Nov 032016
 

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Die Labram-Bratsche aus Nuneaton (Grafschaft Warwickshire) ist auf ihrer sehr irdischen, sehr europäischen Reise am Montag wohlbehalten in Berlin eingetroffen. Ich bin äußerst angetan! Das Instrument hat einen starken und doch weichen, singenden Ton, eine gute Ansprache über alle Saiten hinweg und ist dabei eben doch deutlich eine Viola, also keine „etwas größere Violine“.

Gestern durfte ich darauf mit dem Kirchenchor unter M. Stefano Barberino in heiterer Klage das herrlich-traurige Bratschensolo in Puccinis Requiem darbieten, und zwar im Seelenamt in der sehr großen, geräumigen Hallenkirche St. Bonifatius in Kreuz-Berg.

Auch die kleinere Schwester der Bratsche, die Violine, durfte etwas singen von endloser Trauer. Den ersten Satz, „Obsession“ betitelt,  aus Eugène Ysaÿes Sonate Nr. 2 führte ich deutlich langsamer aus als man ihn sonst zu hören gewohnt ist. Ich hörte und spielte ihn nicht als Perpetuum mobile, das man in sportlicher Manier hinfetzt, sondern als hartes, streitiges, von Zerwürfnissen und Unterbrechungen geprägtes Ringen zwischen Licht und Dunkel, zwischen dem Zorn Gottes und seiner Liebe. Und  bei 5 Sekunden Nachhall, da besteht doch die Gefahr eines Klanggemenges, des gefürchteten Klangbreies!

Doch diese Musik ist bei aller Düsterkeit unerbittlich präzise, ein scharfkantiges Gebild, das jäh aufflammt, unwirsch auffährt, um dann in süßen Akkorden zu schwelgen. Flötentöne!  Man kann sein Gehör und seine Finger schulen für übermäßige und erniedrigte Ton-Abstände, für weite Spannungen in den Doppelgriffen bis hin zu Dezimen, für die nahezu unerschöpfliche Palette an Klangfarben, die die Geige bietet.

Wir füllten in aller Seelenruhe den Raum der Kirche mit Klängen mühelos völlig aus – und der Raum füllte uns aus! Bei aller Trauer war dieses große Abschiednehmen friedlich und heiter. Unser gemeinsamer Dienst an den Seelen!

 Posted by at 11:39

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