Sind Stadtautobahnen böse?

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Juli 232010
 

23072010001.jpgWas meinen Sie? Vorgefertigte Meinungen helfen uns nicht weiter. Das Gutachten, welches das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg über die Auswirkungen des Weiterbaus der A 100 vorlegte, war leider getürkt, es musste geschreddert werden, und das beauftragte Büro hat das Honorar zurückgezahlt (die taz und dieses Blog berichteten). Besonders umstritten: die Troglösung. Staub, Lärm, Gestank, Abgase … alles Böse wird angeblich durch die Stadtautobahn angesogen, vervielfältigt, und als prasselndes Unglück auf die Anwohner herabgeregnet.

Ich halte es mit Goethes herrlichem Gedicht Vermächtnis:

Den Sinnen hast du dann zu trauen
Nichts Falsches lassen sie dich schauen

Deshalb postete ich soeben zwei sinnlich-anschauliche Lehrvideos über den herrlichen Berliner Mauerradweg in Youtube. Ihnen könnt ihr mehr trauen als allen geschredderten Gutachten.

Wenn die A 100 weitergebaut werden sollte, dann wünsche ich mir auch so herrliche, breite, vorbildliche Radwege längs dem Smogtrog!

Ich seh das ähnlich wie bei ICE-Neubaustrecken: Für jeden Eingriff in die Natur müssen Ausgleichsflächen geschaffen werden – auf dass die Rohrdommel und die Lumme neben neugepflanzten Birkenhainen ihren Ruf erschallen lasse!

YouTube – Troglösung Autobahn A 113 23072010001

http://www.youtube.com/watch?v=KTtlgAovf9s

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Korruption in der Politik erkennen – anzeigen – bekämpfen!

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Juni 042010
 
  • „Bei uns in Berlin gab es mindestens einen Mord oder Selbstmord im Zusammenhang mit dem Korruptionsskandal von 2001; die Landespolitik in Berlin konnte euch Italienern mit eurem berühmten Tangentopoli in punkto Bestechlichkeit, Vorteilsannahme, Amtsmissbrauch fast das Wasser reichen!“ So hub ich einmal als stolzer Berliner ein Gespräch mit einem guten italienischen Kenner der Mani pulite an. Mani pulite, „Saubere Hände“, das war jene großangelegte Operation, durch die in Italien Hunderte von käuflichen und „kaufenden“ Politikern enttarnt und hinweggefegt wurden.

„Mord oder Selbstmord wegen Korruptionsermittlungen? Bei uns gab es Dutzende davon!“, erwiderte mein italienischer Freund ohne mit der Wimper zu zucken. Ich war enttäuscht. Waren die Berliner Politiker alle Waisenknaben?

In längeren Studien und Gesprächen gelang uns dann die reizvolle Aufgabe, länderübergreifend einige Wesensmerkmale korrupter Politik herauszuarbeiten:

1) Korruption ist ein Wiederholungstatbestand. Wer einmal besticht oder bestochen wird, wird es wieder tun. Es sei denn, er fliegt durch einen seltenen Zufall, durch einen Flüchtigkeitsfehler auf und wird angeklagt.

2) Korruption ist systemisch – sie breitet sich in Netzwerken aus, da jeder neue Mitwisser nur dadurch dauerhaft gehalten werden kann, dass er selbst auf Dauer vom korrupten System profitiert. Deshalb gibt es bei Korruptionsverbrechen in Italien stets mehrere, viele, ja häufig Hunderte Tatbeteiligte. Korruption bleibt andererseits in den allermeisten Fällen unentdeckt und unbeweisbar.

3) Parteien sind wesentlicher Bestandteil politischer Korruption. In Italien gab es Parteigliederungen, die mehr Mitglieder als Wähler hatten! Diese Mitglieder wohnten in irgendwelchen Bergdörfern außerhalb des Wahlkreises und wurden dann regelmäßig vor internen Abstimmungen bearbeitet und geknetet. Es gab Parteigliederungen, deren einziger Zweck die Bestechung und Vorteilsannahme waren. Typisch für solche Parteien sind die inhaltliche Beliebigkeit, eine stark personengebundene Führung, Immobilität („man sieht über Jahrzehnte immer dieselben Gesichter!“), ein hoher Anteil an politisch völlig desinteressierten Mitgliedern, die nur einmal im Jahr zu den entscheidenden Wahlen in Italien herangekarrt werden.

4) Das italienische Beispiel lehrt: In einer korrupten Partei haben redliche Politiker keine Chance. Der redliche Politiker muss versuchen, Mitglied um Mitglied für seine Sache zu gewinnen. Dabei kommt es auf die Kraft des Arguments und auf persönliche Glaubwürdigkeit an. Der korrupte Politiker setzt hingegen auf Gefälligkeiten, auf Geld, auf Beziehungsgeflechte, auf die Futterkrippe der Staatskasse. Er füttert sich mit Geld, mit öffentlichen Aufträgen, mit Einfluss einen Hof an blassen Günstlingen und opportunistischen Mitläufern an. Über viele Jahre oder Jahrzehnte hin baut er ein Machtsicherungssystem auf, das von außen nicht mehr zu knacken ist.

5) Korrupte Parteien ziehen ihresgleichen an. Diese Parteien „scheinen alle unter einer Decke zu stecken“. Es entstehen Landschaften korrupter Parteien. Da jeder über jeden ungefähr bescheid weiß, greift keine der korrupten Parteien eine andere offen an. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Man beschimpft sich zwar nach außen hin wütend („das sind doch alles Verbrecher!“), macht aber letztlich gemeinsame Sache zu Lasten der Allgemeinheit.

Gegen korrupte und korrumpierte Parteien haben redliche Parteien zunächst einmal keine echte Chance. Sie müssen auf die Justiz und auf den „Kollegen Zufall“ vertrauen.

6) Typisch für korrupte Auftragsvergabe sind stark überhöhte Kosten des Projektes im Vergleich zu anderen, ähnlichen Projekten, Verschleppung und Verzögerung von Arbeiten, unerklärliche Hindernisse sowie die Tendenz, für das eigene Projekt stets neue Dringlichkeiten und Nachfolgeprojekte heranzuzüchten. Diese Merkmale sind umgekehrt jedoch für sich allein genommen keineswegs ein Beweis für Korruption.

7) Korruption ist in höchstem Maße schädlich. Sie steigert die Kosten der öffentlichen Auftragsvergabe erheblich, sie führt zu erhöhter Verschuldung des öffentlichen Haushaltes, sie schafft eine Kultur der Illegalität, sie vernichtet den politischen Wettstreit, sie arbeitet häufig, wenn auch nicht stets, mit den Mitteln der Einschüchterung, Erpressung, Drohung, der Hetze, der Verleumdung – bis hin zur Vernichtung persönlicher Existenzen, bis hin zum Mord.

