ansetzt, die Verfassung des V. Allrussischen Sowjetkongresses, verabschiedet am 5. Juli 1918. Sie zeigt neben Hammer und Sichel auch das Symbol des Faschismus – das Rutenbündel der Liktoren.

War also der sowjetische Kommunismus, der Bolschewismus der Ur-Faschismus? Ich würde diese Frage so stellen! Der Bolschewismus stützte sich explizit auf den Kult der Gewalt; die Schriften von Marx, Trotzkij und Lenin sind gespickt mit affirmativen Aussagen zum Einsatz der nackten Waffengewalt innerhalb der Gesellschaft; und sie offenbaren innige Vertrautheit mit der Geschichte des Imperium Romanum, was sich nicht zuletzt auch in der Titelgraphik der ersten sowjetischen Verfassung widerspiegelt.

Benito Mussolini und alle anderen Faschisten kannten den Weg der Bolschewiki genau, sie orientierten sich am Aufstieg und Triumph Lenins und Trotzkis, sie übernahmen die wesentlichen Elemente dieses “Ur-Faschismus”. Lenin mit seiner sogenannten “Oktoberrevolution” und dem sogenannten “Sturm auf den Winterpalast” von 1917 war offenbar ein Vorbild für den Sozialisten und späteren Faschisten Mussolini, der ja immerhin bis ins Alter von 27 Jahren überzeugter, politisch aktiver Sozialist und sogar Chefredakteur des Avanti, des Zentralorgans der Sozialistischen Partei Italiens, war. Der Sozialismus, insbesondere der mit dem Kult der hemmungslosen Gewalt, dem “Roten Terror” auftretende sowjetische Bolschewismus, kann, so meine ich, durchaus als eine Art Ur-Faschismus im Sinne Umberto Ecos angesehen werden.

Ohne den früheren sowjetischen Sozialismus ist kein Faschismus, ohne den zuerst entstandenen russischen Bolschewismus ist kein Nationalsozialismus denkbar.

Bild:
Das Titelbild der ersten sozialistischen und faschistischen Verfassung der Welt aus dem Jahr 1918
Lesehinweis:
Umberto Eco: Il fascismo eterno, in: Cinque scritti morali (erschienen zuerst 1997, jetzt erneut verfügbar bei La nave di Teseo editore, Milano 2017)

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Mrz 102018
 

“Ja, damals, als diese Najade im pompejanischen Stil aufgetragen wurde, nahm Russland selbstverständlich an der europäischen Geschichte teil. Deutsche Handwerker, italienische Architekten, französische Gouvernanten und Gelehrte waren fester Teil der russischen Gesellschaft. Der deutsche und der russische Hochadel bildeten eine politische Klammer zwischen der Mitte und dem Osten Europas. Überall in Europa wurden die Romane Balzacs, Zolas, Tolstois und Dostojewskis gelesen.”

Derartige Gedanken an die ehemals durchaus vorhandene gesamteuropäische Kultur- und Gedächtnislandschaft kamen mir vor zwei Sonntagen während einer kurzen Wanderpause in den Sinn.

Hier ein Fresko, ein Wandgemälde in der Loggia Alexandra auf dem Böttcherberg oberhalb des Wannsees. Weit, hoch, herrlich schweift der Blick hinüber nach Babelsberg. Errichtet wurde dieses kleine Prachtstück zur Erinnerung an Alexandra Fjodorowna, die als Prinzessin Charlotte von Preußen geboren wurde und nach ihrer Heirat mit dem russischen Großfürsten Nikolaus, dem späteren russischen Kaiser Nikolaus I., diesen russischen Titel annahm: Kaiserin Alexandra Fjodorowna.

Die Zerstörung der traditionell guten, jahrhundertelang gewachsenen preussisch-russischen bzw. deutsch-russischen Beziehungen begann im späteren 19. Jahrhundert im Zeichen imperialen Machstrebens der europäischen Großmächte.

