Die erstaunliche politische Karriere des Karl Valentin

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Aug 262011
 

Eine erstaunliche Karriere bei Politikern mit mehr oder minder ausgeprägtem Migrationshintergrund legt derzeit Karl Valentin hin, den viele für einen Bayern halten, obwohl seine Mutter aus Sachsen stammt. Oha, ein MIGRANT der zweiten Generation!

Fremd ist der Fremde nur in der Fremde” (Zitat 1), zitierte ihn CDU-Kandidat Ertan Taskiran kürzlich beim Fastenbrechen mit Bundesinnenminister Friedrich in Friedrichshain-Kreuzberg, einem Stadteil, in dem zu wohnen ich den ausgeprägten Stolz habe. Erstaunlich: Genau dieses Zitat habe ich öfters aus dem Munde meines Vaters gehört, eines gebürtigen Schlesiers, den es dann nach Bayern verschlug. Auch ein MIGRANT!

Die Zukunft war früher auch besser” (Zitat 2). So Bundesverteidigungsminister de Maizière im Tagesspiegel heute. Dem Namen nach zu urteilen ist der Minister auch ein Migranten-Sohn.

Mein Valentin-Zitat des Tages ist übrigens das folgende: “Der erste Mensch, den ich nach meiner Geburt erblickte, war die Hebamme.  Ich staunte sehr, denn ich hatte diese Frau nie zuvor gesehen” (Zitat 3).

Logischer Schluss aus Zitat 1, 2 und 3: Es kommt im Leben von Geburt an immer wieder zu Unvorhersehbarem. Doch manchmal hört oder liest man auch etwas, was man schon einmal gehört oder gelesen hat. Solche Zitate, ja Wiederholungen überhaupt, stiften Vertrautheit. Sie ordnen das unübersichtliche Ding, dieses Leben.

Mag es Zufall sein, dass ausgerechnet das lallende Kinderwort für Mutter in den meisten Sprachen eine Wiederholung aus zwei Silben ist? Ma-ma.

 Thomas de Mazière: “Es gibt keinen Sonderweg mehr” – Politik – Tagesspiegel
Jede Generation trägt in ihrer Zeit Verantwortung. Karl Valentin hat einmal gesagt: „Die Zukunft war früher auch besser.“

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Apr 292011
 

Die auf Paraffin gemalten, geritzten, eingeriebenen, eingearbeiteten Bilder Heike Jeschonneks prägten den Abend – einen langen, hinausgezögerten Vorsommerabend.

Ich gehe zur Eröffnung der Ausstellung.

Unterwegs, an der Ecke Obentrautstraße/Mehringdamm fragt mich eine Touristin auf Englisch: “Entschuldigung, ich weiß nicht, wohin ich gehen soll. Was würden Sie mir raten?”

“Gehen Sie mit mir!  Ich sehe doch, Sie interessieren sich für Kunst.” Und so gehen wir zusammen hin. Ich erzähle von meiner Heimat Kreuzberg, sie erzählt von ihrer Heimat Tel Aviv. Wir gehen zur Eröffnung der Ausstellung in der Galerie Tammen und Partner in der Hedemannstr. 14 / Ecke Friedrichstr. in Kreuzberg.

Ich treffe viele Bekannte und Freunde, stelle ihnen meine neue Bekannte vor und lerne selbst einige neue Bekannte kennen, führe Gespräche über Städte, Bilder, Menschen und mit einer Finnin über “die wahren Finnen”.

Ich mag dieses Würfelspiel aus Bildern, Gesichtern und Gesprächen, typisch für die bunte treibende Berliner Kunstszene.

Aber am besten hat mir heute doch gefallen, dass ein unbekannter Mensch, der aus Israel nach Berlin gekommen war, mich gefragt hat: “Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll. Was würden Sie mir raten?” Dieses Vertrauen, das ich darin spüre, war ein riesiges Geschenk!

Es gibt so viel Negativität im Leben und auf der Welt. Terry Eagleton ist – nach seinem Buch zu urteilen – überzeugt, dass aufs Ganze gesehen die negativen Aspekte in der Weltgeschichte bisher bei weitem überwiegen. Sonach gibt es keinen endgültigen Trost für Hiob. Bisher!

