Sep 172021
 

Zwei große Abende durften wir mit der Aufführung der Serva padrona erleben! Alle wirkten zusammen, die Theateratmosphäre knisterte, wir beflügelten einander im Spielen, im Singen! Glückes genug!

Das Singspielensemble Berlin. V.l.n.r.: Ursula Hillermann (unten, Violine), Johannes Hampel (Uberto), Eva Vo (unten, Violine), Gerardo Colella (Dirigent und Regisseur), Heike Borchardt (Serpina), Jürgen Grunewald (unten, Bratsche), George Stark (Vespone), Andreas Bährle (unten, Cello). Leider nicht auf dem Foto: Daniel Merkel (Kontrabass), Regina Knobel (Cembalo)

Viele versuchten umsonst, das Ernsteste ernsthaft zu sagen,
hier spielt es endlich, hier im Gelächter sich aus!

In der Tat, Pergolesi tänzelt und tändelt um die Abgründe der Kleinheit des Herzens, der Ichbezogenheit des Mannes herum. Was ist das doch für ein Typ, den ich da zu singen und zu spielen hatte! Dieser Uberto! Verlangt alles von anderen, nichts von sich selbst!

Mit List, Tücke, Hingabe, Zärtlichkeit erreicht es seine Ziehtochter Serpina, ihn für sich zu gewinnen. Sein Herz öffnet sich, sein Geldbeutel auch. Hä? Was lernen wir daraus? Nichts!

Von r.n.l.: George Stark (Capitan Tempesta/Vespone), Heike Borchardt (Serpina), Johannes Hampel (Uberto)

Und damit kommen wir auch schon zu den Grenzen dieses Stückes. Es belehrt uns nicht. Es führt uns in eine Offenheit der Deutung. Wir in der Truppe waren uns selbst nicht einig, ob es hier um echte Gefühle gehe oder doch nur um List, Täuschung und Eigennutz. Vielleicht ist es eine Mischung aus allem. Vielleicht sollte man das Ganze nicht tierisch ernst nehmen. Jedenfalls war es schön, hinreißend, ich fühlte mich vollkommen hineingetragen, hineingezogen in ein Spiel, das über die Begrenztheit des Ichs hinausgeht.

Wenn Schiller sagt, der Mensch sei nur da Mensch wo er spiele, so wage ich zu sagen: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er singt und spielt, wo er lacht und weint, wo er scherzt und trauert, wo er sich der Unabgeschlossenheit seines Schicksals stellt, wo er die Unplanbarkeit des Lebens als den Freiraum nutzt und genießt, in dem er zu Entscheidungen hingezogen oder vielmehr hingesogen wird, die er schließlich als seine eigenen empfindet.

Und noch etwas füge ich hinzu: Wir spielten die Dienerin als Magd in einer zweisprachigen Fassung, die wir selbst erstellt hatten, wobei wir Arien und Duette im italienischen Original sangen, die Dialoge der Rezitative hingegen in unserer eigenen Übersetzung, angereichert mit Improvisationen, mit komödiantischen Elementen darboten. Das ganze Stück funktionierte also nur im Zusammenspiel zwischen zwei unterschiedlichen europäischen Sprachen: Italienisch und Deutsch. Im Kleinen gelang es uns also, ein perfektes Zusammenspiel zweier Kulturen zu inszenieren; denn nur im Verständnis des Italienischen konnte sich das Deutsche weiter entfalten. Umgekehrt bedurfte das Italienische vor einem des Italienischen unkundigen Publikum unbedingt der Übersetzung, Verdolmetschung, Verdeutlichung durch Geste, Handlung, Mimik und schließlich auch durch die eingefügten deutschen Dialoge. Man könnte es so sagen:

Viele versuchten umsonst, Europa im Großen zu gründen,
hier gelang es im Kleinen, die Länder Europens zu einen.

Applaus, Applaus, Applaus! Für die Musik, das Theater, den Gesang, die Menschen, Mann und Weib, Witz, Gelächter, Körper, Geld und Geist!

