Immer wieder gerate ich als einzelner West-Mann unter Druck in den fröhlichen Versammlungen meiner durch Kommunismus und Diktatur geprägten Freunde und Verwandten. So auch wieder gestern: Gemeinsam hörten wir – eine Runde von Musikern und Sängern aus aller Herren Länder, darunter ich als einziger West-Mann – einen privaten Mitschnitt vom Wieniawski-Wettbewerb Lublin 1988. Junge Geiger mussten in drei Runden ein anspruchsvolles Programm vorführen, darunter eben auch einige der schwersten Stücke, die es überhaupt in der Violinliteratur gibt, solche Leckerbissen wie die Variationen über ein eigenes Thema von Henri Wieniawski. Die spätere Siegerin, Natalia Prischepenko aus der damaligen Sowjetunion, hatte es uns gleich von Anfang an angetan: Eine bezaubernde Erscheinung, brachte sie die Emotionen der Musik voller Lebendigkeit, mit Stolz, Selbstgewissheit und Charme über das Podium in den ganzen Saal hinein, technisch makellos, brillant, angriffslustig, aber im Tempo absolut unerschütterlich. Selbst die allerschwersten Variation mit den Pizzicati der linken Hand „stand“ sie ohne Tempoverzögerungen! Jeder einzelne Ton perlte. Hinreißend, und das alles im Alter von 15 Jahren! Ihr Lehrer Zachar Bron saß irgendwo in einer der letzten Reihen, spielte im Geiste und sogar mit Gesten alles mit, ackerte, litt mit der Schülerin … Aber der Erfolg gab den beiden recht.
Oft höre ich dann: „Solche Höchstleistungen in den Bereichen Musik, Naturwissenschaften und Sport brachte eben nur das alte System hervor! Es gab weniger Ablenkung durch Gameboys, Handys und MP3-Player. Talente wurden bis in die hintersten Winkel der Sowjetunion gezielt gefördert. Herkunft zählte nicht – nur die Begabung. Solange man politisch nicht aneckte, konnte man sicher sein, dass eigene Leistungsreserven optimal ausgeschöpft wurden. Ihr im Westen habt dem nichts entgegenzusetzen. Bei euch herscht Kuschelpädagogik. Die soziale und ethnische Herkunft entscheidet hier in Berlin im großen und ganzen über den Bildungserfolg! Ausländer schaffen es kaum nach ganz oben. Das Niveau wird nach unten angeglichen, Leistung wird kaum gefördert.“
Schluck! Ich kann dem kaum etwas entgegensetzen. Das Niveau etwa in der Musikerausbildung war in den Staaten des Ostblocks deutlich höher als in Westeuropa. Dies meine ich wirklich nach Dutzenden von direkten Begegnungen mit Musikern feststellen zu können.
Wer weiß – vielleicht hat das bessere Abschneiden der Ost-Bundesländer auch etwas mit dieser Kultur der Leistung und des Lernens zu tun? Ich vermute dies. Denn die Mehrzahl der Lehrer, die etwa in Sachsen und Thüringen unterrichten, dürften noch aus der DDR stammen. Doch halt – es gibt ja noch Bayern … und da kenn ich mich aus. Denn ich habe mein Abitur in jenem fernen Lande errungen – das allerdings weder dem Osten noch dem Westen, sondern dem stolzen Süden der Republik angehört! Vivat Bavaria.
Hauptschulen? Nicht in OstdeutschlandSachsen und Thüringen zählen jetzt zu den großen Gewinnern des innerdeutschen Ländervergleichs Pisa-E der 15-jährigen Schüler. Sachsen eroberte den Spitzenplatz in Mathematik und Lesekompetenz sehr knapp vor Bayern. Beim Schwerpunkt Naturwissenschaften liegt das Land international sogar auf dem zweiten Rang hinter Finnland, wenn man die deutschen Bundesländer in die weltweite Studie einsortiert.
