Juni 042026
 

Tickets für Dnipro. Musik und Lyrik am 04.07.2026 in Salon Feurig, Berlin-Schöneberg | Ticket-Shop

Zlata Zhuravlova ist eine ukrainische Dichterin, die seit 2019 in Berlin lebt und schreibt. Mit ihrem zweisprachigen Gedichtband Vorspiel / Прелюдія legt sie ein literarisches Debüt vor, das durch Unmittelbarkeit, emotionale Tiefe und kunstvolle Ironie besticht. Ihre Texte bewegen sich zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen Heimat und Aufbruch, zwischen den Sprachen und Lebenswelten Europas. Dabei verbindet sie persönliche Erfahrungen mit einer poetischen Bildsprache, die zugleich leise, präzise und kraftvoll wirkt.

Für die Lesung Dnipro bringt Zlata Zhuravlova ihre Gedichte in einen Dialog mit der Musik von Trio Voyage. Worte und Klänge folgen dabei dem Lauf des Dnipro – jenes Flusses, der viele Jahrhunderte ukrainischer Geschichte, Städte und Menschen verbindet. Ihre Lyrik erzählt von Liebe, Verlust, Sehnsucht und Hoffnung und eröffnet einen Raum, in dem sich persönliche Geschichten mit dem Schicksal ganzer Generationen verweben. So entsteht ein poetischer Spätnachmittag voller Nachklang, Nähe und Zuversicht auf all das, was da noch kommen mag.

Trio Voyage vereint die Geigerinnen Alvina Lahyani und Oksana Stahlberg mit dem ukrainischen Bajan-Virtuosen Pawlo Feniuk zu einem besonderen Ensemble. In der Besetzung aus zwei Violinen und Bajan entsteht ein unverwechselbarer Klang. Er verbindet klassische Eleganz, folkloristisches Feuer und virtuose Spielfreude.

Pawlo Feniuk begeistert als Dozent an der Tschaikowsky-Musikakademie in Kyjiw mit seinem meisterhaften Spiel auf dem Bajan. Alvina Lahyani, bekannt für ihre Vielseitigkeit und starke Bühnenpräsenz, tritt bei klassischen Konzerten ebenso wie bei rockigen Events auf, darunter das Wacken Open Air. Als Mitglied der weltweit erfolgreichen Band Salut Salon verbindet sie musikalische Exzellenz mit Kreativität und Charme.

Eine langjährige musikalische Partnerschaft verbindet Alvina Lahyani und Oksana Stahlberg. Gemeinsam begeisterten sie das internationale Publikum an Bord der MS Deutschland.

Das Repertoire von Trio Voyage reicht von beschwingter Klassik über knackige Folklore bis zur süß schwelgenden Salonmusik – eine klangvolle Reise voller Emotionen, Farben und Geschichten. Voyage steht auf dem reißenden Fluss der Gegenwart für die verbindende Kraft der Musik über Grenzen und Kulturen hinweg.

Ihr Zielhafen ist: Hoffnung, Versöhnung, Frieden – nicht nur links und rechts des Dnipro.

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„Behütet in Bayern aufwachsen, in einer großen Familie groß zu werden“ – ist das Heimat? Kann das Heimat sein?

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Mai 282026
 

„Was ist für dich Heimat?“ Wir setzen unsere Betrachtungen im Anschluss an Sandra Hüllers skeptische Ablehnung des Heimatbegriffes fort und fragen heute abend bei den Musikerinnen von Salut Salon an. „Was ist für dich Heimat?“ Wir hatten im Zwiegespräch mit Sandra Hüller gefunden, dass Heimat zunächst einmal kein politischer, sondern ohne jeden Zweifel ein zutiefst persönlicher Begriff ist; jeder wird also eine andere Antwort auf diese Frage geben – und darf und soll dies auch tun!

