Europe’s Errors – TIME
I am not exaggerating when I say Europe’s obsession with restructuring its internal arrangements is akin to rearranging the deck chairs of a sinking Titanic.
Im Flieger von Berlin nach Düsseldorf las ich genüsslich die aktuelle TIME, March 8, 2010, etwa über die Vorzüge des Barfußlaufens, S. 40, oder über die Vorzüge des häuslichen Unterrichts, S. 37. Letzteres, also Schulverweigerung, führt allerdings in Deutschland zu Stigmatisierung, Geldbußen und Sorgerechtsentzug. Die Auflage von TIME: 5,8 Millionen Exemplare. Was hier steht, hat Wirkung!
Im Sinkflug befindet sich der Kontinent Europa. Insonderheit die EU. Ein Haufen von selbstverliebten zankenden Schrebergärtnern, die nichts gebacken kriegen. Dies behauptet Kishore Mahbubani auf S. 20. Lesenswerte Gardinenpredigt! Europa verfehlt seine Stärken, es ist blind gegenüber den globalen Herausforderungen. Europa steht sich selbst im Weg, weil die EU im wesentlichen allzu oft als bloße Umverteilung von Ressourcen hin- und hergerissen wird.
Ich wage nicht, Herrn Mahbubani zu widersprechen – zumal er ausdrücklich seine Sicht als „Außensicht“ ausweist.Der Kontinent Europa ist noch nicht zu sich selbst gelangt – und die EU leistet zu wenig dafür, dass dies so werde. Selbstbezüglichkeit herrscht vor.
Ein kleiner Beleg aus meiner europäischen Innensicht: Wenn deutsche Christen von „Ökumene“ sprechen, weisen sie stolz darauf hin, dass Protestanten und Katholiken einander nicht mehr die Schädel einschlagen. Die europäische Kirchenspaltung sei deshalb praktisch (wenn auch nicht dogmatisch) überwunden.
Was ist dran? Hier wage ich – immerhin! – zu widersprechen. Ein winziger Beleg: Die Katholiken und die Protestanten in Deutschland haben es immer noch nicht geschafft, die entscheidende, die viel tiefer liegende Kirchenspaltung ins Auge zu fassen, zu benennen, geschweige denn sie zu überwinden. Ich meine das Schisma von 1054, als West- und Ostkirche sich trennten. Seither ist Europa kulturell tief gespalten, und zwar bis zum heutigen Tag. Kleinasien, also die heutige Türkei, Bulgarien, Russland, Teile von Ukraine, Griechenland – diese und andere Länder zählen seit damals zum Osten. Sie sind für uns – das andere Europa (von uns aus gesehen). Wir sind für sie – auch für die Türkei: das andere Europa (von ihnen aus gesehen).
Dass dies in den deutschen Kirchen und auch in der CDU Deutschlands nicht gesehen und gesagt wird, erstaunt mich immer wieder. Ich meine: Es muss deutlich gesagt und oft wiederholt werden. Ich habe größte Mühe, den Sachverhalt meinen russisch-orthodoxen Familienangehörigen gegenüber zu rechtfertigen. Ehrlich gesagt: ich unternehme keine Versuche dazu.
Eine christliche Ökumene, die so tut, als sei sie ohne die mittlerweile überall in Europa lebenden „östlichen“, orthodoxen Christen vollständig, greift ins Leere.
Dies ist nur einer der vielen Belege dafür, dass wir Europäer endlich in die Gänge kommen müssen – nicht nur politisch, sondern auch kulturell. Dazu gehört, dass die Politik und die Menschen sich in den gesamten Strom der europäischen Geschichte stellen und nicht einen Teil abspalten.
Europa must get its act together! Wake up, get to your feet, reach out!
Den Reden und Ansprachen zu 20 Jahren Mauerfall habe ich mit höchster Aufmerksamkeit gelauscht. Die Tonlage, oder die „Tonalität“, wie manche sagen, war doch recht unterschiedlich, je nachdem, aus welchem Land die Redner stammten. Spricht man mit einfachen Menschen aus dem Volk, wird man diese Beobachtung auf Schritt und Tritt bestätigt finden. Ein Russe hat nun einmal einen anderen Blickwinkel auf den Mauerfall als ein Franzose oder ein Pole. Für Franzosen stehen Ideale wie Liberté oder Solidarité im Vordergrund, für die Russen hingegen ist das Faktum der Aussöhnung zwischen den beiden Völkern, den Russen und den Deutschen, viel wichtiger: der Fall der Mauer ermöglicht endlich das, was die Russen seit jeher wünschen – nämlich eine lebendige, bewusst gepflegte Freundschaft der Länder Russland und Deutschland. Für die Polen steht die Wiedergewinnung der nationalen Identität im Vordergrund, nachdem die als Fremdherrschaft empfundene Macht des Kommunismus gebrochen ist. Geblieben jedoch ist in Polen ein gewisses Misstrauen gegenüber der „hohen Politik“.
Allzu leicht fließt vielen Mahnern die Floskel „christlich-abendländische Werte“ über die Lippen. Dabei hätte der äußerst beachtliche Besuch des Papstes Benedikt in Israel und den palästinensischen Gebieten Anlass sein können, dem nachzusinnen, was der Papst selbst immer wieder hervorgehoben hat: dem gemeinsamen Ursprung der drei Weltreligionen aus der Wurzel des alten Israel. Das Judentum und die beiden aus ihm entsprungenen Nachfolgereligionen Christentum und Islam sind morgenländische Religionen. Bereits am Ende des 4. Jahrhunderts dachten, glaubten und beteten die Christen im wesentlichen so, wie sie das heute noch tun. Das Christentum hat sich im Orient ausgebildet, in Palästina, in Kleinasien (also dem Gebiet der heutigen Türkei), recht bald auch in der westlichen Reichshälfte, in Rom. Von da aus trat es seinen beispiellosen Siegeszug durch Europa an, ja es hat eigentlich das Europa, wie wie wir es heute kennen, erst entstehen lassen. Den Reden des Papstes ist das Bewusstsein dieses Kulturtransfers von Ost nach West, vom Morgenland in das Abendland deutlich anzumerken. Wir sind alle Schuldner Asiens.
Das folgende Interview hätte ich gerne bei meiner Ankunft am Flughafen Schönefeld gegeben:
Immer wieder wird gesagt: Die Teilung Europas kam 1989 zu einem Ende. Was wir jetzt versuchten, sei das Zusammenkitten von etwas, was durch die kommunistischen Revolutionen ab 1917 gespalten worden sei. Dem mag so sein. Und doch ist die europäische Geschichte durch zwei viel tiefer gehende Spaltungen geprägt: die doppelte Spaltung in Ost und West um die Jahrtausendwende, als sich der lateinisch geprägte Westen vom griechischen Osten löste – und die erbitterten Spaltungen und Risse, die etwa 500 Jahre später im Zeitalter der Reformationen aufbrachen. Immer ging es dabei auch um Worte, um Überzeugungen, um Ideen, die die Menschen antrieben und auseinandertrieben. Hierzu schreibt Diarmaid MacCulloch in seinem vielgerühmten Buch The Reformation. Europe’s House Divided: