„Hören – spielen – lieben – verehren und – das Maul halten“

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Juni 202018
 


Kaum ein größeres Vergnügen als das Singen und Geigenspielen kenn ich. Vor allem in der Küche meiner Schöneberger Wohnung, weil es da so schön hallt. Woher diese Lust? Ich vermag es nicht zu sagen. Und meist will ich es auch nicht sagen.

Bei einer Feierlichkeit zum 25-jährigen Bestehen des großartigen Einstein Forums Potsdam, dem sich der hier Schreibende seit längerem dankbar verbunden weiß, kam am 15. Juni auf der Terrasse des Caputher Sommerhauses auch die Rede auf Einsteins Verhältnis zur Musik. Musiker der Kammerakademie Potsdam spielten sehr rein Mozarts Streichquartett Nr. 12 in B-Dur, KV 172. Über die Musik Mozarts sagt Einstein: „Mozarts Musik ist so rein und schön, dass ich sie als die innere Schönheit des Universums ansehe.“ Dem kann ich folgen, dem will ich folgen!

Noch besser gefällt mir seine Antwort auf das Ersuchen einer Illustrierten, einen Artikel über Johann Sebastian Bach zu verfassen. Er antwortet unwirsch: „Was ich zu Bach’s Lebenswerk zu sagen habe: Hören, spielen, lieben, verehren – und das Maul halten.“

Also liebte, verehrte, hörte und spielte der Mensch Albert Einstein die Musik eines Mozart, das lebendige Werk eines Johann Sebastian Bach so sehr, dass ihm jede rationale Erklärung dreist, unvollkommen und zu kurz gesprungen erschien? Ich möchte dies glauben! Ich glaube dies in der Tat.

Schönheit, Liebe, Verehrung, in diesem zeitgebundenen, gleichwohl die Zeit übersteigenden Geschehen der Musik dürfte für ihn eine Wahrheit erscheinen, die jenseits der naturwissenschaftlichen Wahrheit aufragt. Die naturwissenschaftliche Wahrheit mag ihm nur wie ein schwacher Abglanz jener sich ereignenden, nicht wissenschaftlich zu formulierenden Schönheit, jener höheren, mächtigeren Wahrheit der Schönheit erschienen sein. Je länger ich darüber nachdenke, je mehr naturwissenschaftliche und persönliche Texte ich von dem gelinde gesagt sperrigen Mann aus unserem Schwaben lese, desto entschiedener vertrete ich die Überzeugung, dass Einstein nicht vorrangig ein „naturwissenschaftliches Weltbild“ vertrat. Er ließ vielmehr die Musik und die Poesie da einsetzen, wo die Naturwissenschaft nicht weiterkam!

Nicht umsonst zitiert er in seinem Lobpreis Mozarts dem Tone nach und wörtlich seinen so innig verehrten Lieblingsdichter Heinrich Heine:

Du bist wie eine Blume,
So hold und schön und rein;
Ich schau dich an, und Wehmut
Schleicht mir ins Herz hinein.

Mir ist, als ob ich die Hände
Aufs Haupt dir legen sollt,
Betend, daß Gott dich erhalte
So rein und schön und hold.

Zitate:
Jürgen Neffe: Einstein. Eine Biographie. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 8. Auflage, Reinbek 2018, S. 337
Heinrich Heine: Sämtliche Gedichte in zeitlicher Folge. Herausgegeben von Klaus Briegleb. Insel Verlag, 7. Auflage, Berlin 2016, S. 195

Bild:
Ein Blick auf den leise wispernden, sozusagen ewig daliegenden Templiner See vor Caputh, beim abendlichen Heimradeln nach dem Sommerfest am 15. Juni 2018

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Plötzliches Aufstrahlen der sichtbaren Schönheit im Klang: Liszts Zauber

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Apr. 282018
 

Liszts Lied „I‘ vidi in terra angelici costumi“ in As-Dur entfaltet in diesen Augenblicken eine geradezu berauschende, eine betörende Wirkung auf mich, und ich konnte vor drei Tagen nicht umhin, es innerlich summend als Schmerzbetäubungsmittel bei einem Zahnarztbesuch zu verwenden. Ich lehnte jede schmerzlindernde Spritze ab. Wer dieses Lied in sich trägt, den ficht nichts mehr an. Und – diese List mit Liszts Lied wirkte!

