Feb 132024
 

„Es gilt viele Mauern abzubauen“ – der fröhliche kühne Luftzug der Freiheit war in den Jahren 1989 bis etwa 1998 zu spüren. Wer erinnert sich noch daran? Dieses Mauergemälde an der East Side Gallery, ob es heute wohl noch zu sehen ist? Ob die Menschen es heute noch verstünden?

„Spiegami un po‘ la politica tedesca…! C’è un rischio che la destra vinca?“ Erklär mir doch mal die deutsche Politik! Droht ein Sieg der Rechten?

So fragte mich ein freundlicher Italiener bei einer meiner langgestreckten Bahnfahrten.

Meine Antwort fasse ich – hier in deutscher Sprache – so zusammen:

Ich bemerke heute eine damals – beim Fall der Berliner Mauer – unvorstellbare, mir unfassbare Verzagtheit im Denken, im Fühlen der deutschen Gesellschaft.

Wo ist da der Wagemut, wo ist der Glauben an etwas Gutes, wo ist die Zuversicht abgeblieben? Es fehlt in Deutschlands Politik jede versöhnliche Geste, es fehlt heute in Deutschland schmerzhaft an Mauereinreißern, an Brückenbauern.

So weit ungefähr meine Darstellung gegenüber einem italienischen Bahnreisenden.

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Feb 122024
 

„Ci sono momenti in cui ciò che si colloca ai lati della nostra vita e che pare le farà da sfondo in eterno – un impero, un partito politico, una fede, un monumento, ma anche semplicemente le persone che fanno parte della nostra quotidianità – viene giù in modo del tutto inaspettato, e proprio mentre mille altre cose c’incalzano. Quel tempo fu così. Giorno dopo giorno, mese dopo mese, a fatica si aggiunse fatica, a tremore tremore. Per un lungo periodo mi sembrò di essere come certe figure dei romanzi e dei quadri che stanno ferme su una rupe o sulla prua di una nave fronteggiando una tempesta che però non le travolge e anzi nemmeno le sfiora.

„Es gibt Zeiten, in denen all das, was an den Randzonen unseres Lebens steht und den unerschütterlichen Hintergrund zu bilden scheint – ein ganzes Reich, eine politische Partei, ein Glaube, ein Denkmal, oder auch einfach nur die Menschen, die zu unserem Alltag gehören – völlig unerwartet zusammenstürzt, während tausend andere Dinge auf uns eindrängen. So war es auch in dieser Zeit. Tag für Tag, Monat für Monat türmte sich Mühsal auf Mühsal, folgte Erschütterung auf Erschütterung. Lange Zeit fühlte es sich an, als wäre ich wie so manche Gestalten in Romanen, auf Gemälden, die reglos auf einer Klippe oder am Bug eines Schiffes stehen und einem Sturm die Stirn bieten, der sie allerdings nicht hinwegfegt, sondern sie ganz im Gegenteil auch nicht ansatzweise streift.“

Eine der bezauberndsten, ja verzauberndsten Begegnungen, die ich in den letzten Wochen erfahren durfte und noch darf, ist diejenige mit Elena Greco, geboren im August 1944, aufgewachsen in einem der armen Außenbezirke Neapels. Über sechs Jahrzehnte hinweg spannt sie den Bogen ihrer Ich-Erzählung; der unbestechlichen Autorin Elena Ferrante weiß ich es sehr zu Danke, dass sie diese Erzählungen getreulich aufgezeichnet hat, und zwar so, dass am Wahrheitsgehalt der berichteten Ereignisse sich jeder Zweifel verbietet.

Ich habe sogar hier in unserem kleinen schönen Randbezirk einen Lesezirkel gegründet, in dem wir Erfahrungen, Sorgen, Nöte aus der Lektüre miteinander teilen und das ganze tragische Geschehen vor unseren Augen abrollen lassen. Freilich ohne eingreifen zu können! Wir teilen als Leser das bittere Gefühl zu spät zu kommen, nichts mehr ändern zu können, zumal die vier Bände dieser Lebensbeschreibungen schon wohlgeordnet vorliegen.

„Ach, lassen wir sie handeln, wie sie handeln müssen! Sie sind alle unlösbar ineinander verstrickt, es ist doch ein unentwirrbarer Knaul, vergleichbar einer Tetralogie des Dionysos-Theaters“, entfuhr es mir einmal in tiefem Mitleiden. -„Ein Knaul? Nein, kein Knaul ist es, es ist ein wohlgeordnetes Ganzes, das sich freilich nur einem Gott in der Überschau zu erschließen vermöchte – nicht uns!“, erwiderte mir lächelnd eine Mitleserin.

Und so lasse ich es denn beruhen; diese Figuren – Lila, Lenù, Pietro, Nino, Dede, Elsa, und wie sie alle heißen – gleichen in der Tat Gestalten der attischen Tragödie, in die wir uns hineinversetzen mit Haut und Haar – und von denen wir doch getrennt bleiben, auf immer andere; hierher, nur hierher mögen wohl die folgenden Verse Goethes passen:

„Und sie scheinen uns nur halb beseelet,
Dämmernd ist um sie der hellste Tag,
Glücklich, dass das Schicksal, das sie quälet,
Sie doch nicht verändern mag.“

Zitatnachweis:
Elena Ferrante: Storia della bambina perduta. L’amica geniale. Volume quarto. Edizioni e/o, Roma 2014, 15a ristampa 2018, p. 354-355; deutsche Übersetzung des kleinen Bruchstückes vom hier schreibenden Johannes Hampel

Bild:
Das Eismeer. Gemälde von Caspar David Friedrich. Gesehen am 23. Januar 2024 in der Kunsthalle Hamburg

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Finizio – eine Hütte für Kugelmenschen

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Apr 042023
 

Eine Hütte für Kugelmenschen entdeckte ich vor zwei Tagen im Cheruskerpark!