Der Kampf gegen die Korruption verlangt immerwährende Wachsamkeit, verlangt Solidarität der Ehrlichen, verlangt Vertrauen in Polizei und Justiz.  Aufdecken lassen wird sich Korruption nur in den seltensten Fällen.

Aber das durch die italienischen Mega-Skandale geschulte Auge wird Hinweise auf korrupte Praktiken scharfsichtig auch in anderen Ländern erkennen. Hinweise sind keine Beweise! Der Beweis für den Straftatbestand der aktiven oder passiven Bestechung, der Vorteilsannahme im Amt wird sich nur mit den Mitteln der Polizei und der Justiz führen lassen.

Alle, die Hinweise oder gar Beweise für Bestechung und Vorteilsnahme im Amt kennen, sollten sich den Justizbehörden anvertrauen.

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„Ach, das ist doch bloß ein Haufen von Sündern …“

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Feb. 212010
 

„… die sind doch auch nicht besser!“ Derart abfällige Worte kann man immer wieder über Gemeinschaften hören, die sittliche Grundsätze predigen – und dann doch gegen sie verstoßen. Da ist schon mancher Politiker gestolpert, weil er Wasser predigte, aber Wein trank. „Gegen Sonderung in der Schule!“ – aber die eigenen Kinder doch auf die exklusive Montessori-Grundschule schicken usw.  Siehe Bonus-Meilen, siehe Dienstwagen-Affäre, siehe Banken-Affäre.

„Ein Haufen von Sündern“ – turba peccatorum – so sieht sich die Katholische Kirche. Ein Haufen Sünder für Sünder – auf dem Weg zur Besserung. Ohne Garantie, ohne handfeste Beweise.

Ich meine: Die sittlichen Grundsätze – gemeinsames Lernen von Anfang an, keine Vorteilnahme aus öffentlichen Ämtern u. dgl. – werden nicht dadurch falsch, dass diejenigen, die sie am lautesten verkünden, „auch nicht besser sind“, oder dagegen verstoßen.

Als Haufen von Sündern bezeichnet auch in einem öffentlichen Schreiben Georg Sterzinsky die Katholische Kirche. Und er benennt die Dinge beim Namen, spart auch den sexuellen Missbrauch an einer katholischen Schule nicht aus. Dieser Mut, das Fehlverhalten der eigenen Organisation klar anzusprechen, den halte ich für vorbildlich. Ich glaube, das ist eines der Geheimnisse für die unglaubliche Langlebigkeit, den beispiellosen Erfolg der Römisch-Katholischen Kirche. Selbst ein Martin Luther hat seine scharfen Angriffe auf die Kirche, der er diente, als deren Mitglied vorgetragen. Ehe sie ihn rauswarfen aus Gründen, die weniger mit seiner Kritik als mit machtpolitischen Erwägungen zu tun hatten.

Es gibt – nach dem Judentum – vermutlich kaum eine andere Einrichtung, die derart viel Platz für Debatte, Diskussion, Rede und Widerrede geboten hat wie die Katholische Kirche im Laufe der vergangenen (wie viel sind es?) 2000 Jahre.

Als Vorbild einer selbstkritischen Befassung mit den eigenen Versäumnissen empfehle ich all den zahlreichen Gegnern und Verächtern der Katholischen Kirche den Hirtenbrief des Kardinals Sterzinsky.

Erzbistum Berlin: Hirtenbrief zur österlichen Bußzeit 2010

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Kita-Pflicht für Politiker muss kommen!

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Okt. 272009
 

Meine persönlichen Schlagzeilen heute:

Kita-Pflicht für Politiker muss kommen! Weiterhin riesiges Wertevakuum in der Bildungsdebatte!

CDU-Opposition wirft Senat vor, ein eiskaltes Einsparprogramm auf dem Rücken der Schüler durchziehen zu wollen und die Axt an das geheiligte gegliederte Schulwesen legen zu wollen. Alle zeigen mit dem Finger aufeinander: „Ihr Bösen im rot-roten Senat wollt Schule, Bildung und Jugendarbeit kaputtsparen!“ Beispiel: Friedrichshain-Kreuzberger Jugendstadträtin Monika Herrmann (Grüne), die gegen die Politik des eigenen Bezirksamtes, gegen die Privatisierung von Einrichtungen der Jugendarbeit demonstriert!

Retourkutsche: „Selber böse! Ihr Bösen von der CDU und von der FDP und von den Grünen wollt Spaltung der Gesellschaft vertiefen!“

Freunde, arkadaşlar, Kanzlerin Merkel hat einmal im Gespräch mit Anne Will gesagt: „Die Bundesregierung ist kein Kindergarten. Sie können den Leuten nicht das Handy verbieten.“ Damit meinte sie im Klartext: „Ein Kindergarten ist leichter zu führen als ein Bundeskabinett. Denn im Kindergarten kann man den Kindern etwas verbieten.“

Ich meine: Berliner Landes- und Bezirkspolitik gleicht über weite Strecken einem schimpfenden Kindergarten mit wechselseitiger Schuldzuweisung. Es fehlt vielen Politikern an grundlegender Kita-Bildung. Meine Bitte: Berliner Landes- und Bezirkspolitiker aller Parteien, bitte holt eure Kita-Bildung nach! Ich kenne tolle Kitas, wo man das Gefühl für Eigenverantwortung erlernt! Statt immer nur auf andere loszuschimpfen.

Ich kenne die Melodie, ich kenne die Herrn und auch die Damen. Sie geht so: Der Staat soll alles machen. Ängste nehmen, Freizeit organisieren, kostenlose Jugendreisen für die Benachteiligten aller Klassen und aller Bezirke. Alles, alles, alles soll das Land Berlin  in die Hand nehmen. Und von Mutti Bundesrepublik holt das ungebärdige, schlecht erzogene Bundesland Berlin sich das benötigte Kleingeld. Statt es selbst zu erwirtschaften.

Frische Ideen fehlen. Mut fehlt.  Werteorientierung fehlt. Quer durch alle Parteien. Versprechungen blühen.

Ich behaupte: Bessere Bildung mit weniger Geld ist möglich! Bessere Grundschule auch mit größeren Klassen ist möglich! Es liegt nicht am Geld! Hört doch auf, immer nur den schwarzen Peter den anderen zuzuweisen. Das Bundesland Berlin hat mit die höchsten Sozialausgaben, die höchsten Bildungsausgaben, die höchsten Jugendhilfeausgaben aller Bundesländer pro Einwohner – und dennoch in vieler Hinsicht und in manchen Bezirken mit die schlechtesten Sozialdaten bundesweit! Trotz – oder gerade weil?!