Aber erst durch die bolschewistische Machtergreifung und die anschließende, unvorstellbar brutale, etwa bis zum Tod Stalins (1953) währende kommunistische Terrorherrschaft in der Sowjetunion wurde Russland dauerhaft aus der europäischen Familie herausgerissen. Lenin, der deutsch-russische Adlige mit all seinen willigen Vollstreckern, warf 1917 gewissermaßen – gefördert und angestachelt durch die Oberste Heeresleitung des Deutschen Reiches – die zerstörerische Brandfackel, mehr noch: eine Atombombe auf das alte Russland. Millionen von Toten, Hungersnöte unvorstellbaren Ausmaßes, zerstörte Landschaften, unendliches Leiden und Elend in weitesten Bevölkerungsschichten, zerbrochene Familien waren die Folge.

Die berühmt-berüchtigte Oktoberrevolution des Jahres 1917 muss, so scheint mir, heute in mancherlei Hinsicht als ein vernichtender atomarer Schlag betrachtet werden, von dem sich Russland erst im 21. Jahrhundert zu erholen beginnt.

Hier sind auf Seiten aller europäischen Länder, insbesondere Deutschlands, mühsame Schritte der Wiederannäherung erforderlich, die hoffentlich irgendwann zu echter Aussöhnung zwischen den europäischen Völkern führen werden, wie dies ja auch zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen Großbritannien und Deutschland gelungen ist.

Ein Schüleraustausch zwischen Russland, dem größten europäischen Land, und den anderen Staaten Europas, insbesondere den Staaten der Europäischen Union, könnte ein wichtiger Baustein dieser Versöhnungsarbeit sein. Hierfür kann und soll, so meine ich, der deutsch-französische Schüleraustausch ein echtes Vorbild sein.

Die Strecke dieser Wanderung, welche zur Loggia Alexandra führt, ist hier zum Nachwandern beschrieben:
Manfred Schmid-Myszka: Von Wannsee nach Babelsberg. Wanderung am südlichen Berliner Stadtrand. In: M. Schmid-Myszka: Rund um Berlin. Von der Ruppiner Schweiz bis in den Spreewald. 50 ausgewählte Wanderungen in der Mark Brandenburg. Bergverlag Rother, München 2016, S. 104-106, hier bsd. S. 106

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Feb 272018
 

Geradezu in einen rauschhaften Personenkult um Lenin hat sich die großartige, noch bis 15. April 2018 laufende Revolutionsausstellung im Deutschen Historischen Museum hineingesteigert. Das DHM vollzieht gewissermaßen die sozialistische Wendung zum Leninkult nach, die schon bald nach Lenins Tod im Jahr 1924 einsetzte. Alle Schülerinnen und Schüler unseres Landes sollten nicht nur ein deutsches KZ, sondern auch diese hervorragende Ausstellung mit den bunten prachtvollen Ölgemälden besuchen!

Im Katalog heißt es zu Brodskis Lenin-Gemälde “Großer Oktober”: “Unliebsame biografische Details wie seine adlige Herkunft oder sein Verhältnis zu der Sozialistin Inessa Armand wurden verschwiegen.”

Konsequent unterschlägt das Deutsche Historische Museum zu Berlin Unter den Linden in der Ausstellung und den Bildlegenden wichtige Ergebnisse der historischen Forschung, die spätestens seit der Öffnung der sowjetischen Archive ab 1990 sowohl in russischer wie in englischer wie auch in deutscher Sprache mit hinreichender Gewissheit vorliegen. Befehle, Anordnungen, Erlasse Lenins zur systematischen Ermordung, Hinrichtung, Exekution von Feinden der Revolution, Klassenfeinden, bourgeoisen Elementen, Prostituierten usw. usw. Alles schon gut belegt aus den Jahren 1917 bis 1924. Wenn es je schon vor Stalin und Jeschow einen Schreibtischtäter in Fleisch und Blut gab, dann Lenin! Die Beweise sind vorhanden.