Zitatnachweise (Plagiatejäger – hier wird euch geholfen!):

Schiller, Friedrich: Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen. [2. Teil; 10. bis 16. Brief.] In: Friedrich Schiller (Hrsg.): Die Horen, Band 1, 2. Stück. Tübingen, 1795, S. 88

Hölderlin, Friedrich: „Sophokles.“ In: ders., Gedichte. Stuttgart u. a., 1826, S. 122
 Posted by at 20:24

„Alle schick im Hause Uberto?“ oder: das Trio vor dem Sturm

 La serva padrona - Die Magd als Herrin, Singen, Singspielensemble Berlin, Theater  Kommentare deaktiviert für „Alle schick im Hause Uberto?“ oder: das Trio vor dem Sturm
Sep 022021
 
Das Trio vor dem Sturm: Heike Borchardt als Serpina, Johannes Hampel als Uberto, George Stark als Vespone

Mich erreichte im Frühling eine Anfrage, bei einer neuen Opernproduktion des Singspielensembles Berlin in der männlichen Hauptrolle mitzuwirken. Und welcher Sänger würde da zögern? Auf dem Spielplan steht:

Giovanni Battista Pergolesi / Gennarantonio Federico: La serva padrona / Die Magd als Herrin

Ein herrlicher duftiger Spaß, eine Erkundung der Tiefenschichten der männlichen, der weiblichen – nein: der menschlichen Psyche!

Worum geht es da?

Die Oper spielt in einem vornehmen Haushalt eines Edelmannes in einer italienischen Stadt, um 1730. Der alternde und mittlerweile sehr bequeme Junggeselle Uberto hat vor vielen Jahren die kleine Tochter verarmter Verwandten gnädig bei sich aufgenommen. Als Gegenleistung dient sie, zusammen mit dem Hausknecht Vespone, dem edlen Herrn als Magd.

Serpina ist mittlerweile zu einer reizenden Frau herangewachsen. Im Gegensatz zum armen Vespone, der arg unter ihrem Joch zu leiden hat, ist sie durchaus nicht auf den Mund gefallen. Sie besinnt sich ihrer aristokratischen Vorfahren und strebt nach Höherem. Doch im niederen Stand eines Dienstmädchens muss sie sich dafür etwas ganz Besonderes einfallen lassen…  Wird es ihr gelingen?

Arien und Duette singt das Singspielensemble Berlin in italienischer Originalfassung aus dem Jahr 1733. Die Dialoge spielt es deutsch in einer taufrischen Übersetzung aus dem Jahr 2021.

Es singen und spielen:

Serpina: Heike Borchardt
Uberto: Johannes Hampel
Vespone: George Stark

Streichorchester: Ursula Hillermann, Eva Vo, Andreas Bährle, Jürgen Grunewald, Daniel Merkel
Klavier: Regina Knobel
Neue Prosaübersetzung ins Deutsche und für den Gebrauch als Singspiel eingerichtet: Johannes Hampel

Künstlerische Gesamtleitung: Gerardo Colella

Samstag, 11. September 2021, 19 Uhr

Sonntag, 12. September 2021, 19 Uhr

Zugang nur mit Nachweis über „geimpft oder genesen oder getestet“

Testmöglichkeit vor Ort

Unkostenbeitrag 10 Euro

Restkarten an der Abendkasse/Einlass ab 18 Uhr

Neue Bühne Friedrichshain, Boxhagener Str. 18, 10245 Berlin

 Posted by at 20:48

Abhängig? Ja! Na und? Also einfach mal — abhängen!

 Freiheit, Freude, Singen  Kommentare deaktiviert für Abhängig? Ja! Na und? Also einfach mal — abhängen!
Dez 192020
 
Britzer Garten, Berlin-Neukölln, 29. November 2020

Gewisse Dinge können wir nicht ändern. Wir hängen Tag um Tag von vielen anderen Menschen ab. Wir hängen von Naturgesetzen ab, wie etwa der Schwerkraft auf dieser Erde. Uns ist es nicht gegeben, die Bedingungen unseres Hierseins und Soseins vollständig zu steuern. Und gerade deswegen ist es befreiend, im Bewusstsein der Abhängigkeit einfach einmal … abzuhängen. Sich hineinzubegeben in die Schwerkraft dieser Erde, sich langziehen zu lassen, minimale Bewegungs- und Freiheitsspielräume zu erkunden. Denn etwas kann man doch immer machen! Man muss nicht nichts machen! Man kann zum Beispiel diesen Hampelmann in leichte Bewegung bringen. Man kann sich hochziehen und damit etwas zur Stärkung seiner Muskelkräfte unternehmen.