Hier kommt Lesefutter für unser Politiker-Kita. Was meint ihr? Hat der Blogger Johannes Hampel mit seinen maßlosen Vorwürfen recht? Verteidigt euch! Lest und diskutiert in überparteilichen Arbeitsgruppen folgende Artikel:

Nicht ohne meinen Jugendtreff.“ zitty Berlin, Das Hauptstadtmagazin, Nr. 22-2009, 22. Okt.-4. Nov. , S. 26-27

„Der Bund agiert in höchstem Maß unsolidarisch.“ Tagesspiegel, 27.10.2009

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Verschafft uns Recht! Der Ruf Goldhagens

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Okt. 082009
 

08102009001.jpgAm selben Tag, als alle anderen den Namen Herta Müller zum ersten Mal zur Kenntnis nehmen, lese ich das zweite große Buch von Daniel Jonah Goldhagen. Was verbindet Müller und Goldhagen? Vielleicht dieses: Müller wie Goldhagen forschen in den Gängen und Schächten des Vergessens des Leidens. Sie fördern Schlacken des Entsetzens zutage.

Goldhagen breitet einen Teppich des Schreckens aus: über mehrere Jahrhunderte, über alle Kontinente hinweg. Wichtig: Er bricht das Schweigen über die Verbrechen der kommunistischen Regime. Wer weiß denn bei uns, dass in Polen und der Sowjetischen Besatzungszone einige Konzentrationslager der Deutschen einfach weiterbetrieben wurden, wie Goldhagen auf S. 129 berichtet, von polnischen, deutschen und russischen Kommunisten? Hunderttausende wurden in den KZs eingesperrt, Zehntausende starben an den elenden Lagerbedingungen. Auschwitz, Lamsdorf, Jaworzno, Oranienburg, Buchenwald – alle diese und noch weitere Lager wurden 1945 nach dem Abzug der Nationalsozialisten wieder befüllt. Echte und vermeintliche Gegner der neuen Machthaber, Bürgerliche, Konterrevolutionäre, sie alle wurden zusammengetrieben. Das millionenfache Unrecht der Vertreibungen – auch der Vertreibungen der Deutschen aus dem Osten Europas – benennt Goldhagen klar und eindeutig (S. 222).  Er lässt den wohl an die Hundert Millionen Opfern der Völkermorde Gerechtigkeit widerfahren – soweit man von „Gerechtigkeit“ sprechen kann.

Natürlich unterlaufen ihm auch Fehler. So behauptet er etwa fälschlich, im GULAG habe es im Gegensatz zu den deutschen KZs ein Kulturleben mit Orchestern usw. gegeben (S. 435). Das ist falsch. Auch in einigen deutschen KZs gab es Orchester, sogar Damenbands, es wurde komponiert, es wurde unter erbärmlichsten Bedingungen immer noch gefeiert, musiziert und rezitiert, und zwar von Häftlingen, die einem qualvollen Tod entgegengingen. Der vorgeblich weniger verbrecherische Charakter der Sowjetherrschaft lässt sich also nicht damit begründen, im GULAG habe es noch ein Kulturleben gegeben.

Und die Auslöschung der polnischen Intelligenz schreibt Goldhagen zu Unrecht nur den Deutschen zu. Polen wurde 1939 zerrissen zwischen Nazideutschland und Sowjetrussland. Beide Mächte haben die polnische Intelligenz brutalst in Massenmorden ausgemerzt. Das Wort Katyn ist dafür nur ein Symbol. Goldhagen hätte es erwähnen müssen.

Richtig ärgerlich werden seine summarischen Zusammenstellungen, etwa auf S. 519: Dort beschreibt er die gegenwärtige politische Situation in der Europäischen Union (EU) mit folgenden Worten: „Nationalsozialismus und Faschismus vorbei, vollkommen demokratisch und politisch integriert.“ 20 Jahre nach der Hinrichtung Ceaușescus ist es starker Tobak, wenn das millionenfache Unrecht, das über Europa gekommen ist, ausschließlich dem Faschismus und Nationalsozialismus zugeschrieben wird. Hier hätte unbedingt auch der reale Sozialismus erwähnt werden müssen, der heutige EU-Länder wie Rumänien, Ungarn, Bulgarien, DDR, Polen, Lettland, Litauen mit eiserner Faust regierte.

Als wichtigen Massenmörder lässt Goldhagen leider Karl den Großen unerwähnt. Wenn schon, denn schon. Es stünde uns in Europa gut an, die Völkermorde und Vertreibungen dieses Pater Europae klar beim Namen zu nennen und den Aachener Karls-Preis umzubenennen, den ja sogar unsere Bundeskanzlerin schon ohne mit der Wimper zu zucken empfangen hat.

Aber immerhin bringt Goldhagen den GULAG, belegt anhand von Zahlen und Dokumenten den verbrecherischen Charakter des riesigen verzweigten Lagersystems in der UdSSR. Er erzählt die riesigen Hungersnöte der Ukraine in den 30er Jahren. Er zeichnet nach, wie die Bolschewisten von Anfang an auf Terror, Massenmord und Konzentrationslager setzten (S. 51). Von der Aura des Kommunismus als weltbefreiender Macht bleibt nichts, gar nichts mehr übrig.

„Massenmörderischen kommunistischen Regimen, die sich urprünglich auf arme und verbitterte Proletarier und Bauern stützten, ist es in bemerkenswerter Weise gelungen, durch die Indoktrination der Jugend ganze Generationen  von wahren Gläubigen heranzuziehen, die sich bereitwillig für die Verwirklichung eliminatorischer Programme einsetzten“ (S. 225).

Die Blutspur des Genozids zieht sich durch die Jahrhunderte, sie färbt sich besonders rot im 20.  Jahrhundert. Und die staatlich verordneten und gedeckten Massenmorde gehen weiter bis zum heutigen Tage!

Das Buch ist ein großer Wurf. Goldhagen schont niemanden: nicht die Hutus, nicht die Belgier, nicht die Deutschen, die Türken, nicht die US-Amerikaner, nicht die Kommunisten, nicht die Franzosen, nicht die autoritären Regime Südamerikas  … sie alle haben Massenmorde und Völkermorde begangen, die weiterhin weitgehend verschwiegen oder beschönigt werden (wohl mit Ausnahme der deutschen Verbrechen). So die bitteren Vorwürfe Goldhagens. Der Völkermord, besser die Vökermorde, allen voran der Holocaust, haben verheerender gewütet als die Kriege.

Dieser Nachweis gelingt Goldhagen meines Erachtens mit großer Überzeugungskraft. Dies ist das Hauptverdienst des Buches, uns dafür die Augen zu öffnen, auch wenn die Begriffe Massenmord, Völkermord, Terror, Krieg bei Goldhagen teilweise unscharf formuliert sind und ineinander verfließen.

