Turgenjews Liebe zur Wahrheit, zur Freiheit, zum Guten

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Aug. 242014
 

Turgenjew 2014-08-10 09.08.38

„Die Literatur ist kein Echo, sie spricht auf ihre Art über das Leben und das Lebensdrama. Turgenjew hat vielfach die Liebe der russischen Menschen zur Wahrheit, zur Freiheit und zum Guten beschrieben.“ So schrieb der Chemiker, Rotarmist, Journalist, Frontkämpfer, Kommunist Wassili Grossman, 1905 in Berditschew in der Ukraine geboren, im Jahr 1962 in seinem Brief an den Ersten Sekretär des ZK der KPdSU, Nikita S. Chruschtschow.

Grossman – seiner  Herkunft nach ein Russe, ein Jude, ein Ukrainer – war wie die allermeisten anderen Ukrainer, die allermeisten anderen Juden, die allermeisten anderen Russen vom tiefen Glauben an die Wahrheit, die Freiheit, an das Gute beseelt. In den Schrecken der Geschichte des 20. Jahrhunderts versuchte er, Fingerzeige eines Gottes zu erkunden, an den er keineswegs mehr glaubte. Er sprach deshalb lieber als von dem nichtexistenten Gott des Judentums von „Schicksal“, und „Leben und Schicksal“ ist denn auch der Titel seines großen, riesenhaften Romans, in dem er den deutsch-sowjetischen Krieg einfing. Der Roman wurde 1961 beschlagnahmt, 1962 versuchte der Autor vergeblich, für das beschlagnahmte Manuskript ein gutes Wort bei Chruschtschow einzulegen. 1964 starb Grossman, 1980 konnte das Buch erstmals auf Russisch in der Schweiz erscheinen.

Es ist ein Epos, das Zeugnis von der tiefen Liebe Grossmans zur Wahrheit, der Liebe zur Freiheit des Wortes, der Liebe zum Menschen ablegt. Es sind jene Vorzüge, die Grossman auch an Iwan Turgenjew rühmte.

Gerade in schwierigen Zeiten wie den unsrigen kann uns die Rückbesinnung auf die überragenden Leuchttürme der russischen, ukrainischen und jüdischen Geisteswelt ein Anlass sein, um Atem zu schöpfen und uns zeiten- und völkerüberspannende Werte ins Gedächtnis zu rufen.

Quelle:

Wassili Grossman: Leben und Schicksal. Roman. Aus dem Russischen von Madeleine von Ballestrem, Arkadi Dorfman, Elisabeth Markstein und Annelore Nitschke. Mit je einem Nachwort versehen von Jochen Hellbeck und Wladimir Woinowitsch. List Taschenbuch, Berlin 2008, hier bsd. das Zitat aus dem Brief an N. Chruschtschow, siehe S. 1056

Bild:

Das Haus, in dem Iwan Turgenjew Kindheit und Jugend verbrachte, gelegen in der Ostoschenka-Straße 37, Moskau. Aufnahme des hier schreibenden Kreuzberger Bloggers vom 10.08.2014

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Spring, wenn du dich traust!

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Aug. 162014
 

2014-08-13 17.06.24

Bezaubernde Augenblicke, herrliche Gespräche zwischen Jung und Alt, zwischen Russen, Ukrainern und Deutschen konnte ich wieder bei meinem letzten Aufenthalt am Fluss Moskwa in Russland erleben, der soeben zu Ende gegangen ist! Als unerschöpfliche Quelle von Kontakten und Überraschungen erweist sich wieder einmal die Tarzanka am Fluß  bei uns in Nikolina Gora. Die Kinder springen voller Wonne, voller Selbstvertrauen in den Fluss, einige klettern mit unfassbarer Behendigkeit die Stämme hoch, um das Seil mal höher, mal tiefer zu legen, je nachdem, wer gerade springt, schaukelt oder schwingt!

„Können Sie eigentlich auch springen?“, fragt mich die achtjährige Natascha. Und ihr Blick sagt: „Spring, wenn du dich traust!“  „Ja!“, erwidere ich. Aber meine Springversuche sind viel zu zaghaft, sie rufen eher Belustigung als Bewunderung hervor. Sei’s drum. Für eine Ausbildung zum echten Tarzan bin ich etwas zu alt.

Die Zukunft an der Tarzanka und an allen anderen Orten gehört  den Kindern aus Russland, Ukraine, Deutschland – aus allen europäischen Ländern, ja aus allen Ländern der Welt überhaupt. Vielleicht ist dies eine Botschaft, die ich mit nachhause bringe: Wir Erwachsenen haben kaum eine wichtigere, kaum eine schönere Aufgabe, als den Kindern ein sicheres, geborgenes Hineinwachsen in die Freiheit des Springens zu ermöglichen.

Umgekehrt versuche ich in der Datscha zu punkten beim kleinen Tima, der im Alter von 6 Jahren bereits erste Fremdsprachenkenntnisse erworben hat. Unsere Konversation läuft schon ganz gut, doch bei den Abschiedsgrüßen, die wir auf Russisch, Deutsch und Polnisch austauschen, sieht er mich plötzlich forschend, unverwandten Blicks an und stellt auf Russisch die Frage: „Können Sie eigentlich auch Englisch?!“

Ich war in der Zwickmühle. Was sollte ich antworten? Würden meine Englischkenntnisse ausreichen, um ihm das Wasser zu reichen? Ich gehe das Wagnis ein und sage: да! Und jetzt kommt der ultimative Test für mich!

Tima sagt in hellem, klarstem Englisch zu mir:  „Goodbye!“

Und stellt euch vor: Ich wusste die Antwort darauf. Ich war nicht überfordert! Das also wenigstens konnte ich.

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Alone together – I was asked by David Blair

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Apr. 222014
 

2014-04-16 07.53.26This has been yet another godsend that happened to this poor blogger! Imagine this: Just a few minutes ago, a man crossed my way in the Park at the Triangular Junction and asked me:

What do you think when you hear these two words

Alone together

It’s the title of my newest song.

I reflected for 30 seconds. The man presented himself as David. I presented myself as John. Then I gave David my answer: „Alone together? These two words perfectly encapsulate what makes us up as human beings. We are alone the moment we are born. Alone, longing for togetherness … together, longing for loneliness until we die. Togetherness and loneliness go hand in hand.“

And I went on and on for endless 90 seconds. I could have gone on for 90 minutes or 90 days. I ended up saying: „Alone together — I congratulate you on this title.“
http://www.davidblairsongs.com/

The picture shows a view of the Park at the Triangular Junction close to the new bridge across Yorck street.