Dennoch schließe ich den heutigen Tag mit der überwältigenden Bilanz ab: es gibt hier in Kreuzberg, in meinem Umfeld, deutlich mehr Vertrauen als Misstrauen, deutlich mehr Gutes als Schlechtes, deutlich mehr Liebe und Zuneigung als Neid und Misstrauen. Es tut mir leid für alle Philosophen der Negativität, für all die Schopenhauers, Adornos, Žižeks und Habermas’.

Wir sind keine Gespenster, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, die einander im Guten zugetan sind.

Die Evidenz des Guten, das ich erfahre, überwiegt  noch den wortreichsten Versuch, mich vom Gegenteil zu überzeugen.

Immer wieder wird mir dann entgegnet: “Ja, aber: Auschwitz! Gulag! Hiroshima! Srebrenica!”  Darauf erwidere ich: Der Riesenunterschied zwischen Auschwitz und heute ist: Ich persönlich habe diesen heutigen Tag erfahren. Von Auschwitz habe ich nur gehört und gelesen. Es ist vergangen. Der heutige Tag, das Jetzt gibt den Ausschlag.

Bild: “Gespenster” von Heike Jeschonnek.

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Der brave Mann aus dem Schwabenland

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Apr 152011
 

Thomas Schmid im Gespräch mit Winfried Kretschmann. Für mich eins der besten politischen Interviews der letzten Wochen. Viele der Aussagen Kretschmanns rennen bei mir offene Türen ein. Insbesondere sein leidenschaftliches Bekenntnis zur Subsidiarität, sein Eintreten für den Vorrang des Kommunalen, sein Kämpfen für die Haushaltskonsolidierung, sein Bekenntnis zur begrenzten Gestaltungsmacht des Menschen. Mir gefällt auch, dass er sich durch viele innerparteiliche Niiederlagen nicht hat entmutigen lassen.

Ach gäbe es doch mehr solche Gedanken auch bei uns im Bundesland Berlin!

Wie anders klingt es bei uns: Die Parteien überbieten sich schon wieder in Versprechungen, wobei die linken Parteien sich als besondere Meister hervortun. Denn was soll der Staat nicht alles bezahlen: Milieuschutz, Mieterschutz, Wasserbetriebe zurückkaufen, neue Mietwohnungen kaufen, Autobahn bauen, Klimaschutzprogramm auf Staatskosten durchziehen, Schulen sanieren, Kita-Versorgung ausbauen, Polizisten einstellen usw. usw.

Ich erwarte finanzpolitisch etwas mehr, oh Berliner Parteien! Ihr überzeugt mich alle nicht!

Wo wollt ihr ansetzen? Wo streicht ihr? Seid doch ein bisschen unbequemer zu uns Bürgern!

Meine Vorschläge liegen teilweise schon auf dem Tisch. Hier z.B.  zwei:

a) Beheiztes Wasser im Sommer-Schwimmbad abschaffen.

b) Klassenfrequenzen deutlich erhöhen, dafür dann Unterrichtsgarantie.

Was haltet ihr davon?

Winfried Kretschmann: “Der Einspruch der Bürger ist eine Errungenschaft” – Nachrichten Politik – Deutschland – WELT ONLINE
Linke Ideen konnten die Grünen nicht tragen – schon deswegen nicht, weil es dafür schon eine Partei gibt, die Sozialdemokratie.

Welt am Sonntag: Diesen Sieg der Nachhaltigkeit kann ich bei den Grünen nicht erkennen. Außerhalb des gallischen Dorfs Baden-Württemberg spielt der linke Gedanke des Umverteilens noch eine starke Rolle – das passt schlecht zu deiner Philosophie der Subsidiarität. Du bist immer noch ein Außenseiter.

Winfried Kretschmann: Woran soll man einen in der Wolle gefärbten Katholiken wie mich erkennen – wenn nicht am Subsidiaritätsgedanken? Bei den baden-württembergischen Grünen, die ich sehr stark geprägt habe, hat sich dieser Gedanke durchaus durchgesetzt.

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Mrz 072011
 

“Ach Sie sind  das. Ich kenne Ihren Blog”, mit diesen Worten erwiderte vor einige Zeit eine sehr nette Politikerin meine artige, geradezu schulbuchmäßige Bekanntmachung: “Verzeihung, ist hier noch frei? Mein Name ist  …”

Das kleine Beispiel zeigt, dass die Politikerinnen wirklich angefangen haben, Blogs zu lesen und zu verfolgen. Gut.