Und vor allem unterbeitet er Vorschläge, wie staatlicher Massenmord zu verhindern sein könnte: etwa durch ein Kopfgeld auf Politiker und Regierungsmitglieder, die den Massenmord anordnen oder decken. Hier wird das Buch zu dem, was es eigentlich ist: ein flammender Aufruf, mehr Gerechtigkeit, mehr Frieden herzustellen. „Verschaffe mir Recht“ – dieser biblische Spruch der ewig Gemarterten kam mir in den Sinn, als ich das Buch erschüttert zur Seite legte.

Daniel Jonah Goldhagen: Schlimmer als Krieg. Wie Völkermord entsteht und wie er zu verhindern ist. Aus dem Englischen von Hainer Kober und Ingo Angres. Siedler Verlag, München 2009

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Aug. 272009
 

Ein zufälliger Beleg dafür, wie einseitig, wie blind, wie germanozentrisch das weltweit vorherrschende Geschichtsbild immer noch ist, zeigen die Vorgänge um die geplante Berliner Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“. Sie kann nicht wie vorgesehen stattfinden, weil die Leitung der Werkstatt der Kulturen drei Schautafeln über die Komplizenschaft arabischer Führer mit Hitlers Deutschland ablehnt. Wie bei unseren europäischen Nachbarländern, so wird auch in der gesamten arabischen Welt die Komplizenschaft mit Deutschlands kriminellem Verbrecher-Regime weiterhin großzügig unterschlagen. In tausenden von Dokumentarfilmen und Spielfilmen, Ausstellungen und politischen Reden wird weiterhin eine bequem monokausale Weltsicht gehätschelt. Sie lässt sich in drei Merksätzen zusammenfassen: „Deutschland war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts  der Dreh- und Angelpunkt der Weltgeschichte – alles Böse wurzelt letztlich in Deutschland. Alle anderen Länder sind Opfer Deutschlands. Alles Gute kommt von außerhalb Deutschlands.“ Eine groteske Verzeichnung, die aber in der Popular- und Trivialkultur von Cinecittà Rom bis Hollywood, von den Mosfilm-Studios bis zur BBC weit verbreitet ist!  Es erleichtert das Leben, wenn alles sehr einfach zurechtgeschnitten werden kann. Wer spricht heute noch etwa über die 15 bis 25 Millionen Todesopfer der belgischen Kolonialherrschaft in Kongo? Niemand. Denn Belgien ist ein Opfer. Über die Kolonialkriege und Konzentrationslager des faschistischen Italien? Über die Hungersnöte in der Ukraine der 30er Jahre? Über das ab 1918 eingerichtete Lagersystem der bolschewistischen Sowjetunion? Über das Lagersystem Kubas? Niemand außer einigen wenigen Fachkreisen.

Kaum bekannt ist auch, dass nach dem Zweiten Weltkrieg ein schwunghafter Handel mit hochrangigen NS-Militärs einsetzte. Sie setzten sich zu Hunderten in andere Länder ab, boten ihre Dienste als Militärberater an – und wurden gerne in Sold genommen. Südamerika war das wichtigste Hauptaufnahmegebiet für Militärs der Nationalsozialisten, aber gleich danach kamen die arabischen Unabhängigkeitsbewegungen. Viele deutsche Militärs mit tiefbrauner Vergangenheit wurden – oft unter Verschleierung ihrer Identität – Militärberater und Ausbilder in den arabischen Ländern.

Der blühenden Feindseligkeit gegenüber den Juden, dem sogenannten „Antisemitismus“, welcher heute gerade bei deutsch-arabischen Jugendlichen zu beobachten ist, wurde nicht zuletzt durch die deutschen Generäle und Militärs nach dem Zweiten Weltkrieg Vorschub geleistet. Wir re-importieren also gerade die braune Saat aus den arabischen Ländern nach Deutschland. Wer spricht davon in Deutschland? Eigentlich fast niemand. Der Skandal um die Werkstatt der Kulturen der Welt ist ein zufälliger Anlass für das Aufreißen der gewaltigen Gedächtnislücken. Aber in Frankreich und Algerien ist dieser Vorgang – also die Verquickung von Nationalsozialismus und arabischem Integralismus – immerhin ein Thema, so etwa in den Schriften von Boualem Sansal.

Lest hier einen Auszug aus dem Tagesspiegel von gestern:

Kritik an Arabern unerwünscht
Der Palästinenserführer Hadj Amin el-Husseini war eine umstrittene historische Figur. 1933 gratulierte er dem deutschen Generalkonsul von Jerusalem zur Machtergreifung der Nationalsozialisten, später warb er muslimische Freiwillige für die Waffen-SS und propagierte die „Endlösung“. Nach dem Krieg wurde er zum obersten Repräsentanten der Araber Palästinas. Die Verstrickungen el-Husseinis sind bekannt. Aber jetzt führte unter anderem eine Schautafel mit diesen Informationen dazu, dass die Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ nicht wie geplant in der Neuköllner Werkstatt der Kulturen ab dem 1. September gezeigt werden kann, sondern in die Uferhallen in Wedding ausweichen musste.

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„Wir bleiben widerborstig“, oder: Wider den linksgebürsteten Konformismus

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Apr. 292009
 

„Wir bleiben widerborstig“, mit diesen Worten zitierten wir Jürgen Trittin vor wenigen Tagen. Dank der Oppositionsrolle, die die Grünen derzeit im Bundestag innehaben, wäre alles andere fast schon ein Wunder. Ganz anders natürlich, wenn die Grünen an die Macht gelangen – wie zum Beispiel bei uns im friedlichen Kreuzberg. Hier müssen die Grünen Verantwortung tragen, müssen Entscheidungen rechtfertigen, müssen die Staatsmacht sein und repräsentieren – und da fällt es schon schwerer, widerborstig zu bleiben.

Ganz schnell vertauschen sich dann die Rollen! Angepasst, stromlinienfärmig glatt und ununterscheidbar und widerstandslos-willig werden am 1. Mai wieder etliche Tausendschaften schwarzgekleideter, glattgebürsteter Konformisten durch die Kreuzberger Oranienstraße ziehen. Das beweist keinen Mut, das imponiert mir nicht, vor allem, wenn man den Schutz der Masse benutzt, um sich an anderer Leute Eigentum zu vergreifen.

Was mir imponiert, sind Menschen, die auf der Straße gegen Gewalt eintreten, und zwar auch dann, wenn sie als Minderheit kenntlich sind, wie etwa die Friedrichshain-Kreuzberger CDU mit ihrem geplanten Stand. Das beweist Mut. Das ist echte Widerborstigkeit gegen den dummdreisten Hauptstrom!

