Vielleicht ist er mehr als nur ein Kontinent, eher ein windgetriebener Sänger, Dichter der Musik, einsamer Sturmvogel zwischen den Kontinenten – so habe ich bisher die Klavierwerke und Lieder von Nikolai Medtner kennen und schätzen gelernt.
Nikolai Medtner, geboren 1880 in Moskau, gestorben 1951 in London. Über ihn schrieb 1991 bei einem Jour fixe des Vereins KONTAKTE-KONTAKTbI der Pianist und Musikwissenschaftler Gottfried Eberle:
„Er ist Zeitgenosse von Skrjabin und Rachmaninow, steht ihnen im Rang kaum nach und ist doch relativ unbekannt geblieben. Denn er sitzt in mehrfacher Hinsicht zwischen den Stühlen. Er ist kein Avantgardist wie Skrjabin, der zur Atonalität durchgestoßen ist. Er hat sich bewusst gegen die Moderne gestellt in einer Schrift „Muse und Mode“. Er hat sich aber auch nicht gegen den konservativeren Rachmaninow durchgesetzt, weil er nicht dessen Extrovertiertheit und dessen Prägnanz besaß. Seine Musik springt den Hörer nicht direkt an, erschließt sich nur dem geduldigen Zuhören.“
Geduldiges Zuhören – das müssen wir alle immer wieder einüben, in der Musik wie auch im Leben überhaupt!
Um so mehr freut es mich, nun ein Konzert direkt hier im Schöneberger Salon Feurig ankündigen zu können:
23. Oktober 2026, 19.00 Uhr: Salon Feurig: The Medtner Code. NACHTWIND. Klavier- und Vokalmusik von Nikolai Medtner. Ramina Abdulla-Zadé, Sopran; Evelina Dobračeva, Sopran; Sergey Neller, Klavier. Feurigstr. 68, 10827 Berlin. Karten im Vorverkauf bei Eventim light und an der Abendkasse. Freier Eintritt für Personen bis 16 Jahren
„In diesem Bild sind unsere Goethe-Gedichte versteckt.“ Hier, an diesem Felsenvorsprung, treibt der ungestüme Fahrgast den zaudernden Kutscher auf, hetzt ihn voran, allem Getrappel und Geröll zum Trotz! Wie in Goethes Gedicht „An Schwager Kronos“, das Schubert so packend in Töne gesetzt hat. Weit hoch herrlich schweift der Blick ins Leben hinein, ehe die Kutsche voraneilt in den Orkus, in die nächtliche Hölle, freundlich empfangen von Hades und all den Gewaltigen dort unten.
Und hier, links unten, da ruht der See, schwarzvertiefte Finsternisse wiederspiegelnd, glatte Fläche rings umher, Todesstille fürchterlich! Fanny Hensel hat sich vollkommen eingefühlt in dieses Stillhalten, diese endlos entspannte, flirrende Nähe zum Tode, aus dem das Leben einmal, aber wann? wieder emporsteigen wird.
Empfinde große Freude, jeden Nachklang fühlt mein Herz froh und trüber Zeit! Ein großer, schöner, gelungener Abend, diese Geburtstagsfeier mit und von Goethe, zu der wir hochwillkommene Gäste empfingen! Hier zum Nachlesen unser Ablaufplan:
28. August 2026, 19.00 Uhr: Salon Feurig:Töne Goethe, feiere in Lebensfluten! Gedichte von Goethe. Lieder von Carl Friedrich Zelter, Franz Schubert und Fanny Hensel. Rezitation und Gesang: Johannes Hampel. Am Flügel: Uwe Streibel. Feurigstr. 68, 10827 Berlin.
PROGRAMM
Alle vorgetragenen und vertonten Texte stammen von Goethe.
