Du warst nicht nur von dieser Welt, Andrea! (Ihm nachgerufen)

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Jul 202019
 

Wegwarte und Rispen-Flockenblume auf der Wiese, am 15.07.2019, Hans-Baluschek-Park

Andrea Camilleri war soeben im italienischen Fernsehen zu hören, bei einem seiner letzten Interviews. Ich zitiere:

«Io sono stato felice per pochi attimi e per cose inspiegabili. Una volta quando in campagna mi entrò la citronella nelle narici, nei polmoni e mi venne voglia di cantare ad alta voce e sentii il mio essere in armonia con l’universo, non con il mondo, ma con il grandissimo nulla dentro cui fui felice di perdermi».

[Ich bin wenige Momente glücklich gewesen, und wegen unerklärlicher Dinge. Einmal, als in Feld und Wiese Zitronengras in meine Nasenlöcher und Lungen drang, und ich Lust bekam, mit lauter Stimme zu singen, und ich fühlte, dass ich in Harmonie mit dem Universum war, nicht mit der Welt, sondern mit dem riesengroßen Nichts, in dem ich glücklich war verloren zu gehen.]

… also im Augenblick von diesem höchsten Glück verspürtest du Lust, mit lauter Stimme zu singen? Darauf rufe ich dir als Überlebender deines Todes zu: Bereits das Singen mit lauter Stimme kann uns Lebenden, uns noch Lebenden im rechten Moment, in nicht wenigen Momenten Glück bedeuten. Du erinnerst dich?

ed era il cielo a l’armonia sì ’ntento
che non se vedea ’n ramo mover foglia!

C’è tanta dolcezza che ti aprirà le narici, Andrea, che farà entrare l’odore della citronella nei tuoi polmoni …

In memoriam Andrea Camilleri (Porto Empedocle, 6 settembre 1925 – Roma, 17 luglio 2019)

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Bald sind wir aber Gesang

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Mai 112019
 

Com’è immediatamente evidente quando si fa o si ascolta musica, il canto celebra o lamenta innanzitutto una impossibilità di dire, l’impossibilità – dolorosa o gioiosa, innica o elegiaca – di accedere all’evento di parola che costituisce gli uomini come umani.

Als besten Einstieg in das vielfach verzweigte Denken Giorgio Agambens möchte ich heute, an diesem strahlend reinen, erfrischend kühlen Maimorgen, seine tastend-lauschenden, versuchend-anfänglichen Suchbewegungen in dem schmalen Bändchen “Was ist Philosophie?” empfehlen. Hier tritt, so meine ich, eine jugendliche Neugier hervor, ein mühselig errungener Verzicht auf das bewältigende Denken, das mithilfe eines begrifflichen Gerüstes versuchte, “der Dinge ein für allemal Herr zu werden”.

Die 13 Seiten des hier angezeigten, 2016 in den Marken (und “die Marken”, das sind bekanntlich, wörtlich genommen, “die Grenzgebiete”) erschienenen Versuches über die “Geburt des eigentlich Menschlichen aus dem Geist des Gesanges” sind kurz, mehr noch: sie sind kurzweilig. Sie dauern nicht länger als die 13 Strophen eines elegischen Liedes.

Zitatnachweis: Giorgio Agamben: Appendice. La musica suprema. Musica e politica. In: ders., Che cos’è la filosofia? Quodlibet, Macerata 2016, S. 133-146, hier S. 135

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Nov 152018
 


Als Bettler in guter Sache poste ich nachfolgend einen Hinweis auf ein Benefizkonzert zugunsten eines Waisenhauses in Tansania.

Ich lade Euch zu einem Konzert ein, in dem sehr viel Italienisch gesungen wird. Musik aus der Zeit, als das Italienische die unbestrittene Leitsprache in Europas Musik, Theater, Philosophie und Poesie war. Von dem Sonett Petrarcas “I’ vidi in terra angelici costumi” in der Vertonung durch Franz Liszt bis zu den Arien Pergolesis, Caldaras und Donizettis werden die italienischen Stammzell-Linien hörbar, die sich dann feingliedrig ins Französische, Tschechische, Englische, Deutsche und Portugiesische verästeln.
Ich würde mich freuen, Euch dort begrüßen zu können. Ihr dürft diese Einladung gerne weiterleiten.

