Jun 302018
 

Ein erfolgreiches Start-up im Bereich Logistik wird in einem sehr gelungenen Video gezeigt, das ein deutsch-russischer Jugendlicher gestern ins Netz gestellt hat. Name des erfolgreichen Start-ups: Peschkariki. Leistung: Kurierdienste. Standort: Moskau.

Die Logistikbranche wandelt sich weltweit rasant – eine Folge dieses Wandels sind raschere Zustellintervalle, kleinere Bestellmengen, stärker kundenspezifische Lösungen. Digitalisierung ist unerlässlich! Sie ist die andere Seite der stärkeren Nachfrageorientierung der Logistik weltweit. Nur das Internet ermöglicht in der heutigen Wettbewerbslandschaft der großen Städte konkurrenzfähige Lieferzeiten und unschlagbare Flexibilität! Es wird immer weniger in großen Mengen bestellt und geliefert. So erklärt sich der starke Boom der Fahrradkuriere in den Millionenstädten der Welt.

Nennen wir den berichtenden Boten einfach mal Ivan. Zur Abwicklung seiner Aufträge setzt er auf einen integrierten Einsatz von Leihfahrrädern und schienengebundenem Nahverkehr.
Er erzählt einen Tag aus seinem Kurierleben, mit witzigen Kommentaren zur Fußball-WM und Bildern aus dem Alltagsleben des heutigen Moskau. Sehr gut gemacht, absolut sehenswert. Ich sag mal: Note 5 auf der russischen Schulnotenskala.

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Mai 262018
 

In verschiedenen Berliner Bezirken wird derzeit die Frage diskutiert, wie man das Verleihen von Fahrrädern in geordnete Bahnen lenken kann. Es gibt Beschwerden über zu viele wild und regellos abgestellte Mieträder; Diebstahl, Verlust und Beschädigung der Leihräder sind und waren seit je Ärgernisse für Verleihfirmen und Entleiher gleichermaßen.

Vor etwa zwei Wochen hatte ich die Möglichkeit, ein hervorragend funktionierendes Leifahrradsystem in Moskau, der Partnerstadt Berlins, ausgiebig zu nutzen. Die russische Hauptstadt hat nach ersten, teilweise scheiternden Experimenten mittlerweile ein zweigliedriges Leihfahrradwesen eingerichtet, das zum einen aus einem privaten Monopolanbieter im öffentlichen Straßenland der Stadt mit vielen digital vernetzten Stationen und zum anderen aus mehreren kleinen privaten Anbietern mit eigenen Geschäftsräumen besteht. Es funktioniert ausgezeichnet.

Ich schlage aufgrund der eigenen Erfahrungen als Nutzer von Leihrädern in Moskau sowie in mehreren deutschen Städten (Berlin und Augsburg) ein ähnliches zweigliedriges Leihfahrradwesen vor.

Grundsätzlich scheint mir für Millionenstädte wie etwa Berlin, Moskau oder Paris eine zweistufige Lösung angemessen:

  1. Für bestimmte Zonen der Städte sollte einem und nur einem Verleiher nach einer öffentlichen Ausschreibung für eine bestimmte Laufzeit (etwa 3 Jahre) gegen Zahlung einer  Straßennutzungsgebühr das exklusive Recht zuerteilt werden, auf öffentlichem Straßenland beliebig viele feste, engmaschig verteilte, nicht mit Personal versehene Stationen zu errichten, an denen die Leihräder dieses Verleihers sowohl entliehen als auch zurückgegeben werden müssen. Die Anmeldung der Nutzer, die Abrechnung, das Entleihen und die Rückgabe der Räder sollen rund um die Uhr digital erfolgen.  Die Stationen sollten durch technische Sicherungen die Räder so verriegeln, dass Diebstahl und Raub der Räder nahezu unmöglich gemacht werden.
  2. Die Nutzer registrieren sich einmalig und abonnieren für einen bestimmten Zeitraum die Nutzungsmöglichkeit. Sie haften für die geordnete Rückgabe.
  3. Die Tarife sollten so gestaltet werden, dass kurzfristiges Entleihen (30-60 Minuten) gefördert, längerfristiges Entleihen verteuert wird (progressive Preissteigerung). Es müssen monetäre Anreize geschaffen werden, dass die Entleiher die Räder sofort nach Nutzung an einer der engmaschig verteilten Stationen geordnet zurückgeben! In Moskau ist die beliebig oft wiederholbare Entleihung der Räder bis zu 30 Minuten für Abonnenten kostenlos, ab 30 Minuten setzt eine relativ schroffe Preissteigerung ein. Das Abonnement selbst ist in Moskau sehr günstig (600 Rubel/Monat).
  4. Daneben sollte wie bisher ein freier Markt beliebig vieler Verleihfirmen zugelassen werden, die ihre Leihräder in ihren eigenen Räumlichkeiten selbst gegen Kaution oder Pfand ausgeben und kontrolliert zurücknehmen müssen. Die Rückgabe der Leihräder muss bei derselben Firma erfolgen, so dass das “wilde” Abstellen auf öffentlichem Straßenland verhindert wird.
  5. Mithilfe eines derartigen zweistufigen Systems, so meine ich, wird der bestehende Mieträder-Wildwuchs in Berlin beseitigt; ein gedeihliches Miteinander von Fußgängern und Mietfahrrädern wird befördert. Die ganze Stadt wird davon profitieren.

