Nachhallende Gespräche für Orgel und vox humana. Els Biesemans spielt im Brixner Dom

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Aug. 012018
 

Brixen, 31. Juli 2018

Wir besuchten nach schweißtreibender Wanderung, die uns an diesem Tag vom Würzjoch herüber auf die Plose gebracht hatte, ein Orgelkonzert im Dom zu Brixen, diesem großen Festsaal, dieser Vorhalle des Himmels, der in echtem Marmor, nicht in Stuck schwelgt. Im Rahmen der „Brixner Orgelkonzerte 2018“ war an diesem Abend Els Biesemans eingeladen, die sich als Pianistin wie als Organistin gleichermaßen einen internationalen Ruf geschaffen hat.

Die 1980 von Johann Pirchner gebaute Orgel hat 3.335 Pfeifen, 48 klingende Register, 3 Manuale, ein Pedal. Der oben zu sehende, sorgsam erhaltene bzw. rekonstruierte herrliche Prospekt stammt aus dem Jahr 1785.

Bachs Fantasia und Fuge g-moll BWV 542  eröffnete mit düsteren wuchtigen Schlägen diesen Abend. Aufrauschte da der schwere Flügelschlag der unerbittlichen Selbstprüfung, verwickelte Satzgeflechte folgten, kühne Modulationen zu es-moll, hinüber zu f-moll, dann zurück zu g-moll. Dann in der Fuge klar durchgezogen von Els Biesemans das unverwechselbare Hauptthema, dem in gleichberechtigter Stimmführung drei weitere Themen zugeordnet werden.

Alexandre-Pierre-François Boëly  hat in seinem Opus 12 verschiedene Gespräche  der typischen Register des französischen Orgelspiels geschaffen – Dialoge, für Register der Orgel geschrieben, als wären es Instrumente eines Ensembles, romantisch schwelgend, hier durch Biesemans besonders warm, lebendig und schwelgerisch registriert und voller Freude am Spiel ausgeführt.

Camille Saint-Saëns‘ Fantaisie et Fugue  no 1 en mi bémol majeur ist ebenfalls ein Prachtwerk der französischen Orgel-Romantik, in dem die Grenzen zwischen geistlicher und weltlicher Musik verschwinden, als wären sie eine flirrende Luftspiegelung über dem Peitlerkofel. Es fehlt bei diesem französischen Katholiken das Bewusstsein beständiger Schuldhaftigkeit, welches Bachs g-moll-Phantasie durchzieht.

Sofia Gubaidulinas „Hell und dunkel“ war deutlich erkennbar die Klangachse des gesamten Abends. Wuchtig und dumpf erschollen nach dem B-dur-Werk von Saint-Saëns die neun Schläge der Stundenglocke des Doms, ein kleines Kind fing zu lärmen, zu zwitschern und greinen an – oder war dies schon der Beginn des Orgelsolos von Gubaidulina gewesen? Es war nicht eindeutig zu hören.  Coincidentia oppositorum, ein Zusammenfallen von Kind und Mann, von Dunkel und Hell, wie es den Brixner Bischof Nicolaus von Kues sicher erfreut hätte!

Dieses Zusammentreffen von Kinderwelt und Orgelwelt gehört zu jenen ungeplanten Zusammenkünften, die diesen Orgelabend mit Els Biesemans zu einer echten Sternstunde nicht nur in den Ohren des hier Schreibenden werden ließen. Die Pirchner-Orgel konnte unter den Händen der aus Belgien stammenden Organistin ihre ganze Klangfülle, ihren geradezu abenteuerlichen Klangreichtum voll ausfahren. So erschütterten mich insbesondere die Clusterfügungen, von Gubaidulina mit den bekannten „Balkendiagrammen“ vorgezeichnet. Es war ein Knurren und Belfern, eine unerhörte Erschütterung, ein Rückfall ins Animalische, das hier das Register „Vox humana“ ausströmte! Nie zuvor habe ich derartige extreme Grenzbereiche des Orgelklanges hören können, auch nicht bei dem gewiss um abenteuerliche Klangexperimente nicht verlegenen Cameron Carpenter.

Nicht zufällig baut Gubaidulina ihren Satz auf der Reibung der kleinen Sekunde auf – also jenes Intervalls, das Bach bereits in der g-moll-Fuge als beständigen Kontrapunkt b-a und g-fis verwendet hatte. Schneidend klangen am Anfang die nächstverwandten Töne zusammen wie zwei verfeindete Brüder, die sich erst nach und nach versöhnten im Ohr des Zuhörenden. Aus Dissonanz wurde – Konsonanz, eine Versöhnungserfahrung, die Gubaidulina hier in Töne gefasst hat.