Ich gewann an jenem schönen Sonntag im November 2020 weitere Beweise für meine Zuversicht, dass die Welt mit jedem Tag schöner wird, wenn man sie richtig anschaut. Nach langer Suche hatten wir endlich die Hampelmänner im Britzer Garten gefunden. Andere Spaziergänger trällerten mit ihren Kindern gerade das herrliche Lied:

Jetzt steigt Hampelmann, jetzt steigt Hampelmann
Aus seinem Bett heraus, aus seinem Bett heraus
Oh du mein Hampelmann, mein Hampelmann bist du.

Dieses ermutigende Kinderlied, dass ich noch aus meiner Kindheit kenne, gab mir den Schwung und die innere Zuversicht, in ein Spiel mit Abhängigkeit und Freiheit einzutreten.

Wer hätte gedacht, dass Neukölln so herrliche, so schöne Stellen bietet wie etwa diese herbstdurchsonnten Pfade im Britzer Garten!

Ja, es stimmte auch und gerade im November 2020, was Ludwig Uhland damals über den Frühling sagte und sang:

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag!

 Posted by at 19:46

„Gott will Mensch und sterblich werden“

 Aus unserem Leben, Einladungen, Frohe Hirten, Natur, Parkidyllen, Singen  Kommentare deaktiviert für „Gott will Mensch und sterblich werden“
Nov 212020
 

Gott will Mensch und sterblich werden

3. Advent, Gottesdienst mit Taufe und festlicher Musik | Evangelische Halensee Gemeinde (kirchengemeinde-halensee.de)

Mich erreicht eine Einladung zu einem Gottesdienst unter diesem Motto, der ich mit Freuden singend Folge leisten will. Recht seltsam mutet jedoch der Titel dieser Arie an, die Georg Philipp Telemann in Töne gesetzt hat:

Gott will Mensch und sterblich werden.

3. Advent, Gottesdienst mit Taufe und festlicher Musik
Pfarrer Joachim Krätschell
Sonntag, 13. Dezember 2020, 10:00 – 11:00 Uhr
Ort: Kirche der ev. Kirchengemeinde Halensee, Westfälische Straße 70A, 10709 Berlin

„Gott will Mensch und sterblich werden“ Barocke Arien zum Advent
Musik von Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann

Johannes Hampel, Tenor; Franziska Ritter, Flöte; Kathrin Freyburg, Orgel und B.C.

Bild: Bilder der sterblichen Natur, hier: kleine sterbliche Menschlein auf einem Steg, hineingebaut in göttlich geschaffene Natur. Britzer Garten, Berlin-Neukölln, Aufnahme des Verfassers vom 8. November 2020

 Posted by at 12:58

ORA ET CANTA! Gut gemacht, Augsburg!

 Augsburg, Cheruskerpark, Seuchen, Singen  Kommentare deaktiviert für ORA ET CANTA! Gut gemacht, Augsburg!
Nov 212020
 

Jan Brachmann schrieb gestern in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:

Der Kulturbetrieb schnappt gerade nach Luft, einmal aus Not, vor allem aber aus Empörung, „dass Stätten der Kultur und Bildung unter dienstleistende Vergnügungs- und Freizeitveranstaltungen eingeordnet und den gleichen Verboten und Vorschriften wie Spielhallen, Wettannahmestellen, Fitness-Studios, Spaßbäder und Bordelle unterworfen werden“, wie es in einer Protestnote der Bayerischen Akademie der schönen Künste heißt. Gerald Fauth, der Rektor der Leipziger Musikhochschule, ließ die Bundeskanzlerin in einem offenen Brief wissen, wie sehr ihn diese „sprachliche Unsensibilität entsetzt hat“. Während Fauth ausruft: „Wo sind wir hingekommen? Wo sind unsere wahren, höchsten Werte?“, macht sich der Bariton Thomas E. Bauer einfach ans Handeln. Konzerte sind zwar verboten, Gottesdienste aber erlaubt, dachte er sich. Wenn man das öffentliche Singen als Gebet verstehen würde, wäre es also weiterhin möglich.