Lest selbst ein paar der Drohungen, mit denen die glorreichen Führer der Linkskonformisten sich brüsten:

Berliner Zeitung von heute: Markus Bernhardt vom „Antikapitalistischen Block“, der zum Bündnis gehört, aber auch an der DGB-Demo teilnehmen will: „Wir wollen explizit die sozialen Unruhen und unser mögliches tun.“ Er drohte der CDU, die beim Myfest in der Oranienstraße einen Infostand aufbauen will. „Wir sind sehr besorgt um die Sicherheit der CDU. Deshalb ist es besser, wenn sie auf ihren Stand verzichtet.“ „Das zeigt das fehlende Demokratieverständnis dieser Leute“, sagt der CDU-Abgeordnete Kurt Wansner. „Wir werden dort aber stehen.“

Tagesspiegel von heute: Dass die Anwesenheit der Polizei insgesamt unerwünscht ist, formulierte Jonas Schiesser von der Gruppe Arab ganz schlicht: „Die Bullen sollen sonst wo bleiben.“ Auch die Anwesenheit von Glietsch sei eine Provokation, ihm wurde empfohlen, sich nicht blicken zu lassen. Dass die CDU sich beim Myfest mit einem Stand präsentieren wolle, fassen die Linksradikalen als „reine Provokation“ auf. „Die CDU weiß, dass sie in Kreuzberg unerwünscht ist“, sagte Schiesser. Für die Sicherheit des CDU-Standes könne man „nicht garantieren“.

Es ist schon auffallend zu sehen, wie sehr sich die Formulierungen gleichen! Kleine Sprachübung gefällig? Hier kommt sie: Bilden Sie Sätze mit dem Wort „… unerwünscht!“ Beispiel: „Schwarze sind hier nicht erwünscht.“ Na bitte, da kommt es heraus! Denken Sie an Berlin 1933, denken Sie an Amsterdam 1940, denken Sie an Kapstadt 1985! Zu Tage tritt in solchen Sprüchen immer eine Apartheid-Gesinnung, eine bis ins Brutale gesteigerte Einteilung der Menschen in Gut und Böse – und zwar stets begründet auf irgendeinem rassischen, politischen oder ethnischen Merkmal.

Gut auch, dass im Tagesspiegel sich wenigstens einige gegen die unerträgliche Anmaßung der Veranstalter zur Wehr setzen, wenn auch leider nur anonym. Toll fände ich, wenn alle anderen demokratischen, wenn auch die weniger widerborstigen Parteien sich schützend vor die CDU stellten. Werden sie es tun, werden sie mutig, werden sie widerborstig genug sein? Oder werden sie sich glattbürsten lassen? Werden sie einknicken?

Lest hier stellvertretend einen Beitrag eines Tagesspiegel-Lesers namens Einauge:

CDU plant Infostand in Kreuzberg
Provokation und Gewalt
Ich sehe mich selbst als Linker und finde die CDU unwählbar und die Berliner CDU im Speziellen auch noch in hohem Maße peinlich und unfähig. Selbstverständlich ist der Stand der CDU eine Provokation, auch wenn die Herren was anderes behaupten mögen. Aber in einer Demokratie muss man Provokationen ertragen können, sofern sie nicht beleidigend und ausserdem gewaltlos erfolgen.

Man sollte Gewalttätern nicht die öffentlichen Räume überlassen, weder linken noch rechten noch andersabartigen Gewalttätern. Insofern würde ich mich ob der Drohung gegen die Sicherheit des CDU-Standes fast schon dazustellen. Präsenz gegen Gewalt.

Womit wir bei den Argumenten für ein Wegbleiben von diesen Demos wären: Den Gewalttätern hier den linken wird jedesmal der Schutz durch die Masse gewährt aus dem heraus sie – ach wie mutig – anderer Leute Eigentum und Gesundheit gefährden können. Und dann wird wieder der Polizei die Schuld gegeben, wenn sie die Leute aus der Menge rausziehen wollen. JEDES MAL

Die Eskalation geht in Berlin schon seit Jahren nicht mehr von der Polizei aus. Es wäre schön wenn man die Gewalt in den eigenen Reihen nicht noch durch derart haltlose Aussagen, wie jener von Herrn Bernhardt anfeuert.

 Posted by at 18:06
Apr. 172009
 

Ich bin natürlich ein Produkt meiner Zeit und der westlichen Moderne, ich bin ein Stiefkind der Aufklärung. Der dekadente Punkt ist, dass mich in der Auseinandersetzung mit dem Religiösen vor allem interessiert, daraus Kunst zu machen.“ So äußert sich Feridun Zaimoglu in einem Interview im neuesten Magazin tip Berlin 09/2009, S. 50, unter dem Titel: „Wo gärt das Böse?“ Allein schon deswegen musste ich mir Karten für morgen abend bestellen. Dann wird Zaimoglus neues Theaterstück „Nathan Messias“ unter der Regie von Neco Celik im Ballhaus Naunystraße aufgeführt. Ich bin selbst dort schon mehrfach mit der Geige aufgetreten – wie mag es sich seither verändert haben? Ich werde euch von der Aufführung berichten! Mir gefällt, dass endlich einmal jemand persönlich angeben kann, was ihn an den orientalischen Religionen Islam, Christentum und Judentum fasziniert! Pro-Reli-Unterstützer  – bitte hinschauen, gucken!

Das Foto oben zeigt die Knabenschule Bismarcks, die Plamannsche Anstalt, aufgenommen heute in der Stresemannstraße.

Als normales Produkt unseres staatlichen Unterrichts verließ ich 1832  die Schule als Pantheist, und wenn nicht als Republikaner, doch mit der Überzeugung, daß die Republik die vernünftigste Staatsform sei, und mit Nachdenken über die Ursachen, welche Millionen von Menschen bestimmen könnten, einem dauernd zu gehorchen, während ich von Erwachsenen manche bittre oder geringschätzige Kritik über die Herrscher hören konnte.“

An diesem Anfang der „Gedanken und Erinnerungen“ Otto von Bismarcks gefällt mir, wie nüchtern er seine Bedingtheit einschätzt. Er sagt: Als junger Mann teilte ich die wesentlichen Überzeugungen, die man im Laufe der Jugend einfach so erwirbt. Und so erwarb Bismarck auch sein Nationalgefühl und wurde vorübergehend Anhänger der deutschnationalen, demokratischen Burschenschaften. Sein knochentrockenes Verdikt: „Ich hatte den Eindruck einer Verbindung von Utopie und Mangel an Bildung.“ Großartig, dieser Schriftsteller! Seine kleinen Boshaftigkeiten beweisen, dass er weitergedacht hat, dass er – nicht anders als Zaimoglu – die Fähigkeit und Ehrlichkeit aufbrachte, über die Determiniertheit, die sich der Erziehung schuldet, hinauszugehen.

Wir sind – einerseits – schlicht ein Produkt unserer Erziehung und unserer Zeit. Das wird niemand leugnen können. Aber andererseits besitzen wir die Freiheit, zu neuen Ufern aufzubrechen. Zaimoglu und Bismarck haben dies getan. Und dadurch wird die Sache so spannend.