Franz Liszts Die Vogelpredigt des heiligen Franz von Assisi, dargeboten in dem durch Saint-Saëns besorgten Arrangement für Orgel, wirkte nunmehr wie ein erfrischendes Atemholen, ein liebliches Turteln und Girren der Vögel von der Herrlichkeit der Schöpfung, denen Franz von Assisi hingegeben lauschte. In dieser Interpretation waren es die Vögel, die dem Menschen die Ohren öffneten für eine Grundstruktur, eine von innen herausbrechende Schönheit, die der Prediger gewissermaßen nachbuchstabierte.

Johann Sebastian Bach entließ uns dann versöhnungsgewiss, fast triumphierend und fröhlich mit Präludium und Fuge D-dur BWV 532  in den weichen, sonnenwärmegetränkten Vorplatz des Brixner Doms.

Els Biesemans gestaltete souverän, uneitel und spielerisch-meisterhaft an der unglaublich reichen, unglaublich modernen und erstaunlich warm-romantischen Pirchner-Orgel im Brixner Dom einen lange nachhallenden Abend. Die Zusammenstellung ihres Programms enthüllte sich als geniale Verbindung von 6 Werken oder 6 Tagen, die im Laufe des Konzerts zusammenwuchsen, miteinander sprachen, einander verdunkelten und erhellten. Der siebte Tag, an dem das Ganze vollkommen werden soll, das werden wir selbst sein. Dieser siebente Tag ist Els Biesemans‘ Geschenk an Brixen, an uns, das dankbare und glückliche Publikum des Abends, ein Vorgriff auf eine lichtdurchflossene, schönheitsdurchflutete Erde, in der das Dunkle, das Grimmige  nur als vorübergehende Verdunkelung des Hellen vorüberhuscht und sich dann in die Berge trollt, aus denen es hervorgekrochen. Dies septimus nos ipsi erimus, so sagt es Augustinus. Dieses Konzert ließ sich ohne weiteres als ein einziges Werk „durchhören“, wobei Bach das Portal und den Abschlussakkord setzte und Gubaidulina die Zeitachse in die Gegenwart verlängerte, ja in die Zukunft  hinein weiterzeichnete.

Die Reihe Brixner Orgelkonzerte wird am 14. August 2018 unter dem Titel „Organa brixiniensia“ um 20.00 Uhr fortgesetzt. Das Hingehen lohnt sich in jedem Fall, wie dieser glückhaft gelungene Abend mit Els Biesemans nachhallend und nachdrücklich bewiesen hat.

 

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Die unversiegliche Kraft des alten Neuen. Zum Antritt des Neuen Jahres

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Jan. 022017
 

Groß und stark und zuversichtlich kam das Neue Jahr herauf. Wir begrüßten es im Harz. Zwei Tage vor Silvester bestiegen wir in völliger Dunkelheit den Brocken; dort erschien nach dem ersten farbenprächtigen Präludium des Anstiegs zuerst ein glutroter Fleck in weiter Ferne, ein dunkelrotes Etwas, das sich wie eine glühende Esse zischend und gischtend ausbreitete. Dann erst hob sich der Feuerball vor unseren Augen über den Horizont, bezwingend und unbezwinglich trieb es ihn höher und höher.

Das Neue Jahr beginnt zuversichtlich, stark, mutig, staunend, lächelnd. Der Mut, die Zuversicht, die Stärke, das Staunen, das Lächeln, sind sie alle noch da, die alten Tugenden, die unerschöpflichen, sonnenähnlichen Kraftquellen? Ja, sie sind’s! Wir haben sie auf dem Brocken unversieglich gespürt.

Die Ihr dies lest und seht, möget auch Ihr sie verspüren!

Bild: Sonnenaufgang am Morgen des 30. Dezember 2016, Brocken/Harz

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Präludien des Sonnenaufgangs im Harz

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Dez. 302016
 

Die unbegreiflich großen Werke sind herrlich wie am ersten Tag! Nachts in sternklarer Frostkälte von Schierke hoch zum Brocken. Erst alles dunkel und alles kalt. Vor Sonnenaufgang spielte das Licht irisierend sein Farbspiel. Schon eine Stunde eh die Sonne den Horizont durchbrach, sandte sie diese prachtvollen Präludien voraus.

