Gutes, dankbares, weidliches Nachblättern im Sündenbock, den uns René Girard geschenkt hat! Dieser Autor ist einer der wenigen Kulturwissenschaftler unserer Jahre, die es wirklich auf sich genommen haben, die Evangelien genauestens anzuhören, sie wieder und wieder zu lesen, im griechischen Original ebenso wie in den verschiedenen modernen Sprachen. Er empfiehlt sogar, mithilfe des Sich-Versenkens in den Wortlaut der Evangelien andere Sprachen von innen zu erkunden, wenn er sagt:
Quand on connait les Évangiles, leur traduction dans une lange inconnue est un excellent moyen de pénétrer, à peu de frais, dans l’intimité de cette langue.
Zentral ist bei diesem Bemühen für Girard die Passionserzählung, insbesondere in der Fassung des Johannes, des vierten Evangelisten; ihr widmet er zwei ganze Kapitel seines Büchleins. Die Verurteilung und Hinrichtung Jesu deutet Girard als den Widerhall, die Überbietung, die Zusammenfassung und die Überwindung aller bisherigen Opferungen.
Hart in der Nähe des weltberühmten Mahnmals, mit dem deutsche Erinnerungskultur sich ein Denkmal gesetzt hat, fügen wir noch einige unvorgreifliche Gedanken an, die sich aus einigen Gesprächen mit Holocaustforscherinnen und -forschern meiner Bekanntschaft ergeben haben:
Das übliche, in der judengriechischen Bibel, der Septuaginta hunderte Male vorkommende Wort für die ganzkörperlichen Opfer ist der Holokaust bzw. der Holocaust (meist im Plural ὁλοκαυτώματα / holokautomata verwendet). Wer hätte das gedacht, dass die prophetischen Bücher der jüdisch-griechischen Bibel so oft von den Holokausts sprechen und den ständigen, zunehmend trivialisierten Bezug auf die Holocausts wieder und wieder verwerfen und zurückweisen!
Hier nur ein Beispiel für viele mögliche andere, entnommen aus Buch Amos 5:
21μεμίσηκα ἀπῶσμαι ἑορτὰς ὑμῶν καὶ οὐ μὴ ὀσφρανθῶ ἐν ταῖς πανηγύρεσιν ὑμῶν·
22διότι καὶ ἐὰν ἐνέγκητέ μοι ὁλοκαυτώματα καὶ θυσίας ὑμῶν, οὐ προσδέξομαι αὐτά, καὶ σωτηρίου ἐπιφανείας ὑμῶν οὐκ ἐπιβλέψομαι.
Wir halten fest: Mehrfach hat er sich in den Schriften des Judentums über den Mund der Propheten (etwa Amos, etwa Jeremias) beschwert, dass die Menschen ihm mit ihren Holocausts in den Ohren lägen. Ich mag eure Holokausts nicht mehr, ich kann sie nicht mehr riechen, spricht er.
Nach diesem Tod Jesu, so die Deutung, die bereits der Brief an die Hebräer vorgeformt hatte, werden vollends nicht nur die ritualisierten Tieropfer entbehrlich, vielmehr wird jedes weitere ganzkörperliche Opfer überflüssig; kein einzelner muss mehr sterben, damit das Volk leben kann. Das Leiden als solches um eines höheren Zieles willen ist nichts, womit man Gott beeindrucken könnte.
All die Opfer, mit denen die Menschen Gott in den Ohren liegen, werden nach Golgatha überflüssig. Das Geschehen am Golgatha ist das letzthinnige Opfer; danach wird der Opfergedanke entkräftet; kein Mensch soll mehr geopfert werden, kein Mensch soll mehr sterben für ein größeres Ziel; Gott will keine ganzkörperlichen Opfer mehr! Wir werden vom Gedanken der Opferung befreit oder erlöst, wobei Befreiung und Erlösung häufig als Synonyme auftreten.
Nur noch die Erinnerung an das letzthinnige Opfer, der ritualisierte, symbolische Nachvollzug, der bleibt, in der Sprache, in den Sprachen, im Wort, in den Künsten, im Gespräch.
René Girard: Le Bouc émissaire. Grasset, Paris 1982; darin insbesondere: Les maîtres mots de la passion évangélique, S. 151-167; Qu’un seul homme meure…, S. 167-186. Zitat hier: S. 227



„I know of no other country in the world that at the heart of its national capital erects monuments to its own shame„, so schrieb es 2014 Neil MacGregor, der damalige Direktor des Britischen Museums in London, heute einer der drei Gründungsintendanten des Humboldt Forums zu Berlin. Wir übersetzen ins Deutsche: „Ich weiß von keinem anderen Land auf der Welt, das im Herzen der Hauptstadt der Nation Denkmäler seiner eigenen Schande errichtet“, und er fährt fort: „Wie das Siegestor in München stehen sie nicht nur zur Erinnerung an die Vergangenheit da, sondern – und das ist wohl sogar noch wichtiger – um sicherzustellen, dass die Zukunft anders sein möge“, im englischen Original: „Like the Siegestor in Munich, they are there not only to remember the past, but – and perhaps even more importantly – to ensure that the future be different.“

Ein bemerkenswertes Zwiegespräch entfaltete sich vergangenen Sonnabend zwischen den zwei wohl berühmtesten Schriftstellern unserer Zeit. Lassen wir sie doch am Frauenplan im Hause des Geheimen Rathes zusammentreffen. Als Gesprächspartner wählen wir den Kanzler Müller; Berichterstatter sei in diesem kleinen Phantasiestück Johann Peter Eckermann.
