Apr 192020
 
Pied Beauty – Gesprenkelte Schönheit

Kurzes, stummes Innehalten vor
dem bunt gesprenkelten Bild, den
hingetupften Blüten der Bäume,
den blumengesprenkelten Rainen
und dem üppig emporwuchernden
Kraut, dem Gewürm, dem unordentli
chen Durcheinander, das unsere Welt
so schön macht an diesem Sonnentag,
der wie ein immerwährender Sonntag
erscheinen mag dank DIR!

Ich greife in all dieser Pracht dankbar zu einem entzückenden, rätselvollen Gedicht des englischen Dichters Gerard M. Hopkins. Es heißt

Pied Beauty

Glory be to God for dappled things –
   For skies of couple-colour as a brinded cow;
      For rose-moles all in stipple upon trout that swim;
Fresh-firecoal chestnut-falls; finches’ wings;
   Landscape plotted and pieced – fold, fallow, and plough;
      And áll trádes, their gear and tackle and trim.

All things counter, original, spare, strange;
   Whatever is fickle, freckled (who knows how?)
      With swift, slow; sweet, sour; adazzle, dim;
He fathers-forth whose beauty is past change:
                                Praise him.

https://www.poetryfoundation.org/poems/44399/pied-beauty

Zitatnachweis:
Gerard M. Hopkins: Pied Beauty, in: The Oxford Book of English Verse. Edited by Christopher Ricks. Oxford University Press, 1999, S. 509

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Apr 192020
 

Die COVID-19-Quarantäne bedeutet für viele in so manchem europäischen Land Hunger, Versorgungskrise, Abgeschnittensein. Der Staat kann nicht überall sein, kann nicht allen helfen. Aber hier zeigt sich auch das Beste in den Menschen, ein mitfühlendes Herz! Auch in der Hauptstadt des größten europäischen Landes gelten jetzt strenge Ausgangsbeschränkungen. Guter, vorbildlicher Einsatz junger Bürgerinnen und Bürger im Freiwilligendienst um Jegor Schukow für diejenigen Menschen in Moskau, die durch die Quarantäne besonders hart getroffen werden. Konkrete Hilfe für die Menschen! Gut, macht weiter so!

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Apr 172020
 
Hilary Mantel: The Waterstones Interview – Wolf Hall Trilogy 24.02.2020

“Werden wir die nächsten paar Atemzüge überleben?”

In unseren durch und durch gesicherten Zeiten fällt es uns wohl zunehmend schwer, das Grundgefühl zu verstehen, das die Menschen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder überfiel, sie beherrschte, sie zum Glauben trieb und vom Glauben abfallen ließ: das Gefühl der gestundeten, der aufgeschobenen Sterbestunde, der Gedanke an den eigenen Tod als ständigen Wegbegleiter, das Ringen um jeden Atemzug, der der letzte sein konnte.

Hilary Mantel, die in der Grafschaft Derbyshire geborene Schriftstellerin, fasst dieses alle Jahrhunderte, alle Jahrtausende der bisherigen Menschheitsgeschichte durchziehende Grundgefühl in einem Gespräch über den dritten Teil ihrer Cromwell-Trilogie in die folgende brillante Formulierung: “Are we going to survive our next few breaths?”

Der unzeitige, der vorzeitige Tod, die Todesgefahr war dieser Schatten, der die Menschen im Alltag begleitete. Man starb früher vor allem an Infektionskrankheiten aller Art – Atemwegserkrankungen wie Tuberkulose und Lungenentzündugen zuvörderst -, an bakteriellen und viralen Seuchen, Epidemien, “Plagen”, Pest, Pandemien, man starb an Verletzungen und Unfällen, man starb in Kriegen, in Raubüberfällen, Brandschatzungen, Feuersbrünsten, Vergiftungen, Hungersnöten.

Man erreichte fast nie das Ablaufdatum der biologischen Uhr, also jene Altersgrenze, an der der menschliche Organismus nicht mehr die Kraft zum Weiterleben – und das heißt: zum Weiterkämpfen – hat.

Die heute so pandemisch verbreiteten Wohlstandskrankheiten wie Übergewicht aufgrund von zu reichlicher Ernährung und Bewegungsmangel – oder auch zahllose vermeidbare chronische Erkrankungen wegen des Tabakrauchens – gab es nur in der winzigen Schicht des begüterten Adels.

Normal dagegen waren plötzlich hereinbrechende Unglückslagen, Pest, Infektionen, Hunger, Krieg. Raffael starb mit 37 Jahren, Mozart mit 35. Überrascht war man trotz aller Trauer durch derartige “vorzeitige” Sterbefälle nicht. Sie waren die Norm.

