Apr. 152026
 

Der Ablaufplan der Verhandlungen im Salon Feurig „Zum ewigen Frieden“

In Sachen Krieg und Frieden wurde wie nachstehend verhandelt:

Entwurf eines wahrhaft kriegsbeendenden Vertrages zu einem jeglichen Friedensschluss, welcher als der Möglichkeit nach ewig würde zu gelten haben

vorgelegt 1795 vom Petenten: Immanuel Kant, Bürger und ord. Professor an der Universität Albertina zu Königsberg

Zeit: 10. April 2026, 19.00-21.00 Uhr

Ort: Feurigstr. 68, 10827 Berlin-Schöneberg

Textgrundlage: Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden, Königsberg 1795

Gesprächsleitung: Johannes Hampel

Folgende Aufgaben wurden gestellt und gemeinsam verhandelt:

Thema 1: Kann ein abwandernder Wolf falsche Entscheidungen vor Glaswänden treffen?

SPIEGEL: Was war in Hamburg anders [als bei anderen abwandernden Wölfen]?

Gesa Kluth: Meistens laufen die abwandernden Tiere nachts in die Städte hinein. Am Tag verstecken sie sich dann oder versuchen, wieder herauszufinden. In diesem Fall hat der Wolf offenbar mehrmals tagsüber versucht, aus der Stadt hinauszukommen und ist dabei letztlich in der Innenstadt gelandet. Er hat sich einfach nicht ausgekannt. Der Wolf hat in der Einkaufsstraße offenbar immer wieder viele falsche Entscheidungen getroffen, bis er festsaß. Er soll immer wieder gegen eine Glaswand gesprungen sein, weil er einfach nicht verstanden hat, wie er wieder herauskommt. (Quelle: Der Spiegel, 31.03.2026)

Wie bewertet ihr diese Erklärung?

Thema 2: Eine persönliche Einschätzung: Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ – Ewig zutreffend, zeitlos aktuell?

„Nun ja, ich meine, es ist ja straightforward, was er geschrieben hat. In einer idealen Welt liefe es so; Ansätze gibt es seit dem Völkerbund, wir sehen aber, Staatsmänner, die den Konsens der Anständigen verlassen, verunmöglichen es, und Realpolitik übernimmt und muss übernehmen. Man wüsste auch gern, ob es unter Republiken tatsächlich nie zum Krieg käme, man erinnere sich an klassische griechische Zeiten. Also, als philosophischer Entwurf ist es natürlich ewig zutreffend und zeitlos aktuell, in der Realität nützt dit nüscht, da kommt man mit Machttheoretikern wie good ol Machiavelli oder Foucault weiter. Um es mit Leonard Cohen zu sagen:
Though laws were carved in marble, they could not shelter men.
Though altars built in parliaments
They could not order men.“

Aber es ist wahrscheinlich der lesbarste Text, den Kant je geschrieben hat. (Bürgerin Schönebergs Christina R., 02.04.2026)


Was meint Ihr dazu?

Thema 3: Was ist nach Kants Meinung der Naturzustand, in welchem sich die Menschen vor der Stiftung von Staaten befinden? Oder: Ist der Mensch von Natur aus böse oder gut?

Was ist der „Naturzustand“ von Staaten vor der Stiftung eines allgemein gültigen Völkerrechts?

Thema 4: Was soll der Staat?

Was ist/sind Eurer Meinung nach der Hauptzweck/die Hauptzwecke des Staates?

Was ist laut Kants „Zum ewigen Frieden“ der Hauptzweck des Staates? Vergleiche seine Sicht mit Art. 1 GG!

Und nun … frisch Gesellen, seyd zur Hand bei der Beantwortung folgender Fragen!

Präliminarartikel 1 zum ewigen Frieden:

1. »Es soll kein Friedensschluß für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden.«

Was kritisiert Kant – für seine Zeitgenossen offensichtlich – an den Friedensverträgen des Jahres 1795?

Präliminarartikel 2:

2. »Es soll kein für sich bestehender Staat (klein oder groß, das gilt hier gleichviel) von einem andern Staate durch Erbung, Tausch, Kauf oder Schenkung, erworben werden können.«

Wie bewertet Kant die Grenzveränderungen zwischen Staaten ohne deren Zustimmung, z.B. die 3. polnische Teilung von 1795?

Präliminarartikel 3:

 »Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhören.«

Wie beurteilt Kant die allgemeine Wehrpflicht / den Bürgerwehrdienst je nach Notwendigkeit / die Berufsarmee?

Präliminarartikel 4:

»Es sollen keine Staatsschulden in Beziehung auf äußere Staatshändel gemacht werden.«

Wie würde Kant das Sondervermögen Bundeswehr bewerten (Art. 87a GG)?

Wie bewertet Ihr das Sondervermögen Bundeswehr (Art. 87a GG)?

Präliminarartikel 5:
Wie bewertet Kant den Interventionskrieg, z.B. zu humanitären Zwecken?

Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines andern Staats gewaltthätig einmischen.

Präliminarartikel 6:

Was ist laut Kant die unerlässliche Grundlage jedes Völkerrechts im Kriege (ius gentium in bello)?
»Es soll sich kein Staat im Kriege mit einem andern solche Feindseligkeiten erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen: als da sind, Anstellung der Meuchelmörder (percussores), Giftmischer (venefici), Brechung der Capitulation, Anstiftung des Verraths (perduellio), in dem bekriegten Staat &c.«

Erster Definitivartikel:

Die bürgerliche Verfassung in jedem Staat soll republikanisch seyn.

Welche Unterscheidung trifft Kant zwischen Republik und Demokratie? Wie beurteilt er beide Regierungsformen?

Zweyter Definitivartikel:

Das Völkerrecht soll auf einen Föderalism freyer Staaten gegründet seyn.

Welchen Einwand erhebt Kant gegenüber dem Vorschlag einer Weltregierung, wie ihn beispielsweise auch Albert Camus nach dem 2. Weltkrieg vorgeschlagen hat?

Dritter Definitivartikel:

»Das Weltbürgerrecht soll auf Bedingungen der allgemeinen Hospitalität eingeschränkt seyn.«


Wie würde Kant die gegenwärtige Asylrechtsdebatte in Deutschland bzw. in der EU bewerten?

Thema 4: War Kant Pazifist?