Thomas. E Bauer lässt in Augsburg 24 Stunden Palestrina-Messen singen (faz.net)

Jan Brachmann: Kultur betet. FAZ, 20.11.2020

Bild: Ein Ginko biloba blüht golden unter einem Himmelskreuz auf. Aufnahme des Verfassers. Cheruskerpark, Berlin-Schöneberg, 2. November 2020

 Posted by at 12:05

Sahen sich die Dichter Homer und Dante als Schriftsteller?

 Dante, Homer, Singen  Kommentare deaktiviert für Sahen sich die Dichter Homer und Dante als Schriftsteller?
Sep 102020
 

Così vidi adunar la bella scola
di quel signor signor dell’altissimo canto
che sovra li altri com’aquila vola.

So Dante Alighieri, Commedia, Inferno, Canto IV, 94-96

„Mit Homer beginnt die europäische Literaturgeschichte.“ In jeder Literaturgeschichte wird man etwas in diesem Sinne finden können. „Dante ist der größte Schriftsteller italienischer Sprache.“ Wer wollte gegen diese Feststellungen etwas einwenden?

Nun, zunächst einmal Dante selbst. Bekanntlich bezeichnet er die 100 einzelnen Abschnitte seiner Commedia nicht als „Kapitel“, „Bücher“, „Texte“, „Schriften“, „Akte“, „Briefe“ oder ähnliches, sondern ausschließlich als Lieder, Gesänge, als „canti“. Die drei Großbauteile der gesamten Commedia wiederum nennt er „cantiche“, in etwa wiederzugeben als „Sangeswerke“, „Gesangsgruppen“. Gesang singt und klingt bei Dante allüberall, nicht stummer, zum Lesen geschriebener Text!

Im vierten Gesang des Inferno wiederum bezeichnet Dante Homer als den „signor dell’altissimo canto“, also als den Herrn, den Herrscher des höchsten Gesanges, den Fürsten des Singens.

Und von Homer – so es ihn denn als Person gegeben hat – wissen wir, dass er seine Gesänge nicht aufschrieb, sondern sie mündlich aus dem Gedächtnis vortrug, gesanglich darbot. Homer soll blind und des Schreibens unkundig gewesen sein. Wolfgang Schadewaldt schrieb mit guten Gründen sein Büchlein über „Die Legende von Homer, dem fahrenden Sänger“. Homer war nicht Literat, er war Sänger.

Kurzum: Wir verfehlen das von Homer und von Dante Gemeinte fundamental, wenn wir ihre aufgeschriebenen Texte, die uns ja unter ihrem Namen in der Tat vorliegen, als Endzweck sehen, als Literatur, die der Literaturwissenschaft als Gegenstand dienen sollte.

Nein, es waren – und sind! – zum singenden klingenden Vortrag gedachte, rhythmisch durchgebildete, sich nicht im geschriebenen oder gedruckten Wort erschöpfende Kunstgebilde. Es sind Gesänge.

 Posted by at 19:22

„Ein kleiner Affe oder ein Hund am Fuße der Treppe? Ein Rucksack?“ Rätsel einer Sommernacht im Rottal

 Alpirsbach, Aus unserem Leben, Freude, Geige, Singen  Kommentare deaktiviert für „Ein kleiner Affe oder ein Hund am Fuße der Treppe? Ein Rucksack?“ Rätsel einer Sommernacht im Rottal
Aug 072020
 
Ein Geiger auf hölzernem Balkon spielt eine Serenade für Kind und Hund, für Groß und Klein, für Himmel und Erde. Massing, Nacht vom 31. Juli auf den 1. August 2020

Nach 4 Wochen wieder in Berlin eingetroffen. Zunächst hatte ich arbeitsreiche Wochen im Schwarzwald. Nur am Wochenende fuhr ich jedes Mal ganz wild mit einem gemieteten Mountainbike in die Kreuz und die Quer. Herrlich, dieser Schwarzwald, so wild, so überraschend und so schön!