Begrüßung. Bildbetrachtung. Das Vorhaben – Lied des Erdgeists, aus: Faust I, Szene „Nacht“
Carl Friedrich Zelter (1758-1832): – An den Mond („Füllest wieder Busch und Tal“)
– Vortrag: „Zueignung“, aus: Faust I
Carl Friedrich Zelter: – Der König in Thule, aus: Faust I, Szene „Abend“
Franz Schubert (1797-1828): – Jägers Abendlied („Im Felde schleich ich still und wild“) – An Schwager Kronos
-Vortrag: Wilhelm Meisters Lehrjahre, 2. Buch, 13. Kapitel
Fanny Hensel geb. Mendelssohn Bartholdy (1805-1847): – Harfners Lied („Wer sich der Einsamkeit ergibt“), aus: Wilhelm Meisters Lehrjahre
Franz Schubert: – Meeres Stille („Tiefe Stille herrscht im Wasser“)
– Vortrag: „Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig“, aus: Faust II, Erster Akt
Fanny Hensel geb. Mendelssohn Bartholdy: – „Dämmrung senkte sich von oben“, aus: Chinesisch-deutsche Jahres- und Tageszeiten
Goethe, Singen, WanderungenKommentare deaktiviert für In Lebensfluten, im tönenden Tatensturm
Aug.272026
Heute Abend stimme ich mich auf eine musikalisch-lyrische Feier ein – die stattfinden wird ausgerechnet am 277. Geburtstag von Goethe – also morgen!
Das Motto lautet: Töne Goethe, feiere in Lebensfluten
Wir erleben einen Tag der hochgemuten Ausfahrt und eine tiefschwarze Grabesnacht, nehmen teil an Leidenschaften, Einsamkeit, an Freuden, am Staunen, an Geheimnissen, an der Liebe – ein großes Ja!
All das in Gedichten und Liedern, umflochten von Goethe-Vertonungen durch Carl Friedrich Zelter, Franz Schubert und Fanny Hensel.
Als musikalisches Programm haben wir folgende Auswahl an Goethe-Gedichten getroffen:
Zelter: An den Mond („Füllest wieder…“); König in Thule Schubert: Jägers Abendlied („Im Felde schleich ich…“); Meeres Stille; An Schwager Kronos
Hensel: Harfners Lied („Wer sich der Einsamkeit ergibt“); „Dämmrung senkte sich von oben“
Dazu fügen wir immer auch hinführende Erklärungen, sowie vorab den tönenden Vortrag aller Gedichte noch ohne Musik (um das Verständnis der teilweise sehr merkwürdig-abenteuerlichen Texte zu sichern!).
Kuchen und Sekt wird ausgeschenkt und gereicht, zum Zeichen der Lebensfreude.
Das Ganze ist „historisch informierte Aufführungspraxis“; denn das „deutsche Kunstlied“, wie wir es heute kennen, ward ungefähr in den Jahren 1790-1840 so im Salon – nicht im Konzertsaal! – geboren. Und wir hoffen einer solchen Wiedergeburt beizuwohnen
28. August 2026, 19.00 Uhr: Salon Feurig:Töne Goethe, feiere in Lebensfluten! Gedichte von Goethe. Lieder von Carl Friedrich Zelter, Franz Schubert und Fanny Hensel. Rezitation und Gesang: Johannes Hampel. Am Flügel: Uwe Streibel. Feurigstr. 68, 10827 Berlin. Eintritt frei für alle bis 18 Jahren. Karten für Erwachsene zu € 10.- über Eventim https://www.eventim.de/event/toene-goethe-feiere-in-lebensfluten-salon-feurig-salon-feurig-21989960/?affiliate=GMD
Bild: Zu Füßen der Ellbachtanne im Schwarzwald, hin und herwandernd zwischen dem Guten und dem Bösen Ellbach: sehr klein der Mensch, am 12. August 2026! Diese Weißtanne wurde vor 7 Jahren auf 270 Jahre geschätzt. Sie überlebte als einziger Baum weit und breit zu Weihnachten 1999 den verheerenden Orkan „Lothar“. Sie dürfte also genau so alt sein, wie Goethe heuer wäre. Sie war vor 7 Jahren 45 m hoch, ihr Umfang maß vor 7 Jahren 4,35m.