Die derzeit in aller Munde diskutierte Corona-Pandemie vermag einen schwachen Eindruck, einen milden Abklatsch davon zu geben, in welcher fundamentalen Unsicherheit die Menschen zu Zeiten eines Cromwell, eines Thukydides, eines Achilles oder auch eines Napoleon lebten.

Unser heutiger Ausnahmezustand war früher der Normalzustand.

Heute, in unseren von unvergleichlicher Sicherheit geprägten reichen Gesellschaften (in der reicheren Hälfte der Weltbevölkerung wohlgemerkt, nicht in den armen Staaten!) sterben die meisten Menschen erst in hohem Alter an Herz-Kreislauferkrankungen und an Krebs, während infektiöse Erkrankungen wie Lungenentzündung oder COVID-19 nur mehr 3-5% der Todesursachen ausmachen und gewaltsames Sterben nahezu verschwunden ist – selbst wenn jeder Sonntagabend mit der Unzahl an seriell gefertigten Krimis das Gegenteil zu verkünden scheint.

Nach den und zusätzlich zu den Pandemien der vermeidbaren Wohlstandserkrankungen (überwiegend durch menschliches Fehlverhalten bedingt) haben wir nun eine weitere Pandemie zu bewältigen – die Corona-Pandemie. Nach Dimension, Wucht, Dauer, statistischer Relevanz kommt sie bisher den bereits vorhandenen nicht-infektiösen Pandemien noch nicht nahe, an die wir uns gewöhnt haben. Denn weiterhin sterben die allermeisten Menschen und werden die meisten Menschen an ganz anderen Ursachen sterben – nämlich an Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs, ferner auch weiterhin an opportunistischen Infektionen wie Lungenentzündung, COVID-19 oder Noro-Viren. Die Todesfälle durch COVID-19 laufen derzeit als kleiner statistischer Zusatz mit. Sie werden durch eine gigantische mediale Überhöhung freilich rund um die Uhr buchstäblich ins Volk gepeitscht und getrommelt.

Ihre Unvermeidbarkeit und ihre vermeintliche Neuartigkeit sind es, die zunächst einmal Angst vor COVID-19 machen und das gesamte staatliche Gefüge durcheinander wirbeln! Politics of fear! Angst vor Kontrollverlust als Triebfeder der Politik! Die Allmachtsfantasien der modernen, risikoarmen Wohlstandsgesellschaften werden durch COVID-19 gebrochen. Der unzeitige, der nicht planbare, der nicht erwartbare Tod tritt wieder als ständiger Begleiter an die Seite des Menschen, so wie er dies in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden auch gewesen ist. Es tritt wieder eine Art Normalzustand der Menschheitsgeschichte ein.

In der Muttersprache Hilary Mantels, der ich an dieser Stelle von Herzen danke, möchte man sagen:

Buck up, come on, things aren’t that bad. They aren’t that new, either. We will survive our next few breaths, in all likelihood.

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Apr 142020
 

Le Vendredi saint, j’ai marché le long de la Ebersstraße à Schöneberg. Là, j’ai vu un livre posé sur le rebord d’une fenêtre. Un livre abandonné. “Chanson douce” en était le titre. Par Leïla Slimani, Gallimard, folio. Paris 2016. Étrange!

J’ai été saisi par l’irrésistible attraction que les livres français et italiens ont toujours exercée sur moi. J’ai pris le livre et j’ai immédiatement commencé à lire dedans. Page 11.

J’ai lu la question d’un certain Marmeladov: “Comprenez-vous, Monsieur, ce que cela signifie quand on n’a plus où aller? Car il faut que tout homme puisse aller quelque part.”

J’ai réfléchi à ce que je devrais répondre à cette question de Marmeladov. Marmeladov a-t-il eu raison de poser sa question ? Faut-il toujours savoir où l’on va ?

Ma réponse est non, nous ne savons pas, et nous n’avons pas besoin de savoir.

Leïla Slimani: Chanson douce. Gallimard, Paris 2016, p.11

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Apr 122020
 

Angelehnt an die Efeuwand
Dieser alten Terrasse,
Du, einer luftgebornen Muse
Geheimnisvolles Saitenspiel,
Fang’ an,
Fange wieder an
Deine melodische Klage!

So beginnt Eduard Mörike sein herrliches Gedicht “An eine Äolsharfe”. Heute, an Ostern, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine echte Äolsharfe gesehen und gehört! Was für ein Osterwunder ereignete sich da!