https://www.tagesspiegel.de/berlin/bikesharing-in-berlin-nicht-das-leihfahrrad-ist-pervers-sondern-die-situation-in-der-es-faehrt/21265294.html

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Mai 062018
 


Neue, sonnige Zeiten brechen für das Fahrrad in Moskau an! Es vergeht kaum eine Minute, in der man nicht mindestens einen Fahrradfahrer auf den Straßen Moskaus erblickt – ein Quantensprung! Denn noch vor einigen Jahren musste ich das völlige Fehlen des Fahrrades in dieser mit breiten Straßen versehenen, nur wenig hügeligen, also für den Radverkehr geradezu prädestinierten Metropole beklagen.

Mithilfe einer russischen Simcard gelingt es uns in wenigen Minuten, mich als Nutzer der jetzt überall im Zentrum Moskaus verfügbaren Leihräder anzumelden. Die Sonne lacht und breitet einen strahlenden Schimmer über die Moskwa aus.

Wir fahren im milden Abendsonnenschein mehrere Kilometer auf gut ausgebauten, vollkommen glatten Pisten den Fluss entlang. Die Sperlingsberge liegen bald schon zu unserer Linken. Uns begegnen ehrgeizige Marathonläufer, coole Jogger, Rollerfahrer, andere Radfahrer. An einer Fitness-Station machen wir Halt und erproben die Turngerüste, die sich genau so neuerdings auch in Berlin finden. Ich schaffe zwei Klimmzüge.

Den nächsten Schritt bildet das Erproben der an einigen Stationen verfügbaren E-Bikes. Hier stellt sich allerdings kein Geschwindigkeitsrausch ein, da der Motor leider nur unterstützend wirkt und bei 25 km/h abgeregelt wird. Unsere Tour führt uns in Gewerbe- und Einkaufsgebiete hinein, wir überqueren auch den weitgespannten Bogen eines Fußgängerstegs.

Unser Weg führt zum Abschluss durch einen für Spiel und Gesundheit neu hergerichteten Park, an dessen Ende wir am Denkmal Leo Tolstois innehalten – eines der Pioniernutzer des Fahrrades, der in genau diesem Bezirk Chamovniki seine Stadtwohnung hatte. Er hätte seine Freude an uns gehabt.

Bild oben: der Startpunkt unserer Stadterkundung – ein Blick über die Moskwa auf die Tretjakow-Galerie, Abteilung Moderne.

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Aug 192010
 

02082010005.jpg Berlin – Moskau, aus der Sicht des Radfahrers mögen das gänzlich verschiedene Welten sein. Unser Bild zeigt ein Schild aus dem Technikmuseum der Stadt Moskau, aus dem hervorzugehen scheint, dass es von Berlin nach Moskau nur 65 km sind.

Und so gibt es Verbindendes.

“Pionier- und Zwischennutzung” – derartige Schilder sind derzeit am Flughafen Tempelhof angebracht. Und eben solche “Pionier- und Zwischennutzer” des Fahrrades entdeckte ich bei meinem Russland-Aufenthalt – ja, wir betätigten uns sogar selbst als eifrige “Pioniere des Fahrrades”.

Erste Trends sind klar: Die Kinder und Jugendlichen entdecken das Fahrrad für erste Ausflüge und Spritztouren. Mountainbikes gelten als Statussymbole. Fischer nutzen Mountain-Bikes für ihre Fangtouren und treideln am Fluss entlang. Im Alltagsverkehr hingegen spielt das Fahrrad noch keine Rolle. Man fährt Auto oder Metro, Bus oder Bahn, aber noch nicht Rad.

Dabei sind die Boulevards in Moskau riesig breit, es böte sich an, die rechteste Fahrspur an den acht- bis 16-spurigen Ringstraßen ganz für die Radfahrer zu reservieren: Zukunftsmusik nach Art eines Leo Tolstoi, der sich für geradezu mönchische Bescheidenheit in der Lebensführung einsetzte! Das mag sein.  Aber diese Vorschläge sind dennoch nicht unrealistisch. Denn alle sind sich einig: Die Luft in Moskau und in Russland muss besser werden. Mehr Fahrrad statt Geländewagen wäre ein Weg dahin. Man kann auch durch die neueste Scheibenbremse am Fahrrad seinen Reichtum unter Beweis stellen.