Nachstehend die offizielle Ankündigung der Hochmeistergemeinde:

Benefizkonzert 18.11.2018, 17.00 Uhr, Hochmeistersaal, Paulsborner Str. 86, 10709 Berlin

Konzert mit Liebesliedern, Arien und Gesängen aus Deutschland, Frankreich, Italien, Tschechien, England und Brasilien

Sängerinnen und Sänger der Gesangsklasse von Kathrin Freyburg präsentieren eine abwechslungsreiche Mischung aus Sologesängen und Duetten, abgewechselt mit stimmungsvollen Klängen eines Vokalensembles. Zusätzlich zur Musik erwarten Sie ein kleiner Imbiss und nette Gespräche in der Pause.
Violinen: Nadia Boldakowa und Johannes R. Hampel
Violoncello: Anne Habermann
Klavier: Mari Watanabe, Elisabeth Lindner, Niek van Oosterum
Gesangsklasse von Kathrin Freyburg

https://www.cw-evangelisch.de/event/4774191

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… ed era il cielo a l’armonia sì intento

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Okt 112018
 

Der Himmel horchte still dem holden Klingen,
Daß sich kein Blättchen regte in den Zweigen;
So süße Laute durch die Lüfte gingen.

Mich erreicht eine Einladung zu einem öffentlichen Konzert, bei dem Petrarcas Sonett “I’ vidi in terra angelici costumi” erklingen soll, gesungen in der Vertonung als Lied mit Klavierbegleitung durch Franz Liszt:

Una serata musicale. Benefizkonzert mit Liedern, Arien und Gesängen
Zugunsten des Waisenhauses Huruma in Iringa (Tansania)
Sonntag, 18. November 2018, 17.00 Uhr
Hochmeistersaal, Paulsborner Str. 96, 10709 Berlin
Eintritt frei

Oft bedaure ich es, dass nicht alle Menschen außerhalb Italiens die Gedichte Petrarcas im Original genießen können. Doch kann man verlangen, dass alle Menschen Italienisch lernen sollten, nur um die Sonette Petrarcas genießend-lauschend einschlürfen zu können? Nein, dies zu verlangen wäre unstatthaft, zumal es auch in anderen Sprachen verfasste Gedichte gibt, die die Fülle des Wohllautes nachahmen, welche Petrarca bei der verzückten Betrachtung der weltlichen Geliebten und dem Umherschauen in der geliebten Welt in Worte goss.

Nicht zuletzt gibt es Übersetzungen von Petrarcas Gedichten! Diese hier, gefertigt von Carl Förster, scheint mir durchaus geeignet, Petrarcas Sonett Nr. CLVI I’vidi in terra angelici costumi in seiner ätherisch schwebenden Schönheit wiederzugeben:

Ich sah auf Erden Engelsitte walten
Und Himmelsschönheit, sonder Gleichen beyde,
Daß die Erinn’rung Schmerz mir bringt und Freude;
Denn, was ich seh’, sind Schatten, Traumgestalten.

Ich sah zwey Lichter thränend sich entfalten,
Die tausendmahl die Sonn’ erfüllt mit Neide,
Und hörte Wort’, erpreßt von schwerem Leide,
Die Berg’ aufregen, Ströme könnten halten.

Lieb’, Einsicht, Muth und Schmerz und frommes Neigen
Zu süßem Einklang weinend sich umfingen,
Süßer, als alle, so auf Erden steigen.

Der Himmel horchte still dem holden Klingen,
Daß sich kein Blättchen regte in den Zweigen;
So süße Laute durch die Lüfte gingen.

Nachweis:
Übersetzung durch Carl Förster, in: Petrarca, Francesco: Italienische Gedichte. Band 1, Wien 1827, S. 174
http://www.zeno.org/Literatur/M/Petrarca,+Francesco/Lyrik/Canzoniere/Sonette/Einhundert+zwey+und+zwanzigstes+Sonett%3A+%5BIch+sah+auf+Erden+Engelsitte+walten%5D

Bild:
Kein Blättchen regt sich in den Zweigen vor dem herbstblauen Himmel. Aufnahme vom Fenster des hier Schreibenden, jetzt, hier, heute

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“Wer ist eigentlich dieser Nico?” Machiavelli in Augsburg

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Okt 072018
 

Das kurze Schreiben in italienischer Sprache, das ich letztes Wochenende in Augsburg zum Posting gab, entstand nach einem vergnüglichen Besuch im Museum der Augsburger Puppenkiste. Es lehnt sich an einen Brief Niccolò Machiavellis an, den dieser am 10. Dezember 1513 an seinen Freund Francesco Vettori richtete.

