Der Mitmach-Radfahrer, oder: mit dem Auto erst ab 6

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Nov. 092008
 

Bloggerinnen und Blogger, zufällig wurde ich als Teilnehmer der neuen Mobilitätsstudie ausgewählt. Ich bin einer der über 1000 glücklichen Berliner, deren Mobilitätsverhalten nunmehr statistisch erfasst wird. Tag um Tag muss ich nun als getreulicher Buchhalter der Straße meine eigenen Wege verzeichnen.

Mein gefühltes Mobilitätsverhalten:

90% meiner zurückgelegten Wege betragen weniger als 6 km. Von diesen Kurzstrecken bewältige ich  20%  zu Fuß, 65% mit dem Fahrrad, 5% mit dem PKW, 10% mit der BVG.

10% meiner zurückgelegten Wege betragen mehr als 6 km. Hiervon bewältige ich 70% mit dem Fahrrad, 5% mit dem eigenen PKW, 5% mit dem Taxi  und 20% mit der BVG. Das wird die BVG kaum freuen. Aber ungefähr so ist es.

Die offiziellen Daten des Umweltbundesamtes besagen übrigens: 90% der innerstädtischen PKW-Fahrten betragen in Deutschland weniger als 6 Kilometer. Auf diesen Strecken ist das Zu-Fuß-Gehen das gesündeste, das Radfahren das schnellste Verkehrsmittel.

Deshalb meine ich: Das Motto muss heißen: Fahrten unter 6 km sollten nur in begründeten Ausnahmefällen mit dem PKW zurückgelegt werden, etwa beim Transport schwerer Lasten, oder wenn man mehrere Kleinkinder bringen oder holen muss. Oder wenn Gehbehinderte Wege zurücklegen müssen.

Ich sage: Mit dem Auto erst ab 6.

Die öffentlich festgestellten Daten der Volkspartei CDU besagen: 2/3 aller Fahrten mit dem PKW sind Freizeitfahrten. Sie sind nicht beruflich bedingt. Es sind Spaßfahrten zu Lasten der Umwelt, zu Lasten künftiger Generationen, zu Lasten eines guten Stadtklimas. Weiter so, CDU, bleibe dran!

Ich halte euch buchstäblich auf dem Laufenden!

Am Nachmittag begegnete ich einem Berliner Fahrraderfinder, der gerade sein neuestes Dreirad-Modell als Prototyp erprobte. Ich fragte, ob ich fahren dürfe – ich durfte! Das Fahrrad fährt sich sehr angenehm, fast mühelos gleitet man dahin. Das Bild zeigt mich während der Probefahrt in der Hagelberger Straße. Bitte zur Marktreife bringen!

Die Woche im Rathaus – Verpasste Chance in der U-Bahn – Berlin – Printarchiv – Berliner Morgenpost
Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) wurde diese Woche zur Mitmach-Senatorin. Am Dienstag richtete sie einen dringenden Appell an die Berliner, bei der laufenden Verkehrserhebung mitzumachen. Dabei geht es um eine Umfrage, wie die Berliner sich durch die Stadt bewegen. Per U- oder S-Bahn, per Bus, Auto oder Fahrrad. Eigentlich laufe die Befragung der zufällig ausgewählten Berliner ganz gut, resümierte die Senatorin in einer Erklärung. Allerdings lasse der Rücklauf in einigen Gebieten zu wünschen übrig. Nur wenige Stunden später erreichte die Redaktionen der Stadt ein nächster Appell: Die Berliner sollten bei einer Umfrage zum neuen Mietspiegel mitmachen.

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Okt. 102008
 

10102008.jpg Eine gute Fee aus einem Schweizer Verlagshaus sendet mir ein geheimnisvolles Paket zu. „Schicken Sie mir Bücher von fremden Ländern und Menschen, die zu mir passen!“ So, oder so ähnlich hatte ich mir gewünscht, als meine Gönnerin mit sagte: „Sie haben einen Wunsch frei!“

Und so kam der schöne Stapel gestern an. Seit meiner Jugend erliege ich immer wieder dem Reiz neuer unbekannter Bücher. Welches greife ich zuerst? Eine Stimme sagt: Tolle lege! Das schmalste. Es heißt: „Die Faust im Mund“. Autor ist Georges-Arthur Goldschmidt. Ich schlage gleich das dritte Kapitel auf: „Offenbarungen“.

Ich lese mich gleich saugend fest, überfliege Zeilen und Zeilen, Seiten und Seiten. Danach wird mir bewusst: ich habe meine eigene Geschichte gelesen. Goldschmidt, geboren 1928, verbrachte seine Jugend in einem streng katholisch geprägten Umfeld. Bücher waren seine Leidenschaft. Ständige Selbstzweifel und Schuldgefühle quälten ihn. Die Bücher, die er las, und die ihm das Tor zu einer unbekannten Welt eröffneten, waren zu großen Teilen dieselben Werke, die auch ich während meiner Gymnasialzeit las: Also sprach Zarathustra, die Kritik der reinen Vernunft, die Werke Franz Kafkas. Verstand er damals alles, verstand ich alles? Sicher nicht – aber wer kann das von sich behaupten? Entscheidend ist: diese Bücher waren für uns eine Art Zauberteppich in eine andere Welt – und in die Welt des eigenen Ich. So wie für Goldschmidt die deutsche Literatur, so stellte für mich die französische Literatur, stellten Proust und Flaubert eine Begegnung mit dem „nächsten Fremden“ dar.