Ihr kommet, Winde, fern herüber,
Ach! von des Knaben,
Der mir so lieb war,
Frischgrünendem Hügel.
Und Frühlingsblüten unterweges streifend,
Übersättigt mit Wohlgerüchen,
Wie süß bedrängt ihr dies Herz!

Die Äolsharfe, auch Windharfe oder Geisterharfe genannt, besteht aus mehreren aufeinander eingestimmten Saiten, die in einen Resonanzkasten eingespannt sind. Wenn der Gott der Winde, Äolus, hindurchbläst, erklingen diese Saiten in unterschiedlichen Tönen bzw. Obertönen und erzeugen je nach Windrichtung und Windstärke unterschiedliche Harmonien.

Und säuselt her in die Saiten,
Angezogen von wohllautender Wehmut,
Wachsend im Zug meiner Sehnsucht,
Und hinsterbend wieder.

Diese Äolsharfe im Britzer Garten in Berlin ist eine Leihgabe von Jutta Kelm, Oldenburg. Die Video- Aufnahme entstand heute, am Ostersonntag des Jahres 2020, in der Mittagsstunde, der “Stunde Pans”.

Aber auf einmal,
Wie der Wind heftiger herstößt,
Ein holder Schrei der Harfe
Wiederholt mir zu süßem Erschrecken
Meiner Seele plötzliche Regung,
Und hier – die volle Rose streut, geschüttelt
All ihre Blätter vor meine Füße!

Quelle: “An eine Äolsharfe”.
In: Eduard Mörike: Werke. Herausgegeben von Hannsludwig Geiger. Deutsche Buch-Gemeinschaft, Berlin 1961, S. 31

Hier könnt ihr die Äolsharfe des Britzer Gartens hören:

https://youtu.be/WjWSJWyCdTc


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Apr 122020
 

“Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit, denn unser Heil hat Gott bereit. Halleluja halleluja halleluja halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.”

Der Turmbläser spielte strahlend dieses Lied und vielen andere Melodien heute am Ostermorgen, die Sonne erstrahlte heller und immer heller zu diesen Tönen und wegen dieser Trompetentöne hinter der Königin-Luise-Gedächtniskirche auf der Roten Insel in Berlin-Schöneberg, und der ganze Erdenkreis strahlte und sang mit!

Text und Melodie im Evangelischen Gesangbuch, Ausgabe Berlin-Brandenburg 1995, Lied Nr. 100

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Apr 112020
 

Das sollte man wissen: Zum jetzigen Zeitpunkt (Werte des Robert-Koch-Instituts von heute, 11.04.2020, 00.00 Uhr) sind fast die Hälfte (48,79%) der 117.658 in Deutschland gemeldeten COVID-19-Fälle, nämlich 57.400 Personen, wieder genesen, also gesund, werden aber weiter als aktuelle “Infizierte” geführt.

Was heißt dies? Nun, das wäre so, als würde man alle je gemeldeten Lungenentzündungen auch nach ihrer Ausheilung weiter als aktuelle “Infizierte” – mithin nach umgangssprachlichem Verständnis als Infektionsquellen – aufaddieren.

Was mir bei den amtlichen Angaben des RKI noch fehlt, ist der Anteil derjenigen Infizierten, die sich nachweislich in Krankenhäusern, Pflege- und Altersheimen mit dem COVID-19-Virus angesteckt haben. Es fehlen mir kausale Erklärungsansätze. Wie hoch ist der Anteil der medizinischen und pflegerischen Professionen an allen COVID-19-Erkrankten, insbesondere in den Altersklassen unter 60 Jahren? Denn nach zahllosen episodischen Berichten aus Italien und aus Deutschland sind es wohl vor allem diese drei Einrichtungen, die als Infektionsherde auffällig werden! Krankenhäuser, Pflege- und Altersheime stechen als überragende Infektionsherde hervor. Sie scheinen in Deutschland (auch in den USA und Italien) derzeit die Orte mit dem höchsten COVID-19-Infektionsrisiko überhaupt zu sein – jedoch mit riesigen regionalen Unterschieden! Warum ist dies so?

