Dez 162015
 

E s’io non fossi impedito dal sasso
che la cervice mia superba doma,
onde portar convienmi il viso basso,

cotesti, ch’ancor vive e non si noma,
guardere‘ io, per veder s’i‘ ‚l conosco,
e per farlo pietoso a questa soma.

„Sind das wieder einmal die bösen Deutschen, die unter der Last der Vergangenheit zusammenbrechen?“, mag sich so mancher fragen, der zum ersten Mal im Berliner Kupferstichkabinett Botticellis Zeichnung zu Dantes elftem Gesang aus dem Purgatorio erblickt. Wir selbst besuchten in kleinem Kreise, auch um diese Frage zu klären, die Ausstellung „Der Botticelli-Coup“ ein zweites Mal am Samstag vergangener Woche.

Die Antwort ist dank der klug und sparsam informierenden Hinweise des Kuferstichkabinetts eindeutig: Nein, es sind diesmal nicht die bösen Deutschen im elften Gesang, welche unter ihrer Vergangenheit ächzen und stöhnen! Vielmehr kriechen hier italienische ruhmsüchtige Ritter und Künstler wie riesige Käfer umher. Auf dem Rücken sind ihnen Felsklötze aufgebürdet. Schier endlos lastende Schuld drückt sie nieder. Streckfuß übersetzt diese Stelle aus dem elften Gesang im Purgatorio der Göttlichen Komödie (XI, 52-57):

Und drückte nicht der Stein nach Gottes Schluß
Den stolzen Nacken jetzt der Erd’ entgegen,
So daß ich stets zu Boden blicken muß,

So würd’ ich nach ihm hin den Blick bewegen,
Zu sehn, ob ich ihn, der sich nicht genannt,
Erkenn’, und um sein Mitleid zu erregen.

Ist das alles Schuld, die nicht vergehen mag? Nein! Die Antwort des Guglielmo Aldobrandesco deutet es an: Er versucht erstens sich umzuschauen, um dem fragenden Paar der Wanderer den Weg zu weisen. Er hofft auch darauf, den Menschen zu kennen, der ihn nach dem Weg fragt. Er baut darauf, einem anderen Menschen dienlich zu sein und dadurch auch pietà, also Mitgefühl, Erbarmen zu erlangen.

Der Dreischritt aus

Erkenntnis des hilfsbedürftigen Nächsten
Dienst am Nächsten
Erbarmen des Anderen

zeigt hier buchstäblich den Weg aus endlos lastender Schuld. Eine Hoffnung zwar nur, aber eine lebendige Zuversicht, die Dante und Botticelli aufweisen! Für den Luther der vierten Wittenberger These war ein solcher Ausweg aus endlos lastender Schuld nur schwer oder eigentlich überhaupt nicht denkbar, kaum oder überhaupt nicht glaubhaft. Luther schrieb ja: Pena rimanet usque ad introitum regni celorum, die strafende Pein bleibt bis zum Anbruch des Himmelreiches bestehen.

Dante beweist es hier und an anderen Stellen im Purgatorio: Schuld muss nicht endlos lasten. Sie kann gelöst und ausgelöscht werden durch Erkennen der eigenen Verfehlung, durch Umwendung, Zuwendung und Hinwendung zum Nächsten. Das Erbarmen zwischen den Menschen kann die Befreiung von lastender Schuld bewirken. Eine ungeheuerliche, eine revolutionäre Möglichkeit!

Auf lateinisch hieße das: Misericordia hominis efficit gratiam. Gratia efficit misericordiam hominis. Die Gnade bewirkt das Erbarmen zwischen den Menschen.

Jesus selbst, auf den wir uns hier beziehen, hat im Johannesevangelium (20,23) einen ganz ähnlichen Gedanken ausgedrückt. Er spricht den Menschen, also allen Menschen, die ihm darin nachfolgen, diese ungeheuerliche Kraft des Verzeihens, des Nachlassens der Sünden zu:

In der Sprache Platos:
ἄν τινων ἀφῆτε τὰς ἁμαρτίας ἀφέωνται αὐτοῖς

In der Sprache Dantes nach heutigem Gebrauch:
A chi rimetterete i peccati saranno rimessi

In der eigenständig weiterführenden Ermunterung Dantes (Purgatorio XI):
Noi lo mal ch’avem sofferto perdoniamo a ciascuno

In der Sprache Luthers:
WELCHEN JR DIE SÜNDE ERLASSET / DEN SIND SIE ERLASSEN

Bild:

Ein Blick in Dantes Purgatorio, vom ersten Ring des Fegefeuers aus gesehen. In: Ausstellungskatalog:
Der Botticelli-Coup. Schätze der Sammlung Hamilton im Kupferstichkabinett, S. 114-115.
Kupferstichkabinett. Ausstellung. Staatliche Museen zu Berlin, Kulturforum, Matthäikirchplatz, 16.10.2015 bis 24.01.2016, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa-So 11-18 Uhr

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Nov 122015
 

Πᾶσα ψυχὴ ἐξουσίαις ὑπερεχούσαις ὑποτασσέσθω. „Jede Seele soll sich den herrschenden Institutionen einordnen“, so (in eigener Übersetzung) der bekannte Briefeschreiber Paulus von Tarsos im Römerbrief, Kapitel 13. Eine unendlich oft – auch von Luther selbst – kommentierte Stelle! Für die Entstehung der lutherischen Kirchen ab 1517 und vor allem für das Verhältnis zwischen irdischen Gewalten und Christengemeinden bereits ab dem ersten Jahrhundert nach Christus von überragender Bedeutung.

