Die Hürriyet macht heute in ihrer Kioskausgabe mit einem Wunsch auf: Ein Türke kann ruhig auch einmal deutscher Bundespräsident werden! So übersetzt mir ein Zeitungshändler die Äußerungen des deutschen Botschafters in der Türkei, Dr. Eckart Cuntz. Ich gerate unversehens in eine Diskussion zwischen deutschen und türkischen Kunden: „Das wäre nicht recht, denn dann würde eine Minderheit über die Mehrheit bestimmen!“, sagt eine Deutsche. „Aber beim Einbürgerungstest konnten viele Deutsche die Fragen nicht richtig beantworten!“, erwidert ein Türke. „Oder wissen Sie, wer die deutsche Nationalhymne gedichtet hat?“ Der Türke schaut uns triumphierend an. Vielleicht will er sagen: Beweist erst einmal, dass ihr richtige Deutsche seid! Jetzt schalte ich mich ein – ich beweise, dass es doch zu etwas gut war, dass meine Eltern mich 13 Jahre zur Schule geschickt haben: „Hoffmann von Fallersleben, 1841 auf Helgoland dichtete er Einigkeit und Recht und Freiheit!“ Meine Wort fallen glasklar – ich fahre Punkte ein, der Türke nickt anerkennend: „Sie würden wahrscheinlich den Einbürgerungstest bestehen!“
Im Ernst: Soll ein Türke Bundespräsident werden? Ich meine: Jede und jeder kann deutsche Bundespräsidentin werden. Voraussetzungen: Sie oder er müsste das Wahlrecht zum deutschen Bundestag besitzen, die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen – und mindestens 40 Jahre alt sein. So steht es im Grundgesetz. Dass sie oder er einer Minderheit angehört, dies kann kein Hinderungsgrund sein. Der sächsische Ministerpräsident etwa ist Sorbe, gehört selbst einer winzigen ethnischen Minderheit an. Die Türken sind viel mehr als die Sorben! Und gehörten bisher nicht alle Bundespräsidenten der einen oder anderen Minderheit an? Waren sie nicht alle Mitglieder einer politischen Partei? Damit gehörten sie zu einer verschwindenden Minderheit der Deutschen, nämlich zur politischen Machtelite. Wären sie ohne Parteizugehörigkeit gewählt worden? Nein. Die Zugehörigkeit zu einer Minderheit ist also kein Grund dagegen, zum Bundespräsidenten gewählt zu werden. Also: Wer mitmacht, wer sich um Chancen und Ämter bemüht und sich in Staat und Gesellschaft einbringt, dem stehen alle Ämter offen. Nur zu! Die Hürryiet hat recht!
In der heute der Süddeutschen Zeitung beigelegten New York Times beklagt Maggie Jackson auf S. 6 den Verlust an grundlegenden Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit: „By fragmenting and diffusing our powers of attention, we are undermining our capacity to thrive in a complex, ever-shifting world.“ Sie erhebt leidenschaftlich ihre Stimme für eine neue Kultur der Achtsamkeit und des Aufmerkens: „What’s needed is a renaissance of attention – a revaluing and cultivating of the art of attention, to help us achieve depth of thought and relations in this complex, high-tech time.“ Ich stimme zu! Das Erlernen eines Musikinstruments, sportliche Betätigung, Tanzen, Wanderungen in Wald und Wiese, jedes einfache Tun, mit Hingabe ausgeführt, diese so einfachen wie erprobten Mittel scheinen mir tauglich, um Erwachsene und Kinder wieder an diese unerlässlichen Fähigkeiten heranzuführen.
In der Berliner Zeitung berichtet Christian Esch heute auf Seite 8 aus seinem Alltag als Radfahrer in Moskau:
Dass Fahrradfahrer nicht ernst genommen werden, hat Vor- und Nachteile. Die Nachteile sind offensichtlich: Eine Gesellschaft, die schon ihre Fußgänger ständig auf lange Umwege und in dunkle Unterführungen zwingt, hat für die Rechte von Fahrradfahrern auch nichts übrig. Für die rücksichtslosen Autofahrer ist ein Radfahrer so etwas wie ein verirrter Fußgänger mit Sperrgepäck zwischen den Beinen. Radwege gibt es nicht, außer in Parks, wo Räder als Spielzeug hingehören.
Auch hier kann ich nur zustimmen: Ich fahre immer wieder nach Moskau – und Radfahrer habe ich dort fast nirgends gesehen. Dennoch spreche ich immer wieder mit Russen, die schon einmal ein Fahrrad in Aktion gesehen haben, z.B. bei Auslandsbesuchen, in Bilderbüchern oder bei Besuchen in der Provinz. Bitte durchhalten, Herr Esch! In Rom, Paris oder London ist es nur um ein weniges besser als in Moskau. Und: Freuen Sie sich auf Berlin!
Damit schließen wir die heutige Presseschau – im Gefühl der Genugtuung: Wir haben nur Meinungen gelesen und aufgegriffen, denen wir zustimmen konnten.
In aller Frühe brachen wir gestern zur Aufführung der Zauberflöte auf. Eine Freundin hatte uns in eine Berliner Grundschule eingeladen, für die sie arbeitet. Vor 110 Kindern der Klassen 1 und 2 produzieren wir Mozarts Zauberflöte in der Fassung für Marionettentheater. Etwa 20 Kinder spielen begeistert als wilde Tiere mit, die durch die Zauberflöte gezähmt werden und artig tanzen, die anderen sind zahme Katzen, die den Vorhang für die Königin der Nacht öffnen. Dramaturgie, Regie, Textfassung, Sopran, Dompteuse: Ira Potapenko, unsere Prinzipalin in der Kunst wie echten Leben. Was für ein Gefühl, vor einer dichtgedrängten Aula den Kindern das Blaue vom Himmel herunterzuerzählen! Und ich darf mich sogar als Dirigent der von einer CD eingespielten Ouvertüre betätigen. Damit erzielen wir die größten Lacher bei dieser Aufführung. Mozarts Werk bleibt fesselnd, eine Handlung, die bei aller Verworrenheit eben doch einen guten Ausgang verheißt. Danach fühlte ich mich erledigt wie nach jedem anderen öffentlichen Auftreten auch, aber eben auch stolz und froh: „Wir haben es geschafft“!
