Bild: Die Gräser im Walde sie ruhen und nicken die Köpfchen angestrahlt von des Helios wärmenden Strahlen am Wannsee gestrigen Tages doch währt ihr Leben wenn’s hochkommt 70 Tage keinen Tag länger
Vor einer Woche schauten wir dankbar, hocherfreut und beglückt den Film The Odyssey von Christopher Nolan an; lange noch schwang dieses packende Erlebnis in mir nach, und auf Schritt und Tritt entdecke ich nun im Alltag Gedächtnisspuren, Anklänge und Querverbindungen. Homer, von dem ich Häppchen seit Jahrzehnten immer wieder auch auf Griechisch lese, lugt mir dieser Tage hinter jedem Grashalm, hinter jedem Baum, hinter jeder Zeile hervor!
Und hier kommt nun meine Frage des Tages an die KI von Gemini:
Konnte Lea Mendelssohn Bartholdy, geborene Lea Salomon (177-1842), die Mutter Fanny Hensels, wirklich Homer im Original lesen, wie es Annette Maurer in ihrer Ausgabe ausgewählter Lieder von Fanny Hensel berichtet?
Die genannte Frage beschäftigte mich im Rahmen meiner Befassung mit Vertonungen von Goethes Gedichten (etwa durch Carl Friedrich Zelter, Fanny Hensel und Franz Schubert).
Und diese Antwort spuckte mir Gemini ohne zu zögern nach wenigen Sekunden aus dem Gehege seiner Schaltkreise soeben aus:
Ja, historischen Quellen und biographischen Überlieferungen zufolge konnte Lea Mendelssohn Bartholdy (1777–1842) tatsächlich Homers Epen im altgriechischen Original lesen. [1]
Bildung und Sprachkenntnisse
Die aus der einflussreichen jüdischen Familie Salomon/Itzig stammende Lea Mendelssohn erhielt eine für Frauen ihrer Zeit und ihres Standes außergewöhnlich umfassende und elitäre Privatbildung. [1, 2]
Alte und moderne Sprachen: Neben Deutsch beherrschte sie fließend Französisch, Englisch und Italienisch. [1]
Klassische Bildung: Zudem erhielt sie Unterricht in den alten Sprachen, was ihr die Lektüre griechischer Klassiker wie Homer ermöglichte. [1]
Künstlerisches Talent: Sie war zudem eine hervorragende Pianistin und prägte die musikalische Erziehung ihrer berühmten Kinder Fanny Hensel und Felix Mendelssohn Bartholdy maßgeblich. [1, 2]
Was meinte Goethe damit in seinem hier im Schöneberger Blog zitierten Brief an Zelter vom 6. Juni 1825? Entsprach dies seiner Kritik etwa an Schuberts Vertonungen seiner Gedichte?
Genau diese Frage stellte ich soeben einer KI, hier Gemini in der kostenlosen Version. Und dies ist die Antwort, die mich innerhalb von 12 Sekunden erreichte:
Mit dem Begriff „überfüllte Musik“ meinte Johann Wolfgang von Goethe in seinem Brief an Carl Friedrich Zelter vom 6. Juni 1825 eine Kompositionsweise, bei der die Musik zu komplex, überladen und klanglich zu dominant wird, sodass das gesungene Wort und das dichterische Gedicht völlig in den Hintergrund gedrängt werden. [1, 2, 3]
Obwohl dieses Zitat oft als Paradebeispiel für Goethes Distanz zur aufkommenden Romantik angeführt wird, war es keine direkte Kritik an Franz Schubert.
Was meinte Goethe mit „überfüllter Musik“?
Goethe vertrat eine klassische, wortzentrierte Ästhetik des Liedes. Für ihn musste die Musik dem Gedicht dienen. Sie sollte den Text lediglich tragen, rhythmisieren und emotional untermalen, ohne ihn zu übertönen. Zelters schlichte Vertonungen im Stile der Berliner Liederschule entsprachen genau diesem Ideal. [1, 2, 3, 4, 5]
Als „überfüllt“ empfand Goethe Musik, die:
Zu viele harmonische Modulationen nutzte
Die Singstimme durch eine übermäßig komplexe und virtuose Klavierbegleitung erdrückte
Das lyrische Kunstwerk in ein rein instrumentales Spektakel verwandelte
Richtete sich die Kritik gegen Schubert?
Nein, zumindest nicht direkt oder bewusst.