Lest hierzu „Kant und die Theorie des demokratischen Friedens“, in: Herfried Münkler: Kritik des Pazifismus, in: Pazifismus. Politik und Zeitgeschichte. 28. März 2026, S. 21-22

Thema 5:

Können nichtstaatliche Gemeinwesen ebenfalls den Frieden schaffen und sichern? Oder bedarf es dazu des Staates bzw. des Völkerrechts?
Lest in unserer deutschen Übersetzung hierzu “Africa as a Success Story: Political Organization in Pre-Colonial Africa”, Dezember 2025

Quelle:

https://www.nber.org/papers/w34546

Africa as a Success Story: Political Organization in Pre-Colonial Africa

Soeren J. Henn & James A. Robinson

Wir geben einen Überblick über die Erklärungsansätze für die historisch relativ geringe Staatenbildungsquote in Afrika. Dabei dokumentieren wir erstmals systematisch, in welchem Ausmaß Afrika politisch dezentralisiert war, und meinen aufgrund eigener Berechnungen, dass es im Jahr 1880 wahrscheinlich 45.000 unabhängige Gemeinwesen gab, die selten nach ethnischen Gesichtspunkten gebildet waren. Höchstens 2 % davon konnten als „Staaten“ eingestuft werden. Wir bringen ein neues Argument für dieses sehr hohe Maß an  politischer Dezentralisierung vor und gehen davon aus, dass afrikanische Gesellschaften bewusst so gebildet wurden, um die Zentralisierung der Macht zu verhindern. Darin waren sie erfolgreich. Wir weisen auf einige Schlüsselaspekte afrikanischer Gesellschaften hin, die ihnen halfen, dieses Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Wir betonen zudem, wie die Ordnung der Wirtschaft diesen politischen Zielen untergeordnet war.

Quelle:

https://www.economist.com/middle-east-and-africa/2026/04/09/how-anarchist-was-africa

Im Schach ziehen zwei Staaten in den Krieg, wobei die Bauern geopfert werden, um den König zu retten. Beim Mancala, einem in Afrika beliebten Brettspiel, sind alle Spielsteine gleich viel wert; die Spieler versuchen, sie für sich und ihre eigene Seite zu gewinnen. Das zeige, wie Gesellschaften über Politik denken, argumentiert James Robinson, Politikwissenschaftler an der University of Chicago. Wenn mächtige Staaten im vorkolonialen Afrika selten waren, dann deshalb, weil die Afrikaner eben keine aufbauen wollten. Staatenlosigkeit war ein Zeichen des Erfolgs, nicht des Scheiterns.

Zumindest ist das seine These in einer aktuellen Studie zusammen mit Soeren Henn von der University of Wisconsin-Madison. Sie schätzen, dass es 1880 in Afrika etwa 45.000 politische Einheiten gab. Etwa 2 % davon waren „Staaten“, die etwa 44 % der Bevölkerung regierten. Die meisten Afrikaner lebten in Stammesgebieten mit einigen Tausend Einwohnern oder in noch kleineren Einheiten.

Anders als in Europa, wo Kriege Staaten schufen, fanden afrikanische Gemeinwesen Wege, einigermaßen schiedlich-friedlich miteinander auszukommen, so die These der Studie. Die Autoren fanden heraus, dass von 114 afrikanischen Sprachen 92 dasselbe Wort für „Gast“ wie für „Fremder“ verwendeten.

Die übliche Erklärung für die Schwäche afrikanischer Staaten lautet, dass der Kontinent dünn besiedelt gewesen sei; wenn Herrscher zu übergriffig geworden seien, seien ihre Gefolgsleute einfach in andere Gebiete weggezogen. James Robinson fand zunächst große Anerkennung mit der These, dass Institutionen die Ungleichheit zwischen Ländern erklärten. Nun sagt er, dass auch kulturelle Unterschiede eine Rolle spielten. Das erklärt jedoch nicht, warum sich in einigen Teilen Afrikas Staaten bildeten und in anderen nicht.

Wie auch immer die Antwort lautet: Spielen solche unterschiedlichen politischen Muster heute noch eine Rolle? Martha Wilfahrt von der University of California, Berkeley, vertritt genau diese Sicht. Sie behauptet, dass dort, wo die vorkoloniale Macht despotisch gewesen sei, heute mehr Konflikte herrschten. Orte, die einst von lockeren Föderationen regiert worden seien, schnitten hingegen besser ab.

Henn und Robinson sind der Ansicht, dass die Dezentralisierung Afrika anfälliger für Sklavenhändler und koloniale Eroberungen gemacht habe. Anhaltendes Misstrauen gegenüber dem Staat könnte erklären, warum es heute so schwer sei, Steuern zu erheben. Aber afrikanische Traditionen hätten auch Gesellschaften hervorgebracht, die den Trägerinstitutionen der Macht skeptisch gegenüberstünden, offen für Unterschiede seien und soziale Mobilität aufwiesen, legen sie dar. Der Aufbau besserer Institutionen könne die Grundlage für künftigen Wohlstand bilden. ■

Thema 6: Die kürzeste und beste Friedensbotschaft des Jahres 2025:

Ich wünsche uns mehr Frieden:  mehr Frieden in uns selbst – mehr Frieden untereinander –  mehr Frieden in der Welt. Kirill Petrenko, Berliner Philharmonie, 31.12.2025

Schreibt nun am Ende dieses Abends die kürzeste und beste Friedensbotschaft des 10. April 2026! Sprecht sie laut aus!

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Kant – ein scharfer, unerbittlicher Kritiker der Politik seiner Zeit

 Immanuel Kant, Krieg und Frieden, Philosophie, Salon Feurig  Kommentare deaktiviert für Kant – ein scharfer, unerbittlicher Kritiker der Politik seiner Zeit
Apr. 102026
 

Als unbestechlicher, unerbittlicher Kritiker des erstarkenden Kolonialismus der Europäer in anderen Erdteilen zeigt sich Immanuel Kant in seiner Schrift Zum ewigen Frieden. Die sich selbst so nennenden „gesitteten Staaten“ brachten seiner Ansicht nach den unterworfenen, zum Teil staatenlos lebenden Völkern nur Krieg, Hungersnot, Verrat, Aufruhr und weiteres Übel. Aber lest selbst, was er in seinem Dritten Definitivartikel zum ewigen Frieden über die Kolonialpolitik schreibt:

Auf diese [pg 042]Art können entfernte Welttheile mit einander friedlich in Verhältnisse kommen, die zuletzt öffentlich gesetzlich werden, und so das menschliche Geschlecht endlich einer weltbürgerlichen Verfassung immer näher bringen können.