Schön aufgeschlichtet aus sauber behauenen Planken
Von hellem Holz erhebt sich nun ein kleines Büdchen
Mit freundlichem Schornstein mitten auf kahlgetret’ner Wiese.
Wer mag darin wohnen, für wen ist das Hüttchen bestimmt?
Ein Blick auf die hell leuchtende Tür gibt Auskunft: die Kugelmenschen
Sind’s, von denen schon Aristophanes in Platons Symposium erzählt.
Denn ursprünglich gab es ja nicht die Unterscheidung in Mann und Frau,
Sondern die ersten Menschen besaßen Kugelform, bewegten sich
In alle Richtungen, rollten umher und gaben sich allerlei Freuden hin.
Drei Gattungen gab es, das männliche und das weibliche und auch das
Gemischtgeschlechtliche. Und so schillerte eine bunte Palette an
Unterschiedlichsten Mengungen. Keiner war eindeutig festzulegen.
Selige Vorzeit, als die schroffe Scheidung in männlich und weiblich
Noch nicht eingeführt war! An diesen Urzustand knüpft der heutige
Geschlechterdiskurs erneut an. Und so mag denn
In diesem Hüttchen zugleich Anfang und Ende der Menschheitsgeschichte
Verkörpert sein. Inizio heißt ja auf italienisch Anfang. Fine dagegen
Heißt Ende, und so ist auf wundersame Weise Anfang und Ende
In diesem kleinen Büdchen symbolisch vereinigt, und der Name des Büdchens
Lautet: Finizio. Trefflich gesagt, zu finden im Cheruskerpark zu Berlin, Schöneberg.


Aufnahme vom 2. April 2023

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Per Astra Zeneca ad Senecam. Der Bericht des Dr. Pegasus

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Apr 262021
 
Dr. Pegasus vor dem Flughafen Tegel am 3. April 2021

Wir haben einen neuen Mitarbeiter in unserer Beratungskanzlei, ein neues Pferd im Stall sozusagen. Wie berichtet, hatte einer unserer wertvollsten Mitarbeiter, der sich in unserem Unternehmen stets als Burâq bezeichnet hatte, sich den Verlockungen eines unmittelbaren Konkurrenten nicht entziehen können und uns nach drei Jahren Zugehörigkeit verlassen. Erst nach langem Suchen haben wir einen würdigen Ersatz gefunden. Sein Name lautet Dr. Pegasus. Rein äußerlich erinnert nichts mehr an seine große, sozusagen mythische Zeit, als er noch in höherem Dienst stand und als geflügeltes Roß unersetzliche Mittlerdienste zwischen den untersten Bediensteten und der obersten Leitung unseres Unternehmens leistete. Heute gilt er als verlässliches Arbeitspferd, wird häufig für Botengänge und kleinere Besorgungen eingespannt. So geschah es auch am vergangenen 3. April. Wir hatten durch Zufall eine Behandlung durch den Wirkstoff Vaxzevria erhalten und schickten einen unserer wertvollsten Mitarbeiter zusammen mit Dr. Pegasus an die Behandlungsstelle im mittlerweile außer Dienst gestellten Flughafen Tegel. Kräftige Gegenwinde bliesen an jenem Nachmittag feine Staubkörner in die Richtung, aus der Dr. Pegasus sich zusammen mit seinem Reiter einen Weg bahnte. Der Zugang zur Behandlungsstätte war durch vielfache Kontrollen gesichert. Doch wer wollte einem Dr. Pegasus sich in den Weg stellen? Alle Aufsichtsbeamten ließen nach kurzen Gesprächen Pegasus durch. Es herrschte eine freundliche, gottesdienstähnliche, zuversichtliche Stimmung. Die Behandlung selbst war eine Sache von wenigen Minuten. Im Grunde nur ein Piekser. Doch wie viel bedeutete dieser Piekser!

Pegasus selbst beschreibt die Gesichter derer, die die Behandlung erfahren hatten, als von innen heraus strahlend, erleichtert, glücklich. Gar manche verfielen in zunächst unverständliche Reden, in Lallen, in das, was man früher wohl als Zungenrede bezeichnet hätte: ein unverständliches, aus verschiedenen unbekannten Sprachen zusammengestelltes Gemisch, dem trotz allem ein geheimer Sinn innezuwohnen schien. Als besonders merkwürdige Ansprache berichtete uns Dr. Pegasus die folgende lateinische kurze Rede, die ein soeben Behandelter von einem umgedrehten Bierkasten herab an diejenigen richtete, die er als Schicksalsgefährten, als Mit-Impflinge mit folgenden Worten ansprach:

Per aspera ad Astra Zeneca! Liebe Impflinge! Per Astra Zeneca ad Senecam. Quem mihi dabis qui aliquod pretium tempori ponat, qui diem aestimet, qui intellegat se cotidie mori? In hoc enim fallimur, quod mortem prospicimus: magna pars eius iam praeterit; quidquid aetatis retro est mors tenet. Fac ergo, mi Lucili, quod facere te scribis, omnes horas complectere; sic fiet ut minus ex crastino pendeas, si hodierno manum inieceris. 

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Iam satis terris nivis misit pater … Gespräch mit dem Cherusker (2)

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Feb 012021
 

Vor wenigen Tagen hatte ich während eines Spazierganges in der Cheruskerstraße doch tatsächlich einen Cherusker kennengelernt, wie sich nach und nach herausstellte. Wie das? Nun, da er mich lateinisch mit den Worten „Quid agis?“ angesprochen hatte, erwiderte ich ihm in derselben Sprache.

Doch merkten wir beide bald, dass wir das Lateinische nicht ganz frei von Akzentbeifärbungen sprachen. Bis gestern waren wir immer noch nicht im Bilde, woher wir stammten und was unsere Muttersprachen wären. So probierten wir es mit verschiedenen Varianten europäischer Sprachen, indem wir Sprichwörter und Zitate aus der gemeineuropäischen Literatur wie Tischtennisbälle hin und her flippen ließen.

„Iam satis terris nivis atque dirae…“ begrüßte ich ihn gestern. Denn in der Tat war sein sehnsüchtiger Wunsch nach einem richtigen Winter endlich erfüllt worden!

„… grandinis misit Pater et rubente
dextera sacras iaculatus arces
terruit urbem …“ ergänzte der Wandergefährte. Das war Horaz! Ich war entzückt! Endlich also hatte ich jemanden gefunden, der meine Liebe zu Horaz teilte!

„Broahut volli hut…“ schlug er auf,

„all moanada gnug“, ergänzte ich treffsicher.

Gemeint ist mit diesem uralten alemannischen Sprichwort, das mir aus dem von Walsern besiedelten Flecken Issime bekannt ist, wenn es im Brachmonat Juni genug Schnee in den Hut schneie, dann habe man in allen Monaten genug davon!