In Alpirsbach, wo ich einquartiert war, gibt es eine sehr gute Kirchenmusikszene unter der Organistin/Kantorin Carmen Jauch, die ich zwei Mal im Gottesdienst hörte und auch danach in einem Konzert mit geistlichen Liedern. Hier keimt in kleiner Besetzung nach tonloser Zeit das Neue auf, die Freude, die zur Musik wird. Möge sie weiter und lauter tönen!

Dann verbrachte ich eine Woche Urlaub in Mittelfranken im kleinsten lieben Kreise, wo es mir noch besser gefiel! Das bildkräftig und blütenreich verträumt hergerichtete Römerlager in Ruffenhofen, die konzentrierte Darbietung unseres großen Dichters Wolfram in Wolframs-Eschenbach, der herrlich frische Altmühlsee, der Igelsbachsee – es war eine Perlenkette an guten, erfrischenden, belehrenden heiteren Stunden! Und jeden Abend gab ich ein kleines Konzert mit deutschen und italienischen Liedern und Arien, und rahmte den Gesang stets auch mit der Geige. Ein richtiger Hausmusikant war ich für ein ganz liebes Publikum geworden, das mich immer unterstützte!

Zum Abschluss dann zwei richtige Konzerte im Garten in Massing/Niederbayern für das große Verwandtenfest mit unserer guten Tante Greti, alles mit vorher eingespielter Klavierbegleitung. Ich fühlte mich frei und sicher. Nach Wochen und Monaten des öffentlichen Verstummens endlich aus voller Brust und voller Hingabe zu singen und zu geigen! Im Freien, im Sommer, bei Tag und in der Nacht! Es war, als hätt der Himmel die Erde still geküßt …!

Was Besseres kann einem nicht passieren, die Leute wollten mehr hören, sie klatschten, sie lagen hingeschmolzen flach auf dem Rasen! Also bitte! Bin sehr froh, dass ich das alles erleben durfte!

„Ich wollt als Spielmann ziehen und singen meine Weisen vor jedem Haus…!“

Wie bei Eichendorff! Das ist wirklich Manna, dieser lebendige Kontakt zum Publikum in Fleisch und Blut!
Werde das alles noch nachklingen lassen…!

„Schönes Bild! Aber was ist das am Fuße der Treppe? Ein kleiner Hund, ein Rucksack oder ein kleiner Affe?“, fragt mich eine Zuhausegebliebene. Antwort: Ich weiß es nicht.

 Posted by at 21:33

„Was singen Sie?“- „Frohe Hirten!“

 Frohe Hirten, Singen  Kommentare deaktiviert für „Was singen Sie?“- „Frohe Hirten!“
Mrz 012020
 
Erste Frühblüher begrüßen wie frohe Hirten in zartestem Grün den herannahenden Frühling im Naturpark Schöneberger Südgelände

Lange Tages des Dienstes zwingen mich bisweilen dazu, einen Teil meiner täglichen Gesangsübungen vom Musikstudio auf das Fahrrad, auf laute lärmende Straßen, auf das Warten an der Ampel unter tosendem Verkehr zu verlegen. Dies kräftigt die Stimme ungemein, wie ja auch Demosthenes einst im tosenden Meeresrauschen seine berühmte volltönende Stimme kräftigte und gern auch noch einen Kieselstein einlegte, um es der Zunge noch schwerer zu machen!

„Was singen Sie? Es klingt schön!“ So riss mich am 26. Februar gegen 18 Uhr an der vielbefahrenen Kreuzung Blücherstraße/Mehringdamm bei roter Ampel eine helltönende weibliche Stimme aus meinen Übungen. Ich drehte mich um: Eine junge Frau von wohl 20 Jahren mit langem wallendem blondem Haar stand hinter mir wartend auf dem Radweg.