Springer berichtet soeben:

Kulturwandel – Deutsche Blogger mischen endlich die Politik auf – Web & Technik – Berliner Morgenpost – Berlin
Es kommt nicht darauf an, wie viele den Beitrag lesen, sondern wer. “Die Fachpolitiker, deren Themen betroffen sind, verfolgen die entsprechenden Blogs sehr genau”, glaubt Meyer-Lucht. Grund: Die Beiträge sind auf ihrem Gebiet sehr speziell und werden “von Leuten geschrieben, die sich auskennen”, sagt Meyer-Lucht. “Sie stoßen in eine Lücke vor, die die Massenmedien nicht füllen können. Ich bin überzeugt, dass das Blog ein maßgebliches Publikationsformat der Zukunft sein wird.”

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Jul 212010
 

21072010004.jpg Jeder Gang durch die Straßen Kreuzbergs bietet neue Gespräche, nette Plaudereien. Gerade in dieser übergroßen Hitze hält man sich am liebsten im Freien auf. Man erledigt Einkäufe und Besorgungen. So auch heute!

“Möchtest du diese Puppe verkaufen? Nur 5 Euro!”, sprachen mich soeben bei mir um die Ecke vier Mädchen im Alter von etwa 5-8 Jahren an. Da erwachte mein väterliches Herz: “Ah, ihr meint wohl kaufen?”, entgegnete ich. “Ihr könnt doch diese Puppe nicht verkaufen. Überlegt doch mal, wie die sich fühlt. Ihr habt für sie gesorgt. Ihr solltet sie behüten!” “Nur 50 Cent!”, fingen die Kinder zu handeln an. Ich zauderte, tat so, als überlegte ich. Dann sprach ich: “Ich biete euch an, diese Puppe nachhause zu nehmen und für sie zu sorgen. Ihr bekommt sie später zurück”, beendete ich die durch die Kinder angebahnten Verkaufsverhandlungen. “Dann nicht!”, sagten die Kinder.

Ich wollte mehr bewirken: “Darf man denn als Puppenmutti Puppen so verkaufen? Man darf doch auch keine Kinder verkaufen, oder?” Die vier Mädchen antworten unterschiedlich. ” Zwei Mädchen sagten: “Nein, darf man nicht!”, ein Mädchen sagte mit leichtem Lächeln: “Doch darf man!”, und ein Mädchen sagte sehr ernst: “Doch, man kann Kinder verkaufen.” Ihr Gesicht war traurig. Oder bildete ich mir das nur ein? Wie gesagt: Keines der Mädchen war älter als acht Jahre.

“Ich finde, ihr solltet diese Puppe behüten und auf sie aufpassen!” ermahnte ich die Kinder. “Aber darf ich sie fotografieren?” Ja, das durfte ich.  Und oben seht ihr sie.

Die Puppe war die einzige Ware, die die Mädchen mir “zum Verkauf” anboten. Sie meinten – so nehme ich an –  “zum Kauf”. Die Puppe war die einzige Ware, die mir angeboten wurde. Die Mädchen sprachen mit mir akzentfrei Deutsch, untereinander teils Deutsch, teils eine andere Sprache. Ort, wie gesagt: in meiner Wohngegend, Kreuzberg-West.

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Mrz 252010
 

Interessanter Bericht heute in der Berliner Zeitung  unter dem Titel “Geschlossene Gesellschaft”. Die dort gesammelten Beobachtungen halte ich für zutreffend. Es ist tatsächlich eine selbstgezogene unsichtbare Mauer um diese arabischen Familien. Sie wollen offenkundig nicht behelligt werden. Ich habe dies selbst erlebt, als ich intensiv an der Fanny-Hensel-Schule für den gestrigen Abend zum Thema “Die neuen Deutschen” warb. Mehr als die Hälfte unserer Kinder dort kommen aus genau diesen geschlossenen kinderreichen arabischen Familien. Deutsche, polnische und türkische Eltern aus meinem Bekanntenkreis haben ihre Kinder schon abgemeldet. Referent: Badr Mohammed, ein CDU-Politiker kurdisch-libanesischer Abstammung. Einer der ihren! Wer hätte besser über die Lage der libanesischen Einwanderer reden können als er!