Kein Namensbezug: Schubert wird in diesem Brief überhaupt nicht erwähnt. Goethes Klage war kulturkritisch und allgemein auf die zeitgenössische, moderne Musikentwicklung (wie die von Carl Maria von Weber oder dem späten Beethoven) bezogen. [1, 2]
Goethes Ignoranz gegenüber Schubert: Goethe hat Schuberts Genie schlichtweg lange Zeit nicht erkannt. Als Schubert ihm Jahre zuvor (1816) ein Heft mit Vertonungen (darunter Erlkönig) schickte, sandte Goethe es kommentarlos zurück. [1, 2]
Das Schubert-Missverständnis: Schuberts Lieder – in denen das Klavier eine gleichwertige, dramatische Rolle einnimmt und die Stimmung malend mitträgt (wie das Surren des Spinnrades in Gretchen am Spinnrad) – entsprachen zwar genau dem, was Goethe theoretisch als „überladen“ oder „überfüllt“ abgelehnt hätte. Doch es gibt keinen Beleg dafür, dass er Schubert zum Zeitpunkt des Briefes 1825 intensiv genug wahrgenommen hatte, um ihn gezielt damit zu meinen. Erst ganz spät in seinem Leben, als er die Sängerin Wilhelmine Schröder-Devrient mit Schuberts Erlkönig hörte, soll Goethe das Stück tief bewegt anerkannt haben. [1]
Meine unmittelbare Antwort an die KI Gemini ist: Diese Antwort entspricht genau meinem bisherigen Kenntnisstand. Ich halte sie für präzise, gut belegt, und in unseren Zusammenhang hier im Blog völlig ausreichend. Vielen Dank an die menschliche Intelligenz all derer, die die KI gebastelt haben. Läuft!
Das ständige Beschwören des Exzeptionellen, des Einzigartigen, Überragenden auch bei alltäglichsten Erscheinungen durch Wörter wie mega, super u. dgl., und zugleich das rasche Abtun, die Unfähigkeit, sich länger beharrlich auf eine und nur eine Handlung, eine und nur eine Person zu richten – also dieses heute doch recht weit verbreitete, von vielen Grundschullehrern beklagte Aufmerksamkeitsstörungsyndrom (ADHS) wird offenbar bei unseren jungen Leuten durch eine Überfülle an Kommunikationsmedien wie Smartphone, Tablet, PC usw. verstärkt.
Goethe fiel das auch schon auf; er schreibt am 6. Juni 1825 in seinem Brief an Carl Friedrich Zelter:
(…) Ich kann nicht schließen ohne jener überfüllten Musik nochmals zu gedenken; alles aber, mein Theuerster,[215] ist jetzt ultra, alles transcendirt unaufhaltsam, im Denken wie im Thun. Niemand kennt sich mehr, niemand begreift das Element worin er schwebt und wirkt, niemand den Stoff den er bearbeitet. Von reiner Einfalt kann die Rede nicht seyn; einfältiges Zeug gibt es genug.
Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen; Reichthum und Schnelligkeit ist was die Welt bewundert und wornach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle mögliche Facilitäten der Communication sind es worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren. Und das ist ja auch das Resultat der Allgemeinheit, daß eine mittlere Cultur gemein werde, dahin streben die Bibelgesellschaften, die Lancasterische Lehrmethode, und was nicht alles.
Zitiert nach: Goethes Werke. Weimarer Ausgabe / Sophien-Ausgabe. Herausgegeben im Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen. IV. Abtheilung: Goethes Briefe. 39 Band. Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1907, Seite 216
Dat is nu all lang heer, do güng ik recht fröhlich to Potztupimi bi eim Machandelboom vorby, do höört ik een Vagel dat süng:
miin Moder de mi slacht’t, miin Vader de mi att, miin Swester, de Marleeniken, söcht alle miine Beeniken un bindt se in een siiden dook, legts unner den Machandelboom; kiwitt, kiwitt, ach watt een schön Vagel bin ick!
Diese dunkel-geheimnisvollen Verse hat wohl jeder schon einmal in fernen Kindertagen gehört; sie entstammen dem Märchen Von dem Machandelboom, das Philipp Otto Runge 1806 erstmals in der hier wiedergegebenen niederdeutschen Fassung aufzeichnete, und das die Brüder Grimm 1819 unter Nr. 47 in den ersten Band ihrer Kinder- und Hausmärchen aufnahmen.