Das gilt auch heute noch, wie ein Blick die WELT vom heutigen Tage lehrt (S.6)!

Humanität und Menschenwürde kennen keine Grenzen„, so Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Nun? Was folgt daraus? Hat denn irgendjemand behauptet, dass Humanität und Menschenwürde nur in Deutschland zu finden seien, und außerhalb Deutschlands (also z.B. in Luxemburg) keine Humanität und Menschenwürde zu leben seien?

„Wir brauchen keine Grenzen“, „No borders!“, „keine Nationalstaaten mehr!“, „wir brauchen mehr Europa“, „wir brauchen mehr WELT, wir leben in EINER Welt, weg mit den Grenzen, weg mit dem Staatsrecht, weg mit dem Rechtsstaat, weg mit den Institutionen!“

Fast schon verzweifelt lehnen sich noch vereinzelte Stimmen wie etwa der ehemalige deutsche Verfassungsrichter Udo di Fabio, der ehemalige Verfassungsrichter Roman Herzog gegen die Begeisterung für grenzenlose Barmherzigkeit, gegen die kühne, handstreichartige Außerkraftsetzung des institutionell verankerten Rechtsrahmens auf.

„Der Nationalstaat liegt als Projekt hinter uns! Wir brauchen mehr Europa!“

„Das neue Deutschland nach 1949 und 1989 hat seine großen Erfolge in der Wirtschaft-, Sozial- und Außenpolitik nicht als klassischer Nationalstaat, sondern als ein demokratisches, weltoffenes und in Europa integriertes Land erzielt.“

So zuletzt – nur als ein Beispiel von vielen – Heiner Geißler von der CDU. Nun, dem vermag ich in aller Bescheidenheit nicht so schnell zu folgen.

Ich selbst meine, dass der auf Recht gestützte Staat, also der „klassische Verfassungsstaat“ noch nicht ganz ausgedient hat. Der klassische Verfassungsstaat (etwa Frankreich, Deutschland, Polen, Ungarn…) hätte erst dann ausgedient, wenn die Souveräne dieser Staaten, also die Völker, sich dazu verständigt hätten, sich als „postklassischer übernationaler Verfassungsstaat“ zusammenzuschließen. Und das haben sie noch nicht getan. Einige Völker der EU, z.B. die Franzosen, haben dies sogar ausdrücklich per Volksabstimmung abgelehnt.

Ich bekenne mich als ein Anhänger des klassischen parlamentarischen Verfassungsstaates mit seiner klassischen Gewaltenteilung; ich bin ein (übrigens auch durch öffentlichen Eid) eingeschworener Anhänger der derzeit bestehenden Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland.

Selbstverständlich bin ich für die Einhaltung aller internationalen Verpflichtungen, die Deutschland eingegangen ist.

Selbstverständlich soll man Menschen vor Not, Elend und Hunger bewahren; aber eine komplette – auch nur vorübergehende – Außerkraftsetzung des geltenden Rechts wäre das berühmt-berüchtigte „Paradies auf Erden“. Ein Schritt ins Verderben.

Die Genfer Flüchtlingskonvention, das Völkerrecht, das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, die vertraglichen Verpflichtungen aus den EU-Verträgen, der methodische und rechtliche Vorrang des Bundestages vor der Bundesregierung, das sind die Grenzen, an denen wir nicht rütteln sollten, an denen aber derzeit tatsächlich heftig gerüttelt wird.

Wir brauchen nicht einmal Paulus Rö 13, um an die Einhaltung der geltenden Rechtsordnung zu erinnern.

Nachweise:
Antieuropäische Ressentiments: Nationales Gedankengut wird hoffähig | Geißlers Nachschlag – Berliner Kurier – Lesen Sie mehr auf:
http://www.berliner-kurier.de/geisslers-nachschlag/antieuropaeische-ressentiments-nationales-gedankengut-wird-hoffaehig,11561998,25797542.html#plx1435918713

http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article148748357/Fluechtlingskrise-reisst-eine-Wunde-in-deutsches-Recht.html

Bild:
Ein Blick in Dantes Inferno, vom Rande des Europa-Rechts her gesehen. In: Ausstellungskatalog:
Der Botticelli-Coup. Schätze der Sammlung Hamilton im Kupferstichkabinett. Kupferstichkabinett. Ausstellung. Staatliche Museen zu Berlin, Kulturforum, Matthäikirchplatz, 16.10.2015 bis 24.01.2016, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa-So 11-18 Uhr

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Okt 132015
 

„Je weiter du weggehst, desto weiblicher wird Jesus.“ Navid Kermani, der dies schreibt, hat etwas in Worte gefasst, was mich insbesondere an den Zeichnungen Sandro Botticellis immer wieder berührt und berückt: das Weiche, das Gelinde, Fließende seiner Liniengebung, besonders gut fassbar in seinen Zeichnungen zu Dantes Göttlicher Komödie, die ja ab übermorgen wieder im Berliner Kupferstichkabinett meinen ungläubig staunenden Augen geboten werden. Ich freue mich schon darauf. Wiedersehen macht Freude.