Was man unter Heimat versteht, das hängt wohl zu großen Teilen von der Erfahrung der eigenen Kindheit ab. Die Cellistin Maria Well etwa sagt es so: „Ich komme aus Bayern. Ich muss sagen, ich bin wahnsinnig behütet aufgewachsen.“ Und sie empfindet dies im nachhinein als Privileg, als großes Glück.

Es lohnt sich, in diesem Video den vier sehr unterschiedlichen Antworten der vier so unterschiedlichen Künstlerinnen zuzuhören! Sie alle eint, dass sie den Begriff Heimat mit Glück, mit einer grundsätzlich guten, gelungenen Kindheit verbinden. Und aus diesem Grundgefühl der Zugehörigkeit, die sich in der Vergangenheit als leibhaftige Erfahrung gebildet hat, speist sich ein großes Ja-Sagen, besser: ein Ja-Singen zu diesem Leben, mit all seinen Zweifeln, Ängsten, Schattenseiten. Man spürt darin ein Hervorleuchten, man hört ein hervorquellendes, ein unversiegliches Verlangen und Streben nach Freude, nach einer sich aus der Tiefe der Vergangenheit wiederholenden Freude, die sich in der Weitergabe, im Weiterschenken erfüllt und selber für andere zur Beheimatung, zur Empfindung des tiefen tiefen Glücks werden kann.

Bild: Dorfkirche mit Dorfweiher in Klein Herrlitz/Malé Heraltice, Sudetenschlesien – das Heimatdorf, in dem der Vater des hier Schreibenden von 1925-1946 seine Kindheit erlebte. Aufnahme des Verfassers vom 24.05.2026

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„Der Wald, die Menschen, das Essen“: das ist Sandras Heimat

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Mai 202026
 

Was ist Heimat? Keine einfache Frage! Besser, leichter zu beantworten ist folgende Frage: Was ist deine Heimat? Noch einfacher ist die Frage zu beantworten – Kde domov můj, wo ist meine Heimat, kde domov můj?“ – wie es in der tschechischen Nationalhymne heißt. Gutes, tiefschürfendes Nachdenken der Schauspielerin Sandra Hüller, dem ich an diesem Morgen nachsinnen darf. Bei allem Zweifeln am Begriff der HEIMAT gibt die aus Thüringen stammende Aktrice im aktuellen SPIEGEL eben dann doch eine sehr persönliche Antwort:

Vielleicht sei Heimat eher ein Ort, »den man nicht erklären muss«.

Einen festen Anker habe sie dennoch: Thüringen, wo sie geboren wurde. »Der Wald dort oder die Menschen, das Essen.« 

https://www.spiegel.de/panorama/leute/sandra-hueller-mag-den-begriff-heimat-nicht-a-f7a67744-8e84-4958-8bd3-29a434bc7475

Heimat lässt sich also als etwas Persönliches, Erlebtes, Gegebenes, Geschenktes, nicht Erklärbares und folglich nicht Erklärungsbedürftiges erzählen, schmecken, fühlen, riechen. Heimat ist etwas, das in den Kern der Persönlichkeit hineinreicht. Insoweit lässt sich Heimat durchaus mit der Muttersprache, mit der Sprache der Mutter vergleichen.

Wie steht es nun aber um den von Sandra Hüller beigezogenen politischen Gebrauch oder auch politischen Missbrauch des Heimatbegriffes? Ich meine: Zunächst einmal ist Heimat durchaus auch Gegenstand politischen Handelns. Schutz und Bewahrung des heimatlichen Thüringer Waldes, oder des heimatlichen Böhmerwaldes, Schutz und Existenzsicherung der in Thüringen oder Tschechien lebenden Menschen, das Weiterkochen des Thüringer oder des böhmischen Essens – das sind kein schlechten, keine verwerflichen Absichten in der Politik Thüringens oder Tschechiens. Oder irre ich mich?