Gestern spätabends, auf der Bahnfahrt von Neuruppin-Rheinsberger Tor nach Berlin-Charlottenburg erkannt‘ ich – gerade noch rechtzeitig vor der sehnlich erwarteten Goethefeier am 28. August – dass Goethes Gedicht „An Schwager Kronos“ durchgängig an ein Du gerichtet ist, an den grausamen Urvatergott Kronos – oder auch an Chronos, den Gott der Zeit, wer weiß das schon genau? S’ist KEIN Monolog! Deshalb ist auf der hier gezeigten, in ihrer Authentizität höchst fragwürdigen Sepiatuschzeichnung (?), vielleicht in Anlehnung an Adrian Zingg (?), 1757-1759 (?), tatsächlich neben dem maßlos frechen, aufsässigen Fahrgast Goethe ein peitschenschwingender Kronos zu sehen. Alles klar, na denn – GUTE FAHRT euch beiden, dir, Goethe, und dir auch, Kronos! Passt auf Euch auf!
Nachweis: Johann Wolfgang Goethe: An Schwager Kronos. In der Postchaise d 10 Oktbr 1774. In: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1756-1799. Hgg. von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Frankfurt am Main 1998, S. 201-203, S. 920-922, sowie ibidem Abb. 11: Der Staubbachfall bei Lauterbrunnen
28. August 2026, 19.00 Uhr: Salon Feurig:Töne Goethe, feiere in Lebensfluten! Gedichte von Goethe. Lieder von Carl Friedrich Zelter, Franz Schubert und Fanny Hensel. Rezitation und Gesang: Johannes Hampel. Am Flügel: Uwe Streibel. Feurigstr. 68, 10827 Berlin. Eintritt frei für alle bis 18 Jahren. Karten für Erwachsene zu € 10.- über Eventim https://www.eventim.de/event/toene-goethe-feiere-in-lebensfluten-salon-feurig-salon-feurig-21989960/?affiliate=GMD
Bild: Die Gräser im Walde sie ruhen und nicken die Köpfchen angestrahlt von des Helios wärmenden Strahlen am Wannsee gestrigen Tages doch währt ihr Leben wenn’s hochkommt 70 Tage keinen Tag länger
Vor einer Woche schauten wir dankbar, hocherfreut und beglückt den Film The Odyssey von Christopher Nolan an; lange noch schwang dieses packende Erlebnis in mir nach, und auf Schritt und Tritt entdecke ich nun im Alltag Gedächtnisspuren, Anklänge und Querverbindungen. Homer, von dem ich Häppchen seit Jahrzehnten immer wieder auch auf Griechisch lese, lugt mir dieser Tage hinter jedem Grashalm, hinter jedem Baum, hinter jeder Zeile hervor!
Und hier kommt nun meine Frage des Tages an die KI von Gemini:
Konnte Lea Mendelssohn Bartholdy, geborene Lea Salomon (177-1842), die Mutter Fanny Hensels, wirklich Homer im Original lesen, wie es Annette Maurer in ihrer Ausgabe ausgewählter Lieder von Fanny Hensel berichtet?
Die genannte Frage beschäftigte mich im Rahmen meiner Befassung mit Vertonungen von Goethes Gedichten (etwa durch Carl Friedrich Zelter, Fanny Hensel und Franz Schubert).
Und diese Antwort spuckte mir Gemini ohne zu zögern nach wenigen Sekunden aus dem Gehege seiner Schaltkreise soeben aus:
Ja, historischen Quellen und biographischen Überlieferungen zufolge konnte Lea Mendelssohn Bartholdy (1777–1842) tatsächlich Homers Epen im altgriechischen Original lesen. [1]
Bildung und Sprachkenntnisse
Die aus der einflussreichen jüdischen Familie Salomon/Itzig stammende Lea Mendelssohn erhielt eine für Frauen ihrer Zeit und ihres Standes außergewöhnlich umfassende und elitäre Privatbildung. [1, 2]
Alte und moderne Sprachen: Neben Deutsch beherrschte sie fließend Französisch, Englisch und Italienisch. [1]
Klassische Bildung: Zudem erhielt sie Unterricht in den alten Sprachen, was ihr die Lektüre griechischer Klassiker wie Homer ermöglichte. [1]
Künstlerisches Talent: Sie war zudem eine hervorragende Pianistin und prägte die musikalische Erziehung ihrer berühmten Kinder Fanny Hensel und Felix Mendelssohn Bartholdy maßgeblich. [1, 2]
Was meinte Goethe damit in seinem hier im Schöneberger Blog zitierten Brief an Zelter vom 6. Juni 1825? Entsprach dies seiner Kritik etwa an Schuberts Vertonungen seiner Gedichte?