Vergleicht man hiemit das inhospitale Betragen der gesitteten, vornehmlich handeltreibenden Staaten unseres Welttheils, so geht die Ungerechtigkeit, die sie in dem Besuche fremder Länder und Völker (welches ihnen mit dem Erobern derselben für einerley gilt) beweisen, bis zum Erschrecken weit. Amerika, die Negerländer, die Gewürzinseln, das Kap &c. waren, bey ihrer Entdeckung, für sie Länder, die keinem angehörten; denn die Einwohner rechneten sie für nichts. In Ostindien (Hindustan) brachten sie, unter dem Vorwande blos beabsichtigter Handelsniederlagen, fremde Kriegesvölker hinein, mit ihnen aber Unterdrückung der Eingebohrnen, Aufwiegelung der verschiedenen Staaten desselben zu weit ausgebreiteten Kriegen, Hungersnoth, Aufruhr, Treulosigkeit, und wie die Litaney aller Uebel, die das menschliche Geschlecht drücken, weiter lauten mag.

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März 302026
 

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden.

So stellte es lapidar Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht ALLE TAGE fest.

Ist dem so? Darüber müssen wir reden, und deshalb laden wir zum philosophischen Gespräch ein:

Aus endlosen Fortsetzungskriegen zum ewigen Frieden? Rückfragen an Immanuel  Kant

1795 veröffentlichte Kant seinen philosophischen Entwurf Zum ewigen Frieden. Im selben Jahr wurde Polen als Staat durch seine drei Nachbarn von der Landkarte gefegt. Ganz Europa war in wechselnden Bündnissen durch ein Geflecht aufeinander folgender Kriege miteinander verkettet; etliche Staaten kämpften um ihren Fortbestand.

Was schlägt Kant vor, um einen solchen Zustand ständiger Nachfolgekriege und wechselseitiger Vernichtungsdrohungen, der ja in vielem der heutigen Weltlage ähnelt, zu beenden?

Wir erarbeiten an diesem Abend ein Grundverständnis von Kants kurzer Schrift, äußern Fragen und Hypothesen zu ausgewählten Texten, vergleichen 1795 mit 2026 und wagen uns – so steht zu hoffen – an Vorschläge wo nicht zum „ewigen“, so doch zu einem gerechten, dauerhaften Frieden.

Einführung in Kants Entwurf und Moderation der Kleingruppenarbeit: Johannes Hampel

Empfohlene Textausgabe: Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf. Herausgegeben von Rudolf Malter. Reclam Verlag, Stuttgart 2022, € 5,20

Zeit: 10. April 2026, 19.00 – 21.00 Uhr

Ort: Salon Feurig. Bei KONTAKTE KOHTAKTbI. Feurigstr. 68, 10827 Berlin-Schöneberg

Eintritt frei. Anmeldung erbeten über: johannesrhampel@gmail.com

Vorschau auf weitere Treffen im Salon Feurig:
20. April 2026, 19.00 Uhr: Es lebe die ukrainische Sprache! Märchen, Poesie, Politik.
30. April 2026: 19.00 Uhr: Mit Musik in den Mai. Gemeinsames Singen in mehreren Sprachen, Musizieren mit allerlei Instrumenten. Ohne Strom. Ohne Lautsprecher. Alles selbstgemacht.

Zitatnachweis: Ingeborg Bachmann: ALLE TAGE, zitiert nach: KRIEG, FLUCHT, VERNICHTUNG, in: Der ewige Brunnen. Deutsche Gedichte aus zwölf Jahrhunderten. Gesammelt und herausgegeben von Dirk von Petersdorff. C. H. Beck, München 2023, S. 919-956, hier: S. 952

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Vom Wagnis des Übersetzens

 C.H.Beck, Griechisches, Liebe, Philosophie, Platon, Sprachenvielfalt  Kommentare deaktiviert für Vom Wagnis des Übersetzens
Sep. 302023
 

δάκρυα μὲν Ἑκάβῃ τε καὶ Ἰλιάδεσσι γυναιξὶ
Μοῖραι ἐπέκλωσαν δή ποτε γεινομέναις
σοὶ δέ Δίων ῥέξαντι καλῶν ἐπινίκον ἔργων
δαίμονες εὐρείας ἐλπίδας ἐξέχεαν
κεῖσαι δ᾽ εὐρυχόρῳ ἐν πατρίδι τίμιος ἀστοῖς
ὦ ἐμὸν ἐκμήνας θυμὸν ἔρωτι Δίων

Tränen spannen der Hekabe und den Troerinnen
Moiren schon gleich bei der Zeugung zu;
Dir aber Dion, siegreich nach all deinen herrlichen Taten,
Dämonen verwirbelten weitflatternde Hoffnungen,
Ruhest du nun, geehrt von den Bürgern der Heimat,
Hast du mich rasend gemacht vor Liebe zu dir, Dion!

(Übersetzung aus dem Griechischen: Johannes Hampel)

„Nirgends im Dialogwerk gibt es eine Stelle, an der Platon mit so viel persönlicher Wärme von Sokrates reden würde wie er an den besprochenen Stellen von Dion spricht.“ Mit diesen Worten würdigt Thomas Alexander Szlezák die große, ein halbes Leben umspannende leidenschaftliche Liebe, die – nach allem, was wir den Zeugnissen insbesondere im Siebten Brief entnehmen dürfen – ein entscheidender Antrieb für die in tiefer Enttäuschung mündenden beiden sizilianischen Fahrten des Philosophen war. „Eine Frau hat in Platons Leben nie eine Rolle gespielt“, stellt Szlezák zutreffend fest, sehr wohl aber einige Männer, und unter diesen kam die schicksalhaft, ja dämonisch entscheidende Rolle wohl jenem Dion zu.

Am heutigen Hieronymustag, dem Internationalen Übersetzertag, versuche ich mich an einer neuen deutschen Übersetzung eines Gedichtes aus der Anthologia Graeca, das von alters her Platon zugeschrieben wird. Ich strebte danach, das Weh-Zerrissene, das Quälend-Unabgeschlossene dieser Liebesbeziehung zweier Männer schärfer, schroffer wiederzugeben als dies alle mir bekannten Übersetzungen in verschiedenen Sprachen bisher gewagt haben.

