Was ist los im Krankenhaus Bethanien?

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Feb. 132009
 

Es war im Bethanien … Mein erstes Probespiel als Geiger absolvierte ich in diesem ehemaligen Diakonissenkrankenhaus beim Salonorchester Die Berliner Stadtmusikanten im Jahre 1987 für den anspruchsvollen Posten des Sologeigers – und gewann es. Von Stund an war ich neben meinem Literatur- und Philosophiestudium an der FU Tanzgeiger und verdiente mir ein hübsches Zubrot auf allerlei Bürgerfesten, Feiern und Tanzveranstaltungen. Zu unserem Repertoire gehörten unvergessliche Perlen wie die Tritsch-Tratsch-Polka, die Petersburger Schlittenfahrt, Es war in Schöneberg …, aber auch der Freischütz auf 30 Minuten eingedampft. Und meine herrliche Studentenzeit wurde dadurch verlängert!  Wir probten immer – im Bethanien!

Gar nicht so lustig, vielmehr völlig verfahren – buchstäblich krank – erscheint heute die Lage im ehemaligen Diakonissenkrankenhaus. Werde da heute mal zum Treff mit Kandidatin Vera Lengsfeld und dem Herrn Tannert hingehen und versuchen, mehr zu erfahren. Hier als Einstimmung ein Bericht aus der WELT vom 24.01.2009:

Bezirk verdoppelt Künstlern die Miete – DIE WELT – WELT ONLINE
Die Besetzung des Bethanienhauses in Kreuzberg geht weiter. Aber es sind nicht länger die linken Aktivisten, die vor dreieinhalb Jahren in den Südflügel des ehemaligen Krankenhauses am Mariannenplatz einstiegen und seither die Räume nutzten. Mit ihnen hat der Bezirk vergangene Woche einen Mietvertrag abgeschlossen. Für 1500 Quadratmeter soll der Verein Druschba, der die Besetzer vertritt, 8900 Euro monatlich aufbringen.

Aber jetzt hat der renommierteste Mieter, das Künstlerhaus Bethanien, „Mietboykott“ angekündigt. „Wir machen es wie die Besetzer“, sagte Künstlerhaus-Geschäftsführer Christoph Tannert: „Wir werden nicht bezahlen.“

Damit eskaliert der Streit zwischen dem Bezirksamt und der Kultureinrichtung, die internationalen Künstlern Ateliers bietet und anspruchsvolle Ausstellungen zeigt. Denn der Bezirk hat dem Künstlerhaus zum Jahresanfang die Miete nahezu verdoppelt. Statt 16 000 Euro warm soll Tannert nun 31 000 Euro bezahlen. „Das können wir nicht, wir sind Zuwendungsempfänger des Senats“, so der Geschäftsführer. Tannert nennt die neue Forderung des Bezirks den „Höhepunkt in 30 Jahren Vernachlässigung“ für die Kultureinrichtung, die sich auch im grün-alternativen Kiez nicht scheut, sich zur Begabtenförderung zu bekennen.

Das Foto bietet einen Blick auf die Rückseite des Bethanien, im Blütenschimmer des April 2008.

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Einsichten beim Aderlass

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Dez. 112008
 

„Denken Sie an etwas Schönes!“, forderte die medizinische Assistentin mich heute beim Blutablassen auf. Der Gedanke der Vorsorge hatte mich erfasst, jetzt zahlte ich dafür mit vier Ampullen Blut. Statt nur zu denken, fing ich an zu erzählen:

„Gestern war ein schöner Tag. Ich spielte für die Kinder der ersten Klasse in der Schule am Brandenburger Tor den Stier Ferdinand. Ich erzählte die Geschichte von Munro Leaf und spielte dazu auf der Geige die Musik von Alan Ridout.“ Und während die erste Ampulle gefüllt wurde, erzählte ich die Geschichte noch einmal.

Während der zweiten Ampulle sprachen wir über das Zuhören. „Kinder sind mir das liebste Publikum. Gestern haben sie wieder alle zugehört, alle Fragen richtig oder falsch beantwortet und am Schlusse artig geklatscht.“ Schön. Die Assistentin rüttelte an der Nadel. „Bei Erwachsenen ist es schwieriger, die Zuhörer wirklich alle zu fassen. Viele schweigen vor sich hin, driften ab. Oder sie stimmen im Geiste nicht zu, werden dies aber nicht zugeben.“ Und schon war die zweite Ampulle gefüllt.