Es ergeht mir schließlich bei Botticellis Gemälden, mehr aber noch in Botticellis Zeichnungen so, dass jeder strenge, richtende, urteilende, verurteilende Blick geschmeidiger wird, man könnte sagen: das strenge Auge löst sich, es fühlt sich mild und weich. Man glaubt an diesen affetto, an diese unwillkürlich anrührende Gefühlsregung. Ich glaube, ein Lächeln zu sehen, ein Tränen des Auges, hinter dessen Schlieren alles Grobkantige ins Schwingen gebracht wird. Dante beschreibt das hier Angedeutete so (Paradiso VI, 121-123):

Quindi addolcisce la viva giustizia
in noi l’affetto sì, che non si puote
torcer già mai ad alcuna nequizia.

Selbst noch in Botticellis Kreuztragung, in der Pinakothek von Kermani alleine vierzig, fünfzig Minuten lang ungläubig bestaunt, verliert der härteste, der letzte Gang, der Weg des Kreuzes viel von seiner Härte, von seiner eklatanten, schreienden Ungerechtigkeit, seiner krassen nequizia! Er wird zum Tanz der herannahenden Befreiung.

Und so fand ich soeben auch nach einigem Nachdenken (40, 50 Minuten lang) die richtige Übersetzung für Jesu Wort (Matthäus 11,30):

ὁ γὰρ ζυγός μου χρηστὸς καὶ τὸ φορτίον μου ἐλαφρόν ἐστιν

Denn mein Joch ist wohltuend und meine Last ist geschmeidig.

Hinweise:
Der Botticelli-Coup. Schätze der Sammlung Hamilton im Kupferstichkabinett. Eröffnung der Ausstellung am Donnerstag, 15.10.2015, 19 Uhr (Eintritt zur Eröffnung frei). Kupferstichkabinett. Ausstellung. Staatliche Museen zu Berlin, Kulturforum, Matthäikirchplatz, 16.10.2015 bis 24.01.2016, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa-So 11-18 Uhr

Sandro Botticelli: Kreuztragung. Tempera auf Leinwand. Pinacothèque de Paris.

Zu diesem Bild:
Navid Kermani: „Schönheit“ in: ders., „Ungläubiges Staunen“. Über das Christentum. C.H. Beck Verlag, München 2015, S. 44-49

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Asu, der Hund im Föhrenwald

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Jun 272015
 

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„Es war zu einer Zeit, da sich eben in vielen Theilen der Gegend Fälle von Hundswuth ergeben hatten, daß Abdias eine Reise nach Hause machte, und zwar auf einem Maulthiere reitend, und wie gewöhnlich von Asu begleitet. In einem Walde, der nur mehr einige Meilen von seinem Hause entfernt war, und der Länge nach gegen jenen Föhrenwald mündete, von dem wir oben gesprochen haben, merkte er an dem Thiere eine besondere Unruhe, die sich ihm aufdrang, weil er sonst nicht viel hin geschaut hatte. Der Hund gab unwillige Töne, er lief dem Maulthiere vor, bäumte sich, und wenn Abdias hielt, so kehrte er plötzlich um, und schoß des Weges fort, woher sie gekommen waren. Ritt Abdias nun wieder weiter, so kam das Thier in einigen Sekunden wieder neuerdings vorwärts, und trieb das alte Spiel. Dabei glänzten seine Augen so…“

Eine starke, eindringliche und doch herzzerreißende Szene, die uns der österreichische Landschaftsmaler Adalbert Stifter da in seiner Erzählung vorzeichnet! Der Hund ist der treue Gefährte dieses einsamen Menschen Abdias, aber der Mensch Abdias hat es nicht erkannt. Mehr noch: Treue, Hingabe, Fürsorge kommen im Bild des Hundes Asu zum Vorschein, und die Welt hat es nicht erkannt.

Über viele Wochen hin erstreckt sich unsere Lesung dieses großartigen, mächtig aus Erzählquadern gefügten Werks schon. Der Weg des Juden Abdias führt voller Hoffnungen aus den Trümmern der alten Römerstadt im heutigen Maghreb – nach Europa! Europa, schimmernder Sehnsuchtsort! Für den Juden Abdias war dies der Sehnsuchtsort schlechthin. Wie bitter und süß und schmerzhaft waren seine Enttäuschungen dort!

Eine über derart lange Zeit sich erstreckende Lektüre der Erzählung Abdias von Adalbert Stifter vermittelt etwas von der ungeheuren Weite der Stifterschen Wort-Welten! Hier erfassen wir auch mehrere Jahrtausende Geschichte der Menschheit in einem einzigen gewaltigen Atemzug.