Heute nahm ich an einer Führung der CDU durch Kreuzberg West teil. Der Herr Sielaff, durchtränkt mit Wissen über seinen alten Bezirk, zeigte uns das Haus, in dem einst die Plamannsche Anstalt untergebracht war. Dort ward Bismarck vom sechsten bis zum zwölften Jahre erzogen und genoß auch die turnerische Vorschule mit Jahnschen Traditionen. Mir fiel gleich der Anfang der Bismarckschen Autobiographie ein, und ich rezitierte ihn, wo nicht wort-, so doch sinngetreu. Und ich schloss keck an: „Auch wenn ich Demokrat und Republikaner bin: Die erste Seite von Bismarcks Lebenserinnerungen sollte jeder Politiker lesen!““Aber dafür haben die Politiker keine Zeit“, scholl es mir entgegen.

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Wie auch immer –  unser Viertel birgt so mancherlei kostbare Spuren – unter anderem auch das Wohnhaus von Konrad Zuse, in welchem der Erfinder des ersten funktionsfähigen Computers wohnte. War er auch nur ein Produkt Kreuzbergs? Oder hatte er die Kraft, der Welt mehr zu zeigen als das Produkt der Umstände, die ihn gemacht hatten?

 Posted by at 23:26
Apr. 172009
 

Der Prophet Muhammad war zutiefst eingetaucht in die Welt der jüdisch-christlichen Überlieferung. Über weite Strecken ist der Koran eine Auseinandersetzung mit den Juden und den Christen, deren Überlieferung Muhammad so genau kannte. Achmed A. W. Khammas hatte uns am 08.11.2007 in diesem Blog die Augen für diese Kontinuität zwischen Christentum und Islam geöffnet, indem er fragte: „War Mohammed Christ?“

Immer wieder entdecke ich beim Studium des Korans Aussagen, Sätze, Bilder, die mir bekannt vorkommen. Woher kannte Mohammed diese Bilder? Was war sein Hintergrund? Gestern zitierten wir Sure 22, Vers 11. „Wenn ihn eine Versuchung trifft, kehrt er seinen Blick ab.“ Heute lese ich einen ähnlichen Satz in der jüdischen Torah. Gott spricht zu Kain. Gott weiß nicht alles, aber er kann das Gesicht des Kain lesen – da gärt etwas in Kains Gesicht. Kain wendet den Blick ab, senkt ihn. Es ist das Gesicht dessen, der mit sich nicht im reinen ist. Gott spricht zu Kain, 1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers: „Ist es nicht so: Wenn es dir gut geht, trägst den Blick hoch, und wenn du nicht gut handelst, dann lauert Fehltritt und nach dir ist sein Verlangen.“

Kaum ein anderer Satz hat mich in den letzten Tagen mehr beschäftigt als eben dieser. Ich halte diesen Dialog zwischen Gott und Kain für einen der schönsten überhaupt. Warum? Er zeigt etwas Grundlegendes: Kain, unser aller Vorfahr, ist weder völlig gut noch völlig böse. Er ist jederzeit hineingestellt in diese Entscheidung. Der Gott, der ihm begegnet, ist weder allmächtig noch allwissend. Es ist ein sprechender, ein suchender Gott. Wie der Gott des Korans auch, so lässt der Gott der jüdischen Bibel den Menschen in diese Freiheit hineingestellt. Der Mensch ist weder absolut gut noch absolut böse.

In genau diesem Sinne erklärte Yehuda Bacon, dessen Familie von den Nazis in Auschwitz umgebracht worden war, im Frankfurter Auschwitz-Prozess: „Niemand ist absolut böse, jeder hat einen Funken Menschlichkeit in sich. Jeder Mensch muss vorsichtig sein, denn jeder kann in seinem Leben in die Hölle abrutschen. Der Abgrund ist eine Gefahr für uns alle.“ Ich las dies in einem sehr profunden Artikel über die „Banalität des Bösen“ von Sebastian Beck in der Süddeutschen Zeitung vom 11./12./13.04.2009.

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Ist die Königin der Nacht gut oder böse?

 ADFC, Das Böse, Das Gute, Gute Grundschulen, Theater  Kommentare deaktiviert für Ist die Königin der Nacht gut oder böse?
Jan. 302009
 

Gestern führten wir wieder einmal Mozarts Zauberflöte in der Fassung für Puppentheater auf. Ort diesmal: die Aula der Clara-Grunwald-Grundschule in Kreuzberg. Zum ersten Mal spielten wir für die älteren Kinder, für „oben“, wie man in dieser Schule sagt, also die Jahrgänge 4 bis 6. Ira singt die Arie der Pamina leicht und schwebend, als wäre sie eine echte Sopranistin. Dabei ist sie eigentlich Alt. Und siehe da: Manches an unseren Texten verändert sich.  Ich merke, wie ich mehr in den Frage-Antwort-Gang umschalte, weniger märchenhaft erzähle. So frage ich die Kinder nach der Aufführung: „Ist die Königin der Nacht gut oder böse? Was meint ihr?“ Die Meinungen der Kinder sind geteilt. Ich fasse zusammen: „Aha, wir sehen, es ist nicht so leicht zu entscheiden, ob jemand gut oder böse ist.“  Für die Kleinen, für „unten“, sind solche Aussagen nicht so gut: Die Kleinen wollen schon wissen, ob einer gut oder böse ist.

Am Abend fahre ich zur Bezirksratssitzung des ADFC. Es ist die erste Sitzung des Bezirksrates, die ich nach meiner Wahl zum Sprecher leite. Ein bisschen Aufregung herrscht schon in meiner Magengrube – es erinnert mich an meine frühere Zeit als Sprachlehrer für Erwachsene, wo ich ja ebenfalls den Ablauf irgendwie steuern musste. Die Mischung aus Disziplin und Kreativität ist das A und O bei allen Gruppen. Und vor einem sitzen lauter selbstbewusste, erwachsene Menschen, die ihren eigenen Kopf haben!  Das Spannende an dem Zusammentreffen von ganz unterschiedlichen Leuten ist, dass man nicht alles planen kann. Doch gestern ging fast alles gut.  Wir arbeiteten fast die gesamte Tagesordnung ab. Und eine Geschäftsordnung für unser Gremium wurde auch beraten und beschlossen.

Das Foto zeigt einen Blick in die Aula der Clara-Grunwald-Schule.  Es tanzen – Papageno und Papagena.

