Juni 242011
 

Lothar Zweiniger, BVG-Personalvorstand, und Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der deutschen Polizeigewerkschaft sprachen gestern im Kreuzberger BVV-Saal auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema: „Wie sicher ist der öffentliche Nahverkehr?“

Einige Einsichten: Das Gefühl der Unsicherheit hat zweifellos bei vielen Menschen dramatisch zugenommen. Die vieldiskutierten Gewalttaten im Nahverkehr erfolgen – wie Lother Zweiniger berichtete – spontan, die Täter besitzen ein Ticket. Sie „rasten aus“, zu 90% geschehen die Taten unter Alkoholeinfluss.

Rechnen wir nach: Bei 930 Millionen BVG-Fahrgästen pro Jahr und 1360 Gewaltdelikten im Jahr 2010 ergibt sich, dass einer von 683823 Fahrgästen pro Jahr Opfer einer Gewalttat wird, oder dass man – bei 400 BVG-Fahrten pro Jahr – 1709 Jahre lang BVG-Nutzer sein müsste, um bei einer Gewalttat verletzt zu werden.

Umgekehrt ist die statistische Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens in einem Verkehrsunfall verletzt zu werden, bei etwa 1. Die Wahrscheinlichkeit, in einem Verkehrsunfall verletzt zu werden, ist etwa 1700 größer als die Wahrscheinlichkeit, in der BVG Opfer einer Gewalttat zu werden

Statistisch gesehen sind die Verbrechen in Berlin insgesamt und auch bei der BVG  rückläufig. Das hilft den Opfern nicht. Es hilft der freien Presse nicht, dies zu erwähnen.

Um so größer ist das gefühlte Unbehagen, das häufig auch durch die Presseberichte geschürt wird. Die Presse berichtet nicht über 683822 unverletzte Fahrgäste, sondern über den einen verletzten.

Ich selbst lobte die heftig gescholtene BVG und das heftig gescholtene Prinzenbad über den grünen Klee und verwies begeistert auf folgendes Filmchen über einen Kopenhagener Busfahrer:

YouTube – Mukhtars Fødselsdag – Flash Mob – Bedre Bustur

Was lernen wir daraus? Wir sollten mehr lächeln, mehr lachen, mehr BVG fahren und mehr singen. Singen und Reden schafft gute Stimmung und vertreibt das Grundgefühl der Angst.

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Überwiegt das Gute oder das Schlimme in deinem Leben?

 Aus unserem Leben, Das Böse, Das Gute, Freude, Geige, Leidmotive, Liebe, Nahe Räume, Personalismus, Philosophie, Zählen  Kommentare deaktiviert für Überwiegt das Gute oder das Schlimme in deinem Leben?
Apr. 292011
 

Of course there is love as well as war, laughter as well as howling, joy as well as torture. But have these two sets of features, positive and negative, really balanced out in the account book of human history to date? The answer is surely no. On the contrary …

Freunde, was würdet ihr auf diese Frage Terry Eagletons antworten? Ich las diese Frage heute Vormittag. Bitte eine rationale Begründung eurer Antwort!

Am besten fangen wir bei uns selbst an. Jede möge sich fragen: Was überwiegt in meinem Leben? Das Böse oder das Gute?

Zitat:
Terry Eagleton: On Evil. Yale University Press, New Haven and London 2010, Seite 146

Bild: der hier schreibende, geigende Blogger im Hof

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Warum das Böse?

 Das Böse, Michael Ende  Kommentare deaktiviert für Warum das Böse?
Apr. 272011
 

Wer einen Drachen überwinden kann, ohne ihn umzubringen, der hilft ihm sich zu verwandeln. Niemand, der böse ist, ist dabei besonders glücklich, müsst ihr wissen. Und wir Drachen sind eigentlich nur so böse, damit jemand kommt und uns besiegt. Leider werden wir aber dabei meistens umgebracht. Aber wenn das nicht der Fall ist, so wie bei euch und mir, dann geschieht etwas sehr Wunderbares.

So spricht Frau Mahlzahn, die böse weibliche Drache, Vorbild aller Missbrauchsfälle in pädagogischen Einrichtungen, Inbegriff der „schwarzen Pädagogik“ einer Alice Schwarzer. Jim Knopf und Lukas erziehen Frau Mahlzahn zum Guten. Sie „ziehen“ sie buchstäblich dank tätiger Nächstenliebe zurück in die menschliche Gemeinschaft. Großartig, wie Michael Ende das hinkriegt! Ein Meisterwerk!