Dem diamantengleich strahlenden Sonett Petrarcas verleiht Liszt Flügel. Er schleift in den Edelstein gewissermaßen Facetten hinein, er zerstäubt das Licht, er lässt es rauschen und flirren. Die Art, wie Liszt in diesem Lied und auch in seinen anderen Liedern mit enharmonischen Verwechslungen, mit endlos sehnenden Vorhalten, mit harmoniefremden Tönen spielt, wie er jähe Abschattungen des Harmonischen in seine scheinbar gerade Linienführung bringt, ist unerhört, ja sie nimmt Wagners Tristan-Harmonik um etliche Jahre vorweg.

Man vergleiche etwa die ersten sieben Takte des Liedes „Die Loreley“, 1841 entstanden, mit den ersten 15 Takten des Vorspiels zu Tristan und Isolde, und man wird erkennen, dass Wagner, der tolldreiste Freund und geistige Kupferstecher, im „Tristan-Akkord“ auf Liszts Pfaden wandelt – nicht umsonst berichtet er zuerst in einem Brief an den verehrten Komponistenkollegen Liszt im Jahr 1856, dass er die gedankliche Konzeption zu Tristan und Isolde ausgearbeitet habe!

Hier der Text des Sonetts von Petrarca, das Liszt so überwältigend in Töne gesetzt hat:

I’ vidi in terra angelici costumi
e celesti bellezze al mondo sole,
tal che di rimembrar mi giova e dole,
ché quant’ io miro par sogni, ombre e fumi;

E vidi lagrimar que’ duo bei lumi
ch‘ àn fatto mille volte invidia al sole,
et udì‘ sospirando dir parole
che farìan gire i monti et stare i fiumi.

Amor, senno, valor, pietate e doglia
facean piangendo un più dolce concento
d’ogni altro, che nel mondo udir si soglia;

ed era il cielo a l’armonia sì ’ntento
che non se vedea ’n ramo mover foglia,
tanta dolcezza avea pien l’aere e ’l vento !

Das absolut reglose Blatt am Baum, von dem Petrarca spricht, wir sahen es heute im Sonnenschein!

Quellennachweise:
Francesco Petrarca: Canzoniere. Introduzione e note di Piero Cudini. Garzanti editore, XV edizione, ottobre 1999, hier: CLVI, S. 221

Liszt: 25 Songs for voice and piano. Volume I. French and Italian (high). International Music Company. New York, ohne Jahresangabe; No. 3347. Darin: 4. I‘ vidi in terra angelici costumi, S. 23-28; sowie auch: Richard Miller: Preface. The Songs of Franz Liszt. S. vii-ix; (enthält die Notenbeispiele aus Liszts Loreley und Wagners Tristan-Vorspiel)

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Die Baumtrommler

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März 022018
 

Wir gehen den Weg in den Wald hinein. Froststarrend ruhen die Baumstämme. Unverrückbar liegen sie da, als warteten sie auf den Schnee, der nicht kommt. Doch das ist nur Schein. So scheinhaft sind sie wie auch ein Pochen, ein Klopfen, ein Hämmern. Erst unhörbar, so dass du erst einmal an eine Sinnestäuschung denkst. Vor uns breitet sich der froststarrende Wald aus, der Düppeler Forst. Schabt ein Riemen deines Rucksacks taktgenau an der Kapuze, ja, nein? Du hältst inne. Du fragst die Mitwandernde, du drehst den Kopf in die hell strahlende Sonne.


Da, horch! — Ein weiteres Klopfen, ein Hämmern, ein insistierendes Pochen. Holz auf Holz! Kastagnetten des Frosts! Die beiden Pocher, die beiden Hämmerer scheinen aufeinander zu lauschen. Sie senden sich Signale zu, unsichtbare Morsezeichen. Die Morsezeichner auf ihren Bäumen sind’s! Jetzt drehst du den Kopf weiter, da vernimmst du aus einer dritten Richtung, leicht erhöht, vielleicht um einen Ganztonschritt, wieder ein inständiges Hämmern und Trommeln. Der dritte fällt den beiden ersten ins Wort. Er befiehlt ihnen zu schweigen. Doch die beiden ersten lassen sich nicht beirren. Sie fallen einander in den Tanz, sie hämmern herum, dass es eine Lust ist.

