“Oh, diese Zedern, die kenne ich doch…

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Mai 062019
 

… denn sind nicht sie es, von denen es in den Psalmen heißt,

… daß die Bewme des Herrn voller Saft strotzen,
die Zedern, die Er gepflanzt hat, sie recken sich in den Himmel!”

Und hat nicht aus diesem Holz von den schneebedeckten Bergen Libanons Salomon den Jerusalemer Tempel gebaut?

Die Pracht der kunstvoll geschnitzten Zedern überraschte und überwältigte uns gestern beim Besuch in den “Gärten der Welt” in den fernen östlichen Gefilden Berlins, in Marzahn.

Das Besondere an diesem Orientalischen Garten, der ursprünglich Islamischer Garten heißen sollte und aus politischen Gründen dann 2004 als Orientalischer Garten eröffnet wurde, ist, dass er nicht nur das Abbild eines muslimischen Andachtsraums darstellt, sondern tatsächlich ein echter Andachtsraum ist.

Um jeden “Orientalismus” – also den westlichen, außengesteuerten Blick auf den Orient – zu vermeiden, wurde 2002 der Garten- und Landschaftsarchitekt Kamel Louafi mit der Planung des Gartenhofes (Riyâd) beauftragt.

Hier in diesem Riyâd fließen die vier Urströme, von denen die Bibel bereits berichtet, zu einem Kreuz des Lebens zusammen. Das Ergebnis des Zusammenfließens ist – ein Andachtsraum, nein: ein Andachtstraum, wie man ihn als Mensch des Jahres 2019 in Marzahn nicht sofort vermuten würde. Ein Abglanz höherer Sphären! Ein großes Glück!

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Gelenke des Lichtes, Gänge, Treppen, Throne, Räume aus Wesen: Handels Messiah in der Philharmonie

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Jan 282019
 

Licht, Gänge und Treppen im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie, gestern, 27.01.2019

Frühe Geglückte, ihr Verwöhnten der Schöpfung,
Höhenzüge, morgenrötliche Grate
aller Erschaffung, – Pollen der blühenden Gottheit,
Gelenke des Lichtes, Gänge, Treppen, Throne,
Räume aus Wesen, Schilde aus Wonne, Tumulte
stürmisch entzückten Gefühls und plötzlich, einzeln,
  Spiegel: die die entströmte eigene Schönheit
wiederschöpfen zurück in das eigene Antlitz.

Kurzes Verweilen, unschlüssiges Umhergehen vor dem Messiah Händels in den Gängen der Philharmonie. Ein paar Verse aus Rilkes zweiter Duineser Elegie kreuzen mein Gedächtnis. Der Saaldiener waltet seines Amtes und vertröstet uns auf “gleich geht die Tür auf.” Scharouns Architektur hält uns gefangen, nein, sie führt uns wie Gefangene der Zeit umher in immer neue Licht-Gelenke, Gänge, Treppen, hin zu Klangerfahrungen, Hinlauschen in das, was dann sich gleich vor unseren Ohren abspielen wird. Nie war die Hoffnung auf Musik größer als vor dem Öffnen der Saaltüren, dort oben vor dem unsichtbaren Antlitz der Schönheit der Musik. Und so war es dann auch!

Der Messiah in der Aufführung durch den Berliner Figuralchor unter Gerhard Oppelt beschenkte uns mit einer so von keinem von uns so zuvor gehörten Schönheit, einer Schönheit, die der eines ungeborenen Kindes, eines in der Geburt befindlichen Kindes entspricht: nicht so laut wie gewöhnlich, mit mehr Falten, mit mehr Sichtbarkeit der Füßlein, fragileren Fingerchen, zarteren Klängen, herzzerreißenderem Schluchzen.

Ja, wir mussten schon hinhören, es war eine Schwebung in der Luft, eine ungleichschwebende Leichtigkeit, eine historische Stimmung, die mich an Kandinskys Zeichnung “schwebende Schwere” erinnerte.

Der Dirgent Gerhard Oppelt war kein Herrscher und Lenker, sondern eher ein väterlicher Hirte, der mit Fingerzeigen lenkte, – feeding the choir, his flock, like a shepard, gathering the lambs, the soloists and players with his arms-. Elina Albach spannte an Cembalo und Orgel umsichtig, sich umsehend, klug sichernd und witternd die Gesangssolisten einerseits – Miriam Feuersinger, Stefan Kahle, Benedikt Kristjánsson, Jörg Gottschick – und das recht beträchtliche Basso-Continuo-Ensemble andererseits zusammen. Albach war in unserer kleinen, bunten, zum Frohsinn aufgelegten Hörergruppe die heimliche Favoritin des Ensembles.

