„al doloroso e continuamente sofferto urgere dei sentimenti, corrisponde metodicamente in me, un riordinamento poetico, che se non altro serve a mettere tra due argini, a tramortire la corrente di quel mio sentimento sempre in moto“ – mit diesen Worten beschrieb Pier Paolo Pasolini in einem Brief an Franco Farolfi das Geschäft des Schriftstellers, des Künstlers, – des Philosophen, so füge ich hinzu. Das Schreiben dient als eine Art Eindämmung eines ständig andrängenden Gefühls, wobei Pasolini das seltene Verbum tramortire verwendet, in dem bekanntlich die alte Wurzel mors, morte steckt. Nicht nur um Eindämmung geht es dabei, sondern auch um eine Art Stillstellung, eine Betäubung, das Erträglichmachen eines anströmenden flutenden Weltgefühls. Das Abtöten, das Eindämmen – die Einsicht in die Sterblichkeit, in die Wohltat des Sterblichmachens, des Sterblichwerdens! Zugleich ein Griff über das allzu Menschliche hinaus, über die menschliche Angst vor dem Tode. Dieses Tramortir wird zum – Trasumanar!
Zitiert nach: Nicola Gardini: Lettere come diario di vita e ispirazione. Il Sole 24 Ore, domenica 2 gennaio 2022, pag. VI [= Rezension von:] Pier Paolo Pasolini: Le lettere. Nuova edizione a cura di Antonella Giordano e Nico Naldini. Garzanti, pgg. 1496, hier: pag. 453
Sonnenuntergang, der den Wintertag endet – sei willkommen, o du des Todes heiterster, goldener Vorgeschmack! Aufnahme vom 14.01.2022
Gute, besonnene, zur Aussöhnung einladende Worte des Virologen Prof. Dr. Christian Drosten werden übereinstimmend durch verschiedene Medien aus der Bundespressekonferenz vom 14.01.2022 berichtet! Besonders gefällt mir Prof. Drostens kleines, machtvolles Wörtchen vielleicht. Mit diesem abervielleicht setzt Prof. Drosten ein virtuelles Fragezeichen hinter die gesamte derzeitige Gemengelage der in sich nicht mehr durchschaubaren, einander im Stunden-, Tages-, und Wochentakt widersprechenden, für einfache, fachlich ungebildete Bürger wie den hier schreibenden nicht mehr entwirrbaren Vorschriften, Vorschläge, Entwürfe – und bissigen Meinungskämpfe.
Es tut einem einfachen, völlig ungebildeten Bürger wie dem hier schreibenden so gut auch mal zu hören: „Wir wissen es nicht. Vielleicht ist es so, vielleicht ist es auch anders. Vielleicht haben wir recht. Vielleicht täuschen wir uns.“
Mehr solcher O-Töne sind erwünscht!
Wir zitieren Prof. Drosten aus der gestrigen Pressekonferenz:
„Wir werden nicht auf Dauer über alle paar Monate die Bevölkerung nachimpfen können. Das geht nicht. Irgendwann muss das Virus auch in der Bevölkerung Infektionen setzen, und das Virus selbst muss die Immunität der Menschen immer wieder updaten.“ – „Das Virus muss irgendwann laufen, aber vielleicht darf es das jetzt noch nicht.“
„Bisogna convivere con il virus“, so äußerte sich bereits am 2. April 2020 der Mailänder Virologe Prof. Fabrizio Pregliasco, ein Berater der italienischen Regierung. Er forderte schon damals eine schiedlich-friedliche Koexistenz mit dem Virus, selbstverständlich unter Einhaltung aller gebotenen Vorsicht und Rücksicht.
Ich würde einen Schritt weitergehen und im Plural sagen: Bisogna convivere con i virus – auf gut deutsch: Es gilt, mit den Viren zusammenzuleben. Koexistenz, Koevolution mit den tausenden, hunderttausenden von Viren, die uns Tag und Nacht umgeben und auch unseren Körper innen und außen besiedeln.
Selbstverständlich – so meine ich – sollte jeder Einzelne nach bestem Wissen und Gewissen versuchen, sich selbst und andere zu schützen – durch Vorsicht, Rücksicht, durch Impfungen. Aber eine absolute Gewissheit wird es nicht geben, kann es in der Koevolution mit den zahllosen Viren nicht geben. Sie sind schneller als wir alle.