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Улицы Магдебурга: „Hältst Du Europa zusammen, Jeesus Kristus?“

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Apr. 012014
 

2014-03-09 11.59.58

„Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“  Nicht durch Waffen, nicht durch waffenartig hin- und hergeschleuderte Drohungen, sondern nur durch die Öffnung im Herzen, durch die Besinnung auf das einende Wort, durch das Aussprechen des einenden, zusammenführenden Wortes gelingt es, das Aneinander-Vorbeireden der Mächtigen dieser Welt zu durchbrechen. Dies dürfte Kernbestand der Theologie des Johannes sein.

Gemeinschaft im Wort, diese tiefe Sehnsucht treibt mich vom satten behaglichen Gewese und Getriebe der Bundesrepublik Deutschland  immer wieder hinaus ins Ungewisse, dahin, wo Europa noch schmerzt und wehtut, in die Weiten der russischen Steppe, ins windgepeitschte Sibirien, in die harten und langen Winter Murmansks, ins zwischen Finnland und Russland geteilte, ins Russland und Finnland einende Karelien.

An dem blütenweißen japanischen Klavier in der Drei-Kreuze-Kirche in Vuoksenniska ließ ich mich nieder. Es war Sonntag, längst war der Gottesdienst vorüber. Es war still. Vollkommene Stille herrschte in dem blühenden, muschelartig gewölbten, mutterschoßartig bergenden hellen Raum. „Wenn sich der Deckel öffnen lässt, dann darfst du zu ihm spielen. Wenn sich der Deckel nicht öffnen lässt, dann darfst du zu ihm nicht spielen.“ Ich versuchte den Deckel des Klaviers anzuheben. Er gab sofort nach. Ich wollte und sollte spielen. Und ich spielte für ihn. Ich spielte das, was mir aus dem Inneren  einfiel: das Präludium in C-dur, aus dem 1. Teil des Wohltemperierten Klaviers von Johann Sebastian Bach. Dann präludierte ich über die d-moll-Ciacona des Köthener Meisters aus dem Jahr 1720. Die Töne klangen wie von selbst unter meinen Fingern. Ich spielte, ich sang, ich fragte. Ich nahm ein finnisches Gesangbuch und spielte die Nummer 47 daraus. Zuerst einstimmig, dann zweistimmig, dann dreistimmig, dann vierstimmig. Auch hier klangen die Töne von selbst unter meinen Fingern hervor. Ich versuchte, die Worte des finnischen Gesangbuches zu verstehen, aber ich erkannte nur einige wenige Namen, darunter den Namen Jeesus Kristus. Was mag dieser Name wohl für mich, für uns, für Europa bedeuten?

„Mensch, Jeesus!“, fragte ich und dehnte den ersten Vokal länger als üblich.  „Hältst DU denn diesen vielfach geschundenen, diesen so oft geplagten Kontinent zusammen?“ Oft habe ich IHN das schon gefragt, den leidenden Menschen, der zerrissen und ausgespannt über uns hängt. Hier ein Blick auf die drei Kreuze in der von Alvar Aalto gestaltete Kirche  im karelischen Imatra-Vuoksenniska.

Wie durch Fügung, wie durch Zufall kreuzte den Weg des Kreuzbergers der ganz andere Weg des auf Russisch schreibenden Autors Changeant Trapier, der von der anderen Seite her, vom Osten her,  ein ähnliches Unterfangen verfolgt wie wir vom Westen her.

„Die Straßen Magdeburgs“, eine Folge von Geschichten und Märchen, die sich sowohl von vorne wie von hinten lesen lassen, ein Kaleidoskop von verblüffenden Begegnungen in einem real-fiktiven Magdeburg! Eine Auseinandersetzung eines jungen, im Heute und Hier lebenden Russen mit dem, was er sich unter Deutschland vorstellt, hinstellt oder auch bloß ausdenkt. Spannend zu lesen.

Es ist ein Roman über die Stadt und ihre Menschen. Ein zentrales Thema sind dabei Beziehungen zwischen Menschen,  ist dabei auch die Zuneigung und Liebe zwischen Mann und Frau, zwischen unterschiedlichsten Menschen. So ist das Leben, so bunt, so vielfältig, diesseits und jenseits der Grenzen!

Улицы М » Тряпьё Моё Шанжан Тряпье.

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März 222014
 

Im Gespräch mit Russinnen und Russen, Ukrainerinnen und Ukrainern, aber auch mit einigen „westeuropäischen“, insbesondere deutschen Russlandkennern außerhalb der Politik ergab sich unseren Blicken mit erstaunlicher Eindeutigkeit folgendes Gesamtbild:

Die gegenwärtige Krise in den Beziehungen Russlands mit einem Teil der Staatenwelt  ist im Kern eine Krise scheiternder Kommunikation. „Wir Russen fühlen uns unverstanden wie eh und je.“ Ja, sie fühlen sich unverstanden wie damals in den Jahren 1813 und folgenden, 1913 und folgenden. Und sie haben recht damit.

Wir schätzen diese Krise als ernst, aber nicht als ausweglos ein. Wie so oft, hat nicht nur eine Seite recht. Wie so oft, fehlt es an Menschen, die „treuesten Sinns hinübergehen und wiederkehren“, wie dies Hölderlin sagte.

Die westeuropäische und schlimmer noch die US-amerikanische Presse berichtet nur ausschnitthaft, hat sich in unerträglicher Weise auf einige wenige Schlagworte mit geringer Streubreite und geringer Tiefenschärfe eingeschossen; es fehlt den Journalisten an Rückgrat, sie schaffen es fast nie, beide Seiten – oder die mehreren Seiten der Konflikte – darzustellen. Die Redaktionen setzen die vorgegebene Linie beinhart durch. Fehlende Kenntnisse des Russischen lassen wir nicht als Entschuldigung gelten, obwohl sie ein Problem darstellen.  Auch ohne Kenntnisse des Russischen kann man sich durch direkte Gespräche mit Menschen aller beteiligten Länder sehr wohl ein einigermaßen vollständiges Bild machen. Das geschieht aber nicht! Die westlichen Medien liefern keine Rundumsicht. Sie liefern keine Tiefensicht.