Von der Cheruskerstraße, der via Cheruscorum, führte unser Weg uns in den nahegelegenen Hortulus Naturae apud stationem Crucem Meridionis positus. Und bald stellte sich heraus, dass mein neuer Bekannter das alte Germanische in verschiedenen Dialekten beherrschte, ja sogar bei den legendär zerstrittenen germanischen Stämmen, den Cheruskern, den Brukterern, Sueben, Tenkterern, Usipeten, Chatten usw., die sich in den Auseinandersetzungen mit den Römern zu verkämpfen drohten, so manche wertvolle Hilfe als Sprachmittler und vor allem als Menschenmittler hatte leisten können.

Seine Kindheit und Jugend hatte er, aus vornehmer Familie stammend, als den Römern gestellte Geisel in Rom verbracht, und so erklärte sich auch seine hervorragende Kenntnis des Lateinischen.

Wir hatten, in unsere Gespräche vertieft, den höchsten Berg der Gegend, den Mons insularum erreicht. Wir hielten inne und vertieften das angeschnittene Thema der verschiedenen Formen verschiedener europäischer Sprachen. Da traf es sich vortrefflich, dass wir beide erst wenige Tage zuvor die Netflix-Serie „Barbaren“ gesehen hatten, und während wir mit der Darstellung der Römer völlig einverstanden waren, ja sogar begeisterte Ausrufe des Entzückens über das sehr gepflegte, sehr achtsam gesetzte Latein in dieser Fernseh-Serie ausgestoßen hatten, konnte uns das in den aufwändigen Streifen gesprochene Deutsch oder besser das „Schwundgermanische“ nicht überzeugen.

Entsprach es doch allzu sehr jenem gängigen Vorurteil der Römer oder „Lateiner“ bis in unsere Zeit, wonach das Germanische in allen seinen Varietäten roh, unbehauen, ungebärdig, fehlerhaft, dem Grunzen von Schweinen ähnlicher sei als dem feinziselierten Idiom der gesitteten Welt von südlich der Alpen.

(sermo continuabitur)

Quellennachweise:
Q. Horati Flacci opera ed. Wickham, cur. H.W. Garrod, Oxonii 1975, carminum liber primus, carmen II, vv. 1-4

GABRIELE IANNÀCCARO: Broahut volli a hut, all moanada gnug. Proverbi meteorologici nelle comunità walser a sud delle Alpi. Gefunden unter folgendem Link: (99+) (PDF) Barcellona Paper: Broahut volli a hut, all moanada gnug. Proverbi meteorologici nelle comunità walser | Gabriele Iannaccaro – Academia.edu

Netflix.com : Barbaren. Regie: Barbara Eder, Steve St. Leger

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„Quid agis?“ – „Maxime valeo!“ Gespräch mit einem Cherusker (Anfang)

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Jan 222021
 
Blick auf den Cheruskerpark. Aufnahme vom 21.01.2021


Pulcher mons, a.d. XI Kalendas Februarias MMXXI.- Heri ibam forte via Cheruscorum sicut est mea consuetudo, meditans quaestiones vari generis, totus in illis. Accurrit quidam notus mihi aspectu tantum arreptaque manu ‚quid agis?‘ inquit. ‚Maxime valeo‘, inquam, ‚vigeo et corpore et mente… etiamsi istam nefastam pestem universalem qua afflicti sumus non negligendam esse puto. At tu?‘ ‚Ego quoque valeo. Non oportet me lamentari. Sed ubi est hiems, ubi sunt fulgores nivei qui semper me delectabant iuvenem…?“ (sermo continuabitur)

Der Leserservice fügt eine deutsche Übersetzung an:
Schöneberg, 22. Januar 2021.– Gestern ging ich mehr oder minder zufällig die Cheruskerstraße entlang, wie es meine Gewohnheit ist. Dabei überlegte ich Fragen vielfältiger Art und war ganz in sie versunken. Lief ein Mann auf mich zu, den ich nur vom Sehen her kannte. Nachdem er mich mit der Hand ergriffen hatte, fragte er mich: „Wie geht’s?“ „Mir geht’s super“, sagte ich, „sowohl körperlich wie geistig bin ich auf der Höhe der Kraft… auch wenn ich die unselige Pandemie, von der wir heimgesucht werden, für nicht zu vernachlässigend halte. Und selber?“ „Mir geht’s auch gut. Ich kann nicht klagen. Aber wo ist der Winter, wo ist der schimmernde Schnee, der mich in meiner Jugend immer so froh gemacht hat…?“ (Gespräch wird fortgesetzt)

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Unbedingt einsatzbereit, völlig selbständig, bei Bedarf auch mit Verbündeten: Frankreichs neue Militärdoktrin

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Okt 142017
 

Ausgezeichnetes, kluges Interview der amtierenden französischen Verteidigungsministerin Florence Parly in der heutigen Monde! Während in Deutschland im Dienste der Klimarettung oder der Weltenerlösung über unerfüllbare Elektro-Quoten hier und mehrfach nicht eingehaltene CO2-Quoten da gezankt und gezauselt wird, hat Frankreich gestern eine sehr griffig und bündig ausgearbeitete Miltärdoktrin veröffentlicht, die – offiziell bestätigt durch Präsident Macron – verbindliche Leitlinie des militärpolitischen Regierungshandelns sein wird: die „Revue stratégique de défense et de sécurité nationale„, also die strategische Militärdoktrin der von Präsident Macron eingesetzten Regierung.

In dem heutigen Monde-Interview fasst die Ministerin die Kernaussagen dieser Doktrin zusammen. Für die Europapolitik, die Verteidigungspolitik und die Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland liegt hier ein Dokument vor, das meines Erachtens unbedingt vertiefte Aufmerksamkeit verlangt.

http://www.lemonde.fr/international/article/2017/10/13/florence-parly-la-france-veut-conserver-une-autonomie-strategique_5200442_3210.html

Unter drei Leitworten sei diese Zusammenfassung hier zusammengefasst:

Unbedingt einsatzbereit über alle Waffengattungen. Die französischen Streitkräfte werden auch weiterhin sowohl in der konventionellen als auch der nuklearen Bewaffnung alle Fähigkeiten aufrechterhalten und stärken und ihre jederzeitige Einsetzbarkeit in allen für Frankreich sicherheitsrelevanten Ländern nach dem alleinigen Ermessen Frankreichs sicherstellen. Die französischen Streitkräfte werden das gesamte Spektrum der modernsten Miltärtechnik in allen Waffengattungen eigenständig vorhalten und weiterentwickeln. Hierzu sind die Verteidigungsausgaben im Staatshaushalt planmäßig auf 2% des BIP zu erhöhen. Eine Verminderung der Militäreinsätze Frankreichs in den verschiedenen Ländern Afrikas und Asiens ist nicht vorgesehen.