Das Halleluja zu Ende des zweiten Teiles wurde somit überzeugend gedeutet als allmähliches Hineinwachsen in den Jubel, als Erlernen, Erproben, Ertasten der Freude einer Wiederkehr des Lebens, das uns schon vorher geschenkt war, ohne das wir es wussten.

Beeindruckend fand ich auch insbesondere das höchstpersönliche Zwiegespräch “If God be for us who can be against us” zwischen dem Geiger Santiago de Medina und der Sopranistin Miriam Feuersinger. Hier entspann sich ein endloser Faden des gemeinsamen Werbens und Webens, des Weiterreichens und Zurückgebens, in völliger Gleichberechtigung, auf gemeinsamer Augen- und Ohrenhöhe. Einfach schön! Was soll man sonst noch sagen außer: einfach schön!

Bestrickend schön fand ich über alle Maßen das Amen zum Beschluss des Ganzen. Ein sehr einfacher Text, möchte man meinen. Ja, das ist der einfachste ungeschminkteste Wortlaut zum kompliziertesten, äußerst figurierten Satz des großartig aufgelegten Figuralchores. Und was bedeutet dieses Amen? Vielleicht dies: So sei es für wahr so sei es gewesen so werde es sein so möchte ich das glauben so bekräftigen wir das so beglaubigen wir das denn so war es und so wird es sein. Ja.

Stricke des Todes hielten uns gefangen, doch jetzt brachen auf Blicke des Lebens! Danke, danke, danke!

PS: Hat man diese Grundhaltung des Dankens und des Ja-Sagens in sich aufgesogen, wird sie auch den Alltag erhellen. So geschah es auch mir heute, denn soeben stand ich in nüchterner Montagsstimmung in einer langen Reihe von Käuferinnen beim TK Maxx umme Ecke an, um eine geräumige Sporttasche für verschwitzte Sportklamotten zu kaufen. Vor mir, hinter mir, führten die Käuferinnen Gespräche am Handy – vor mir in Russisch, hinter mir in Türkisch. Und was höre ich da, wieder und wieder? Ich höre zum Beschluss des Handy-Telefonats in türkischer Sprache genau dies:

sağolun … sağolun … sağolun … amen .. amen… amen. Tschüß!”

Zitat: Die zweite Elegie. In: Das dichterische Werk von Rainer Maria Rilke. Haffmanns Verlag bei Zweitausendeins. Leipzig 2015, S. 806-808, hier S. 806

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Jóhann und Ammiel, zwei fahrende Gesellen, verzaubern den Pierre-Boulez-Saal

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Nov 052018
 


Jóhann Kristinsson, Bariton
Ammiel Bushakevitz, Klavier

verzauberten gestern den Berliner Pierre-Boulez-Saal mit allen Zuhörern, den hier schreibenden eingeschlossen. Kristinsson, ein junger, gewinnender, lebensfroher Mann schlug mich gleich mit den ersten Tönen in Bann:

“Aus der Heimat hinter den Blitzen rot,
Da kommen die Wolken her,
Aber Vater und Mutter sind lange tot,
es kennt mich dort keiner mehr.”

Jedes dieser Lieder aus Robert Schumanns op. 39 erlebten Kristinsson und Bushakevitz gemeinsam. Es war jedes Mal ein neues Bild, aufgeschlagen, erlebt, überflogen, hin und weg! Dieser Sänger machte mir eine große, überbordende Freude. Jeder Laut war geformt, klar verständlich, jeder Ton trug den Sänger, und der Sänger trug uns dahin.

Die Gesangstechnik Kristinssons ist makellos, seine Aneignung aller Lieder ist tief verankert, er hat sich jedes Lied zu eigen gemacht, trug alle Lieder von Schumann, Mahler und Wolf auswendig vor. So soll es sein, so muss es sein! Er eroberte die Herzen aller. Er unterstützt mit sparsamen Gesten den Gehalt der Verse, vertraut aber ansonsten dem stärksten Mittel, das die Sänger haben: der Person selbst, der Stimme, dem Atem, dem Wort, Klang, Körper!

Gustav Mahlers “Lieder eines fahrenden Gesellen” waren nicht in abgrundtiefe Verzweiflung getaucht, sondern in eine fast schon erlösende Gewissheit: “Solange wir noch singen, solange wir noch zuhören können, ist nicht alles verloren. Im Gegenteil, alles ist gewonnen!”