Der Abend war ein großer Erfolg! Es kamen viele Deutsche, Deutsch-Türken, Muslime deutscher und türkischer Abstammung, Christen und Konfessionslose, Schulhelferinnen, Sozialarbeiterinnen, 2 Journalistinnen namhafter Berliner Tageszeitungen, sogar einige wenige Mitglieder von der CDU Friedrichshain-Kreuzberg! Toller Referent, gute Beiträge und Fragen, tolle, offene, ehrliche Diskussion um die Überlebensfragen unserer Berliner Gesellschaft.

Wer nicht kam, das waren die Menschen, die Eltern von der Fanny-Hensel-Schule. Ich hatte Dutzende von Einladungen verteilt, die Eltern direkt angequatscht, sogar den unverzeihlichen Fauxpas begangen, arabische Frauen im Schulgebäude direkt anzusprechen und sie zu einem Diskussionsabend über ihre Lage, über die Lage unserer Kinder einzuladen. Nichts zu machen. So leicht kriegt man sie nicht. Eine Mutter hat die Einladung direkt vor meinen Augen in lauter kleine Stückchen zerrisssen. Auch sonst ist kein Vater und keine Mutter von der Fanny-Hensel-Schule gekommen. Wir haben es auch bisher nicht geschafft, dass eins der Kinder unserer wiederholten Einladung zu einem Besuch gefolgt wäre. Aber einen Bogen mache ich nicht um diese Menschen. Im Gegenteil! Ich gehe direkt auf sie zu.

Wir sind ja nicht deutsche Mittelschicht, sondern Kreuzberger Unterschicht. Wir haben ja nicht mal ein Auto.

Geschlossene Gesellschaft – Berliner Zeitung
Nicht nur die deutsche Mittelschicht macht einen großen Bogen um diese Familien. „Sobald mehrere arabische Familien an einer Schule sind, melden die türkischen Familien ihre Kinder dort nicht mehr an“, sagt die Jugendstadträtin von Kreuzberg, Monika Herrmann von den Grünen. Mit all den Sozialhelfern könne man im Grunde nur die Frauen und die Kinder unterstützen. „Wir haben große Schwierigkeiten, in so einen Clan reinzukommen“, sagt sie. Die Familien würden ihre Probleme lieber allein lösen, nicht mit Hilfe des Staates. Das wiederum hänge vor allem mit ihrem Eindruck zusammen, hier nicht gewollt zu werden.

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Nimm Hack und Spaten: Wir brauchen Eisbrecher!

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Feb 212010
 

03022010002.jpg Am heutigen Vormittag nahmen wir in der Universität der Künste (UdK) stolz die Siegerurkunde für “Jugend musiziert” in Empfang! Es gab ein großartiges Konzert einiger der Preisträger.

Darauf folgte nach dem Mittagessen der Siegerfamilien wieder ein schöner Schlittennachmittag am Kreuzberg mit einigen Kindern – deutschen, russischen, türkischen, einem japanischen Kind. Das waren alles deutsche Kinder. Sie leben hier. Sie sprechen deutsch. Also sind es deutsche Kinder. In Kreuzberg.

Eine gute Nachricht schrieb auch gestern Cem Özdemir direkt als Kommentar in dieses Blog: Er ist wirklich ein Kreuzberger Mitbürger, wohnt hier, hat hier – entgegen meinen irrtümlichen Vorstellungen – seinen alleinigen Wohnsitz. Das freut mich natürlich besonders, denn ich meine, wir brauchen hier genau das: Zuziehende Familien von außerhalb mit Kindern. Familien, die erkennen, dass es sich lohnt hierherzuziehen.

Ich freue mich über Familien, die Wohlstand und Geld hierherbringen. Es müssen ja nicht gleich Car-Lofts sein. Ich begrüße in Kreuzberg Familien mit guten Kenntnissen im Deutschen und anderen Sprachen, mit interessanten Berufen. Ich begrüße gut ausgebildete, beruflich erfolgreiche Eltern, die dann ihre Kinder hierher in die staatlichen Kitas und Grundschulen um die Ecke schicken. Ohne Auto. Zu Fuß. Mit dem Fahrrad.