Er ist in diesem eingebildeten Marionettentheaterstück der gedachte “Francesco”, an den sich Machiavelli, der sich hier schlicht “Nico” nennt, in seinem Sendschreiben richtet.

Wir haben es nicht versäumt, einige nahezu wörtlich zitierte Sätze aus jenem meisterhaften, funkelnden, unsterblichen Kabinettstück europäischer Prosa einzufügen, welches der auf den 10. Dezember 1513 datierte Brief Macchiavellis an Vettori für alle Menschen zu allen Zeiten darstellt; sie seien hier noch einmal in originaler Schreibung angeführt:

Venuta la sera, mi ritorno a casa ed entro nel mio scrittoio; e in sull’uscio mi spoglio quella veste cotidiana, piena di fango e di loto, e mi metto panni reali e curiali; e rivestito condecentemente, entro nelle antique corti delli antiqui huomini, dove, da loro ricevuto amorevolmente, mi pasco di quel cibo che solum è mio e ch’io nacqui per lui; dove io non mi vergogno parlare con loro e domandarli della ragione delle loro azioni; e quelli per loro humanità mi rispondono; e non sento per quattro hore di tempo alcuna noia, sdimentico ogni affanno, non temo la povertà, non mi sbigottisce la morte: tutto mi transferisco in loro.

Was die Realia unserer kleinen philologischen Belustigung angeht, so geben wir hier zu Protokoll:

Die Gespräche des päpstlichen Legaten Cajetan mit Luther fanden tatsächlich – wie von unserem Nico behauptet – vor recht genau 500 Jahren, vom 12.-14. Oktober 1518, im Fuggerschen Stadtpalast zu Augsburg statt, nur wenige Schritte entfernt vom Hotel am Rathaus, in dem unser frei erfundener Brief Niccolòs an den fiktiven Francesco entstand.

Der Diplomat und Politiker Francesco Vettori (1474-1539) kannte Deutschland aus seiner Zeit als Florentinischer Gesandter beim Reichstag von Konstanz, dem er 1507 beiwohnte.

Niccolò Machiavelli lebte von 1469 bis 1527; Martin Luther von 1483 bis 1546, Kardinal Tommaso Cajetan von 1469-1534. Vettori, Machiavelli, Luther, Cajetan waren also Zeitgenossen, so unterschiedlich nach Denkart, Lebensstil und historischer Bedeutung sie auch sonst gewesen sein mögen!

Aus all dem ergab sich für mich die reizvolle Möglichkeit des interesselosen Spieles mit denkmöglichen Gestalten und Figuren – ganz im Geist der Augsburger Puppenkiste, die ich wenige Augenblicke zuvor hatte erleben dürfen.

Bild:
Don Quijote und Sancho Pansa. Originale Puppen aus dem Schubert Theater in Wien; Theaterpremiere von “Don Quijote” 2012; ausgestellt und gesehen im Augsburger Puppentheatermuseum “die Kiste” am 28.09.2018 beim Altstephanertreffen, dem der hier Schreibende in Fleisch und Blut beiwohnen durfte.

Brief zitiert nach:
https://it.wikisource.org/wiki/Lettere_(Machiavelli)/Lettera_XI_a_Francesco_Vettori

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Perdonare e dimenticare Debre Libanos? Dürfen wir Debre Libanos vergeben und vergessen?

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Mai 262016
 

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Als eine stille Kammer
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

So weit schallen ein paar Verse aus einem neuen Buch nach, das ich mir gestern zulegte. Der Dichter? Nennen wir ihn einfach – Matthias.

“Wie bitte? Sollen wir des Tages Jammer verschlafen und vergessen? Dürfen wir das überhaupt? Können wir das? Gibt es nicht Ereignisse und Orte des Jammers, die wir nie vergessen dürfen? Wird es uns nicht jeden Tag am Schöneberger Kaiser-Wilhelm-Platz aufs Brötchen geschmiert, dass es 12 Orte – genau 12! – des Schreckens gibt, die wir nie vergessen dürfen, an die wir buchstäblich Tag um Tag, Nacht um Nacht, bei jedem Frühstück und bei jedem Abendessen von Kindesbeinen an und bis ins Sterbebett denken müssen? Dürfen wir uns über dieses Gebot “Wir dürfen nie vergessen” hinwegsetzen?”

