Unterwegs zu einem Bild von der Reformation

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Dez. 052016
 

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Die Leihfrist läuft in wen’gen Stunden ab! Ein sehr lehrreiches Buch, dessen Verfassern ich hiermit von Herzen danke, werde ich in 2 Stunden bei der Alma Mater Stabi  zurückgeben: eine 2015 in Oxford verlegte „Illustrierte Geschichte der Reformation“, mit der ich manch gute Stunde verbracht habe. Nachstehend einige lose zusammengefügte Thesen, die mir beim abschließenden Durchblättern des Buches in den Sinn kommen:

  1. That reform was older than the Reformation.“ Die Reformation des 16. Jahrhunderts, die man heute gern mit dem Thesenanschlag vom 31.10.1517 beginnen lässt, war ein chorisches Geschehen, das sich dem Schwerpunkt nach – jedoch nicht ausschließlich – in den Gebieten des damaligen Sacrum Imperium Romanum und hier wiederum vorwiegend in lateinischer und in deutscher Sprache entfaltete, also namentlich in Kursachsen, in der Schweiz, und in Oberschwaben.

2. Die stärksten Kämpfe und Rivalitäten entfalteten sich in den deutschen Territorien zwischen den verschiedenen Zweigen der Kirche, die „die Reformation durchgeführt hatten“, etwa zwischen den Calvinisten und den Lutheranern, mitnichten jedoch nur zwischen der Katholischen Kirche und den Lutherischen Gemeinden.

3. Keineswegs war Martin Luther der einzige Reformator, keineswegs war er der erste, keineswegs war er der theologisch bedeutendste. Er war einer der mutigsten, er war wohl der lauteste von allen. Das wollte er zunächst eigentlich gar nicht. Er wurde da von der Revolution, die sich ihn ihm anstiftete, in etwas hineingetrieben, was er so nicht beabsichtigte. „Once underway, revolutions follow their own logic.“

4. Er sah sich selber nicht als den Reformator oder gar den Begründer einer „neuen Religion“, also der „Lutherischen Religion“. Eher schon sah er sich als Hinweisgeber, Zeichenträger, als „Dolmetscher“ des Wortes Gottes. Von daher auch die überragende Bedeutung einer neuen Bibelübersetzung, die mit den neuen technischen Mitteln des Buchdrucks und des Kupferstiches eine flächendeckende Macht entfaltete.

5. Unter den prägenden Gestalten der Religion der Väter scheint den großen Reformator Luther neben Jesus Christus am stärksten Johannes der Täufer beeinflusst zu haben. Er war der lauteste Rufer, wir müssen sagen der „Schreier in der Wüste“. Auf ihn bezieht Luther sich in herausgehobener Weise. Er verschmilzt ihn mitunter auf eine nicht bloß triviale Weise mit dem Evangelisten Johannes, der als sein zweitwichtigstes, ja überragendes theologisches Vorbild zu nennen ist.

6. „The actual content of ideas mattered.“  Die Glaubenskämpfer der damaligen Zeit glaubten ganz offenkundig das, was sie sagten. Es ging ihnen tatsächlich um die Substanz, es ging gewissermaßen ans „Eingemachte“; keinesfalls darf man die Glaubenskämpfe vor allem als Kämpfe um Macht und Geld ansehen.

7. Diese zunehmend aggressiv geführten Auseinandersetzungen um den Sinn von Worten, um Glaubensinhalte scheinen mir ab etwa 1500 ein prägendes Merkmal gerade der deutschsprachigen Landschaften geworden zu sein. Bis in die sechziger, siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein, so erinnere ich mich noch, wurde in den deutschsprachigen Gebieten um Religionen, Ideologien, theoretische Grundannahmen, mit einem Wort: um den rechten Glauben erbitterter, tiefschürfender, kompromissloser, ja gewalttätiger gerungen als in den anderen Sprachräumen Europas, vielleicht mit der Ausnahme Russlands.

Dieses erfrischende englische Buch sei als eine Art Kopfschmerztablette allen Landsleuten empfohlen, denen die Feierlichkeiten zum 2017 erwarteten Reformationsjubiläum in Deutschland einiges Kopfzerbrechen bereiten und die ein bisschen Abstand von deutschen, allzu deutschen Befindlichkeiten suchen:

The Oxford Illustrated History of the Reformation. Edited by Peter Marshall. Oxford University Press, Oxford 2015, hierin insbesondere: Editor’s Foreword, Seite V-X. Zitate wörtlich entnommen hier: Seite Vi, Vii

Und damit schließen wir mit einem kleinen Anklang an John Donnes Valediction:
Fare thee well, book, —
The breath goes now, and some say, „No“. 

 

 

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Danke für das Singendürfen!

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März 082016
 

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Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt,
daraus ein schönes Brünnlein quillt,
die brüderliche Lieb genannt,
daran ein Christ recht wird erkannt.