Bushakevitz war ein äußerst getreuer und verlässlicher Begleiter, Wandergefährte, Stütze und Stab für den Sänger.

Äußerst reizvoll fand ich die abschließende Auswahl der Hugo-Wolf-Lieder nach Gedichten von Joseph von Eichendorff, denn Wolf taucht all das, was bei Schumann so düster, weh, zerrissen daherkommt, in das fast schon italienisch zu nennende, tänzerische Spiel. Freiheit, Lachen, Sonne waren angesagt. Das Programm, das als Weltenklage des Heimatlosen begonnen hatte, endete als lustiger Kehraus mit dem Blick ins Freie. Ein deutliches Aufbäumen, ein Ermannen war darin spürbar, so sehr, dass man Mühe hatte zu glauben, dass die ersten und die letzten Lieder nach Gedichten desselben Dichters komponiert waren, eben Josephs von Eichendorff. Hier die dritte Strophe aus dem letzten Lied, Seemanns Abschied:

Streckt nur auf eurer Bärenhaut
Daheim die faulen Glieder,
Gott Vater aus dem Fenster schaut,
Schickt seine Sündflut wieder,
Feldwebel, Reiter, Musketier,
Sie müssen all ersaufen,
Derweil mit frischem Winde wir
Im Paradies einlaufen.

Ein versöhnlicher, wunderbarer Ausklang des Sonntags war dieser gemeinsame Auftritt der beiden fahrenden Gesellen, der mir noch jetzt ein Lächeln in die Seele zaubert, während ich dies schreibe. Danke Jóhann, danke Ammiel!

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Deutsch-russische Geschichte – Удивительная жизнь Адольфа Хампеля

 Das Gute, Europas Lungenflügel, Gedächtniskultur, Gemeinschaft im Wort, Russisches, Unverhoffte Begegnung, Versöhnung, Vertreibungen  Kommentare deaktiviert für Deutsch-russische Geschichte – Удивительная жизнь Адольфа Хампеля
Jul 052018
 


Удивительная жизнь Адольфа Хампеля, судетского немца, полюбившего Россию, “Das wunderbare Leben Adolf Hampels, eines Sudetendeutschen, der Russland liebgewonnen hat” –

unter diesem Titel konnten wir am 5. Juli 2018, also vorgestern, eine Radiosendung des russischen Echo Moskaus (Эхо Москвы) verfolgen.

 

 

Adolf Hampel, 1933 in Klein-Herrlitz in der Tschechoslowakei geboren, katholischer Priester und Theologe, der an der Universität Gießen lehrte, hat in seinem Buch “Mein langer Weg nach Moskau” auf sehr ansprechende  Art einen Rückblick auf einige Stationen seines ereignisreichen, wunderbaren Lebens geworfen. Das Buch ist mittlerweile durch Irina Potapenko ins Russische übersetzt worden und fand so das Interesse des Echos Moskaus. Der Autor kam nun in dieser Interview-Sendung in russischer Sprache zu Wort, und einzelne Abschnitte der russischen Übersetzung wurden vorgelesen. Angesprochen wurden Begegnungen mit Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche, die Rückführung einer Ikone nach Kasan, Kapitel aus Kindheit und Jugend, Kriegserfahrungen, die Enteignung und Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei im Jahr 1946, der mühsame Neubeginn der Vertriebenen in den aufnehmenden Ländern. Einen breiten Raum nahmen dann im Gespräch  die unermüdlichen Bemühungen Adolf Hampels um Begegnung, Austausch und Versöhnung mit Menschen in den Gesellschaften des Ostens ein. Er ist einer jener zahlreichen Pioniere der deutsch-tschechischen Aussöhnung, für die beispielhaft der Name Václav Havels stehen mag. Dabei öffnete ihm seine wundersam erwachte Liebe zur russischen Sprache auch das Tor zu allen Völkern der früheren Sowjetunion.

Ich meine: Gerade in der heutigen Zeit, wo – wie damals auch – ethnische Konflikte, Kriege, Flucht, Vertreibungen, der Wiederaufbau, die Versöhnung, das Erzählen, das Erinnern, das Teilen und das Weitergeben der Erinnerungen das Tagesgespräch bestimmen, stellen die lebendigen Erinnerungen Adolf Hampels einen unschätzbaren Denkanstoß dar. Sie verdienen sowohl im deutschen Original wie in der russischen Übersetzung größte Aufmerksamkeit.