Das Thema Hund hat auch das Kupferstichkabinett in Berlin zum Thema einer entzückenden kleinen Sommerausstellung gemacht. Ich besuchte die Eröffnung vorgestern und konnte mich bei Wein und Brezen mit anderen Besuchern über einige lustige und traurige, tiefsinnige und oberflächliche, struppige und glattgestriegelte Hundedarstellungen von Goya, Dürer, Rembrandt, Polke e tutti quanti unterhalten. Der Besuch dieser Ausstellung mag den einen oder anderen dazu antreiben, das Thema „Hund“ mit aufmerksam lauschendem Gehör und wach witterndem Gespür wahrzunehmen. Es lohnt sich!

Wir kommen auf den Hund. Werke aus fünf Jahrhunderten von Albrecht Dürer bis Dieter Roth. Eine Sommerausstellung im Kupferstichkabinett. Staatliche Museen zu Berlin. 26. Juni 2015 – 20. September 2015.

Bild: Im Hochgebirg. Blick vom Kramermassiv hinüber nach Österreich, der Heimat Adalbert Stifters

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Η Ευρώπη είναι το σύμβολο της Ευρώπης; – Ist Europa das Symbol Europas?

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Jun 232015
 

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… sic et Europe niveum doloso
credidit tauro latus…

„… so vertraute Europa auch dem listigen Stier
an die schneeweiße Hüfte…“

So besingt ein europäischer Dichter, Quintus Horatius Flaccus, das Schicksal Europas (Ode 3,27). Europa, mit einem erlesenen Sinn für Schönheit, für Natur, für Vielfalt und für Freundschaft unter den Menschen begabt, steht bei Horaz symbolisch für Europa im Zeichen der europäischen Kulturen, der europäischen Natur, der europäischen Schönheiten und der Solidarität.

Im Blick auf Europa dürfen wir sagen: Europa ist da stark und überzeugend, wo der Sinn für Freundschaft, Schönheit und Kultur gedeiht, wo Vielfalt nicht zertrampelt wird, sondern sprießt und wo Europa nicht unter das Joch der Gewalt gespannt wird.

Als blumenpflückende Prinzessin stellt auch Bernardino Luini, der Zeitgenosse Martin Luthers, um das Jahr 1522 Europa dar. Wir sehen Europa beim Blumenpflücken. Wie schön: Europa im Frieden! Frieden für Europa – das wollen wir doch alle!

Doch dieses Idealbild Europas ist gefährdet. Ein scheinbar zutraulicher, scheinbar zahmer Stier nähert sich Europa. Was führt er im Schilde? Der Zeichner Luini zeigt es uns nicht; die furchtbare Vergewaltigung und Entführung Europas bleibt unseren Augen erspart.

Im Blick auf die heutige Lage dürfen wir sagen: Der Stier, der Europa auf die Hörner nimmt, vergewaltigt und entführt, steht symbolisch für die Macht des Einen, für die zügellose Herrschaft. Es ist der Inhaber der Macht selbst, der sich als angreifender Stier verkleidet hat, um Europa zu vergewaltigen. Nicht umsonst steht der angreifende Stier, the Charging Bull, als Monument für die Macht am Bowling Green. Der Stier der verführerischen, unterjochenden Macht des Geldes hat Europa auf die Hörner genommen.

Europa steht symbolisch für ein Europa der Vielfalt, der Blüte der Kulturen, ein Europa der Achtung der Menschenrechte. Die Königstochter Europa steht für ein Europa des Wortes und der Kultur. Und Europa will den Frieden.

Der Stier der Macht hingegen steht für Zwang, Herrschaft, Gewalt, Unterjochung, Zwangsehe. Aus den Hörnern des Stiers gibt es kein Entkommen. Der Stier – er mag als europäisches Schwert, als europäisches Reich, als zügellos herrschendes Geld erscheinen – kennt keine Bindung an das Recht. Er holt sich, was er will.

Europa? Ist das nicht unser Kontinent? Richtig – es ist Europa, von dem Europa den Namen hat.

Europa, Tochter des Königs Agenor, ist das Symbol Europas.

Ein Schöneberger fragt: Ist also nicht der Euro, sondern Europa das Symbol Europas? Antworte mir, Kreuzberger!

Einige Quellen Europas:
Das Gedicht von Horaz ist z.B. hier publiziert:
Q. Horati Flacci opera. Ediderunt Edvardus C. Wickham et H.W. Garrod. Oxonii, 1975, carminum liber III, carmen XXVII.

Bild: Europa und ihre Gefährtinnen beim Blumenpflücken. Zeichnung, Pinsel in Braungrau, weiß gehöht. Entwurf für Fresko in der Casa Rabia in Mailand. Foto Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin. Fotograf/in: Volker H. Schneider

Die Zeichnung Bernardino Luinis ist hier publiziert:
„Europa und ihre Gefährtinnen beim Blumenpflücken.“ In: Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien. Für das Kupferstichkabinett. Staatliche Museen zu Berlin. Ausstellungskatalog hgg. von Dagmar Korbacher mit Beiträgen von Christophe Brouard und Marco Riccòmini. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2014, S. 216-217

Eine Website mit dem angreifenden Stier – The CHARGING BULL – findet sich hier:
http://chargingbull.com/

Die Geschichte Europas steht hier:

Η Ευρώπη

Source: Ευρώπη (μυθολογία) – Βικιπαίδεια

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Joy comes, grief goes: Aus dem Kupferstichkabinett der englischen Sprache

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Sep 022014
 

Joy comes, grief goes, we know not how. Eine Weisheit, die ich heut gleich zwei Mal, fast anlasslos, im Gespräch mit Freunden anbrachte!

