Je weniger Zuhörer ein Konzert besuchen, desto enger ist die Bindung zwischen Spielenden und Hörenden, desto stärker beeinflussen die Hörer durch ihre Art der Aufmerksamkeit das Spiel. So war es gestern abend: Alle Finger einer Hand hätten nicht ausgereicht, um all die Zuhörer zu zählen! So bot unser Publikum uns denn das denkbar beste, empfangend-gebende Hinhören. Wir weihten unser neues digitales Klavier durch diese Darbietung ein. Es war eine Freude! Fortan sind wir unabhängig und können an jedem bewohnten Ort der Erde ein Konzert mit Klavierbegleitung geben, vorausgesetzt, ein elektrischer Stromanschluss ist vorhanden.
Zwei Mal, am 8. und am 9. Dezember, spiele ich als Geiger bei Bachs Weihnachtsoratorium mit. Am Samstag in der Emmauskirche in Kreuzberg, am Sonntag in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg. Die Gethsemanekirche ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Großes Glücksgefühl für alle, jeder und jede lässt sich tragen von den Wellen dieser unendlich reichen Musik. Dahinter steckt aber auch viel konzentrierte Arbeit, vor allem für den Chor studiosi cantandi mit dem Dirigenten Norbert Ochmann. Wir laden zwei Freunde zu uns ein, um noch ein Glas Wein zu trinken. Wie bei Musikern üblich, lassen wir auch die Einzelleistungen Revue passieren. Unser Freund sagt: „Die Einzelbewertung interessiert mich nicht besonders, ich schließe die Augen und – ich höre Bach!“
Ira überrascht mich zum Frühstück mit ihrem neuen Mozart. Den hat sie vollständig selbst hergestellt: aus Pappmaché, Farbe, Seide und Samt. Ein neuer Mitbewohner! Ihr erster Mozart, eine ganz ähnliche selbtgemachte Marionette, ist ja nach Moskau verschenkt worden. Möge unser neuer Mozart den Menschen ebensoviel Freude bringen wie sein Vorgänger!
Wir telefonieren mit unserem Wanja. Nächsten Sonntag fliege ich nach Moskau und hole ihn zurück nach Berlin. Zum dritten Mal ist in Moskau Schnee gefallen, doch er bleibt noch nicht liegen.