Jan 152020
 
Licht und Schatten, Schnee, Wolken, Hausdächer: Grautöne der verschiedensten Art. Blick vom Stadtteil Makrygianni Richtung Osten über Athen zum Kesariani-Vyronas-Wald am Hymettos, 28.12.2019

“Das wachsende Bewusstsein unserer kollektiven Unverantwortlichkeit in Umweltfragen wird Projektionsmechanismen verstärken, dank deren man die Schuld bei anderen sucht, um sich nicht selbst schämen zu müssen. Keine schönen Aussichten.

Was Hoffnung macht, ist eine Figur wie Greta Thunberg, die in der allgemeinen Verlogenheit die Wahrheit sagt. Und man darf hoffen, dass die moralischen Kräfte wachsen werden, wenn der Ernst der Krise ins allgemeine Bewusstsein gerückt sein wird.”

So schreibt es Vittorio Hösle, Professor für deutsche Literatur, Philosophie und Politikwissenschaft an der University of Notre Dame in Indiana (USA), in seinem 2019 in zweiter Auflage erschienenen Buch “Globale Fliehkräfte”. In diesem Buch, und insbesondere in Sätzen wie den eben zitierten fällt mir die unstillbare Sehnsucht des Menschen nach Wahrheit auf, die Sehnsucht nach dem Menschen, “der in der Wahrheit steht”, nach dem Menschen, der aus der Wahrheit lebt und die Wahrheit, in der er steht, auch unverhüllt ausspricht. O diese unwiderstehliche Anziehungskraft der Wahrheit, welche sich den Fliehkräften der Lüge entgegenstellt und welche beispielhaft in einzelnen, nach Wahrhaftigkeit strebenden Menschen wie etwa Greta Thunberg aufleuchtet!

Dieses aufrüttelnde Bekenntnis Vittorio Hösles zur Wahrhaftigkeit setzt darüber hinaus die Welt der Lüge – oder besser die Lügenhaftigkeit der Welt – in scharfem Hell-Dunkel-Kontrast der Wahrhaftigkeit der einzelnen Lichtgestalt gegenüber. Er erklärt sich also mit Greta Thunbergs Weltsicht einverstanden, die ja ebenfalls “der Welt”, also den Mächtigen dieser Erde, eine abgrundtiefe Verlogenheit vorwirft – und zwar in Bausch und Bogen -, ohne irgendwelche Unterschiede zwischen den Parteien und Staaten zu machen; hierfür nur zwei beliebige Beispiele aus ihrem ebenfalls 2019 erschienenen Buch “No one is too small to make a difference”:

“And yet, wherever I go I seem to be surrounded by fairytales. Business leaders, elected officials all across the political spectrum spending their time telling bedtime stories that soothe us, that make us go back to sleep… It’s time to face the reality, the facts, the science” (Seite 86, Rede vor dem United States Congress vom 18.09.2019).

“If the emissions have to stop, then we must stop the emissions. To me that is black or white. There are no grey areas when it comes to survival. Either we go on as a civilization or we don’t” (S. 6, Rede auf dem Parliament Square zur Extinction Rebellion, London, vom 31.10.2018).

Nun aber: Kann ein vorbildlicher Mensch, der die Wahrheit sagt, sich auch einmal irren? Kann die Welt, die in “allgemeiner Verlogenheit” lebt, auch einmal der Wahrheit teilhaftig werden? Ich meine in beiden Fällen lautet die Antwort “Ja”. Das Reden von Wahrheit und Lüge setzt ja geradezu voraus, dass jedes Urteil auch nachprüfbar sein muss – und dass die ausgesprochene Wahrheit auch für andere Menschen erkennbar ist.

Der hier Schreibende erklärt hiermit – bei aller Sympathie für Menschen wie Greta Thunberg und Vittorio Hösle, die Sehnsucht nach der Wahrheit haben und aus der Wahrheit leben wollen – dass seiner Meinung nach die einmal erkannte Wahrheit stets von neuem befragt, bezweifelt und geprüft werden sollte. Es könnten ja neue Erkenntnisse auftauchen, die die schroffe Unterscheidung in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse in anderem Licht erscheinen lassen.