Eine virenfreie Welt – „Zero COVID“ – ist für uns weder machbar noch wünschenswert – genauso wenig wie ein kohlendioxidfreies Berlin, wie es die Berliner GASAG sich im November 2019 allen Ernstes nicht entblödet hat als ihr Ziel zu proklamieren und zu plakatieren.
Viren – diese unendlich wandlungsreichen, zwischen lebendem Organismus und unbelebter Materie oszillierenden Wesenheiten – gibt es schon länger als es den Menschen gibt!
Man also muss dem Virus auch mal die Freiheit lassen zu laufen… Christian Drostens und Fabrizio Pregliascos goldene Worte, die zur rechten Zeit gekommen sind, könnten als Türöffner für die Neueröffnung des Raumes der Freiheit dienen.
Quellenangaben: La diretta di RAINEWS24, Sendung STUDIO24, 02. April 2020, 10.05-10.45 Uhr
Das GuteKommentare deaktiviert für Unsere eine Welt – offen zur Zukunft in Zuversicht im Jahr 2022!
Jan.042022
Allen Menschen auf dieser Welt wünsche ich ein gutes, von Zuversicht geprägtes Neues Jahr 2022! Mögen überall Kerzen der Hoffnung, der Öffnung zur Zukunft hin aufflammen – in Armutsvierteln ebenso wie in Flüchtlingscamps, in urbanen Single-Einsamkeits-Appartments und Verlassenheits-Kompartimenten, in elenden Gefängnissen und goldenen Käfigen aller Art, in ängstlichen Kinderaugen im Krankenhaus ebenso wie in müden, übersättigten Erwachsenenaugen!
Das Bild zeigt unsere eine, rundum offene Welt, die auf das Licht dieser Kerzen wartet! Zu sehen in der Kirche Maria unter dem Kreuz, Friedenau-Wilmersdorf, Berlin
Die Krippe in der Kirche Heilig Kreuz am 26.12.2021, Hildegardstraße, Berlin-Wilmersdorf, frei zugänglich bis 2. Februar 2022
Luciano & Ezhel: „Benim Hayaller”, The Rolling Stones: „Paint It Black“, The Kid Laroi und Miley Cyrus: „Without you“, Nilüfer Yanya: „Stabilise“ – das sind nur einige der vielen guten Lieder, die möglichen Songs des Jahres 2021, die man am Ende des Jahres auf seine Playlist setzen könnte, um sich immer damit beschallen zu lassen oder vielleicht auch mitzuträllern. Gewählt haben diese Songs ein paar Journalisten einer bekannten, in Frankfurt erscheinenden Tageszeitung.
„Benim hayaller“ heißt „Meine Träume“, und Träume sind es doch, die man inmitten von allumfassender Schwarzmalerei („Paint it black“) angesichts des Verlustes eines geliebten Menschen („Without you“) unbedingt hegen und pflegen sollte, um sich einigermaßen zu stabilisieren („Stabilise“).
Gute, okayische Vorschläge! Ich mach mir trotzdem meine eigene Playlist. Auf Platz 1 setze ich dieses Jahr den Song „Fröhlich soll meine Herze springen“. Lyrics von Paul Gerhardt, Arrangement/Setting by Johann Crüger. Die beiden ergänzen sich klasse, was Rhythm und Harmonics angeht. Der Mood ist vorwärtsdrängend, spicy, guter Counterpart zu der gruftigen Paint-it-black-Atmosphäre, die ansonsten in Europe in diesem Jahr vorherrscht.