„Frohe Hirten aus dem Weihnachtsoratorium von Bach“, erwiderte ich ihr. „Zwar ist Weihnachten vorbei, aber es kommt wieder!“, ergänzte ich. Sprach’s, während die Ampel auf grün schaltete und ich schon auf die Kreuzung rollte, um über die von mir so unendlich oft befahrene Obentrautstraße den Heimweg fortzusetzen.

Frohe Hirten! Ich freu mich schon auf die nächste fröhliche Runde, diese offene Klassenstunde! Sie findet statt am Samstag, 7. März 2020, 11.00 Uhr, im Hochmeistersaal, Paulsborner Str. 86, 10709 Berlin-Halensee

Zutritt für alle Interessierten frei!

Sängerinnen und Sänger der Gesangsklasse von Kathrin Freyburg präsentieren eine abwechslungsreiche Mischung aus Liedern und Arien.

Dauer ca. 2 Stunden, mit Pause.

Ich selber darf folgende Stücke vortragen und bin unendlich dankbar dafür:
J.S. Bach: „Frohe Hirten“, Arie aus dem Weihnachtsoratorium. Am zweiten Weihnachstage. „Weihnachten ist zwar vorbei, aber es kommt wieder!“ Die reine Freude!
R. Schumann: Waldesgespräch „Es ist schon spät, es ist schon kalt“, aus Liederkreis op. 39. Zwielichtige Sache, Begegnung der gefährlichen Art!
G. Donizetti: Arie des Nemorino „Una furtiva lagrima“ aus L’elisir d‘amore. Hmm, mit der zusätzlichen Kadenz einfach unwiderstehlich!

 Posted by at 20:29

Oyt‘ an keleysaim‘! Il canto lirico a tutto tondo: die Antigone der Konstantia Gourzi

 Griechisches, Singen  Kommentare deaktiviert für Oyt‘ an keleysaim‘! Il canto lirico a tutto tondo: die Antigone der Konstantia Gourzi
Jan 172020
 
Blick auf die Szenenbilder des Dionysostheaters, wo 442 v. Chr. die Antigone des Sophokles uraufgeführt wurde. Athen, Zustand am 28.12.2019 n. Chr.

Guten Morgen in die weite Runde, nur mal ganz rasch, habe mir gestern im Konzertsaal der UdK Berlin den Vormittag des Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Hochschulwettbewerbs (Gesang, 1. Runde) angehört. Hörte die ersten fünf Teilnehmer des Tages: Maria Skandalidou, Alexandra Köhler, Robin Grunwald, Carmen Artaza, Dongfang Xie. Bravi, bravi tutti. Sehr erhellend, sehr lehrreich!

Besonders hervorzuheben: das Pflichtstück Antigone (UA!) von Konstantia Gourzi. Ein phantastisches raffiniertes Ding, das jeder Gesangspädagoge für den Unterricht nutzen könnte! Der ganze Mensch wird da gefordert, die Rückseite des Körpers, die Vorderseite des Körpers, vom Scheitel bis zur Sohle. Il corpo umano, il canto a tutto tondo! Atmen, Keuchen, Singen, Flöten, malcanto tragico, belcanto aulico!  Vom Keller bis zur Dachstube. Das Klavier ersetzt glaubhaft den gesamten Bühnenapparat der attischen Tragödie (Chor, Szenenbilder, Masken)!  

Ich traute meinen Ohren nicht: Es erklangen dorische Skalen, „kirchentonartliche“ Leitern, wie sie vielleicht auch zu Sophokles‘ Zeiten erklungen haben mögen!