Roger Bacon hat die Einsicht in die Fehlbarkeit noch des vorbildlichsten Menschen in folgende Wendung gefasst: “Amicus est Socrates magister meus sed magis est amica veritas” (Opus majus, pars I, cap. VII).

Quellenangaben:
Vittorio Hösle: Globale Fliehkräfte. Eine geschichtsphilosophische Kartierung der Gegenwart. Mit einem Geleitwort von Horst Köhler. 2. Aufl. Verlag Karl Alber, Freiburg 2019, S. 17-18

Greta Thunberg: No one is too small to make a diffence. Penguin, London 2019

Roger Bacon Opus majus, pars I, cap. VII

https://archive.org/stream/b24975655_0003#page/16/mode/2up/search/socrates
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Mai 282019
 

“Nuda vita”. Detail aus dem Gemälde “Abstieg Christi in die Vorhölle” von Andrea Mantegna. Eitempera und Gold auf Holz. Z.Zt. in der Ausstellung “Mantegna und Bellini”, Gemäldegalerie, Staatliche Museen Berlin

Vor einigen Tagen habe ich mir Giorgio Agambens Buch “Homo sacer” in der überarbeiteten italienischen Fassung aus dem Jahr 2018 (Verlag Quodlibet, Macerata) beschafft. Gute, mutig vorgetragene Geschichten und Ansichten zu einigen zentralen Begriffspaarungen der europäischen Geistesgeschichte, wie etwa: Macht und Recht, Leben und Politik, Lebensform und Volk!

Erster auffälliger Befund für den Leser, der viel liest oder zu lesen gezwungen ist, der also wissenschaftliche Bücher von hinten, vom Literaturverzeichnis und vom Register her liest: aus dem Register der Namen und aus erster kursorischer Lektüre geht hervor, dass Jesus von Nazaret und der Philosoph Aristoteles die wichtigsten Bezugsgrößen für Agamben sein dürften, wobei Jesus, der europäische Inbegriff des homo sacer, sogar noch etwas häufiger genannt wird, mehr Platz einnimmt und wichtiger zu sein scheint als Aristoteles, den Agamben antikem und mittelalterlichem Brauch folgend gelegentlich auch schlicht il filosofo nennt. Jesus von Nazaret (Gesù di Nazaret, wie er italienisch genannt wird) scheint mir hier bei Agamben wichtiger jedenfalls als der sich weltweit so großer Beliebtheit erfreuende Walter Benjamin, der in Deutschland nicht mehr ganz so freudebringende Martin Heidegger, der ungebrochen allseits beliebte Michel Foucault … e tutti quanti. 

Auch der sehr beredte, sehr stumme Bildteil, bestehend aus 16 Farbtafeln, weist eindeutig in diese Richtung, zeigt er doch nicht weniger als 10 Mal die Hetoimasia (gr.ἑτοιμασία), also die Zurüstung des leeren Thrones Gottes mit dem Kreuz Jesu Christi, ein Bildmotiv, das an Offb 22,1-4 anschließt.

(wird fortgesetzt)

Bibliographische Angaben:
Giorgio Agamben. Homo sacer. Edizione integrale. 1995-2015. Quodlibet: Macerata 2018; hierin besonders: Tafelteil (nach S. 576); Riferimenti bibliografici, S. 1283-1341; Indice dei nomi, S. 1345-1360, hier bsd. S. 1346 und S. 1351

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Mai 112019
 

Com’è immediatamente evidente quando si fa o si ascolta musica, il canto celebra o lamenta innanzitutto una impossibilità di dire, l’impossibilità – dolorosa o gioiosa, innica o elegiaca – di accedere all’evento di parola che costituisce gli uomini come umani.

Als besten Einstieg in das vielfach verzweigte Denken Giorgio Agambens möchte ich heute, an diesem strahlend reinen, erfrischend kühlen Maimorgen, seine tastend-lauschenden, versuchend-anfänglichen Suchbewegungen in dem schmalen Bändchen “Was ist Philosophie?” empfehlen. Hier tritt, so meine ich, eine jugendliche Neugier hervor, ein mühselig errungener Verzicht auf das bewältigende Denken, das mithilfe eines begrifflichen Gerüstes versuchte, “der Dinge ein für allemal Herr zu werden”.