Völlig selbständig. Frankreich wird zunächst alle seine Kampfeinsätze ohne vorherige Rücksprache mit anderen und in völliger Selbstständigkeit („autonomie totale“) planen und durchführen. Diese „autonomie stratégique, technologique et opérationelle“, welche die Ministerin ausdrücklich nennt, betrifft strategische Planung, Einsatzführung und taktische Maßnahmen im Kampfgebiet.

Jedoch werden die Kampfeinsätze nicht notwendigerweise stets allein ausgeführt, sondern es gilt der Grundsatz:

Bei Bedarf auch mit Verbündeten. Je nach strategischer Lage und taktischer Zielsetzung wird Frankreich sich mit unterschiedlichen Verbündeten absprechen und Zusatzleistungen anderer Staaten mit einbeziehen. Das können, wenn auch in vermindert zu erwartender Verlässlichkeit,  die USA sein; insbesondere aber kommen hier Deutschland und Großbritannien als hilfeleistende Verbündete und  Truppensteller in Betracht. „Les Allemands ont la capacité de nous soutenir„, sagt die Ministerin wörtlich, zu deutsch: „Die Deutschen haben die Fähigkeit uns zu unterstützen. “

Wie in anderen Politikbereichen auch gilt der Grundsatz: Frankreich zuerst. Frankreich beansprucht also in Sachen Krieg und Frieden die erste Geige zu spielen. Dann kommen die anderen, darunter die USA, Großbritannien und Deutschland.

Was fällt auf? Weder NATO noch EU spielen in den Betrachtungen der Ministerin eine Rolle. Was zählt, das sind zuerst und zuletzt die Staaten, wie natürlich Frankreich zuerst, dann Frankreich noch einmal und dann die anderen mehr oder minder großen Staaten dieser Welt. Von einer gemeinsamen Militärdoktrin oder Grenzsicherungsdoktrin der EU kann weiterhin nicht im entferntesten die Rede sein. Darüber, so meine ich, sollte man sich nicht mehr so vielen trügerischen Illusionen hingeben, wie dies hierzulande bei aller löblichen Frankreich- und EU-Begeisterung (die der hier Schreibende teilt) noch der Fall ist.

Ich empfehle das messerscharf geschliffene Interview der brillanten französischen Verteidigungsministerin, in dem Christophe Ayad, Nathalie Guibert und Marc Semo die Fragen stellten, nachdrücklich der Aufmerksamkeit in den anderen Staaten der EU.

 

 

 

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Die drei Hänflinge. Ein Traum Johann Peter Eckermanns

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Jan 222017
 

Eine unerschöpfliche Quelle von Betrachtungen, Einsichten und unterhaltsamen, oft erheiternden Geschichten sind mir seit einigen Wochen Eckermanns „Gespräche mit Goethe“. Gerade beim geselligen Vorlesen entfalten diese über fast ein Jahrzehnt sich erstreckenden Unterhaltungen einen unbeschreiblichen Reiz. Sie zeigen aber auch zwei scharfsichtige Beobachter, und es wird klar, dass Goethe in seinen politischen Analysen weit ins 19. Jahrhundert, ja teilweise bis ins 20. Jahrhundert vorausblickte und so manche unliebsamen Entwicklungen, die nach seinem Tode eintraten, vorhersah. Er las und lobte beispielsweise noch Stendal, er befasste sich mit dem Grundgedanken des Sozialismus eines Saint-Simon und durchschaute ihn besser als die meisten Nachgeborenen, er durchschaute auch die zeitgenössische bigotte Debatte um die Abschaffung oder Beibehaltung des interkontinentalen Sklavenhandels in all ihrer Heuchelei.

Die Fühlfäden von Goethes Seele reichten also weit in die Zukunft hinein, und auch lange nach uns werden die Menschen diese Einsicht wieder und wieder bestätigt finden. Eckermanns „Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens“, das ist eins der besten, anmutigsten, tiefsten, heitersten, tröstlichsten deutschen Bücher überhaupt, so meine ich, das die Lektüre zahlloser mehr oder minder gelehrter Abhandlungen mit einem Schlag überflüssig machen kann oder diese doch mindestens in den Schatten stellt.

Heute erfreute uns besonders das Gespräch der beiden Männer über einen Traum Eckermanns, berichtet unter dem Datum vom 7. Oktober 1827.

Das Bild zeigt ein mit wolligem Gespinst bedecktes Gesträuch im Schöneberger Südgelände am heutigen Tag.

Eine Vorbemerkung sei gestattet: Der in dieser Geschichte vorkommende Hänfling, heute meist genauer als Bluthänfling bezeichnet, gehört zur Familie der Finken und zur Gattung der Zeisige. Er ist ein geselliger, in ganz Europa häufig vorkommender Singvogel, der zu Goethes und Eckermanns Zeiten gern als munterer Hausgenosse gehalten und als fleißiger Sänger geschätzt wurde, ehe dann exotische Arten wie etwa der Wellensittich ihn von diesem Platz verdrängten.

Zu einer abendlichen ruhigen Stunde mag diese Geschichte von den drei Hänflingen beim lauten Vorlesen eine wohltuende Wirkung entfalten. Sie beginnt mit den folgenden Sätzen:

Es war indes Licht gebracht, wir nahmen ein kleines Abendessen und saßen nachher noch eine Weile in allerlei Erinnerungen und Gesprächen.

Ich erzählte Goethen einen merkwürdigen Traum aus meinen Knabenjahren, der am andern Morgen buchstäblich in Erfüllung ging.

