Apr 112013
 

2013-04-07 11.17.27

Bitte etwas mehr Differenzierung! Wir Polen/Deutsche/Russen/Juden  sind oder waren nicht alle so, wie ihr denkt … !“ So kann man es immer wieder bei geschichtlichen Debatten hören.

Gestern schlugen Studentinnen (?) und Studenten (?) der Humboldt-Universität bei einer grandios-simplifikatorischen Niederbrüllaktion gegen den Bundesverteidigungsminister vor, man solle einfach Deutschland abschaffen, dann würde auch der Krieg abgeschafft. „Nie wieder Krieg, nie wieder Deutschland!“ verkündeten sie grölend und plärrend, aber auch durch ein deutlich sichtbares Laken (Leichentuch?) gegen Deutschland. Hier kommt das entsprechende Video mit der zitierten Aufschrift:

http://www.youtube.com/watch?v=R65c3s0UjaQ

Könnte man also durch die von den Studierenden beabsichtigte Selbstauflösung Deutschlands zugleich den Krieg weltweit abschaffen? „So einfach ist es nicht!“

„Bitte etwas mehr Differenzierung!“ Tja, wer wollte dem widersprechen! Mehr Differenzierung tut immer gut. Aber daneben gilt es doch auch, das große Ganze in den Grundlinien zutreffend, einigermaßen vollständig zu zeichnen. Wir brauchen auch das holzschnittartige Geschichtsbild!

Ein einigermaßen zureichendes, holzschnittartiges Gesamtbild der europäischen Entwicklungen, wie es etwa in „Unsere Mütter, unsere Väter“ versucht wird,  ist aber ohne Einbeziehung der auf militärische Expansion zielenden Politik der Sowjetunion und auch Polens in den Jahren 1920-1941 nicht möglich.

Und so fällt mir an dieser wie auch an zahlreichen anderen Debatten immer wieder auf, dass das gesamte Schicksal Ostpolens in den Jahren 1919-1941 von den Nichtpolen, darunter offenbar auch vom ZDF, nahezu vollständig vergessen oder schlicht ignoriert wird. Hier, im damaligen Ostpolen bzw. der heutigen Ukraine wurde beispielsweise 1920 ein erbitterter Krieg zwischen Polen und der Sowjetunion ausgefochten, dessen Folgen sich weit in die 40er Jahre hineinschleppten. Polen gewann damals den bis heute historisch nicht völlig aufgearbeiteten Krieg und konnte ganz erhebliche Gebietsgewinne verbuchen.

Im September 1939 wiederum überfiel im Gegenzug die Sowjetunion mit ihren Truppen Polen von Osten her und besetzte die Osthälfte des gemeinsam mit Deutschland unterworfenen Landes. Damit trägt die Sowjetunion ab 1939 eine maßgebliche Beteiligung an der Entstehung der Verkettung all jener militärischen Konflikte, die später, etwa ab August 1941, in grober, holzschnittartiger  Vereinfachung als „2. Weltkrieg“ zu bezeichnen ist.

Erstaunlicherweise sind die Russen sogar heute teilweise immer noch der irrigen Meinung, für sie habe der 2. Weltkrieg erst im August 1941 begonnen. So war es aber nicht. Die Russen waren von Anfang an, ab September 1939  Teilhaber und Spießgesellen  der deutschen Beutezüge. Die Armeen des Deutschen Reiches und der Sowjetunion feierten denn auch ihren gemeinsam errungenen raschen Sieg über Polen am 22.09.1939 in einer großen gemeinsamen Parade in Brest-Litowsk. Deutschland und Russland blieben bis August 1941 enge militärische Partner und Verbündete gegen die Polen, die Briten und die Franzosen. Sowjets und Deutsche standen einander im Ausmaß des gegen die Polen, Juden, Ukrainer und Weißrussen verübten Terrors und der Vernichtung wohl kaum nach.

Ähnlich den Deutschen begingen die Sowjets, also die „Russen“, wie sie damals genannt wurden, schwerste Massenverbrechen: Massenerschießungen, Verschleppungen, Massendeportationen, Ausplünderung von Hab und Gut auf dem eroberten Territorium. Diese gut dokumentierten, aber während der Herrschaft des Kommunismus verleugneten Tatsachen sind bis heute  leider außerhalb Polens und außerhalb der Zunft der Osteuropahistoriker fast unbekannt. Auch in den Massenmedien – etwa bei Filmemachern – scheinen sie überwiegend nicht geläufig zu sein. Ein zureichendes Gesamtbild der europäischen Entwicklungen ist aber ohne Einbeziehung der auf militärische Expansion zielenden Politik Polens und der Sowjetunion in den Jahren 1920-1939 nicht möglich.

via „Unsere Mütter, unsere Väter“: ZDF reagiert auf Polen-Kritik mit neuer Doku – Medien – Tagesspiegel.

Bild: Blick entlang der Topographie des Terrors auf die Wilhelmstraße während des Halbmarathons am vergangenen Sonntag

 Posted by at 14:00

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