Bei der dritten Ampulle sprachen wir über Vornamen. „Es gibt vielleicht schönere Vornamen als den Ihren – aber er ist der Ihre. Hegen und pflegen Sie ihn, Sie werden ihm ähnlicher. Man wird so, wie es der eigene Vorname einem sagt.“ Diese Einsicht strömte einfach so aus mir hervor wie ein Tropfen Blut. Armwechsel, die Vene war erschöpft.

Bei der vierten Ampulle sprachen wir gar nicht mehr, sondern das Blut floss nach und nach ab.

Danach kaufte ich mir nach längerem Probelesen in einer Buchhandlung zur Belohnung für den Aderlass zwei Bücher:

Uwe Tellkamp, Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2008

Helmut Schmidt: Außer Dienst. Eine Bilanz. Siedler Verlag, München 2008

Bereits jetzt weiß ich: Diese beiden Bücher werden mich als Quelle von Freude und Einsicht einige Tage begleiten. Helmut Schmidt spricht und schreibt ein vorzügliches Deutsch – er ist fast der beste darin, politische Sachverhalte bündig und knapp auf den Punkt zu bringen. Fürs erste steht allerdings fest: Wie seinerzeit – im Jahre 1356 – Karl der Vierte seinen Wählern, den Kurfürsten, so erteilt auch Helmut Schmidt den heutigen Politikern den dringenden Rat, Fremdsprachen zu lernen.

Er schreibt auf Seite 26 seines durch sprachliche Klarheit und pragmatische Weitsicht herausragenden Buches: „Wer die Angebote nicht nutzt, parallel zu seiner speziellen Berufsvorbereitung mindestens zwei lebende Fremdsprachen zu erlernen, läuft Gefahr, für immer zweitrangig zu bleiben.“

Karl IV. sprach deren fünf. Er gründete seine Macht nicht auf die Kraft der Waffen und Heere, sondern auf Unterredung und diplomatische Bündnisse … und auch – auf Geld.

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Man sieht sich: von der Cyberworld in die echte Welt

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Nov. 302008
 

So ein Blog, die unendlichen Weiten des Internet – das sind alles nur Behelfe, Wellenbretter, mit denen man unermessliche Strecken im Nu überwindet. Gleichwohl sind sie nicht das echte Leben. Schöner und erfüllender sind Begegnungen mit Menschen in Fleisch und Blut! Deshalb lade ich euch Leserinnen und Leser herzlich zu einigen öffentlichen Veranstaltungen in den nächsten Tagen ein. Ich werde sicher dort sein! Ich hoffe – man sieht sich!

Freitag, 05. Dezember 2008, 15.00 Uhr: doppelgedächtnis. Es spricht der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski. Eine Veranstaltung der Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa. Ort: Vertretung der Europäischen Kommission, Unter den Linden 78, Berlin-Mitte. Eintritt frei, Anmeldung erbeten unter: anmeldung@kultur-in-europa.de oder per Fax: 030 80 48 20 83

Freitag, 05. Dezember 2008, 16.30 Uhr: Ferdinand der Stier. Eine Geschichte von Munro Leaf. ErzählZeit mit Silvia Freund. Mit dabei sind Kinder der Kita am Kleistpark, Johannes Hampel (Violine), Michael Köke (Gesang und Gitarre), Elena Marx (Tanz). Großer Saal im Nachbarschaftsheim Schöneberg, Holsteinische Straße 30, Berlin-Schöneberg. Eintritt frei

Dienstag, 09. Dezember 2008, 19.30 Uhr: Treffen der ADFC-Stadtteilgruppe Friedrichshain-Kreuzberg, Café Sybille, Karl-Marx-Allee 72. Eintritt frei

Mittwoch, 10. Dezember 2008, 19.00 Uhr: Jahreskonzert der Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa. Mit Sonora Vaice, Sopran, und Tereza Rosenberga, Klavier. Atrium der Deutschen Bank, Unter den Linden 13/15, Berlin-Mitte (Eingang Charlottenstraße). Eintritt frei, Anmeldung erbeten unter: anmeldung@kultur-in-europa.de oder per Fax: 030 80 48 20 83

Ihr seht: Musik, Kunst, Kinder, Europa, Radfahren in Berlin, Kultur, eine Kita, ein Geldhaus … alles was das Leben lieb und teuer macht, kommt vor! Kommt ihr auch!