Genau diese Frage stellte ich soeben einer KI, hier Gemini in der kostenlosen Version. Und dies ist die Antwort, die mich innerhalb von 12 Sekunden erreichte:
Mit dem Begriff „überfüllte Musik“ meinte Johann Wolfgang von Goethe in seinem Brief an Carl Friedrich Zelter vom 6. Juni 1825 eine Kompositionsweise, bei der die Musik zu komplex, überladen und klanglich zu dominant wird, sodass das gesungene Wort und das dichterische Gedicht völlig in den Hintergrund gedrängt werden. [1, 2, 3]
Obwohl dieses Zitat oft als Paradebeispiel für Goethes Distanz zur aufkommenden Romantik angeführt wird, war es keine direkte Kritik an Franz Schubert.
Was meinte Goethe mit „überfüllter Musik“?
Goethe vertrat eine klassische, wortzentrierte Ästhetik des Liedes. Für ihn musste die Musik dem Gedicht dienen. Sie sollte den Text lediglich tragen, rhythmisieren und emotional untermalen, ohne ihn zu übertönen. Zelters schlichte Vertonungen im Stile der Berliner Liederschule entsprachen genau diesem Ideal. [1, 2, 3, 4, 5]
Als „überfüllt“ empfand Goethe Musik, die:
Zu viele harmonische Modulationen nutzte
Die Singstimme durch eine übermäßig komplexe und virtuose Klavierbegleitung erdrückte
Das lyrische Kunstwerk in ein rein instrumentales Spektakel verwandelte
Richtete sich die Kritik gegen Schubert?
Nein, zumindest nicht direkt oder bewusst.
Kein Namensbezug: Schubert wird in diesem Brief überhaupt nicht erwähnt. Goethes Klage war kulturkritisch und allgemein auf die zeitgenössische, moderne Musikentwicklung (wie die von Carl Maria von Weber oder dem späten Beethoven) bezogen. [1, 2]
Goethes Ignoranz gegenüber Schubert: Goethe hat Schuberts Genie schlichtweg lange Zeit nicht erkannt. Als Schubert ihm Jahre zuvor (1816) ein Heft mit Vertonungen (darunter Erlkönig) schickte, sandte Goethe es kommentarlos zurück. [1, 2]
Das Schubert-Missverständnis: Schuberts Lieder – in denen das Klavier eine gleichwertige, dramatische Rolle einnimmt und die Stimmung malend mitträgt (wie das Surren des Spinnrades in Gretchen am Spinnrad) – entsprachen zwar genau dem, was Goethe theoretisch als „überladen“ oder „überfüllt“ abgelehnt hätte. Doch es gibt keinen Beleg dafür, dass er Schubert zum Zeitpunkt des Briefes 1825 intensiv genug wahrgenommen hatte, um ihn gezielt damit zu meinen. Erst ganz spät in seinem Leben, als er die Sängerin Wilhelmine Schröder-Devrient mit Schuberts Erlkönig hörte, soll Goethe das Stück tief bewegt anerkannt haben. [1]
Meine unmittelbare Antwort an die KI Gemini ist: Diese Antwort entspricht genau meinem bisherigen Kenntnisstand. Ich halte sie für präzise, gut belegt, und in unseren Zusammenhang hier im Blog völlig ausreichend. Vielen Dank an die menschliche Intelligenz all derer, die die KI gebastelt haben. Läuft!
Freude, Geige, Heimat, Kinder, Musik, SingenKommentare deaktiviert für „Behütet in Bayern aufwachsen, in einer großen Familie groß zu werden“ – ist das Heimat? Kann das Heimat sein?
Mai282026
„Was ist für dich Heimat?“ Wir setzen unsere Betrachtungen im Anschluss an Sandra Hüllers skeptische Ablehnung des Heimatbegriffes fort und fragen heute abend bei den Musikerinnen von Salut Salon an. „Was ist für dich Heimat?“ Wir hatten im Zwiegespräch mit Sandra Hüller gefunden, dass Heimat zunächst einmal kein politischer, sondern ohne jeden Zweifel ein zutiefst persönlicher Begriff ist; jeder wird also eine andere Antwort auf diese Frage geben – und darf und soll dies auch tun!