Eine sehr tiefsinnige Bemerkung, die James Russell Lowell in seiner Vision of Sir Launfal gewissermaßen fein in die Kupferplatte der englischen Sprache eingraviert! Ich werde sie alsogleich ins eigene Kupferstichkabinett meines geistigen „Oxford Pocket Book of Quotations“ einsticheln.

Joy Comes, we know not how. Die Freude kommt unverhofft, unverdient, sie „überkommt“ einen. Sie ist unerklärbar. Sie läutet kräftig, unüberhörbar, dauernd, hell bimmelnd, und ohne Vorankündigung – wie das Geläut der Christus-Erlöser-Kathedrale an der Ostoschenka in Moskau, das mich am Sonntag dem 10. August anrief. Ein helles, fröhliches, ein lachendes Läuten! Kurz, von oben herabfallend – es ist der Freude schöner Götterfunke, den Dante Alighieri im Paradiso in italienischer Sprache hört, die immensa gioia, die Friedrich Schiller in seiner Hymne „An die Freude“ in deutscher Sprache besingt.

Grief goes, we know not how. Die Trauer hingegen lastet schwer, sie, die Trauer, grief,  ist grievous, sagt der Engländer. Sie ist erklärbar. Trauer hat fast stets einen Anlass, einen Quell: den Tod eines nahen Menschen, den Verlust von etwas, was man lange besessen hat, das Nicht-Erreichen oder das Verlieren von etwas sicher Geglaubtem.   „Das wird nie vorbeigehen, das überlebe ich nicht. Mein Leben hat doch ohne den Verstorbenen, ohne diesen großartigen Menschen, keinen Sinn mehr“, denkt die abgrundtief Trauernde. Wenn sie dies dann auch ausspricht, hat sie schon den ersten Schritt zur Überwindung des Abgrunds getan. Lösende Tränen, tröstende Umarmungen  mögen hinzukommen. Und irgendwann wird die Trauer nachlassen. Dann verschwindet sie, wird verwandelt in Erinnerung. „Und von all dem Trauern schwebt ein Erinnern nur noch um das ungewisse Herz“, so mag es dann scheinen. Und schließlich denken wir: „Die Trauer ist gegangen. Ich weiß, dass ich eigentlich endlos trauern wollte. Und jetzt? Ich bin froh und dankbar, dass wir diesen großartigen Menschen erleben durften.“

Die ist der Schritt zur Heilung, zur Lösung von der Trauer.

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Wer oder was ist das – der „Freund und Kupferstecher“?

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Jul 232014
 

Königin Luise 2014-06-01 13.55.09 In einer kleinen Gesellschaft von Kunstfreunden warf gestern unter dem breitschattenden Geäst herrlicher alter Bäume beim Gespräch über eine Grafik-Ausstellung jemand die Frage auf:

Woher kommt eigentlich die Redensart „mein Freund und Kupferstecher“? Ich selbst hörte sie mehrfach von Lehrern in meiner Jugend, wenn ich etwas ausgefressen hatte, was nicht ganz astrein war.

Die Frage verhallte gestern ohne Antwort, eine kleine Nachforschung ergab heute folgendes: Die ironisch-tadelnde Redensart „mein Freund und Kupferstecher“, die z.B. in Fontanes „Frau Jenny Treibel“ vorkommt, dürfte darauf zurückgehen, dass der Druckgrafiker oder „Kupferstecher“ das Werk eines anderen, z.B. eines Malers oder Banknotenausgabehauses, ohne schöpferische Eigenleistung reproduzierte und auch wirtschaftlich weidlich ausnutzte. Dafür war Vertrauen oder Freundschaft bitter nötig. Oft genug mochte das Vertrauen auch enttäuscht worden sein. Das Betrugspotenzial in der Branche war groß. Der Kupferstecher war nach heutigen (nicht damaligen) Maßstäben also ein Falschmünzer des Geistes. Und der entwerfende Künstler, dem die „Erfindung“ glückt, muss trachten, dass der Kupferstecher sein „Freund“ bleibt und ihn nicht nach allen Regeln der Kunst über den Tisch zieht.

Erstaunlich, dass es z.B. im Italienischen keine verwandte Redensart gibt, jedenfalls ist mir keine bekannt. Anzi – im Gegenteil! „Sia detto per inciso“ – „Es sei hiermit im Kupferstich bzw. als Radierung gesagt“ bedeutet ja auf gut Deutsch klipp und klar: „nebenbei gesagt“.

Einer der rätselhaftesten Kupferstiche, die ich je sah, vielleicht überhaupt der rätselvollste, scheint diese Erklärung zu bestätigen! Es handelt sich um die „Allegorie der Vertreibung aus dem Paradies und das Opfer Abels“, die nach heutigem Forschungsstand aus der Werkstatt des Agostino Veneziano (ca. 1490-1540)  stammt. Selbst nach mehreren Anläufen und Gesprächen mit Kunstkennern ist es mir bisher nicht gelungen, eine stimmige Deutung dieser Darstellung zu erarbeiten. Bereits der Titel dürfte eine spätere Zuschreibung sein. Der kenntnisreiche Kommentator DK, der seinen Namen verschweigt – selbst in dieser Chiffre scheint noch ein Rätsel zu stecken – schreibt, als Erfinder dieser spannungsreichen Darstellung gelte Amico Aspertini, und er fährt fort: „Über den Kupferstecher, der das Blatt schließlich nach Amicos Entwurf ausführte, gab es lange Uneinigkeit in der Forschung […]“

Amico heißt nun aber auf Italienisch der „Freund“!