Unser Bild zeigt ein großes buntes Stoffgemälde, gemalt von Kindern der ersten Klasse aus der Staatlichen Grundschule am Brandenburger Tor. Für den lustigen Gesellen Papageno. Für eine Aufführung von Mozarts Zauberflöte

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Bildungsvergleich: Ost-Schüler bringen West-Mann in Bedrängnis

 Geige, Gute Grundschulen, Integration durch Kultur?, Kinder, Leitkulturen, Musik, Pflicht, Vorbildlichkeit  Kommentare deaktiviert für Bildungsvergleich: Ost-Schüler bringen West-Mann in Bedrängnis
Nov. 242008
 

Immer wieder gerate ich als einzelner West-Mann unter Druck in den fröhlichen Versammlungen meiner durch Kommunismus und Diktatur geprägten Freunde und Verwandten. So auch wieder gestern: Gemeinsam hörten wir – eine Runde von Musikern und Sängern aus aller Herren Länder, darunter ich als einziger West-Mann – einen privaten Mitschnitt vom Wieniawski-Wettbewerb Lublin 1988. Junge Geiger mussten in drei Runden ein anspruchsvolles Programm vorführen, darunter eben auch einige der schwersten Stücke, die es überhaupt in der Violinliteratur gibt, solche Leckerbissen wie die Variationen über ein eigenes Thema von Henri Wieniawski. Die spätere Siegerin, Natalia Prischepenko aus der damaligen Sowjetunion, hatte es uns gleich von Anfang an angetan: Eine bezaubernde Erscheinung, brachte sie die Emotionen der Musik voller Lebendigkeit, mit Stolz, Selbstgewissheit und Charme über das Podium in den ganzen Saal hinein, technisch makellos, brillant, angriffslustig, aber im Tempo absolut unerschütterlich. Selbst die allerschwersten Variation mit den Pizzicati der linken Hand „stand“ sie ohne Tempoverzögerungen! Jeder einzelne Ton perlte. Hinreißend, und das alles im Alter von 15 Jahren! Ihr Lehrer Zachar Bron saß irgendwo in einer der letzten Reihen, spielte im Geiste und sogar mit Gesten alles mit, ackerte, litt mit der Schülerin … Aber der Erfolg gab den beiden recht.

Oft höre ich dann: „Solche Höchstleistungen in den Bereichen Musik, Naturwissenschaften und Sport brachte eben nur das alte System hervor! Es gab weniger Ablenkung durch Gameboys, Handys und MP3-Player. Talente wurden bis in die hintersten Winkel der Sowjetunion gezielt gefördert. Herkunft zählte nicht – nur die Begabung. Solange man politisch nicht aneckte, konnte man sicher sein, dass eigene Leistungsreserven optimal ausgeschöpft wurden. Ihr im Westen habt dem nichts entgegenzusetzen. Bei euch herscht Kuschelpädagogik. Die soziale und ethnische Herkunft entscheidet hier in Berlin im großen und ganzen über den Bildungserfolg! Ausländer schaffen es kaum nach ganz oben. Das Niveau wird nach unten angeglichen, Leistung wird kaum gefördert.“

Schluck! Ich kann dem kaum etwas entgegensetzen. Das Niveau etwa in der Musikerausbildung war in den Staaten des Ostblocks deutlich höher als in Westeuropa. Dies meine ich wirklich nach Dutzenden von direkten Begegnungen mit Musikern feststellen zu können.

Wer weiß – vielleicht hat das bessere Abschneiden der Ost-Bundesländer auch etwas mit dieser Kultur der Leistung und des Lernens zu tun? Ich vermute dies. Denn die Mehrzahl der Lehrer, die etwa in Sachsen und Thüringen unterrichten, dürften noch aus der DDR stammen. Doch halt – es gibt ja noch Bayern … und da kenn ich mich aus. Denn ich habe mein Abitur in jenem fernen Lande errungen – das allerdings weder dem Osten noch dem Westen, sondern dem stolzen Süden der Republik angehört! Vivat Bavaria.