Die 13 Seiten des hier angezeigten, 2016 in den Marken (und “die Marken”, das sind bekanntlich, wörtlich genommen, “die Grenzgebiete”) erschienenen Versuches über die “Geburt des eigentlich Menschlichen aus dem Geist des Gesanges” sind kurz, mehr noch: sie sind kurzweilig. Sie dauern nicht länger als die 13 Strophen eines elegischen Liedes.

Zitatnachweis: Giorgio Agamben: Appendice. La musica suprema. Musica e politica. In: ders., Che cos’è la filosofia? Quodlibet, Macerata 2016, S. 133-146, hier S. 135

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Mrz 022019
 


ἐπηρώτα αὐτούς· τί ἐν τῇ ὁδῷ διελογίζεσθε; πρὸς ἀλλήλους γὰρ διελέχθησαν ἐν τῇ ὁδῷ τίς μείζων

“Er fragte sie: worüber habt ihr euch unterwegs auseinandergesetzt? Sie hatten sich nämlich auseindergesetzt, wer größer ist.”

Nun, an einem Stehtisch lauschte ich kürzlich, genüßlich eine Focaccia kauend, einer gelehrten Unterhaltung zweier Kunstfreunde. Das Thema lautete: Wer ist größer, Mantegna oder Bellini?

Diese Frage – “Wer ist größer?” ist wohl alt, sehr alt. Der Evangelist Marcus, aus dem wir eingangs zitierten, hat uns ein hübsches kleines Gespräch mehrerer Wanderer überliefert. Er rahmt dieses Gespräch sehr passend ein in eine Rahmenhandlung. Framing, also Rahmung, nennt sich das heute bekanntlich, obwohl die Sache alt ist und schon einen Bart hat. Ich selber weiß die Antwort auf die Frage nicht, wer von den beiden der größere ist, Mantegna oder Bellini. Sehr wohl aber haben wir Hinweise darauf, was die Menschen meinen, wenn sie sagen: Dieser oder jener war ein großer Mann.

Was ist das eigentlich, ein großer Maler, ein großer Mann, ein großer Mensch? Die soeben glanzvoll eröffnete Ausstellung “Mantegna und Bellini” bietet reichlich Gelegenheit, über diese Frage nachzudenken.

Wer ist ein großer Mann? Gaius Julius Caesar? Ja! Nach allem, was wir wissen, galt Gaius Julius Caesar als der größte Mann unter allen Lebenden seiner Zeit. Nicht zufällig wurde er als einer der wenigen Menschen zu Lebzeiten bereits durch Senatsbeschluss zum Gott erklärt. Wir haben steinerne Belege dafür spätestens seit seinem Sieg bei Thapsus im Jahr 46 vor Christus. Inschriften nennen ihn MP·C·IVLIVS·CAESAR·DIVVS: Imperator Gaius Iulius Caesar Divus.

So haben wir eine erste eindeutige Antwort auf die Frage, wer ein großer Mann ist: Gaius Julius Caesar ist in mancherlei Hinsicht der größte Mensch seiner Zeit gewesen. Dafür haben wir zahlreiche Zeugnisse.
Dass an der Größe Caesars keine Zweifel bestehen konnten und können, kann als ausgemacht gelten. Darüber braucht man nicht zu diskutieren. Eine andere Frage ist, ob der Evangelist Marcus dem so zustimmen würde. Gewusst hat er es sicher, dass die Menschen weltweit so denken.

Und so sahen ihn, so hörten, sie verehrten die Römer mit Trompeten diesen großen, den größten Mann seiner Zeit: mit pausbäckigen Musikanten, dickbauchigen Krügen, schmetterndem Schall, wogendem Gedränge:

“Divo Julio Caesari”. Holzschnitt von Andrea Andreani nach der Bilderserie von Mantegna: “Der Triumphzug Caesars”. Kupferstichkabinett Berlin. Derzeit zu sehen in der Gemäldegalerie Berlin in der Ausstellung “Mantegna und Bellini”.