Hören wir eben diese dunklen Verse nun in einer leichter verständlichen, standardsprachlichen Fassung aus dem Jahr 2023:
Mia madre mi ammazzò, mio padre mi mangiò, Marilena mia sorella ha raccolto le mie ossa; le ha legate nella seta con la stretta cordicella; le ha sepolte nella fossa, dove il ginepro cresce. Cip cip, che bell’uccello è qui. Ci cip, che bell’uccello è qui.
In diesem Wortlaut bettet Maddalena Vaglio Tanet das Märchen vom Machandelbaum als krautig-wuchernden Waldesuntergrund in ihr Buch Tornare dal bosco ein, darin sie mit großer Meisterschaft Lichtstrahlen in die verdunkelten Waldestiefen der Gegenwart wirft und so nach und nach mithilfe des Erzählens die verschwiegenen Botschaften der Geister der Vergangenheit, den ganzen groviglio, diesen Knaul der Gefühle auflöst, ja eigentlich erlöst und befreit!
Niederdeutsche Fassung Runges hier zitiert nach: Johann Wolfgang Goethe: Faust. Kommentare. Von Albrecht Schöne. Deutscher Klassiker Verlag. Frankfurt am Main 1999, S. 378 [=Kommentar zu Faust, Verse 4411-4420]
47. Von dem Machandelboom. In: Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen. Herausgegeben von Heinz Rölleke. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2009, S. 229-238
Maddalena Vaglio Tanet: Tornare dal bosco. Marsilio, Venezia 2023, S. 103
„Dasjenige, was von meinen Bemühungen im Drucke erschienen, sind nur Einzelnheiten, die auf einem Lebensboden wurzelten und wuchsen, wo Thun und Lernen, Reden und Schreiben unablässig wirkend einen schwer zu entwirrenden Knaul bildeten.“
Eine höchst merkwürdige Selbstaussage Goethes ist dies, die mir seit einigen Wochen nachschleicht und beschäftigt hält! Hatten wir uns nicht angewöhnt, in Goethe einen Zögling und Meister der Form zu erblicken? Wie konnte er so spät, nämlich im Jahr 1816, rückblickend auf sein eigenes Leben jede Form, jedes literarische Gestalten als vorläufigen, als tastenden Versuch des Ordnungsschaffens in der Wirrnis erklären?
Ist es nicht so: Allzu oft erwarten wir vom gedruckten Wort, vom wohlgeformten Werk eines Dichters oder Schriftstellers eine Botschaft über das, was das Leben ist und meint, was der Sinn ist oder sein könnte: und doch werden wir immer wieder enttäuscht! Ja, der Dichter selbst wird immer wieder enttäuscht. Die Schrift ist nichts Endgültiges: sie ist etwas Abgeleitetes, etwas aus dem unklaren Erfahren und Erleben buchstäblich Herausgesponnenes. Sie ist also kein Abbild dessen, was ist oder sein könnte, sondern ein Versuch, sich einen „Reim auf das Ungereimte“ zu machen. Die Literatur, die Schrift ist nichts Letztes, ist nicht der Weisheit letzter Schluss und wird es nie sein.
Möglicherweise waren es solche Gedanken, die Goethe im letzten Drittel seines Lebens wieder und wieder beschäftigten, die ihn dazu führten, sich selbst, sein ganzes vielbändiges Werk als einen Versuch zu sehen, Licht ins Dunkel zu werfen, Unerklärliches zu erklären und dann wieder im Dunklen, im Unerklärlichen stehen zu lassen – oder besser: verschwinden zu lassen.
Zitat:
Johann Wolfgang Goethe: Summarische Jahresfolge Goethe’scher Schriften. Über die Ausgabe der Goethe’schen Werke. Morgenblatt 1816. Nr. 101. Zitiert nach: Goethes Werke. Herausgegeben im Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen. 42. Band, Erste Abtheilung. Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1904, Seite 81
Foto:
Blick vom Goetheturm am Sachsenhäuser Landwehrweg auf die Stadt Frankfurt. Foto mit Skizzenbuch des Verfassers, 20. Oktober 2023
GoetheKommentare deaktiviert für „Drum greife zu, Wanderer!“ Goethe in Mittenwald
Aug.282022
„Goethe auf dem Weg nach Italien“. Fassadenmalerei, Goethestraße, Mittenwald
Deutlich älter, wohl an die 60 Jahre alt, wirkt Goethe (geb. am 28.08.1749) hier auf dieser Fassade als er damals am 7. September 1786 war, eben erst der drückenden Enge des Hofes entkommen.