Bildungsvergleich: Ost-Erfolg bei Pisa macht Westländer neidisch – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – SchulSPIEGEL

Hauptschulen? Nicht in OstdeutschlandSachsen und Thüringen zählen jetzt zu den großen Gewinnern des innerdeutschen Ländervergleichs Pisa-E der 15-jährigen Schüler. Sachsen eroberte den Spitzenplatz in Mathematik und Lesekompetenz sehr knapp vor Bayern. Beim Schwerpunkt Naturwissenschaften liegt das Land international sogar auf dem zweiten Rang hinter Finnland, wenn man die deutschen Bundesländer in die weltweite Studie einsortiert.

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Was die Hände erzählen

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Nov. 102008
 

09112008006.jpg Das beste Konzert seit langem erlebte ich gestern nachmittag: Alle Geiger zeigten Individualität, hohes Talent, Freude am Spiel.  7 vielversprechende Talente in 30 Minuten. Sie waren zwischen 3 und 7 Jahren alt. Wir Eltern hörten voller Begeisterung zu, ja sogar die erste Geigerin des berühmten Artemis-Quartetts lauschte. Toll! Ich war begeistert. Alle Mütter und Vater, vor allem aber Lehrerin Tamara war hingerissen. Wir alle waren überzeugt, dass diese Jungen in dem jeweiligen Augenblick die besten Geiger waren. Und so war es! Keiner spielte besser als der, der gerade spielte. Und genau dieses Zutrauen von uns Alten, dieses langsame Hineinwachsen in eine reiche Überlieferung brauchen wir.

So muss es laufen. So geben wir die großartige Tradition unserer klassischen Musik weiter an die, die nach uns kommen. Irgendwann lassen wir die Hand los, die wir jetzt noch führen. Irgendwann werden sie allein spielen – und irgendwann werden sie uns an der Hand nehmen.

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Neue Geige wie echte Stradivari?

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Nov. 082008
 

02112008007.jpg Bloggerinnen und Blogger, erst vor wenigen Tagen hatte ich für ein paar Stunden eine der wenigen alten italienischen Geigen in den Händen, die ich bisher in meinem Leben spielen durfte.  Eine Carlo Antonio Testore, gebaut ca. 1760. Und sofort stellte sich jenes Gefühl ein, das man hat, wenn man eine echte Diva kennenlernt: eine unvergleichliche Persönlichkeit, die dich sofort unverwechselbar anspricht, die dir gerne ein Stück weit entgegen kommt, dich dann aber zappeln lässt. Ganz leicht nasaler Ton auf der G-Saite, aber D, A und E unvergleichlich klar, tragend, präzise. Jeder Ton wirkt eindeutig konturiert, nach außen getragen, nichts bricht sich, kein Schnurren, kein Rauschen – eine helle singende Frauenstimme!

Aber – sehr unerbittlich ist sie! Jeder nicht ganz reine Ton wird von der Dame sofort bestraft. Er klingt schräg! Die Dame weist dir dann die kalte Schulter. So sind sie, die alten Italienerinnen. Ich hatte das Gefühl: Da wohnt jemand drin, die hat nicht immer Zeit für dich!

Noch etwas: Diese Geigen wirken leichter als die modernen Geigen, und minimal kleiner. Außerdem klingen sie am Ohr oft etwas leiser als im Raum, sehen optisch häufig abgenutzt und irgendwie  vom Zeitlichen gezeichnet aus.

Und genau dies scheint zu stimmen: Die Forschung will herausgefunden haben, dass diese alten Geigen in der Tat dünnwandiger sind als die modernen, dass das Holz viele Feuchtigkeit verloren hat und wohl auch ab und an von Würmern befallen war.

Bemerkenswert ist die Notiz aus der heutigen Welt: Wieder einmal hat jemand den Klang der alten Stradivaris nachgeahmt. Dies passiert etwa alle 10 Jahre mit schöner Regelmäßigkeit. Sei’s drum! Es wird den Ruhm der alten italienischen Meisterinstrumente zusätzlich mehren!