Es herrscht bei uns eine viel zu starke Personalisierung auf die Gestalt des russischen Präsidenten vor. Es geht hier nicht um Putin, es geht um ganz Russland. Der russische Präsident kann sich gerade jetzt auf einen wachsenden Rückhalt in der Bevölkerung stützen, selbst unter denen, die ihm grundsätzlich sehr kritisch gegenüberstehen oder ihn ansonsten ablehnen. Die entscheidende Karte, die er ausspielt, ist die Karte der großen nationalen Erzählung Russlands. Diese Großerzählung über das russische Reich, das gestützt ist durch die Person des Herrschers, die verbindende christliche Religion, das Band der Menschen untereinander und das Band zum eigenen Boden, zieht sich – ganz im Gegensatz zum hochgradig zersplitterten Deutschland – durch alle Schichten des russischen Volkes – vom Akademiker bis zum Müllwerker.

„Unser ist durch tausendjährigen Besitz
Der Boden – und der fremde Herrenknecht
Soll kommen dürfen und uns Ketten schmieden,
Und Schmach antun auf unsrer eigenen Erde?“

Lest Friedrich Schiller, Wilhelm Tell, des zweiten Aufzugs zweite Szene! Diese Worte geben das Grundgefühl der überwältigenden Mehrheit der Russen bezüglich der Krim zutreffend wieder. – Schiller, ein Autor, der in Russland – erneut im Gegensatz zu Deutschland – weiterhin geschätzt und geehrt wird. Den könnte man auch in Deutschland wieder mal lesen, um die Russen besser zu verstehen. Was ist so schlimm an Friedrich Schiller, was ist so schlimm an Goethe, an Kant, an Sigmund Freud, an Franz Kafka, an Rudolf Virchow, an Hölderlin?

Wichtig bei der Krim-Debatte ist zu wissen: Sezession von Teilgebieten eines Staates ist häufig und ist auch erlaubt. Es gibt im Völkerrecht durchaus ein Sezessionsrecht. Staaten, die durch Sezession entstanden sind, im  „Abfall der Niederlande“ etwa, im „Rütlischwur der Schweiz“ etwa, sind jahrhundertelang erfolgreicher als solche, die durch zwischenstaatliche Verträge geschaffen worden sind: Belgien, Tschechoslowakei, Jugoslawien sind abschreckende Beispiele,  von den durch die europäische Diplomatie zusammengeschusterten heutigen afrikanischen Staaten ganz zu schweigen.

Für die Russ*innen ist es schrecklich zu sehen, dass man sich hier in Deutschland über den bösen bösen Taka-Tuka-Rassismus der bösen bösen Pippi Langstrumpf-Autorin Astrid Lindgren die Köppe zusammenschlägt, aber die wirklich wichtigen Autor*innen beiseite drückt.

Es herrscht – trotz all der Drohungen und Kränkungen, die hin- und herfliegen – ein großes politisches Schweigen, ein großes politisches Aneinandervorbeireden zwischen Russland und dem Westen. Not tut das gute, freie, das gelöste und lösende Wort.

Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund. Wer mag diesen halblaut gemurmelten Spruch noch kennen?

Wer murmelt diesen Wunsch noch?

 

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Sep. 262013
 

Reiterhof 2013-05-11 08.22.10

Litwo! Ojczyzno moja! ty jesteś jak zdrowie.
Ile cię trzeba cenić, ten tylko się dowie,
Kto cię stracił. Dziś piękność twą w całej ozdobie
Widzę i opisuję, bo tęsknię po tobie…

Was hält den Kontinent Europa zusammen? „Die Europäische Union – selbstverständlich!“, werden mir viele zurufen. „Der Euro – unsere geliebte Währung ist die entscheidende Klammer Europas!“, „Die Erinnerung an die unnennbaren Verbrechen, die die Deutschen überall in Europa begangen haben, nie mehr dürfen die Deutschen so viele Verbrechen begehen, wie sie sie von 1914 bis 1945 überall in Europa begangen haben!“, schallt es aus allen anderen 27 Ländern der EU uns Deutschen entgegen.

So sind auch die sieben Kreise der europäischen Erinnerung aufzufassen, die Claus Leggewie – ähnlich den Höllenkreisen des Danteschen Inferno – an den Anfang seines Buches über die europäische Erinnerung stellt. Und im Zentrum steht der Holocaust – er ist das Factum absolutum der europäischen Identität, an dem jeder Zweifel, jede Relativierung mittlerweile gesetzlich verboten und untersagt ist. Vergleichbar dem summum bonum der mittelalterlichen Theologie, hat sich mittlerweile unumstößlich eine negative Geschichtstheologie in Europa etabliert, an deren Wurzel die deutschen Verbrechen stehen.

Polens Außenminister Radosław Sikorski scheint allerdings laut neuestem ZEIT-Interview nicht ganz mit dieser allgemein akzeptierten Absolutsetzung des deutschen Massenmordes an den europäischen Juden  einverstanden zu sein: er fordert von uns Deutschen, wir sollten uns nicht immer nur für den Holocaust schämen, sondern ebenso sehr (oder fast so sehr?) dafür, wie unsere Väter und Großväter sich in Polen aufgeführt haben. Sikorski sagt, nachdem er die Erinnerung von uns Deutschen an Holocaust und Stalingrad gewürdigt hat, wörtlich: „Aber Sie [= Sie Deutsche] geben sich wenig Mühe zu erfahren, wie Ihre Väter oder Großväter sich bei uns aufgeführt haben.“

Kurz: Nicht nur der Holocaust, sondern auch die Zerstörung Polens, die Ermordung von vielen Millionen Polen soll konstitutiv für das deutsche und europäische Geschichtsbewusstsein werden. Geschichtstheologisch hat Sikorski sicher recht: die Ermordung von etwa drei Millionen nichtjüdischen Polen ist sicherlich genauso schlimm wie die Ermordung der etwa 3 Millionen polnischen Juden.

Sofern dies keine Relativierung oder schlimmer noch strafbare Verharmlosung („Kontextualisierung“)  des Holocaust darstellt, worüber man aber bei den deutschen Richtern nie sicher sein kann, hat Sikorski vor europäischen Gerichten nichts zu befürchten. Entscheidend ist: Leggewie und Sikorski begründen das einigende Band ausschließlich negativ: „Europa soll zusammenwachsen, damit es nie wieder so schlimm wird, wie die Deutschen es einmal getrieben haben.“

Die EU, namentlich der Euro,  ist also im Grunde ein metaphysisches Projekt zur Abschaffung des in Deutschland verkörperten Bösen in der europäischen Geschichte. Es ist, als würde landauf, landab verkündet: Solange der Euro hält und solange die von den Deutschen begangenen Verbrechen, insbesondere der von den Deutschen begangene Holocaust nicht als absolutes Böses der Weltgeschichte angezweifelt wird, sondern durch eifriges Gedenken und eifriges Feiern wachgehalten wird, geht es Europa gut.