He detests Nature, and has a squeamish horror of sex. „To marry,“ he thinks to himself, „it was like ordure on the hands.“ His mode of life is as immaterial as infinity. He is not only aloof and austere, but virulently hostile to the material world as such. And this, as we shall see, is characteristic of evil. It is as though some vital piece of the youth has been cut out. He lacks all sympathetic feeling, unable to conceive what others are feeling. He is as unschooled in the language of the emotions as he is in Hindi. Other people’s behaviour seems to him as indecipherable as a flea’s might appear to us.“

Mit diesen Worten beschreibt Terry Eagleton den 17 Jahre alten Pinkie, einen minderjährigen Intensivtäter und Mörder aus Graham Greenes Roman Brighton Rock.  Aber Eagleton fasst in diesen Worten recht treffend eine Struktur des Bösen schlechthin. Das Böse erfüllt sich im Neinsagen um des Neinsagens willen. Eagleton deutet: „Pinkie is not evil because he kills people; he kills people because he is evil.“

„Ich war in einer aggressiven Stimmung.“ Mit diesen Worten beschreibt Torben P. die Grundstimmung, die ihn dazu brachte, im Bahnhof Friedrichstraße auf den Kopf eines von ihm zuvor Verprügelten und Niedergestoßenen auch noch einzutreten. Auch hier bricht – so meine ich – das Böse in seiner offenbaren Grundlosigkeit hervor. Das Böse ist nicht eigentlich das Eigennützige oder Egoistische. Sondern es tritt häufig auf als das Verneinen, das Vernichten, das Zerstören um seiner selbst willen. „Ich war in einer aggressiven Stimmung und habe Streit gesucht.“

Alle jene, die Verbrechen oder das Böse stets nur als „systemisches Versagen“ erklären wollen, seien die Geschichten der Frau Mahlzahn, des Pinkie und des Torben P. zum Nachdenken empfohlen.

Als Mittel gegen das Böse sollten – so meine ich – verstärkt das Gewissen, die Gewissensbildung in der Kindheit und Jugend, die Herzensbildung und der Sinn für moralische Verantwortung gepflegt werden. Und auch die liebende Zuwendung gegenüber dem Bösen kann heilende Wirkung entfalten.

Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Mit Zeichnungen von F. J. Tripp. Thienemann Verlag , Stuttgart/Wien 1960, S. 219-220

Terry Eagleton: On Evil. Yale University Press, New Haven and London 2010, Seite 52

Jörn Hasselmann: U-Bahn-Schläger. Mann bewusstlos getreten. Verdächtige stellen sich. Tagesspiegel online, 24.04.2011

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Apr. 062011
 

Im Jahr 1972 las ich erstmals als 12-jähriger Gymnasiast den Bericht des Club of Rome. Die Botschaft war eindeutig: Wenn wir so weitermachen, zerstören wir die Erde! Ein dumpfes Gefühl der Angst beschlich mich. War es noch zu verantworten, Kinder in die Welt zu setzen? War es nicht unverantwortlich von unseren Eltern, uns Kinder in eine derart von Umweltzerstörung, Kriegen und Atomunglücken geprägte Welt hineinzugebären? Würden wir im Jahr 1990 noch leben? So fragten wir nicht nur stillschweigend, sondern ganz offen!

Die tiefe Verunsicherung, welche die damals entstehende Ökologie- und Anti-Atom-Bewegung in die Kinderseelen einpflanzte, hat eine ganze Generation geprägt. Diese Generation der etwa 50-Jährigen stellt heute das Führungspersonal in großen Teilen der Parteien. Diese Bangnis überlagerte in mir nach und nach wie Mehltau das tiefe Urvertrauen, das ich in meiner frühen Kindheit erlebt hatte. Bis zum heutigen Tag entdecke ich in vielen Deutschen eine völlig überflüssige, eine lähmende Zukunftsangst und Kleinmütigkeit. Sie stürzen sich mit Wollust auf Unglücksnachrichten, quälen sich mit düsteren Ahnungen und vergessen dabei, das Leben wie es kommt und ist anzupacken. Ganz zu schweigen davon, dass niemandem, der in Not ist, geholfen wird, wenn er wieder und wieder hört: „Die Welt ist bedroht. Du bist Opfer. Böse Mächte haben uns alle im Griff.“ In meinem Bekanntenkreis hatten wir vor wenigen Jahren einen schrecklichen Selbstmord zu beklagen. Der Jugendliche hatte ausdrücklich die unaufhaltsame Umweltzerstörung und die weltweit tobenden Kriege als Auslöser seines Freitodes genannt!