Wir dürfen schematisch feststellen: Der „Freund/Amico“ hat den kreativen Einfall, der „Kupferstecher“ führt den Einfall des Amicos, des Freundes aus! Könnte diese Tatsache, dass der Einfall des „Freundes“ vom „Kupferstecher“ übersetzt und ausgeführt wird, etwas zur Entstehung der Redensart „Freund und Kupferstecher“ beitragen? Wir wissen es nicht. Die Frage muss für heute und vielleicht auch überhaupt offen bleiben.

Quelle: Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien. Für das Kupferstichkabinett. Staatliche Museen zu Berlin. Ausstellungskatalog hgg. von Dagmar Korbacher mit Beiträgen von Christophe Brouard und Marco Riccòmini. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2014, S. 46-47

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Wir gehen baden! Ab ins Prinzenbad!

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Jul 062014
 

2014-07-07 10.30.49

Ein schöner Sonntag geht zu Ende. Schwalben ziehen sirrend durch den Hinterhof, der Brunnen hat das Plätschern eingestellt. Am Vormittag war wieder eins unsere beliebten Kinderkonzerte. Die 12 Kinder spielten wie die Cherubim im Carl-Flesch-Saal der UdK sehr artig und sehr zu Herzen gehend. Dann sagte einer: „Wir gehen baden! Ab ins Prinzenbad!“ So geschah es. Am Nachmittag lockte es uns zwar nicht alle, aber doch zu sechst (2 Väter und 4 Kinder) in das Prinzenbad. Herrlich! Viele entspannte, lachende, glückliche Menschen sahen wir heute im Kreuzberger Prinzenbad. Das Prinzenbad verdient höchstes Lob.

Sommerstadt Berlin! Bäderstadt Berlin!

Soeben tischte ich zum Abendessen zwei riesige Teller selbstgekochte Spaghetti alla bolognese mt knackigem Salat auf.

Die  Ausstellung „Wir gehen baden“, eine Sommerausstellung im Kupferstichkabinett, verdient ebenfalls höchstes Lob. Reizvoll, entzückend, toll gemacht. Sie verlockt und verführt zu allerlei Streifzügen, manch liebgewordene Erinnerungen an das, was in einigen Jahrzehnten eigener Badeerfahrungen, eigener Badebegegnungen geschehen ist, stiegen in mir auf: von dem ersten Anstaunen des anderen Geschlechtes im Gersthofener Freibad (bei Augsburg) bis hin zu allerlei lockeren Plaudereien mit multikulturellen Bikinimädchen an den sonnenbestrahlten Küsten der Türkei.

Eine Psychogenese der Person im Spiegel des Badens, das bietet bei eingehender Betrachtung und Besinnung diese Ausstellung. Phantastisch!

Folgende Werke habe ich gestern näher ins Auge gefasst:

Auguste Renoir, Baigneuse debout, en pied

Pisanello, Bademädchen

Anders Zorn, Seichtes Wasser

Georg Pencz, Die sieben Planeten: Venus

Lucas van Leyden, Susanna im Bade

Tom Wesselmann, Cut out nude

Herman Saftleven, Die vier Jahreszeiten, darin: Winter. „Frigidus venit hiems glacies cum frenat aquarum cursus et pedibus lubrica praebet iter“

Honoré Daumier, Les baigneurs, darin: „Après trois mois de cette exercice non interrompue, on se trouve réduit à l’état de poissson, et l‘être le plus timide peut se présenter“

Leopold Ludwig Müller (1767-1838), Das Welpersche Badeschiff auf der Spree, um 1802. Erstes städtisches Badeschiff Europas! Bahnbrechend!  

Hans Sebald Beham, Der Jungbrunnen und Badehaus

Albrecht Dürer, Männerbad

Dieter Asmus, Mädchen am Meer

Ich nahm gestern um 14 Uhr an der Führung „Baden in der Renaissance“ teil. Es war für mich als Mann hochinteressant. Das Geschlechtliche, näherhin das Thema Transgender, Homosexualität und Geschlechtsambivalenzen, beginnend bei Dürers Männerbad,  stand im Vordergrund der gestrigen Führung, die implizit spannende Ausblicke auf die Fortschreibung dieses jahrtausendealten Motivstranges bis hin zur heutigen LGBT-Hauptströmungsgleichschaltung bot, wie es sich beispielsweise unsere bundesweit berühmten Kreuzberger Grünen oder die berühmte Kreuzberger taz auf die politischen Fahnen geheftet haben. LGBT-Menschen, also Lesbians, Gays, Bisexuals und Transgenders gab’s immer schon, ein Blick in die reichen Schätze von ein paar Jahrtausend Kunstgeschichte lehrt’s wieder und wieder. Ja mei.

