Im Setzkasten der Ewigkeit

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Jul 052019
 
Auf der Pfaueninsel, Berlin-Wannsee. Blick von der Meierei auf den Luisentempel. Aufnahme des hier Schreibenden vom 3. Juli 2019

“In der heutigen Zeit, in der alles speicherbar und abrufbar ist, ist das Theater, die Oper, ein Konzert eine Form, wo etwas passiert, das danach nur in der Erinnerung der Akteure und des Publikums noch da ist. Es passiert jetzt, und ich bin jetzt da – und dann ist es vorbei. Das ist cool.”

So äußert sich heute in der Süddeutschen Zeitung die aus dem Oberfränkischen stammende Tatortkommissarin Eli Wasserscheid. Oder – sie äußerte sich gegenüber den Nürnberger Nachrichten in der Vergangenheit so, und hat es heute vielleicht schon vergessen. Oder es wird ihr morgen wieder einfallen, wenn sie dies liest.

“Wir sagen: Die Zeit vergeht. Dabei sind wir es, die verschwinden. Und sie? Ist vielleicht nur so etwas wie eine Temperatur der Dinge, eine Färbung, die alles durchdringt, ein Schleier, der alles bedeckt, alles von dem man sagt, daß es einmal war. Und in Wirklichkeit ist alles noch da, und auch wir sind alle noch da, nur nicht im Jetzt, sondern zugedeckt von ihr, der Zeit im Setzkasten der Ewigkeit. Denn zwar stirbt alles, doch es bleibt etwas dort, wo etwas war. Zunächst sind es die Orte, die länger bleiben als wir. Was tut die Zeit mit ihnen?”

Dies schreibt, oder schrieb, hat geschrieben, oder wird schreiben der vom Rand des Vogelsbergs stammende Thomas Hettche. Uns fallen dabei jene mutmaßlich unsterblichen, hoffentlich ewigen Verse ein, welche der aus dem Hessischen gebürtige Johann Wolfgang Goethe im Jahr 1885 hätte lesen können, wenn er es denn damals noch hätte versuchen dürfen:

Und von allem Dem schwebt ein Erinnern
Nur noch um das ungewisse Herz,
Fühlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern,
Und der neue Zustand wird ihm Schmerz.
Und wir scheinen uns nur halb beseelet,
Dämmernd ist um uns der hellste Tag.
Glücklich, daß das Schicksal, das uns quälet,
Uns doch nicht verändern mag!

Preis dem Vergangenen, das da war, da ist und da sein wird!

Zitatnachweise:

“Leute”, in: Panorama. Süddeutsche Zeitung, Freitag, 5. Juli 2019, Seite 10

Thomas Hettche: Pfaueninsel. Roman. Genehmigte Taschenbuchausgabe. 3. Auflage, btb Verlag München, März 2016, S. 32

Goethes Sämmtliche Werke. Vollständige Ausgabe in zehn Bänden. Mit Einleitungen von Karl Goedeke. Erster Band, Verlag der J.G. Cotta’schen Buchhandlung, Stuttgart 1885, S. 878

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“Und keiner kennt mich mehr hier.” Johannistag-Meditation im Jahr 2019

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Jun 242019
 
Der 1704 gekaufte Freihof der Hampels in Klein-Herrlitz, Öl auf Leinwand, Familienbesitz, signiert: H. Hampel, Bild entstanden ca. 1960

Am Johannistag vor genau 315 Jahren, dem 24. Juni 1704, kaufte Johann Friedrich Hampel, einer der Vorfahren des hier Schreibenden, von Georg Friedrich Ritter von Eichendorff, einem der Vorfahren des Dichters Joseph von Eichendorff, und Eva Salomena, geb. Henn von Henneberg, den Freihof in Klein-Herlitz Nr. 39 und 40.

Am Johannistag vor genau 283 Jahren, dem 24. Juni 1736, bestätigte der römisch-deutsche Kaiser Karl VI. die mit diesem Freihof verbundenen Freiheiten mit einem aus 28 Blätter-Pergamenten bestehenden Privilegium.

Alte, längst vergessne Zeiten,
Alte, halb verschollne Tage,
Was will all das noch bedeuten,
Hebt sich darum eine Klage?

