Apr. 152026
 

Der Ablaufplan der Verhandlungen im Salon Feurig „Zum ewigen Frieden“

In Sachen Krieg und Frieden wurde wie nachstehend verhandelt:

Entwurf eines wahrhaft kriegsbeendenden Vertrages zu einem jeglichen Friedensschluss, welcher als der Möglichkeit nach ewig würde zu gelten haben

vorgelegt 1795 vom Petenten: Immanuel Kant, Bürger und ord. Professor an der Universität Albertina zu Königsberg

Zeit: 10. April 2026, 19.00-21.00 Uhr

Ort: Feurigstr. 68, 10827 Berlin-Schöneberg

Textgrundlage: Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden, Königsberg 1795

Gesprächsleitung: Johannes Hampel

Folgende Aufgaben wurden gestellt und gemeinsam verhandelt:

Thema 1: Kann ein abwandernder Wolf falsche Entscheidungen vor Glaswänden treffen?

SPIEGEL: Was war in Hamburg anders [als bei anderen abwandernden Wölfen]?

Gesa Kluth: Meistens laufen die abwandernden Tiere nachts in die Städte hinein. Am Tag verstecken sie sich dann oder versuchen, wieder herauszufinden. In diesem Fall hat der Wolf offenbar mehrmals tagsüber versucht, aus der Stadt hinauszukommen und ist dabei letztlich in der Innenstadt gelandet. Er hat sich einfach nicht ausgekannt. Der Wolf hat in der Einkaufsstraße offenbar immer wieder viele falsche Entscheidungen getroffen, bis er festsaß. Er soll immer wieder gegen eine Glaswand gesprungen sein, weil er einfach nicht verstanden hat, wie er wieder herauskommt. (Quelle: Der Spiegel, 31.03.2026)

Wie bewertet ihr diese Erklärung?

Thema 2: Eine persönliche Einschätzung: Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ – Ewig zutreffend, zeitlos aktuell?

„Nun ja, ich meine, es ist ja straightforward, was er geschrieben hat. In einer idealen Welt liefe es so; Ansätze gibt es seit dem Völkerbund, wir sehen aber, Staatsmänner, die den Konsens der Anständigen verlassen, verunmöglichen es, und Realpolitik übernimmt und muss übernehmen. Man wüsste auch gern, ob es unter Republiken tatsächlich nie zum Krieg käme, man erinnere sich an klassische griechische Zeiten. Also, als philosophischer Entwurf ist es natürlich ewig zutreffend und zeitlos aktuell, in der Realität nützt dit nüscht, da kommt man mit Machttheoretikern wie good ol Machiavelli oder Foucault weiter. Um es mit Leonard Cohen zu sagen:
Though laws were carved in marble, they could not shelter men.
Though altars built in parliaments
They could not order men.“

Aber es ist wahrscheinlich der lesbarste Text, den Kant je geschrieben hat. (Bürgerin Schönebergs Christina R., 02.04.2026)


Was meint Ihr dazu?

Thema 3: Was ist nach Kants Meinung der Naturzustand, in welchem sich die Menschen vor der Stiftung von Staaten befinden? Oder: Ist der Mensch von Natur aus böse oder gut?

Was ist der „Naturzustand“ von Staaten vor der Stiftung eines allgemein gültigen Völkerrechts?

Thema 4: Was soll der Staat?

Was ist/sind Eurer Meinung nach der Hauptzweck/die Hauptzwecke des Staates?

Was ist laut Kants „Zum ewigen Frieden“ der Hauptzweck des Staates? Vergleiche seine Sicht mit Art. 1 GG!

Und nun … frisch Gesellen, seyd zur Hand bei der Beantwortung folgender Fragen!

Präliminarartikel 1 zum ewigen Frieden:

1. »Es soll kein Friedensschluß für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden.«

Was kritisiert Kant – für seine Zeitgenossen offensichtlich – an den Friedensverträgen des Jahres 1795?