Cool auch die Wortwahl – ich hör da ein klares Ja zu Massenveranstaltungen, zum Eingehen von Risiken auch in wahnsinnig schwierigen Zeiten wie den unsrigen heraus. Während unsere Gesellschaft alles daran setzt, die Risiken im Alltag zu minimieren, haben Paul&Johann offenbar was Größeres, was Tolleres erlebt. PAINT IT BLACK, wie es 1964 die Stones sangen, ist das Motto von Paul&Johann fast 60 Jahre später, am Jahresende 2021, nicht. Angst vor Krankheit, vorzeitigem Tod, Angst vor einem unverschuldeten Unglück, Angst vor Irrtum hält sie nicht ab, das zu tun, wozu es sie drängt:
„Ei so kommt und lasst uns laufen, Stellt euch ein, groß und klein, eilt mit großen Haufen! Liebt den, der vor Liebe brennet; Schaut den Stern, der euch gern Licht und Labsal gönnet.“
„Licht und Labsal„, „liebt den, der vor Liebe brennet“, das sind fantastische Kombinationen von Wörtern, das drückt den Spirit aus, Überfließendes, hat was Exzessives – gute Sache, dass Paul&Johann sich das heute noch zu sagen und zu singen trauen! Cool, so cool. Paul kennt sich gut aus mit der deutschen Sprache, drechselt Binnenreime, wechselt den Rhythmus innerhalb eines Verses, um das Hüpfen des Herzens auszudrücken. Krasser Typ. Ist offenbar in die Schule der Deutsch-Rapper gegangen. Oder die Deutsch-Rapper könnten auch was von dem Duo Paul&Johann lernen.
Hab grade einen Jahresrückblick im German Free-TV angeschaut. Channel? Egal. Glaubt man dem Free-TV in Germany, dann ist sowieso alles schlimm, alles geht den Bach runter, nicht nur im Ahrtal, sondern auch sonst, wir sind fest im Würgegriff der Seuche, und sofern wir die Pandemie überleben, werden uns die reißenden Fluten des Klimawandels fortreißen. Mausetot. PAINT IT BLACK, das ist der Grundton der deutschen Mainstream-Medienlandschaft, gerade jetzt zum Jahresende.
Gut, das Paul&Johann noch einen anderen Ton finden. Gut, dass es ihnen noch nicht die Beine weggehaut hat. Gut, dass es ihnen noch nicht die Sprache verschlagen hat.
Paul&Johann, euch setz ich 2021 auf die Playlist. Weil alles nicht so schlimm ist. Weil wir noch Träume haben. Weil es ist Mist, alle Zuversicht und Freude zu begraben.
Freude, WeihnachtKommentare deaktiviert für Spring fröhlich, o Herz! Weihnachten ist!
Dez.252021
Vorfreude erfasst mich beim Gedanken an den morgigen Gottesdienst in der Hochmeisterkirche. Weihnachten erlaubt mir, nicht zu denken, oder mindestens doch nicht zu viel zu denken, das Herze einfach springen zu lassen.
O Herz, vergiss das Belastungs-EKG der Trübsal, lass einfach mal die aorta ascendens mit ihrem Rechtsschenkelblock kräftig und frei pulsieren!
Ascende, a cor! Steige auf o Herz! Weite dich, o Aorta!
O Herz! Sing und fiedle das hier mit:
Fröhlich soll mein Herze springen Dieser Zeit, da vor Freud alle Engel singen. Hört, hört, wie mit vollen Chören Alle Luft laute ruft: Christus ist geboren!
Ei so kommt und lasst uns laufen, Stellt euch ein, groß und klein, eilt mit großen Haufen! Liebt den, der vor Liebe brennet; Schaut den Stern, der euch gern Licht und Labsal gönnet.
Blick in den Himmel, auf dem Berg Insulaner, Schöneberg, 16. Dezember 2021
Weit in unendlichen Raum des Himmels streckt der Baum sein filigranes Geäst,
Rücklings liegst du auf grob gezimmerter Bank. Betracht es genau, dieses Bild:
Aus den Weiten des Kosmos fängt nach Jahrtausende währender Reise die Warte das Sternenlicht ein. Licht von Sternen, die es vielleicht in diesem Augenblick – jetzt – nicht mehr gibt.
„Und du? Was machst du da? Was sagst du dazu?“- „Ich? Ich lasse mich treiben auf der Insel des Jetzt. Ich bin – der Insulaner des Augenblicks. Ich bin treibender Sternenstaub, Flotsam des Glücks, Wellenreiter der Zeit. Und also bin ich – glücklich.“
Hier fehlt nichts. Hier fällt nichts. Hier geschieht eigentlich — nichts. Also ist es ein Augenblick des Glücks.