Das griechische Zitat zu Beginn dieser Betrachtung haben wir dem Evangelium des Markus entnommen (Mk 9,34).

https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/mantegna-und-bellini.html

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Jul 052018
 


Zu den erregendsten geistigen Erfahrungen überhaupt gehört es für mich, das Zusammenfließen, das streitige Miteinander-Ringen jüdischen und griechischen Sprachdenkens nachzuzeichnen. Ich könnte ein ganzes imaginäres Kupferstichkabinett mit Blättern aus der Geschichte dieses jahrtausendealten Versuches anhäufen! Einen herausgehobenen Platz nähme in diesem Kabinett zweifellos das vierte Evangelium ein.

Über etwa drei Jahrhunderte hinweg führten griechisches und jüdisches Denken eine besonders intensive Gesprächsbeziehung, und in genau diesen Jahrhunderten bildete sich das nachbiblische Judentum heraus; es entstanden aber auch auch die vier Evangelien, unter denen wiederum dem vierten, dem Johannesevangelium eine einzigartige Scharnierfunktion zukommt.

An einer intensiven Einbettung des Prologs zum Johannesevangelium in den Kontext der zeitgenössischen Midraschim versucht sich der in London und Melbourne lehrende Andrew Benjamin.

Ein genaues Nachlesen pagan-griechischer und geistlich-hebräischer Quellen führt ihn zu dem Schluss, dass insbesondere der erste berühmte einleitende Vers Joh 1,1 – wie mehrfach von dem hier Schreibenden behauptet – in der Tat vorrangig als Gerichtetsein, als Unterwegssein zu deuten und zu übersetzen ist. Eine dynamische, spannungsvolle, nicht ausschöpfbare Beziehung, die jeden dogmatischen Einhegungs- und Festlegungsversuch unterläuft! Benjamin fasst dies in Anlehnung an Franz Rosenzweig in die Wendung: “A continual state of being on the way”.

Beleg:
Andrew Benjamin: Hermeneutics and Judaic Thought, in: The Routledge Companion to Hermeneutics. Edited by Jeff Malpas and Hans-Helmuth Gander. Routledge, Oxon, New York 2015, S. 692-706, hier besonders S. 694

Bild:
Surferin auf stürmischer See. Antoniusaltar. Klosterkirche St. Anna im Lehel

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Jun 152018
 


Kurzes Innehalten auf dem Fahrrad heute beim Befahren der Bamberger Straße, beim Nachsummen einiger Wortgleichungen verschiedener Sprachen. Nachsinnen über einige Probleme der sprachanalytischen Philosophie.

Alfred Tarski sagt: “If the domain A is infinite, then a sentence S of the language L is correct in A if and only if S is deducible from T and the sentences saying that the number of elements of A is not any finite number.” Tarskis Wahrheitsbegriff scheint also axiomatisch von einer Mehrheit von Sprachen auszugehen. Wir könnten nur dann von Wahrheit begrifflich sprechen, wenn wir von einer Mehrheit an Sprachen ausgingen? Und ohne Übersetzbarkeit bliebe jede Aussage über etwas Nichtsprachliches sinnlos?

Hmmm. Du hältst dein Fahrrädle an. Wolltest du hier in Schöneberg nicht noch jemandem einen Besuch abstatten, der nicht mehr hier wohnt? Wer war dies doch, hier um die Ecke in der Haberlandstraße 5, der heutigen Haberlandstraße 8? Was würde der ehemalige Bewohner wohl zu dem Wahrheitsbegriff Alfred Tarskis sagen?

Von September 1917 bis Dezember 1932 wohnte er hier. Vor hundert Jahren wäret ihr Bezirksnachbarn gewesen.