Heute wissen wir: Die Voraussagen des Club of Rome waren viel zu düster. Sie sind nicht eingetreten. Ihre Voraussetzungen waren teilweise wissenschaftlich falsch, teilweise wurde durch das Handeln der Menschen Abhilfe geschaffen. Das Ausmaß der Umweltschädigung in den sozialistischen Staaten hingegen war größer als bekannt. Die Abhilfe gegen die unleugbare Umweltzerstörung war in den freien Marktwirtschaften besser, effizienter, als man damals annahm. Insbesondere die natürlichen Ressourcen haben sich als viel größer herausgestellt als damals angenommen. Der Hunger, die Kindersterblichkeit, die Zahl der Kriege sind seit 1970 zurückgegangen, obwohl die Erdbevölkerung zugenommen hat.

Aber diese düstere Grundstimmung wird weiterhin in die Kinderseelen eingepflanzt. Soeben sah ich mit meinem Sohn logo, die Kindernachrichten des öffentlichen Fernsehens KiKa. Aufmacher der ganzen Sendung: „Verseuchtes Wasser quillt unaufhörlich aus dem AKW Fukushima in das Meer, Radioaktivität wird von Fischen aufgenommen, gelangt in die Nahrungskette.“ Unterschwellige Botschaft an die Kinder: „WIR SIND ALLE BEDROHT.  Die japanischen AKWS fügen uns unermesslichen Schaden zu!

Diese Angst der Deutschen vor Verunreinigung, vor Verseuchung, vor Zerstörung durch fremde Mächte hat schon sehr viel Unheil bewirkt. Ist es eine typisch deutsche Angst? Ja! Genau diese Angst hat zu den größten Demonstrationen in der Geschichte der Bundesrepublik geführt!

Ich halte diese Panikmache bei den Kindern, wie sie etwa KiKa einflößt, für unverantwortlich. Mit teilweise unhaltbaren, teilweise falschen Aussagen wird den Kindern, die den KiKa kucken, eine tiefe Weltangst eingepflanzt. Die Aufmerksamkeit der Kinder wird auf einen einzelnen fernen Punkt in Japan fokussiert. Fukushima – das ist das Böse. Das tiefe Leid der Menschen, die durch den Tsunami (nicht durch den Unfall im AKW) ihre Habe und ihr Obdach verloren haben, wird überhaupt nicht erwähnt. Das ist obendrein zynisch.

Toll dagegen, wie Schalke gestern Abend Inter Mailand zerlegt hat!  Rangnick hat die Mannschaft gedreht, obwohl Magath große Verdienste um den Spielaufbau erworben hat. Magath kommt in der Darstellung meist zu schlecht weg, finde ich. Die Grundeinstellung stimmte einfach! Sie haben sich durch das frühe Tor nicht entmutigen lassen. Eine Zuversicht, ein Glück des Gelingens war in den allermeisten Spielzügen zu erkennen. Keine Spur von Zukunftsangst! Sehr gut!

KI.KA – Fernsehen – logo

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März 232011
 

Na, jetzt fallen sie aus allen Wolken, nachdem ein 17-Jähriger von 20 anderen krankenhausreif geschlagen worden ist. O ihr Waisenknaben! „DAS BÖSE INTERNET!“ Aber ich kann an den Einträgen in Isharegossip nichts so arg Überraschendes erkennen. Derartige Sprüche hören wir in Kreuzberg in gewissen Kreisen oder im Prinzenbad jeden Tag. Schon 8-jährige Knaben fangen damit an.

„Schlampe“, „hey du Schwuchtel, ich fick deine Mutter!, „Ich schlitz dich auf mit Messer, wenn du meine Braut anrührst“ usw. usw. – solche Sprüche sind nun wahrhaftig keine Seltenheit unter typischen Berliner Jugendlichen. Ich höre sie selbst hier in Kreuzberg immer wieder – ob ich will oder nicht.

Schlimm ist die Brutalität der Attacke über das Internet. Das Internet ist aber nur ein Multiplikator, die Grundhaltung entspringt selbstverständlich dem Alltag.

Die Ursache für die bestürzende Verrohung dieser Jugendlichen sehe ich vor allem in einem Versagen der Eltern. Nicht der Senat ist schuld, nicht die Schule, nicht das Internet, sondern die Eltern, die es nicht schaffen, sich für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich zu fühlen.

Wieso sollten sie? Alles hat ja „soziale Ursachen“. Die individuelle Verantwortung ist abgeschafft.

Der Staat sorgt durch reichlich Verwöhnung aller hier Lebenden, durch reichlich Geld dafür, dass weder Not noch Lerndruck herrschen. Der deutsche Staat wird verachtet ebenso wie die Schwachen, die fertiggemacht werden. Staatlich subventionierter Sadismus bricht sich Bahn.