„Che mai sarà di me…? – Was soll bloß aus mir werden?“ Ist dies das Ende aller Dinge, Götterdämmerung? Gemach! Skepsis ist angebracht. Szenenbild aus der „Serva padrona“ des Singspielensembles Berlin. V.l.n.r.: George Stark als Vespone, Johannes Hampel als Uberto, Heike Borchardt als Serpina. Foto: Photo Zentrum – Tempelhof
Wohin kann man diesen Sonntag, 14. November 2021, gehen, wenn man Musik und Schauspiel zugleich genießen will, also gerne eine Oper besuchen möchte? Zwei Alternativen seien hier gewählt, um einer Entscheidung näherzukommen, nämlich a) die „Götterdämmerung“ der Deutschen Oper Berlin und b) die „Serva padrona“ des Singspielensembles Berlin.
Der Entscheidungspfad wird kein einfacher sein, gilt es doch, eine Vielfalt harter und weicher Kriterien zu berücksichtigen!
Hier einige Grunddaten der beiden Opernvorstellungen im direkten Vergleich:
Götterdämmerung von Richard Wagner – Uraufführung am 17. August 1876 in Bayreuth La serva padrona von Giovanni Battista Pergolesi – Uraufführung am 28. August 1733 in Neapel
Dauer der Aufführung: Götterdämmerung – 6 Stunden 30 Minuten / zwei Pausen Serva padrona – 1 Stunde 12 Minuten / eine Pause
Zutrittsregel: Götterdämmerung – 3G Serva padrona – 3G
Kartenpreis: Götterdämmerung – € 50 bis € 210 Serva padrona – € 13, ermäßigt € 7,50
Grundstimmung: Götterdämmerung: lastend, schwer, Endzeitstimmung, schicksalsschwanger, „ewiger November“ Serva padrona: heiter, leicht, Aufbruchsstimmung, schnippisch gegenüber dem Schicksal, „ewiges April April“
Wer also in Übereinstimmung mit dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima bzw. Wetter eine lastende, schwere, gleichsam deutsche, schicksalsschwangere Endzeitstimmung sucht, dem sei vorab die Götterdämmerung wärmstens empfohlen.
Wer jedoch zur Erholung – in Übereinstimmung mit dem gegenwärtigen Klimawandel bzw. dem derzeit recht launischen Novemberwetter – eine leichte, heitere, gleichsam italienische Aufbruchsstimmung sucht, dem sei vorneweg eher zur Serva padrona geraten.
Dies nur als erste Handreichung, die selbstverständlich dem komplexen Entscheidungspfad der Opern- und Theaterliebhaber nicht vorgreifen kann und will.
Zur näheren Information seien folgende Links empfohlen:
„Es lebe das Königreich Böhmen“. Kundgebung tschechischer Monarchisten auf dem Wenzelsplatz am 28. Oktober 2021
Neugierig wanderte ich gestern, am tschechischen „Tag der Republik“, einem landesweit begangenen Feiertag, auf dem Wenzelsplatz umher. Ich wollte Fühlung aufnehmen mit der festlichen Stimmung auf Straßen und Plätzen, mitten im Volk mich treiben lassen. Doch was geschieht da …? Erst traute ich meinen Augen nicht… War dies ein weiterer Beweis für den tschechischen Humor? Ist es eine Komödie, ist es eine Tragödie, eine Farce? Ist es eine Kunstaktion des heißgeliebten Nestbeschmutzers David Černý? – Vor dem Wenzelsdenkmal werde ich Zeuge einer Versammlung tschechischer und österreichischer Monarchisten, die die Wiedereinführung des Königtums in den Ländern fordern, die einst zur österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie gehörten. Ich las: „Dost bylo Republik!“ („Republiken gab es schon genug!“) Kaum zu glauben – ist das die Stimmung im Lande? Ist es buffonesk? Ist es gespenstisch?
Gespräche mit einigen Tschechen bringen mich weiter: Der gewählte Staatspräsident Zeman liegt schwerkrank auf der Intensivstation und ist nicht imstande, die Amtsgeschäfte fortzuführen. Erste Bemühungen, ihn für amtsunfähig zu erklären, sind auf den Weg gebracht. Zu feiern besteht also in diesem Jahr kein Anlass. Schwere Vorwürfe gegen den Präsidenten und gegen den noch amtierenden Premierminister Babiš stehen unübersehbar im Raum. Die letzten Wahlen haben die Mehrheitsverhältnissse im Parlament grundlegend verändert. Doch noch steht es in den Sternen, ob und wann der Wahlsieger Petr Fiala die Regierung übernehmen kann. Bis 8. November muss eine Entscheidung getroffen werden.