„Jetzt erst recht!“ Da hörst du die Späne fliegen! Sie raufen sich zusammen, diese drei Baumtrommler, sie spannen uns einen Konzertsaal auf, mitten im Wald. Sie pochen und hämmern, wild und doch präzis, weit über unseren Köpfen führen sie ihr Konzert auf. Sie zerbrechen ernst, unbeirrbar, leidenschaftlich die Kirchenstille des Sonntagmorgens. Dabei haben sie nicht studiert, diese Schlagzeuger mit ihren hämmernden Schnäbeln. Kein Dirigent könnte ihre Symphonie dirigieren, kein Komponist könnte eine derartige Fülle an Rhythmen, Tonhöhen und Nuancen aufschreiben. Kein Konzertsaal, auch nicht der neue holzvertäfelte Saal, der nach Pierre Boulez benannt ist, könnte dir ein derartiges überwältigendes Lauschen und Staunen bieten wie diese drei unsichtbaren Hämmerer.

Hört die Spechte am Stamme! Sie lernen nicht, sie erwarten keinen Lohn, sie verlangen keinen Eintritt, und doch übertreffen sie an Erfindungsreichtum und Klangfülle, an Pracht und Herrlichkeit jedes hochdekorierte Meisterschlagzeugerensemble im Kammermusiksaal der Philharmonie.

Die Fotos zeigen Blicke in diesen Konzertsaal im Düppeler Forst, den wir am vergangenen Sonntag durchwanderten.

Die Strecke dieser Wanderung, welche zum Konzertsaal Düppeler Forst führt, ist hier zum Nachwandern beschrieben:
Manfred Schmid-Myszka: Von Wannsee nach Babelsberg. Wanderung am südlichen Berliner Stadtrand. In: M. Schmid-Myszka: Rund um Berlin. Von der Ruppiner Schweiz bis in den Spreewald. 50 ausgewählte Wanderungen in der Mark Brandenburg. Bergverlag Rother, München 2016, S. 104-106, hier bsd. S. 105

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„Veni Emmanuel!“ Adventskonzert am Sonntag in St. Bonifatius

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Dez. 162017
 

Adventskonzert_Rufina[1]

Eine einhüllende Dunkelheit wird zerspalten durch den Ruf den Ruf: „Veni Emmanuel!“ Es wird Licht. Der dämmrige Kirchenraum wird bespielt, er erwacht zum Leben. Hirtenfeuer flackern auf! Empfindungen der Einkehr und der Heimkehr erwarten uns morgen bei dem gemeinsam gestalteten Adventskonzert, zu dem ich als Musikant eingeladen worden bin und zu dem ich euch einlade. Kommt, denn alles ist bereitet!

Sonntag, 17. Dezember 2017, 18.00 Uhr, St.-Bonifatius-Kirche, 10965 Berlin-Kreuzberg, Yorckstr. 88C
Rufina Kalschnee: Sopran
Klara-Maria Kalschnee: Mezzosopran
Instrumentalensemble der St. Bonifatius-Kirche
Stefano Barberino: Orgel

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An Schwager Kronos: Freude, Goethe, Musik, Singen

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Okt. 082017
 

Schöneberg, d 7 Oktbr 2017. Geselliges, gutes Musizieren im kleinen Kreis guter Menschen! Ich wage mich, auf ausdrückliches Bitten, am Klavier meiner Mutter selig sitzend, gelegentlich aufspringend, erstmals an den Vortrag von Schuberts An Schwager Kronos, freilich nicht im originalen d-moll, sondern in c-moll, wobei ich die Klavierbegleitung eher andeute als getreulich ausführe. Was für ein hochmodernes Gedicht hat Goethe hier geschrieben, hart gefügt, sprunghaft, kraftvoll rasselnd, zwischendrin zärtlich-behutsam innehaltend! Und Schubert drängt das noch einmal deutlich über Goethe hinauslangend ins Tiefste und Höchste hinein. Größte Erschütterung. Glück und Dankbarkeit am Abend.

 

Nachstehend der Text der ältesten überlieferten Fassung aus dem Jahr 1778 in Goethes Handschrift. Schubert hat allerdings den deutlich geglätteten Text der späteren Ausgaben verwendet.

 

AN SCHWAGER KRONOS

In der Postchaise d 10 Oktbr 1774

Spude dich Kronos
Fort den rasselnden Trott!
Bergab gleitet der Weg
Ekles Schwindeln zögert
Mir vor die Stirne dein Haudern
Frisch, den holpernden
Stock, Wurzeln, Steine den Trott
Rasch in’s Leben hinein!

