Jul 282017
 

 

Aus dem Tagebuch eines Berliner Bergsteigers, der sich geistig schon auf die anstehenden  Südtiroler Bergtouren vorbereitet:

28.07.2017. Schlechtwetter hielt uns mehrere Tage am Basislager auf Höhe von 3800 über NN gefangen. Sturmtief Zlatan zeigte uns wieder und wieder seine unbeugsame Macht. Nach zwei Nächten sintflutartiger Regenfälle klarte es endlich auf. Immerhin waren die Temperaturen  hochsommerlich warm geblieben und fielen auch nachts nicht unter 15°C. So beschlossen wir am 25.07.2017 kurz nach Sonnenaufgang, den Anstieg zum Gipfel zu wagen. Uns lockte insbesondere das alte Observatorium, das, beginnend ab den späten 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts, dort oben am Gipfelplateau in Höhe von 7840 über NN errichtet worden war.

Besonders der heute als technisch überholt geltende, aber handwerklich immer noch staunenswerte 12-Zoll-Bamberg-Refraktor hatte das Interesse der Astronomen in unserer Gruppe geweckt.

Schon nach kurzer Gehzeit im lichten Bergwald wurden die Schäden der verheerenden Unwetter der vergangenen  Tage und Nächte sichtbar: großflächig ausgewaschene Kare, von denen auch noch der spärlichste Bewuchs abgetragen war (siehe Foto oben), bröckelnde Felsen, die schon beim leichtesten Tritt abgestürzt wären!

 

 

Eine Armlänge neben unserem Weg lag eine umgestürzte hundertjährige Fichte, deren lautes Krachen wir zwei Nächte zuvor bis in unser Quartier hinein gehört hatten. Vor uns erstreckten sich jetzt zahllose ineinander mäandernde Schrofen. Bergseitig hatte sich eine mächtig aufragende Wand gebildet, von der ab und zu abgehender Steinschlag zu hören war (siehe nebenstehendes Foto). Wir hatten also jene Zwischenzone erreicht, in der ein Klettern noch nicht nötig, ein rüstiges Ausschreiten nicht mehr möglich war. Auch ein Luis Trenker hätte hier zu äußerster Vorsicht geraten. Wie sollten wir uns verhalten, wenn wir das Gipfelplateau sicher und heil an Leib und Leben erreichen wollten?

In seinem Buch “Meine Berge” gibt der genannte Luis Trenker über dieses Zwischenreich des Nicht-mehr und des Noch-nicht folgenden Ratschlag:

Man hat keine einheitliche Bezeichnung für diese Mittelzone, dieses Mittelding zwischen Geh- und Kletterterrain, doch ist sie meist mit dem identisch, was man S c h r o f e n g e l ä n d e nennt, also ein mehr oder weniger steiles, noch mit Vegetation, langhaarigem Gras, einzelnen Latschen, mit kleinen Felswandeln, Zacken, Gesteinsrippen, erdigen oder schotterigen Rinnen, also Schrofen, durchsetztes Gehänge – über das man gewöhnlich den “Einstieg”, wo die reine Felsarbeit beginnt, erreicht.  Die Schrofenkletterei ist zwar die technisch leichteste, aber nicht die ungefährlichste Art des Gehens im Fels. Anfänger begehen gern den Fehler, sich möglichst bald, schon bei leichter Steilheit, an die geneigten Schrofen zu lehnen und womöglich auf allen vieren zu kriechen. Das ist verdammenswert schlecht. Der Körper muß unter allen Umständen aufrecht bleiben.

Nun, wir krochen nicht auf allen vieren, was ja verdammenswert schlecht gewesen wäre, sondern hielten uns aufrecht und an die Ratschläge Trenkers.  Nach nicht weniger als geschlagenen 900000 ms hatten wir unser Ziel erreicht. Wir genossen den Ausblick auf die weit unter uns hinter dem wogenden Baumwipfelmeer liegende Stadt. 

 

 

 

Endlich konnten wir auch  den 12-Zoll-Refraktor in der Wilhelm-Foerster-Sternwarte in Augenschein nehmen. So wurden wir für die Mühen des Aufstiegs im unwirtlichen Schrofengelände reich belohnt.

 

 

 

 

 

 

Hinweis:
Die Höhenangaben erfolgen in diesem Bericht in Zentimeter über Normalnull (NN).

Die Angabe der Gehzeit bis zur Wilhelm-Foerster-Sternwarte erfolgt in Millisekunden (ms).

Die Wilhelm-Förster-Sternwarte liegt auf dem Insulaner-Berg im Berliner Stadtteil Schöneberg.

 

Zitatnachweis:
Meine Berge. Das Bergbuch von Luis Trenker unter Mitarbeit von Walter Schmidkunz. Mit 190 Bildern im Kupfertiefdruck. Verlag Neufeld & Henius. Berlin 1932, S. 44

 

 

 

 

 

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