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Nov. 292008
 

todenhoefer_warum_toetest_du_zaid.jpg Bereits am 23.05. und am 30.05.2008 stellten wir in diesem Blog den unermüdlichen, unbequemen Mittler Jürgen Todenhöfer vor. Er ist einer, der niemandem nach dem Munde redet. Und solche Menschen brauchen wir in der Demokratie. Nach dem Bezug auf Lessing – „Sei mein Freund!“ – jetzt ein klares, wörtliches Zitat aus Schillers Don Carlos. Jürgen Todenhöfer hat sich nach Berichten des Spiegel in die „Höhle des Löwen“ begeben wie einstmals der Marquis von Posa im zehnten Aufzug des dritten Aktes. Dies ist der Beweis: Zum Thema Freiheit bleibt Friedrich Schiller einer der maßgeblichen Autoren. In ganz Europa, in  Russland, in Polen, in Deutschland sowieso war er im 19. Jahrhundert einer der Bannerträger des demokratischen Aufbruchs. Wird er die Fackel der Freiheit auch in andere Länder tragen? Wir wissen es nicht. Der Iran oder Persien hat es eigentlich nicht nötig, sich belehren zu lassen. Es ist eine der ältesten Kulturen der Welt, Vielfalt und Pluralismus lassen sich in Persiens Geschichte von der Antike an auf Schritt und Tritt finden.

Der Mut Todenhöfers findet meine Bewunderung.

Todenhöfer in Iran: „Unnötig, bösartig, eine Schande“ – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Politik
Fast eine Stunde hören die Studenten dem Gast aus Deutschland mit wachsendem Unbehagen zu. Todenhöfer nennt die Holocaust-Konferenz „eine Schande“. Er fordert die „völlige Gleichberechtigung von Mann und Frau“. Er verlangt „wahre Meinungsfreiheit, für alle“. Und er appelliert an die Führung des Landes: „Geben Sie Gedanken- und Meinungsfreiheit.“ Es ist mucksmäuschenstill im Saal. Das Klatschen ist brave Pflicht. Dann äußern die angehenden Diplomaten ihr Unbehagen über die Ansichten Todenhöfers. Warum sollen die Palästinenser unter dem Holocaust leiden? Wir haben Israel nie mit einem Angriff gedroht! Warum macht uns der Westen zum neuen Feindbild? Lernen Sie den Unterschied zwischen Terrorismus und Dschihad! Bei seinem Auftritt „in der Höhle des Löwen“ muss Todenhöfer aufpassen, dass seine Zuhörer ihn nicht zerfleischen.

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Nov. 062008
 

Aufschlussreiche Kommentare zur Wahl des amerikanischen Präsidenten steuern heute Tanja Dückers und Frank Henkel bei. Dückers fragt: Wo ist unser Obama? Sie geißelt im heutigen Tagesspiegel die behaglich-negative Sicht auf die Welt, welche bei uns vorherrsche. Allzuviele Menschen hätten es sich bequem gemacht in einer gespaltenen Weltsicht: „Wir“ sind immer die Guten – die „anderen“, seien es die Amerikaner, die PDS, die Kommunisten, die Faschisten, die Russen, die Roma –   würden abgestempelt als die Bösen. Dückers erkennt sehr gut, dass nicht die jeweiligen Gegenstände des Feindbildes das Problem sind. Das Problem ist, dass überhaupt soviele Menschen in Berlin die Welt in Gut und Böse unterteilen. Wie leicht ist es dann, die Schuld an den Zuständen immer den anderen zu geben. Denken wir an die ständigen Überfälle auf den kleinen Subway-Laden in Kreuzberg: Auch hier haben einige eben offensichtlich ihren Feind erkannt: die bösen amerikanischen Kapitalisten.

Obama steht für etwa anderes: eine versöhnende, vermittelnde Haltung, die auf universalen Werten beruht. Auf Zuwendung, Gespräch, Hinhören. „Er hält immer die andere Wange hin.“ So schreibt Michael S. Cullen heute auf S. 7 in der BZ. Nicht zufällig ist dies ein Zitat aus dem Evangelium. Denn Obama ist Christ. In seiner Sanftmut, seinem ständigen Aufruf zum Glauben, seinem Bekenntnis zum Umdenken greift er in den Kernbestand der jüdisch-christlichen Botschaft hinein. Ich behaupte sogar: Es hat schon lange keinen Politiker gegeben, der mit derartigem Geschick und mit derartiger Leidenschaft die schlichten Gebote des Jesus von Nazaret beherzigt hätte. Eines seiner deutlich erkennbaren Vorbilder ist Johannes der Täufer, der ja ebenfalls umherlief und vor riesigen Menschenmengen verkündete: „Denkt um, wandelt euch! Habt Vertrauen, glaubt an euch!“ Die zentralen Botschaften des Evangeliums – das ständige Umdenken, der Wandel, das Vertrauen – diese hat Obama ins Weltlich-Politische übersetzt und lebt sie mitreißend vor. Barack Obama ist ein im tiefsten Sinne christlich-demokratischer Politiker, wie man ihn sich vorbildlicher gar nicht ausdenken könnte. Natürlich, er spricht öffentlich nicht darüber, das tut man als Politiker nicht. Man spricht als Politiker nicht über Religion. Aber ich halte diesen Glauben für eine ebenso starke Triebkraft wie seine Verwurzelung im amerikanischen Traum, in der großartigen Tradition der über mehr als 200 Jahre bestehenden Demokratie der Vereinigten Staaten. Und diese Demokratie fasste sich ja ebenfalls als die Wiederherstellung eines verlorenen Ideals auf – des Ideals der griechischen Demokratie und des römischen Imperiums. Die amerikanische „Re-volution“ war also eine „Rück-Wendung“ zu den Wurzeln der europäischen Überlieferung – gegen die bedrückende Gegenwart der Monarchie.

Der gefeierte Neuansatz durch Barack Obama ist also – eine Wiederbelebung uralten Erbes. Eines doppelten Erbes: das der amerikanischen Demokratie und das des jüdisch-christlichen Weltvertrauens. Obamas Reden sind gespickt mit wörtlichen Zitaten aus den uralten Gründungsdokumenten der amerikanischen Demokratie, aus den großen Reden seiner längst verstorbenen Vorgänger. Sein Internetauftritt überfällt einen geradezu mit Losungen, die so oder so ähnlich auch in hebräischer Bibel, Neuem Testament und Koran stehen könnten. Etwa: „Change you can believe in.“ Das heißt ein Doppeltes: Glaube an den Wandel – wandle dich zu einem glaubenden, vertrauenden Menschen! Diese beiden – das Erbe der amerikanischen Demokratie, das Erbe der drei mosaischen Weltreligionen – sind die Fundamente, auf denen die Gründer der USA ihren so erfolgreichen Staat aufgebaut haben. In ihren Fußstapfen folgt Obama.

Etwas davon scheint auch Frank Henkel, ein Berliner Politiker, erkannt zu haben. Er wird heute im Tagesspiegel zitiert, für ihn sei Obama bislang ein Mysterium. Henkel verwendet also die Sprache der Religion – er sieht also in Obama etwas, was seine Fassungskraft übersteigt, etwas, wovor er nur die Augen staunend verschließend kann. Denn das Geheimnis, das Mysterium ist im Wortsinne etwas, was zu hoch für uns ist, was wir nur glauben und hoffend annehmen können.