»Ich hatte«, sagte ich, »mir drei junge Hänflinge erzogen, woran ich mit ganzer Seele hing und die ich über alles liebte. Sie flogen frei in meiner Kammer umher und flogen mir entgegen und auf meine Hand, sowie ich in die Tür hereintrat. Ich hatte eines Mittags das Unglück, daß bei meinem Hereintreten in die Kammer einer dieser Vögel über mich hinweg und zum Hause hinausflog, ich wußte nicht wohin. Ich suchte ihn den ganzen Nachmittag auf allen Dächern und war untröstlich, als es Abend ward und ich von ihm keine Spur gefunden hatte. Mit betrübten herzlichen Gedanken an ihn schlief ich ein und hatte gegen Morgen folgenden Traum. Ich sah mich nämlich, wie ich an unsern Nachbarshäusern umherging und meinen verlorenen Vogel suchte. Auf einmal höre ich den Ton seiner Stimme und sehe ihn hinter dem Gärtchen unserer Hütte auf dem Dache eines Nachbarhauses sitzen; ich sehe, wie ich ihn locke und wie er näher zu mir herabkommt, wie er futterbegierig die Flügel gegen mich bewegt, aber doch sich nicht entschließen kann, auf meine Hand herabzufliegen. Ich sehe darauf, wie ich schnell durch unser Gärtchen in meine Kammer laufe und die Tasse mit gequollenem Rübsamen herbeihole; ich sehe, wie ich ihm sein beliebtes Futter entgegenreiche, wie er herab auf meine Hand kommt und ich ihn voller Freude zu den beiden andern zurück in meine Kammer trage.

Mit diesem Traum wache ich auf. Und da es bereits vollkommen Tag war, so werfe ich mich schnell in meine Kleider und habe nichts Eiligeres zu tun, als durch unser Gärtchen zu laufen nach dem Hause hin, wo ich den Vogel gesehen. Wie groß war aber mein Erstaunen, als […]

Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Mit erläuterndem Register besorgt von Hans Jürgen Meinerts. Im Bertelsmann Lesering 1960,  S. 462-463 (=Eintrag vom 7. Oktober 1827)

 

 

 

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„Ich stand auf dem Bug eines Schiffes“

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Jan 062017
 

Ein Wanderer erzählt: „Es war früh am Tag. Ich stand einsam, vorne an die Reling gelehnt, auf dem Bug eines Schiffes. Unter dem Vordersteven wogten in gleichmäßigem Takt die grünschimmernden Wellen wie die Wipfel eines Waldes, über mir spannte sich ein wolkenloser Winterhimmel. Mein Blick flog dem Geier gleich schwebend über die Gischt dahin auf die Morgenwolken zu. Der aus der unergründlichen Tiefe heraufragende Tang streifte mit leichter, fast zärtlicher Berührung den Bauch des Schiffes. Wir hielten unerschütterlich Kurs, gleichmäßig tuckerten die Motoren. Uns umgab eine unermessliche Weite, grün wie ein Fichtenwald schimmerte das Meerwasser. Vor uns lagen fruchtbare Gegenden, Täler mit satten Weiden, von denen die Sagen berichtet hatten. Im Bauch des Schiffes schlief die Besatzung. Ab und zu erklang krächzend ein Lied aus dem Lautsprecher. Die Mannschaft wünschte sich immer wieder Paolo Conte. Jeden Tag besuchte uns gegen Mittag ein Seeadler, den die Seeleute durch kleine, aus der Kombüse gereichte Fleischstückchen angefüttert hatten.“

„Wohin führte die Fahrt euch?“, fragte ein Zuhörer.

„Wir wussten es nicht“, erwiderte der Erzähler. „Die Sagen der alten Seefahrer boten nur gleichnishafte Andeutungen. Und es war meist nicht klar, ob diese Andeutungen wirkliche Gleichnisse für etwas Unsichtbares waren oder doch die Wirklichkeit nur gleichnishaft beschrieben. Hieß es zum Beispiel: Diese Klippe stand schroffer, zackiger, höher in die Wolken, da dieser Gipfel noch als eine meerumfloßne Insel in den alten Wassern dastand; um sie sauste der Geist, der über den Wogen brütete, so erfahren wir nicht, ob es diese Klippe hier war, auf der wir damals in ferner Vergangenheit standen: diese Schnarcherklippe, die wir am 29.12.2016 bei herrlichstem Wetter erklettert hatten. Wir erfahren nicht, woher die Kunde von alten Wassern zu uns kam, und wie und wo der Geist – aber welcher Geist? – brütete, bleibt unfaßbar.“

„Aber daß das Unfaßbare unfaßbar ist, das haben wir gewußt“, wendete unmutig ein Zuhörer ein.

„Ferner“, fuhr der Wanderer fort,  „könnte es sich bei der Klippe in der Sage auch um den Bug eines Schiffes handeln, der mit einer Art Granit-Plateau ausgestattet ist, um dem Betrachter den Eindruck des Unerschütterlichen zu vermitteln.“

„Dann wäre also dieser Schiffsbug eine Täuschung, der granitartig fest gehaltene Kurs eine Art Zaubertrick, um die Mannschaft bei guter Stimmung zu halten und eine Meuterei zu verhindern?“

„Deine Frage ist unentscheidbar“, erwiderte der Erzähler. „Die Sagen versuchen das Unentscheidbare zu entscheiden, aber sie enden in offenen Fragen. Und diese Fragen treiben dich dazu an, selber hinauszusteuern auf den weiten Ozean, der grün unter deinen Füßen wogt wie die Wipfel eines Fichtenwaldes in deiner Heimat.“

 

 

 Posted by at 19:13
Sep 032014
 

«Мы один народ», so äußerten sich in den letzten Tagen sowohl Gorbatschow als auch Putin. Sie beschwören damit hochheilig die ewige Bruderschaft, die ihrer Meinung nach die Ukraine seit jeher an Russland binden soll, ja die Ukraine geradezu zu einem Teil Russlands mache.

Ich besprach diese Aussagen in Russland mit einer Moskauer Kinderärztin. Unser gemeinsamer Befund dieser mittlerweile nur noch mit den Begriffen der Psychopathologie zu erfassenden Konfliktlage: Genau in diesen Aussagen Putins oder Gorbatschows liegt der Kern des Problems. Wenn der Stärkere sagt: „Ihr gehört uns, ihr seid unser“ und diesen Anspruch mit Waffengewalt durchsetzt,  der Schwächere aber das anders sieht, dann liegt genau hierin das Problem. Es ist der Keim des Krieges. Zwar mag es durchaus sein und es ist wohl auch so, dass ein Teil der Ukrainer sich als durch und durch russisch fühlt. Russland lockt darüber hinaus mit höherem Lebensstandard, höheren Renten, besserer Versorgungslage als die Ukraine. Wenn Russland meint, diese Lasten stemmen zu können, sollte es diese Neubürger innerhalb seiner jetzt bestehenden Grenzen aufnehmen und integrieren.