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Улицы Магдебурга: „Hältst Du Europa zusammen, Jeesus Kristus?“

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Apr. 012014
 

2014-03-09 11.59.58

„Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“  Nicht durch Waffen, nicht durch waffenartig hin- und hergeschleuderte Drohungen, sondern nur durch die Öffnung im Herzen, durch die Besinnung auf das einende Wort, durch das Aussprechen des einenden, zusammenführenden Wortes gelingt es, das Aneinander-Vorbeireden der Mächtigen dieser Welt zu durchbrechen. Dies dürfte Kernbestand der Theologie des Johannes sein.

Gemeinschaft im Wort, diese tiefe Sehnsucht treibt mich vom satten behaglichen Gewese und Getriebe der Bundesrepublik Deutschland  immer wieder hinaus ins Ungewisse, dahin, wo Europa noch schmerzt und wehtut, in die Weiten der russischen Steppe, ins windgepeitschte Sibirien, in die harten und langen Winter Murmansks, ins zwischen Finnland und Russland geteilte, ins Russland und Finnland einende Karelien.

An dem blütenweißen japanischen Klavier in der Drei-Kreuze-Kirche in Vuoksenniska ließ ich mich nieder. Es war Sonntag, längst war der Gottesdienst vorüber. Es war still. Vollkommene Stille herrschte in dem blühenden, muschelartig gewölbten, mutterschoßartig bergenden hellen Raum. „Wenn sich der Deckel öffnen lässt, dann darfst du zu ihm spielen. Wenn sich der Deckel nicht öffnen lässt, dann darfst du zu ihm nicht spielen.“ Ich versuchte den Deckel des Klaviers anzuheben. Er gab sofort nach. Ich wollte und sollte spielen. Und ich spielte für ihn. Ich spielte das, was mir aus dem Inneren  einfiel: das Präludium in C-dur, aus dem 1. Teil des Wohltemperierten Klaviers von Johann Sebastian Bach. Dann präludierte ich über die d-moll-Ciacona des Köthener Meisters aus dem Jahr 1720. Die Töne klangen wie von selbst unter meinen Fingern. Ich spielte, ich sang, ich fragte. Ich nahm ein finnisches Gesangbuch und spielte die Nummer 47 daraus. Zuerst einstimmig, dann zweistimmig, dann dreistimmig, dann vierstimmig. Auch hier klangen die Töne von selbst unter meinen Fingern hervor. Ich versuchte, die Worte des finnischen Gesangbuches zu verstehen, aber ich erkannte nur einige wenige Namen, darunter den Namen Jeesus Kristus. Was mag dieser Name wohl für mich, für uns, für Europa bedeuten?

„Mensch, Jeesus!“, fragte ich und dehnte den ersten Vokal länger als üblich.  „Hältst DU denn diesen vielfach geschundenen, diesen so oft geplagten Kontinent zusammen?“ Oft habe ich IHN das schon gefragt, den leidenden Menschen, der zerrissen und ausgespannt über uns hängt. Hier ein Blick auf die drei Kreuze in der von Alvar Aalto gestaltete Kirche  im karelischen Imatra-Vuoksenniska.

Wie durch Fügung, wie durch Zufall kreuzte den Weg des Kreuzbergers der ganz andere Weg des auf Russisch schreibenden Autors Changeant Trapier, der von der anderen Seite her, vom Osten her,  ein ähnliches Unterfangen verfolgt wie wir vom Westen her.

„Die Straßen Magdeburgs“, eine Folge von Geschichten und Märchen, die sich sowohl von vorne wie von hinten lesen lassen, ein Kaleidoskop von verblüffenden Begegnungen in einem real-fiktiven Magdeburg! Eine Auseinandersetzung eines jungen, im Heute und Hier lebenden Russen mit dem, was er sich unter Deutschland vorstellt, hinstellt oder auch bloß ausdenkt. Spannend zu lesen.

Es ist ein Roman über die Stadt und ihre Menschen. Ein zentrales Thema sind dabei Beziehungen zwischen Menschen,  ist dabei auch die Zuneigung und Liebe zwischen Mann und Frau, zwischen unterschiedlichsten Menschen. So ist das Leben, so bunt, so vielfältig, diesseits und jenseits der Grenzen!

Улицы М » Тряпьё Моё Шанжан Тряпье.

 Posted by at 21:40