Der Text ist eindeutig ein Mischzitat aus einigen Stellen des griechischen Urtextes (v.a. – aber nicht nur – Vv. 69-77). Ich habe mitnotiert. Unverwüstliches Stück, diese Antigone von Sophokles, diese Antigone von Gourzi. 5 Mal gestern gehört, 5 Mal unterschiedliche Ur-Aufführungen – und doch erkennbar dasselbe Stück! Es funktionierte bei allen 5 Kandidaten, wird eigentlich immer funktionieren. Dieses Werk holte das beste aus allen heraus. Meine persönliche Entdeckung des Wettbewerbs. Diese Komposition MUSS es in das Abschlusskonzert am Sonntag schaffen – und dann auch über den Wettbewerb hinaus!

Schönen Tag noch in das weite Rund des ganzen Theaters!

 Posted by at 11:53

Honigklingende heiligsingende Mädchen. Das Erechtheion

 Griechisches, Heiligkeit, Singen  Kommentare deaktiviert für Honigklingende heiligsingende Mädchen. Das Erechtheion
Jan 072020
 

Die Korenhalle des Erechtheion am späten Nachmittag des 28.12.2019

Fast wankten mir die Knie beim Anblick dieser herrlich süßen, gleichsam von den Lüften ganz zart bewegten, singenden Mädchengruppe. Sie schienen die Stein- und Erdenschwere nicht zu spüren, sie überdauern den Wechsel der Jahreszeiten, ihre Gewänder schmiegen sich zärtlich an die Rundungen ihres Leibes. Sie scheinen zu singen, sie scheinen in einem statischen Tanz gefangen – sie SCHEINEN, sie SIND – etwas, was wir nicht kennen, nicht wissen und nicht so genau wissen wollen oder wissen sollen. Dieses Erechtheion war ein heiliger Ort seit Urzeiten. Hier wurden die mythischen Herrscher Kekrops und Erechtheus beigesetzt. Und was diese „Koren“, diese jungen Frauen genau bezwecken, konnten die Bauforscher bis heute nicht entschlüsseln. Die Koren blicken „chorisch“ hinüber zum alten Athena-Tempel. Warum? Wir wissen es nicht.

Mir kommen – angesichts der Nähe des Dionysostheaters – die Chorlieder in den Sinn, die ja eine so wichtige Rolle in der attischen Tragödie spielten. Diese Chorlyrik blühte vor allem in Sparta auf, und nicht zuletzt deshalb wurden diese Chorlieder auch in Athen nicht in attischer, sondern in dorischer Mundart gedichtet und gesungen.

Unwillkürlich mögen einem bei solchen Geheimnissen am Erechtheion hier die Verse des Alkman von Sparta, des frühesten uns bekannten Chorlieddichters in den Sinn kommen:

οὔ μ‘ ἔτι, παρθενικαὶ μελιγάρυες ἱαρόφωνοι,
γυῖα φέρην δύναται· βάλε δὴ βάλε κηρύλος εἴην,
ὅς τ‘ ἐπὶ κύματος ἄνθος ἅμ‘ ἀλκυόνεσσι ποτήται
νηδεὲς ἦτορ ἔχων, ἁλιπόρφυρος ἱαρὸς ὄρνις.

Ihr honigklingenden heiligsingenden Mädchen,
Mir wanken die Knie! Wär ich doch nur ein Saker,
der über Wogengischt mit Blauspechten schwirrt,
kraftvoll packend, blutfarbiger heiliger Vogel!

Der griechische Text des Alkman (26 PMG = 10 LGS =90 Calame) ist nach folgender Quelle zitiert:

https://el.wikisource.org/wiki

Die hier vorgelegte deutsche Übersetzung, die sich einige poetische Freiheiten herausnimmt, stammt vom hier schreibenden Verfasser. κηρύλος dürfte eine Vogelart sein, die bis heute nicht eindeutig bestimmbar ist. Deshalb wurde hier ein deutsches Wort für einen Raubvogel gewählt, das in den Ohren der meisten rätselhaft klingen dürfte.

Literaturhinweis zur Baugeschichte des Erechtheion:
Klaus Gallas: Athen. Mit 30 Abbildungen sowie 9 Plänen und Grundrissen, Stuttgart 2013, hier insbesondere S. 78-88 [=Reclams Städteführer Architektur und Kunst. Athen]


 Posted by at 20:40