Noch wichtiger scheint aber die historische Tiefenprägung zu sein. Diejenigen Ukrainer, die sich zur Orthodoxie bekennen, suchen vielfach weiterhin den Zaren, den Herrscher, der beide Schwerter, das der weltlichen und geistlichen Macht, in einer Hand hält. Sie erblicken in Putin eine Art Sendboten des Weltgeistes, eine mächtige Kaiser- und Vatergestalt, dessen Macht sie sich willig unterwerfen: sie vollführen das seelische Sich-Niederwerfen, die Prostration  vor einer historischen Herrschergestalt. Der Zar stiftet die Brücke zwischen Gott und dem Volk. „Du betest jetzt für Putin!“ schrieen sie einen Popen an, der sich weigerte, sich politisch im Gottesdienst auf Seiten Russlands zu stellen. Dann wurde er von der aufgestachelten Menge mit Tomatensaft bespritzt. Er ließ es abprallen, verlor die Ruhe nicht. So verlief vor drei Wochen eine Szene im russischen Fernsehsender 1, die ich mit eigenen Augen sah! Die identitätsstiftende Rolle der Konfessionen in diesem Konflikt wird übrigens im Westen nicht ansatzweise erkannt. Sie ist nicht zu unterschätzen!

Diesen Menschen, die sich dem Blute nach als völkische Russen fühlen,  muss selbstverständlich freistehen, die ungeliebte Ukraine zu verlassen. Russland hat unendlich weite Steppen, unbesiedelte Räume; in ihnen sollten die Neubürger ihr Neu-Russland innerhalb der heutigen Grenzen der Russischen Föderation  aufbauen.

Ein sehr großer Teil der Ukrainer sieht sich aber eben durch historische Tiefenprägung nicht als Untertanen des russischen Autokrators. Das sind insbesondere die weiten Landesteile, die früher unter österreichisch-ungarischer bzw. polnisch-litauischer Hoheit standen und erst im 20. Jahrhundert an die Sowjetunion fielen.  Dieser große Landesteil der heutigen Ukraine kämpfte sowohl nach dem ersten wie nach dem zweiten Weltkrieg noch jahrelang gegen das sowjetische Joch. Letztlich behielten die Kommunisten die Oberhand. Aber die gezielten Ausplünderungen der Ukraine durch die sowjetische Führung, die Auslöschung der Kulaken zu Hunderttausenden unter dem Vorwand „antisowjetischer Umtriebe“, sind in der Ukraine zumindest unvergessen.

7000 eingesickerte Tschetschenen scheinen bereits in der Ukraine auf Seiten der Separatisten zu kämpfen.  So berichtete es mir eine Ukrainerin, deren Vorhersagen seit Monaten bisher alle eingetroffen sind. Diese nichtrussischen, durch die früheren Grenzkriege gestählten Kämpfer sind in der Tat nicht mehr zentral zu steuern.

Eine Aussöhnung zwischen diesen in der historischen Tiefenprägung so verschiedenen Bevölkerungsteilen hätte Offenheit, Klarheit, Versöhnungswillen und Transparenz auf beiden Seiten der Grenze verlangt. Daran hat es aber gefehlt. Daran fehlt es bis zum heutigen Tag. Und so mag denn das „Auseinandergehen“ ohne allzuviel Blutvergießen im Augenblick tatsächlich eine Art Lösung sein. So meine Eindrücke, die ich in Gesprächen mit Ukrainern und Russen gewinnen konnte.

via  ВЗГЛЯД / «Мы один народ».

In deutscher Sprache zu empfehlen:
Claus Leggewie: Holodomor: die Ukraine ohne Platz im europäischen Gedächtnis? In: ders., Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt. Beck Verlag, München 2011, S. 127-143.

 Posted by at 22:23

Die große dicke Itsche, die im Schwerbelastungskörper saß

 Mären  Kommentare deaktiviert für Die große dicke Itsche, die im Schwerbelastungskörper saß
Apr 152014
 

Loch im schwerbelastungskörper 2014-04-13 14.01.23Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. „Wenn ihr Kinder unter 8 Jahren wäret, würde ich euch ein Märchen zu diesem Loch erzählen!“, rief ich aus, als wir am  vergangenen Samstag dieses Loch im Schwerbelastungskörper in der General-Pape-Straße nahe der Roten Insel Schöneberg anstarrten. „Welches Märchen?“

Ringsum seht ihr noch die Schuhe der staunenden Betrachter. Wie tief mochte es wohl in dieses Loch hineingehen? Wer konnte dies wissen? Was bedeutete dieser Schwerbelastungskörper? Tief ist der Brunnen der Vergangenheit! Schwer ist die Last der Vergangenheit!

Heute rief uns in der Wilhelmstraße eine Freundin der Familie aus uralten Kindheitszeiten an. „So war das! – Ja, so war das!“  Wir tauschten alte, halbverwehte Erinnerungen aus.

„Und immer wenn ich kam, wolltest du gleich ein Märchen hören!“  „Welches Märchen?“ „Das Märchen von den drei Federn!“,  erwiderte die Freundin aus uralten Tagen. „Wirklich? Ich erinnere mich gar nicht an das Märchen!“, staunte ich. „Ja, weißt du denn nicht?“

„Es ist das Märchen vom König, der drei Söhne hatte. Davon waren zwei klug und gescheidt, aber der dritte sprach nicht viel, war einfältig und hieß nur der Dummling.“

Und der König kam zu sterben und wollte sein Reich vererben. Aber an welchen der drei Söhne? Und da führte er sie vor das Schloß, blies drei Federn in die Luft und sprach: „Wie die fliegen, so sollt ihr ziehen. Wer mir den feinsten Teppich bringt, der soll der König sein nach meinem Tod.“

Die erste Feder flog nach Osten, die zweite flog nach Westen. Die dritte Feder flog gar nicht, sondern taumelte zur Erde. Und der Dummling setzte sich nieder, während der eine Bruder nach Osten, der andere nach Westen ging. Aber des Dummlings Feder war nur kurz geflogen und fiel gleich zur Erde.