Einfach hier um die Ecke, und da um die Ecke! Weil es sich lohnt, hier in Kreuzberg gemeinsam etwas aufzubauen. Ich bin für die Durchmischung der Milieus. Es soll nicht sein, dass in Gegenden wie rings um den Kotti nur Drogen, nur Arbeitslosigkeit, nur Perspektivlosigkeit und kulturelles Vakuum vorherrschen. Dem ist nicht so, dem war nicht so! Aber der Anschein drohte!

Özdemir nennt diese Menschen die “Eisbrecher”. So berichtet es Armin Laschet in seinem Buch “Die Aufsteigerrepublik” auf S. 146.  Am 30.06.2009 und am 25.07.2009 – also vor dem Erscheinen von Laschets Buch – erzählten wir bereits in diesem Blog von Menschen wie Mesut Özal – Menschen, die sich bewusst für dieses Land entschieden haben, obwohl ihnen auch eine zweite Option offenstand.

Diese bewusste Entscheidung für dieses Land – die scheint mir genauso wichtig wie die Entscheidung für diesen Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.  Ich wünsche mir mehr Menschen, die sich bewusst für dieses Land entscheiden. Ich wünsche mir mehr Menschen, die sich bewusst für diesen Bezirk entscheiden. Es lohnt sich! Denn das Eis wird und muss tauen. So dick kann gar kein Eispanzer sein.

Wie sagt doch Goethe: “Nimm Hack und Spaten! Grabe selber!”

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Jan 032010
 

02012010013.jpg Ein Volkssport, bei dem ich abseits stehe, ist das Schimpfen auf die Bundesbahn. Vielleicht habe ich Pech, dass ich nicht zu den Schimpfsportlern dazugehöre: Aber ich bin mit der Deutschen Bahn sehr zufrieden. Heute z.B. fuhr der ICE von Augsburg nach Berlin nur mit einer Hälfte – die andere Häfte blieb wegen technischer Probleme abgehängt. In dieser waren auch unsere reservierten Plätze. Wir mussten stehen – oder auf dem Boden sitzen.

“Das wird Ärger geben!”, schoss es mir durch den Kopf. Und in der Tat: “Stellt euch vor, der ICE fährt nur zur Hälfte – das ist eine Ka-ta-strophe …!” jammerte ein etwa 40-jähriger Mann ins Handy.  “Den Grube sollte man mal auf die Gleise festbinden!”, echote ein anderer. Kurz: Die Welt war sauer, die Welt war böse auf die Deutsche Bundesbahn.

Ich knüpfte harmlose Gespräche mit Mitreisenden an: “Können Sie mir den Unterschied erklären: Hier auf dem TIME-Titelbild steht Frau Europa, Angela Merkel has more power than any leader on the continent. Und schauen Sie hier: A trailblazer and the unchallenged leader of Europe’s largest economy, steht hier auf S. 20. Und die Süddeutsche titelt an eben diesem Tage: Vor Wildbad Kreuth: Christsoziale attackieren Merkel. Wer hat recht? TIME oder die Süddeutsche?”, frug ich unschuldig.

“Beide haben recht”, erwiderte mir ein bayerischer Mitreisender. Und dann löste er mir in gut bayerischer Art den Widerspruch auf. Er meinte: Wir Bayern haben schlechtere Karten, wenn es ums Reden und “Dischkerieren” geht. Und dafür rächen wir uns an den Norddeutschen.

Wieder waren 50 km verstrichen. “NICHT auf die Bahn schimpfen!” schärfte ich mir ein. “Na, Sie kriegen heute sicher vieles zu hören …” fragte ich den Schaffner. “Ich schalte auf Automatik-Modus”, erklärte er mir. Wir hatten gerade bequeme Plätzchen vor der Behindertentoilette ergattert, ein türkisches Mädchen unterhielt uns mit Fragen und Davonlaufen. Wir vertrieben uns die Zeit mit einem Dinosaurier-Quiz.

Ich dachte an die winterlichen Zugfahrten der Deportierten, die Herta Müller beschreibt: Dutzende Leute tagelang zusammengepfercht in einem Viehwaggon, statt Toilette ein Loch, 1 bullernder überforderter Ofen irgendwo am Raum.