Ich konstatiere ein Fehlen des Respekts, eine absolute moralische Wüste bei einem Teil unserer Jugend. Homosexuellenfeindschaft, Judenfeindschaft, Verachtung des anderen, Frauenfeindschaft, Gewaltkult, Waffenkult sind etwas, was aus diesen Einträgen überdeutlich hervorgeht. Auffällig ist auch das starke Konturieren der eigenen ethnischen Herkunft, die klare Abgrenzung gegen die Ungläubigen.

Die Berliner Parteien haben es meines Erachtens noch nicht erfasst, dass die Ursachen für Jugendgewalt vor allem in den Familien und im mangelnden Zwang zur Anpassung an die in Deutschland geltenden Normen zu suchen sind.

Selbstverständlich spielt auch das deutsche Sozialsystem, das gnädig&gütig alle aus allen Ländern anlockt, die anderswo keine Chance hätten, erneut seine verheerende Wirkung voll aus.

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Feb. 052011
 

Durch ein bedauerliches Versehen veröffentlichte dieses Blog vor zwei Tagen eine irrige Fassung eines Abschnittes des Qualtinger-Liedes „Der Halbwilde“.

Höchst vorsorglich stellen wir fest, dass der Ausdruck „Der Halbwilde“ nicht als rassistisch oder diskriminierend gegenüber den Motarradfahrerinnen und Motorradfahrern  zu verstehen ist. Ebenso wenig vertreten wir – höchst vorsorglich – die Ansicht, dass Fahrradfahrerinnen beiderlei Geschlechts die besseren Menschen gegenüber den Motorradfahrern beiderlei Geschlechts seien.

Eine genaue Nachprüfung auf You toube ergab, dass der richtige Wortlaut des Liedes „Der Halbwilde“ der folgende ist:

I hab zwar kei ahnung wo i hinfahr
aber dafür bin i gschwinder durt

YouTube – Helmut Qualtinger – Der Halbwilde

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„Warum Auschwitz?“

 Das Böse  Kommentare deaktiviert für „Warum Auschwitz?“
Jan. 272011
 

31shyh9atnl_sl500_sl160_gif.jpg Gerade heute, am 27. Januar, stelle ich mir zum wiederholten Male diese Frage: „Warum Auschwitz?“ Ein rotes rororo-Bändchen genau dieses Titels liegt vor mir. Untertitel: „Hitlers Plan und die Ratlosigkeit der Nachwelt.“ 42 unterschiedliche Theorien zählt der Verfasser auf, von den neomarxistischen zu den theologischen, von den „Modernisierungstheorien“ bis zu den „Verschwörungstheorien“.

Gunnar Heinsohn selbst sieht „Auschwitz“ als bewusst geplanten, systematischen Generalangriff auf die Heiligkeit des Lebens. Die Unverletzlichkeit, die unvergängliche Würde und Heiligkeit des Menschenlebens sei in Auschwitz angegriffen worden. Das allgemeine Tötungsverbot, das aus dem Judentum in die Weltgeschichte gekommen sei, sei letztlich der zentrale Angriffspunkt gewesen. Hitler habe die Uhr zurückdrehen wollen und ein universales Recht auf Tötung wiedereinführen wollen:

„Mit der Ausschaltung der jüdischen Ethik wollte Hitler die „nordischen“ Völker vom Gewissens- und Gesetzeskonflikt fürs Töten beim Erobern und Ausmorden von Lebensraum befreien, ihnen also einen entscheidenden strategischen Vorteil verschaffen.“

Dies ist die Kernthese des Buches. Eines hat diese 43. Theorie für sich: Das Recht des Menschen auf Leben kam tatsächlich erst durch das jüdische oder besser jüdisch-christliche Erbe in die europäische Geschichte hinein.

Man kann dies an der Einstellung zur Kindstötung und zur Feindestötung sehen. Kindesaussetzung, Kindestötung waren in der Tat in der griechisch-römischen Antike gang und gäbe. Es gab kein allgemeines Tötungsverbot. Tötung von eigenen kleinen Kindern, insbesondere von behinderten oder kranken Kindern durch den Vater, Versklavung oder Tötung von besiegten Feinden galten ebenso wie Abtreibung als sittlich in Ordnung. Heute erregt Kindsmord unseren besonderen Abscheu, in der vorchristlichen Antike war dies anders!

Der besondere Schutz alles menschlichen Lebens ist in der europäischen Geschichte zweifellos eine Errungenschaft der jüdischen Ethik. Unübertroffen ausgedrückt im 5. Gebot: Du sollst nicht morden!