Obwohl Goldschmidt der Generation meiner Eltern angehört, las er einen Kanon, der im wesentlichen auch der meine war. Sicher, ich las auch Böll, las Grass und Christa Wolf. Aber die Bücher, die mich besonders stark berührten, waren andere. Goldschmidt nennt sie.

Und dann lese ich mich fest an einer Stelle, die fast wie ein Seziermesser ein Grundgefühl offenlegt, das mich in der Jugend und auch später noch – ebenso wie Georges-Arthur Goldschmidt – immer wieder begleitet hat:

Ich war dabei und gehörte doch nicht dazu, ich war Fisch und Fleisch, ich war beides und gleichzeitig keines von beiden, und obwohl ich ein Bürger der französischen Republik war, konnte ich mich mit nichts identifizieren, was irgendwie anerkannt war (S. 65).

Wie vielen Tausenden und Hundertausenden junger Menschen mag es auch heute noch so ergehen? Sie fühlen sich weder Fisch noch Fleisch. Und doch enthält bereits diese Stelle den Keim der Heilung von diesem quälenden Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit. Es heißt nämlich nicht: „… ich war weder Fisch ncoh Fleisch …“, sondern: „… ich war Fisch und Fleisch.“

Fisch und Fleisch: in diese Formel kann man zusammenfassen, was die Chance solchen Dazwischenlebens ist: beides zu sein, sich nicht festlegen, keinem einzigen Lager zugehörig zu fühlen, sondern hin und her zu gehen. Oder in beiden Lagern gleichzeitig zu sein. Weder nur Christ, noch nur Jude; weder nur Deutscher, noch nur Franzose. Weder nur links-alternativ, noch nur bürgerlich. Weder nur Fisch noch nur Fleisch. Sondern beides.

Danke für Fisch und für Fleisch, Zürcher Fee!

Unser Bild zeigt einen Blick auf die Russische Botschaft Unter den Linden, heute aufgenommen.

Quelle: Georges-Arthur Goldschmidt: Die Faust im Mund. Eine Annäherung. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Amman Verlag, Zürich 2008. 158 Seiten.

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I colori del giallo, oder: Italien im Spiegel des Krimis

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Mai 082008
 

Mich erreichte eine Einladung zu einem Ereignis, an dem ich selbst auch beteiligt bin.

Einladung zur Lesung und Diskussion. Macchie di rosso.

Bologna: una città, i suoi delitti, le sue scritture

mit Luigi Bernardi

Grußwort: Angelo Bolaffi, Direktor IIC Berlin

Moderation: Luca Crovi

Lesung aus dem deutschen Text: Johannes Hampel

am Donnerstag, 15. Mai 2008, um 19.00 Uhr

auf italienisch mit Simultanübersetzung

Drei Jahre nach dem schlimmsten Attentat der italienischen Nachkriegsgeschichte, dem Bombenanschlag vom 2. August 1980 auf dem Bahnhof von Bologna, wird Francesca Alinovi in ihrem Appartement mit siebenundvierzig Messerstichen niedergestreckt. In der einst ruhigen Stadt am Fuße des Apennin, in der seit dem Anschlag ohnehin ein Klima der Verunsicherung, Taubheit und Vernebelung herrschte, wirkte die Nachricht von dem Mord wie ein erneuter Schock.

Über dieses Ereignis und seine Folgen spricht der Kritiker Luca Crovi mit dem Schriftsteller und Journalisten Luigi Bernardi, der auch aus seinen Werken lesen wird.

Luigi Bernardi ist Journalist, Schriftsteller, Übersetzer und Verlagsberater. Zusammen mit Carlo Lucarelli leitet er die schwarze Reihe Stile Libero im Verlag Einaudi. Er ist Mitarbeiter der Tageszeitungen Il Nuovo und Il Domani di Bologna . Seine Werke sind Erano angeli (Fernandel, 1998), La foresta dei coccodrilli (Castelvecchi, 1998), Complicità (Mobydick, 1999), A sangue caldo (DeriveApprodi, 2001), Pallottole vaganti (DeriveApprodi, 2002) und Il libro dei crimini (zwei Ausgaben, Adnkronos, 2000 und 2001)

Luca Crovi, Rock-Kritiker und Radiomoderator, beschäftigt sich seit Jahren mit populärer Literatur und Comics. Dem italienischen Krimi widmet er sich mit den Monografien „Delitti di carta nostra“ (Puntozero, 2001) und „Tutti i colori del giallo“ (Marsilio, 2002). Letzteres Buch führt vor fünf Jahren zu der überaus erfolgreichen und gleichnamigen Radiosendung auf Radiodue, die 2005 mit dem Premio Flaiano ausgezeichnet wird.