Man mag diese Erinnerungen abtun; und doch steigen die verschollenen Tage wieder auf, sobald ich wieder einmal das Lied Robert Schumanns singe, zu dem Joseph von Eichendorff die Worte schrieb. So geschah es mir auch gestern im Hochmeistersaal in Berlin-Halensee; Schumann op. 39, Liederkreis, Lied Nr. I!

In der Fremde

Aus der Heimat hinter den Blitzen rot
Da kommen die Wolken her,
Aber Vater und Mutter sind lange tot,
Es kennt mich dort keiner mehr.
Wie bald, ach wie bald kommt die stille Zeit,
Da ruhe ich auch, und über mir
Rauscht die schöne Waldeinsamkeit
Und keiner kennt mich mehr hier.

Quelle: Ahnentafel der aus dem Freihof in Klein-Herrlitz bei Troppau stammenden Geschwister Hampel. Erforscht von Bruno Hampel. 2. Auflage, August 1935. Privatdruck o.O.

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Lauschend im Niedwald

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Feb 132019
 
Im Niedwald. Aufnahme vom 13.02.2019

Recht heimlich ist mir’s im Niedwald. Über die Jahrtausende hat er sich gebildet, hier, wo mich vorgestern bei der Ankunft der Habicht mit seinem lauttönenden Ruf begrüßte. Beiderseits der Altarme der Nidda erstreckte er sich, hier zu meinen Füßen, wo Hainbuche, Ahorn, Wildkirsche, Esche, ja vereinzelt auch noch bis zu 250 Jahre alte Stieleichen aufragen. O wie dunkel ist’s hier in der finsteren Nacht gestern gewesen. Wie gern röche ich hier im Frühjahr den Bärlauch, der als weißer Blütenteppich den Boden bedeckte und mit leichtem Knoblauchgeruch die Luft erfüllte wie damals, als wir die wilden Pentlands bei Edinburgh durchstreiften!

Horch hinein in die Zeitentiefe! Hier an der Via regia sicherte einst berittenes Geleit vor Überfällen durch die Straßenräuber. Diese Straße hier verband damals den Bischofssitz Mainz mit Fulda und Hersfeld, den bedeutenden Abteien, und führte Berittene auf Heerfahrt, Krämer, Marketender weiter nach Eisenach und Erfurt, den Städten, die ich bei der Herfahrt mit dem ICE-Zug kurz grüßte.

Bei Leisenwald im Vogelsberg ist heute noch ein Verbotsstein erhalten, der es “bei fünff Gulden Straff” verbot, die Straße ohne die Bezahlung des Wegezolls von 4 Schilling zu benutzen.

Doch ich, ich bin ja nicht so, bin ja kein Wegelagerer noch auch Wege-Erschleicher. Ich zolle dieser Straße meinen Wegezoll der Achtsamkeit! Ich wende ihr genau die Aufmerksamkeit zu, die sie verdient genau so wie der Niedwald, den sie hier durchquert. Künftiger Bärlauch, Esche im Niedwald, berittene Wächter, lauter Habicht im Auenwald, Wegstein im Leisenwald, Fulda, Hersfeld, Mainz – seid mir gegrüßt, ich werde vorübergehen, aber die Erinnerung an euch wird bleiben wie an den, der hier vorüberzog eine winzige Wegstrecke seines Lebens.

Quellennachweis: “VIA REGIA. Kulturroute des Europarates”, auf: Obelisk aus dem 21. Jahrhundert, aufgestellt vor dem alten Ramada im Niedwald an der alten Via Regia (heute: Oeserstraße 180, 65933 Nied/Hessen)

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Die Unbehausten

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Jan 042019
 
Charles-Joseph Natoire: Die Ruinen des römischen Kaiserpalastes auf dem Palatin, 6. Mai 1760. Kupferstichkabinett Berlin. Gesehen in der Ausstellung: Rendezvous. Die französischen Meisterzeichnungen des Kupferstichkabinetts. Ausstellung von 07.12.2018 bis 03.03.2019


ἰδοὺ ἀφίεται ὑμῖν ὁ οἶκος ὑμῶν. So das Wort Jesu laut Lukas 13,35. Also geht euch verloren euer Haus, dürfen wir grobschlächtig übersetzen. Eine Klage über den Verlust des Hauses, in dem sie zu leben glaubten, eine Voraussage über die Zerstörung des Tempels, über das “Ende der Welt, wie sie sie kannten.” Jesus lebte in der Naherwartung, er glaubte, das Ende der Welt, wie er sie kannte, stehe unmittelbar bevor. Das Ende seines Lebens wurde später von den Überlebenden, die sich zu ihm bekannten, als Vorwegnahme des Endes der Pracht und Herrlichkeit des alten Israel gedeutet, wie es dann als große Katastrophe im Jahr 70 eintrat.