Nicht zufällig war es der römische Kaiser, der zum Christentum übertrat, Konstantin I., der im Jahr 318 die Kindstötung verbot. Im Jahr 318 nach Christus trat der Grundgedanke, dass jeder Mensch von Anfang an ein unveräußerliches Lebensrecht habe, seinen Siegeszug in der europäischen Rechtsgeschichte an – bis hin zur UN-Charta der Menschenrechte, die heute weltweit anerkannt werden.

Auschwitz stellt in diesem Siegeszug des Menschenrechts auf Leben einen bestürzenden Tiefstpunkt dar.  Daran denke ich in Trauer – jetzt.

Möge der Gedanke von der Heiligkeit des menschlichen Lebens gestärkt aus diesem Gedenktag hervorgehen!

Zitat: Gunnar Heinsohn: Warum Auschwitz? Hitlers Plan und die Ratlosigkeit der Nachwelt. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 1995, hier: S. 18

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Jan. 272011
 

Merkwürdig: genau derselbe Mann, der sich 1946 in Köln zu Gefühlen tiefster Scham bekannte, spricht wenige Sätze weiter davon, jetzt wieder stolz zu sein:

„Aber jetzt, jetzt bin ich wieder stolz darauf, ein Deutscher zu sein. Ich bin so stolz darauf, wie ich es nie zuvor, auch nicht vor 1933 und nicht vor 1914 gewesen bin. Ich bin stolz auf den Starkmut, mit dem das deutsche Volk sein Schicksal erträgt, stolz darauf, wie jeder einzelne duldet und nicht verzweifelt, wie er versucht, nicht unterzugehen, sich und die Seinigen aus diesem Elend hinüberzuretten in eine bessere Zukunft.“

Die Scham des Mannes in Köln bezog sich auf das Vergangene. Scham befällt den Menschen angesichts des Bösen, dessen Zeuge er wird, angesichts des Bösen, das er nicht verhindern kann oder des Bösen, das er selbst getan hat.

Stolz ist demgegenüber das Bewusstsein der eigenen Fähigkeiten. Stolz kann sich aus der Erinnerung an das Gute nähren, das auch gewesen ist. Stolz in diesem guten Sinne kann eine enorm beflügelnde, zum Guten anstiftende Macht sein.  Stolz im guten Sinne kann sich aus Scham speisen, kann Zeichen der Einsicht in Verfehlungen, kann Zeichen der Umkehr sein. Bewusstsein des Guten, das in der Geschichte auch gewesen ist, halte ich für unverzichtbar. Wenn man die eigene Vorgeschichte nur unter dem Vorzeichen des Bösen sieht, wird man keine Kraft zur Bewältigung der Zukunft haben.

Die Vorfahren der heutigen US-Amerikaner haben Millionen Menschen der ersten Nationen vertrieben, bekämpft, umgebracht. Im Deutschen nennen wir diese Millionen Vertriebenen, Bekämpften, Umgebrachten, diese Menschen der ersten Nationen weiterhin Indianer.

Kein US-Amerikaner, der bei Sinnen ist, leugnet das Böse, das geschehen ist, leugnet das blutige Morden. Aber das Volk der Vereinigten Staaten von Amerika als ganzes ist nicht verstrickt und befangen in diesen Gefühlen der Scham ob all des Unrechts, das den Indianern, den Sklaven, den Schwarzen angetan worden ist. Die USA haben sich ihre Zuversicht, ihren Willen die Zukunft zu gestalten, bewahrt. Deshalb sind sie so erfolgreich.

Die allermeisten US-Amerikaner sind stolz darauf,  Amerikaner zu sein. Ich habe dies immer wieder verspürt bei meinen Reisen. Dieser Nationalstolz ist weit entfernt davon, die Schrecken der Vergangenheit zu leugnen. Er bezieht seine Kraft aus dem Zutrauen in die eigene Gestaltungsmacht. Dieser Stolz ist nichts anderes als das Bekenntnis zur eigenen Verantwortung – in exakt dem Sinne, den Konrad Adenauer 1946 ausdrückte.

Der Präsident der USA hat es gestern im Rückblick auf seine Ansprache zur Lage der Nation unvergleichlich knapp und treffend so ausgedrückt:

„Tonight I addressed the American people on the future we face together. Though at times it may seem uncertain, it is a future that is ours to decide, ours to define, and ours to win.
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Dez. 152010
 

Ihr Deutschen habt schon so viel Unfrieden über die Welt gebracht! Nun haltet mal schön stille und zahlt uns unsere Schulden! Wir brauchen keine Belehrungen von euch!“ So etwa lautet der emotionale Subtext, den gewisse Staaten uns in diesen Tagen wieder und wieder aufs Brot schmieren.