Wie hängt beides zusammen? Nun, der Holocaust spielt mittlerweile eine ähnlich absolut gesetzte dogmatische Rolle in der Vergangenheitstheologie, wie sie der Euro in der dogmatisch überhöhten Gegenwartspolitik spielt. Die leidenschaftliche Verteidigung des Euro, klar zu besichtigen im letzten Bundestagswahlkampf,  ist nur als eine Art pseudoreligiöse Erregung, eine Art dumpfe Massenhysterie zu begreifen, an deren Wurzel der Wunsch nach Selbsterlösung „von allem Bösen“ zu stehen scheint.  So wie die Erinnerung an die unauslöschliche Schuld der Deutschen der absolute Gründungsmythos der heutigen europäischen Geschichtsmythen ist, so ist der Euro der absolute Zukunftsmythos der Europäischen Union, an dem ebenfalls Zweifel nicht erlaubt sind.

Spannend! Die Deutschen sollen also im Grunde durch den Euro von ihren unnennbaren Verbrechen befreit werden. Das ist die Tiefenpsychologie der Euro-Debatte, rationale Erwägungen dringen in diesen quasireligiös verhärteten Kern nicht mehr ein. Das Interview mit Radosław Sikorski bringt auf genialische Weise die Verschränkung der beiden zentralen Grundmotive der heutigen politischen Theologie auf den Nenner: a) Die Deutschen sollen sich endlich in vollem Umfang  ihrer Schuld an ihren unnennbaren Verbrechen stellen. b) Sie sollen mehr Solidarität mit Europa zeigen und mehr für die Rettung des Euros tun. Damit können sie „das Vertrauen in die Unzerstörbarkeit der Europäischen Union wiederherstellen.“

Ist dies alles so eindeutig? Gibt es denn wirklich nichts Positives, das Europa zusammenhält? Überzeitliche Werte? Was würde Marcel Reich-Ranicki dazu sagen, der Goethe und Schiller aus dem Kopf nacherzählte?

Eine kleine Urlaubsbegebenheit fällt mir dazu ein: Wir selbst haben bei unserem jüngsten Besuch in Polen auf einem Reiterhof in der früher deutschen, seit 1945 polnischen Neumark die ersten Verse des Pan Tadeusz in deutscher und polnischer Sprache in den Abendhimmel hinaus rezitiert, allerdings nicht aus dem Kopf, sondern nur von einem mitgebrachten Blatt Papier, das ich tief unten am Boden in meiner Radtasche mitführte:

Litwo! Ojczyzno moja! ty jesteś jak zdrowie.
Ile cię trzeba cenić, ten tylko się dowie,
Kto cię stracił. Dziś piękność twą w całej ozdobie
Widzę i opisuję, bo tęsknię po tobie.

Der heimkehrende Dichter besingt hier die verlorene Heimat, deren er erst im Verlust gewahr wurde!

Hier sind andere Worte zu hören: Heimat, Wiederkehr, Mutterland, Schönheit, Sehnsucht, Muttersprache. Die zählen mehr als Mord, Totschlag, Verbrechen. Für mich sind solche Erfahrungen mit verschiedenen europäischen Sprachen, mit Menschen in Polen und Deutschland, aber auch mit der Natur, etwa mit Pferden unendlich wichtig.

Marcel Reich-Ranicki, der mitten im geschundenen Polen aus dem Kopf Schiller und Goethe nacherzählt, ich selbst, der auf einer Radtour in einem polnischen Reiterhof vor einigen Zuhörern den Pan Tadeusz in polnischer und deutscher Sprache zu Gehör bringen durfte … das sind für mich Kristallisationskerne des Zusammenhaltes in Europa. Jawohl, diese Gemeinschaft im Wort halte ich für sogar wichtiger als den Euro, wichtiger als das ritualisierte Bekenntnis zu den unnennbaren deutschen Verbrechen, der Aufdeckung, Analyse, Durcharbeitung, kultischen Verehrung und Pflege der Erinnerung an die deutschen Verbrechen.

Ich bin überzeugt: Die fast schon wahnsinnig zu nennende, unter dem Bann des Geldes stehende  Euro- und Politikgläubigkeit der EU-Politiker, das fast schon wahnsinnige Starren auf deutsche Schuld und nur auf deutsche Euro-Schuldigkeit kann nie und nimmer den Kontinent zusammenhalten.

Mein Bekenntnis lautet: Europa kann ohne die Pflege der reichen, üppigen  Gedächtnislandschaft, ohne die Pflege des Schönen und Guten, ohne die Pflege der Sprachen und das Zusammenfinden der Herzen  nicht zusammenwachsen. Für sie heute beispielhaft mögen heute stehen die Namen Goethe, Mickiewicz und Marcel Reich-Ranicki.

Quellen:
„Wir wollen keinen kalten Krieg!“. Interview mit Polens Außenminister Radosław Sikorski. DIE ZEIT, 26.09.2013, S. 12
Claus Leggewie: Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt. Verlag C.H. Beck, München 2011, S. 14
http://pl.wikisource.org/wiki/Pan_Tadeusz/Ksi%C4%99ga_pierwsza:_Gospodarstwo

Foto: Der polnische Reiterhof, wo sich das oben beschriebene Ereignis zutrug

 

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Juli 082013
 

2013-04-24 19.37.39 „Alter Mann, alter Mann, du bist ein alter Opa, und wir hassen dich!“ So sprangen einem alten Mann heute in einem Kreuzberger Hinterhof drei Kinder hinterdrein und äfften ihn kläffend mit Fratzen.  Wie sie auf den Spruch kamen, weiß er nicht. Vielleicht weil er bedächtigen Schrittes das Fahrrad schob, statt jugendlichen Schwunges zwischen den Kindern hindurchzubrausen wie alle anderen Radfahrer?

Der alte Mann wandte sich den Kindern zu: „Ja, ich bin alt, sehr alt. Hasst ihr denn alte Männer?“ Er bekam keine Antwort. „Wie alt möchtet ihr denn werden?“ Schweigen im Walde bei den Kindern! Damit konnten sie nicht rechnen.