Ansonsten: Ein Zuhörer der Führung machte gestern Wellen, trübte das Wasser, brach bei einer unsicheren Titelbelegung mehr oder minder mutwillig  einen Streit über Titel im Museumswesen an: „Die Hälfte der Titel von euch Museumsleuten sind anfechtbar! Ist doch alles nur Konvention! Ihr bringt euch doch nur selber in die Bredouille!“, sagte der kecke Zuhörer plötzlich. Er fiel aus der Rolle, der Kurator aber nahm’s gelassen: „So ist es! Diese Werke hatten keine Titel. Das Beilegen der Titel kam im großen Umfang erst mit der Sammlerbewegung im 19. Jahrhundert auf.“

Ausgerechnet an der Stelle, wo in der vorhergehenden herrlichen Arkadien-Ausstellung im Kupferstichkabinett Venezianos „Vertreibung aus dem Paradies“ (Kat. Nr. 5) hing, hängt ja jetzt Hans Sebalds Jungbrunnen mit verwandt zweideutiger Gender-Zuschreibung, wie sie etwa auch die beiden Figuren auf der Mauer des rätselhaften Veneziano-Kupferstiches boten!

Super spannend. Die meisten Titel auch von berühmten Gemälden sind bis ins 19. Jahrhundert hinein schlicht Zuschreibungen der Nachwelt. Sie prägen unsere Wahrnehmung auf häufig verengende, unzulässig einengende Weise.

In jedem Fall lohnt die Ausstellung einen lässigen Besuch. Leichte sommerliche Kleidung und Flipflops nicht vergessen. Eine atlantikblaue Frisbee-Scheibe der Berliner Bäder gab’s gestern gratis obendrein. Cool.

Wir gehen baden! Eine Sommerausstellung im Kupferstichkabinett. Kulturforum, Matthäikirchplatz. 4. Juli – 26. Oktober 2014, Di, Mi, Fr 10-18 Uhr. Do 10-20 Uhr. Sa+So 11-18 Uhr

Bild: Ludwig von Hoffmann Knaben am Strand um 1895 vor Helm auf der Liegewiese im Prinzenbad

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Auch wir in Arkadien

 Botticelli, Dante, Einladungen, Europäische Galerie, Goethe, Kupferstichkabinett  Kommentare deaktiviert für Auch wir in Arkadien
Jun 062014
 
2014-06-02 11.59.22
Königin Luise 2014-06-01 13.55.09
Meine lieben Leser, es herrscht eine unglaubliche, geradezu arkadische Ruhe und Heiterkeit hier in der Stadt! Übermorgen werde ich eine Museumsführung und eine Dichterlesung mit Dante und Goethe veranstalten. Hier ist meine Einladung:
Kain, auch du in Arkadien?
Wölbt sich des bunten Bogens Wechsel-Dauer
Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend

Goethe, Faust, V. 4722f.
Liebe Freunde, liebe Kinder, die Gestalt Kains begegnet mehrfach im irdischen Paradies Arkadien. Warum ist das so? Gibt es nach schwerster Schuld einen Neuanfang?
Ausstellung
Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien
Kupferstichkabinett, Kulturforum Berlin-Tiergarten
Unser Treffpunkt: Pfingstsonntag, 8. Juni 2014, nachmittags 15.30 Uhr vor der Königin-Luise-Statue auf der Luiseninsel im Tiergarten, Berlin
Ohne Dante mit Eichhörnchen spielen die Kleinen:
– Finde den Weg durch das Labyrinth der Liebe des Guadagno!
– Zeichne das Eichhörnchen des Marcantonio Raimondi ab!
– Wie viele Saiten hat die Lira da braccio des Gottes Apoll?
Mit Dante ohne Eichhörnchen besprechen die Großen:
1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 1-16
Wir tragen vor:
– Dante Alighieri: Divina Commedia, Purgatorio, canto XXVIII (in italienischer Sprache)
– J.W. Goethe: Faust, Anmutige Gegend, Verse  4613-4727 (in deutscher Sprache)
Wir betrachten einige Drucke im Katalog der Ausstellung, vor allem:
– Agostino Veneziano: Allegorie der Vertreibung aus dem Paradies und das Opfer Abels
– Cristofano di Michele, genannt Robetta: Adam und Eva mit Kain und Abel
– Sandro Botticelli: Das irdische Paradies. Dante und Matelda
– Giulio Campagnola: Die Buße des hl. Chrysostomus
Anschließend gehen wir nach kurzem Fußweg etwa um 16.30 Uhr in die Ausstellung „Arkadien – Paradies auf Papier“ im Kupferstichkabinett am Kulturforum.
Johannes
P.S.: Es ist ein lockeres privates Treffen ohne beruflichen Anspruch. Kinder jedes Alters sind willkommen.
Eintritt in die Ausstellung für Erwachsene:
6.-, ermäßigt €  3.-
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre: Eintritt frei
Haltestelle Bus 200 Haltestelle Philharmonie
Bus M 29 Haltestelle Gedenkstätte Deutscher Widerstand
S-Bahn oder Bahn Potsdamer Platz
Bild: Die Statue der Königin Luise
 Posted by at 22:49

Auch du in Arkadien, Kain?