Nun, schon wieder?
Den eratmenden Schritt
Mühsam Berg hinauf.
Auf denn! nicht träge denn!
Strebend und hoffend an.

Weit hoch herrlich der Blick
Rings ins Leben hinein
Vom Gebürg zum Gebürg
Über der ewige Geist
Ewigen Lebens ahndevoll.

Seitwärts des Überdachs Schatten
Zieht dich an
Und der Frischung verheißende Blick
Auf der Schwelle des Mädgens da.
Labe dich – mir auch Mädgen
Diesen schäumenden Trunk
Und den freundlichen Gesundheits Blick.

Ab dann frischer hinab
Sieh die Sonne sinkt!
Eh sie sinkt, eh mich faßt
Greisen im Moore Nebelduft,
Entzahnte Kiefer schnattern
Und das schlockernde Gebein.

Trunknen vom letzten Strahl
Reiß mich, ein Feuermeer
Mir im schäumenden Aug,
Mich Geblendeten, Taumelnden,
In der Hölle nächtliches Tor

Töne Schwager dein Horn
Raßle den schallenden Trab
Daß der Orkus vernehme: ein Fürst kommt,
Drunten von ihren Sitzen
Sich die Gewaltigen lüften.

Die Wiedergabe des Gedichtes erfolgt hier buchstaben-, zeilen- und zeichengetreu in der Fassung der „Ersten Weimarer Gedichtsammlung“, welche Goethe eigenhändig im Jahr 1778 schrieb (Handschrift H2).

Zitiert nach:
Johann Wolfgang Goethe: An Schwager Kronos. In der Postchaise d 10 Oktbr 1774. In: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1756-1799. Hgg. von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Frankfurt am Main 1998, S. 201-203

Bild: Goethes Arbeitszimmer, Weimar. Im Spiegel Goethes: der hier Schreibende

 

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Gläserklirren, Besteckklappern, Gemurmel bei Beethovens 2. Symphonie? Skandal!

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Juli 212017
 

Ein dumpfer Klangteppich aus klirrenden Gläsern, das Aufflackern von Zigarren und Zigaretten, Stoßen und Schubsen der Kellner umgibt den Augenblick, da Benjamin Bilse den Taktstock erhebt. Er ist dem Publikum zugewandt, die ersten Geigen sitzen von ihm aus gesehen rechts, die zweiten links, die vier Kontrabässe stehen mittig ganz hinten. So hat es Adolph Menzel festgehalten. Seine Gouache ist seit heute in  der großartigen Sommerausstellung des Berliner Kupferstichkabinetts zu sehen.

Johann Ernst Benjamin Bilse – er war der führende Dirigent der klassischen Musikszene Berlins, bereiste ganz Europa mit Dirigaten, seine Bilse’sche Kapelle galt als Berlins bestes Orchester, und doch knarrte und krachte es allenthalben! Die Musiker fühlten sich unter Wert gehandelt, unter Wert behandelt, und als Bilse sich 1882 erdreistete, die Musiker in der vierten Klasse der Eisenbahn auf eine Konzertreise zu schicken, kam es zur Sezession: 52 Musiker verließen im revolutionären Zorn die Bilse’sche Kapelle und schlossen sich zum Berliner Philharmonischen Orchester zusammen.

Es wurde eine echte Orchesterdemokratie und ist es bis heute geblieben! Man nennt sie heute weltweit die BERLINER PHILHARMONIKER.

Adolph Menzel: Konzert bei Bilse. Gouache 1871

Wir geben den Ton an. Bilder der Musik von Mantegna bis Matisse. Eine Sommerausstellung im Kupferstichkabinett. Staatliche Museen zu Berlin. 21. Juli – 5. November 2017. Katalog herausgegeben von Catalina Heroven und Dagmar Korbacher. Erschienen im Imhof Verlag, Petersberg 2017, darin: Abb. 44 (Kat. 107)

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„Gezeichnete Musik“ – gibt es so etwas?

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Juli 192017
 


2017_07_20_Wir geben den Ton an_Einladung (1)

Einen warmen, sommerlich-beschwingten Abend erwarte ich morgen, Donnerstag, im Kupferstichkabinett am Kulturforum, einem der bedeutendsten Museen unserer an Museen nicht eben armen Hauptstadt. Eröffnet wird um 19 Uhr unter dem Titel „Wir geben den Ton an“ eine Ausstellung zum Thema „Musik in der Zeichnung“. „Bilder der Musik von Mantegna bis Matisse.“ Musik als gezeichneter Augenschmaus? Das klingt vielversprechend.