Die Perikope aus dem Lukasevangelium kommt mir immer wieder in den Sinn, sobald ich an den Ruinen der großen Welt vorbeikomme. Nacherleben der verlorenen großen Welt!

Ob es nun der unter Kaiser Titus zerstörte Jerusalemer Tempel oder die Ruinen des Palatinspalastes sind: Die neue Ausstellung des Kupferstichkabinetts Berlin bietet reichlich Gelegenheit, dieses Vorher und Nachher zu bestaunen, nachzuerzählen, nachzuerleben.

Große Kunst – wie sie hier an den französischen Meisterzeichnungen zu erfahren ist – geht häufig aus der Erfahrung der Zerstörung des Großen hervor, aus der Erfahrung des Nachher. Sie ist Nachhall eines unersetzlichen Verlustes.

Aber sie, diese Zeichnung, verbürgt auch den Neuanfang. Sie legt Zeugnis davon ab, dass es auch ein Leben nach dem Zeitenbruch gibt. Friedlich weidende Kühe, die melkende Hirtin, nicht zuletzt aber die an einen Flußgott erinnernde, vorne lagernde Gestalt bekunden die Erwartung des Neuanfanges. Es ist, als raunte es uns aus der Zeichnung zu: “Das Leben geht ja weiter.” Das Göttliche, der Gott ist vielleicht doch nicht ganz tot.

Nur das Haus des Großen, der Tempel des Göttlichen ist verloren, ist verworfen. Unser Haus ist zur Wüste geworden. Wir sind – die Unbehausten. Aber die Erinnerung daran lebt fort. Sie, Mnemosyne, spendet Kraft und schließt uns unter freiem Himmel zur Gedächtnisgemeinschaft zusammen.

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Flammende Käthchen am Grab meiner Mutter

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Jul 282018
 

Augsburg, 24.07.2018
Ich besuche das Grab meiner Mutter im Neuen Ostfriedhof. Nach den heftigen Regengüssen der vergangenen Tage strahlt und blitzt der uralte Baumbestand; die Stieleichen ragen mächtig und stolz in den Himmel. Was würde meine Mutter sagen, wenn ich meine Schuhe im Friedhof auszöge, wenn ich mich – wie es die Alten Israels taten – unbeschuht nahete, als Zeichen der Demut und Ehrfurcht? Ich tue es. Ich löse die Sandalen von meinen Füßen und beschreite den sanften, bis unter die Graswurzeln durchweichten Boden. “Zieh ruhig die Klapperl aus”, würde sie sagen.  (Klapperl, das ist ein bairisches Wort für Sandalen).

Ich verharre lange Augenblicke in der Zwiesprache mit meiner Mutter und beschließe dann, einige Madagaskarglöckchen zu pflanzen. Dann drängen sich mir einige Gedanken auf, erst in deutscher, dann in lateinischer Sprache. Sie besagen folgendes:

Der Schrecken des Todes löset sich, nun darfst
du barfuß den Boden, in dem deine Mutter ruht,
betreten. Die sechs flammenden Käthchen, die du ihr
aufs Grab gepflanzt, werden für sie blühen; zieh
deine Klapperl aus, fühle den weichen Mutterboden!
Entschlag dich deiner Sorgen, singe die Lieder,
die sie einst für euch gesungen: es wird sie erfreuen.

Solvitur acries hiems mortis, nunc pede
libero pulsanda tellus matris, Kalanchoe
blossfeldiana nunc virescit, at tu tolle
calceos, languidas curas dimitte, licet cantare.
In memoriam

Zur Erinnerung an Gerda Hampel
* 28. Juli 1927 in Berchtesgaden +8. Februar 2015 in Berlin-Kreuzberg

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Auf einem Baum ein Kuckuck saß

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Jul 142018
 

Komm in den totgesagten park und schau
Der schimmer ferner lächelnder gestade
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erfüllt die weiher und die bunten pfade…

… und was siehst du dort hinten?