Was man unter Heimat versteht, das hängt wohl zu großen Teilen von der Erfahrung der eigenen Kindheit ab. Die Cellistin Maria Well etwa sagt es so: „Ich komme aus Bayern. Ich muss sagen, ich bin wahnsinnig behütet aufgewachsen.“ Und sie empfindet dies im nachhinein als Privileg, als großes Glück.
Es lohnt sich, in diesem Video den vier sehr unterschiedlichen Antworten der vier so unterschiedlichen Künstlerinnen zuzuhören! Sie alle eint, dass sie den Begriff Heimat mit Glück, mit einer grundsätzlich guten, gelungenen Kindheit verbinden. Und aus diesem Grundgefühl der Zugehörigkeit, die sich in der Vergangenheit als leibhaftige Erfahrung gebildet hat, speist sich ein großes Ja-Sagen, besser: ein Ja-Singen zu diesem Leben, mit all seinen Zweifeln, Ängsten, Schattenseiten. Man spürt darin ein Hervorleuchten, man hört ein hervorquellendes, ein unversiegliches Verlangen und Streben nach Freude, nach einer sich aus der Tiefe der Vergangenheit wiederholenden Freude, die sich in der Weitergabe, im Weiterschenken erfüllt und selber für andere zur Beheimatung, zur Empfindung des tiefen tiefen Glücks werden kann.
Bild: Dorfkirche mit Dorfweiher in Klein Herrlitz/Malé Heraltice, Sudetenschlesien – das Heimatdorf, in dem der Vater des hier Schreibenden von 1925-1946 seine Kindheit erlebte. Aufnahme des Verfassers vom 24.05.2026
Nach den ersten drei Sitzungen des neuen Salons mit durchaus ernstem Charakter wollen wir den Mai dieses Jahr am Vortag mit Gesang und Musik einläuten.
Dieses Mal – am Donnerstag – feiern wir ohne festgelegtes Programm in aller Vorfreude den Frühling.
Wer etwas vortragen möchte, ist herzlich eingeladen! Wer nur zuhören möchte, ist ebenfalls eingeladen.
Das Klavier steht wie immer bereit.
Wie gewohnt bei KONTAKTE KOHTAKTbI in der Feurigstraße 68 in Schöneberg.
diese Verse aus dem Gedicht Der Leiermann von Wilhelm Müller kommen mir bei Betrachtung dieses Hin und Her zwischen Sonne und Frost in den Sinn. Die Großwetterlage scheint unentschlossen zwischen Winter und Frühling, die Nacht ist zwar sternenklar und kalt, der Tag strahlt in der frühen Märzensonne. Aber es wird nicht wirklich warm.
Man weiß nicht, was noch werden mag – laß gehen dahin!
Manches Geheimnis umrankt den Ausdruck „in die Maske singen“, auf Italienisch „cantare in maschera“. Es gilt als eines der erfolgversprechenden Rezepte des klassischen Gesangs, also des bel canto. Oft wird dabei die Vorstellung aufgerufen, man müsse „nach vorne singen“, also gewissermaßen von der Kehle weg in den Saal hinein, man solle sich also vorstellen, die Stimme nicht „kehlig“, sondern „pfeilgerade“ durch eine imaginäre Maske nach draußen zu schicken.