Frage: Ob es wohl so etwas wie das Musikalische in der Zeichnung, das Zeichnerische in der Musik gibt? Ich weiß es nicht, kann es nicht wissen, es liegt außerhalb meines Fachgebietes, aber ich will mehr dazu erfahren. Gerade heute weidete ich mich an einigen Betrachtungen über „Dichterische und malerische Musik“; verfasst hat sie vor über hundert Jahren Albert Schweitzer, veröffentlicht wurden sie zuerst 1905 in französischer, 1906 dann auch in deutscher Sprache. Heute noch lesenswert!

Es spielt morgen ein junges Blechbläserensemble, das Berlin Concert Quintett.

Der Eintritt ist frei. Alle sind eingeladen zu kommen, lauschen, schauen, plaudern.

Lesehinweis: „Dichterische und malerische Musik“. In: Albert Schweitzer, J. S. Bach, Wiesbaden 1976, S. 382-398

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Zwingt die Saiten in Cythara

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Dez. 022016
 

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Zwingt die Saiten in Cythara
Und lasst die süße Musica
Ganz freudenreich erschallen

Wer dächte nicht an diese schönen Verse aus Bachs Kantate „Schwingt freudig euch empor“, wenn er eine so nette Einladung wie die folgende erhält? Ich jedenfalls zögere nicht, die mir zugesandte Einladung zu veröffentlichen!

Die Sänger, Musiker, Schauspieler  laden euch herzlich zu ihrem Adventskonzert am Samstag, den 10. Dezember 2016 um 19:30 Uhr in der Kirche St. Bonifatius, Yorckstr. 88/89, 10965 Berlin, ein.

Zusammen mit dem Konzertorganisten Stefano Barberino am Piano, der Sopranistin Sandra Barenthin, der Altistin Irina Potapenko, dem Tenor Claudio Stirpe, dem Schauspieler Sebastian Zett, mit Ivan Hampel (Violine) u.a. wollen sie euch mit (vor-)weihnachtlichen Melodien auf die (Vor-)Weihnachtszeit einstimmen.

Der Eintritt ist frei, Spenden sind herzlich willkommen.

Kommet zuhauf, denn:

Auch mit gedämpften, schwachen Stimmen
Wird Gottes Majestät verehrt.
Denn schallet nur der Geist darbei,
So ist ihm solches ein Geschrei,
Das er im Himmel selber hört.

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Seelenamt. Dienst an den Seelen

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Nov. 032016
 

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Die Labram-Bratsche aus Nuneaton (Grafschaft Warwickshire) ist auf ihrer sehr irdischen, sehr europäischen Reise am Montag wohlbehalten in Berlin eingetroffen. Ich bin äußerst angetan! Das Instrument hat einen starken und doch weichen, singenden Ton, eine gute Ansprache über alle Saiten hinweg und ist dabei eben doch deutlich eine Viola, also keine „etwas größere Violine“.

Gestern durfte ich darauf mit dem Kirchenchor unter M. Stefano Barberino in heiterer Klage das herrlich-traurige Bratschensolo in Puccinis Requiem darbieten, und zwar im Seelenamt in der sehr großen, geräumigen Hallenkirche St. Bonifatius in Kreuz-Berg.

Auch die kleinere Schwester der Bratsche, die Violine, durfte etwas singen von endloser Trauer. Den ersten Satz, „Obsession“ betitelt,  aus Eugène Ysaÿes Sonate Nr. 2 führte ich deutlich langsamer aus als man ihn sonst zu hören gewohnt ist. Ich hörte und spielte ihn nicht als Perpetuum mobile, das man in sportlicher Manier hinfetzt, sondern als hartes, streitiges, von Zerwürfnissen und Unterbrechungen geprägtes Ringen zwischen Licht und Dunkel, zwischen dem Zorn Gottes und seiner Liebe. Und  bei 5 Sekunden Nachhall, da besteht doch die Gefahr eines Klanggemenges, des gefürchteten Klangbreies!

Doch diese Musik ist bei aller Düsterkeit unerbittlich präzise, ein scharfkantiges Gebild, das jäh aufflammt, unwirsch auffährt, um dann in süßen Akkorden zu schwelgen. Flötentöne!  Man kann sein Gehör und seine Finger schulen für übermäßige und erniedrigte Ton-Abstände, für weite Spannungen in den Doppelgriffen bis hin zu Dezimen, für die nahezu unerschöpfliche Palette an Klangfarben, die die Geige bietet.