Ein irreführendes Argument, wie ich meine! Selbst Helmut Schmidt hat es verwendet:

Euro unbedingt retten: Helmut Schmidt: D-Mark würde Arbeitsplätze vernichten – Politik – Tagesspiegel
„Selbstverständlich werden die notwendigen Reparaturen abermals Geld kosten. Selbstverständlich werden sie insbesondere uns Deutsche abermals viel Geld kosten“, kündigt Schmidt an. Die Deutschen hätten in der Vergangenheit „erheblich zum Unfrieden in Europa und in der Welt beigetragen“ und müssten nun „auf eine ganz andere Weise dazu beitragen, dass die Schrecken der Vergangenheit sich nicht wiederholen können. Dafür sind weitere Opfer an Souveränität und an Geld geboten“, schreibt Schmidt.

Es ist natürlich richtig, dass die Weltöffentlichkeit, mindestens die breite westeuropäische Öffentlichkeit und die USA sich darauf geeinigt haben, dass die Deutschen und fast nur die Deutschen an fast allem Bösen schuld sind, das sich in den letzten hundert Jahren, insbesondere von 1914 bis 1945, ereignet hat. In Tausenden von Filmen, Büchern, Zeitungsartikeln wird dieses triviale Bild weltweit wieder und wieder befestigt.

Über belgische Kolonialgräuel in Kongo, über italienische Giftgaseinsätze in Afrika und Konzentrationslager in Dalmatien,  über die umfassende französische und die umfassende tschechische Kollaboration, über die französischen Massaker vom 08.05.1945 in Algerien, über russische Massenhinrichtungen, über griechische Vertreibungen, über türkische Vertreibungen, über den britischen Kolonialismus, über die Tatsache, dass sehr viele europäische Staaten, ja die meisten europäischen Staaten, darunter auch Sowjetrussland bis 1941 (sic!), mindestens einige Jahre lang recht begeisterte Waffenbrüder des Deutschen Reiches waren, wird hinweggesehen.

Man weiß es nicht oder tut so, als wüsste man es nicht. Und wenn man es weiß, erwähnt man es nicht. Und wenn es erwähnt wird, nimmt man es nicht zur Kenntnis. Da ist noch sehr viel Aufklärung und Erinnerungsarbeit zu leisten.

Ich meine: Die Euro-Frage darf auf keinen Fall mit der Frage der einzigartigen deutschen Schuld  in den Jahren 1914-1945 verknüpft werden! Das halte ich für geradezu aberwitzig. Da enttäuscht mich der ansonsten so brillant analysierende Altkanzler bitterlich.

Und die Bundesrepublik Deutschland, gegründet 1949, hat sicherlich nicht besonders zum Unfrieden in dieser Welt beigetragen. Oder will irgendjemand dies behaupten? Jetzt aus dem Verhalten Deutschlands in den Jahren 1914-1945 eine besondere finanzielle Verpflichtung Deutschlands zur Rettung des Euro herzuleiten, ist absurd. Aber genau diese Absurdität wird wieder und wieder aufgetischt.

Die Frage der Euro-Rettung ist eine politisch-pragmatische Frage.

Die Euro-Rettung ist im wohlverstandenen gemeinsamen Interesse der europäischen Staaten zu leisten. Die vereinbarten Stabilitätskriterien sind sinnvoll. Wir haben das Recht, die Einhaltung der vertraglich vereinbarten Pflichten voneinander einzufordern.
Nicht sinnvoll ist es zu sagen: Die Franzosen arbeiten bis 60, die Deutschen bis 69, die Griechen bis 58, weil die Deutschen so besondere moralische Schuld tragen.  „Die Deutschen müssen mit ihrem Sozialsystem die zugewanderten Bürger anderer Staaten unterstützen, die es aus eigener Kraft nicht schaffen – denn die Deutschen haben in den Jahren 1914-1945 so schwere Schuld auf sich geladen.“ Das ist Unfug.

„Ihr Deutschen zahlt für die Schulden anderer, weil ihr Deutschen schuldig seid.“

Diese Begründung taugt nichts.

 Posted by at 14:47

Terrorisme d’Etat 

 Das Böse, Europäische Bürgerkriege 1914-????, Staatlichkeit, Vertreibungen  Kommentare deaktiviert für Terrorisme d’Etat 
Sep. 142010
 

„Stets sendet ein Staat eine Botschaft an einen anderen.“ Dazu greift er oft zu Drohungen, manchmal auch zu den Mitteln der bewaffneten Gewalt.