 Botticelli, Dante, Goethe, Kain, Koran, Kupferstichkabinett, Talmud  Kommentare deaktiviert für Auch du in Arkadien, Kain?
Jun 042014
 

Wölbt sich des bunten Bogens Wechsel-Dauer
Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend

So schreibt es Goethe im Faust, Vers 4722f.

Wir erinnern uns: Faust hat ein schweres Verbrechen begangen, das ihn niederdrückt. Seine Schuld ist zu schwer, als dass er sie tragen könnte, „zu groß als das sie mir müge vergeben werden“, wie es im Buch Genesis in Luthers Übersetzung über Kains Fehl heißt.

Geht es weiter? Wie geht es weiter?

Die Gestalt Kains begegnet mehrfach im irdischen Paradies Arkadien. Warum ist das so? Gibt es nach schwerster Schuld einen Neuanfang?
Wir werden diesen Fragen nachgehen, genießen an Pfingsten den flammenden Wohllaut der vielen Sprachen und die zarte Augenlust einiger früher Drucke aus Italien.

Woher kam die Anregung? Sie kam aus dieser Ausstellung:

Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien
Kupferstichkabinett, Kulturforum Berlin-Tiergarten
Hier sind einige wichtige Aussagen zu Kain aus der jüdischen, christlichen und islamischen Überlieferung:
1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 1-16
Talmud: Traktat Sanhedrin 91 b
Koran: Sure 5, Der Tisch, Vers 27-35

Gibt es Vergessen der Schuld, gibt es einen Neuanfang, gibt es eine tabula rasa?

Dante und Goethe schicken uns an den Fluß Lethe, den Fluß des Vergessens:

ed ecco più andar mi tolse un rio
che ’nver sinistra con sue picciole onde
piegava l’erba che’n sua ripa uscio
Dante Alighieri: Divina Commedia, Purgatorio, canto XXVIII, 25-27

Wir betrachten einige Drucke in der Ausstellung, vor allem:
– Agostino Veneziano: Allegorie der Vertreibung aus dem Paradies und das Opfer Abels
– Cristofano di Michele, genannt Robetta: Adam und Eva mit Kain und Abel
– Sandro Botticelli: Das irdische Paradies. Dante und Matelda
– Giulio Campagnola: Die Buße des hl. Chrysostomus

Katalog: Arkadien. Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien. Hgg. von Dagmar Korbacher. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2014

 Posted by at 10:18

Unter dem schützenden Dach der Buche – sub tegmine fagi

 Europäische Galerie, Europäisches Lesebuch, Kupferstichkabinett, Latein, Thüringer Städtekette  Kommentare deaktiviert für Unter dem schützenden Dach der Buche – sub tegmine fagi
Mai 302014
 

2014-05-01 15.06.03

 

 

 

 

 

 

 

 

Tityre tu patulae recubans sub tegmine fagi
silvestrem tenui musam meditaris avena
nos patriae finis et dulcia linquimus arva
nos patriam fugimus tu Tityre lentus in umbra
formosam resonare doces Amaryllida silvas …

Tiyrus rücklings gelehnt unter dem schützenden Dach der Buche …

Einen berauschenden Sonnen- und Sinnesgenuß hat der europäische Dichtervater hier in Worte gegossen.  Gerade erst blitzt der Sonnenstrahl über Kreuzberg auf, unten im Hof plätschert der immerwache Brunnen. Das Volk tut und das Kind tut, was es gern tut – es schläft.

Arkadien – ein erdachtes Paradies steigt in aller Frühe aus dem Papier ins Ohr hinein.

Noch wenige Wochen, bis zum 22. Juni 2014, verbleibt die Ausstellung „Arkadien – Paradies auf Papier“ im Berliner Kupferstichkabinett zu besichtigen. Dann wird sie die Pforten schließen. Das empfindliche Papier verträgt ungeschützt den Strahl des Lichts immer nur kurze Zeit. Du schaust, du staunst: So ist dies also. Ich besuchte die Ausstellung vor einigen Tagen. Die zarten, oft mit Andeutungen und Anspielungen arbeitenden Zeichnungen riefen lange verschüttete Klänge, Wörter und Bilder hervor.

Der Anblick des Schönen ist endlich. Er ist zeitlich befristet.

Aber unsere Ohren können sich – gestützt auf den schwachen Abdruck des gezeichneten Erinnerungsbildes – den Klang der Worte Vergils jederzeit ins Gedächtnis rufen. Diese Worte haben das Bild hervorgebracht, sie überdauern die Zeiten, sie sind dauerhafter als das Papier, dauerhafter als das Erz der Druckplatte, aus der der Kupferstich für wenige Jahrzehnte des Anblicks nur hervorging.

via Vergil, ecloge 1: Meliboeus und Tityrus (lateinisch, deutsch).

Ausstellung:
Arkadien – Paradies auf Papier. Landschaft und Mythos in Italien. Kupferstichkabinett. Staatliche Museen zu Berlin, 7. März – 22. Juni 2014

Bild:

Eine Blumenwiese mit Bächlein, unter dem schützenden Dach von Buchen. Aufnahme des Wanderers vom 1. Mai 2014, Thüringer Wald, bei Eisenach

 Posted by at 09:38