Tatsächlich war er bei seinem Eintreffen in Mittenwald erst 37 Jahre alt, also eher so alt, wie das Mannerleit, das da eben so eindeutig mit mit dem Madl anbandeln tut. Auf dieser in der heute vorherrschenden Al-secco-Technik ausgeführten Lüftlmalerei beugt sich also der nach Weimar zurückgekehrte, statuarisch auf den Stock gestützte Alte vom Frauenplan noch einmal über seine schäumende Mannesjugend. Ein abschiednehmende, fast entsagende Geste liegt in diesem Bild, bekräftigt durch den auf die alte römische Meilensäule zeigenden Finger:
„Wandrer, gedenke, dass die Zeit vergeht, sie wird verrinnen, drum greife herzhaft zu, dann wirst du Lust und Freud gewinnen.“
Wir hielten kurz inne in diesen Betrachtungen in Mittenwald am 18. August 2022 bei einer Führung mit der bestens vorbereiteten, munter plaudernden Regine Ronge. Dank an Goethe, Dank an den Maler, Dank an Regine!
Beleg zum Datum von Goethes Aufenthalt in Mittenwald:
Johann Wolfgang von Goethe: „Reise-Tagebuch erstes Stück. von Carlsbad auf den Brenner in Tyrol. 1786.“ In: Goethes Werke. Herausgegeben im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen. Bd. 78, Weimar 1887, S. 145-170, hier S. 146
Goethe, WanderungenKommentare deaktiviert für Du bist der erste nicht!
Okt.062021
Blick vom Steubenplatz auf ein Brachfeld, Potsdamer Stadtschloss, Nikolaikirche, Wohngebäude mit Mittelbrandenburgischer Sparkasse, Bauzaun vor Bauplatz, 4 Baukräne. Aufnahme vom 4. Oktober 2021
Unaufhörlich bauet die Zeit, reißt wieder ein, Was sie gebaut mit mächtigem Arm – es gilt ihr als nichtig. Was du im großen entstehen hast sehn, nicht sinnst du es aus. Merke dir, Wanderer, das und tue im kleinen desgleichen!
Diese Verse kamen mir unwillkürlich in den Sinn, als ich vorgestern mittags in Gedanken versonnen über den Steubenplatz meinen Weg zurück zu meinem Dienstort suchte. Wer mochte diese Hexameter wohl gedrechselt haben? Mir war es so, als kämen sie von weit weit her.
„Merke dir Wanderer, das …“, richtig: Goethe hatte diese Wendung in einem seiner Venezianischen Epigramme gefunden. Und in der Tat, es gibt kaum eine italienischer geplante, italienischer gebaute Stadt in Deutschland als es Potsdam vor seiner Zerstörung im zweiten Weltkrieg war. Das hier nicht zu sehende Museum Barberini, überhaupt der Alte Markt vermag heute wieder einen Eindruck davon zu geben.
Doch das Ganze drumherum, diese Einsicht in das notwendigerweise Unabgeschlossene jedes städtebaulichen Strebens und Wollens? Städte sind teils geplant, teils wuchern sie weiter, ergreifen Brachfelder, teils werden sie zerstört… Endgültiges ist nicht. Diese Erkenntnisse – ich war der erste nicht, der sie hatte – flossen schließlich zusammen in diese vier harmlosen Zeilen. So, und da stehen sie nun hier. Sie sind einfach so gekommen – gekommen um zu bleiben.
„Seht den Felsenquell, Freudehell, Wie ein Sternenblick; Über Wolken Nährten seine Jugend Gute Geister Zwischen Klippen im Gebüsch.“
Wie ein Sternenblick so hell Wardst du geboren, Genährt durch gute Geister, Guter Geist Goethe, Am heutigen Tage des Jahrs 1749.
Deiner gedacht ich Dankbar Bei unsrer Fahrt zu den Isarquellen Am 3. August dieses Jahres 2021. Deiner gedenk ich Auch heute.
Die Politik verspricht „sichere Jobs“, „Sichere Arbeit“, „Die gut ist auch fürs Klima“.
Ströme du weiter im Zeitenstrom, Im ruhigen Fluten der Zeit,
Tanze, Geist Goethes, Jünglingsfrisch Aus der Wolke Auf die Marmorfelsen nieder!