Das ehrt Henkel. Denn es gibt kaum größere Gegensätz als manche Berliner Politiker und Obama: Bei manchen Berliner Politikern  finden wir eine klare Freund-Feind-Linie, eine aggressive, feindselige, stets zum Zuschlagen bereite Sprache ohne jede vermittelnde Kraft, ein Vorherrschen von negativen, anklagenden Tönen. Die Welt ist grau oder schwarz. Es gibt keine Freude. Ein Alleinstellungsmerkmal mit Forderungen, die sonst niemand teilt. Kein Fachpolitiker, kein Fachmann, keine Fachfrau aus Justiz und Verwaltung. Wie etwa die Forderung nach Heraufsetzung der Höchststrafe im Jugendstrafrecht von 10 auf 15 Jahre. Niemand außerhalb vertritt derartige Forderungen, kein Richterbund, keine Bundespartei, keine Polizeigewerkschaft. Ein großer, bewundernswerter Mut zur Selbstisolation, zur „Wir-gegen-den-Rest-der Welt-Haltung“, die man nicht genug loben und ehren kann.

Und als Gegensatz dazu Obama: ein Mensch des Ausgleichs, der Versöhnung, ein Mann, der auch angesichts gigantischer Probleme stets Zuversicht ausströmt, ein Mann des Wortes und der Tat.

Zu recht fragt Tanja Dückers: Wo ist unser Obama?

Ich meine: Die Anti-Obamas haben wir schon. Dann werden irgendwann auch die Obamas kommen.

Ganz viel Hoffnung

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Nov. 022008
 

01112008002.jpg „Was du mit der Lernenden Volkspartei meinst, haben wir einigermaßen begriffen“, höre ich immer wieder. „Aber welche Rolle spielt der Begriff der Positiven Kommunikation, auf dem du doch ebenfalls so stark herumreitest?“

Hierauf erwidere ich: Die Lernende Volkspartei ist der Gesamtrahmen – die Positive Kommunikation ist das unabdingbare Mittel, um diesen neuen Lern-Ort mit Leben zu erfüllen.

Mit der negativen und positiven Kommunikatiuon ist es wie mit einem Kinde, das ungern die Zähne putzt. Nun kam eine Mutter und drohte: „Wenn du die Zähne nicht putzt, wirst du lauter Löcher haben. Dann geht es dir schlecht. Dann wirst du krank und es tut weh. Also marsch – putz dir die Zähne!“ Das Kind ging – und benetzte die Zahnbürste … und putzte sich die Zähne … nicht. Das Zähneputzen war eine unbequeme Pflicht geworden. Bisweilen log es: „Ich hab mir schon die Zähne geputzt.“

Genau so handelt die Partei, die da sagt: „Wählt eure Regierung ab. Wenn ihr eure Regierung nicht abwählt, geht es euch schlecht und alles wird immer schlechter. In der Regierung sitzen lauter Mauermörder! Was für eine Schande!“ Das Volk – dieses ungebärdige Kind – glaubte dieser Partei kein einziges Wort. Nur jene, die ohnehin meinten, dass alles immer schlechter werde, wählten diese Partei. Also die Selbstmörder, Berufspessimisten, Nörgler, Querulanten. In jedem Volke gibt es etwa 20% Depressive, Querulanten und chronisch Zukurzgekommene.  Da die Partei kein anderes Volk wählen konnte, wählte das Volk andere Parteien.

Zurück zur Geschichte mit dem Kind, das sich die Zähne nicht putzen wollte. Nun kam ein Vater. Der erzählte strahlend dem Kinde: „Ich habe mir eine elektrische Schallzahnbürste gekauft. Was für ein herrliches Gefühl – nach dem Putzen fühlt sich alles glatt an, die Zunge streicht über den Gaumen, alles schön weich und sauber. Ich könnte euch alle küssen!“ Da fragte das Kind. „Darf ich die elektrische Schallzahnbürste auch benutzen?“ „Ja, aber nur mit deinem eigenen Bürstenkopf!“ „Bitte, bitte gib mir den Bürstenkopf!“ Und so geschah es. Das Kind liebte die Zahnbürste, es putzte eifrig. „Ich möchte noch einmal putzen!“, sagte der Sohn nach einer Stunde. „Aber du hast doch gar nichts gegessen. Man soll nicht zu viel putzen“, erwiderte der Vater. „Gut – dann werde ich eben schnell ein Brot essen“, erklärte der Sohn. „Dann darf ich wieder putzen.“ Und von Stund an ward das Zähneputzen zu einem freudigen Ereignis, das jeden Tag angenehm beschloss. „Darf ich denn auch 5 Mal am Tag die Zähne putzen, Papa?“ „Nein, das wäre eine zu starke Belastung für dein empfindliches Zahnfleisch und den Zahnschmelz. Zwei bis drei Mal am Tag, jeweils nach den Mahlzeiten, das muss genügen.“

Was war hier geschehen? Ich – denn ich selbst habe dies erlebt – hatte mich bemüht, das Problem „Zähneputzen“ für den Sohn von einer leidigen Pflicht zu einem freudigen, technik-affinen Gesamterlebnis zu machen. So mögen es die Jungs doch. Eine Konsultation der maßgeblichen odontoiatrischen Literatur ergab: Eine neuartige Schallzahnbürste ist etwas sehr Sinnvolles. Richtig angewandt, erzielt sie weit bessere Putzergebnisse als eine manuelle Zahnreinigung. Vor allem wird das Hauptproblem der heutigen Zahngesundheit, nämlich das gehäufte Auftreten von Parodontitis, besser gelöst als mit der Handzahnbürste.

Selbstverständlich gehört die tägliche Verwendung der Zahnseide zur Reinigung der Zahnzwischenräume weiterhin zu unseren Pflichten.

Das Böse in der Welt wird durch diesen kleinen Trick keineswegs geleugnet. Es wird weiterhin Karies und Parodontitis geben. Weiterhin wird man Kinder zum Zähneputzen erziehen müssen. Aber der Weg dorthin führt nicht immer über Drohungen, Strafen und Verbote. Man kann das Zähneputzen auch zu einem runden, lustigen Ritual machen.

Und so ist es auch in der Politik: Nur jene Partei wird Erfolg haben, die positive Erlebnisse verschafft, – die dem Wähler anregende, erfreuende Botschaften bringt. Ständige Negativpropaganda stößt ebenso von Parteien ab wie Zerstrittenheit, unsympathische Spitzenleute, lustfeindliche Gesamterscheinung und ständiger Einsatz von Drohungen.

Verkünde deine Botschaften lachend – dann werden die Wähler mit dir lernen wollen!

Inschrift auf dem Pullover im Bild: Cool Choice Dress – Enthusiast.

 Posted by at 20:56