Auffällig war für mich, dass der Demonstration der Monarchisten keinerlei Ablehnung, keinerlei Protest entgegenschlug, sondern eher vorsichtige Zustimmung bei den Umstehenden. Auch österreichische Vertreter – hier in Gestalt von Nicole Fara – durften sich äußern – wenn auch nur in englischer Sprache.
Die Kundgebung auf dem Wenzelsplatz, direkt zu Füßen des verehrten Gründerkönigs der böhmischen Monarchie abgehalten, bin ich geneigt als Ausdruck verbreiteten Unbehagens an der Politik zu deuten; die Tschechen wünschen sich offenbar etwas anderes als sie bisher erlebt haben.
Zugleich auch drückt sich darin wohl der Wunsch aus, eine überparteiliche, unbestechliche Instanz jenseits des Zanks und Haders der Parteien zu finden, wie man sie in verklärender Rückschau wohl in den böhmischen Königen zu erblicken meint.
Welchen Schluss ziehe ich daraus, fragt ihr? Den folgenden: Ich wünsche den Tschechen einen guten Weg aus dieser verworrenen Lage – selbstverständlich im Rahmen der Republik.
Ať žije Česká republika! Es lebe die tschechische Republik!
Faust, WanderungenKommentare deaktiviert für Auch er wollte wissen, was die Welt zusammenhält…!
Okt.262021
Faustův dům, das „Faustische Haus“, am Karlsplatz in Neustadt gelegen – in direkter Nachbarschaft der Universität.
Faust, der vielbeschreyte Schwarzkünstler, Aufschneider, Zauberer, alfanzende Mädchenverführer soll hier seinen Pakt mit dem Teufel eingegangen sein. Lange Beobachtungsreihen waren wohl seine Sache nicht – ganz im Gegensatz zu dem deutlich seriöseren Franz Hofmeister. Das dunkle Treiben des englischen Mystikers und Alchemisten Edward Kelly, der hier ab 1587 auf Geheiß von Kaiser Rudolf II. seine Experimente vollführte, dürfte dem Haus diesen Übernamen eingetragen haben.
Im Innenhof des Prager Fausthauses, heute kurz vor 18 Uhr
In einer Hofecke schraubte ein Mann am Boden eines Autos herum. Nüchternes Heute!
Da das Haus nur bis 18 Uhr geöffnet bleibt und ich nicht in den Fängen von Zauberern oder Alchemisten gefangen werden wollte, verließ ich den Innenhof nach wenigen Minuten wieder.
NaturwissenschaftenKommentare deaktiviert für Quellorte europäischer Geschichte – ein Neustädter Spaziergang
Okt.262021
Prager Neustadt, Straße U nemocnice. Am Gebäude der medizinischen Fakultät entdeckte ich heute diese Gedenktafel für Franz Hofmeister, der Ende des 19. Jahrhunderts an der Prager Universität ein Modell zur Struktur von Eiweißen mithilfe von Peptidbindungen erarbeitete. Wir sehen hier die nach ihm benannte „Hofmeister-Reihe“, die die chaotrope Wirkung von Ionen auf Makromoleküle in wässriger Lösung angibt.
Soeben in dienstlicher Mission in Prag angekommen, erkunde ich erst einmal die Neustadt, in der ich untergebracht bin. Von der Katherinenstraße ausgehend, schlendere ich am riesigen Komplex des Krankenhauses entlang. Der Chemiker Franz Hofmeister forschte und lehrte genau hier, wo ab und zu ein Sanka in die Patientenaufnahme hineinfährt.
Man könnte sagen: Er wollte wissen, was die Eiweiße im Innersten zusammenhält – und seine Lösung lautete: Peptidbindungen! Eine Modellvorstellung, die bis heute Anwendung findet, nahm also von Prag aus ihren Ursprung, wie so vieles andere auch! Die goldenen Lettern dokumentieren diesen unvergänglichen Ruhm Franz Hofmeisters.
