Sep 182011
 

La religion seule est restée toute neuve la religion
Est restée simple comme les hangars de Port-Aviation

… beim Lesen dieser Verse von Guillaume Apollinaire muss ich an die Gesänge denken, die ich vor einer Woche am Kreuzberger Fränkelufer hörte: Türkische Muslime feierten dort am Statthaus Böcklerpark das Bayram-Fest mit Volksmusik, mit religiösen Gesängen, mit Ansprachen in türkischer Sprache ohne deutsche Übersetzung und Kinderspielen. „Das gibt es bei uns auch“ … so lässt Fatih Akin seine deutsche Heldin am Bayram-Fest in Istambul ausrufen.

Leider blieb mir keine Zeit, mich dem Fest anzuschließen. Es herrschte eine heitere, gelassene Stimmung. Mich stört es nicht, wenn Religionen zu gegebenen Zeiten auch einen Teil des öffentlichen Raumes für sich beanspruchen: Zonen der Religionen.

Viele erzmoderne Linke und verknöcherte Pseudolinke ärgern sich natürlich schon kräftig im Voraus, dass mit dem Papstbesuch neben den Muslimen eine weitere religiöse Gemeinschaft, die Katholiken, ein Gespräch mit der Stadtgesellschaft sucht.

Mögen sie sich doch ärgern über kleine sperrige Minderheiten – wobei sie über den Islam erstaunlicherweise keine Worte verlieren … den Islam haben sie nicht auf dem Schirm.

„L’Européen le plus moderne c’est vous Pape Pie X“ … so erneut Apollinaire. Ein klares Bekenntnis zur zeitübergreifenden Strahlkraft des Katholizismus!

Berlin ist weiterhin stark in den Fängen der Staatshörigkeit. Alles, was die Selbstvergottung des Geldes und der Wirtschaft, die Übersteigerung des Politischen, die schrankenlose Vorherrschaft der Ich-Bedürfnisse in Frage stellt,  – etwa die muslimischen oder die christlichen Religionen – , wird misstrauisch beäugt. Der Wohlstand, der Konsum, die Natur, der Klimaschutz, der Euro – mal wird dies, mal wird jenes Ziel mit Erlöserpathos als oberstes Ziel der Politik verkündet.

Guillaume Apollinaire und Mathias Énard sind in diesen Tagen meine großen, verlässlichen Reisegefährten auf dem Weg durch das Gestrüpp der Berliner Gegenwartsverhaftung, der Berliner Nacht der Perspektivlosigkeit!

Wir denken noch viel zu sehr in Begriffen wie DU deutsch – Ich Türke, DU Migrant – ich Einheimischer. Weg damit, das müsssen wir überwinden!

Mathias Énard – ein großer Freund der Vielfalt, Verehrer der multikulturellen Wirklichkeit des Mittelmeerraums, schrieb über Istambul, die Begegnung von Ost und West – großartig! Das müssen wir auch in Kreuzberg schaffen!

Hört dieses schöne Gespräch mit ihm:

Mathias Enard (rediffusion) | RFI

Quellen:
Guillaume Apollinaire: Zone. In: Guillaume Apollinaire, Alcools. Gallimard, Paris 1978, Seite 7-14, hier: S. 7

Mathias Énard: Zone. Roman. Actes Sud. Arles, 2008

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