Ja, dort hinten, irgendwo in einem Winkel des totgesagten Parks der Erinnerung, da steht er, der runde Pavillon. Pavillon? Ein seltsames Wort für ein Gebäude, das es nur ein einziges Mal auf dieser Welt gab. In keinem Diktat kam es vor, kein Lehrer hätte es gewagt, uns dieses Wort zu diktieren: Páwioh sprach sich das aus. Aber es schrieb sich anders. Warum nannte sich dieses Gebäude der Volksschule Firnhaberau so? Ja, Firnhaberau, das war ein richtiges, ein gutes Wort, das uns hunderte Mal über die Lippen ging. Firnhaberau, das war die Heimat. Das gehörte zu uns. Wir gehörten zu ihr.

Aber Pavillon? Pavillon, das klang sehr rund, das musste irgendwie chinesisch aussehen. War der Pavillon rund, war der Pavillon chinesisch? Hatte er ein Pagodendach?  Zweifel steigen in mir auf, während ich dies hier schreibe. War der Pavillon rund? War nicht vielmehr das kleine Pausenhäuschen im Schulhof rund? Und der Herr Mögele, lebt er noch? Waltet er noch seines Amtes? Nur er waltete seines Amtes; sonst gab es niemanden, der seines Amtes waltete. Uns schien es immer so, als ob die Lehrer wechselten, als ob die Schüler kämen und gingen, aber der Herr Mögele, “der Mögele”, wie wir ihn nannten, der blieb. Er waltete und waltete! Der überdauerte uns. Er war die Ordnung in den Gängen, er war der Herr der Sauberkeit. Nur er hatte die feinen, gummiartigen rötlichen Krümel, die Sauberkeit in Hof und Gang und Zimmer schufen. Nur er hatte den sehr breiten Besen, mit dem er die Krümel über die im Sonnenglanz schimmernden Holzbohlen zog. Und danach – war der Dreck weg. Der Herr Mögele, das war eine Art Zauberer.

Besen, Besen,
Dreck! Sei’s gewesen!

Und die Albrecht-Greiner-Singschule? Gibt es die noch? War’s nicht dort im Pavillon, wo du in der vierten Klasse einmal wöchentlich  die Singstunde besuchtest? War es nicht das Ziel Albert Greiners, die menschliche Stimme, “gleichviel ob im Singen oder Sprechen, natürlich und schön klingen zu lassen”? Erlebtest du damals nicht bereits das singende Sprechen und das sprechende Singen?  Etwa bei folgendem Lied:

Auf einem Baum ein Kuhuckuck saß
Simsalabim bambasala dudala dim!

Und  dieses Lied war offenbar für dich geschrieben, denn ihr wohntet im Kuckucksweg 9. Dies war allgemein bekannt.

Uns so lerntest du es kennen, ein “System von kindgemäßer Stimmkunde, mit Gymnastik der Tonwerkzeuge, Atmung, Lagenausgleich, Vokalpflege, Notensingen, Rhythmik und dergleichen.” Das hatte alles Albert Greiner ausgedacht. Auch er – musste eine Art Zauberer sein. So dachtest du, so erlebtest du das damals.

Und heute? Was erfährst du heute? Die Volksschule am Hubertusplatz gibt es immer noch, doch heißt sie heute Grundschule und Mittelschule Augsburg-Firnhaberau. Der Herr Mögele ist nicht mehr der Hausmeister. Der Pavillon der 60-er Jahre war kein Rundbau, – hier trog deine Erinnerung! -, sondern ein rechteckiger ebenerdiger Langbau. Die Albert-Greiner-Singschule besteht weiter, jedoch nicht mehr unter diesem Namen; sie heißt jetzt Sing- und Musikschule Mozartstadt Augsburg.

Und die Musik und die Lieder?

Am 21.06.2018 lud deine Schule deiner Kindheit zu einem sommerlichen Konzertabend ein. Zwei Bläserbands bliesen zum Auftakt, es folgten klassische Klarinettenduette, und der Grundschulchor sang, jedoch nicht von einem Kuckuck, der auf einem Baum saß, sondern von rostigen Rittern, russischen Jungen und radelnden Elefanten.

Die Erinnerung mag trügen, die Musik erklingt weiter, die Lieder wechseln, das Singen bleibt und lebt.