Hier kann man die Sendung nachhören, indem man einfach mit der Maus auf den Link klickt und dann ganz oben auf dem Bildschirm das “Abspielen”-Symbol anklickt:

https://echo.msk.ru/sounds/2234122.html

https://echo.msk.ru/programs/diletanti/2234122-echo/

Adolf Hampel: Mein langer Weg nach Moskau. Ausgewählte Erinnerungen. Gerhard Hess Verlag, Bad Schussenried, 2012; russisch: A. Hampel: Moi dolgij put v Moskvu, übers. von I. Potapenko, Verlag Pero, Moskwa 2017, ISBN 978-5-90633-76-8

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L’art de vivre à la munichoise

 Europas Lungenflügel, Heimat, Versöhnung, Vorbildlichkeit  Kommentare deaktiviert für L’art de vivre à la munichoise
Jul 022018
 


Oh spectacle insolite des surfeurs
sur les flots de la rivière qui traverse
le jardin anglais!
Oh vous qui prenez la vague artificielle,
créée par un ressort de beton impitoyable,
je vous adore!
Oh vous qui respirez le poumon vert
de la capitale bavaroise,
qui distille un air tout à la fois
catholique et méridional,
je vous admire!

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Gemeinschaft im persönlichen Gedenken am 9. Mai in Moskau

 Das Gute, Europäischer Bürgerkrieg 1914-1945, Gedächtniskultur, Russisches, Versöhnung  Kommentare deaktiviert für Gemeinschaft im persönlichen Gedenken am 9. Mai in Moskau
Mai 092018
 

Tiefe, sehr bewegende und verwandelnde Eindrücke nehme ich aus dem gemeinsamen Marsch des Gedenkens mit, an dem ich soeben in Moskau teilnahm. Seit etwa 10 Jahren versammeln sich am Tag des Sieges über den Nationalsozialismus, dem 9. Mai, um 15 Uhr die Nachkommen und Angehörige all jener, die im Kampf gegen den Faschismus während der Jahre 1941 bis 1945 ihr Leben unter oft schrecklichsten Umständen verloren; dies waren etwa 40 Millionen Sowjetbürger, die als Kombattanten oder als unbeteiligte Zivilisten zu Opfern des nationalsozialistischen Angriffs- und Vernichtungskrieges wurden.

Bei diesem Marsch der Trauer und der Erinnerung geht es nicht um Zahlen oder Analysen, sondern um ehrendes Gedächtnis, um Dankbarkeit gegenüber all jenen, die damals im Krieg um das Überleben der Heimat und des Vaterlandes hingemetzelt wurden. Sie kämpften nicht für eine Idee oder für den Kommunismus, sondern für das nackte Überleben des Volkes, für den Fortbestand der russischen Staatlichkeit.

Ich reihe mich zusammen mit russischen Angehörigen und einem russischen Freund ein. Es gibt sogar aus einer originalen sowjetischen Feldküche die damalige Hauptspeise der Soldaten, nämlich Buchweizengrütze mit ein bisschen Fleisch darin. Ivan stellt sich in die Reihe und fordert mich in deutscher Sprache auf näherzutreten. Kaum fallen die deutschen Worte, werde ich bemerkt, ein junges russisches Paar steht vor mir in die Reihe, dreht sich zu mir um und berät flüsternd kurz. Sofort steht ihr Entschluss fest: Sie weichen aus und bitten mich höflich vor. Ich darf zuerst aus dem mir gereichten Plastiknapf essen, dann nehmen sie ihre Portion und lächeln mir zu. Eine wunderbare Geste! Sie zeigt beispielhaft die Würde, den Anstand, die Menschenfreundschaft, den Geist der Versöhnung, mit dem alle Russen mir hier gerade in diesen Tagen begegnen.

Die Trauer, der Schmerz und die Dankbarkeit richten sich auf die Verstorbenen. Über der ganzen Veranstaltung, die in großer Würde verlief, lag ein großes Zutrauen, eine große Verbundenheit mit allem, das lebt. Die Menschen tragen auf Pappschildern Fotos mit dem Namen und den Lebensdaten ihrer Weltkriegsopfer mit sich. Ich schaue in die Gesichter hinein: es sind offene, nahe und sprechende Gesichter. Menschen, denen ich gerne heute begegnen würde.

Als Teilnehmerzahl wurde dieses Mal bei herrlichstem Wetter eine Million gemeldet. Letztes Jahre waren es 800.000 Menschen – Kinder, Greise, Familien, Einzelnen, Freunde.