Verhängnis und Missbrauch des Heimatbegriffs treten immer dann ein, wenn dieser so starke, unbestreitbare Sinn für Heimat vor den eigenen Karren politischen Machtstrebens gespannt wird, insbesondere dann, wenn HEIMAT und VATERLAND – zwei durchaus unterschiedliche Begriffe! – verschmolzen werden, so geschehen natürlich in dem bis heute nachwirkenden, nationalistischen und nationalsozialistischen, berauschenden Überschwang, durch den gerade in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts Schindluder getrieben wurde. Dieser Missbrauch gerade auch durch die Deutschen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945) legte sehr viele europäische Heimaten, übrigens auch einige deutsche Heimaten in Schutt und Asche, kostete Millionen europäische Menschen, übrigens auch viele deutsche Menschen Leben und Heimat, beschädigte und verletzte bis zum heutigen Tage in der deutschen Seelenlage und der deutschen Sprache so einfache, elementare, zeitenüberdauernde Wörter wie Wald, Heimat, Essen, Deutsch, Familie, Volk, Muttersprache, Deutschland, Vaterland. Insofern sind und bleiben wir Deutschen in einem unheilvollen Sinne das unauslöschlich gezeichnete Volk.

Darin gebe ich Sandra Hüller recht, deren Heimat der Wald, die Menschen, das Essen in Thüringen sind und hoffentlich bleiben. Allem anderen zum Trotz.

Bild: Immer wieder staunen wir darüber, wie viele Grüntöne es im Walde gibt! Blick in den Grunewald am Wannsee, 17. Mai 2026. Ja, ein paradiesischer Augenblick war das im heimeligen, anheimelnden, im grunelnden Grunewald, nachdem es vorher kräftig geregnet hatte! Alles leuchtete, alles strahlte, und auch mein Herz strahlte und leuchtete mit jedem Blatt!

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Auf Widerruf gestundete Zeit: Schrott

 Heimat, Schöneberg  Kommentare deaktiviert für Auf Widerruf gestundete Zeit: Schrott
Sep. 152025
 

Ein Bild der Zerstörung bot sich meinen Augen bei der Heimkehr im noch kaum sich lichtenden Dunkel am vergangenen Freitagmorgen. Der Zugang zu meiner Wohnung war nur über Umwege möglich; der Schulhof der Teltow-Grundschule war mit Flatterband abgesperrt. Was war geschehen? Bald erfuhr ich’s: Eine gewaltige Explosion hatte einen vor dem Gashäuschen geparkten BMW zerfetzt. Um etwa 1.30 Uhr zerriss nächtens eine Bombe die Ruhe unserer Heimat. Ein Mann wurde dabei schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt. Ihm wünschen wir von hier aus rasche Genesung. Bis in den späten Abend hinein ermittelte eine Mordkommission, sicherte Zoll um Zoll die Spuren, erfasste den Tatort mit Drohnen und Präzisionskameras, konferierte, sichtete, sicherte, spürte, befragte.

Es kommen härtere Tage, die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar im Schrott.

Der Ort ist fortan gezeichnet. Einbruch der Gewalt in die brüchige Realität, unvermittelt!

Und zwei Tage später sind Spuren des Geschehenen noch sichtbar:

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Aus der Heimat hinter den Blitzen rot. Ein Totenopfer

 Aus unserem Leben, Eichendorff, Heimat, Natur, Singen, Theater, Tod, Waldfriedhof, Wanderungen  Kommentare deaktiviert für Aus der Heimat hinter den Blitzen rot. Ein Totenopfer
Aug. 062024
 

6. August 2024. Zurückgekehrt bin ich aus Dresden, wo wir gestern die so plötzlich verstorbene Natalia Petrowski zur Ruhe der Waldeinsamkeit im Loschwitzer Friedhof betteten. Unser Abschied von einem geliebten Menschen endet nicht vor einem verschlossenen Tor, sondern öffnet neue Zugänge zu Menschen und Welten, die uns ohne ihren Tod wohl nicht offen gestanden hätten. In diesem Sinne bin ich der Abgeschiedenen, der Verstorbenen auch in der Trauer unendlich dankbar.

Hier oben ein Bild von einem meiner letzten Bühnentode, in der Kirche Sanct Jacobi in Perleberg bei einem Konzert der Lotte Lehmann Woche: Menschen kommen aus der Tiefe des Raumes, wo Sand und Wasser sich trennen, Menschen gehen zurück in das scheinbar Vertraute, das sich seither verändert hat und weiter verändern wird. Und so verändern wir uns mit ihnen.

„Und keiner kennt mich mehr hier.“ Ich singe hier gerade „In der Fremde“ von Robert Schumann, den Blick nach oben gerichtet, ins Lichte, ins Weite.

Und in dem all dem steckt Versöhnung. „Keiner kennt mich mehr hier“, so wie auch ich mich nicht mehr kennen muss. „Lass gehen, lass fahren dahin…“

Aufnahme vom 27. Juli 2024. Bühnenregie: Florian Hackspiel. Am Flügel: András Vermesy. Foto: Nico Dalchow

Credits:

Joseph von Eichendorff/Robert Schumann: „In der Fremde“, taken from: Eichendorff Totenopfer/Schumann Liederkreis, op. 39
Recorded live on stage at St. Jacobi Kirche in Perleberg, Prignitz district, Germany, during scenic concert for Lotte Lehmann Woche 2024, 27 July 2024
Johannes R. Hampel, tenor
András Vermesy, piano
Scene director: Florian Hackspiel
Director of photography: Nico Dalchow

Script:
Joseph von Eichendorff: Totenopfer. In der Fremde

Aus der Heimat hinter den Blitzen rot
Da kommen die Wolken her,
Aber Vater und Mutter sind lange tot,
Es kennt mich dort keiner mehr.
Wie bald, wie bald kommt die stille Zeit,
Da ruhe ich auch, und über mir
Rauschet die schöne Waldeinsamkeit
Und keiner mehr kennt mich auch hier.

Quelle: Joseph von Eichendorff: „In der Fremde“. Aus: „Totenopfer“. In: Joseph von Eichendorff: Werke in einem Band. Hg. von Wolfdietrich Rasch. 6. Aufl., Carl Hanser Verlag, München 2007, S. 221-235, hier S. 233

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Jan. 252024
 

Gewaltig ragt er da auf, unser Watzmann,
So dass jeder ihn bewundern kann,
Mir lange vertraut aus frühesten Kindertagen!
Doch kann ich der Befremdung mich nicht entschlagen,
War er auch damals so schroff, so weltenthoben,
Eiskalt ins Herz hinan, so schneebestoben?
Und drängte er seine Frau so patzig und grob
Zur Seite, wenn sie ihr Haupt erhob?
Und kümmerte er sich damals so wenig um seine sieben Kinder,
Die ihm zum Trotz mit Semmeln spielten und tobten, die Sünder?
Ja, ja, der Watzmann, er war ein Tyrann,
Der seine Rute über Weib und Kinder schwang,
Verhängnis bracht er über seinen Stamm,
Bis zum heutigen Tag versteint ist der König Watzmann
Mit seiner ganzen elenden Bagasch,
Da hängt er nun traurig und lasch
In der Hamburger Kunsthall an der Wand,
Wo ich ihn gestern im Menschengedräng fand.

Und doch bin ich ihm nicht gram,
Er ist eben doch – immerhin! – nicht zahm,
Ist ein Original, das Original von so vielen Fälschungen,
Von Schwindel, Hinterhalt und dreisten Täuschungen!

Ja, hänge da nun, ruhe da nun, nichts hast du zu tun.
Also sei ruhig und lass dich bestaunen,
Lass die Leut raunen.

„Du hoitst as Mai!“

Bildnachweis:

Caspar David Friedrich: Der Watzmann. Öl auf Leinwand. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie. Leihgabe der Deka Frankfurt am Main.

Gemälde gesehen am gestrigen Abend, dem 23. Januar 2023, in der Kunsthalle Hamburg

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Vorbildlicher Mut bei der Verteidigung der Menschenwürde und der Heimat

 Berchtesgaden, Heimat, Nationalsozialismus  Kommentare deaktiviert für Vorbildlicher Mut bei der Verteidigung der Menschenwürde und der Heimat
Jan. 072024
 

https://www.theguardian.com/world/2024/jan/03/residents-of-hitler-alpine-home-berchtesgaden-rise-up-against-neo-nazi-visitors-germany

Der britische Guardian berichtete gleich zu Jahresbeginn, am 4. Januar 2024, wie in der Berchtesgadener Musikkneipe Kuckucksnest ein Grüppchen Neonazis auf einen behinderten Mitbürger losging und mutwillig eindrosch. Das mutige Eingreifen einiger Stammgäste und des Wirts vom Kuckucksnest verhinderte Schlimmeres.

„Einschüchtern heißt für die Feiglinge, einem geistig Beeinträchtigten ins Gesicht zu schlagen und dann davonzulaufen“, sagt Palm. „Ihr wisst gar nicht, was ihr da angestellt habt.“ So berichtet die Münchner Abendzeitung über diesen Vorfall.

Bin stolz auf meinen Verwandten Jakob Palm, den Wirt vom Kuckucksnest (dessen Urgroßvater Karl Seiberl übrigens auch mein Großvater war). In seinem Instagram-Post hebt Jakob ausdrücklich hervor: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Dieses Gebot gilt uneingeschränkt auch dann, wenn wir uns der rohen Gewalt entgegenstellen und die Hilflosen schützen.

Vorbildlicher Mut von Berchtesgadener Bürgern, sich nun dem extremistischen Nazi-Mob und auch dem NS-Kult entgegenzustellen! Gute Initiative, die Von-Hindenburg-Allee endlich umzubenennen! (Ich bin sowieso immer viel lieber die Kälbersteinstraße entlanggegangen). Hindenburg passt sicher nicht – oder heute nicht mehr – nach Berchtesgaden; man sollte zwar wissen, wer er war und welche Rolle er gespielt hat, aber durch eine Straße sollte man ihn nicht weiterhin ehren.

Widerstand in Berchtesgaden: „Wollen keinen Nazi-Tourismus“ | Abendzeitung München (abendzeitung-muenchen.de)

Bild: Erinnerung an den Berchtesgadener Volkskundler Rudolf Kriß. Unter der Herrschaft des Nationalsozialismus leistete er neben einigen anderen in Berchtesgaden Widerstand gegen das vor aller Augen verübte Unrecht.

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Zuhause ist dort, zuhause ist hier

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Sep. 132020
 

Abenddämmerung über dem Templiner See, zwei Schwäne ziehen in den Westen, ab und zu tunken sie ihr Haupt in das Wasser. Langgezogener, warmer, geschenkter Sommer, der dem Nachsommer vorangeht! Eine ausgedehnte Tour hatte uns gestern nach Beelitz Heilstätten geführt.

Leere Fensterhöhlen starren uns an, dahinter wittere ich Stroh, feuchte Bettlaken, allerlei Ungeziefer mag sich dort tummeln. Wo früher Lungenkranke über Wochen und Monate der pandemischen Lungenentzündung und Tuberkulose zu entkommen suchten und auf Genesung hofften, tummelten wir uns unbeschwert im Barfußpark 5 lange Stunden ohne Strümpf und ohne Schuh. Ja, damals gab es auch schon echte Volkskrankheiten – so wie heute den Diabetes II oder auch die pandemisch grassierenden Herz-Kreislaufsyndrome, an denen in Deutschland etwa 10 Millionen Menschen erkrankt sind.

Wonnig das Waten im Lehm, mag der Grieche seinen Ton zu Gestalten drücken, mag er Hammer und Meißel ansetzen, wir versinken lustvoll mit bloßen Füssen im feuchten Torf, im nassen Moor, im schlüpfrigen Schlick!

Der Schwielowsee erfrischt uns zum Schluss mit wirklich kaltem klarem Wasser. Ich höre italienische Stimmen an diesem Brandenburger See! Zwei Frauen und zwei Mädchen unterhalten sich. Sie sagen: „Usciamo … siamo entrate di qua.“ Das weltoffene Brandenburg empfängt alle, hier stehen allen Menschen die Türen und Tore offen.