Der Dummling war traurig und setzte sich nieder, da bemerkte er eine Falltüre, hob sie hoch, fand eine Leiter und stieg hinab. „Eine Leiter – grade so wie in diesem Schwerbelastungskörper!“ „Ja, genau so eine Leiter!“ Da kam er vor eine eiserne Türe, klopfte an und hörte wie es inwendig rief:

Jungfer grün und klein,
Hutzelbein,
Hutzelbeins Hündchen,
hutzel hin und her,
laß geschwind sehen, wer draußen wär.

Und als der Dummling eintrat, da saß da eine große dicke Itsche, und rings um sie eine Menge kleiner Itschen…“

Ja, so begann das Märchen! Und wie es weiterging, das wird die Zukunft lehren!

Was werden die Itschen dem Dummling sagen?

Was glaubt ihr denn? Wird die große dicke Itsche dem Dummling helfen?

Eines ist klar: Die Feder des Dummlings flog nicht weit. Sie spürte die Lasten der Vergangenheit.  Sie führte ihn zu einer tiefen Wahrheit, die die hochfliegenden Federn ihm nie und nimmer hätten weisen können!

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Esel, Hund und Affe, oder: „Wie alt möchtet ihr werden?“

 Ey Alter, Haß, Mären  Kommentare deaktiviert für Esel, Hund und Affe, oder: „Wie alt möchtet ihr werden?“
Jul 082013
 

2013-04-24 19.37.39 „Alter Mann, alter Mann, du bist ein alter Opa, und wir hassen dich!“ So sprangen einem alten Mann heute in einem Kreuzberger Hinterhof drei Kinder hinterdrein und äfften ihn kläffend mit Fratzen.  Wie sie auf den Spruch kamen, weiß er nicht. Vielleicht weil er bedächtigen Schrittes das Fahrrad schob, statt jugendlichen Schwunges zwischen den Kindern hindurchzubrausen wie alle anderen Radfahrer?

Der alte Mann wandte sich den Kindern zu: „Ja, ich bin alt, sehr alt. Hasst ihr denn alte Männer?“ Er bekam keine Antwort. „Wie alt möchtet ihr denn werden?“ Schweigen im Walde bei den Kindern! Damit konnten sie nicht rechnen.

Da wandte der alte Mann sich den Kindern zu und fing an eine Geschichte zu erzählen,  die er vor einiger Zeit auf freiem Felde unter dem uralten Standbild des  Herkules in Cassel im Vorübergehn gehört hatte. So ging sie:

Als Gott die Tier und Menschen erschaffen hatte, wies er einem jeden seine Lebenszeit zu. Dem Esel gab er 30 Jahre. Da beschwerte sich der Esel: „Ach, der strenge Müller vergilt mir meine Dienste schlecht. Er lässt mich schwere Maltersäcke schleppen, und wenn die krummen Beine nicht mehr mittun, jagt er mich davon. Erlass mir einen Teil!“ Da nahm Gott dem Esel gnädig 18 Jahre weg. Und deshalb werden Esel 12 Jahre alt.

Dem Hund wies er auch 30 Jahre zu, doch der Hund beschwerte sich: „Tag und Nacht soll ich dem Menschen wachen und Räuber verjagen, aber wenn ich nicht mehr bellen kann, wirft er mit Steinen nach mir. Schenke mir einen Teil der Jahre.“ Da erließ Gott dem Hund 12 Jahre,und deswegen sterben Hunde spätestens mit 18.

Dem Affen bot Gott auch dreißig an. Da beschwerte der sich und sagte: „Die Menschen setzen mir grundlos zu. Drück dich gegen eine Gitterstange, schneide ihnen Fratzen ohne Ende, sie werden dir die Ursache der ständigen Demütigungen des Affenvolkes nicht nennen. Es gibt keinen Ausweg. Ich verlange keine Freiheit von dir. Aber ich habe eine Bitte: Erlass mir einen Teil dieser Leidensjahre!“ Da schenkte Gott dem Affen gnädig zehn Jahre.

„Und wie viele Jahre möchtest du leben?“, fragte Gott den Menschen. „Reichen dir 30 Jahre?“ „Bei weitem nicht!“ erwiderte der Mensch. „Mit 30 stehe ich voll im Saft, habe Haus und Hof, Kind und Korn in der Scheuer, dann möchte ich das Leben genießen bis an ein seliges Ende! Gib mir mehr!“

„So sei es“, erwiderte Gott. „Also sollst du nach deinen 30 ersten Jahren, die du in Saus und Braus verleben darfst,  18 weitere Jahre ackern und rackern für Haus und Hof, für Kind und Korn. Danach darfst du die 12 Hundejahre erleben, in denen du mit Zähnen und Klauen verteidigst, was andere dir wegnehmen wollen. Und zum Schluss, wenn deine Geisteskraft nachlässt, wirst du zehn Jahre des Affen erleben, in denen jüngere Menschen und Kinder sich an deinen lächerlichen Ticks, an deinen Aussetzern und Fehlleistungen ergetzen können.“

Und so, liebe Kinder, geschah es, dass dem Menschen 70 Jahre beschieden sind, wenn es hochkommt.

Und nun frage ich euch: Wie alt seid ihr eigentlich – und wie alt möchtet ihr werden?

„Ich bin 5 Jahre alt und möchte 150 Jahre alt werden“, sagte das erste Kind ohne zu zögern.

„Ich bin 4. Und ich möchte 1000 Jahre alt werden“, sagte das zweite nach einigem Nachdenken.

„Und du? Wie alt bist du?“, fragte der alte Mann das kleinste Kind.

„Ich bin so“ – das Kind hielt ihm zwei Finger entgegen. „Du bist also zwei?“ „Ja, er ist zwei“, bestätigte der 5-Jährige.

„Und wie alt möchtest du werden?“ „So alt!“ Wieder zeigte uns das Kind die zwei Finger. Das Kind war offenbar in diesem Augenblick glücklich!

Der alte Mann und die Kinder kamen überein, dass gerade das zweijährige Kind schon „so gut wie ein dreijähriges“ spricht, läuft und zuhört, und  lobten es dafür. Und sie verabschiedeten sich im besten Einvernehmen. Die Macht des guten gelingenden Wortes hatte sie zu einer Erzählgemeinde zusammengeführt, und man sieht, dasz „die Weisheit auf der Gasse noch nicht ganz untergegangen ist“.