In der Gegenwart spüre ich bei den Russen keinerlei Groll, keinerlei Ressentiment und schon gar keinen Hass gegenüber uns Deutschen oder Deutschland, sondern Entgegenkommen, freundschaftliches Interesse und echte Anteilnahme.

Und so kann ich mit Trauer, Dankbarkeit und geteiltem Gedenken in dem gewaltigen Zug der Nachfahren mitgehen, mich einreihen in dieses persönliche und doch auch gesellschaftliche Ritual. Zuletzt erreichen wir den Roten Platz auf dem Kreml. Es herrscht Friede, ich kann mitfeiern, mitsummen und mitsingen.

Dies erfahren zu haben, stimmt mich sehr froh.

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Schritte zur Versöhnung der europäischen Völker

 1917, Russisches, Versöhnung, Wanderungen  Kommentare deaktiviert für Schritte zur Versöhnung der europäischen Völker
Mrz 102018
 

“Ja, damals, als diese Najade im pompejanischen Stil aufgetragen wurde, nahm Russland selbstverständlich an der europäischen Geschichte teil. Deutsche Handwerker, italienische Architekten, französische Gouvernanten und Gelehrte waren fester Teil der russischen Gesellschaft. Der deutsche und der russische Hochadel bildeten eine politische Klammer zwischen der Mitte und dem Osten Europas. Überall in Europa wurden die Romane Balzacs, Zolas, Tolstois und Dostojewskis gelesen.”

Derartige Gedanken an die ehemals durchaus vorhandene gesamteuropäische Kultur- und Gedächtnislandschaft kamen mir vor zwei Sonntagen während einer kurzen Wanderpause in den Sinn.

Hier ein Fresko, ein Wandgemälde in der Loggia Alexandra auf dem Böttcherberg oberhalb des Wannsees. Weit, hoch, herrlich schweift der Blick hinüber nach Babelsberg. Errichtet wurde dieses kleine Prachtstück zur Erinnerung an Alexandra Fjodorowna, die als Prinzessin Charlotte von Preußen geboren wurde und nach ihrer Heirat mit dem russischen Großfürsten Nikolaus, dem späteren russischen Kaiser Nikolaus I., diesen russischen Titel annahm: Kaiserin Alexandra Fjodorowna.

Die Zerstörung der traditionell guten, jahrhundertelang gewachsenen preussisch-russischen bzw. deutsch-russischen Beziehungen begann im späteren 19. Jahrhundert im Zeichen imperialen Machstrebens der europäischen Großmächte.

Aber erst durch die bolschewistische Machtergreifung und die anschließende, unvorstellbar brutale, etwa bis zum Tod Stalins (1953) währende kommunistische Terrorherrschaft in der Sowjetunion wurde Russland dauerhaft aus der europäischen Familie herausgerissen. Lenin, der deutsch-russische Adlige mit all seinen willigen Vollstreckern, warf 1917 gewissermaßen – gefördert und angestachelt durch die Oberste Heeresleitung des Deutschen Reiches – die zerstörerische Brandfackel, mehr noch: eine Atombombe auf das alte Russland. Millionen von Toten, Hungersnöte unvorstellbaren Ausmaßes, zerstörte Landschaften, unendliches Leiden und Elend in weitesten Bevölkerungsschichten, zerbrochene Familien waren die Folge.

Die berühmt-berüchtigte Oktoberrevolution des Jahres 1917 muss, so scheint mir, heute in mancherlei Hinsicht als ein vernichtender atomarer Schlag betrachtet werden, von dem sich Russland erst im 21. Jahrhundert zu erholen beginnt.

Hier sind auf Seiten aller europäischen Länder, insbesondere Deutschlands, mühsame Schritte der Wiederannäherung erforderlich, die hoffentlich irgendwann zu echter Aussöhnung zwischen den europäischen Völkern führen werden, wie dies ja auch zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen Großbritannien und Deutschland gelungen ist.

Ein Schüleraustausch zwischen Russland, dem größten europäischen Land, und den anderen Staaten Europas, insbesondere den Staaten der Europäischen Union, könnte ein wichtiger Baustein dieser Versöhnungsarbeit sein. Hierfür kann und soll, so meine ich, der deutsch-französische Schüleraustausch ein echtes Vorbild sein.