Zitat zu Albert Greiner:
Abschnitt “Singschulen”, in: rororo Musikhandbuch in 2 Bänden. Herausgegeben und bearbeitet von Heinrich Lindlar, Band 1: Musiklehre und Musikleben, Rowohlt Verlag, Reinbek 1973, S. 296-297, hier S. 296

Homepage der heutigen Grundschule und Mittelschule Augsburg-Firnhaberau:
http://www.gsms-firnhaberau.de/index.php

Bild:

Blick aus dem Park auf das Sommerbad am Insulaner, Aufnahme vom 12.07.2018

 

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Deutsch-russische Geschichte – Удивительная жизнь Адольфа Хампеля

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Jul 052018
 


Удивительная жизнь Адольфа Хампеля, судетского немца, полюбившего Россию, “Das wunderbare Leben Adolf Hampels, eines Sudetendeutschen, der Russland liebgewonnen hat” –

unter diesem Titel konnten wir am 5. Juli 2018, also vorgestern, eine Radiosendung des russischen Echo Moskaus (Эхо Москвы) verfolgen.

 

 

Adolf Hampel, 1933 in Klein-Herrlitz in der Tschechoslowakei geboren, katholischer Priester und Theologe, der an der Universität Gießen lehrte, hat in seinem Buch “Mein langer Weg nach Moskau” auf sehr ansprechende  Art einen Rückblick auf einige Stationen seines ereignisreichen, wunderbaren Lebens geworfen. Das Buch ist mittlerweile durch Irina Potapenko ins Russische übersetzt worden und fand so das Interesse des Echos Moskaus. Der Autor kam nun in dieser Interview-Sendung in russischer Sprache zu Wort, und einzelne Abschnitte der russischen Übersetzung wurden vorgelesen. Angesprochen wurden Begegnungen mit Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche, die Rückführung einer Ikone nach Kasan, Kapitel aus Kindheit und Jugend, Kriegserfahrungen, die Enteignung und Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei im Jahr 1946, der mühsame Neubeginn der Vertriebenen in den aufnehmenden Ländern. Einen breiten Raum nahmen dann im Gespräch  die unermüdlichen Bemühungen Adolf Hampels um Begegnung, Austausch und Versöhnung mit Menschen in den Gesellschaften des Ostens ein. Er ist einer jener zahlreichen Pioniere der deutsch-tschechischen Aussöhnung, für die beispielhaft der Name Václav Havels stehen mag. Dabei öffnete ihm seine wundersam erwachte Liebe zur russischen Sprache auch das Tor zu allen Völkern der früheren Sowjetunion.

Ich meine: Gerade in der heutigen Zeit, wo – wie damals auch – ethnische Konflikte, Kriege, Flucht, Vertreibungen, der Wiederaufbau, die Versöhnung, das Erzählen, das Erinnern, das Teilen und das Weitergeben der Erinnerungen das Tagesgespräch bestimmen, stellen die lebendigen Erinnerungen Adolf Hampels einen unschätzbaren Denkanstoß dar. Sie verdienen sowohl im deutschen Original wie in der russischen Übersetzung größte Aufmerksamkeit.

Hier kann man die Sendung nachhören, indem man einfach mit der Maus auf den Link klickt und dann ganz oben auf dem Bildschirm das “Abspielen”-Symbol anklickt:

https://echo.msk.ru/sounds/2234122.html

https://echo.msk.ru/programs/diletanti/2234122-echo/

Adolf Hampel: Mein langer Weg nach Moskau. Ausgewählte Erinnerungen. Gerhard Hess Verlag, Bad Schussenried, 2012; russisch: A. Hampel: Moi dolgij put v Moskvu, übers. von I. Potapenko, Verlag Pero, Moskwa 2017, ISBN 978-5-90633-76-8

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Gemeinschaft im persönlichen Gedenken am 9. Mai in Moskau

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Mai 092018
 

Tiefe, sehr bewegende und verwandelnde Eindrücke nehme ich aus dem gemeinsamen Marsch des Gedenkens mit, an dem ich soeben in Moskau teilnahm. Seit etwa 10 Jahren versammeln sich am Tag des Sieges über den Nationalsozialismus, dem 9. Mai, um 15 Uhr die Nachkommen und Angehörige all jener, die im Kampf gegen den Faschismus während der Jahre 1941 bis 1945 ihr Leben unter oft schrecklichsten Umständen verloren; dies waren etwa 40 Millionen Sowjetbürger, die als Kombattanten oder als unbeteiligte Zivilisten zu Opfern des nationalsozialistischen Angriffs- und Vernichtungskrieges wurden.