Zuhause angelangt, in Schöneberg! Wer begrüßt uns da? Gute Bezirksnachbarn aus alten Tagen – Hans „Hänschen“ Rosenthal, Marlene Dietrich, Theodor Heuss, David Bowie, Albert Einstein! Das sind alles Schöneberger Nachbarn, Nachbarn gewesen, mindestens eine Zeit lang! Einstein? Richtig, zwar hatte er ein Sommerhäuschen am Templiner See und segelte leidenschaftlich über die glatte Fläche, auf der wir soeben die Schwäne ihr Haupt ins Wasser tunken sahen.

Aber zuhause war er werktags in Schöneberg, hier bei uns in der Haberlandstraße 5.

Gute Nachbarn haben wir, hatten wir. Zuhause ist hier.

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Glückliches Atmen am Werbellinsee

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Aug. 302020
 

Zwei Schwäne genießen das grünlich schimmernde Wasser an der Kaimauer des Fontaneplatzes in Altenhof. Ein buntes Segel bläht sich dahinter, von leichten Winden getrieben segelt die Barke des Daseins selig dahin. Werbellinsee, schönster aller Seen der Mark Brandenburg, wie schon Fontane wusste, Du schenktest uns heute einige Stunden ungetrübten Glückes! In Deinem unergründlichen Grün spielen die Lichtreflexe eines lange anhaltenden Nachsommers. In Deinen Winden liegt der Geruch von Heu, Tang, Pilzgeruch! Feine Wassertröpfchen sammelst Du ein und wehst sie uns zu. Ja, wir atmen Dich ein, ja in diesem Atem ist – – – was? Bist Du, ist das Du, ist Heimat.

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Kde domov můj, domov můj? – Ve Výmaru!

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Apr. 252019
 
Musiksalon im Liszt-Haus zu Weimar

Ein derartiges Gespräch nach den berühmten Versen Josef Kajetan Týls entspinnt sich singend in meinen Gedanken.

„Wo ist, wo war meine Heimat? In Weimar!“ Bereits die zweite Station unserer Stadtwanderung erweist mir am Ostermontag diese Antwort. Nach dem Bauhaus, das 1919 in Weimar gegründet wurde, empfängt mich das Liszt-Haus gastlich und heimatlich.

Hier im Musiksalon stehen der prachtvolle Bechstein-Flügel und das Ibach-Klavier, an denen Liszt seine Schüler unterrichtete. Hier lasse ich im Geiste wieder aufrauschen die Harmonien im Klaviersatz zu Petrarcas „I‘ vidi in terra angelici costumi“.

Der innerlich gehörte Klaviersatz eines ungarischen Komponisten auf das Sonett eines italienischen Dichters, herausgefordert durch den Anstoß der tschechischen Nationalhymne, beflügelt durch die Orientsehnsucht der Puppen Julia Feiningers mit ihren „angelici costumi“, ihren „engelsgleichen Kostümen“, die ich im soeben eröffneten neuen Bauhaus-Museum Weimar sah, – mit diesen hingehauchten Pinselstrichen ist meine Heimat an diesem Tag bereits umrissen. Und der Name dieser Heimatstadt lautet Weimar.

Und der Kontinent heißt Europa.

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Heroes not just for a birthday: David Bowie und Klaus Nomi in Schöneberg

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Jan. 082019
 
Gedenktafel und Graffito an der Hauptstraße 155 in Schöneberg, aufgenommen heute

Boah, ist das heute ein unablässig prasselnder, galaktisch sprühender Nebelregen! Nach einem Friseurbesuch pilgere ich passend zu diesem nebelfeuchten spacigen Dunstschwadenwetter einen kurzen Abstecher zur Hauptstraße 155, zu dem Haus, in dem von 1976-78 David Bowie wohnte. Er wurde ja an einem 8. Januar geboren!