Ich habe selbst als Gesangsschüler verschiedene Lehrer verschiedenes dazu lehren hören, verschiedene Meinungen dazu vernommen. Nun hörte ich aber gestern eine für mich neue, gleichwohl auf Anhieb überzeugende Erklärung des „In-die-Maske-Singens“, und zwar durch die Stimme des italienischen Physikers Valerio Rossi Albertini. Er erhielt zum Festival des italienischen Liedes in San Remo seinen tönenden Auftritt in der Gesundheits-Ratgeber-Sendung Buongiorno Benessere im Sender Rai Uno, in der es um alltägliche Erscheinungen wie Krampfadern, Diabetes, Fettleibigkeit und Sodbrennen ging, und er platzierte geschickt die Nachbildung einer antiken Theatermaske, um die Physik und die Physiologie des Singens zu erklären; weiterhin nachzuvollziehen unter folgendem Link ab Minute 24:00:
Wir fassen Rossi Albertinis Ausführungen zusammen:
Unsere eigentliche „Stimme“, also genauer die beiden Stimmlippen, die den gesungenen Ton erzeugen, bringen einen für sich genommen schwachen, kaum hörbaren, eher dünn und kläglich klingenden Laut hervor. Nicht die schöne Stimme, auch nicht die sprichwörtliche goldene Kehle erzeugt die Fülle des Wohllauts! Erst durch den Widerhall in einem Resonanzkörper entstehen die Farben, entstehen die reichen Obertöne, welche wir als Merkmale schönen Gesangs erleben.
Die volle, schöne, klingende Lautgebung erfolgt insbesondere durch die Resonanzhohlräume im Schädel, also die verschiedenen Höhlungen, wie sie durch die 16 unterschiedlichen, teils paarigen, teils unpaarigen Knochen des Gesichts- und des Hirnschädels gebildet werden.
Dieses knochige Gerüst bildet den Resonanzkörper, in dem sowohl Sänger wie auch Schauspieler die weittragenden, volltönenden, die „richtigen“ Töne, oder besser die richtigen Klänge – also aus vielen Frequenzen zusammengesetzten Schall – erzeugen.
Im Theater der griechisch-römischen Antike verstärkte man diesen bereits bekannten körpereigenen Effekt noch zusätzlich, indem man tönerne Masken vor das Gesicht setzte, die die menschliche Stimme so sehr verstärkten, das auch tausende von Zuhörern im Freien jedes Wort des häufig sehr komplexen gesungenen oder rezitierten Tragödien- oder Komödientextes vernehmen und verstehen konnten.
„In die Maske“ singen, das bedeutet also laut dieser Erklärung im wesentlichen, dass die körpereigenen Resonanz- und Hohlräume maximal wie eine tönerne oder tönende Theatermaske zur Verstärkung und Bereicherung ausgenutzt werden. Es geht also vorrangig nicht darum, die eigene Stimme nach vorne am Gesicht zu projizieren, zu schieben, oder die Klänge in die Fassade einer Maske hinein zu verlegen, sondern die reiche körpereigene, mehrdimensionale, die im besten Sinne geräumige Resonanzkörperlichkeit zu entfalten.
Unbedingt sehenswert und mehr sogar noch hörenswert diese Darbietung des italienischen Physikers Valerio Rossi Albertini!
Bild: Prophet Jona, ohne Maske, da soeben aus der Kehle eines Wales ausgespien, im Augsburger Dom, Buntglasfenster, wohl 12. Jh.
DIE POSAUNENSTELLE tief im glühenden Leertext, in Fackelhöhe, im Zeitloch:
hör dich ein mit dem Mund.
Dies ist ein Gedicht Paul Celans aus der postum veröffentlichten Sammlung „Ilana“.
Unter Posaunenstelle ist hier und heute, am Totensonntag des Jahres 2024, wohl die üblicherweise mit Posaunen unterlegte Textstelle
Tuba mirum spargens sonum per sepulcra regionum
zu verstehen.
Hör dich ein mit Mund – Hier meinen wir ein besonderes, ein hörendes Sprechen zu vernehmen. Hören mit dem Mund, das geschieht beim innehaltenden Singen, in dem der gesamte Trakt aus Mund, Rachen und Hals ein Schlot wird, in dem alles versinkt und zugleich hervorquillt. Inalare la voce – die Stimme einatmen, so formulierten das die alten Meister des Belcanto.