Dante, LateinKommentare deaktiviert für „…ob Dantes Commedia wohl etwas Komödiantisches innewohnt?“
Okt.122021
Fragt ich mich doch tatsächlich, ob am Ende wohl der Commedia Dante Alighieris etwa Komödiantisches, Spaßig-Burleskes innewohne! Kam mir doch gestern aus italienischer Kumpanei eine drollige Verkürzung der etwa 14233 Verse des von Lesern auch „Göttliche Komödie“ genannten Werkes auf 13 Minuten und 31 Sekunden zu. In dem Youtube-Video Michael Sommers wuseln puppenhafte Figuren umher, der Erzähler mischt bedenkenlos verschiedenste Sprachebenen durcheinander, wechselt von inszeniertem Ernst zu ausgelassener Fröhlichkeit, scheut nicht vor Wortspielen, pechschwarzem Humor und kindlicher Hinterlist zurück, greift tief in den Fundus der neuesten Videotechnik zurück!
Lustig, bäurisch-täppisch, ja geradezu komödiantisch nenne ich das Video Michael Sommers!
Ist dies statthaft, erlaubt, geboten, anständig?
Fragen wir also mit Thomas Bernhard: „Ist [Dant] es [Commedia] eine Komödie? Ist es eine Tragödie?“
Um einer Antwort näherzukommen, greifen wir auf einen lateinisch verfassten Brief Dantes an seinen Gönner zurück, die Epistula XIII, in dem er sein Werk ausdrücklich als Komödie bezeichnet, und zwar mit folgenden Worten:
Libri titulus est: ‚Incipit Comedia Dantis Alagherii, Florentini natione, non moribus‘. Ad cuius notitiam sciendum est, quod comedia dicitur a ‚comos‘, villa, et ‚oda‘, quod est cantus, unde comedia quasi ‚villanus cantus‘. 29. Et est comedia genus quoddam poetice narrationis, ab omnibus aliis differens. Differt ergo a tragedia, in materia per hoc, quod tragedia in principio est admirabilis et quieta, in fine seu exitu est fetida et horribilis; et dicitur propter hoc a ‚tragos‘, quod est hircus, et oda, quasi ‚cantus hircinus‘, idest fetidus ad modum hirci, ut patet per Senecam in suis tragediis. Comedia vero inchoat asperitatem alicuius rei, sed eius materia prospere terminatur, ut patet per Terentium in suis comediis.
Dante stellt also fest, dass seine Komödie – wie überhaupt jede Komödie – mit einer Widrigkeit in irgendeiner Begebenheit beginne, aber dann den Stoff zu einem glücklichen Ende führe, wie es ja auch aus den Komödien des Terenz offen hervorgehe.
Dante selbst leitet sein Werk somit ausdrücklich vom „dörflichen/bäurischen Gesang“ ab, er warnt uns bzw. seinen Gönner Cangrande della Scala gewissermaßen eindringlich davor, seine ganze Komödie allzu ernst zu nehmen, und führt als Gewährsmann den alten vulgärlateinischen Possenreißer Terenz als Vorbild des eigenen komödiantischen Unternehmens an.
Und wie bei Terenz finden wir in Dantes Komödie neben der gezierten Gelehrtensprache die vulgäre Sprache des Volkes (il volgare), wir finden die Mischung verschiedenster Sprachwelten, inszenierten Ernst, ausgelassene Fröhlichkeit, abgefeimten Humor, pechschwarze Düsternis, der Dichter greift tief in den Bilderfundus seiner Zeit hinein… kurzum:
Die Comedia Dantis Alagherii ist eine Komödie im vollen Wortsinne.
Betrachten wir nun eine Illustration zu Dantes Komödie, wie sie im September 2021 beim Berliner Festival of Lights zu sehen war! Hier legt Dante seinem besorgten Weggefährten Vergil die Hand auf die Schulter. Sieht es nicht aus, als wollte er ihm genau dies zu verstehen geben? Dass es schon nicht so dunkel, düster, lastend sein wird, wie es den Anschein hat? Ist es nicht, als wollte er sagen:
„Non ti preoccupare troppo … non lasciare la speranza… è una commedia!“
Ich bin sicher, Dante hätte einen Heidenspaß an dem lustigen Video, danke! Ich hatte ihn gestern, den Heidenspaß!
Goethe, WanderungenKommentare deaktiviert für Du bist der erste nicht!
Okt.062021
Blick vom Steubenplatz auf ein Brachfeld, Potsdamer Stadtschloss, Nikolaikirche, Wohngebäude mit Mittelbrandenburgischer Sparkasse, Bauzaun vor Bauplatz, 4 Baukräne. Aufnahme vom 4. Oktober 2021
Unaufhörlich bauet die Zeit, reißt wieder ein, Was sie gebaut mit mächtigem Arm – es gilt ihr als nichtig. Was du im großen entstehen hast sehn, nicht sinnst du es aus. Merke dir, Wanderer, das und tue im kleinen desgleichen!