Unser Bild zeigt die schöne Fremde, die ich wenige Stunden mein eigen nennen durfte. Ob sei eine echte Italienerin war? Ich weiß es nicht. Aber ich glaubte es für einige schöne Stunden. Und dieser Glaube hat mir und ihr geholfen. Wir waren ein vollkommenes Paar. Denn wir hatten den Glauben. Übrigens wie alle vollkommenen Paare – ein Paar auf Zeit.

Innovation: Pilze lassen Geige wie echte Stradivari klingen – Nachrichten Wissenschaft – WELT ONLINE
„Sie hat eine sehr gute Ansprache, verfügt aber auch über ein enormes Volumen“, sagt der Geigenbauer Michael Rhonheimer aus Baden im Aargau. „Ich bin überzeugt, dass die Holzbehandlung eine klangliche Verbesserung gebracht hat.“

Holz zersetzende Pilze stecken hinter der neuen Entwicklung. Es handelt sich um den Erreger der Weißfäule, ein Pilz namens Xylaria longipes. Die Pilze treiben ihre Fäden tief ins Holz vom Bergahorn, das für die Bodenplatte der neuen Geige verwendet wurde, und nagen die Zellwände an ganz bestimmten Stellen an. So verringern sie die Holzdichte, was deutlich bessere Klangeigenschaften garantiert. Damit lässt sich erstmals dieselbe Holzqualität erreichen wie in Stradivaris Werkstatt.

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Nov. 072008
 

Nach langer Plackerei gibt es für mich nichts Schöneres als mit anderen zusammen oder allein Geige zu spielen. Meist ergibt es sich von selbst, welche Stücke ich spiele. Denn ich wähle aus, was mir am ehesten zuzusagen scheint – und oft wählen andere aus, was uns zusagt. Seit neuestem spiel ich wieder Violin-Duo mit einem neuen Duo-Partner. Wir haben uns für die Drei Duos op. 67 von Louis Spohr entschieden. Duo II in D-dur spricht besonders klar, laut und deutlich. Der erste Satz strömt unbezwingbare Lebensbejahung aus. Der zweite Satz Larghetto ruht ganz in sich, eine wunderbare Mondscheinstimmung wird ausgebreitet. Das abschließende Rondo hat etwas leicht Jahrmarkthaftes, Tänzerisches. Herrlich! Manche Stellen erinnern in ihrer Doppelgriff-Fülle schon an einen Quartettklang.

Daneben studiere ich eine leckere Besonderheit ein: Der Stier Ferdinand für Erzähler und Violine. Worte von Munro Leaf, Musik von Alan Ridout. Schauspielerin Silvia Freund bereitet die Erzählung vor, ich die Musik. Herrlich – der Stier Ferdinand ist ein besonderer Stier, er durchbricht das Ideal des stampfenden, kämpfenden, rangelnden Stiers, ergötzt sich lieber am Blumenduft. Die Musik von Ridout gibt mir die Möglichkeit, beides auszuleben: das Ungebärdig-Stierhafte und das Besinnlich-Weiche. Die Versöhnung von beidem gelingt in der Musik.

Die erste Aufführung ist fest geplant für Freitag, den 5. Dezember in unserer alten Kita am Kleistpark.

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Was ist der Mensch? Laufendes, spielendes oder schwimmendes Wesen?

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Sep. 282008
 

28092008003.jpg Diese Frage stellte sich mir heute unabweisbar. Wieder bevölkerten wie vor einem Jahr die Läufer beim Berlin-Marathon die Straßen. Da wo wir standen, nämlich an der Yorckstraße, herrschten fröhliche beschwingte Gesichter vor. Es war beflügelnd, diesen Menschen zuzusehen, wie sie sich endlich einmal wieder auf eine uralte Art des Fortkommens besannen: das Zu-Fuß-Gehen.