Quellen:
Anthologia Graeca VII.99, zitiert nach Codex Palatinus 23:

Epigram 7.99 — Anthologia Graeca

Thomas Alexander Szlezák: Platon und der Sturz der Tyrannis in Syrakus. In: ders., Platon. Meisterdenker der Antike. 2., durchgesehene Auflage, C.H.Beck, München 2021, S. 73-88, bsd. S. 86 und S. 84

Bild: Statue eines jungen Mannes (Kouros). Aufgefunden im Heiligtum des Apollon Ptoos, einer Orakelstätte im Nordosten Böotiens. Entstanden wohl etwa 520 v. Chr. Archäologisches Nationalmuseum Athen. Aufnahme des Verfassers vom 30.12.2019

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Ist dies ein authentisches Restaurant? Eine authentische Bar? Eine authentische Coffee Lounge? Was ist überhaupt Authentizität?

 Authentizität, Pasolini, Philosophie  Kommentare deaktiviert für Ist dies ein authentisches Restaurant? Eine authentische Bar? Eine authentische Coffee Lounge? Was ist überhaupt Authentizität?
Juni 262023
 

Vor wenigen Stunden schlenderte ich ruhigen Gemütes, eine freundliche Vision von Richard Strauss summend, durch die heimatliche Akazienstraße, ganz in Gedanken, vielmehr in ein gedankenreiches Gespräch über die Frage „Was ist authentisch?“ versunken. Keine leichte Frage, wie ich innehaltend bemerkte. Vor mir lockte eine Bar, oder vielmehr eine Coffee Lounge, oder vielmehr ein Restaurant zum Niederlassen und Verweilen. Eine Buddha-Figur bezeugte gewissermaßen die Würde, die Echtheit, die Aufenthaltsqualität dieses Ortes.

Und ganz folgerichtig durfte die ausgespannte Markise den Anspruch erheben, dies alles, dieser Ort hier sei „authentisch“. Authentisch, also echt, würdig, wahrhaftig, redlich, wirklich? An dieser Bar bzw. diesem Restaurant bzw. dieser Coffee Lounge dürfte klar werden, dass Authentizität keineswegs eine Eigenschaft ist, die einem Ding an sich, einer Aussage als solcher, einem Gefühl als solchem zukommt.

Was ist ‚authentisch‘?

Mir fiel jener Aufsatz des Kunsthistorikers Hans Ulrich Reck ein, den ich am Vormittag in einem neu erschienenen, sehr ergiebigen Band über „Authentizität nach Pasolini“ gelesen hatte. Authentisch ist kein „Ausweis von selbstbezogener Einzigartigkeit“, wie es Reck nennt; Authentizität entsteht vielmehr in einem Zuschreibungsgeschehen aus der Position „kundiger Zeugenschaft“. Hier ist es also ein kundiger Buddha, der die Glaubwürdigkeit dieses Anspruchs auf Authentizität bezeugt.

Bei der Beglaubigung der Authentizität einer Dürer-Zeichnung wiederum mag nur das kundige, mehrfach überprüfte Urteil mehrerer Kunsthistoriker als Beglaubigung taugen. Eine mathematische Gewissheit darüber kann es nicht geben.

Aber müssen wir dem stummen Hinweis des Buddhas folgen, ihm vertrauen, ihm glauben? Nein! Nichts zwingt uns dazu. Authentizität ist nichts unabweisbar Logisches. Ich könnte, in tiefem Zweifel befangen, auch sagen: ein Ding, das teils Coffee Lounge, teils Restaurant, teils Bar ist, verfehlt schon allein durch diese Dreiheit, dass es eines und nur eins ist. Ich würde ihm Authentizität nicht zuschreiben.

Der Begriff der Authentizität ist also scharf abzuheben vom Begriff der Echtheit, der Wahrheit, der Einzigartigkeit.

Mit diesen vorläufigen Einsichten setzte ich meinen Gang durch die Akazienstraße fort, entschlossen, dem Problem der Authentizität nach Pasolini weiter auf den Grund zu gehen. Der eben erschienene, frisch vor mir aufgeschlagene Band mit Beiträgen namhafter Pasoliniani wird mir dabei eine große Hilfe sein.

Hans Ulrich Reck: Italien als Dystopie, eine letzte Reise – Pasolinis 12 DICEMBRE, in: Cora Rok (Hg.): Authentizität nach Pasolini, Paderborn: Brill Fink 2023, S. 113-122, hier S. 114

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„Beisassen“, „Metöken“, „stranieri residenti“

 Antike, Brüder Grimm, Ethnizität, Integration, Migration, Philosophie  Kommentare deaktiviert für „Beisassen“, „Metöken“, „stranieri residenti“
Apr. 042022
 
Im Theater des Dionysos, Athen, Januar 2019

Die kursorische Lektüre des wichtigen Buches „Stranieri residenti“ von Donatella di Cesare macht mir Lust, ein bisschen durch Zeiten und Räume, durch Sprachen und literarische Gattungen zu wandern. Wandern wir gemeinsam! Beginnen wir beim Titel des Buches! Wie könnte man auf Deutsch am besten das von der römischen Philosophin Gemeinte wiedergeben? Wir denken her, wir denken hin, wir fragen im Wandern: Menschen, die bei uns wohnen, die bei uns nicht nur vorübergehend verweilen, die bei uns bauen, ohne hier geboren zu sein, ohne von Ansässigen abzustammen, die aber einen gesicherten Aufenthaltsstatus ohne die vollen Bürgerrechte genießen, wie könnten wir die nennen? Antwort: Mit einem heute veralteten, aber überall verstandenen Ausdruck schlage ich für „straniero residente“ den Ausdruck „Beisasse“ vor. „Beisasse“, in Grimms Wörterbuch als „beisasz“ eingetragen, ist die häufigste Bezeichnung für das in Rede Stehende in alten deutschen Übersetzungen der biblischen Bücher, in Übersetzungen der Bücher aus dem alten Griechenland. Das griechische Wort dafür lautet μέτοικος, italienisch meteco.

In den meisten Stadtgemeinden der griechischen Antike, insbesondere in Athen, war bekanntlich das Bürgerrecht meist an die „Herkunft aus diesem Ort“, an die Abkunft von „Hiergeborenen“ geknüpft, während die dauerhaft Zugewanderten, eben die Metöken oder „Beisassen“ nur eingeschränkte Teilhaberechte genossen und eingeschränkte Teilhabepflichten auf sich nehmen mussten. Die ukrainische Wikipedia sagt darüber zutreffend:

Мете́ки (грец. Μέτοικοι) — у Стародавній Греції так називали чужинців, що оселилися у тому, чи іншому полісі. У 5-4 ст. до н. е. метеки, що складали значну частку міського населення Аттики, відігравали важливу роль в економіці міст. Становище метеків, що жили в різних грецьких полісах, було неоднаковим.