Zitatnachweise:
Goethe, Mahomets Gesang. Zitiert nach: Goethes Werke. Herausgegeben im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen. I. Abteilung, 2. Band. Weimar 1888. Fotomechanischer Nachdruck im Deutschen Taschenbuch Verlag, München 1987, S. 53
„Sichere Jobs“: Versprechen auf Wahlplakat der CDU, Berlin, Luisenstraße/Invalidenstraße, 28.08.2021 „Sichere Arbeit“: Versprechen auf Wahlplakat der SPD, Berlin, Luisenstraße/Invalidenstraße, 28.08.2021 „die gut ist auch fürs Klima“: Versprechen auf Wahlplakat der Grünen, Berlin, Luisenstraße/Invalidenstraße, 28.08.2021
„Reiß mich, ein Feuermeer mir im schäumenden Aug, in der Hölle nächtliches Tor“. Am Alten St.-Matthäus-Kirchhof, Monumentenstraße, Berlin-Schöneberg
Am 22. März 1832 starb Goethe, also heute vor 188 Jahren. Anlass, sich seine Vorstellung des eigenen Sterbens vor Augen zu führen, wie er es im Alter von 25 Jahren in seinem Gedicht „An Schwager Kronos“ zu Papier brachte. Dort heißt es am Ende:
Ab denn frischer hinab Sieh die Sonne sinkt! Eh sie sinkt, eh mich faßt Greisen im Moore Nebelduft, Entzahnte Kiefer schnattern Und das schlockernde Gebein.
Trunknen vom letzten Strahl Reiß mich, ein Feuermeer Mir im schäumenden Aug, Mich geblendeten Taumelnden In der Hölle nächtliches Tor.
Töne Schwager dein Horn, Raßle den schallenden Trab Daß der Orkus vernehme: ein Fürst kommt, Drunten von ihren Sitzen Sich die Gewaltigen lüften.
Mir kamen die Verse gestern – ich summte sie in Schuberts unsterblicher Liedvertonung – in den Sinn, als mich mein stählernes Rösslein durch die Monumentenstraße führte, hart an dem Kirchhof vorbei, in dem die Gebrüder Grimm ruhen. Die Sonne versank, ein glühender Feuerball, über der Langenscheidtbrücke, der Tag stand gestern und steht auch heute und morgen im Zeichen und im Bann des königlichen Sensenmannes, der, mit einer neuartigen Corona geschmückt, erbarmungslos seine Opfer weltweit dahinmäht. Die Welt erzittert, die Welt erbebt, die Welt sieht sich einer – wie sie glaubt – nie dagewesenen Herausforderung gegenüber: dem unvermutet hereinbrechenden massenhaften Sterben ohne Sinn, ohne Rettung, ohne Trost.
Demgegenüber speist sich Goethes Umgang mit dem eigenen Sterben als äußerst tatkräftig, selbstbewusst, kühn, trotzig. Dem Tod wohnt in diesen Versen nichts Schreckliches inne! So unausweichlich er sein mag – denn die Reise geht ja abwärts, immer abwärts – das Ich wird sich, vorlaufend zum Tode, seiner Gestaltungsmacht bewusst, und in diesem Bewusstsein setzt es sich den Göttern gleich, die es dort in der Unterwelt als ihresgleichen ehrend empfangen sollen. Der Tod wird nicht erlitten, er wird erlebt, gestaltet, begrüßt und schließlich entthront!
Goethe scheint zu fragen: „Krankheit, Seuche, Tod, Hölle – wo ist euer Schrecken? Ihr seid nur Bilder, ihr seid — “
Schubert hat diese Depotenzierung der Sterblichkeit durch seine Musik noch in vollem Feuerglanz verstärkt und überhöht.
Anmerkung: Die Wiedergabe des Gedichtschlusses erfolgt hier buchstaben-, zeilen- und zeichengetreu in der Fassung der “Ersten Weimarer Gedichtsammlung”, welche Goethe eigenhändig im Jahr 1778 schrieb (Handschrift H2).