Da wandte der alte Mann sich den Kindern zu und fing an eine Geschichte zu erzählen,  die er vor einiger Zeit auf freiem Felde unter dem uralten Standbild des  Herkules in Cassel im Vorübergehn gehört hatte. So ging sie:

Als Gott die Tier und Menschen erschaffen hatte, wies er einem jeden seine Lebenszeit zu. Dem Esel gab er 30 Jahre. Da beschwerte sich der Esel: „Ach, der strenge Müller vergilt mir meine Dienste schlecht. Er lässt mich schwere Maltersäcke schleppen, und wenn die krummen Beine nicht mehr mittun, jagt er mich davon. Erlass mir einen Teil!“ Da nahm Gott dem Esel gnädig 18 Jahre weg. Und deshalb werden Esel 12 Jahre alt.

Dem Hund wies er auch 30 Jahre zu, doch der Hund beschwerte sich: „Tag und Nacht soll ich dem Menschen wachen und Räuber verjagen, aber wenn ich nicht mehr bellen kann, wirft er mit Steinen nach mir. Schenke mir einen Teil der Jahre.“ Da erließ Gott dem Hund 12 Jahre,und deswegen sterben Hunde spätestens mit 18.

Dem Affen bot Gott auch dreißig an. Da beschwerte der sich und sagte: „Die Menschen setzen mir grundlos zu. Drück dich gegen eine Gitterstange, schneide ihnen Fratzen ohne Ende, sie werden dir die Ursache der ständigen Demütigungen des Affenvolkes nicht nennen. Es gibt keinen Ausweg. Ich verlange keine Freiheit von dir. Aber ich habe eine Bitte: Erlass mir einen Teil dieser Leidensjahre!“ Da schenkte Gott dem Affen gnädig zehn Jahre.

„Und wie viele Jahre möchtest du leben?“, fragte Gott den Menschen. „Reichen dir 30 Jahre?“ „Bei weitem nicht!“ erwiderte der Mensch. „Mit 30 stehe ich voll im Saft, habe Haus und Hof, Kind und Korn in der Scheuer, dann möchte ich das Leben genießen bis an ein seliges Ende! Gib mir mehr!“

„So sei es“, erwiderte Gott. „Also sollst du nach deinen 30 ersten Jahren, die du in Saus und Braus verleben darfst,  18 weitere Jahre ackern und rackern für Haus und Hof, für Kind und Korn. Danach darfst du die 12 Hundejahre erleben, in denen du mit Zähnen und Klauen verteidigst, was andere dir wegnehmen wollen. Und zum Schluss, wenn deine Geisteskraft nachlässt, wirst du zehn Jahre des Affen erleben, in denen jüngere Menschen und Kinder sich an deinen lächerlichen Ticks, an deinen Aussetzern und Fehlleistungen ergetzen können.“

Und so, liebe Kinder, geschah es, dass dem Menschen 70 Jahre beschieden sind, wenn es hochkommt.

Und nun frage ich euch: Wie alt seid ihr eigentlich – und wie alt möchtet ihr werden?

„Ich bin 5 Jahre alt und möchte 150 Jahre alt werden“, sagte das erste Kind ohne zu zögern.

„Ich bin 4. Und ich möchte 1000 Jahre alt werden“, sagte das zweite nach einigem Nachdenken.

„Und du? Wie alt bist du?“, fragte der alte Mann das kleinste Kind.

„Ich bin so“ – das Kind hielt ihm zwei Finger entgegen. „Du bist also zwei?“ „Ja, er ist zwei“, bestätigte der 5-Jährige.

„Und wie alt möchtest du werden?“ „So alt!“ Wieder zeigte uns das Kind die zwei Finger. Das Kind war offenbar in diesem Augenblick glücklich!

Der alte Mann und die Kinder kamen überein, dass gerade das zweijährige Kind schon „so gut wie ein dreijähriges“ spricht, läuft und zuhört, und  lobten es dafür. Und sie verabschiedeten sich im besten Einvernehmen. Die Macht des guten gelingenden Wortes hatte sie zu einer Erzählgemeinde zusammengeführt, und man sieht, dasz „die Weisheit auf der Gasse noch nicht ganz untergegangen ist“.

Bild: Das uralte Standbild des Herkules zu Cassel-Wilhelmshöhe. Aufnahme vom 24. April 2013

Zitatnachweis für: man sieht, dasz „die Weisheit auf der Gasse noch nicht ganz untergegangen ist“: Vorrede der Brüder Grimm vom 17. September 1840. Zitiert nach: „Vorrede“, in: Brüder Grimm. Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen. Herausgegeben von Heinz Rölleke. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2009, S. 15 bis 27, hier S. 26

 

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Das Labyrinth der Welt und das Lusthaus des Herzens in Böhmisch Rixdorf

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Mai 062013
 

2013-05-04 13.23.05

Labyrint světa a lusthauz srdce – das Labyrinth der Welt und das Lusthaus des Herzens. Dieses Buch des Jan Amos Komenský fiel mir vor zwei Tagen ein, als ich dankbar den Wanderweg zum Comenius-Garten in Böhmisch Rixdorf, dem heutigen Berliner Bezirk Neukölln einschlug.

Dem großen Comenius versuche ich immer wieder die Werbetrommel zu rühren! Er ist für die Tschechen das, was der große Lomonossow für die Russen ist. Ein sich vereinigendes Europa sollte nicht nur an scheppernd klingende Euros, Target-II-Salden, Defizitsünder, Geldhaus-Rettungen denken – sondern auch den Denkern und Lehrern danken! Man denke auch an die golden klingenden Taler des guten, gelingenden Wortes! Man höre sie!

Komenský war wohl einer der ersten, vielleicht sogar der erste große europäische Denker und Erzieher, der die Pädagogik ganz vom Kind her dachte – getreu dem Wort seines Meisters: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr das Paradies des Herzens nicht erlangen.

Ganzheitliche Erfahrung, Unterweisung und Pflege nicht nur in der lingua franca, dem Lateinischen, sondern auch in der lingua materna, also in seinem Fall dem Tschechischen, sinnlich gestützte Erfahrung, … ich komme gar nicht zu Ende, wenn ich schildern soll, weshalb sich die Befassung mit Iohannes Amos Comenius heute noch für alle überzeugten Europäer in vielerlei Hinsicht lohnt!