Eines ist sicher: Sein Deutsch ist eine der besten deutschen Sprachen, die du letzthin gelesen hast. Seine persönlichen Briefe, die du gerade liest, bersten von Heiterkeit, funkeln vor Ironie, bisweilen unflätig wie Mozarts Bäslebriefe, sie sind durchtränkt von unvordenklicher, unauslotbarer Schwermut. Sein wissenschaftliches Deutsch hingegen ist streng und trocken, dabei in Satzbau und Genauigkeit des Wortschatzes durchaus ebenbürtig dem Lateinischen eines Titus Livius, eines Marcus Tullius Cicero. Professorendeutsch im besten Sinne! Sowohl in seinen Briefen wie in seinen wissenschaftlichen Schriften ist der Vf. auch heute noch durchaus empfehlenswert. Lesenswert und hinreißend!

Ja, hier war es, und du kannst es dir vorstellen. Über das Turmzimmer in der Haberlandstraße kannst du lesen:

“Regale voller Bücher, Zeitschriften und Seperatdrucken, ein wenig erhöht auf einem Podest vor einem der beiden kleinen Fenster ein Schreibtisch und ein Stuhl, und an den Wänden Drucke von Isaac Newton und Michael Faraday. Dies war sein war sein Reich, wo nicht aufgeräumt werden durfte, sondern nur vorsichtiges Staubwischen erlaubt war. Hier hat er gearbeitet, die ihm genehmen Gäste empfangen, und hier residierte auch das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik.”

Videoaufnahme: heute, Klock 12, Haberlandstraße 8, Schöneberg

Zitate:
zu Tarski:
https://plato.stanford.edu/entries/tarski-truth/

zur Haberlandstraße:
Albrecht Fölsing: Albert Einstein. Eine Biographie. Suhrkamp, 7. Auflage, Frankfurt 2017, S. 481

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Dez 122017
 


Im Unterrrichtsgespräch mit der Maestra modello ergab sich gestern jenes Gefühl des Singens im alldimensionalen Raum. Was heißt das? Nun, die Stimme des Sängers ist mitnichten nur nach vorne hin, zum Publikum also gerichtet. Sie strahlt vielmehr ebenso sehr nach unten, nach hinten und nach oben hin aus – in alle drei Dimensionen des euklidischen Raums also. Daneben aber erstreckt sie sich auch in die Binnendimension des Körpers des Singenden, denn der Ton soll buchstäblich Körperfülle gewinnen. In die zeitliche Dimension des Vorher und des Nachher, in die geistige Dimension des Verschollenen und Versteckten, in das augenfällige Aufstrahlen des optischen Wahrnehmens, in die taktile Erschütterungsdimension des Leidenschaftlichen langt der Ton des Sängers hinein. In beliebig viele Dimensionen lässt sich also die Singstimme einspannen, vergleichbar der in den Saitenhalter eingespannten Saite. Der “Ton” ist ja der “Tonus”, die Spannung also, welche in die verschiedenen Dimensionen gewissermaßen eingehängt ist.

So ergibt sich also unser Ideal: das Singen im alldimensionalen Raum.

In der Quantenmechanik hat sich übrigens durchaus der Ausdruck alldimensional eingebürgert. So lassen sich – um ein beliebiges Beispiel herauszugreifen – in alldimensionalen Rechenmodellen theoretisch die komplexen Wechselwirkungen zwischen molekularem Wasserstoff und Kohlenmonoxid in einem sehr weit gefassten Temperaturbereich erfassen und berechnen:

J Chem Phys. 2017 Feb 7;146(5):054304. doi: 10.1063/1.4974993.
All-dimensional H2-CO potential: Validation with fully quantum second virial coefficients.
Garberoglio G1, Jankowski P2, Szalewicz K3, Harvey AH4.

Klimamodelle wiederum beruhen heute auf derartigen hochkomplexen Gleichungen nichteuklidischer Art, bei denen zahlreiche Unbekannte gleichzeitig einfließen und so mögliche Entscheidungspfade beschreiben, die freilich stets mit Unsicherheitskoeffizienten behaftet sind; von daher lässt sich schon aus theoretischen Gründen die unhaltbare Annahme widerlegen, aus Klimaberechnungen könnten sich eindeutige Handlungsempfehlungen für die staatliche oder zwischenstaatliche Politik ergeben, etwa des Typs: “Alles kommt darauf an, den Kohlendioxidgehalt unter der Schwelle von x ppm Kohlendioxid zu halten. Sonst ist alles aus. Das Klima kippt unumkehrbar, sobald die Schwelle von x ppm Kohlendioxid überschritten ist.” Eine nähere Befassung mit alldimensionalem Denken immunisiert gegen derartige Versuchungen des allzu leichtfertigen Denkens.