Die Immenstädter Autorin Barbara Frey führte mich kürzlich an diese Stelle, als sie auf Forschungsreise in Schöneberg vorbeikam und mich in das Leben und Schaffen Klaus Nomis einführte. Der außerhalb seiner Geburtsstadt sehr bekannte Countertenor Klaus Nomi, der in Immenstadt/Allgäu geboren wurde, in Berlin eine Gesangsausbildung durchlief und oft im Schöneberger Kleist-Casino auftrat, unter anderem mit der berühmten Arie der Dalila aus „Samson et Dalila“, war während seiner New Yorker Jahre (ab 1973) eine wesentliche Anregungsquelle für den 3 Jahre jüngeren David Bowie, der wesentliche Elemente von Nomis Bühnenerscheinung übernahm und produktiv weiterentwickelte. Insbesondere die Bühnenkostüme Nomis dürften maßgeblich die späteren Outfits von Bowie beeinflusst haben, wovon das oben zu sehende Graffito Zeugnis ablegt. Am 24. Januar 2019 veranstaltet das Literaturhaus Allgäu in Immenstadt mit Barbara Frey eine Soirée auf den Spuren Klaus Nomis.

David Bowie – 8.1.1947 London – 10.1.2016 New York City
Klaus Nomi – 24.1.1944 Immenstadt – 6.8.1983 New York

www.literaturhausallgaeu.de/Veranstaltung/literarische-soiree-out-of-immenstadt-klaus-nomi-24-jan-1944-6-aug-1983-2/?instance_id=94

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Jan. 042019
 
Charles-Joseph Natoire: Die Ruinen des römischen Kaiserpalastes auf dem Palatin, 6. Mai 1760. Kupferstichkabinett Berlin. Gesehen in der Ausstellung: Rendezvous. Die französischen Meisterzeichnungen des Kupferstichkabinetts. Ausstellung von 07.12.2018 bis 03.03.2019


ἰδοὺ ἀφίεται ὑμῖν ὁ οἶκος ὑμῶν. So das Wort Jesu laut Lukas 13,35. Also geht euch verloren euer Haus, dürfen wir grobschlächtig übersetzen. Eine Klage über den Verlust des Hauses, in dem sie zu leben glaubten, eine Voraussage über die Zerstörung des Tempels, über das „Ende der Welt, wie sie sie kannten.“ Jesus lebte in der Naherwartung, er glaubte, das Ende der Welt, wie er sie kannte, stehe unmittelbar bevor. Das Ende seines Lebens wurde später von den Überlebenden, die sich zu ihm bekannten, als Vorwegnahme des Endes der Pracht und Herrlichkeit des alten Israel gedeutet, wie es dann als große Katastrophe im Jahr 70 eintrat.

Die Perikope aus dem Lukasevangelium kommt mir immer wieder in den Sinn, sobald ich an den Ruinen der großen Welt vorbeikomme. Nacherleben der verlorenen großen Welt!

Ob es nun der unter Kaiser Titus zerstörte Jerusalemer Tempel oder die Ruinen des Palatinspalastes sind: Die neue Ausstellung des Kupferstichkabinetts Berlin bietet reichlich Gelegenheit, dieses Vorher und Nachher zu bestaunen, nachzuerzählen, nachzuerleben.

Große Kunst – wie sie hier an den französischen Meisterzeichnungen zu erfahren ist – geht häufig aus der Erfahrung der Zerstörung des Großen hervor, aus der Erfahrung des Nachher. Sie ist Nachhall eines unersetzlichen Verlustes.

Aber sie, diese Zeichnung, verbürgt auch den Neuanfang. Sie legt Zeugnis davon ab, dass es auch ein Leben nach dem Zeitenbruch gibt. Friedlich weidende Kühe, die melkende Hirtin, nicht zuletzt aber die an einen Flußgott erinnernde, vorne lagernde Gestalt bekunden die Erwartung des Neuanfanges. Es ist, als raunte es uns aus der Zeichnung zu: „Das Leben geht ja weiter.“ Das Göttliche, der Gott ist vielleicht doch nicht ganz tot.

