Dez 102015
 

Einen wertvollen Denkanstoß zu unserer Besinnung auf das, was die deutsche Leitkultur oder überhaupt die nationalen Leitkulturen Europas ausmacht, lieferte im Jahr 1856 der Dichter Ernst Moritz Arndt.

Seine Formel für den Grundbestand der europäischen Nationalkulturen lautete damals: Griechische Antike und Bibel.

Die Weisheit des hartnäckig fragenden Sokrates mit dem Schatz der Bibel zusammengebracht – das ist in der Tat, in gröbster Vereinfachung, das Basiswissen unserer europäischen Nationalkulturen. Dies gilt, so meine ich, in dieser Allgemeinheit völlig unspezifisch für Polen, Russen, Griechen, Deutsche, Franzosen, für Juden, Muslime, Christen und Atheisten gleichermaßen!

Das sind die unerlässlichen Grundzutaten der vorwaltenden Kulturen aller europäischen Völker. Die Mischung im Teig variiert, aber die Ausgangsstoffe sind überall dieselben.

Und das Nationale, das Eigentümliche der europäischen Völker, des Europas der 47 europäischen Staaten? Es tritt in Form von “Zuschlagstoffen” hinzu. Aber der Teig, die Masse als solche bleibt dieselbe.

Die Bibel und der größte Zweifler, der wegen Gotteslästerung und Jugendverführung hingerichtete Skeptiker der hellenischen Antike in verlässliches Deutsch übersetzt, das dürfte einen großen Teil unserer deutschen Leitkultur ausmachen. Sie, die nationalen Leitkulturen Europas, sind allesamt Übersetzungskulturen! Nachfolgekulturen der griechischen Antike und der griechisch übersetzten Bibel sind es samt und sonders! Ohne Kenntnis der griechischen Antike und der Bibel kann man die europäischen Leitkulturen nicht würdigen und nicht verstehen.

Wer hätte das gedacht! Ausgerechnet bei Ernst Moritz Arndt finden wir dieses Grundschulwissen! Ein langer Weg, den er seit seinen Anfängen zurückgelegt hat!

Lest selbst, diskutiert diese steile These!

Ernst Moritz Arndt
Der Dämon des Sokrates

Sokrates, der große Geisteskämpfer,
Hatte einen Flüstrer und Erreger,
Einen Weiser Leiter Halter Dämpfer
Und auch Diener und Laternenträger,
Wo es galt durch Finsterniß zu wanken.
Dieser Ohrenflüstrer Haucher Lauscher,
Aller seiner Triebe und Gedanken
Kluger Mitdurchsprecher Gegentauscher
Galt ihm, wie uns Andern das Gewissen;
Dämon schalt er ihn und all sein Wissen,
All sein Ahnen Lieben Denken Wollen –
Wie in uns auch Geisterchen sich rollen –
Schob er diesem Führer zu und Folger.

Ach! ruft Jeder, lebt noch wo ein Solcher?
Sind sie denn erloschen jene Sterne,
Woher solche Folger Menschen kamen?

O ihr Gaffer, Greifer in die Ferne!
Könnt ihr des Begleiters kurzen Namen,
Jenes weisen, gottgeweihten Griechen,
Euch in gutes Deutsch nicht übersetzen?
Müsset durch den Hochmuth doppelt siechen?
Drum herunter von den hohen Stufen!
Auf die Bank der Schüler mit der Fibel!
Dort wird auch der Kleinste lachend rufen:
Das war ja der Engel aus der Bibel.

Quelle:
Gedichte 1830-1900. Nach den Erstdrucken in zeitlicher Folge herausgegeben von Ralph-Rainer Wuthenow. [=Epochen der deutschen Lyrik. Herausgegeben von Walther Killy, Band 8], Deutscher Taschenbuch Verlag, 2. Aufl., München 1975, S. 237

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