Diese Einsicht von Guy Debord, die Olivier Assayas zitiert, kommt mir sehr zupass beim Nachdenken über den europäischen Bürgerkrieg der Jahre 1914-1945.

Wir werden diese Serie von Kriegen und Vertreibungen erst verstehen, wenn wir sie als kommunikatives Geschehen begreifen, als einen Austausch von Botschaften zwischen einer Fülle an Staaten!

Polen, Deutschland, Russland, sie alle griffen in den Jahren 1919-1938 wiederholt zu den Mitteln des staatlichen Terrors.

Bis zum heutigen Tag ist das Geschehen nicht aufgearbeitet – sonst dürfte es den Zypern-Konflikt nicht geben, sonst dürfte es den derzeitigen Konflikt zwischen Ungarn und Slowakei nicht geben! Diese Konflikte wurzeln in den Kriegen der Jahre 1914-1945.

Le Figaro – Cinéma : Olivier Assayas : «Carlos, c’est Frankenstein» 
Pour lui, il n’y a de terrorisme que le terrorisme d’État. C’est toujours un État qui envoie un message à un autre.

 Posted by at 23:34

„Die Hölle ist auch in mir“

 Augustinus, Das Böse, Hebraica, Kain, Sündenböcke  Kommentare deaktiviert für „Die Hölle ist auch in mir“
Sep. 132010
 

Eine der besten, klarsten Stimmen, die aus dem heißen afrikanischen Wüstensand zu uns herüberschallen, stammt von — Aurelius  Augustinus! Der christliche Kirchenvater des 4. Jahrhunderts erforscht sein Selbst, erzählt die langen gewundenen Pfade, auf denen er zu einer inneren Ruhe findet. Inquietum cor nostrum est! Lange her.

Aber heute würde ich diesen Titel der besten, klarsten und eindrucksvollsten „Stimme aus dem afrikanischen Wüstensand“ ohne zu zögern an meinen zugewanderten Mit-Augsburger Hamed Abdel-Samad verleihen. „Die Hölle war auch in mir.“ So spricht er im aktuellen Spiegel 37/2010, S. 124. Allein für eine solche Aussage verdient er fast schon, noch in Hunderten von Jahren gelesen zu werden!

Vergleicht diese Aussage: „Die Hölle war auch in mir“ mit dem scheinbar völlig entgegengesetzten Satz von Sartre: „L’enfer, c’est les autres!“ Die Hölle sind immer die anderen. Auch dieser Satz Sartres hat seine Berechtigung. Die Hexenjagden und Hexerjagden unserer Tage (vide causa Sarrazin, vide causa Steinbach) sind ohne diesen tiefen Drang, alles Böse im anderen zu suchen, die Hölle in den anderen zu sehen, nicht verständlich.

Sie werden zu den Bösen, zu den Sündenböcken erklärt, deren man sich entledigen muss. Sie werden in die Wüste geschickt.

Sündenböcke oder Hexen können viele sein – auch der aktuelle Spiegel, den ich nachdrücklich zum Kauf empfehle, bietet reichlich Beispiele dafür: etwa FJ Raddatz und einige andere mehr 🙂

Einer der wichtigsten Sätze aus den 5 Büchern Moses meint etwas ganz Ähnliches: „Die Sünde, das Böse lauert stets an der Tür deines Herzens, wenn es dir nicht wohl ergeht.“ So lässt sich 1. Buch Moses, Kapitel 4, Vers 7 verstehen.

Suche – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten

 Posted by at 11:51
Aug. 302010
 

Er ist einer der intelligentesten Politiker, die Berlin je hatte. Seine Frageansätze sind brillant, seine Faktenkenntnis ist in einigen Feldern unübertroffen. Er ist zäh, sorgfältig und fleißig. Er argumentiert strategisch, aber er reagiert taktisch nicht immer optimal.

Aber er „verrennt sich“ allzu leicht, verprellt wohlgesonnene Zuhörer und Menschen, die ihm zu folgen versuchen. Ihm fehlt vielleicht das echte Du. Ich meine: Wir müssen den irrenden Menschen zurückholen in unsere Wertegemeinschaft!

Wenn er doch nur einmal zu uns in die Kreuzberger Fanny-Hensel-Schule käme und statt einer PowerPoint-Präsentation ein Märchen aus 1001 Nacht erzählte, die Herzen der durchweg muslimischen Kinder würden ihm zufliegen! Und sein Herz flöge ihnen, den Kindern zu, als flöge es nachhaus. Und wenn er dann noch ein Gedicht aus dem West-Östlichen Divan von Goethe vortrüge, flöge vor einem einzigen Wort der ganze unsägliche Wirrwarr der entstellenden Kommentare fort.