Geht man von der wahrscheinlich zutreffenden Annahme aus, dass Genesene, also ehemals COVID-19-Infizierte, keine Ansteckungsquellen mehr darstellen, sind 60.258 Menschen, also 0,07% der etwa 83,02 Mio. Menschen umfassenden Population Deutschlands nach amtlichen Meldungen derzeit (Stand heute 00.00 Uhr) potenzielle Überträger des COVID-19-Virus. Unter 10.000 Deutschen befinden sich also nach jetzigem Kenntnisstand statistisch gesehen 7 aktuell Corona-Infizierte. Einzuräumen ist dabei, dass niemand den genauen Infektionsgrad der Bevölkerung angeben kann.

Von der “Herdenimmunität”, die meist ab einer Durchseuchung (Prävalenz) von 60-70% angenommen wird, sind wir also noch sehr weit entfernt.

Hoffen wir, dass diese Zahl von 0,7 Promille Prävalenz nicht wesentlich ansteigt! Tun wir alles dafür, was sinnvoll, zielführend und punktgenau die Ursachen der Infektion anzielt und somit die Gesundheit aller schützt!

https://experience.arcgis.com/experience/478220a4c454480e823b17327b2bf1d4

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Apr 102020
 

“Geduld, Geduld”, in dieser Darbietung Fritz Wunderlichs scheint die Zeit wie ein endloses geflochtenes Band, geborgen in SEINER Hand.

 Posted by at 15:32
Apr 102020
 

Sieh mal an, hieraus ließe sich doch mühelos eine Dornenkrone flechten, wie sie Jesus aufgesetzt wurde! Dieser harte, struppige, bösartige Strauch im Schöneberger Südpark verdeutlichte mir heute am Morgen, wie grausam das ganze Geschehen ist! “Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen…”, schreibt Matthäus, Kap. 27, Vers 29.

Übrigens: CORONA heißt nichts anderes als KRONE.

 Posted by at 15:26
Apr 042020
 

Raffaello Santi: Madonna Solly (um 1502), Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin, im Original gesehen am 13.03.2020, 17.10 Uhr

In dieser Zeit des Stillehaltens, dieser “staden” Zeit, wie man auf Bairisch sagt, fanden wir gestern die Muße, eine Rundfunksendung des SWR zu hören, die schon auf den 6. April 2020 vorausweist, den Tag, an dem sich der Todestag des Malers Raffaello Sanzio zum 500. Mal jährt. Ihr Titel lautete “Der Maler Raffael – Superstar der Renaissance.

https://www.swr.de/swr2/wissen/der-maler-raffael-superstar-der-renaissance-swr2-wissen-2020-04-02-100.html?fbclid=IwAR2mN66NsOzeWYg7_b0NoeVFwwK4_arTLkYg-cTb19lxCRCm3HdtVQnV0tk

Diese Rundfunksendung ist als höchst gelungen anzusehen, denn sie preist uns einen derzeit unzugänglichen, vom Firnis der Vermarktung und der Rühmung oft überdeckten Maler nicht als höchst vollkommen, sondern als Werdenden an, sie erregt eine unwiderstehliche Bestrebung, die Zeichnungen und Gemälde Raffaels im Original zu genießen, uns auf den Weg zu ihnen zu machen – einerlei ob sie nun in Berlin, Dresden, Rom, Paris oder London hängen!

Und doch: alle diese Zeichnungen und Gemälde sind im Original unseren Augen bis auf weiteres verschlossen. Wir werden der schmerzhaften Einsicht gewahr: Das Schöne, die Schöne ist nicht immer verfügbar, auch das Schöne ist endlich, ist — sterblich!

Und um die sechste Stunde ward eine Finsternis“, so singt es der Evangelist in der Matthäuspassion Bachs. Da überfällt mich eben noch die Erinnerung an jene Stunde gegen 18 Uhr, die “sechste Stunde”, als die Raffael-Ausstellungen im Kulturforum nach unserem letzten Rundgang die Pforten geschlossen hatten. Von der Matthäuskirche läutete unter scharf pfeifendem Wind “die sechste Stunde”, unheilschwanger verkündete ein riesiges herabhängendes Poster die Wahrheit: “Nunc est hora”.

Ich dachte unwillkürlich an die Formel der Marienanrufung “… nunc et in hora mortis nostrae”, kaum jemals schien sie mir passender als gerade – jetzt! Dies war ein kostbares mystisches Nu. Das Nu!

Jetzt und auch in der Stunde unseres Todes! Eine großartige Wendung, eine machtvolle Fügung, dieses “et”. Es besagt: Nur jetzt ist es jetzt. Es könnte auch das letzte Jetzt sein. Sei also jederzeit bereit das Jetzt bis zum letzten Tropfen zu genießen, als schlössen sich die Tore des Schönen für immer! Sei im Nu!

 Posted by at 19:32