Du stellst eine große Frage, o Freund! Zu groß für mich!  Erlaube, dass ich dir von Abuna Matthias I., dem Patriarchen der äthiopisch-orthodoxen Kirche erzähle!  Im Mai 1937 richteten dort im Kloster von Debre Libanos europäische Truppen unter Führung des  Europäers Rodolfo Graziani, des Vizekönigs von Äthiopien, unter den äthiopischen Christen das schlimmste Klerikermassaker aller Zeiten auf afrikanischem Boden an. Die vielzitierten europäischen Werte wurden von den Europäern in Afrika mit Maschinengewehren und Giftgas vertreten, diese Maschinengewehre erlebten die Afrikaner damals als europäische Werte! Ian Campbell, der derzeit wohl bestausgewiesene Historiker in dieser Sache, schätzt die Zahl der durch die Europäer ermordeten Christen dieses einzigen Tages auf 1.800 bis 2.200, darunter etwa die Hälfte Priester und Ordensleute, die andere Hälfte Wallfahrer. Dieses und andere Massaker, insbesondere auch der gesamte Krieg, den die Europäer – in diesem Fall italienischer Herkunft – gegen die Äthioper führten, zielten nach Darstellung der Äthioper selbst damals auf Auslöschung der gesamten christlich-äthiopischen Kultur und die Vernichtung von deren Existenz. Das sind die vielzitierten europäischen Werte!

“Aber das ist ja … das habe ich nicht gewusst. Das ist furchtbar, schrecklich, was wir Europäer damals in Afrika angerichtet haben! Das dürfen wir Europäer nie vergessen. Wir Europäer tragen alle auf ewige Zeiten Schuld und Verantwortung dafür, was wir Europäer alles den Afrikanern angetan haben. Das ist unverzeihlich!”

Freund, sei dessen eingedenk, was damals geschah! Wie bewertet aber nun der heutige äthiopisch-orthodoxe Patriarch Matthias diese 1937 verübten Verbrechen der Europäer an den afrikanischen Christen? Die Antwort hat es in sich, sie sei hier in deutscher Übersetzung zitiert: “Non si è trattato di una cosa buona”, sagt Matthias, “es handelte sich um keine gute Sache, wir haben sehr viele Menschen verloren, darunter die Mönche, den Bischof Abuna Petros. Jetzt ist zu recht fast alles vergessen und vergeben. Ich darf sagen: es ist gut so. Was kann man jetzt noch machen?”

Matthias von Wandsbek und Matthias von Äthiopien, diese beiden Matthiasse weisen auf die Bedeutung des Vergebens und Vergessens hin. In der Tat scheint es so zu sein, dass man irgendwann nicht mehr anders kann als so zu tun, als wäre etwas nicht gewesen. Nach vorne richtet sich der Blick. Man schläft und vergisst. Man verschläft es alles weg, weil man nicht immer daran denken möchte.

Quellen:

Andrea Tornielli: Sterminate quei monaci. Firmato: il viceré Graziani. Un docufilm solleva il velo sulla più grande strage di religiosi cristiani mai compiuta in Africa. Nel 1937 i soldati al comando del generale italiano uccisero per rappresaglia duemila persone: mille erano membri del clero. In: La Stampa, mercoledì, 18 maggio 2016, pagina 22

Matthias Claudius: Abendlied. In: Deutsche Gedichte. Herausgegeben von Hans-Joachim Sinn. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig, 3. Aufl. 2013, S. 385

http://www.lastampa.it/2016/05/18/vaticaninsider/ita/inchieste-e-interviste/sterminate-quei-monaci-firmato-il-vicer-graziani-sXPpXXTZmE5TaN8nJZo79L/pagina.html

Bild: Der Mond ist aufgegangen über Neuranft in Oderaue im Oderbruch am vergangenen Samstag, als wüsste er von nichts. Als wäre kein Jammer je gewesen!