Nur das Haus des Großen, der Tempel des Göttlichen ist verloren, ist verworfen. Unser Haus ist zur Wüste geworden. Wir sind – die Unbehausten. Aber die Erinnerung daran lebt fort. Sie, Mnemosyne, spendet Kraft und schließt uns unter freiem Himmel zur Gedächtnisgemeinschaft zusammen.

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Jóhann und Ammiel, zwei fahrende Gesellen, verzaubern den Pierre-Boulez-Saal

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Nov. 052018
 


Jóhann Kristinsson, Bariton
Ammiel Bushakevitz, Klavier

verzauberten gestern den Berliner Pierre-Boulez-Saal mit allen Zuhörern, den hier schreibenden eingeschlossen. Kristinsson, ein junger, gewinnender, lebensfroher Mann schlug mich gleich mit den ersten Tönen in Bann:

„Aus der Heimat hinter den Blitzen rot,
Da kommen die Wolken her,
Aber Vater und Mutter sind lange tot,
es kennt mich dort keiner mehr.“

Jedes dieser Lieder aus Robert Schumanns op. 39 erlebten Kristinsson und Bushakevitz gemeinsam. Es war jedes Mal ein neues Bild, aufgeschlagen, erlebt, überflogen, hin und weg! Dieser Sänger machte mir eine große, überbordende Freude. Jeder Laut war geformt, klar verständlich, jeder Ton trug den Sänger, und der Sänger trug uns dahin.

Die Gesangstechnik Kristinssons ist makellos, seine Aneignung aller Lieder ist tief verankert, er hat sich jedes Lied zu eigen gemacht, trug alle Lieder von Schumann, Mahler und Wolf auswendig vor. So soll es sein, so muss es sein! Er eroberte die Herzen aller. Er unterstützt mit sparsamen Gesten den Gehalt der Verse, vertraut aber ansonsten dem stärksten Mittel, das die Sänger haben: der Person selbst, der Stimme, dem Atem, dem Wort, Klang, Körper!

Gustav Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“ waren nicht in abgrundtiefe Verzweiflung getaucht, sondern in eine fast schon erlösende Gewissheit: „Solange wir noch singen, solange wir noch zuhören können, ist nicht alles verloren. Im Gegenteil, alles ist gewonnen!“

Bushakevitz war ein äußerst getreuer und verlässlicher Begleiter, Wandergefährte, Stütze und Stab für den Sänger.

Äußerst reizvoll fand ich die abschließende Auswahl der Hugo-Wolf-Lieder nach Gedichten von Joseph von Eichendorff, denn Wolf taucht all das, was bei Schumann so düster, weh, zerrissen daherkommt, in das fast schon italienisch zu nennende, tänzerische Spiel. Freiheit, Lachen, Sonne waren angesagt. Das Programm, das als Weltenklage des Heimatlosen begonnen hatte, endete als lustiger Kehraus mit dem Blick ins Freie. Ein deutliches Aufbäumen, ein Ermannen war darin spürbar, so sehr, dass man Mühe hatte zu glauben, dass die ersten und die letzten Lieder nach Gedichten desselben Dichters komponiert waren, eben Josephs von Eichendorff. Hier die dritte Strophe aus dem letzten Lied, Seemanns Abschied:

Streckt nur auf eurer Bärenhaut
Daheim die faulen Glieder,
Gott Vater aus dem Fenster schaut,
Schickt seine Sündflut wieder,
Feldwebel, Reiter, Musketier,
Sie müssen all ersaufen,
Derweil mit frischem Winde wir
Im Paradies einlaufen.

Ein versöhnlicher, wunderbarer Ausklang des Sonntags war dieser gemeinsame Auftritt der beiden fahrenden Gesellen, der mir noch jetzt ein Lächeln in die Seele zaubert, während ich dies schreibe. Danke Jóhann, danke Ammiel!

 Posted by at 23:14