Ich dachte an die winterlichen Zugfahrten der Deportierten, die Primo Levi beschreibt. Dutzende Leute tagelang zusammengepfercht in einem Viehwaggon, statt Toilette ein Loch im Boden, kein Ofen. Kalt. Sehr kalt.

Hier war es warm, hier traf man Leute. Und ich war sehr froh und glücklich.

Und doch – nach weiteren 50 km kam der Schaffner zurück: “Ich habe drei Plätze für Sie. Kommen Sie mit.” So war es! Durch den vollgestopften Zug hindurch geleitete er uns an drei Plätze, die eben freigemacht wurden. Durfte ich sittlicherweise den Platz annehmen, wo doch soviele andere Reisende stehen bleiben mussten? Waren wir irgendwie bevorrechtigt? Ich weiß es nicht. Wir haben die Plätze angenommen.  Bis Göttingen reisten wir sitzend auf bequemen Plätzen. Ein klein bisschen schlechtes Gewissen hatte ich doch. Aber dann räumte meine Frau auch schon ein bisschen Platz für eine Russin, so dass auf zwei Plätzen nunmehr drei Menschen saßen, die sich russisch miteinander unterhielten.

Dann stiegen wir um, nahmen die reservierten Plätze im Anschluss-ICE ein und erreichten Berlin mit 13 Minuten Verspätung. Unterwegs spielten wir Mikado und plauderten zwei drei Worte mit Mitreisenden.

Und ich bin sehr froh.  Ich brauche den Volkssport “Auf-die-Bahn-Schimpfen” nicht. Ich bin ein begeisterter Bahnfahrer. Man kommt ins Nachdenken …

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Feb 252009
 

Immer wieder gerate ich in kleine lockere Plaudereien beim Einkaufen, beim Bahnfahren, auf Festen und sogar beim Radfahren an der roten Ampel. Ein Familienangehöriger schalt mich schon einmal dafür: “Muss du wirklich mit jedem deine Gespräche führen …!”

Hierauf erwiderte ich: “Ich dränge niemandem solche Plaudereien auf … aber wenn die Leute so gern erzählen, warum soll ich nicht zuhören? Was ist denn so schlimm, wenn Menschen, die ich vor 5 Minuten noch gar nicht kannte, aus ihrem Leben erzählen?”

So sprach ich vor wenigen Tagen mit einer Kassiererin in einer Kreuzberger Kaufhalle (keine Angst, Filialleiter: Es war kein anderer Kunde da!). Ich bezahlte einige Waren täglicher Bedarf (WtB). Wir sprachen ein paar Takte. Dann erzählte sie: “Das war damals schön. Am Nachmittag, nach der Schule, gab es immer was zu tun: Gruppennachmittage, Pioniere, die FDJ, Zeltlager, Fahrten. Niemand kam auf dumme Gedanken. Das bisschen Politik lief so nebenher mit. ”

“Wo genau sind Sie aufgewachsen?”, fragte ich. “In Friedrichshain. Und heute,” fuhr sie fort, “da seh ich die Jugendlichen stundenlang draußen rumhängen, während ich an der Kasse sitze. Die wissen nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Keiner fühlt sich verantwortlich für die.”

Ich steuerte auch aus meiner Jugend bei: “Mir ging es so ähnlich. Ich war viel in kirchlichen Organisationen eingebunden. Die Religion lief nebenher mit – aber wir hatten immer etwas zu tun, es gab Unternehmungen, Gespräche, Musik. Dieses Geflecht an Vereinen und Gruppen scheint für die Jungen heute nicht mehr zu bestehen. Man geht lieber in die Clubs, in die Konzerte, hängt ab, konsumiert und amüsiert sich.”

Wir kommen überein: Jugendliche heute haben viel mehr Zeit und wesentlich mehr Geld zur freien Verfügung als wir damals. Gut ist das nicht in jedem Fall.

Die junge Frau schätze ich – auf etwa Jahrgang 1975. Sie war beim Zusammenbruch der DDR vielleicht 14 Jahre alt. Wenn sie sagt: “Meine Kindheit war schön”, dann ist das keine Verklärung der DDR, sondern ein echtes Gefühl, das man auf keinen Fall anzweifeln oder bewerten sollte. Es ist so. Und so wie ihr mag es tausenden anderen ergangen sein.