Zitiert nach:
Johann Wolfgang Goethe: An Schwager Kronos. In der Postchaise d 10 Oktbr 1774. In: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1756-1799. Hgg. von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Frankfurt am Main 1998, S. 201-203
Das Gute, Goethe, PersonalismusKommentare deaktiviert für Trennen, sondern, ordnen. Räum auf in deinem Leben. Mit Goethe und Inga Scheidt
Dez.272019
Johann Wolfgang von Goethe: Lebendmaske. Gips, schellackiert. Mastermodell gefertigt vor 1950. Staatliche Museen zu Berlin, Gipsformerei (Original am Gesicht Goethes gefertigt im Oktober 1807 durch Carl Gottlieb Weißer). Fotografische Aufnahme gefertigt am 26.12.2019 durch den hier schreibenden Vf. in der Ausstellung „Nah am Leben. 200 Jahre Gipsformerei“ in der James-Simon-Galerie Berlin
Zu den nützlichen, gefälligen, aber leider auch notwendigen Geschenken, die uns an Heiligabend überreicht wurden, zählen wir „Das magische Aufräumbuch“ von Inga Scheidt. Durch fleißiges Lesen dieser Hinweise, die sich zwanglos in den Fächern „Loslassen, Ordnung schaffen, durchatmen“ rubrizieren lassen, hoffen wir gleichsam magisch, wie im Handumdrehen eine noch bessere Ordnung in Schreibstube, Küche, Schlafgemach und Keller herbeizuführen! „Richten Sie sich ein Regal mit Ordnern für die wichtigsten Unterlagen ein“, lautet eine der durchaus beherzigenswerten Einsichten der Autorin.
Neben dem Lesen des magischen Aufräumbuches fanden wir gestern zum ersten Mal auch Zeit, die neue James-Simon-Galerie ausführlich zu erkunden, und zwar nicht als Durchgang oder Übergang zu den fünf verschiedenen Museen der Museumsinsel, sondern um ihrer selbst willen! Ein derartiger Besuch lohnt sich! Uns überraschte zunächst der freie herrliche Ausblick, den man vom Kolonnadengang aus auf den Lustgarten und den Kupfergraben genießt. Hier der Beleg:
Hervorheben möchten wir heute die Ausstellung „Nah am Leben“, in welcher die Gipsformerei ihr gesamtes Handwerk und ihre Kunstfertigkeit an ausgewählten Beispielen zeigt. Besonders tat es mir gestern unter allen ausgestellten Stücken die Lebendmaske Goethes an, die der Alte vom Frauenplan im Jahr 1807 von seinem Gesicht abnehmen ließ. Es waren genau die Monate, in denen Goethe seine Wahlverwandtschaften verfasste! Und siehe da, auch hier spricht er das Thema des Ordnens, Aufräumens und Loslassens an. Er schreibt im vierten Kapitel des ersten Teils über den reichen Baron Eduard:
Zwar von Natur nicht unordentlich, konnte er doch niemals dazu kommen, seine Papiere nach Fächern abzutheilen. Das, was er mit Andern abzuthun hatte, was bloß von ihm selbst abhieng, es war nicht geschieden, so wie er auch Geschäfte und Beschäftigung, Unterhaltung und Zerstreuung nicht genugsam von einander absonderte. Jetzt wurde es ihm leicht, da ein Freund diese Bemühung übernahm, ein zweites Ich die Sonderung bewirkte, in die das eine Ich nicht immer sich spalten mag.
Sie errichteten auf dem Flügel des Hauptmanns eine Repositur für das Gegenwärtige, ein Archiv für das Vergangene, schafften alle Dokumente, Papiere, Nachrichten aus verschiedenen Behältnissen, Kammern, Schränken und Kisten herbei, und auf das Geschwindeste war der Wust in eine erfreuliche Ordnung gebracht, lag rubricirt in bezeichneten Fächern. Was man wünschte, ward vollständiger gefunden, als man gehofft hatte. Hierbei gieng ihnen ein alter Schreiber sehr an die Hand, der den Tag über, ja einen Theil der Nacht nicht vom Pulte kam und mit dem Eduard bisher immer unzufrieden gewesen war.
Ich kenne ihn nicht mehr, sagte Eduard zu seinem Freund, wie tätig und brauchbar der Mensch ist. Das macht, versetzte der Hauptmann, wir tragen ihm nichts Neues auf, als bis er das Alte nach seiner Bequemlichkeit vollendet hat, und so leistet er, wie du siehst, sehr viel; sobald man ihn stört, vermag er gar nichts.
Ein Vergleich zwischen den beiden Autoren Scheidt und Goethe ergibt: Scheidt setzt beim Bewußtseinswandel im einzelnen Menschen an. Sie verlangt vom Aufräumenden „einen Entschluss, den entscheidenden Klick im Kopf“. In Scheidts Weltsicht soll das Ich gewissermaßen endlich Herr im eigenen Hause werden; die äußere Ordnung spiegelt dann eine innere seelische Gestimmtheit, spiegelt Einklang mit sich und der Welt wider.