Bild: Diese syrischen Busse stehen physikalisch zunächst im dreidimensionalen euklidischen Raum vor dem Brandenburger Tor. Aber sie sind phänomenologisch eingespannt in zahlreiche Verweisungszusammenhänge, die wir als n-te Dimensionen beschreiben können. Erst eine alldimensionale Beschreibung würde der Bedeutung dieser beiden Busse gerecht.
Aufnahme vom 23. November 2017

 Posted by at 23:02
Okt 182017
 

Eine ungelöste Frage bleibt die Einhaltung der Verkehrsregeln durch Erwachsene bei der Begegnung mit den schwächsten Menschen, den Kindern. Wird es mir je gelingen, auch nur einen Erwachsenen zum Absteigen im Schulhof der Schöneberger Teltow-Grundschule zu bewegen? Wie, wenn ich die Erwachsenen auf Immanuel Kant verwiese, ihnen einschärfte, dass wir allezeit gemäß diesem wohl bedeutendsten Philosophen deutscher Sprache so handeln sollten, als könnte die Maxime unseres Handelns zugleich Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung sein? Wer kräht denn danach? Wer liest oder kennt heute unter den Deutschen noch Kant? Wer ließe sich durch allgemeine philosophische Überlegungen zu einer Verhaltensänderung bewegen?

Solches Sinnieren befällt mich unwillkürlich manches Mal, doch wische ich diese trüben Gedanken über den kulturell so dürftigen, so armseligen Zustand des deutschen Vaterlandes gern beiseite, wenn mir etwas Schönes begegnet.

So auch heute! Ich schob mein Fahrrad gedankenverloren über den Schulhof der Grundschule, da sprang mir ein Mädchen entgegen, das sich aus einer Gruppe von spielenden Kindern gelöst hatte!

Welche Botschaft brachte es mir? Es reichte mir lächelnd ein handgeschriebenes Zettelchen entgegen und lief sofort ängstlich weg. Was stand auf dem Zettelchen?  “Danke fürs Absteigen!” las ich. Ich las es und da lachte mir das Herz! O ihr Kinder, ihr bezwingt noch den melancholischsten Philosophen! Selbst ein Immanuel Kant hätte kurz von seinem kategorischen Imperativ oder seinen transzendentalen Bedingungen einer jeglichen Erkenntnis abgesehen, die irgend Anspruch auf den festen Gang einer Wissenschaft würde Anspruch erheben können. Er hätte sich rühren lassen.

So wie ihr mich angerührt habt. Ihr habt mein Herz erobert. Kant hin, Goethe her. Das ist Musik in meinem Herzen, wie sie ein J.S. Bach nicht schöner komponieren könnte.

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Feb 182017
 

Immer wieder gerate ich als vorbeigehender Zeuge in  Unterredungen zwischen Kindern und erwachsenen Radfahrern, die einen Schulhof, dessen Gelände auf das allgemeine Straßenland hinausreicht und das deutlich an beiden Einfahrten ein Verkehrszeichen “Radfahren verboten” aufweist, ungescheut auf ihrem Rad durchfahren. Sehr zum Unwillen der Kinder! Sie rufen dann: “Absteigen bitte!” “Aussteigen bitte, das ist ein Schulhof!”

Umsonst! Ich höre dann von den Erwachsenen, die von den Kindern um das Absteigen gebeten werden, irgendwelche Rechtfertigungen oder auch barsche Knurrlaute, etwa in folgender Art: “Ich passe schon auf!”, “Das seh ich nicht ein, hier kommt ja niemand”, “Haltet das Maul” usw. usw.