Der im Jahr 384 in Stageira geborene Aristoteles etwa, der selbst kein Bürger Athens war, aber doch als Metöke, d.h. als Beisasse in Athen etwa 20 Jahre lange lernte, lehrte und forschte, schreibt in lakonischer Kürze, politische Teilhabe genössen in Athen diejenigen, die von beiden Elternteilen her Abkömmlinge Athens seien. Sobald sie nach glaubhafter Bezeugung durch andere Bürger 18 Jahre alt seien, würden sie unter feierlichem Schwören in die Liste der Gemeindemitglieder, der „Vollbürger“ aufgenommen. Solle jedoch eine nachträgliche Prüfung ergeben, dass jemand fälschlich in den Besitz der Bürgerrechte gelangt sei, so verkaufe die Gemeinde Athen diesen Mann, der das Bürgerrecht erschlichen habe, in die Sklaverei.

Ausführlich im griechischen Text (Aristot. Const. Ath. 42.1):

 μετέχουσιν μὲν τῆς πολιτείας οἱ ἐξ ἀμφοτέρων γεγονότες ἀστῶνἐγγράφονται δ᾽ εἰς τοὺς δημότας ὀκτωκαίδεκα ἔτη γεγονότεςὅταν δ᾽ ἐγγράφωνταιδιαψηφίζονται περὶ αὐτῶν ὀμόσαντες οἱ δημόταιπρῶτον μὲν εἰ δοκοῦσι γεγονέναι τὴν ἡλικίαν τὴν ἐκ τοῦ νόμουκἂν μὴ δόξωσιἀπέρχονται πάλιν εἰς παῖδαςδεύτερον δ᾽ εἰ ἐλεύθερός ἐστι καὶ γέγονε κατὰ τοὺς νόμουςἔπειτ᾽ ἂν μὲν ἀποψηφίσωνται μὴ εἶναι ἐλεύθερον μὲν ἐφίησιν εἰς τὸ δικαστήριονοἱ δὲ δημόται κατηγόρους αἱροῦνται πέντε ἄνδρας ἐξ αὑτῶνκἂν μὲν μὴ δόξῃ δικαίως ἐγγράφεσθαιπωλεῖ τοῦτον  πόλιςἐὰν δὲ νικήσῃτοῖς δημόταις ἐπάναγκες ἐγγράφειν.

Die Untersuchung Donatella di Cesares liefert, wie wir gesehen haben, bereits vom Titel an fundamentale Anstöße, unser gesamtes Denken über Herkunftsgemeinschaften, Herkunftsdenken, Migration, Staatlichkeit in Frage zu stellen.

Di Cesares Hauptthese scheint mir dabei zu sein, dass grundsätzlich jedem Menschen das Recht zustehen müsse (müsse!), in ein Gebiet seiner Wahl zuzuwandern. Umgekehrt stehe den modernen Territorialstaaten, die sich zu viele Geltungsansprüche anmaßten, grundsätzlich nicht das heute allzu leichtfertig als selbstverständlich angenommene Recht zu, Ankommende, Zuwandernde, Wandernde an den Staatsgrenzen zurückzuweisen.

Sie untermauert diese Behauptung mit einer beeindruckenden Fülle an systematischen und historischen Befunden.

Quellen:

Donatella di Cesare: Stranieri residenti. Una filosofia della migrazione. Bollati Boringhieri, Torino 2017

›beisasz‹ in: Deutsches Wörterbuch (¹DWB) | DWDS

Метеки — Вікіпедія (wikipedia.org)

Aristotle, Athenian Constitution, chapter 42, section 1 (tufts.edu)

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Trasumanar e tramortir – über das Tote hinausdenken

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Jan. 192022
 

„al doloroso e continuamente sofferto urgere dei sentimenti, corrisponde metodicamente in me, un riordinamento poetico, che se non altro serve a mettere tra due argini, a tramortire la corrente di quel mio sentimento sempre in moto“ – mit diesen Worten beschrieb Pier Paolo Pasolini in einem Brief an Franco Farolfi das Geschäft des Schriftstellers, des Künstlers, – des Philosophen, so füge ich hinzu. Das Schreiben dient als eine Art Eindämmung eines ständig andrängenden Gefühls, wobei Pasolini das seltene Verbum tramortire verwendet, in dem bekanntlich die alte Wurzel mors, morte steckt. Nicht nur um Eindämmung geht es dabei, sondern auch um eine Art Stillstellung, eine Betäubung, das Erträglichmachen eines anströmenden flutenden Weltgefühls. Das Abtöten, das Eindämmen – die Einsicht in die Sterblichkeit, in die Wohltat des Sterblichmachens, des Sterblichwerdens! Zugleich ein Griff über das allzu Menschliche hinaus, über die menschliche Angst vor dem Tode. Dieses Tramortir wird zum – Trasumanar!

Zitiert nach: Nicola Gardini: Lettere come diario di vita e ispirazione. Il Sole 24 Ore, domenica 2 gennaio 2022, pag. VI [= Rezension von:] Pier Paolo Pasolini: Le lettere. Nuova edizione a cura di Antonella Giordano e Nico Naldini. Garzanti, pgg. 1496, hier: pag. 453

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Gelassenheit angesichts des Todes

 Ausnahmezustand, Corona, Dante, Demographie, Jesus von Nazareth, Latein, Philosophie, Seuchen, Tod, Verdummungen  Kommentare deaktiviert für Gelassenheit angesichts des Todes
Mai 022021
 

„Wen wirst du mir nennen, der der Zeit einen wie auch immer gearteten Wert beimäße, der den Tag wertschätzte, der erkennte, dass er täglich stirbt? Denn wir täuschen uns insofern, als wir den Tod als etwas vor uns Liegendes betrachten. Ist doch ein großer Teil davon bereits vergangen: Alles, was an Lebenszeit hinter uns liegt, hält der Tod schon in seinen Händen. Mach es ruhig so, wie du es mir schreibst, lieber Lucilius, umarme alle Stunden! So wird es geschehen, dass du weniger vom Morgen abhängst, wenn du kühn ins Heute hineinlangst.“

Soweit ein kurzer Abschnitt aus dem ersten Brief Senecas in seinen Epistulae morales. Wir verdanken unserem Dr. Pegasus den Hinweis auf diesen Ratschlag, den er uns am 3. April 2021 nach seiner Astra-Zeneca-Impfung im ehemaligen Flughafen Tegel mit dem spaßigen Motto Per Astra Zeneca ad Senecam überbrachte.