Diese Verse kamen mir unwillkürlich in den Sinn, als ich vorgestern mittags in Gedanken versonnen über den Steubenplatz meinen Weg zurück zu meinem Dienstort suchte. Wer mochte diese Hexameter wohl gedrechselt haben? Mir war es so, als kämen sie von weit weit her.
„Merke dir Wanderer, das …“, richtig: Goethe hatte diese Wendung in einem seiner Venezianischen Epigramme gefunden. Und in der Tat, es gibt kaum eine italienischer geplante, italienischer gebaute Stadt in Deutschland als es Potsdam vor seiner Zerstörung im zweiten Weltkrieg war. Das hier nicht zu sehende Museum Barberini, überhaupt der Alte Markt vermag heute wieder einen Eindruck davon zu geben.
Doch das Ganze drumherum, diese Einsicht in das notwendigerweise Unabgeschlossene jedes städtebaulichen Strebens und Wollens? Städte sind teils geplant, teils wuchern sie weiter, ergreifen Brachfelder, teils werden sie zerstört… Endgültiges ist nicht. Diese Erkenntnisse – ich war der erste nicht, der sie hatte – flossen schließlich zusammen in diese vier harmlosen Zeilen. So, und da stehen sie nun hier. Sie sind einfach so gekommen – gekommen um zu bleiben.
How do you think dying thoughts when finally the wind between silence and echo kisses you with promises of tomorrow? When suddenly the rose in the front garden freed from the hollow of winter laughs yellow? Who thinks about shovels digging black earth when in the park couples linger lying on sun warmed grass not beneath? When children clap at the sight of a swan not twisting its neck not plucking it naked? By the window overlooking the garden where you buried a kit fox last summer you’re thinking of making home making love checking his heart beat
*In response to Cardiomyopathy by Denise Riley in Say Something Back
Mich erreichte im Juli aus Immenstadt die Anfrage, ob ich wohl einige Gedichte der Autorin Petra Hilgers aus dem Englischen übersetzen möchte. Ich las die beigelegten Texte durch und war auf der Stelle stark beeindruckt von diesen Gedichten! Sie schlugen sofort verschiedene Saiten in mir an. Eine Übersetzung ins Deutsche wäre ein Versuch, diese verschiedenen Saiten in einen Zusammenklang zu bringen und damit auch das englische Original zu stärkerem Schwingen zu bringen. Ich war sofort und ohne Einschränkung bereit, zu dem Vorhaben beizutragen, diese auf Englisch verfassten Gedichte der in Deutschland geborenen Petra Hilgers ins Deutsche zu übersetzen.
Nach einigen Stunden, Tagen, Wochen des Sinnens, Nachsinnens, Singens entstand folgende Übersetzung, die ich der Autorin vorlegte, und der sie mit einigen wenigen Änderungen ihren Segen gab:
Sag etwas zurück
Wie denkst du sterbende Gedanken wenn schließlich der Wind zwischen Stille und Echo dich küsst mit Verheißungen von morgen? Wenn die Rose im Vorgarten befreit von der Höhlung des Winters plötzlich gelb auflacht? Wer denkt an Schaufeln die sich in schwarze Erde graben wenn müßige Paare im Park auf sonnwarmem Gras liegen nicht darunter? Wenn Kinder beim Anblick eines Schwans klatschen ihm nicht den Hals umdrehen ihn nicht nackt rupfen? Am Fenster mit Blick auf den Garten in dem du letzten Sommer einen Fuchswelpen begraben hast denkst du daran ein Zuhause zu schaffen Liebe zu machen seinen Herzschlag zu prüfen
*Als Antwort auf Cardiomyopathy von Denise Riley in Say Something Back
Das Bild oben zeigt den Hl. Hieronymus in der Schreibstube. Kupferstich entstanden um 1435-1440. Als Urheber gilt der sogenannte Meister des Todes Mariae. Staatliche Museen Berlin, Kupferstichkabinett. Das Blatt ist noch bis 3. Oktober zu sehen in der Ausstellung: Spätgotik. Aufbruch in die Neuzeit. Berliner Gemäldegalerie