 

 

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Siate uomini, non pecore matte: der Weckruf des Dante Alighieri

 Dante, Italienisches, Selbsthaß, Was ist deutsch?  Kommentare deaktiviert für Siate uomini, non pecore matte: der Weckruf des Dante Alighieri
Jan 092016
 

O mente che scrivesti ciò ch’io vidi!
O Geist, du hast geschrieben, was ich sah!

Wir hörten hier Vers 8 aus dem Gesang II von Dantes Unterwelt.

Als europäischen Dichter schlechthin bezeichneten wir in dieser gegenwärtigen, wühlend-verworrenen Lage Europas einmal Dante Alighieri (1265-1321). Warum ihn?

Er ist vermutlich derjenige europäische Dichter, der den umfassendsten Versuch unternommen hat, das gesamte historische, naturwissenschaftliche, mythologische und religiöse Wissen seiner Zeit in einem einzigen großen Werk einzufangen. Der Enyzklopädist unter den europäischen Dichtern ist er mehr als alle anderen, so wie Aristoteles und Hegel in einem ähnlichen Sinne die beiden großen Enzyklopädisten unter den europäischen Philosophen sein dürften.

Dante bedient sich dabei einer ungeheuren Fülle an Bildern, Geschichten, Verweisen, Zitaten, Umformulierungen: er spiegelt das gesamte damalige Weltwissen in Form eine Reise, die er in Ich-Form erzählt. Der italienische Komiker Roberto Benigni hat vor Jahren dem von seiner Vaterstadt Florenz ausgestoßenen, zum Tode verurteilten Dichter postum eine begeisterte Huldigung gewidmet und scheute dabei nicht davor zurück, den aus der toskanischen Heimatstadt vertriebenen Sohn als größten Dichter aller Sprachen und aller Literaturen überhaupt zu rühmen. Schaut es euch an:

12.000 Italienerinnen und Italiener lauschten Benigni hingerissen, als er den größten Dichter italienischer Zunge auf öffentlichem Platz zu Gehör brachte. “Dante ist unser – wir stehen zu Dante, unser Dante ist der größte aller Zeiten und aller Länder”, diese Botschaft kam bei den Italienern sehr gut an.

Man stelle sich nun einmal vor, ein verdienter deutscher Komiker, nach Rang und darstellerischem Können Roberto Benigni vergleichbar, wie etwa Harald Schmidt, Carolin Kebekus, Fatih Çevikkollu, Anke Engelke, Thomas Gottschalk, Bülent Ceylan oder Stefan Raab würden einen großen deutschen Dichter an einem riesigen Platz vor einem hingerissenen Publikum rühmen und preisen, auswendig vortragen und mit Leib und Seele für ihn kämpfen…!

Unvorstellbar, oder? Die Leute würden nur noch schenkelklopfend lachen, wenn sich einer öffentlich hinstellte und den alten Friedrich Hölderlin, den alten Heinrich Heine, den alten Johann Wolfgang Goethe, den alten Friedrich Schiller oder den alten Rainer Maria Rilke vortrüge… oder niemand würde hingehen.

Was in Florenz geschehen ist, wäre bei uns in Deutschland undenkbar.

Und das ist eben der riesige Unterschied zwischen uns Deutschen und anderen europäischen Völkern! Wir Deutschen haben ein abgründig negativ getöntes Grundverständnis der eigenen Nation. Wir sind – einige Jahrzehnte nach dem zweiten Weltkrieg – gewissermaßen durch die ab 1945 geborene geistig-moralische Elite unseres Landes gebrainwasht worden. Wir stehen auf permanentem Kriegsfuß mit uns selbst. Wir verweigern die kräftigende Milch, die aus den reichen Beständen unserer deutschsprachigen kulturellen Überlieferung fließt, wir spucken sie buchstäblich aus, wir trampeln auf ihr herum.

Statt Schiller, Kant oder Goethe wieder an den Schulen oder zuhause zu lesen (von Homer oder Shakespeare ganz zu schweigen, die sind ebenfalls abgemeldet), entlarven wir gerne wieder einmal mit wissenschaftlicher Akribie eines der vielen nationalsozialistischen Lügengebäude. Wir hängen sozusagen lauter kleine Zettelchen dran, an denen steht: “Aufgepasst, alles Quatsch, was der böse Mann aus Österreich da schreibt!” … und wir bekennen uns mutig und stolz zum Antifaschismus sowie zur gränzenlosen Liebe zum Euro, zu Europa, zu Afrika und zu Asien und zu allen Menschen, die anders sind als wir.