Gelassenheit gegenüber dem Tod, Einsicht in die Nichtplanbarkeit des Sterbens, das ist es, was zweifellos in unserer Gesellschaft fehlt. Dabei haben und halten wir ohne jeden Zweifel einen in der gesamten Menschheitsgeschichte nie dagewesenen Rekord an Langlebigkeit. Nur die allerwenigsten von uns hätten in früheren Zeiten das heutige durchschnittliche Sterbealter von etwa 80 Jahren erreicht. Die Kindersterblichkeit lag in allen Jahrhunderten deutlich höher als heute; als hohes „biblisches Alter“, das zu erreichen schon als besondere Gnade galt, wurden allgemein über die Jahrhunderte 70 Jahre angenommen. Ohne die Segnungen der modernen Medizin läge das Sterbealter weit darunter. Selbst das Durchschnittsalter der aktuell an Covid-19 Verstorbenen liegt mit über 80 Jahren deutlich, nämlich etwa 10 Jahre, über dem, was noch vor 100 Jahren als bestes erreichbares Sterbealter galt.

• Infografik: 89% der Corona-Toten waren im Alter 70+ | Statista

Es scheint also eine Art natürliche Alterungsgrenze zu geben, jenseits derer ein weiteres Leben oder Überleben nur mithilfe kultureller, also medizinischer Errungenschaften möglich ist. Je älter man ist, desto mehr steigt offensichtlich die Anfälligkeit für schwere Verläufe von Krankheiten, insbesondere von wenig erforschten Krankheiten. Die Corona-Erkrankung bildet darin keine Ausnahme. Sie ist keine Ausnahme. Sie ist in der reichen, wahrhaft vielfältigen Welt der Krankheiten nichts Neuartiges. Sie rechtfertigt nicht das Ausrufen eines dauerhaften allgemeinen Ausnahmezustandes und die allgemeine, dauerhafte Außerkraftsetzung grundlegender Bürgerrechte.

Dies zu akzeptieren, fällt in den Zeiten des die aktuelle Politik beherrschenden Planbarkeitswahns schwer. Und doch haben immer wieder Philosophen wie etwa Seneca oder Lukrez, religiöse Menschen wie etwa Jesus oder Dante sich der Unausweichlichkeit des Todes gestellt, sich produktiv damit auseinandergesetzt.

Für Seneca stellte die Tatsache der Sterblichkeit kein Übel dar; ein Übel ist es in seinen Augen, das Leben in Angst vor dem Tod zu verbringen, der nun eben gerade kein Übel ist, vor dem man sich fürchten müsste. Wer Angst vor dem Tod hat, der versäumt sein Leben.

Für Jesus oder Dante wiederum, die ohne Zweifel Todesangst erlebten und auch davon Zeugnis ablegten, war der Tod kein letztes. Er war zunächst einmal schrecklich, gewiss. Aber er war nicht das Ende aller Dinge. Er war eine Chance, über die Endlichkeit und Sterblichkeit hinauszulangen, hinauszuahnen in etwas, was uns, den Sterblichen verschlossen war.

In den letzten Gesängen seiner Komödie schreitet Dante auf diese eigene Sterbenserfahrung zu, und zuletzt gelingt es ihm, über die Sterblichkeit hinauszulangen und jenes höchste Licht zu sehen, das sich weit über Sterblichkeitsbegriffe hinaushebt —

O somma luce che tanto ti levi
da‘ concetti mortali …

sagt er im 33. Gesang des Paradiso (Vers 67-68).

Ich bemängele an der aktuellen Debatte fehlende Einsicht in die Unverfügbarkeit des Todes, ja in die naturgegebene Sterblichkeit des Menschen überhaupt.

Hier noch die von Dr. Pegasus vorgetragene Seneca-Stelle im lateinischen Original, zitiert nach: Seneca: Ad Lucilium epistulae morales, Epist. 1, Auswahl von Anton Klein. Text. 11./12. Aufl., Münster 1966, S. 47

Quem mihi dabis qui aliquod pretium tempori ponat, qui diem aestimet, qui intellegat se cotidie mori? in hoc enim fallimur, quod mortem prospicimus: magna pars eius iam praeterit; quicquid aetatis retro est, mors tenet. fac ergo, mi Lucili, quod facere te scribis, omnes horas complectere. sic fiet, ut minus ex crastino pendeas, si hodierno manum inieceris.

 Posted by at 22:22

Freedom for Fruit Flies?

 Das Gute, Freiheit, Naturwissenschaften, Philosophie  Kommentare deaktiviert für Freedom for Fruit Flies?
Sep. 112020
 

Today, I would recommend reading a paper by biologist Björn Brembs, published in December 2010 in the renowned Proceedings of the Royal Society – B Biological Sciences.

Björn Brembs: Towards a scientific concept of free will as a biological trait: spontaneous actions and decision-making in invertebrates.Proc. R. Soc. B 22 March 2011 vol. 278 no. 1707 930-939

In simple terms, the author examined the following question: Do fruit flies have something like freedom of will? The author analyzed whether fruit flies have the ability to choose between alternative actions. According to a trivial assumption, animals of the same species will always take the same decisions if they are in excactly the same starting position. Therefore, hungry fruit flies would always move towards a possible food source.

Surprisingly, this is not the case! In the experiments, there were always some animals that showed a deviation from the expected regular behavior. We can gather that even in simple stimulus-response situations, where a basic stimulus is likely to be answered by a highly predictable reaction, there will be individuals deviating from the crowd. We will always find curious outliers among the fruit flies. Most of the times, they amount to roughly 20 percent of the respective group.

But there is more to come! If these 20 percent of the test flies are excluded and the remaining individuals are exposed to a new experiment, the deviation rate is about the same.

Flies thus seem to seek solutions to problems – instead of simply having instincts guide them. Björn Brembs concludes:

The fly cannot know the solutions to most real-life problems. Beyond behaving unpredictably to evade predators or outcompete a competitor, all animals must explore, must try out different solutions to unforeseen problems. Without behaving variably, without acting rather than passively responding, there can be no success in evolution.

The behavior of insects is never fully predictable, even in the simplest standard situations. It seems that insects have a kind of discretionary power. The freedom of trial and error gives the species an evolutionary advantage.

Decisions for or against something seem to be possible even in the largest sub-group of the animal kingdom, in the sense that invertebrate animals are not neuronally determined in their behaviour. Under absolutely identical initial conditions, genetically similar or genetically identical insects „decide“ differently even in fundamental questions of existence – for example, whether they should fly into the light or away from it!

Neurobiology – this lead science, which is so extremely hip at the moment – discusses whether something like free will can still be allowed or justified. Will freedom of will one day become obsolete, since it is becoming increasingly clear why our brain reacts the way it does?