Ich meinerseits entfaltete mich heute eher als Spielwesen. Denn es ist was dran, wenn Friedrich Schiller sagt: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Gerade nach besonders anstrengenden Tagen, wie sie hinter mir liegen, erquicke ich mich besonders gerne beim Geigenspiel. Und was haben meine Lieben angeschleppt? Ein wunderbares, sehr leichtes Violinkonzert. Der Komponist heißt Oskar Rieding. Das ganze Konzert steht in der ersten Lage. Wir besitzen sogar die Klavierbegleitung auf CD, erschienen in der famiro Musikproduktion. Ein kindgerecht-marionettenhaft aufbereitetes kleines Konzert mit großen Gefühlen in h-moll. Wir haben es schon 5 Mal durchgespielt und kriegen immer noch nicht genug! Sogar die Schwiegereltern in Moskau durften eine Aufführung über das Telefon mit anhören.

28092008005.jpg Am Nachmittag hieß es Abschied nehmen von der herrlichen Freibad-Saison im Kreuzberger Prinzenbad. Die Sonne lockte und lachte noch einmal, allerlei schwimmendes und lachendes Volk hatte sich eingefunden, sogar ein Weihnachtsmann platzierte sich auf der Rutsche und stürzte sich kühn hinab! Das Prinzenbad ist wirklich eine Art kleines Paradies. Da mag es wohl auch den einen oder anderen Sünder geben, wie in jedem Paradies, aber insgesamt ist es eine vortreffliche, nicht genug zu preisende Anlage! Ade – bis zum nächsten Mai. Die Saisonkarte hat uns vorzüglich gedient.

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Apr. 062008
 

Am Abend erreichte mich gestern noch ein Anruf: „Ja schaut ihr denn nicht auf ARTE das Geburtstagskonzert für Herbert von Karajan an? Es ist ein wunderbares Konzert, Anne-Sophie Mutter spielt gerade – wunderschön!“ Ich frage zurück: „Wer oder was ist wunderschön? Die Musik oder die Frau?“ „Beides!“, lautet die Antwort. Ich folge der Aufforderung sofort, schalte ARTE ein. Und es stimmt! Mutter, die Berliner Philharmoniker und Seiji Ozawa haben schon die ersten 20 Takte aus dem Larghetto des Beethovenschen Violinkonzertes gespielt. Die Musik trägt scheinbar alle, strömt dahin. Wirklich? Nach wenigen Takten ändert sich mein Eindruck: Die Kamera ruht ganz vorwiegend auf der Solistin, fängt gelegentlich auch einzelne Musiker ein. So bemerkt das Auge, was mein Ohr ebenfalls hört: Die Solistin arbeitet fortwährend am Klang einzelner Töne, hebt einzelne Noten, die zu Ruhepunkten führen – also vor allem solche auf schwachen Zählzeiten-, gewollt hervor. Sie scheint beweisen zu wollen, dass weder sie noch wir mit dem Beethoven-Konzert schon ganz fertig sind, dass es immer noch Neues, Unbekanntes, Unerhörtes zu entdecken gilt! Die Philharmoniker lassen es zu, Ozawa folgt bereitwillig. Dieses Kräftverhältnis bleibt auch im dritten Satz durchweg erhalten, und zwar selbst dann, wenn die Solovioline eindeutig nur umspielende, dienende Funktion gegenüber dem Hauptmotiv hat. Es ist schade, dass Dirigenten und leider auch die Toningenieure es mittlerweile offenbar aufgegeben haben, das Verhältnis zwischen Orchester und Solist so einzustellen, dass Sinn und Struktur eines solchen symphonisch angelegten Konzerts wirklich fassbar hervortreten. Man will den Weltstar sehen, man will dabeigewesen sein, man hat dafür bezahlt. Deutlich wurde das beispielsweise in der d-moll-Episode des dritten Satzes in jenen Takten, wo eindeutig den Holzbläsern die dominierende Rolle anvertraut ist. Mutter führte auch hier, das hörte ich auf Schritt und Tritt heraus.

Bei den wirklich großen, mir im Gedächtnis haftenden Aufführungen dieses Konzerts hatte ich hingegen nie den Eindruck, dass nur der Solist führt – sondern dass der Solist sich führen lässt … sich tragen lässt auf einem rückhaltlosen Vertrauen, Vertrauen in die Komposition, in den Dirigenten und in das Orchester. Es bedarf dann keiner weiteren Zutaten und hingestreuter Perlen.