Um Antwort wird bis zum 13. Mai 2008 gebeten.

E-Mail: antwort.iicberlino@esteri.it I Tel: 030 – 269 941-0 I Fax: 030 – 269 941-26

Ort: Istituto Italiano di Cultura, Hildebrandtsr. 2, 10785 Berlin

(Bus 200, Tiergartenstraße, Bus M29, Hiroshimasteg, Bus 100, Nordische Botschaften)

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Jan. 152008
 

Für den Vortrag bei Marie-Luise am Freitag habe ich nunmehr die Textauswahl getroffen. Alle Zuhörer können sich vorab, so sie denn wollen und Zeit haben, mit diesen vorgeschlagenen Texten vertraut machen. Dies ist aber keine Bedingung – ich freu mich auf euch!

Aischylos: Perser insgesamt, jedoch besonders Einzugslied des Chores V. 1-155 vom Anfang und Monolog der Atossa, V. 598-622

Aristoteles: Rhetorik, 1382a-1383b; Poetik, 1449b-1450; 1453b11

Evangelium des Johannes: insgesamt, jedoch besonders 16,33

Biblia hebraica („Altes Testament“) in der griechischen Übersetzung der Septuaginta: Psalm 56 (Zählung der Septuaginta: 55, Zählung der evangelischen und katholischen Bibelausgaben: 56), Buch Genesis/Bereschit: Kapitel 3

Für alle Texte wird der griechische Text herangezogen, jedoch werden keine griechischen Sprachkenntnisse vorausgesetzt. Alles wird ins Deutsche übersetzt werden.

Gute deutschsprachige Literatur:

Sabine Bode: Die deutsche Krankheit – German Angst. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 2. Auflage 2007

Borwin Bandelow: Das Angstbuch. Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpfen kann. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2006

Wolfgang Schmidbauer: Lebensgefühl Angst. Jeder hat sie. Keiner will sie. Was wir gegen Angst tun können. Herder Verlag, Freiburg 2005

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Angststarre – Angstflucht – Angstlösung: eine Erregung

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Dez. 142007
 

 

200px-dionysos_mask_louvre_myr347.jpg Mit Marie-Luise und Karl-Heinz besprach ich nach dem Weihnachtsoratorium am Sonntag die Grundzüge des vereinbarten Vortrages über die Angst. Wir kamen überein, das Thema nicht zu trocken, nicht zu gelehrt, nicht zu abschreckend zu formulieren. Ira ist skeptisch! Termin: 18. Januar 2008. Vorläufige Ankündigung:

„Angst und Mitleiden“ – diese tiefen seelischen Erschütterungen sollen in der attischen Tragödie eine reinigende Wirkung entfalten. Was ist dran an dieser Sichtweise?

„In der Welt habt ihr Angst!“ Wie hat das Christentum unser Grundgefühl Angst überformt? Textbeispiele aus den Tragödien des Aischylos, den Schriften des Aristoteles, der hebräischen Bibel und dem Johannes-Evangelium werden ausgespannt als Hintergrund für die Frage: Wie gehen wir heute mit Angst und Ängsten um?

Begann meine Sammlung mit dem Eingangschor aus den Persern des Aischylos. In der Tat: schon in den ersten Strophen dieser ältesten uns überlieferten Tragödie wird ein Gemälde der Angst ausgebreitet (Vers 115-119):

115ταῦτά μοι μελαγχίτων
φρὴν ἀμύσσεται φόβῳ,
ὀᾶ, Περσικοῦ στρατεύματος
τοῦδε, μὴ πόλις πύθη
ται κένανδρον μέγ᾽ ἄστυ Σουσίδος,

„Mein Sinn wird durch Angst zerkratzt“ das Verb bezeichnet zerzausen, zerraufen, wie von Haaren etwa. Angst also als Widerfahrnis, erregt, durcheinander.

 Posted by at 21:42
Dez. 132007
 

Gabriele Faber schaut bei uns vorbei. Wir besprechen Ablauf und Zeitplan des nächsten Konzerts am Samstag, 15. Dezember, 19.00 Uhr, im neueröffneten Teeladen in der Großbeerenstraße 56 in Kreuzberg. Wir freuen uns auf diese ungewöhnliche Mischung aus Texten, Liedern und Musik. Der Eintritt ist frei für alle.

Endgültiges Programm: Denksprüche und Poesien zwischen Ost und West. Gabriele Faber liest. Irina Potapenko singt. Kaorou Mizoguchi spielt Klavier. Johannes Hampel spielt Geige.

 Posted by at 18:22
Sep. 272007
 

Dies ist mein persönliches Blog. Hier notiere ich Erfahrungen und Gedanken, wie sie in der langen Kette der Tage auftauchen. Ich möchte sie vor dem Verschwinden bewahren und in die Welt schicken. Themen sind Politik, Musik, Kultur, Begegnungen mit Menschen und Dingen. Ihre Antworten sind jederzeit willkommen! Beachten Sie, dass ich sie erst freischalten muss. Mit herzlichen Grüßen, Johannes Hampel

 Posted by at 18:36