Dieses Lied erhob sich schutzsuchend, leicht bebend, flaumfederweich aus dem Munde eines Touristen, der links zu Füßen der Kanzel stand in jener Kirche, in der Johannes Bugenhagen und Martin Luther damals sicherlich mehrere hundert Male predigten.
Ich lauschte dem Gesang, der nur wenige Sekunden nachhallte. Ein anderer Tourist hatte dem Sänger zugesprochen: „Sing!“ Und der erste Tourist fasste den Mut, ohne Erlaubnis und amtliche Genehmigung zu singen. Einfach so, barhäuptig. Was würde geschehen? Das Lied „Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt“ störte den geregelten Ablauf der Führungen für deutsche und amerikanische Touristen doch erheblich. Es war nicht angemeldet! Und es geschah — nichts. Und so sang der Tourist dann noch „Nun danket alle Gott„. Er sang es in der früheren, der besseren Fassung mit dem doppelt so langen Nun, das Nu wird länger gehalten, die Geistkraft sammelt sich unter dem langen Nu an und bricht hervor wie ein schönes Brünnlein in dieses: Nun danket alle Gott mit Herzen Mund und Händen. Der Sänger dankte offenkundig mit dem zweiten Lied dafür, dass er das erste hatte singen dürfen. Dies war jedenfalls mein Eindruck.

Bilanz: Das Singen dieser beiden Gedichte, dieser Lieder aus dem aktuellen Evangelischen Gesangbuch der Kirchenprovinz Sachsen (Nr. 321 und Nr. 413) mochte zwar den geregelten Ablauf der Kirchenführungen beeinträchtigen, doch war es zu unerheblich, als dass es eines förmlichen Verweises bedurft hätte. Bereits wenige Minuten später ertönte das historisch belehrte Gemurmel und Dozieren der damit beauftragten Kirchenführungen wieder in deutscher und englischer Sprache.

Quellenangabe:
„413. 1. Korinter 13. Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt“, enthalten in „NÄCHSTEN- UND FEINDESLIEBE“ (Nr. 412-420) enthalten in „GLAUBE-LIEBE-HOFFNUNG“, enthalten in Evangelisches Gesangbuch, Berlin 1995

„321. Sirach 50, 24-26. Nun danket alle Gott“, enthalten in „LOBEN UND DANKEN“ (Nr. 316-340), enthalten in „GLAUBE-LIEBE-HOFFNUNG“, enthalten in Evangelisches Gesangbuch, Berlin 1995

Inschrift an der Empore der Stadtkirche Wittenberg:
„und Lobgesängen und geistlichen lieblichen Liedern / und singet dem Herrn in eurem Herzen“, Aufnahme des Touristen vom 05.03.2016

 Posted by at 09:56

„Fort mit mir!“ Woher dieser Selbsthaß?

 Antike, Europäisches Lesebuch, Griechisches, Haß, Hebraica, Kain, Religionen, Selbsthaß, Was ist deutsch?, Wittenberg  Kommentare deaktiviert für „Fort mit mir!“ Woher dieser Selbsthaß?
Feb. 242016
 

Martinus dixit: „Odium sui rimanebit usque ad introitum caelorum!“
Ego ex eo quaesivi: „Unde istud odium tui christianum, o Martine?“

„Woher kommt dein christlicher Selbsthaß, Martin?“ So fragt‘ ich, als ich vor einigen Wochen in einer 1-tägigen Sonderausstellung der Berliner Staatsbibliothek Martin Luthers vierte, erstmal lateinisch zu Wittenberg niedergelegte These in einem frühen Nürnberger Originaldruck des Jahres 1517 erblickte. Die vierte Wittenberger These sprang mich mit Macht an! Da läuteten alle Glocken in mir!

Denn Theodor Lessing veröffentlichte 1930 in deutscher Sprache ein Buch des Titels „Odium sui hebraicum“, zu deutsch also „Der jüdische Selbsthaß“, erschienen im Jüdischen Verlag zu Berlin. Dies ist die erste Glocke!

„Deutschland verrecke!“, „Nie wieder Deutschland, nie wieder Krieg!“, so habe ich es im 21. Jahrhundert jahrelang in Berlin-Friedrichshain gehört und gelesen, und zwar im öffentlichen Raum, ungestraft, ungescheut las ich es und hörte ich es, niemand machte darob ein Aufhebens. Der deutsche Selbsthaß ist keine Legende, nein, er ist eine Tatsache, die einen geradezu mit Macht anspringt. Durch die Zerstörung Deutschlands meinen die deutschen Antifa-Aktivisten den Krieg abzuschaffen. Der Selbsthaß feiert fröhliche Urständ! Weder deutsche Polizei noch deutsche Justiz kümmern sich um diese Manifestationen des deutschen Selbsthasses. Dies ist die zweite Glocke!