Nach langer Plackerei gibt es für mich nichts Schöneres als mit anderen zusammen oder allein Geige zu spielen. Meist ergibt es sich von selbst, welche Stücke ich spiele. Denn ich wähle aus, was mir am ehesten zuzusagen scheint – und oft wählen andere aus, was uns zusagt. Seit neuestem spiel ich wieder Violin-Duo mit einem neuen Duo-Partner. Wir haben uns für die Drei Duos op. 67 von Louis Spohr entschieden. Duo II in D-dur spricht besonders klar, laut und deutlich. Der erste Satz strömt unbezwingbare Lebensbejahung aus. Der zweite Satz Larghetto ruht ganz in sich, eine wunderbare Mondscheinstimmung wird ausgebreitet. Das abschließende Rondo hat etwas leicht Jahrmarkthaftes, Tänzerisches. Herrlich! Manche Stellen erinnern in ihrer Doppelgriff-Fülle schon an einen Quartettklang.
Am Abend erreichte mich gestern noch ein Anruf: „Ja schaut ihr denn nicht auf ARTE das Geburtstagskonzert für Herbert von Karajan an? Es ist ein wunderbares Konzert, Anne-Sophie Mutter spielt gerade – wunderschön!“ Ich frage zurück: „Wer oder was ist wunderschön? Die Musik oder die Frau?“ „Beides!“, lautet die Antwort. Ich folge der Aufforderung sofort, schalte ARTE ein. Und es stimmt! Mutter, die Berliner Philharmoniker und Seiji Ozawa haben schon die ersten 20 Takte aus dem Larghetto des Beethovenschen Violinkonzertes gespielt. Die Musik trägt scheinbar alle, strömt dahin. Wirklich? Nach wenigen Takten ändert sich mein Eindruck: Die Kamera ruht ganz vorwiegend auf der Solistin, fängt gelegentlich auch einzelne Musiker ein. So bemerkt das Auge, was mein Ohr ebenfalls hört: Die Solistin arbeitet fortwährend am Klang einzelner Töne, hebt einzelne Noten, die zu Ruhepunkten führen – also vor allem solche auf schwachen Zählzeiten-, gewollt hervor. Sie scheint beweisen zu wollen, dass weder sie noch wir mit dem Beethoven-Konzert schon ganz fertig sind, dass es immer noch Neues, Unbekanntes, Unerhörtes zu entdecken gilt! Die Philharmoniker lassen es zu, Ozawa folgt bereitwillig. Dieses Kräftverhältnis bleibt auch im dritten Satz durchweg erhalten, und zwar selbst dann, wenn die Solovioline eindeutig nur umspielende, dienende Funktion gegenüber dem Hauptmotiv hat. Es ist schade, dass Dirigenten und leider auch die Toningenieure es mittlerweile offenbar aufgegeben haben, das Verhältnis zwischen Orchester und Solist so einzustellen, dass Sinn und Struktur eines solchen symphonisch angelegten Konzerts wirklich fassbar hervortreten. Man will den Weltstar sehen, man will dabeigewesen sein, man hat dafür bezahlt. Deutlich wurde das beispielsweise in der d-moll-Episode des dritten Satzes in jenen Takten, wo eindeutig den Holzbläsern die dominierende Rolle anvertraut ist. Mutter führte auch hier, das hörte ich auf Schritt und Tritt heraus.
Zwei Mal, am 8. und am 9. Dezember, spiele ich als Geiger bei Bachs Weihnachtsoratorium mit. Am Samstag in der Emmauskirche in Kreuzberg, am Sonntag in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg. Die Gethsemanekirche ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Großes Glücksgefühl für alle, jeder und jede lässt sich tragen von den Wellen dieser unendlich reichen Musik. Dahinter steckt aber auch viel konzentrierte Arbeit, vor allem für den Chor studiosi cantandi mit dem Dirigenten Norbert Ochmann. Wir laden zwei Freunde zu uns ein, um noch ein Glas Wein zu trinken. Wie bei Musikern üblich, lassen wir auch die Einzelleistungen Revue passieren. Unser Freund sagt: „Die Einzelbewertung interessiert mich nicht besonders, ich schließe die Augen und – ich höre Bach!“