Wir füllten in aller Seelenruhe den Raum der Kirche mit Klängen mühelos völlig aus – und der Raum füllte uns aus! Bei aller Trauer war dieses große Abschiednehmen friedlich und heiter. Unser gemeinsamer Dienst an den Seelen!

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Vergebliches Zetergeschrei zum herannahenden Halloween

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Okt. 292016
 

Gute, lebhafte Probe in der Neuköllner Nikodemuskirche, immer ums gute klingende Piano, ums kraftvolle Forte bemüht! Bei einer Pause zur Mittagsstunde treten wir auf die Nansenstraße hinaus. Ein kleiner Junge, wohl acht Jahre alt und drei Käse hoch, ist als Schnitter Tod verkleidet. Schwarzes Gewand bedeckt ihn, mühsam schleppt er die Sense hinter sich her. Mutti hat den Renault Twingo eben geparkt. „Hach, das ist so anstrengend, was die Kitas heute alles erwarten!“, ruft sie einer anderen Mutti zu. In der Tat, bei Halloween darf niemand beiseite stehen. Gruselclowns füllen denn auch die Zeitungsspalten  landauf landab! Hallo Tod!

Der kleine Dreikäsehochtod schleppt einen der modischen boardingpass-tauglichen Rollkoffer hinter sich her durch die Nansenstraße. Da fällt er ihm aus der Hand und stürzt aufs Pflaster, während Mutti ungeduldig drängelt. Der Tod behält die Ruhe. Er hat seine Zeit. Die Gruselclownsmaske verleiht ihm etwas Heiter-Abgeklärtes. Die Seelen purzeln heraus. Es ist ihm noch nicht ernst. Einige Szenen aus Hitchcocks „Psycho“ lagern lüstern lächelnd über dem Pflaster der Nansenstraße.

„Wart nur Mutti, i komm scho no!“, ruft der Tod der Mutter zu. Der Tod hat keine Eile. Die braven kita-geplagten Halloween-Mütter in Neukölln wissen das. Man kann dem Tod nachrufen, ihn zur Eile antreiben, mit ihm schimpfen und reden – und doch: Der Tod hat seine Zeit. Darüber lässt er nicht mit sich reden. Treiben lässt er sich nicht, abhalten aber auch nicht.

Reden mit dem Tod, geht das? Ja, etwa so:

Grimmiger tilger aller lande, schedlicher echter aller werlte, freissamer morder aller guten leute, ir Tot, euch sei verfluchet! got, ewer tirmer, hasse euch, vnselden merung wone euch bei, vngeluck hause gewaltiglich zu euch: zumale geschant seit immer! Angst, not vnd jamer verlassen euch nicht, wo ir wandert; leit, betrubnuß vnd kummer beleiten euch allenthalben; leidige anfechtung, schentliche zuversicht vnd schemliche verserung die betwingen euch groblich an aller stat; himel, erde, sunne, mone, gestirne, mer, wag, berg, gefilde, tal, awe, der helle abgrunt, auch alles, das leben vnd wesen hat, sei euch vnholt, vngunstig vnd fluchend ewiglichen! In bosheit versinket, in jamerigem ellende verswindet vnd in der vnwiderbringenden swersten achte gotes, aller leute vnd ieglicher schepfung alle zukunftige zeit beleibet! Vnuerschampter bosewicht, ewer bose gedechtnuß lebe vnd tauere hin on ende; grawe vnd forchte scheiden von euch nicht, wo ir wandert vnd wonet: Von mir vnd aller menniglich sei stetiglichen vber euch ernstlich zeter geschriren mit gewundenen henden!

Ein quälendes Ringen zwischen Tod und Leben, dieses Gespräch des „Ackermanns aus Böhmen“ mit dem Tod! Aufgezeichnet hat es mein guter alter  Namensgevatter aus dem böhmische Tepl, dem heutigen tschechischen Teplice.

Mir fällt dazu ein klingendes prachtvolles Stück ein, das ich gerade auf der Geige einstudiert habe: die Sonate op. 27 Nr. 2 von Eugène-Auguste Ysaÿe.