Ein Besuch im Comenius-Garten in Böhmisch Rixdorf kann der erste Anlass dafür sein. Gerade im Mai 2013 sollte man das Tor zum Herzensparadies, zum Raj srdce, zum Orbis sensualium pictus freudig und zuversichtlich durchschreiten!

via Labyrint světa a ráj srdce – Wikipedie.

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Halleluja! Richard Wagner ist ja doch kein Antisemit הללויה

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März 112013
 

2013-03-06 07.51.40

Zu den beeindruckendsten Erfahrungen meiner Jugendzeit – zugleich Ausweis meiner Geduld  und Leidensfähigkeit – gehörte das mehrmalige Anhören von Richard Wagners Tannhäuser und seines Parsifal im Stadttheater der Vaterstadt Bert Brechts. Mir unvergesslich, da ich weit und breit keinen Gefährten hatte, der dazu bereit gewesen wäre! Auch in Berlin hörte ich vor wenigen Jahren eine der letzten Aufführungen unter dem Dirigat Daniel Barenboims.

In letzter Zeit habe ich mir angewöhnt, Wagner nur noch lesend, summend  und klimpernd aus den Klavierauszügen heraus zu erleben – ich spare dadurch viel Zeit und auch Geld für die teuren Operntickets. Gestern wiederum begnügte ich mich mit dem Anhören einiger Szenen von der CD sowie dem Lesen des Textbuches des Wagnerschen Tannhäuser.

Wir erinnern uns an das, was nachher, nach dem Tannhäuser, geschah: Planmäßig hatte Wagner den Ring des Nibelungen, diesen Versuch, eine Art germanische Ersatzmythologie zu schaffen, ins Scheitern hinein geführt. Der Versuch der germanischen Götter, mithilfe des SCHWERTES und des GELDES eine Art deutschsprachiges Weltenreich zu schaffen, war im Weltenbrand, in der Weltenlohe, im restlosen Untergang aller Beteiligten geendet.

Jeder Wagner-Anhänger kannte und kennt diese Botschaft: der mörderische Kult der nackten Gewalt, der Kult des gemeinsamen Blutes, der raffgierige Kult des schnöden Goldes führt in die Selbstzerstörung. Diese Botschaft ist so eindeutig wie nur irgendetwas in Richard Wagners gesamtem Schaffen enthalten, dass man schon mit Blindheit geschlagen sein muss, sie zu übersehen und zu überhören: „ZURÜCK vom RING!“ Das letzte Wort im Ring des Nibelungen! Schon aus diesem Grunde müssen wir Deutsche unbedingt das Schaffen Richard Wagners pflegen und hegen. Zurück zum Ring!

Eine sehr sinnvolle antirassistische Antifa-Aktivität im Anti-Gewalt-Training wäre es, Richard Wagners Opern im Unterricht der allgemeinbildenden weiterführenden Schulen wieder einzuführen – nachdem Pippi Ephraimstochter Langstrumpfs Taka-Tuka-Botschaft weitgehend entmachtet worden ist.

Ich meine: Sowohl Pippi Ephraimstochter Langstrumpfs Taka-Tuka-Negerkönig als auch Richard Wagners Ring des Nibelungen und sein Tannhäuser sowie sein Parsifal müssen einen festen Platz im antirassistischen Training jugendlicher Gewalttäter  erhalten – ist ja eh billiger als mit viel Steuerzahlergold einen Segeltörn durch die Ost-, Nord- oder Südsee zu machen.

Zurück zum Ring – Zurück vom Ring! Wie geht es weiter? Nun, Wagner kriecht gegen Ende seines Lebens gewissermaßen auf Knien zurück zur  jüdisch-christlich-muslimischen Mitleidsethik, die ihn schon zu Beginn seines Schaffens – im Lohengrin etwa – leitete. Was ist das allerletzte Wort Richard Wagners in dieser seiner letzten Oper, mit der er sich von der Gemeinde der Getreuen verabschiedete? „Erlösung dem Erlöser!“

„Halleluja!“הללויה

Ein hebräischer oder „semitischer“ Jubelruf „Lobet Gott!“ – „Erlösung dem Erlöser!“ ist das letzte Wort, mit dem der Komponist, dessen Werke heute in Israel nur mit größter Mühe zur Aufführung gerechtfertigt werden können, sich von dieser Welt verabschiedet hat. Er unterlegt diesen Ruf mit einer derart hinreißenden, derart gewaltigen Musik, dass man ihr nicht widerstehen kann – und auch nicht widerstehen sollte.

Dies ist die für jeden Mann und jede Frau nachvollziehbare Aussöhnung des scheinbaren Antisemiten, des scheinbar so urdeutschen Dichterkomponisten Richard Wagner aus dem Geiste der Musik im hebräischen WORT.

Nicht das SCHWERT, nicht das GELD, sondern das frei erklingende Wort, das gesungene zusammenführende WORT bringt Frieden und Aussöhnung nach Europa und Israel.

Für ganz wenige Euros gibt’s die Textbücher des großen deutschen Dichters Richard Wagner im Buchhandel und kostenlos im Internet!

Bild:
Wähntest du etwa, dies könnte der Wurzelstrunk
der germanischen Weltenesche sein,
doch ist’s nur der Strunk der mächtigen Kreuzberger Linde,
die halb entwurzelt kürzlich auf unsere Kreuzung krachte!

 

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Jan. 022013
 

Viele Male durfte der arme Fährmann Silvesterfeiern beiwohnen: das eine Mal mit einigen hochbetagten Freundinnen in Kreuzberg, das ander Mal mit einigen jungen Freunden und Freundinnen in anderen Städten.

Das eine Mal saßen wir Seit an Seit und sangen die alten Lieder, welche bis noch  vor etwa 30 Jahren verlässlicher Gemeinbesitz aller Deutschen gewesen waren: Heinrich Heines heute bei den Jüngeren vergessenes Ich weiß nicht was soll es bedeuten, Muss i denn muss i denn zum Städtele hinaus, In einem kühlen Grunde, Am Brunnen vor dem Tore und einige Dutzende andere Lieder, die alle schon über 100 oder auch 200 Jahre auf dem Buckel haben.   Selbst bei den geistig Armen, den „Dementen“, wie sie heute von den Experten genannt werden, kommen durch das Singen und Mitsingen, das stumme Erinnern und das leise Mitsummen die Lebensfreude und die Wärme in die Augen zurück.  Ich mischte meinen vergleichsweise jugendlichen Bariton laut und vernehmlich unter die Stimmen der Soprane und Altistinnen.