Und Dante? Er könnte uns Deutschen entgegenhalten:

Se mala cupidigia altro vi grida
Uomini siate, e non pecore matte
sì che ‘l giudice di voi tra voi non rida!
Non fate com’agnel che lascia il latte.

Wenn schriller Selbsthaß in euch wacht,
seid mannhaft, keine blöden Schafe,
Daß nicht der innre Richter euch verlacht,
Wenn Milch ihr ausspuckt euch zur Strafe.

(eigene Übersetzung des leicht veränderten Originals)

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“Ich habe keine Zukunft. Denn ich werde nie eine eigene Wohnung haben. Nie ein neues Auto kaufen können.”

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Dez 172010
 

Saviano e gli studenti, dialogo in diretta “Basta violenza, noi siamo altro” – Repubblica.it
Io non ho futuro: ho 26 anni e non ne ho già più uno. Non potrò mai comprarmi una casa perché non farò mai un lavoro che mi permetta di accendere un mutuo, i miei genitori non possono aiutarmi economicamente e non so nemmeno se potrò mai comprarmi una macchina nuova.

Gewalttätige Proteste der jungen Erwachsenen erschüttern Griechenland, Italien, London. Auslöser sind stets Sparmaßnahmen der Regierung, Einschränkungen der öffentlichen Ausgaben, Sozialkürzungen, Studiengebühren an den Universitäten und ähnliche Foltermaßnahmen, mit denen sozialistische, konservative, rechtsliberale und linksliberale Regierungen ihre jungen stößigen Untertanen bis aufs Blut reizen.

Die jungen Menschen erkennen, dass sie den Wohlstand ihrer Eltern nicht werden halten können, jedenfalls kann ihnen der ungütige Staat keine Wohlstandsgarantie geben.  Bitterlich beschwert sich ein Protestierender bei dem Abwiegler und Beschwichtiger Roberto Saviano, der sich klar gegen Gewalt, gegen die gewalttätigen Proteste ausgesprochen hat: “Ich bin stinksauer”, schreibt der italienische Student. “Ich werde mir nie eine Wohnung kaufen können! Ich werde mir nie ein neues Auto kaufen können …” usw. usw. Man muss mithören ” … wie das noch meine Eltern konnten …”

Wer ist schuld? Der Staat! Die Politik! Die Politik soll machen, dass jeder kostenlos studieren kann, sich eine eigene Wohnung und ein neues Auto kaufen kann. Wenn die Politik das nicht macht, dann wird man aber richtig böse. Dann schmeißt man Rauchbomben, geht auf Polizisten los.

Überall eine kindliche Enttäuschung über Vater und Mutter Staat, die das Kinderzimmer nicht auf Staatskosten in ein staatsgarantiertes neues Auto, in eine hübsche Eigentumswohnung  umgestalten.

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Das Leben des Anderen

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Okt 232010
 

Antonio Tabucchis Erzählung “I morti a tavola” ist eine bewegende Einnistung in das Leben eines ehemaligen Hauptamtlichen der “Firma”!

 

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La ministro – Ermannt euch, habt Mut zum Maskulinum!

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Mrz 102010
 

Frau Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ist der deutsche Justizminister. Oder die deutsche Justizministerin? Oder die deutsche Justizminister? Was ist richtig? Was ist besser? Was hättet ihr Frauen denn gerne?

Im Italienischen hat sich das Blatt gewendet: Viele Frauen wollen keine weiblichen Funktionsbezeichnungen mehr. Gerade linke, progressive, aufgeklärte und emanzipierte Frauen – nehmen wir den Familiennamen Rossi – wollen nicht professoressa Rossi genannt werden, sondern professor Rossi. Nicht la ministra, sondern la ministro.

Gerade linke, progressive, aufgeklärte und emanzipierte Zeitungen folgen diesen selbstbewussten Frauen in ihrem redaktionellen Sprachgebrauch. Hier ein Beleg aus der Repubblica von heute.

Ratisbona, padre Ratzinger si scusa “Anch’io talvolta li ho picchiati” – Repubblica.it
La situazione per la Chiesa cattolica si fa dunque sempre più difficile nel paese del Papa. Ieri la ministro della Giustizia tedesca, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, ribadendo la richiesta di una urgente Tavola rotonda …

 Posted by at 10:59