Der erste Satz aus der Ysaÿe-Sonate Nr. 2 für Violine solo dauert zwischen 2’20“ bis 3’15“, je nach Tempo. Er heißt „Obsession“ und wird häufig allein gespielt. Er lebt von der Spannung zwischen dem berühmten Thema aus der katholischen Totenmesse „Dies irae dies illa“ einerseits und dem Thema des 1. Satzes der E-dur-Partita für Violine solo von J.S. Bach andererseits.

Ist’s mir doch, als redete hier der Tod mit dem Leben! Bachs E-dur-Fanfare redet mit dem mittelalterlichen Psalm Dies irae dies illa. Und wer hat recht?

Wer behält das letzte Wort?

 

 

 

 

 

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Neukölln leuchtet und klingt so wohlig düster

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Okt. 232016
 

2016_10_30-konzert-psycho-flyer

Eine große Angstlust, ein wohliges Entsetzen, ein süßer Schauder strömt aus der Musik zu Alfred Hitchcocks „Psycho“. Erst durch die Musik erhält der Film seine unglaubliche Wucht. Komponiert hat sie Bernard Herrmann. Man stelle sich „Psycho“ einmal ohne Musik vor – es wäre ein mattes Abziehbildchen, das durch die bannende Macht der Schwarz-Weiß-Photographie zweifellos noch eine gewisse Beklemmung auszulösen vermöchte. Doch es wäre – NUR Photographie!

Wie wäre es umgekehrt – die Musik ohne die Bilder?  Antwort: Die Musik ohne die Bilder erzeugt, so meine ich, ohne weiteres eine ähnlich fesselnde Macht wie der Film insgesamt. Die Musik behauptet den Vorrang vor der Photographie. Sie ermöglicht es, den Film oder auch einen anderen Film ablaufen zu lassen, seinen Film, deinen Film.

Wir, die Neuköllner Serenade, spielen am kommenden Sonntag die Filmmusik zu „Psycho“ von Bernard Herrmann, das Klavierkonzert Nr. 13 C-Dur von Mozart KV 415 und das Konzert von Alfred Schnittke für Klavier und Streicher. Am Klavier der Pianist Georgy Gromov. Dirigent ist Martin Dehli.

Sonntag, 30. Oktober 2016,  18 Uhr,  Konzert in der Nikodemus-Kirche, Nansenstr. 12, 12047 Neukölln,
Eintritt frei, Spende erbeten

 

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„Weil ich der Welt bin müde“, oder: An die Kinder denken: Frühling im Herbst

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Apr. 062016
 

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Was hat sich der Vater selbst zu Lebzeiten gewünscht? Er dachte an das, was nach seinem Tod kommen wird! Was er will, dass nach seinem Tod kommen möge für die, die nach seinem Tod leben! Seine schon beizeiten schriftlich niedergelegten Instructionen sehen nicht Trakls Lied „Verklärter Herbst“ vor, sondern das Lied „Komm süßer Tod“.

Der Tod sei kein letztes, denn wir seien nicht nur von dieser Welt. Der Tod sei kein Feind! Er sei ein Hineingehen in eine höhere, andere Wirklichkeit. Dies war der feste Glaube meines Vaters. Er floh den Gedanken an den Tod nie.

Dieses folgende Lied stellt eine unerhörte Entwaffnung des Todes dar. Wir werden es dem Willen des Vaters folgend während des Requiems singen und dazu auf das Musicalische Gesang-Buch Christian Schemellis zurückgreifen.

Für den Komponisten des Süßen Todesliedes, Johann Sebastian Bach also, waren stets und immer die Worte der Dichtung, die Worte des Evangeliums der Quell seines Schaffens. Bach war im eminenten Sinne ein Mann des Wortes. Die Musik dient dem Wort, verstärkt, belebt und schmückt das Wort.

Charles Marie Widor hat am 20.10.1907 in Paris erzählt, wie erst sein Schüler Albert Schweitzer ihm Aug und Ohr  für das zutiefst Sprachliche, das zutiefst „Redende“ der Bachschen Instrumentalmusik geöffnet habe. Die Orgel-Choralvorspiele und Orgel-Phantasien Bachs seien ihm, Widor, unbegreiflich geblieben, das Schroffe, das Unnatürliche, Widersprüchliche, ja mitunter Unnatürliche der Stimmung sei ihm verschlossen geblieben.