Sind Verkehrszeichen oder überhaupt Vorschriften – wie etwa hier das VZ 254 “Verbot für Radfahrer” – nur dann zu beachten, wenn man deren Sinn einsieht? Soll man Regeln nur dann befolgen, wenn man sie gut findet?

Ich selbst befuhr übrigens vor Jahrzehnten ebenfalls als Achtklässler ohne Zögern einige Male den Schulhof mit dem Fahrrad, obwohl ich wusste, dass dies verboten war und mich der Rex sogar erwischt hatte. Mich leitete dabei die Maxime: “Ich weiß selbst, was ich verantworten kann, ich sehe doch, dass da niemand kommt. Und wenn jemand mir in die Quere kommt, dann bremse ich rechtzeitig.”

Zwei Jahre später, in der 10. Klasse,  las ich dann als Hinführung zu der “Kritik der praktischen Vernunft” Immanuel Kants “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten”, erschienen in Riga 1785; Kant hinterließ damals mit seinen drei Kritiken einen ungeheuerlichen, bis heute nachwirkenden Eindruck auf mich, und seither begleitet mich die beständige Selbstbefragung und Selbstprüfung: “Was wäre, wenn jeder dieser Maxime folgte? Würde ich wollen können, daß meine Maxime ein allgemeines Gesetz werde?”

Die Antwort lautete damals nein und lautet heute nein. Man muss Vorschriften auch dann befolgen, wenn man deren Sinn nicht einsieht.

Ich meine darüber hinaus, dass hier auf diesem Schulhof geradezu die sittliche Pflicht für Erwachsene besteht, den Kindern als Vorbild zu dienen und sich an die Verkehrsregeln zu halten. Auf diesem Schulhof abzusteigen stellt auch keine unzumutbare Härte dar, denn auch der eilige Radfahrer verliert nur etwa eine Minute Lebenszeit. Lebenszeit, die er dazu nutzen kann, mit den Kindern oder den Lehrern zu plaudern.

Was sollen die kleinen Grundschulkinder (ab Klasse 1) von uns Großen halten, wenn sie sehen, dass die meisten Radfahrer an dieser Stelle so offensichtlich und trotz aller Bitten der Kinder die Regeln missachten, die hier zum Schutz der kleinen Kinder erlassen worden sind?

Man bedenke: Für Kinder sind alle Erwachsenen irgendwie die Großen. Und “die Großen” halten sich nicht an die Gebote. Und das ist schlecht für die Kinder, weil die Großen damit ihre Achtung verlieren. Und die Kleinen können keinen Sinn für das Rechtschaffene, für die Redlichkeit entwickeln, die doch recht eigentlich Gesellschaften zusammenhält.

Bild: Szene  auf dem Schulhof heute, am Vormittag

Leseempfehlung für die Großen:

Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Riga, bey Johann Friedrich Hartknoch. 1785. Hier bsd. S. 52: “Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.”

 

 Posted by at 20:35
Feb 062017
 

[8.7.17] Tunc uero quanto ardentius amabam illos de quibus audiebam
salubres affectus, quod se totos tibi sanandos dederunt, tanto
exsecrabilius me comparatum eis oderam, quoniam multi mei anni me cum
effluxerant (forte duodecim anni) ex quo ab undeuicesimo anno
aetatis meae, lecto Ciceronis Hortensio, excitatus eram studio
sapientiae […]

Eine erneute rasche, den Text überfliegende Lektüre des achten Buches in des Augustinus Confessiones bestätigt mir soeben ein zentrales Motiv dieses so prägenden abendländischen Philosophen, nämlich den vulkanisch empordrängenden, ihn gewissermaßen von hinten durchschüttelnden Selbsthaß, den Augustinus mehrfach als notwendiges Stadium seiner Bekehrung in glühenden Farben schildert; eine Stelle sei hier oben noch einmal zum Beleg angeführt (CONFESSIONES VIII, 7, 17).