Aufschlussreich war das Pauseninterview mit Anne-Sopie Mutter über Karajan, über Beethoven, über Bach: „Karajan führte uns so mitreißend, dass wir am Schluss auch wirklich für ihn spielen wollten.“ Eine respektlose Zwischenfrage fiel mir ein: Und wer führte heute abend? „Dieses Konzert ist der Mount Everest, an dem jeder Geiger sich immer wieder erproben muss, und bei dem Kunstverständnis und Virtuosität gleichermaßen gezeigt werden müssen“, so sprach Anne-Sophie Mutter sinngemäß in ihrem wunderbar klaren, schönen, persönlich eingefärbten Deutsch. Aber genau in diesen Aussagen treten auch die Grenzen einer solchen Werkauffassung hervor. Denn dieses Werk kann nicht als bloße einsame Auseinandersetzung der „Gipfelbezwingerin“ gelingen. Dann wird Beethovens opus 61 lange, langatmig, und je länger die drei Sätze dauern, desto stärker wird der Solist sich herausgefordert fühlen, selbständig Glanzlichter an verschiedenen Stellen aufzusetzen, es allen zu beweisen, was er oder sie „drauf hat“. Nein, nur in beharrlicher gemeinsamer Bemühung – vorzugsweise in den Proben – können Dirigent, Orchester und Solist so zusammenfinden, dass daraus der große gemeinsame Atem wird. Karajan, den ich leider nur von Tonträgern kenne, schaffte dieses Wunder immer wieder. Die Beethoven-Aufführung gestern blieb mir zumindest diesen großen, erhebenden Gesamteindruck schuldig. Dabei muss durchaus hervorgehoben werden, dass Mutter die Kreisler-Kadenz des dritten Satzes atemberaubend brillant und mit halsbrecherischem Accelerando spielte, mit einem Spiccato, dass mir schier das Herz stehen blieb – großartig, begeisternd, eine herausragenden Geigerin!

Auch die Zugabe, die Sarabanda aus Bachs d-moll-Partita, entsprach genau diesem Ideal eines Glanzlicher aufsetzenden, um Schönheit der einzelnen Phrase, des Tons bemühten Geigenspiels. Was weniger hervortrat, war die verdeckte Polyphonie, das quasi-ensemblehafte Gepräge dieses gemessen-melancholisch schreitenden Satzes. Beispielsweise in Takt 15: hier hat Bach zweistimmig mit einem einfachen Motiv aus zwei Sechzehnteln komponiert, sinnvollerweise getrennt in der ersten Lage auf A- und E-Saite zu spielen. Mutter entschied sich anders: Sie legte die Phrase ganz auf das unbetonte Tonika-g“ vor dem Taktstrich an, hob dieses sogar noch durch Lagenwechsel auf der A-Saite in die vierte Lage und Vibrato hervor – fürwahr ein hübscher Effekt, den auch andere große Geiger verwenden. Aber sind derartige Effekte wirklich das Beste, was sich aus dieser barocken Komposition herausholen lässt? Ein solches Fragezeichen bleibt. Karajan selbst, wenn er denn zugehört hätte – hätte er kein solches Fragezeichen gesetzt?

Bild: Johann Sebastian Bach: Drei Sonaten und drei Partiten für Violine solo. Hg. von Günter Haußwald, Bärenreiter Verlag, Kassel 1959. S. 30: Sarabanda aus der Partita d-moll

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„Ich bin schon längst fertig!“

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März 042008
 

bogenhand.jpg Zu unseren fast täglichen Ritualen gehört das gemeinsame Geige-Üben en famille. Wanja erhält von seinem Lehrer Woche um Woche ein leicht abgewandeltes Programm: leere Saiten mit ganzem Bogen streichen, das eine oder andere Volkslied im 5-Ton-Bereich, einfache Melodien zupfen. Ich spiele mit, sooft ich kann. Gerade in diesen Tagen, wo ich, als „ordentlich lastbarer Esel“, fast immer von Termin zu Termin eile, ist mir dieses kleine Exerzitium eine echte Labsal, und ebenso auch die kleine Geschichte, frei erzählt am Abend. Heute spielten wir beide auf der Geige Alle meine Entchen, Ira begleitete uns auf dem Klavier. Was für eine Freude! Wanja scheint es nicht so zu empfinden, denn er versucht, schneller als ich zu spielen, will uns abhängen, eilt uns absichtlich eine Viertelnote voraus und erklärt voller Stolz, während wir beim Schluss-A anlangen: „Ich bin schon längst fertig“. Mann, so cool fühlt er sich da, das sieht man ihm an!