Das DHM bringt davon in der Ausstellung — nichts — vor Augen.

Dafür sei hier nur ein winziges biografisches Detail angeführt, nämlich die Erschießung von 500 Geiseln durch die Tscheka als Vergeltung für das am 30.08.1918 verübte Attentat auf Lenin.

Die Fakten hierzu sind unstrittig; sie lassen sich so umreißen:

Am 30. August 1918 wurde Lenin bei einem Attentat schwer verletzt. Die Sowjetmacht griff daraufhin verstärkt zum Mittel der exzessiven Vergeltung, zur systematischen Einschüchterung der Bevölkerung – zum Roten Terror.

In einer öffentlichen russischen Quelle aus dem Jahr 2008 finde ich folgende Feststellung: „Der Terror war massiv. Allein als Reaktion auf das Attentat auf Lenin erschoss die Petrograder Tscheka nach offiziellen Feststellungen 500 Geiseln.“

Erschießung von 500 Geiseln durch die sowjetische Geheimpolizei, die berühmte Tscheka! Nun, in den Augen des DHM offensichtlich ein unliebsames Detail, das man gerne verschweigt. Im gesamten Katalog wird dieses unliebsame Detail nicht erwähnt; und viele andere unliebsame Details fehlen ebenso. Das Motto lautet offenbar: Geheiligt werde sein Name – Lenins Name. Das schwere körperliche Leiden Lenins wird pflichtgemäß erwähnt, über das körperliche Leiden und das Sterben der 500 Geiseln wird nichts gesagt. Die Ermordung von 500 Menschen wird vom DHM schweigend übergangen. 500 geplante Morde in wenigen Minuten, ein kleines, ein winziges Detail, das das DHM nicht der Erwähnung wert befindet, das jedoch in Russland selbst heute allgemein bekannt ist. Man hätte es meines Erachtens durchaus als winzige, klitzekleine Fußnote zu Brodskis Heiligenporträt anfügen können. Ich meine: Den Ausstellungsmachern wäre doch kein Strick daraus gedreht worden, wenn sie dieses winzige biografische Detail aus dem Leben von 500 russischen Geiseln erwähnt hätten! Niemand wäre dem DHM bei seinem Leninkult in den Arm gefallen. Mögen sie im DHM doch weiterhin Lenin nach Lust und Laune beweihräuchern. Ein erbarmungsloser Massenmörder war er trotzdem.

Die adlige Herkunft Lenins sowie sein außereheliches Verhältnis mit einer Sozialistin wird hingegen ausdrücklich angemerkt. Damit glaubt sich das DHM wohl vom Personenkult um Lenin abzusetzen. Mutig, mutig!

Ich nenne es kuratierte Vergangenheitsunterschlagung. Ich nenne es Personenkult hoch 3 um Lenin, die Apotheose Lenins, die stillschweigende Apologie des roten Terrors.

Zitatnachweise:

1917. Revolution. Russland und Europa. Katalog. Herausgegeben von Julia Franke, Kristiane Janeke und Arnulf Scriba für das Deutsche Historische Museum. Sandstein Verlag, Dresden 2017, hier: S. 131

A.A. Danilow, L.G. Kosulina, M.Ju. Brandt: Istoria Rossii, 5., überarbeitete und ergänzte Ausgabe, Moskwa 2008, hier: S. 113
Erläuterung: Es handelt sich bei diesem Buch um ein weitverbreitetes, zum Geschichtsunterricht empfohlenes Schulbuch. Übersetzung aus dem Russischen durch den hier Schreibenden.

Bild:
Der Glaube an den Sozialismus, an Hammer und Sichel lebt! Graffito im Rathaus Kreuzberg, Yorckstraße 4-11, Treppenhaus. Aufnahme vom 27. Februar 2018

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