Die etwa 200 oder 300 volkstümlichen, gemeinsam zu singenden Lieder, die mündlich weitergegebenen, später von den Brüdern Grimm gesammelten Märchen, die von Stammvater Abraham sich herleitenden Ein-Gott-Religionen mit ihren prägenden Bildern, Lehren und Gleichnissen, die Bibel, vor allem aber die deutsche Sprache in ihren mannigfachen Dialekten – diese wenigen, jedoch durchaus konkret zu benennenden Gegebenheiten waren es im Grunde, was die Deutschen jenseits aller staatlichen Grenzen seit etwa 1600 kulturell zusammenhielt. Gewisse sittliche Gebote wie etwa „Du sollst nicht stehlen, lügen, töten“, „Ehre Vater und Mutter“ wurden trotz mannigfacher Verletzungen nie grundlegend in Zweifel gezogen. Dies galt unabhängig von landsmannschaftlicher Zugehörigkeit, vom Grad der Bildung, von politischer Richtung, von der staatlichen Verfasstheit der jeweiligen Staaten, in denen die Deutschen siedelten.

Nichts davon ist heute mehr selbstverständlich. Es gibt heute keine gemeinsamen Lieder mehr, die die Menschen mehrerer Generationen singen könnten, wenn sie zusammentreffen. Weder die deutsche Sprache bzw. die deutschen Dialekte noch die Religion oder der Erzählungsschatz der Bibel noch die Grimmschen Märchen gelten heute als einigendes Band aller Menschen, die in Deutschland leben. Es fehlt ein gewisser kultureller Grundkanon, es fehlt ein gewisser Grundkonsens in unserer Gesellschaft.  Die Vielzahl an Scheidungen, Trennungen, das bewusste Fördern und Fordern der Versingelung – etwa durch die Stadtplanung und durch das Sozialsystem – lockern zusätzlich das intergenerationelle Band. Die Familie, die lebenslange wechselseitige Verantwortung zwischen Eltern und Kindern wird heute in der Bundesrepublik Deutschland als Grundgerüst der Gesellschaft nicht mehr anerkannt.

Am ehesten kommt heute wohl der Volkswirtschaft, dem Geld, der Politik und dem Sozialsystem der Bundesrepublik Deutschland diese Rolle des einigenden Bandes zu. Fast alle Indikatoren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt werden heute der Sphäre der Ökonomie entlehnt. Alle Deutschen sowie alle in Deutschland lebenden Menschen scheinen sich selbst von der Geburt bis zum Grab als Anspruchsberechtigte heute gegenüber der Wirtschaft,  gegenüber dem großen Versorger und Allerhalter, dem deutschen Sozialstaat zu sehen. Die Politik befördert diese Grundhaltung des Geber-Staates. Soziale Sicherheit, „Solidarität“ durch den Staat wird von nahezu allen Parteien mehr oder minder überzeugend versprochen und in Ansprachen feierlich beschworen.

Die kulturelle Zusammengehörigkeit der Menschen wird heute jenseits der monetären Rückversicherung durch den Staat eher durch die Massenmedien und durch den Kult der Stars gestiftet. Alle schauen beispielsweise gebannt einen spannenden Rückblick auf das erfolgreiche Leben und Schaffen von Michael Jackson, dem Mann mit dem unwiderstehlichen Bewegungen, diesem großartigen Einsamen an. Kinder, Jugendliche  und Erwachsene finden im andächtigen Lauschen und Schauen, im gebannten Starren auf die Mattscheibe, zusammen. Im stillen Hocken und Sitzen stellt sich eine Art kulturelle Gemeinschaft her. Für alle Kinder stehen in den Haushalten elektronische Gerätschaften zur individuellen Freizeitgestaltung bereit. Die neuesten Songs werden von den Kindern und Jugendlichen in einem halblauten Stammeln mitvollzogen – selbstverständlich in englischer Sprache.

Ähnliche Funktionen erfüllt der Sport, erfüllen das gemeinsame Fahren und Dahinbrausen auf der Autobahn. Die großen, massiv gebündelten Daten- und Medienströme, das breite Betonband der Autobahn scheinen heute neben dem allgütigen Versorgerstaat den kulturellen Kitt der Gesellschaft zu bilden. Die Kinder und Jugendlichen werden oft schon recht früh in dieses System der medial vernetzten Determinanten eingegliedert.

Bild aufgenommen auf der Wilhelmstraße in Kreuzberg heute

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Nov. 212012
 

So äußerte sich die Rechtsanwältin Nizaqete Bislimi gestern in einer Fernsehsendung über das Schicksal des Volkes der „Unberührbaren“ (atsinganoi), in der der Vorwurf des Rassismus, der Vorwurf der Stigmatisierung inflationär zu hören war.  Das beste Wort, das berührende Wort!

Ich sprach vor einigen Monaten mit einem Menschen, dessen Leben nach einem schweren Verkehrsunfall am seidenen Faden hing. Er erzählte mir: „Ich war so schwer verletzt, die Ärzte haben mir nachher gesagt, dass ich einige Tage in Lebensgefahr schwebte. Es gab Tage, an denen ich fast nicht mehr gewollt hätte. Aber es hat Menschen gegeben, die mich im Krankenhaus besucht haben. Sie haben an mich geglaubt. Sie haben gesagt: Du schaffst das schon. Damit haben sie mir geholfen. Ich fasste den Willen wieder aufzustehen.“

Dieser unerlässliche Glauben an den Menschen in Not, die Hilfe, die Menschen einander leisten – das ist es. Ohne den Glauben an den Menschen scheitern alle Antidiskriminierungspläne, alle wohlgemeinten antirassistischen Initiativen und Petitionen. Auch das ständige Pochen auf den Status eines benachteiligten Volkes hilft nichts, wenn nicht vorrangig und gleichzeitig  das wechselseitige Vertrauen entstehen kann.

Das gute, das berührende Wort bricht Mauern, ebnet dem Menschen den Weg, das Wort des Glaubens an den Menschen hilft dabei, auf eigenen Beinen zu stehen.