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Jan 062009
 

25122008004.jpg Was hält uns in Europa zusammen? So fragten wir in diesem Blog im vergangenen Jahr. Unsere vorläufige Antwort: Es ist nicht klar. Wir wissen es nicht so recht. Und wenn wir es wüssten, müsste es laut und deutlich gesagt werden.

Was hält politische Gemeinschaften zusammen? So fragte Aristoteles. Seine Antwort: “Freundschaft”, das Gefühl einer Zugehörigkeit zueinander. Innerhalb einer Stadtgemeinde dürfe es keine Feindschaften, aber auch keine Gleichgültigkeit  geben, sonst bräche der Zusammenhalt auseinander.

Was hält unsere deutsche Gesellschaft zusammen? So fragen heute die beiden Bürger Ursula von der Leyen und Wolfgang Schäuble in der FAZ auf S. 8. Ich nenne sie Bürger … Moment mal, sind das nicht zwei Politiker, Minister gar? Stimmt, ihr habt recht. Aber die beiden Verfasser schließen ihren Artikel höchst wirkungsvoll mit folgender Schlussformel ab: “… wir alle als Bürgerinnen und Bürger.” Alle sind wir Bürgerinnen und Bürger, das ist doch ganz meine Rede. Einige dieser Bürger sind daneben auch Politiker, aber Politiker und Bürger sollten sich einig sein in einem gemeinsamen Ethos. So verstehe ich zumindest die beiden Autoren.

Den ganzen Artikel durchzieht die Forderung nach einem gestärkten Miteinander. Nur dann, wenn jede und jeder das Gefühl hat, dazuzugehören und gebraucht zu werden, kann sich eine Gesellschaft auf Dauer den wichtigen Einzelfragen zuwenden. Vereine, Bürgerinitiativen, Mehrgenerationenhäuser – das alles und vieles mehr sind hochwillkommene Beispiele solch tätiger Gemeinschaft, die den Staat trägt. Der Staat kann diesen Wurzelgrund nicht ersetzen, aber er kann ihn fördern.

Wir warfen gestern einen Blick auf das untergegangene Zarenreich. Politiker wie Stolypin kämpften unentwegt für die gemeinsame Sache. Umsonst, es war wohl schon zu spät. Die gesellschaftlich führenden Gruppen und die meisten Politiker, nicht zuletzt auch Zar Nikolaus II. höchstselbst, waren offenbar nicht bereit, eigene Besitzstände aufzugeben. Der Petersburger Blutsonntag von 1905 und viele andere Abwehrreflexe setzten Fanale der Unterdrückung gegen die berechtigten Forderungen der benachteiligten Bauern und Arbeiter.

Wie schreibt doch Vera Lengsfeld in ihrem Buch Neustart auf S. 103? “Und wenn Politiker in der Öffentlichkeit gegen jede mögliche Veränderung vor allem besitzstandswahrende Abwehrreflexe kultivieren, wirken sie lähmend auf die Veränderungsbereitschaft der Gesellschaft.”

Ich meine: Wir brauchen Veränderung, wir brauchen dafür mehr innere Bindung an ein freiheitliches Miteinander. Ich glaube darüber hinaus: Die größten Risiken liegen nicht in der Staatsverschuldung, nicht in der Arbeitslosigkeit, nicht in der Finanzkrise. Die größten Risiken für unsere Republik und auch für die EU liegen darin, dass diese innere Bindung verloren gehen könnte.

Den höchst lesenswerten Artikel aus der heutigen FAZ werde ich mir aufheben. Man könnte ihn auch in einen Artikel für die führenden Boulevardblätter Deutschlands umschreiben, mit kurzen knackigen Sätzen und auf 200 Wörter verkürzt. Die Botschaft würde gut ankommen. Ich wünsche es ihr.

Unser Foto zeigt heute einen Blick in die Neue Oper in Moskau. Dort sahen und hörten wir am 25. Dezember eine Aufführung von Tschaikowskijs Nussknacker. Nach der Erzählung Nussknacker und Mäusekönig von E.T.A. Hoffmann. Auch solche deutsch-russischen kulturellen Gemeinschaftsleistungen halten uns in Europa zusammen.

 Posted by at 16:52