Zitat:
Paul Celan: DIE POSAUNENSTELLE, in: ders., Sammlung „Ilana“, in: ders., Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Mit den zugehörigen Radierungen von Gisèle Celan-Lestrange. Herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, S. 570, sowie dazugehörender Kommentar S. 1235-1236
Bild (von oben nach unten): Drüsiger Götterbaum (Ailanthus altissima), Hopfen (Humulus lupulus), Eschen-Ahorn (Acer negunda), gesichtet heute im Cheruskerpark an der Turnanlage vor dem EUREF-Campus. Bestimmt durch die App Flora incognita
6. August 2024. Zurückgekehrt bin ich aus Dresden, wo wir gestern die so plötzlich verstorbene Natalia Petrowski zur Ruhe der Waldeinsamkeit im Loschwitzer Friedhof betteten. Unser Abschied von einem geliebten Menschen endet nicht vor einem verschlossenen Tor, sondern öffnet neue Zugänge zu Menschen und Welten, die uns ohne ihren Tod wohl nicht offen gestanden hätten. In diesem Sinne bin ich der Abgeschiedenen, der Verstorbenen auch in der Trauer unendlich dankbar.
Hier oben ein Bild von einem meiner letzten Bühnentode, in der Kirche Sanct Jacobi in Perleberg bei einem Konzert der Lotte Lehmann Woche: Menschen kommen aus der Tiefe des Raumes, wo Sand und Wasser sich trennen, Menschen gehen zurück in das scheinbar Vertraute, das sich seither verändert hat und weiter verändern wird. Und so verändern wir uns mit ihnen.
„Und keiner kennt mich mehr hier.“ Ich singe hier gerade „In der Fremde“ von Robert Schumann, den Blick nach oben gerichtet, ins Lichte, ins Weite.
Und in dem all dem steckt Versöhnung. „Keiner kennt mich mehr hier“, so wie auch ich mich nicht mehr kennen muss. „Lass gehen, lass fahren dahin…“
Aufnahme vom 27. Juli 2024. Bühnenregie: Florian Hackspiel. Am Flügel: András Vermesy. Foto: Nico Dalchow
Credits:
Joseph von Eichendorff/Robert Schumann: „In der Fremde“, taken from: Eichendorff Totenopfer/Schumann Liederkreis, op. 39 Recorded live on stage at St. Jacobi Kirche in Perleberg, Prignitz district, Germany, during scenic concert for Lotte Lehmann Woche 2024, 27 July 2024 Johannes R. Hampel, tenor András Vermesy, piano Scene director: Florian Hackspiel Director of photography: Nico Dalchow
Script: Joseph von Eichendorff: Totenopfer. In der Fremde
Aus der Heimat hinter den Blitzen rot Da kommen die Wolken her, Aber Vater und Mutter sind lange tot, Es kennt mich dort keiner mehr. Wie bald, wie bald kommt die stille Zeit, Da ruhe ich auch, und über mir Rauschet die schöne Waldeinsamkeit Und keiner mehr kennt mich auch hier.
Quelle: Joseph von Eichendorff: „In der Fremde“. Aus: „Totenopfer“. In: Joseph von Eichendorff: Werke in einem Band. Hg. von Wolfdietrich Rasch. 6. Aufl., Carl Hanser Verlag, München 2007, S. 221-235, hier S. 233
Busoni, Freude, Islam, Musik, SingenKommentare deaktiviert für Berlin leuchtete. Wir waren eine klingende Felsenwand, eine singende Straße, eine strahlende Heimstatt der Musik und des Menschen!
Juni052024
Freue mich über die wirklich heitere festliche, fröhliche Stunde mit viel Musik und Gesang und lauter netten Leuten, die wir gestern zusammen in der Augsburger Straße erleben durften! Scott Curry fand bewegende Worte zur Enthüllung der Gedenktafel an Busonis ehemaligem Wohnhaus: „Wir feiern hier nicht nur Busonis Musik, wir feiern auch dieses Haus, unsere Straßen und Plätze, die unsere Stadt Berlin zu einer so großartigen Heimstatt der Musik machen!“ Danke Busoni, danke Adam Oehlenschläger, danke Scott, danke Igor, danke an alle Beteiligten dieser heiteren Stunde!
Ich selbst fühlte mich übrigens gemäß der Regieanweisung Busonis als Teil der klingenden Felsenwände, da wir gemeinsam das muslimische Gebet an Allah des dänischen Romantikers Adam Gottlob Oehlenschläger sangen, das Busoni in Töne gesetzt hat.