Dieser Wunsch, partout schneller zu sein, mehr Spielzeug zu haben, das schnellere Auto zu fahren, scheint tief eingewurzelt zu sein in uns Jungs.

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Stradivari-Geigen entzaubert?

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Jan. 062008
 

Erstaunlich, dass ausgerechnet der aktuelle englischsprachige Spiegel online die knappste und aktuellste mir bekannte Gesamtdarstellung des Mythos Stradivari bringt. Gute, ausgewogene Berichterstattung durch Autor Carsten Holm! Es wird sogar ausgiebig aus dem Nähkästchen der Händlertricks und Käuferfinten geplaudert. Zitat:

The cult surrounding the 300-year-old violins has sent prices through the roof, making the Italian masterpieces a coveted investment worth millions. Only a handful of dealers control the market — and they’re willing to pull any number of strings to maximize profits.

Lesenswert für alle, die dem Zauber der Stradivari erlegen sind – oder noch nicht erlegen sind! Zu den letzteren gehört aufgrund eigener Hörerfahrungen im Konzertsaal der Autor dieses Blogs.

Welches ist denn nun die beste Geige? Meine Meinung ist: Die beste Geige ist stets diejenige, welche du gerade spielst. Und selbst wenn sie es nicht sein sollte: Behandle sie so, als wäre sie es! Du wirst ein Wunder erleben, und deine Zuhörer auch!

Soeben erfahre ich durch einen aufmerksamen Leser, dass dieser Bericht im gedruckten Heft auch auf deutsch erschienen ist, und zwar am 10. Dezember 2007.  Ankündigung im damaligen Editorial des Spiegels:

Als SPIEGEL-Redakteur Carsten Holm, 52, in der Wiener Werkstatt des deutschen Geigenbaumeisters Marcel Richters, 49, zum ersten Mal eine bald 300 Jahre alte Stradivari in die Hände nahm, wurde ihm mulmig. Drei Millionen Euro war die Violine wert, und es beruhigte ihn kaum, dass das teure Stück Holz gut versichert war. Beim Versuch, den Mythos Stradivari zu ergründen, kam Holm während der Recherchen in Chicago, London und München den seltsamen, bisweilen sogar kriminellen Usancen der Geigenhandelsbranche auf die Spur. „Wenn mein Name erscheint, bin ich erledigt“, sagte ihm ein Insider, der Zeuge von Schwarzgeldgeschäften in Millionenhöhe war. Selbst Händler sprechen von der „Stradivari-Mafia“, manche mit Schrecken, andere, so Holm, „mit einem breiten Grinsen“ (Seite 160).

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Bachs Weihnachtsoratorium – bitte nicht mit breitem Pinsel auftragen!

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Dez. 022007
 

Freitag: von 15 bis 22 Uhr dauert die Orchesterprobe für Bachs Weihnachtsoratorium in der Kreuzberger Ölbergkirche. Dirigent Norbert Ochmann weist unermüdlich auf die zahlreichen Feinheiten, Verästelungen, den unerschöpflichen Reichtum dieser Musik hin. Alles drohe aber verlorenzugehen, wenn man mit breitem Pinsel auftrage, alles nur laut, prachtvoll und gleichmäßig spiele. Wir geben uns redliche Mühe. In der Tat – ich entdecke zahlreiche neue Bezüge, die Instrumentengruppen scheinen miteinander zu sprechen und nicht nur einander zu übertönen.

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„Wie erfahren wir von deinen Konzerten?“

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Nov. 252007
 

Die Konzerte, bei denen ich als Geiger spiele, führe ich auf meiner Geiger-Homepage an. Diese Homepage steht auch jederzeit abrufbar hier rechts unter „Blogroll“. Nächste Konzerte: Weihnachtsoratorium am 8. und 9. Dezember 2007. Ihr seid alle herzlich willkommen!

 Posted by at 13:50