Er würde Empathie für die Muslime entwickeln können, die ihm leider offenbar noch fehlt.

Es gibt doch kaum etwas Schöneres, als diesen unseren so schmählich übersehenen, links liegen gelassenen „libanesischen“ Kindern, ich sage bewusst „unseren Kindern“, Freude und Zukunftshoffnung zu schenken! Ich weiß es, denn wir durften es immer wieder versuchen.

Ich glaube an diese Kinder.

Diese muslimischen Kinder sind der größte Schatz, der uns anvertraut ist! Wir stehen alle in der Verantwortung.

Aber ich bleibe dabei: Seine Fragenansätze sind spannend, er ist einer der intelligentesten Politiker, die Berlin in den letzten Jahren hatte.

Wer ist gemeint?

 Posted by at 15:52
Aug. 202010
 

Die bei FußgängerInnen und AutofahrerInnen so beliebten „Bei Rot-über-Kreuzung-und-ohne-Licht-FahrerInnen“ beschäftigen nun auch die Berliner Grünen. Sie schreiben über diese Radfahrer mit besonderen Bedürfnissen in ihrer Broschüre „Sicher im Sattel“ (S. 14-15, Satzzeichenkorrektur und Hervorhebung durch dieses Blog):

Die notorischen „Bei Rot-über-Kreuzung-und-ohne-Licht-FahrerInnen“. Sie riskieren nicht nur ihre eigene Gesundheit[,] sondern auch die der anderen Verkehrsteilnehmer. Das ist rücksichtslos. Die Straßenverkehrsordnung gilt für alle. Entspannter und sicherer Radverkehr verlangt, dass alle sich an die Regeln halten.

Tja, was soll man dazu sagen? Werden die Grünen jetzt zur Law&Order-Partei? Fangen sie denn jetzt auch schon an, in hässlicher, verleumderischer Weise uns Radfahrer, uns – ach! – strukturell Benachteiligte, zu schelten? Dabei traten die Grünen doch dereinst unter dem Vorzeichen der Liebe zum Radverkehr, der Liebe zu allen RadfahrerInnen an! O tempora! O mores! Wer dächte da nicht an die bekannte Klage des Schatzmeisters aus Goethes Faust?

Auch auf Parteien, wie sie heißen,
Ist heutzutage kein Verlaß;
Sie mögen schelten oder preisen,
Gleichgültig wurden Lieb‘ und Haß.

Da verschlägt es wenig, dass die strenge Mahnung der Grünen (im Klartext: „RadlerInnen! Haltet euch an die StVO“) im Kapitel „Fahrrad-Tourismus“ eingefügt ist. Vergeblich wird der Anschein erweckt, alle „Bei-Rot-über-Kreuzung-und-ohne-Licht-FahrerInnen“ seien TouristInnen, die ihre Hälse verzückt den Herrlichkeiten rings ums Preussische Herrenhaus zuwenden. Irgendetwas bleibt immer hängen!

Die Annahme, nur die Fremden, die Auswärtigen, die Ausländer seien die Rotlicht- und BürgersteigradlerInnen, wie sie die Berliner Grünen insinuieren, steht auf recht schwachen Füßen. Eine solche Annahme, wonach die Bösen immer die anderen sind, wäre sogar ausländer- und fremdenfeindlich, ja streng genommen rassistisch zu nennen.

Die Grünen sind doch keine Law&Order-Partei, keine fremdenfeindliche Partei geworden?  Das wäre unterstes Boulevard-Niveau, etwa im Sinne der folgenden Meldung aus der BZ von heute:

Arm gebrochen: Radfahrer fährt in Fußgängerin – B.Z. Berlin – Verkehrsunfall, Radfahrer, Krankenhaus

Vorschlag dieses Blogs zur Güte:

Gehen wir doch der guten Ordnung halber und im Sinne des antirassistischen Konsenses davon aus, dass nicht alle Rotlicht- und BürgersteigradlerInnen rücksichtslose TouristInnen fremden Ursprungs sind, sondern dass einige auch Einheimische sind. Berliner Eigengewächs.

Genau in diesem Sinne belehrte mich einmal in der heimatlichen Obentrautstraße ein netter junger Mann, der vor meinen Augen bei Rot über die Fußgängerfurt radelte, dann samt Hund neben dem Radweg entgegen der Fahrtrichtung auf dem Gehweg mir entgegenradelte:

„Sie sind wohl nicht von hier aus Berlin. Das machen alle hier so.“

Aye aye, Sir! Ich habe gelernt. Mindestens dieser freundliche junge Mann war kein Tourist.

 Posted by at 12:20