Goethe dagegen erzählt zu Beginn der Wahlverwandtschaften die Herstellung der Ordnung als Gemeinschaftsleistung mehrerer tätiger Individuen; nur im Zusammenwirken gelingt wie im Handumdrehen die wohltuende, entlastende, zeitsparende Ordnung, die neben dem Seelenfrieden auch Muße und Gelassenheit für das gemeinsame Erleben des Schönen schafft. Der einzelne Mensch allein schafft es nicht!
Wer hat nun recht, Goethe oder Scheidt? Die Entscheidung hierüber ist nicht abstrakt zu treffen. Sie ruht letztlich beim tätigen Erleben, beim Handeln und Anpacken, bei der Veränderung! Ein unbestreitbares Moment des Wahren steckt zweifellos in beiden Ansätzen, das erst im verändernden Zugriff auf Welt und Umwelt seine Wirklichkeit erweisen wird.
Quellenangaben: Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften. in: Goethes Sämmtliche Werke. Vollständige Ausgabe in zehn Bänden. Fünfter Band. Stuttgart. Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung. 1885, S. 316-499, hier S. 334
Inga Scheidt: Das magische Aufräumbuch. Loslassen, Ordnung schaffen, durchatmen. Naumann & Göbel Köln, ohne Jahresangabe, hier bsd. S. 16 und S. 91
Ungläubiges Erstaunen ergriff mich jeden Tag von neuem, wenn ich den Blick auf den 5033 m hohen Berg Kasbek schweifen ließ. „Ich kann das nicht glauben, dass dieser herrlich schimmernde Berg, den ganzjährig eine schneebedeckte Spitze krönt, nun Tag um Tag zum Greifen nahe liegt! Hier im Kaukasus glaubte die Alte Welt das Bußgebirge des Prometheus zu erkennen. An diesen steil abschüssigen Hängen schmiedeten Kratos und Bia zusammen mit Hephaistos den gefallenen Titanen an!“
Und dann des Morgens, wenn ich hinaustrat aus dem Alpenhaus in den jugendlich erfrischten dämmrigen Morgen, dann stellten sich beim Blick auf die vor mir liegende Hauptkette des Großen Kaukasus wie von leichter Götterhand gerufen die folgenden Verse aus dem Faust ein:
Hinaufgeschaut! – Der Berge Gipfelriesen
Verkünden schon die feierlichste Stunde,
Sie dürfen früh des ewigen Lichts genießen,
Das später sich zu uns hernieder wendet.
Hier am Kasbek muss es gewesen sein
Hinter Wolkendunst saßest du
Auf Bergeshöhn spottend und höhnend
Des im Donner grollenden Alten
Den sie Vater nannten
Der dich nie ernst genommen
Der dein Aufbauwerk auftrumpfend wegwischte:
„Das ist keine Welt
Das ist bestenfalls eine Märklin-Modelleisenbahn
Lächerlich, stümperhaft, kw!“, so seine Worte
Das haben alle gehört!
Zank, Hader, Widerworte ohne Ende
Bis es endlich zu spät ward
Ihr verloret beide die Geduld
Die Verhandlung gegen Dich war eine einzige Farce
Die Zeugen wider Dich bestochen
Der Richter war befangen in Liebeshändeln
Das Urteil – 30 000 Jahre – deutlich zu hart
Er schickte dir den Adler
Du schicktest ihm deine Reden, deinen Hohn
„Übe Knabengleich
Der Disteln köpft
An Eichen dich und Bergeshöhn!“
Du warfest grimmige Blicke hinauf
Er schwieg, er verbarg sich in Wolken
Er äffte Karl Marx nach,
Dem er zunehmend glich im Profil
Er zertrümmerte ein paar der Hütten
Die du gebaut
Und kippte danach seinen schäumenden Pokal auf Dich
Rülpste, wurde unflätig, ausfällig
Sobald nur Dein Name fiel
Viele von uns Sterblichen fielen vom Glauben ab
Dies damals miterleben zu müssen
War die härteste Versuchung
Wer jetzt noch an den Wolkensammler glaubte
Der wurde zum Eiferer
Der radikalisierte sich
Fing an die bunte Flockenblume auszurupfen
Centauria triumfettii heißt sie heute
Die Alpen-Distel – cardus defloratus –
Früher eine der zierlichsten Maiden
Verlor damals ihre Unschuld
Beweis: Ihr lateinischer Name heute
Nein es war nicht schön damals
Es war ein Gemetzel der Seelen
Eine Verhackstückung der schönen Welt
Die doch unsere gemeinsame Welt war
Doch liegt das Ganze nun 6000 Jahre zurück
6000 Jahre in denen die Erinnerung
Und das Vergessen vieles beschönigen konnten
Selbst Schüler in der Sekundarstufe II
Werden heut mit diesem schlimmsten Unglück konfrontiert
Das bis dahin geschehen war
Schlimmeres sollte folgen
Das wissen wir
Von allem dem
Was damals geschah
Schwebt nur noch ein Erinnern um uns
Die Szenerie hat sich gelichtet
Man könnte dieses Bild
Des Kasbek oberhalb von Stepanzminda
Aufgenommen am späten Nachmittag des 20.08.2018
Auf Bergeshöhn sogar schön nennen
Wenn man nicht wüsste
Dass Dir noch 24000 Jahre Buße verbleiben
VIERUNDZWANZIGTAUSEND
Und keines weniger
Für dich!
