Sep 172021
 

Zwei große Abende durften wir mit der Aufführung der Serva padrona erleben! Alle wirkten zusammen, die Theateratmosphäre knisterte, wir beflügelten einander im Spielen, im Singen! Glückes genug!

Das Singspielensemble Berlin. V.l.n.r.: Ursula Hillermann (unten, Violine), Johannes Hampel (Uberto), Eva Vo (unten, Violine), Gerardo Colella (Dirigent und Regisseur), Heike Borchardt (Serpina), Jürgen Grunewald (unten, Bratsche), George Stark (Vespone), Andreas Bährle (unten, Cello). Leider nicht auf dem Foto: Daniel Merkel (Kontrabass), Regina Knobel (Cembalo)

Viele versuchten umsonst, das Ernsteste ernsthaft zu sagen,
hier spielt es endlich, hier im Gelächter sich aus!

In der Tat, Pergolesi tänzelt und tändelt um die Abgründe der Kleinheit des Herzens, der Ichbezogenheit des Mannes herum. Was ist das doch für ein Typ, den ich da zu singen und zu spielen hatte! Dieser Uberto! Verlangt alles von anderen, nichts von sich selbst!

Mit List, Tücke, Hingabe, Zärtlichkeit erreicht es seine Ziehtochter Serpina, ihn für sich zu gewinnen. Sein Herz öffnet sich, sein Geldbeutel auch. Hä? Was lernen wir daraus? Nichts!

Von r.n.l.: George Stark (Capitan Tempesta/Vespone), Heike Borchardt (Serpina), Johannes Hampel (Uberto)

Und damit kommen wir auch schon zu den Grenzen dieses Stückes. Es belehrt uns nicht. Es führt uns in eine Offenheit der Deutung. Wir in der Truppe waren uns selbst nicht einig, ob es hier um echte Gefühle gehe oder doch nur um List, Täuschung und Eigennutz. Vielleicht ist es eine Mischung aus allem. Vielleicht sollte man das Ganze nicht tierisch ernst nehmen. Jedenfalls war es schön, hinreißend, ich fühlte mich vollkommen hineingetragen, hineingezogen in ein Spiel, das über die Begrenztheit des Ichs hinausgeht.

Wenn Schiller sagt, der Mensch sei nur da Mensch wo er spiele, so wage ich zu sagen: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er singt und spielt, wo er lacht und weint, wo er scherzt und trauert, wo er sich der Unabgeschlossenheit seines Schicksals stellt, wo er die Unplanbarkeit des Lebens als den Freiraum nutzt und genießt, in dem er zu Entscheidungen hingezogen oder vielmehr hingesogen wird, die er schließlich als seine eigenen empfindet.

Und noch etwas füge ich hinzu: Wir spielten die Dienerin als Magd in einer zweisprachigen Fassung, die wir selbst erstellt hatten, wobei wir Arien und Duette im italienischen Original sangen, die Dialoge der Rezitative hingegen in unserer eigenen Übersetzung, angereichert mit Improvisationen, mit komödiantischen Elementen darboten. Das ganze Stück funktionierte also nur im Zusammenspiel zwischen zwei unterschiedlichen europäischen Sprachen: Italienisch und Deutsch. Im Kleinen gelang es uns also, ein perfektes Zusammenspiel zweier Kulturen zu inszenieren; denn nur im Verständnis des Italienischen konnte sich das Deutsche weiter entfalten. Umgekehrt bedurfte das Italienische vor einem des Italienischen unkundigen Publikum unbedingt der Übersetzung, Verdolmetschung, Verdeutlichung durch Geste, Handlung, Mimik und schließlich auch durch die eingefügten deutschen Dialoge. Man könnte es so sagen:

Viele versuchten umsonst, Europa im Großen zu gründen,
hier gelang es im Kleinen, die Länder Europens zu einen.

Applaus, Applaus, Applaus! Für die Musik, das Theater, den Gesang, die Menschen, Mann und Weib, Witz, Gelächter, Körper, Geld und Geist!

Zitatnachweise (Plagiatejäger – hier wird euch geholfen!):

Schiller, Friedrich: Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen. [2. Teil; 10. bis 16. Brief.] In: Friedrich Schiller (Hrsg.): Die Horen, Band 1, 2. Stück. Tübingen, 1795, S. 88

Hölderlin, Friedrich: “Sophokles.” In: ders., Gedichte. Stuttgart u. a., 1826, S. 122
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“Alle schick im Hause Uberto?” oder: das Trio vor dem Sturm

 La serva padrona - Die Magd als Herrin, Singen, Theater  Kommentare deaktiviert für “Alle schick im Hause Uberto?” oder: das Trio vor dem Sturm
Sep 022021
 
Das Trio vor dem Sturm: Heike Borchardt als Serpina, Johannes Hampel als Uberto, George Stark als Vespone

Mich erreichte im Frühling eine Anfrage, bei einer neuen Opernproduktion des Singspielensembles Berlin in der männlichen Hauptrolle mitzuwirken. Und welcher Sänger würde da zögern? Auf dem Spielplan steht:

Giovanni Battista Pergolesi / Gennarantonio Federico: La serva padrona / Die Magd als Herrin

Ein herrlicher duftiger Spaß, eine Erkundung der Tiefenschichten der männlichen, der weiblichen – nein: der menschlichen Psyche!