YouTube – Radfahrer an der Rubljowka 15082010009

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Jan 182009
 

Am Vormittag folgte ich der Einladung zum Neujahrsempfang der CDU Friedrichshain-Kreuzberg. Mit dem Rad strampelte ich die Methfesselstraße hoch. Im gotischen Saal der ehemaligen Schultheiß-Brauerei sprach ich unter einem neogotischen Kreuzrippengewölbe mit einer alten Kreuzbergerin über die Art “wie Kreuzberg früher gerochen hat”. Wie Gerüche mit einem ganzen Land, einem System untrennbar verknüpft sind.  “Ja, damals, als hier noch eine Brauerei war …” “Ja, damals, als wir hier Fahrrad fahren lernten …”

Kreisvorsitzender Wolfgang Wehrl hält ein knappe Ansprache zum neuen Jahr, hebt Leitwerte wie Selbstverantwortung und Freiheit hervor. “Die Politik sollte es nicht einfach hinnehmen, dass viele Menschen nie erfahren, was es heißt, von eigener Hände Arbeit zu leben.” Michael Braun, Mitglied des Abgeordnetenhauses, spricht sich in seinem Grußwort für den Dialog aller demokratischen Parteien aus: “Alle demokratischen Parteien müssen miteinander Gespräche führen können. Ob sie dann gemeinsam handeln werden, steht auf einem anderen Blatt. Aber miteinander reden – das ist unsere Pflicht!” Applaus, Applaus – ich stimme allen Rednern zu!

Wie immer bei solchen Gelegenheiten nutze ich jede Chance, mit unbekannten und bekannten Menschen ins Gespräch zu kommen.  Und siehe da – etliche meiner sympathischen Gesprächspartner kommen von anderen Parteien und anderen gesellschaftlichen Gruppen. Das ist gut so, das dürfte den Herrn Braun aber freuen,  – und die größte Überraschung, ich spreche mit einer Russin, die gewohnheitsmäßig in Moskau Fahrrad fährt. Das hätte ich nicht für möglich gehalten, ausgerechnet bei der CDU! Da kann man nur sagen: Das fängt ja gut an.

Anschließend ab zu Weib und Kind ins Bergmann 103 zum genüsslichen Brunchen.

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Jan 122009
 

Wo sind die Radfahrer? So fragte ich mich in Moskau. Denn trotz allen Spähens vermochte ich auf den breiten, oft acht- bis zwölfspurig ausgebauten Hauptstraßen der russischen Hauptstadt in 14 Tagen keinen einzigen Fahrradfahrer zu entdecken. Lag es nur am Wetter und den Grenzen der menschlichen Widerstandskraft? Wohl kaum, denn dann dürfte es ja in Berlin ebenfalls in diesen Frosttagen keinen Radfahrer geben:  in Moskau war es wärmer als es jetzt in Berlin ist. Diese unermüdlichen Berliner Radfahrer erbringen den Beweis: Rund um den Jahreskreis taugt das Fahrrad in der großen Stadt. Allerdings muss das Fahrrad auch in Moskau etwas bereits Bekanntes sein, denn bei meinem Besuch des Hauses von Leo Tolstoi entdeckte ich folgendes Bild:

tolstois_rad_03012009009.jpg

Da Tolstoi auf handwerkliche Geschicklichkeit so großen Wert legte und ja auch Schuhe selber geschustert hat, fragte ich die Aufseherin: “Hat er das Fahrrad selber gemacht?” Sie antwortete: “Nein, im Alter von über 60 kaufte er sich ein Fahrrad und lernte dann durch Probefahrten in der Manege, wie man Fahrrad fährt. Und dann fuhr er mit großem Vergnügen durch die ganze Stadt. Allerdings nur auf den Straßen, in denen es keinen Pferdekutschenverkehr gab. Denn die Pferde scheuten beim Anblick dieses modernen Verkehrsmittels.” “Tolstoi fuhr also wirklich mit dem Fahrrad durch die ganze Stadt?”, fragte ich zurück. “Er fuhr mit dem Fahrrad oder er ging zu Fuß … so lernte er seine Stadt kennen”, erzählte die Frau, die von Tolstoi sprach, als wäre es ihr eigner Ohm.

War dies alles nur eine Schrulle des großen Schriftstellers? Ich glaube kaum – denn als überzeugter Christ versuchte er, die Ideale der Nächstenliebe, der Begegnung mit dem Nächsten, vor allem sein unverrückbares Ziel der Bescheidenheit in allen Lebensbereichen zu verwirklichen. Dazu gehörte offenbar auch der Verzicht auf pompöse Kutschen und auf herrschaftliches Gebaren im Straßenverkehr.

Lebte er heute, er würde sicherlich auf jene massigen Geländewagen vom Typ eines VW Touareg verzichten, die heute das Straßenbild in Moskau prägen. Das ständige Zugehen auf alle Schichten des Volkes, das Sich-Öffnen gegenüber allem, was auf Straßen und Plätzen geschieht – all dies war für ihn am besten durch das Zu-Fuß-Gehen und das Radfahren umzusetzen. Bei jedem Wetter, sommers wie winters.

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