Präliminarartikel 2:

2. »Es soll kein für sich bestehender Staat (klein oder groß, das gilt hier gleichviel) von einem andern Staate durch Erbung, Tausch, Kauf oder Schenkung, erworben werden können.«

Wie bewertet Kant die Grenzveränderungen zwischen Staaten ohne deren Zustimmung, z.B. die 3. polnische Teilung von 1795?

Präliminarartikel 3:

 »Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhören.«

Wie beurteilt Kant die allgemeine Wehrpflicht / den Bürgerwehrdienst je nach Notwendigkeit / die Berufsarmee?

Präliminarartikel 4:

»Es sollen keine Staatsschulden in Beziehung auf äußere Staatshändel gemacht werden.«

Wie würde Kant das Sondervermögen Bundeswehr bewerten (Art. 87a GG)?

Wie bewertet Ihr das Sondervermögen Bundeswehr (Art. 87a GG)?

Präliminarartikel 5:
Wie bewertet Kant den Interventionskrieg, z.B. zu humanitären Zwecken?

Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines andern Staats gewaltthätig einmischen.

Präliminarartikel 6:

Was ist laut Kant die unerlässliche Grundlage jedes Völkerrechts im Kriege (ius gentium in bello)?
»Es soll sich kein Staat im Kriege mit einem andern solche Feindseligkeiten erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen: als da sind, Anstellung der Meuchelmörder (percussores), Giftmischer (venefici), Brechung der Capitulation, Anstiftung des Verraths (perduellio), in dem bekriegten Staat &c.«

Erster Definitivartikel:

Die bürgerliche Verfassung in jedem Staat soll republikanisch seyn.

Welche Unterscheidung trifft Kant zwischen Republik und Demokratie? Wie beurteilt er beide Regierungsformen?

Zweyter Definitivartikel:

Das Völkerrecht soll auf einen Föderalism freyer Staaten gegründet seyn.

Welchen Einwand erhebt Kant gegenüber dem Vorschlag einer Weltregierung, wie ihn beispielsweise auch Albert Camus nach dem 2. Weltkrieg vorgeschlagen hat?

Dritter Definitivartikel:

»Das Weltbürgerrecht soll auf Bedingungen der allgemeinen Hospitalität eingeschränkt seyn.«


Wie würde Kant die gegenwärtige Asylrechtsdebatte in Deutschland bzw. in der EU bewerten?

Thema 4: War Kant Pazifist?

Lest hierzu „Kant und die Theorie des demokratischen Friedens“, in: Herfried Münkler: Kritik des Pazifismus, in: Pazifismus. Politik und Zeitgeschichte. 28. März 2026, S. 21-22

Thema 5:

Können nichtstaatliche Gemeinwesen ebenfalls den Frieden schaffen und sichern? Oder bedarf es dazu des Staates bzw. des Völkerrechts?
Lest in unserer deutschen Übersetzung hierzu “Africa as a Success Story: Political Organization in Pre-Colonial Africa”, Dezember 2025

Quelle:

https://www.nber.org/papers/w34546

Africa as a Success Story: Political Organization in Pre-Colonial Africa

Soeren J. Henn & James A. Robinson

Wir geben einen Überblick über die Erklärungsansätze für die historisch relativ geringe Staatenbildungsquote in Afrika. Dabei dokumentieren wir erstmals systematisch, in welchem Ausmaß Afrika politisch dezentralisiert war, und meinen aufgrund eigener Berechnungen, dass es im Jahr 1880 wahrscheinlich 45.000 unabhängige Gemeinwesen gab, die selten nach ethnischen Gesichtspunkten gebildet waren. Höchstens 2 % davon konnten als „Staaten“ eingestuft werden. Wir bringen ein neues Argument für dieses sehr hohe Maß an  politischer Dezentralisierung vor und gehen davon aus, dass afrikanische Gesellschaften bewusst so gebildet wurden, um die Zentralisierung der Macht zu verhindern. Darin waren sie erfolgreich. Wir weisen auf einige Schlüsselaspekte afrikanischer Gesellschaften hin, die ihnen halfen, dieses Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Wir betonen zudem, wie die Ordnung der Wirtschaft diesen politischen Zielen untergeordnet war.