In my opinion, Brembs‘ paper proves that neuronal processes in animals do not clearly determine their actual decision to act.

For the age-old philosophical problem of the freedom of will in humans, I think I may resume these considerations in the following words:

A biological proof that we do not have free will cannot be provided. Many findings seem to indicate that not only we humans, but also animals can use a considerable scope for decision. The fact that we can actually decide, that we are endowed with freedom of will, that we are to a large extent „masters of our own actions“, is a basic concept that is accessible through subjective introspection. Moreover, it cannot be refuted by scientific experiments.

In saying so, we do not deny that acts of will are inextricably bound to material processes – i.e. ultimately to processes among neurons, synapses, messenger substances and excitatory potentials in the brain. But these processes are only substrates, carrier substances of the will.

Any human individual is free to a considerable extent. He or she decides to do something – or decides not to. Only through such a concept of freedom will responsibility become a justifiable philosophical option. By the same token, morality, the differentiation between right and wrong become conceivable only if we accept this fundamental principle of freedom. Thus, for instance, hardly anyone will concede an excuse to a murderer if she or he claims: „I just had to kill! I was overtaken by the impulse to kill!“

Apart from few cases of utter madness or mental incapacity, we will always say: „The murderer did not have to kill. He or she must answer for the consequences of their actions.“

In this sense, I am strongly committed to the concept of human freedom.

Picture: Kreuzberg blogger talking to Berlin children about freedom, good and evil in Mozart’s Magic Flute. Picture taken at Lomonosov Elementary School Berlin in 2011

This post was originally published here on 11 February 2011. Re-edited and translated from German by this blog’s author.

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Quaeritur utrum aliqua res sit falsa – Sehnsucht aus der Jetztzeit zurück – nach Thomas von Aquin

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Aug. 072020
 

„Uns wird zehntens die Frage vorgelegt, ob es etwas Falsches gibt.“ Gibt es etwas Falsches? Oder ist es ein Widerspruch zu behaupten, das es etwas Falsches gebe? Ist denn nicht alles, was ist, wahr? Und ist denn nicht alles, was falsch ist, unwahr?

Entlang dieser Grundlinien entfaltet Thomas von Aquin in seinen Quaestionibus disputatis „de veritate“, hier articulus 10, das Problem, ob man sinnvollerweise behaupten könne, etwas Seiendes sei falsch.

Wie erfrischend ist es doch, im Pulverdampf der heutigen Publizistik und täglichen Meinungshascherei die alten Philosophen zu lesen – Immanuel Kant, Platon, Aristoteles und, ja, eben auch Thomas von Aquin. Warum denn nicht?

Mir geht es da so, wie es ein in Deutschland heute vergessener Dichter einmal gesagt und gesungen hat:

„Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen
Nach jenem stillen ernsten Geisterreich
Es schwebet nun in unbestimmten Tönen
Mein lispelnd Lied, der Äolsharfe gleich —“

Ich verordne mir immer wieder diese und einige andere Autoren aus dem stillen ernsten Geisterreich, um heftige allergische Anfälle zu heilen, die unvermeidlich sind, wenn man einigermaßen up to date bleiben will und nicht als völlig unwissender Tor und weltfremder Tölpel erscheinen mag. Und up to date wollen wir doch sein, nicht wahr?

Ein solcher allergischer Anfall hätte mich vorgestern fast erwischt, als ich ein Interview über die größten Katastrophen der heutigen Zeit las.

https://www.corpusthomisticum.org/qdv01.html

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Amica est Greta, sed magis est amica veritas

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Jan. 152020
 
Licht und Schatten, Schnee, Wolken, Hausdächer: Grautöne der verschiedensten Art. Blick vom Stadtteil Makrygianni Richtung Osten über Athen zum Kesariani-Vyronas-Wald am Hymettos, 28.12.2019

„Das wachsende Bewusstsein unserer kollektiven Unverantwortlichkeit in Umweltfragen wird Projektionsmechanismen verstärken, dank deren man die Schuld bei anderen sucht, um sich nicht selbst schämen zu müssen. Keine schönen Aussichten.

Was Hoffnung macht, ist eine Figur wie Greta Thunberg, die in der allgemeinen Verlogenheit die Wahrheit sagt. Und man darf hoffen, dass die moralischen Kräfte wachsen werden, wenn der Ernst der Krise ins allgemeine Bewusstsein gerückt sein wird.“

So schreibt es Vittorio Hösle, Professor für deutsche Literatur, Philosophie und Politikwissenschaft an der University of Notre Dame in Indiana (USA), in seinem 2019 in zweiter Auflage erschienenen Buch „Globale Fliehkräfte“. In diesem Buch, und insbesondere in Sätzen wie den eben zitierten fällt mir die unstillbare Sehnsucht des Menschen nach Wahrheit auf, die Sehnsucht nach dem Menschen, „der in der Wahrheit steht“, nach dem Menschen, der aus der Wahrheit lebt und die Wahrheit, in der er steht, auch unverhüllt ausspricht. O diese unwiderstehliche Anziehungskraft der Wahrheit, welche sich den Fliehkräften der Lüge entgegenstellt und welche beispielhaft in einzelnen, nach Wahrhaftigkeit strebenden Menschen wie etwa Greta Thunberg aufleuchtet!

Dieses aufrüttelnde Bekenntnis Vittorio Hösles zur Wahrhaftigkeit setzt darüber hinaus die Welt der Lüge – oder besser die Lügenhaftigkeit der Welt – in scharfem Hell-Dunkel-Kontrast der Wahrhaftigkeit der einzelnen Lichtgestalt gegenüber. Er erklärt sich also mit Greta Thunbergs Weltsicht einverstanden, die ja ebenfalls „der Welt“, also den Mächtigen dieser Erde, eine abgrundtiefe Verlogenheit vorwirft – und zwar in Bausch und Bogen -, ohne irgendwelche Unterschiede zwischen den Parteien und Staaten zu machen; hierfür nur zwei beliebige Beispiele aus ihrem ebenfalls 2019 erschienenen Buch „No one is too small to make a difference“:

“And yet, wherever I go I seem to be surrounded by fairytales. Business leaders, elected officials all across the political spectrum spending their time telling bedtime stories that soothe us, that make us go back to sleep… It’s time to face the reality, the facts, the science“ (Seite 86, Rede vor dem United States Congress vom 18.09.2019).