Antony Lerman wiederum entzauberte 2008 in der Jewish Quarterly in einem noch heute sehr lesenswerten Beitrag unter dem Titel Jewish Self-Hatred : Myth or Reality? Rätsel, Legenden, Fakten und Fiktionen des Redens vom angeblichen jüdischen Selbsthaß. Erstaunlicherweise wirft er nach sorgfältiger Prüfung den Begriff des jüdischen Selbsthasses in den Mülleimer der Geschichte. Er ver-wirft den jüdischen Selbsthaß. Er lehnt den Begriff ab. Lest selbst: „It is too much to hope that by revealing just how bankrupt a concept ‘Jewish self-hatred’ is, discourse among Jews on Israel and Zionism could become more productive, both for Jews themselves and for the sake of achieving justice in the conflict between Israelis and Palestinians. Too much is currently invested in this demonising rhetoric. But if we could edge it closer to the rim of the dustbin of history, we’d be making a start.“

Dies ist die dritte Glocke, gewissermaßen das Sterbeglöcklein des jüdischen Selbsthasses.

Der christliche Selbsthaß Martin Luthers von 1517, der deutsche Selbsthaß der Friedrichshainer Antifa von 2014, der jüdische Selbsthaß Theodor Lessings von 1930, der jüdische Selbsthaß Trotzkis von 1917 … haben sie eine gemeinsame Wurzel?

Woher kommt diese absolute Ablehnung des eigenen Selbst, die wütende Selbstanklage, dieses Gefühl: „Ich bin nichts, ich tauge nichts. In mir ist nichts Gutes, drum besser wär’s, es gäb‘ mich nicht! Fort mit mir!“?

Früheste Belege dieses Gefühls „Fort mit mir!“ scheinen mir ins Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zurückzureichen, also ins biblische Buch Bereschit (Buch Genesis). In Kapitel 4, Vers 13 hebräisch sagt es Kain so:

וַיֹּ֥אמֶר קַ֖יִן אֶל־יְהוָ֑ה גָּדֹ֥ול עֲוֹנִ֖י מִנְּשֹֽׂ׃

In rohes unbehauenes ungeliebtes Deutsch übersetzt also:
Und sprach Kajin zu JHWH : Groß meine-schuld aufheben

Kain traut sich nicht mehr aufzuschauen. Es ist, als würde er sagen: „Nach allem, was ich getan habe … was soll ich noch anschauen? Wen darf ich noch anschauen? Was ich getan hab an dem Bruder, kann ich nie büßen.“

Kain formuliert dieses Gefühl: Großschuld – zu große Schuld – übergroße Schuld. Lateinisch: „Mea culpa, mea magna culpa, mea maxima culpa“. Und diese Formulierung kannte der katholische Augustiner Martin Luther mit Sicherheit.

Im spezifischen Sündenbewußtsein Kains, im Bewusstsein seiner unverzeihlichen, seiner übergroßen Schuld goß Martin Luther dieses Gefühl absoluter Verworfenheit in seine vierte Wittenberger These – mit unabsehbaren Folgen für die deutsche und abendländische Geschichte.

Der christliche Selbsthaß Luthers wurzelt genetisch, also der Genesis nach im hebräisch-biblischen Selbsthaß Kains.

Doch ist dieser Selbsthaß keine Eigenheit des jüdischen oder des christlichen oder des deutschen Selbstverhältnisses. Dieser Selbsthaß, er ist etwas Menschliches. Dem Menschen haftet seit Kain das Odium der Selbstverwerfung an.

Denn auch in der paganen Antike außerhalb oder vor der jüdischen und der christlichen Überlieferung sind uns durchaus einige machtvolle Selbstzeugnisse eines derartigen Selbsthasses bekannt. So etwa im Ödipus Tyrannos des Sophokles! Die Schuld des Ödipus ist zu groß, als dass sie aufgehoben werden könnte, er wendet eine ungeheuerliche Aggression gegen sich selbst: er sticht sich die Augen aus. Es ist dies zweifellos eine Art aufgeschobener Selbstmord. In der Übersetzung durch Hugo von Hofmannsthal liest sich der letzte große Monolog des Ödipus so:

Ödipus:
Was soll ich noch anschaun?
Den Vater drunten, wenn ich ihm begegne?
oder die Kinder, ihren Blick in meinen
verschränken und ein unausdenkbares Gespräch
von Aug‘ zu Auge führen? Fort mit mir!
Jagt doch das große Unheil, jagt doch das,
hinaus, was trieft von allen Himmelsflüchen!

Die Greise (zugleich)
Ich wollt‘, ich hätte niemals dich gekannt.

Ödipus (leiser)
Was ich getan hab‘ an der Mutter und
am Vater, büßt Erhängen nicht.

 Posted by at 12:55