Quelle:

https://www.economist.com/middle-east-and-africa/2026/04/09/how-anarchist-was-africa

Im Schach ziehen zwei Staaten in den Krieg, wobei die Bauern geopfert werden, um den König zu retten. Beim Mancala, einem in Afrika beliebten Brettspiel, sind alle Spielsteine gleich viel wert; die Spieler versuchen, sie für sich und ihre eigene Seite zu gewinnen. Das zeige, wie Gesellschaften über Politik denken, argumentiert James Robinson, Politikwissenschaftler an der University of Chicago. Wenn mächtige Staaten im vorkolonialen Afrika selten waren, dann deshalb, weil die Afrikaner eben keine aufbauen wollten. Staatenlosigkeit war ein Zeichen des Erfolgs, nicht des Scheiterns.

Zumindest ist das seine These in einer aktuellen Studie zusammen mit Soeren Henn von der University of Wisconsin-Madison. Sie schätzen, dass es 1880 in Afrika etwa 45.000 politische Einheiten gab. Etwa 2 % davon waren „Staaten“, die etwa 44 % der Bevölkerung regierten. Die meisten Afrikaner lebten in Stammesgebieten mit einigen Tausend Einwohnern oder in noch kleineren Einheiten.

Anders als in Europa, wo Kriege Staaten schufen, fanden afrikanische Gemeinwesen Wege, einigermaßen schiedlich-friedlich miteinander auszukommen, so die These der Studie. Die Autoren fanden heraus, dass von 114 afrikanischen Sprachen 92 dasselbe Wort für „Gast“ wie für „Fremder“ verwendeten.

Die übliche Erklärung für die Schwäche afrikanischer Staaten lautet, dass der Kontinent dünn besiedelt gewesen sei; wenn Herrscher zu übergriffig geworden seien, seien ihre Gefolgsleute einfach in andere Gebiete weggezogen. James Robinson fand zunächst große Anerkennung mit der These, dass Institutionen die Ungleichheit zwischen Ländern erklärten. Nun sagt er, dass auch kulturelle Unterschiede eine Rolle spielten. Das erklärt jedoch nicht, warum sich in einigen Teilen Afrikas Staaten bildeten und in anderen nicht.

Wie auch immer die Antwort lautet: Spielen solche unterschiedlichen politischen Muster heute noch eine Rolle? Martha Wilfahrt von der University of California, Berkeley, vertritt genau diese Sicht. Sie behauptet, dass dort, wo die vorkoloniale Macht despotisch gewesen sei, heute mehr Konflikte herrschten. Orte, die einst von lockeren Föderationen regiert worden seien, schnitten hingegen besser ab.

Henn und Robinson sind der Ansicht, dass die Dezentralisierung Afrika anfälliger für Sklavenhändler und koloniale Eroberungen gemacht habe. Anhaltendes Misstrauen gegenüber dem Staat könnte erklären, warum es heute so schwer sei, Steuern zu erheben. Aber afrikanische Traditionen hätten auch Gesellschaften hervorgebracht, die den Trägerinstitutionen der Macht skeptisch gegenüberstünden, offen für Unterschiede seien und soziale Mobilität aufwiesen, legen sie dar. Der Aufbau besserer Institutionen könne die Grundlage für künftigen Wohlstand bilden. ■

Thema 6: Die kürzeste und beste Friedensbotschaft des Jahres 2025:

Ich wünsche uns mehr Frieden:  mehr Frieden in uns selbst – mehr Frieden untereinander –  mehr Frieden in der Welt. Kirill Petrenko, Berliner Philharmonie, 31.12.2025

Schreibt nun am Ende dieses Abends die kürzeste und beste Friedensbotschaft des 10. April 2026! Sprecht sie laut aus!

 Posted by at 17:18

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