“If the emissions have to stop, then we must stop the emissions. To me that is black or white. There are no grey areas when it comes to survival. Either we go on as a civilization or we don’t“ (S. 6, Rede auf dem Parliament Square zur Extinction Rebellion, London, vom 31.10.2018).

Nun aber: Kann ein vorbildlicher Mensch, der die Wahrheit sagt, sich auch einmal irren? Kann die Welt, die in „allgemeiner Verlogenheit“ lebt, auch einmal der Wahrheit teilhaftig werden? Ich meine in beiden Fällen lautet die Antwort „Ja“. Das Reden von Wahrheit und Lüge setzt ja geradezu voraus, dass jedes Urteil auch nachprüfbar sein muss – und dass die ausgesprochene Wahrheit auch für andere Menschen erkennbar ist.

Der hier Schreibende erklärt hiermit – bei aller Sympathie für Menschen wie Greta Thunberg und Vittorio Hösle, die Sehnsucht nach der Wahrheit haben und aus der Wahrheit leben wollen – dass seiner Meinung nach die einmal erkannte Wahrheit stets von neuem befragt, bezweifelt und geprüft werden sollte. Es könnten ja neue Erkenntnisse auftauchen, die die schroffe Unterscheidung in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse in anderem Licht erscheinen lassen.

Roger Bacon hat die Einsicht in die Fehlbarkeit noch des vorbildlichsten Menschen in folgende Wendung gefasst: „Amicus est Socrates magister meus sed magis est amica veritas“ (Opus majus, pars I, cap. VII).

Quellenangaben:
Vittorio Hösle: Globale Fliehkräfte. Eine geschichtsphilosophische Kartierung der Gegenwart. Mit einem Geleitwort von Horst Köhler. 2. Aufl. Verlag Karl Alber, Freiburg 2019, S. 17-18

Greta Thunberg: No one is too small to make a difference. Penguin, London 2019

Roger Bacon Opus majus, pars I, cap. VII

https://archive.org/stream/b24975655_0003#page/16/mode/2up/search/socrates
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Vom „Ecce homo“ zum „Homo sacer“. Denkwege Giorgio Agambens

 Agamben, Apokalypse, Jesus von Nazareth, Philosophie  Kommentare deaktiviert für Vom „Ecce homo“ zum „Homo sacer“. Denkwege Giorgio Agambens
Mai 282019
 

„Nuda vita“. Detail aus dem Gemälde „Abstieg Christi in die Vorhölle“ von Andrea Mantegna. Eitempera und Gold auf Holz. Z.Zt. in der Ausstellung „Mantegna und Bellini“, Gemäldegalerie, Staatliche Museen Berlin

Vor einigen Tagen habe ich mir Giorgio Agambens Buch „Homo sacer“ in der überarbeiteten italienischen Fassung aus dem Jahr 2018 (Verlag Quodlibet, Macerata) beschafft. Gute, mutig vorgetragene Geschichten und Ansichten zu einigen zentralen Begriffspaarungen der europäischen Geistesgeschichte, wie etwa: Macht und Recht, Leben und Politik, Lebensform und Volk!

Erster auffälliger Befund für den Leser, der viel liest oder zu lesen gezwungen ist, der also wissenschaftliche Bücher von hinten, vom Literaturverzeichnis und vom Register her liest: aus dem Register der Namen und aus erster kursorischer Lektüre geht hervor, dass Jesus von Nazaret und der Philosoph Aristoteles die wichtigsten Bezugsgrößen für Agamben sein dürften, wobei Jesus, der europäische Inbegriff des homo sacer, sogar noch etwas häufiger genannt wird, mehr Platz einnimmt und wichtiger zu sein scheint als Aristoteles, den Agamben antikem und mittelalterlichem Brauch folgend gelegentlich auch schlicht il filosofo nennt. Jesus von Nazaret (Gesù di Nazaret, wie er italienisch genannt wird) scheint mir hier bei Agamben wichtiger jedenfalls als der sich weltweit so großer Beliebtheit erfreuende Walter Benjamin, der in Deutschland nicht mehr ganz so freudebringende Martin Heidegger, der ungebrochen allseits beliebte Michel Foucault … e tutti quanti. 

Auch der sehr beredte, sehr stumme Bildteil, bestehend aus 16 Farbtafeln, weist eindeutig in diese Richtung, zeigt er doch nicht weniger als 10 Mal die Hetoimasia (gr.ἑτοιμασία), also die Zurüstung des leeren Thrones Gottes mit dem Kreuz Jesu Christi, ein Bildmotiv, das an Offb 22,1-4 anschließt.

(wird fortgesetzt)

Bibliographische Angaben:
Giorgio Agamben. Homo sacer. Edizione integrale. 1995-2015. Quodlibet: Macerata 2018; hierin besonders: Tafelteil (nach S. 576); Riferimenti bibliografici, S. 1283-1341; Indice dei nomi, S. 1345-1360, hier bsd. S. 1346 und S. 1351

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Bald sind wir aber Gesang

 Agamben, Hölderlin, Italienisches, Philosophie, Singen  Kommentare deaktiviert für Bald sind wir aber Gesang
Mai 112019
 

Com’è immediatamente evidente quando si fa o si ascolta musica, il canto celebra o lamenta innanzitutto una impossibilità di dire, l’impossibilità – dolorosa o gioiosa, innica o elegiaca – di accedere all’evento di parola che costituisce gli uomini come umani.

Als besten Einstieg in das vielfach verzweigte Denken Giorgio Agambens möchte ich heute, an diesem strahlend reinen, erfrischend kühlen Maimorgen, seine tastend-lauschenden, versuchend-anfänglichen Suchbewegungen in dem schmalen Bändchen „Was ist Philosophie?“ empfehlen. Hier tritt, so meine ich, eine jugendliche Neugier hervor, ein mühselig errungener Verzicht auf das bewältigende Denken, das mithilfe eines begrifflichen Gerüstes versuchte, „der Dinge ein für allemal Herr zu werden“.

Die 13 Seiten des hier angezeigten, 2016 in den Marken (und „die Marken“, das sind bekanntlich, wörtlich genommen, „die Grenzgebiete“) erschienenen Versuches über die „Geburt des eigentlich Menschlichen aus dem Geist des Gesanges“ sind kurz, mehr noch: sie sind kurzweilig. Sie dauern nicht länger als die 13 Strophen eines elegischen Liedes.

Zitatnachweis: Giorgio Agamben: Appendice. La musica suprema. Musica e politica. In: ders., Che cos’è la filosofia? Quodlibet, Macerata 2016, S. 133-146, hier S. 135

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