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Eine klassische Ohrenbeichte bei der Psychotherapeutin Susanne Lothar

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Nov. 172012
 

Tiefe verwandtschaftliche Gefühle erregt in mir eine Filmszene mit der leider viel zu früh verstorbenen Susanne Lothar und der jungen Schauspielerin Jana Hampel – mit der ich Vor- und Zunamen teile. Jana ist ja nichts anderes als die tschechische weibliche Form des uralten hebräisch-griechisch-christlichen Namens Johannes.  Sie könnte meine Base sein und ist es auch.

http://www.schauspielervideos.de/video/jana-hampel?vs=s

Eine Szene wie im katholischen Beichtstuhl, der wir hier beiwohnen dürfen  – allerdings in der completely upgedateten Fassung der katholischen Ohrenbeichte, nämlich der themenzentrierten Gesprächs-Psychotherapie. Die Psychotherapeutin Susanne Lothar nimmt der leidenden Sünderin Jana Hampel das Eingeständnis des Versagens ab. „Ich habe nichts geschafft, ich bin schon 38 Jahre alt. Meine Eltern haben so viel in mich investiert, jetzt muss ich aber auch was zurückzahlen!“

Im Klartext: „Ich kann meine Schulden nicht zurückzahlen. Ich fühle mich persönlich wie  Griechenland in der Euro-Währungsunion.“

Dann folgt die contritio cordis, die Zerknirschung des Herzens, wie das seit etwa 2000 oder 3000 Jahren genannt wird, die Einsicht in Schuldhaftigkeit und Verfehlung, die befreienden Tränen (der Fluss der „Zähren“, wie es bei J.S. Bach hieß …). Schließlich das Erbarmen der gütigen Therapeutin, die der eingebildeten Sünderin auf dem Weg der Umkehr hilft.

Die gute Hirtin sagt: „Du hast nichts falsch gemacht. Und wenn du etwas falsch gemacht hast, so werde ich dir helfen, Dich selbst anzunehmen, indem ich dich annehme. Nimm dich selbst an, so wie ich dich annehme!“ Dann folgt der Erlass der Schuldgefühle, der Erlass der Schulden: remissio omnium peccatorum.

Zurückübersetzt: Nehmet einander an, so wie ich euch angenommen habe.

Nimm dich selbst an so wie deinen Nächsten.

Wer mag das wohl gesagt haben.  Ich freue mich, meine Cousine heute Abend auf der Bühne zu sehen!
Quelle:

Film „Staub auf unseren Herzen“. Regie: Hanna Doose, D 2012

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„Ich glaube immer, dass noch etwas geht…!“

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Okt. 182012
 

„Ich glaube immer, dass noch etwas geht…“ So äußerte sich der Schwede Zlatan Ibrahimovic nach der furiosen Aufholjagd seiner Mannschaft beim 4:4 gegen Deutschland im Berliner Olympiastadion. Mann o Mann! Neuer Schwede! Wie cool ist das denn!

Ich übersetze den Neuschweden-mit-Migrationshintergrund Ibrahimovic mal etwas umständlicher: „Ich vertraue darauf, dass wir etwas schaffen können, trotz aller strukturellen Benachteiligung“.

Diese mitreißende Kraft des Glaubens an den Menschen, des Vertrauens in die Macht des Wortes erscheint am Morgen danach rätselhaft, wie wir Deutschen uns mit Leichenbittermiene eingestehen müssen.

Ibrahimovic schnappte sich nach dem 1:4 den Ball und spurtete zum Mittelkreis – wobei er seine Mitspieler zur Eile antrieb: „Da geht noch was. Ich vertraue uns Menschen!“

Ausgerechnet in Berlin, das ja auf Schritt und Tritt von struktureller Benachteiligung spricht,  ward ein strahlender Beweis der Wirkungsmacht des einzelnen Menschen erbracht! Against all odds – wider alle Unkenrufe der Strukturanalytiker! In Berlin höre ich fast nur das ewige Lied von der Benachteiligung, von der Diskriminierung, von der strukturellen Ungerechtigkeit, von der Armut  usw. usw. „Entdecke deine Benachteiligung, erkenne, dass du keine Chance in diesem System hast!“ So unaufhörlich die alte linke Leier in der Berliner Schuldebatte, in der Berliner Migrantendebatte.

„Schau dir doch unsere Schulen an – wie sollen es da unsere benachteiligten Kinder aus Hartz-IV-Familien oder aus kinderreichen Alleinerziehendenfamilien schaffen? Die Lehrer sagen doch schon in der ersten Klasse: Du wirst es nicht schaffen. Mit einem Hauptschulabschluss allein kannst du gar nichts anfangen! Die Statistik beweist es. Das wäre so, als wolltest du in 30 Minuten einen 0:4 Rückstand gegen die deutsche Nationalmannschaft noch aufholen“.

So hätten die Schweden  nach dem 0:4 auch sagen können: „Wir müssen entdecken, dass wir keine Chance haben, wir sind strukturell benachteiligt, in 30 Minuten kann man den Rückstand von 30 Jahren verfehlter Strukturentwicklungspolitik nicht aufholen! Die Statistik beweist eindeutig, dass wir Schweden jetzt keine Chance mehr haben!“

„Wir schaffen das, das traue ich uns zu!“ Ich hege keine Zweifel, dass es im wesentlichen dem Glauben, dem Vertrauen des guten neuen Schweden Zlatan Ibrahimovic zu verdanken ist, dass die Schweden mit hoch erhobenem Kopf und stolzgeschwellter Brust das Stadion verlassen durften. Nebenbei: Ibrahimovic – der Sohn des Abraham oder des Ibrahim, wie er auf Arabisch bzw. Bosnisch genannt wird: Abrahams Sohn … schon im Namen konnte man diese Kraft des Bundesgedankens ablesen.

„Menschen – schließt ein Bündnis miteinander, dann holt ihr jeden Rückstand auf!“ Der Fußballer Zlatan Ibrahimovic hat den Bundesgedanken zu einem strahlenden Erfolg geführt. Er hat bewiesen, wieviel das Vertrauen in den Menschen, der Glauben an das lebendige Wort und die mitreißende Kraft des lebendigen Vorbildes bewirken können!

Was folgt daraus? Sollen wir jetzt alle Fußballspieler werden und versuchen, in die Nationalmannschaft zu kommen?  Nein, da würden zu viele auf der Strecke bleiben.  – Es sei denn in einem übertragenen Sinne: Im mannschaftlichen Miteinander, im Vertrauen auf die Macht des mutmachenden Wortes und auf die Kraft des Vorbildes können wir auch schwierige Situationen meistern. Der Spirit macht es, der Geist macht es!

Nehmen wir ach so benachteiligten Berliner uns ein Beispiel an Zlatan Ibrahimovic!

 Posted by at 11:09