Bild: Das uralte Standbild des Herkules zu Cassel-Wilhelmshöhe. Aufnahme vom 24. April 2013

Zitatnachweis für: man sieht, dasz „die Weisheit auf der Gasse noch nicht ganz untergegangen ist“: Vorrede der Brüder Grimm vom 17. September 1840. Zitiert nach: „Vorrede“, in: Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen. Herausgegeben von Heinz Rölleke. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2009, S. 15 bis 27, hier S. 26

 

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Ist es gerecht, dass Ingas Baby die Mutter nur kurz am Abend bewusst erlebt?

 Familie, Frau und Mann, Kinder, Konservativ, Mären, Mutterschaft, Platon  Kommentare deaktiviert für Ist es gerecht, dass Ingas Baby die Mutter nur kurz am Abend bewusst erlebt?
Mai 282013
 

2013-05-23 15.42.29

„Ist es gerecht, dass Inga schlechtere Karrierechancen hat, weil sie Mutter ist? Nein“

So die nachdenklich stimmende Mahnung der INS – Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft -, die mich vor drei Tagen im Berliner Hauptbahnhof zum Innehalten aufforderte.

„Von dem Kind in Ingas Kinderwagen sprechen wir nicht?“, frug ich fragenden Blicks eine zufällige Passantin, die ebenfalls staunend stehenblieb.

Wir fragen tiefer: Ist es gerecht, dass Frauen Mütter werden? Ist es gerecht, dass Frauen schlechtere Karrierechancen haben, weil sie Mütter werden bzw. bis zum Alter von etwa 45 Jahren stets die Gefahr droht, dass sie Mütter werden könnten?

Es gibt höchst erfolgreiche weibliche Politiker, allerdings weniger als  männliche. Wir haben in der paganen Antike Cleopatra, in der Bibel die Königin von Saba, in der Neuzeit Margret Thatcher und Indira Gandhi gehabt.

Frauen sind in der Politik und in der Machtausübung und auch in Straßennamen sogar in Friedrichshain-Kreuzberg (und weltweit) deutlich unterrepräsentiert. Woran liegt das? Ich meine, es liegt daran, dass Frauen in allen Kulturen und allen Gesellschaften, auch in der unsrigen, eben doch anders sind als wir Männer. Vor allem liegt es am unleugbaren naturgegebenen Grundbestand des Mensch-Seins: Wir werden alle von Müttern geboren, nur Frauen – nicht Männer – können Mütter werden, mit all den unleugbaren und unvermeidbaren Einschränkungen, die das für Karriere und Beruf mit sich bringt.

Die allermeisten Frauen streben folglich auch nicht so sehr nach Glanz und Gloria, nach Scheinen und Gelten wie wir Männer. Für die meisten Frauen ist es eben doch das Schönste, Leben, Glück und Freude zu verspüren dadurch, dass sie Leben, Glück und Freude weitergeben, etwa als Mütter. Für die meisten Frauen ist von Anfang an – im Gegensatz zu den meisten Männern – eindeutig ein glückliches Familienleben wichtiger als eine Karriere.

Wenn hingegen den Frauen das Mutterwerden und überhaupt Mütterlichkeit als eine Art Unfall, als schreiende Ungerechtigkeit auf dem Weg zum vollkommenen Glück, also zur völligen hälftigen Machtteilung und Gleichheit mit den Männern ausgemalt wird, dann löst sich eine Gesellschaft auf und verspielt die eigene Zukunft. In genau dieser Gefahr stehen wir in Deutschland.

Wir Männer hingegen streben von unserer biologischen Natur aus und durch kulturell verankerte  Tiefenprägungen eher hinaus ins feindliche Leben, wir raffen und schaffen, wie es Friedrich Schiller in seinem Lied von der Glocke völlig zutreffend erkannt hat.

Schauen wir uns doch uns Männer an: Macht, Machtsicherung und Machterweiterung im Außenbereich sind wichtige Themen im Leben fast jedes Mannes, und zwar auf andere Art als für die Frauen.  Unsere vornehmste Aufgabe als Männer ist es meiner Überzeugung nach grundsätzlich, den Frauen und Kindern einen gesicherten Raum zu schaffen, in dem sie friedlich blühen und gedeihen können.  Der gesicherte Raum ist grundsätzlich die Familie. Für den Staatsmann ist es die Gesellschaft als ganze.

Das ist weltweit zu allen Zeiten in allen erfolgreichen Gesellschaften so, nur in Teilen Westeuropas und insbesondere Deutschlands versucht man zur Zeit davor die Augen zu verschließen, etwa indem man Frauen den Wahn einredet, sie müssten unbedingt ebenso erfolgreich im Beruf, ebenso mächtig in der Politik werden, ebenso viele Straßennamen erhalten wie wir Männer.  Alles andere sei doch furchtbar ungerecht. Ein verhängnisvoller Irrtum, der zur Aushöhlung der Familie beiträgt und einer der Auslöser für den demographischen Niedergang unserer Gesellschaften  ist. Bereits heute haben wir viel zu wenige Familien mit Kindern, in denen die Kinder gehegt und in denen die Alten und Kranken gepflegt werden.  Der Pflegenotstand, also der akute Mangel an Pflegepersonal in allen Altenheimen und in der Altenbetreuung ist in Deutschland bereits heute Realität. Zu glauben, dass man mit aus dem Ausland geholten professionellen Pflegekräften oder durch die Versendung der Alten von Europa nach Indonesien dem Mangel an Pflegekräften Abhilfe schaffen könnte, geht völlig an den Wünschen und Bedürfnissen unserer Alten vorbei.

Zu glauben, dass der Staat oder das staatliche Sozialsystem das Mutterwerden, die Kindererziehung, die Krankenfürsorge und die Altenpflege nach und nach immer stärker oder gar vollständig direkt in eine eigene Regie übernehmen können, ist ein törichter Wahn, dem bereits die antike Kriegergesellschaft Spartas und der Philosoph Platon im 4. Jahrhundert vor Chr. erlegen ist.

Kindererziehung, Pflege der Kranken und Pflege der Alten war immer und wird immer in allen erfolgreichen Gesellschaften eine vorrangige Aufgabe der Familien bleiben. Gelingendes Muttersein ist und bleibt eine Aufgabe der Frauen, Vaterwerden und Vatersein eine lebenslang zu erlernende Aufgabe der Männer.

 Posted by at 13:01