Freude, GoetheKommentare deaktiviert für Rede zum Goethes Tag.
Aug.292018
Brussel, 28 augustus 2018
Goethe, mijn lieve Goethe, het is ons een waar genoegen u in de hoofdstaad van Europa to mogen verwelkomen, und ich erlaube mir, ohne Umstände ins Du und in dein geliebtes Deutsch überzuwechseln. Ich feiere dich heut an deinem Geburtstag mit besonderer Freude hier auf dem Grooten Markt, den ich vor Jahr und Tag zuerst durch die große Eingangsszene aus deinem Egmont kennenlernte. Sie spielt genau hier, auf der Gran Place, wo wir uns, deiner dankbar denkend, versammelt haben.
Beethovens Egmont-Ouvertüre – wir danken dem Concertgebouw Orkest für seinen unentgeltlich geleisteten musikalischen Beitrag! – ist soeben verklungen, ihr beide, du und Beethoven, erblicktet im unbedingten Freiheitswillen der Niederländer, den Egmont so widerwillig-freiwillig und doch wirksam in Fleisch und Blut verkörpert, ein Vorbild für Freiheitswillen, Gemeinsinn und Tüchtigkeit auch in deutschen Landen! Möchte doch der Gedanke der Freiheit, des Bürgersinns, der Tüchtigkeit auch im heutigen Europa wieder erwachen. Ich sage dies gerne, gerade hier in der Hoofstadt van Europa.
Ich weiß noch, wie ich dich kennenlernte als Bub aus deinen Gedichten, wie sehr ich mir wünschte dein Freund zu werden, wie ängstlich ich versuchte, dich einmal anzusprechen. Noch verstand ich dich nur halb, aber das wußt ich doch schon, daß du mich ein Leben lang würdest begleiten sollen, und bis jetzt bist du nicht gewichen von meiner Seite, aus meinem Innern. Und dafür dank ich dir.
Hören wir doch nach Beethovens Musik auch einmal in deine Musik hinein, in deine Musik aus Worten! Tönen! Gesten! Lassen wir doch unseren geachteten acteur *** die erste Fassung des 1775 verfassten, deines seither vielfach abgedruckten Gedichtes „Im Herbst 1775“ vortragen:
Fetter grüne du Laub
Am Rebengeländer
Hier mein Fenster herauf
Gedrängter quillet
Zwillingsbeeren, und reifet
Schneller und glänzend voller
Euch brütet der Mutter Sonne
Scheideblick, euch umsäuselt
Des holden Himmels
Fruchtende Fülle.
Euch kühlet des Monds
Freundlicher Zauberhauch
Und euch betauen, Ach!
Aus diesen Augen
Der ewig belebenden Liebe
Vollschwellende Tränen.
O das ist schön! Das ergreift uns – auch wenn wir es nicht in jedem Sinne begreifen. Und müssen wir es in jedem Sinne begreifen? Nein! Wir müssen weder deinen Egmont noch Beethovens Egmont-Ouvertüre noch auch das fette grüne, dein Fenster heraufquellende Laub in jedem Sinne begreifen.
Wir hören zu! Wir greifen zu! Wir denken nicht daran, was das uns sagen will. Wir denken dein! Mijn lieve Goethe, wir danken dir!
Zitiert nach:
Im Herbst 1775. In: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1756-1799. Hgg. von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Frankfurt am Main 1998, S. 174-175
Vgl. auch Goethes Rede „Zum Shäkespears Tag.“ vom 14. Oktober 1771:
https://de.wikisource.org/wiki/Zum_Schäkespears_Tag