Bei diesem Marsch der Trauer und der Erinnerung geht es nicht um Zahlen oder Analysen, sondern um ehrendes Gedächtnis, um Dankbarkeit gegenüber all jenen, die damals im Krieg um das Überleben der Heimat und des Vaterlandes hingemetzelt wurden. Sie kämpften nicht für eine Idee oder für den Kommunismus, sondern für das nackte Überleben des Volkes, für den Fortbestand der russischen Staatlichkeit.

Ich reihe mich zusammen mit russischen Angehörigen und einem russischen Freund ein. Es gibt sogar aus einer originalen sowjetischen Feldküche die damalige Hauptspeise der Soldaten, nämlich Buchweizengrütze mit ein bisschen Fleisch darin. Ivan stellt sich in die Reihe und fordert mich in deutscher Sprache auf näherzutreten. Kaum fallen die deutschen Worte, werde ich bemerkt, ein junges russisches Paar steht vor mir in die Reihe, dreht sich zu mir um und berät flüsternd kurz. Sofort steht ihr Entschluss fest: Sie weichen aus und bitten mich höflich vor. Ich darf zuerst aus dem mir gereichten Plastiknapf essen, dann nehmen sie ihre Portion und lächeln mir zu. Eine wunderbare Geste! Sie zeigt beispielhaft die Würde, den Anstand, die Menschenfreundschaft, den Geist der Versöhnung, mit dem alle Russen mir hier gerade in diesen Tagen begegnen.

Die Trauer, der Schmerz und die Dankbarkeit richten sich auf die Verstorbenen. Über der ganzen Veranstaltung, die in großer Würde verlief, lag ein großes Zutrauen, eine große Verbundenheit mit allem, das lebt. Die Menschen tragen auf Pappschildern Fotos mit dem Namen und den Lebensdaten ihrer Weltkriegsopfer mit sich. Ich schaue in die Gesichter hinein: es sind offene, nahe und sprechende Gesichter. Menschen, denen ich gerne heute begegnen würde.

Als Teilnehmerzahl wurde dieses Mal bei herrlichstem Wetter eine Million gemeldet. Letztes Jahre waren es 800.000 Menschen – Kinder, Greise, Familien, Einzelnen, Freunde.

In der Gegenwart spüre ich bei den Russen keinerlei Groll, keinerlei Ressentiment und schon gar keinen Hass gegenüber uns Deutschen oder Deutschland, sondern Entgegenkommen, freundschaftliches Interesse und echte Anteilnahme.

Und so kann ich mit Trauer, Dankbarkeit und geteiltem Gedenken in dem gewaltigen Zug der Nachfahren mitgehen, mich einreihen in dieses persönliche und doch auch gesellschaftliche Ritual. Zuletzt erreichen wir den Roten Platz auf dem Kreml. Es herrscht Friede, ich kann mitfeiern, mitsummen und mitsingen.

Dies erfahren zu haben, stimmt mich sehr froh.

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Belebende Sterne

 Antike, Dante, Gedächtniskultur, Natur-Park Schöneberger Südgelände  Kommentare deaktiviert für Belebende Sterne
Apr 072018
 


Io ritornai da la santissima onda rifatto sì come piante novelle rinnovellate di novella fronda com’è puro e disposto a salire alle stelle.

88 weltweit anerkannte Sternbilder gibt es. Ihre Namen gehen zum Teil auf antike Sternsagen zurück. Ursa major, Haar der Berenike, Perseus, Pegasus, Phoenix … der munter erzählende Astronom in der Wilhelm-Foerster-Sternwarte bot uns gestern nacht einen sehr aufschlussreichen Sternenspaziergang. Wir fanden auch den Polarstern, indem wir fünf Mal die Hinterachse des Großen Wagens abtrugen, der Teil des Großen Bären, Ursa maior, ist.
In jeder Betrübnis, die Geist und Sinn gefangen hält, kann der Mensch sich wieder durch Betrachtung des gestirnten Himmels aufrichten. Die oben angeführten Verse vom Ende des Purgatorio beweisen dies. Dante fühlt sich nach längeren Gesprächen über die Unzuverlässigkeit seiner Erinnerung erschöpft. Der Anblick des Sternenhimmels macht ihn neu. Er gewinnt Zutrauen, er gewinnt seine Erinnerung zurück. Er fühlt sich wie ein begrünter Zweig, der mit frischem Laub wiederbelebt wird.
Die unendliche Größe der Welt, die uns gestern vor Augen geführt wurde, wird aufgewogen durch die strahlende, überschießende Freude beim Anblick des ersten zarten Grüns und dieser frischen Weidenkätzchen im Schöneberger Südgelände.