Selbsthaß, odium sui, das ist auch das beständige Grundgefühl, das die Wittenberger Thesen des Augustiners Martin Luther als Treibsatz durchherrscht! Und diese Grundstruktur des Lutherischen Empfindens, Lehrens, Handelns ist, so meine ich, ohne Augustinus nicht denkbar. Lese ich Luther in seinen lateinischen Briefen und Schriften, etwa an den Bibelübersetzer Johannes  Lange, so meine ich die Stimme des Augustinus überdeutlich herauszuhören, bis hinein in Einzelheiten des Sprachgebrauchs!

4.  Wittenberger These: Manet itaque poena, donec manet odium sui (id est poenitentia vera intus), scilicet usque ad introitum regni caelorum.

Übersetzt: So bleibt also die Strafe, solange der Selbsthaß bleibt (d.h. die wahre Buße innen drin), also bis zum Eintritt des Reiches der Himmel.

Ein anderes erklärendes Wort für Selbsthaß dürfte übrigens Selbstverwerfung sein. Der Sündige verwirft sich selbst, denn er fühlt sich von Gott verworfen; er empfindet sich als hassenswert. Und er haßt sich wirklich.

Immerwährendes Sündenbewusstsein, nahezu ewiger Selbsthaß! Eine kulturell bedingte Erbsünde des augustinischen Christentums, weltgeschichtlich verstärkt durch Luthers Thesenanschlag von 1517?

Dauernder Selbsthaß, ist das noch christlich? Predigte Jesus je, man solle sich selbst hassen?  Man sollte es nicht vorschnell ausschließen! Wo predigt Jesus den Haß? Hierzu fällt einem sicherlich sofort die folgende Stelle en:

εἴ τις ἔρχεται πρός με καὶ οὐ μισεῖ τὸν πατέρα ἑαυτοῦ καὶ τὴν μητέρα καὶ τὴν γυναῖκα καὶ τὰ τέκνα καὶ τοὺς ἀδελφοὺς καὶ τὰς ἀδελφὰς ἔτι τε καὶ τὴν ψυχὴν ἑαυτοῦ, οὐ δύναται εἶναί μου μαθητής.

Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und seine Mutter und seine Frau und seine Kinder und seine Brüder und ferner auch seine Schwestern und auch seine eigene Seele, kann er nicht mein Schüler sein (Lk 14,26, eigene Übersetzung).

Antwort: Der Bußprediger Jesus – er war ja auch ein recht unbequemer Bußprediger, nicht nur wohltätiger Heiler und Befreier – predigte gelegentlich in bestimmten Zusammenhängen seinen Schülern durchaus den Haß, er kannte zweifellos den Haß aus eigener Erfahrung, ja er forderte gewissermaßen den Haß, auch den Selbsthaß als notwendiges Durchgangsstadium auf dem Weg zur Wahrheit. Eum hominem esse et nil humani ab eo alienum esse puto! Er ist, so glaube ich, ein Mensch und nichts Menschliches ist ihm fremd.

Aufs ganze gesehen überwiegt aber bei Jesus zweifellos nicht das Gebot des  Hasses, sondern das Liebesgebot.  Liebe zu Gott, Liebe zum Nächsten, Liebe zum eigenen Selbst,  diese drei erscheinen immer wieder geradezu unlösbar ineinander verschränkt (z.B. Mt 22,34-40). Das ist gewissermaßen die grundlegende Dreifaltigkeit, die Trinität, zu der Jesus wie zu einem Angelpunkt wieder und wieder gelangt! Jesus lehrte die Liebe gerade nicht als Selbstsorge, nicht als reflexive Selbst-Erhellung, überhaupt nicht als bloßes Selbstverhältnis, wie dies etwa der von Platon herkommende Philosoph Augustinus in De trinitate später so glänzend und packend versucht hat, sondern als Einigung im dreifachen Verhältnis zum anderen, zum eigenen Selbst und zu Gott.

Die Trinität aus Vater, Sohn und heiligem Geist hat Jesus Christus selbst ebenfalls nicht gelehrt; die Lehre von der Dreifaltigkeit  ist eine spätere Entdeckung der Kirchenlehrer, unter denen wiederum Augustinus eine wesentliche Rolle spielt.

 

 Posted by at 17:48