Worum geht es da?

Die Oper spielt in einem vornehmen Haushalt eines Edelmannes in einer italienischen Stadt, um 1730. Der alternde und mittlerweile sehr bequeme Junggeselle Uberto hat vor vielen Jahren die kleine Tochter verarmter Verwandten gnädig bei sich aufgenommen. Als Gegenleistung dient sie, zusammen mit dem Hausknecht Vespone, dem edlen Herrn als Magd.

Serpina ist mittlerweile zu einer reizenden Frau herangewachsen. Im Gegensatz zum armen Vespone, der arg unter ihrem Joch zu leiden hat, ist sie durchaus nicht auf den Mund gefallen. Sie besinnt sich ihrer aristokratischen Vorfahren und strebt nach Höherem. Doch im niederen Stand eines Dienstmädchens muss sie sich dafür etwas ganz Besonderes einfallen lassen…  Wird es ihr gelingen?

Arien und Duette singt das Singspielensemble Berlin in italienischer Originalfassung aus dem Jahr 1733. Die Dialoge spielt es deutsch in einer taufrischen Übersetzung aus dem Jahr 2021.

Es singen und spielen:

Serpina: Heike Borchardt
Uberto: Johannes Hampel
Vespone: George Stark

Streichorchester: Ursula Hillermann, Eva Vo, Andreas Bährle, Jürgen Grunewald, Daniel Merkel
Klavier: Regina Knobel
Neue Prosaübersetzung ins Deutsche und für den Gebrauch als Singspiel eingerichtet: Johannes Hampel

Künstlerische Gesamtleitung: Gerardo Colella

Samstag, 11. September 2021, 19 Uhr

Sonntag, 12. September 2021, 19 Uhr

Zugang nur mit Nachweis über “geimpft oder genesen oder getestet”

Testmöglichkeit vor Ort

Unkostenbeitrag 10 Euro

Restkarten an der Abendkasse/Einlass ab 18 Uhr

Neue Bühne Friedrichshain, Boxhagener Str. 18, 10245 Berlin

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“Ora la mia gioia è completa” – Freudige Zuversicht am Geburtstag des Täufers

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Jun 242021
 

αὕτη οὖν ἡ χαρὰ ἡ ἐμὴ πεπλήρωται – “Ora la mia gioia è completa.”

Das Gesicht des Täufers wird häufig zerfurcht von Sorgenfalten dargestellt, so etwa in dem Doppelporträt der beiden Johanneis, wie es Sandro di Mariano uns in seinem “Bardi-Altar” geschenkt hat. Auch mir wird immer wieder vorgehalten, ich zeigte anlasslos zu viel Bekümmernis beim Reden, Denken, Spielen und Singen. Dabei verdanke ich Johannes dem Täufer – meinem Namenspatron – besonders bewegende Ausdrücke der Freude, der Zuversicht, der Erfüllung, der Daseinsfreude! So etwa den obigen, hier griechisch und italienisch wiedergegebenen Ausruf, überliefert vom Evangelisten Johannes (3,29). Der heutige Geburtstag Johannes des Täufers bietet mir Anlass, mit einem meiner Namensbrüder in Zwiesprache zu treten.

Heute rufe ich somit an meinen Namensvetter Giovanni Battista Pergolesi. In seiner Oper La serva padrona hat er einen der bezauberndsten Hymnen an die Freude komponiert. Das ist nicht weltumspannend wie in Schillers Hymne an die Freude, sondern inniges Zweisein, tief aus dem Inneren quellende Freude, mit Lust, mit Vorlust getönt, mit Vorfreude, aber auch mit der Überwindung von Zweifeln, von Schwanken zwischen Ja und Nein, zwischen Oben und Unten, zwischen “Ich will” und “Ich will nicht”. Freude im Hier und im Jetzt, im Ich und im Du!

In den Worten Gennarantonio Federicos, der seinem Giovanni Battista diesen Juchzer an die Freude in seine Komponistenfeder dichtete:

UBERTO E SERPINA.
Caro. Gioia. Oh Dio!
Ben te lo puoi pensar.

Man höre sich einmal dieses Duett des immer so grummeligen Uberto und der immer so spitzbübischen Serpina an.

Nein: Man höre es nicht an – man singe es!

Und so kehrt am Abend des Geburtstages des Täufers auf die Züge des immer grummeligen, immer sorgenzerfurchten Gesichtes zu guter letzt ein freudiges Lächeln.

Quellen:

Sandro di Mariano: Thronende Maria mit Kind und Heiligen (“Bardi-Altar”). Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin
Giovanni Battista Pergolesi: La serva padrona. Due intermezzi. Libretto di Gennarantonio Federico. Riduzione per canto e pianoforte a cura Mario Parenti, Ricordi, Milano 2007, p. 46-52

Bild: Freudig aufsprießende Natur. Südgelände, Schöneberg, Juni 2021


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