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Gedenkstätte oder Denkmal?

 Gedächtniskultur, Schöneberg  Kommentare deaktiviert für Gedenkstätte oder Denkmal?
Jan 262018
 

Was ist der Unterschied zwischen einer Gedenkstätte und einem Denkmal? Nun, ein Blick auf die Schöneberger Annedore-Leber-Gedenkstätte mag dies verdeutlichen: Hier, in dieser Kohlenhandlung, an diesem Ort trafen sich namhafte Mitglieder des deutschen Widerstandes. Sie, diese Deutschen, wollten den Krieg beenden, sie wollten Hitler stürzen, sie kämpften konspirativ gegen die verbrecherische Regierung der Nationalsozialisten. Mitglieder des Kreisauer Kreises, Annedore Leber, Julius Leber, Vertreter des sozialdemokratischen deutschen Widerstandes, des kommunistischen deutschen Widerstandes, des christlichen, des bürgerlichen und des adligen deutschen Widerstandes kannten und nutzten diese Kohlenhandlung. Ernst von Harnack, Ludwig Schwamb, Helmut James Graf von Moltke, Peter Graf Yorck von Wartenburg, Claus Schenk Graf von Stauffenberg gehörten zum weiteren Umfeld der deutschen Männer und Frauen, die hier aus und ein gingen. Auch wenn die meisten dieser Deutschen heute vergessen sind, würden sie sich als mögliche Vorbilder für die deutsche Jugend eignen.

Gedenkstätten wie etwa diese Annedore-Leber-Gedenkstätte stehen und entstehen an den Orten des Geschehens. Sie erinnern an das, was hier “einst geschah”. Dass alle Bauwerke “echt” sind, wird dabei nicht verlangt. So finden sich in zahlreichen KZ-Gedenkstätten kaum noch originale Ausstattungsstücke; Hütten, Baracken, Zäune und Stacheldraht sind häufig nachgebaut oder rekonstruiert. Dennoch hat sich eine blühende KZ-Gedenkstättenlandschaft entfaltet; diese häufig nachgebauten KZs innerhalb und außerhalb Deutschlands sind heute der Stolz der deutschen Erinnerungskultur. Sie dienen der Abschreckung und der Bestätigung dessen, was “wir immer schon geahnt haben”. Die deutsche Jugend wird an ihnen zu intensiven Gefühlen der Scham und der Verachtung erzogen: “Schaut her, so schlimm sind wir Deutschen gewesen!”, lautet der Cantus firmus. Man verlässt diese Orte mit dem Gefühl, dem Verbrechen selbst ins deutsche Antlitz geblickt zu haben.

Anders dagegen das Denkmal! Denkmäler sind losgelöst von dem Ort, an dem sie stehen. Das Holocaustdenkmal, so stolz man in Deutschland auch auf es sein mag, steht nicht am historischen Ort. Weder wurde an diesem Ort einer der vielen Beschlüsse zu den zahlreichen Massenmorden gefasst, noch wurden sie hier ausgeführt. Und dennoch, gerade deswegen ist es tipp topp in Schuss gehalten. Es bündelt und konzentriert den Kern deutschen Geschichtsdenkens auf einzigartige Weise. Es zieht die Massen an, es ist zu Recht eine Touristenattraktion ersten Ranges.

Das 12-KZ-Erinnerungsschild am Schöneberger Kaiser-Wilhelm-Platz ist ebenfalls keine Gedenkstätte, sondern ein Denkmal – ein Erinnerungszeichen an die genau 12 deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager, die “wir nie vergessen dürfen”. Derartige Denkmäler der Erinnerungskultur stehen vielfach verteilt im Berliner Stadtraum; sie bilden das Rückgrat der weltberühmten deutschen Vergangenheitsbewältigungserinnerungskultur.

Sie bilden deutsche Identität wie nichts anderes sonst ab. Sie sind der Kern der deutschen Kultur der Jetztzeit.

Das Bild zeigt die Annedore-Leber-Gedenkstätte am 17. Januar 2018, Ort: Berlin-Schöneberg, Torgauer Straße, Annedore-Leber-Park
Das Video zeigt den Zustand der Annedore-Leber-Gedenkstätte am 17. Januar 2018.

 Posted by at 16:23