Natürlich muß Ihnen in den Chorälen vieles dunkel bleiben, da sie sich nur aus den zugehörigen Texten erklären.“ So die gut belegte Erwiderung Schweitzers. Und dann übersetzte Schweitzer aus dem Kopf die zugrundeliegenden deutschen Choraltexte ins Französische.

Das ist eine kühne, aber dennoch wahre Lehre des Schülers für den Lehrer! Schweitzer bahnte Widor und uns allen den Weg für eine völlig neue Sicht auf die Musik Bachs, ja die barocke Musik überhaupt. Belebte Klangrede, Einheit von Ton und Wort, und, ja,  – das mag viele Klassik-Fans vor den Kopf stoßen! – Vorgängigkeit des Wortes, Vorrang des Wortes vor der Musik, das sind die Grundgedanken, die man nie aus den Ohren verlieren sollte bei Bachs Vokalmusik und selbst bei Bachs Instrumentalmusik.

Nachzulesen in Widors Vorrede zum großen Buch „J.S. Bach“ von Albert Schweitzer, erstmals erschienen 1908.

1.
Komm, süßer Tod, komm, selge Ruh!
Komm, führe mich in Friede,
weil ich der Welt bin müde,
ach komm, ich wart auf dich,
komm bald und führe mich,
drück mir die Augen zu.
Komm, selge Ruh!

2.
Komm, süßer Tod, komm, selge Ruh!
Im Himmel ist es besser,
da alle Lust viel größer,
drum bin ich jederzeit
schon zum Valet bereit,
ich schließ die Augen zu.
Komm, selge Ruh!

3.
Komm, süßer Tod, komm, selge Ruh!
O Welt, du Marterkammer,
ach! bleib mit deinem Jammer
auf dieser Trauerwelt,
der Himmel mir gefällt,
der Tod bringt mich darzu.
Komm, selge Ruh!

4.
Komm, süßer Tod, komm, selge Ruh!
O, dass ich doch schon wäre
dort bei der Engel Heere,
aus dieser schwarzen Welt
ins blaue Sternenzelt,
hin nach dem Himmel zu.
O selge Ruh!

5.
Komm, süßer Tod, komm, selge Ruh!
Ich will nun Jesum sehen
und bei den Engeln stehen.
Es ist nunmehr vollbracht,
drum, Welt, zu guter Nacht,
mein Augen sind schon zu.
Komm, selge Ruh!

 

Bild: Andrea Solario: Ecce homo. Olio su carta incollata su tavola – Öl auf Papier, geklebt auf  Tafel. Accademia Carrara, Bergamo. Gesehen von uns am 13. März 2016

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Aussöhnung zwischen Martin und Hans – dank Frau Musika

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Jan. 262016
 

Martin singt am Morgen:

Vor allen Freuden auf Erden
Kann niemand keine feiner werden,
Denn die ich geb mit meim Singen
Und mit manchem süßen Klingen.
Hie kann nicht sein ein böser Mut,
Wo da singen Gesellen gut,
Hie bleibt kein Zorn, Zank, Haß noch Neid,
Weichen muß alles Herzeleid;

Hans antwortet ihm am Abend:

Trüb‘ ist der Geist, verworren das Beginnen;
Die hehre Welt wie schwindet sie den Sinnen!

Da schwebt hervor Musik mit Engelschwingen,
Verflicht zu Millionen Tön‘ um Töne,
Des Menschen Wesen durch und durch zu dringen,
Zu überfüllen ihn mit ew’ger Schöne:
Das Auge netzt sich, fühlt im höhern Sehnen
Den Götter-Wert der Töne wie der Tränen.

Wie hätte wohl Martin Luther erneut am Morgen danach auf diese Verse Goethes geantwortet? Ich bin sicher: er hätte sie dankbar angenommen. Er hätte in Goethe einen ihm gleichartigen, einen gleich ihm beständig Strebenden erkannt. Er hätte ihn verstanden! Musik bannt böse Geister, vertreibt den Teufel in mancherlei Gestalt. Luther und Goethe, sie sind auch hierin, also in der Hochschätzung der lösenden, heilenden, versöhnenden Kraft der Musik, einander ganz nah.

Nachweise:
„Frau Musika – Vorrede auf alle guten Gesangbücher“, in: Die Lieder Martin Luthers. edition Akanthus, Spröda 2013, S. 4 (WA 35, 483f.)

„Aussöhnung“, in: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1800-1832. Herausgegeben von Karl Eibl, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt 1998, S. 462

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