Die Strecke dieser Wanderung, welche zur Loggia Alexandra führt, ist hier zum Nachwandern beschrieben:
Manfred Schmid-Myszka: Von Wannsee nach Babelsberg. Wanderung am südlichen Berliner Stadtrand. In: M. Schmid-Myszka: Rund um Berlin. Von der Ruppiner Schweiz bis in den Spreewald. 50 ausgewählte Wanderungen in der Mark Brandenburg. Bergverlag Rother, München 2016, S. 104-106, hier bsd. S. 106

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Wann endet der Krieg?

 Krieg und Frieden, Versöhnung  Kommentare deaktiviert für Wann endet der Krieg?
Jan 052018
 

 

“Der Krieg ist nicht zuende. Er beginnt erst jetzt so richtig.” So eine zentrale Aussage des Films “STAR WARS 8 – The last Jedi”, den ich heute in russischer Sprache im Kinocentr Caro in Moskau genoss. Luke Skywalker äußerte diese Kampfansage an den WIDERSTAND gegen Ende des Films.

An diesem Film sticht die Unerbittlichkeit des Ringens der verfeindeten Mächte ins Auge. Da ist keine Wille zur Versöhnung, keine Betroffenheit über das entsetzliche Gemetzel zu spüren! Außer der vollständigen Unterwerfung und Vernichtung des Feindes scheint es bei STAR WARS keine Möglichkeit der Lösung zu geben.

Bild:

Sowjetisches Ehrenmal in Buckow –  Erinnerung an einen unerbittlich geführten Krieg

 

 Posted by at 22:46

Wer ist schuld? Und vor allem: Wann endet der Krieg?

 1917, Krieg und Frieden, Russisches, Sündenböcke, Vergangenheitsbewältigung, Versöhnung  Kommentare deaktiviert für Wer ist schuld? Und vor allem: Wann endet der Krieg?
Dez 202017
 

“Wer ist schuld? Erst wurden die Deutschen bezichtigt, unser äußerer Feind, dann der Zar, dann der Bolschewik, der Jude – enden wird der Krieg, wenn es heißt: Ich bin schuld.”

So schreibt es Michail M. Prischwin am 21. Februar 1918 in sein Tagebuch. Diese Sätze, so meine ich, drücken eine tiefe Wahrheit aus. Sie lassen sich zweifellos auf andere Länder übertragen. Diese Wahrheit gilt auch für unsere Zeit.

Zitiert nach:
1917. Revolution. Russland und Europa. Katalog. Herausgegeben von Julia Franke, Kristiane Janeke und Arnulf Scriba für das Deutsche Historische Museum. Sandstein Verlag, Dresden 2017, S. 105

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“Je les respecte… Ne les sifflez pas!”

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Mai 082017
 

“Ich respektiere sie … Pfeifen Sie sie nicht aus!” Das ist der Unterschied zwischen einem nur großartigen und einem wahrhaft großen Redner. Die Ansprache des neugewählten französischen Präsidenten ist ein weiterer Beleg für die Tugenden des persönlichen Mutes, der Wahrheitsliebe, des Anstandes, der Zuversicht. Dies zeigt sich in jedem seiner Worte, von denen einige sicherlich zu erwarten waren, es zeigt sich aber vor allem in seiner vermutlich ungeplanten, nicht vorgefertigten Verteidigung derjenigen, die gegen ihn gestimmt und gegen ihn gekämpft haben.

“Ne les sifflez pas!”, sagt er, als seine Anhänger die Gegenkandidatin und deren Wähler ausbuhen.

Er verbittet sich die Beschimpfung und Verhöhnung seiner unterlegenen Gegnerin. Das ist vorbildlich, was Emmanuel Macron hier zeigt, sich gegen die Verteufelung, Kriminalisierung, Beschimpfung der Populisten zu verwahren. So etwas bräuchten wir in Deutschland auch. Es täte uns dringend not.

Ansonsten hervorzuheben – ungewohnt für deutsche Ohren und Augen, so in Deutschland ebenfalls undenkbar:  Erstens, das Fahnenmeer der Trikolore mit den Nationalfarben. Zweitens, der stete Bezug auf die Nation, auf den Nationalstaat Frankreich; der Nationalstaat ist und bleibt weiterhin jenseits des Rheins der entscheidende Bezugsrahmen; nur wer ja sagt zu Frankreich, ja zur Republik, der kann auch ja zu Europa, ja zur Welt sagen. Der Einsatz für die eigene Nation wird eingebettet und überwölbt vom Einsatz für Europa, für die Welt.

https://www.tf1.fr/tf1/elections/videos/discours-d-emmanuel-macron-louvre.html

 

 Posted by at 13:19