“Am Zweifeln selbst ist der Zweifel nicht möglich.” Wer hat dies als erster geschrieben?

 Augustinus, Einzigartigkeiten, Philosophie  Kommentare deaktiviert für “Am Zweifeln selbst ist der Zweifel nicht möglich.” Wer hat dies als erster geschrieben?
Feb 012017
 

“Schau, die Sonne geht über dem Brocken auf, der Tag beginnt jetzt, die gütige Sonne sendet ihre Boten, die farbigen Lichtstrahlen, voraus!”

Drei Sätze, drei subjektive Wahrheiten, jedoch drei objektiv falsche Aussagen oder Täuschungen! Denn die Sonne geht nicht auf, der Tag beginnt nicht jetzt, die Sonne sendet keine Boten aus, die Sonne ist nicht gütig, denn die Sonne hat keinerlei Absichten, geschweige denn irgendwelche Boten, schließlich sind die Strahlen nicht farbig, denn die Farben sind nur in unserer Wahrnehmung begründet.

So kann man eigentlich die allermeisten Aussagen, die wir im Alltag verwenden, zerlegen und bezweifeln und widerlegen und zerpflücken.

Großer Tag mit dem Studientag an der Katholischen Akademie in Berlin am vergangenen Samstag, aus dem ich eine dichtgedrängte Fülle von Anregungen und Einsichten mit nachhause nahm. Der Studientag war mit folgenden Worten angekündigt:

Ungeklärte Gegenwart – Licht und Schatten des Augustinus 
  
Die Denkmodelle des Aurelius Augustinus (354-430 n. Chr.) sind bis heute im christlichen und nachchristlichen Denken gegenwärtig. Hochschätzung und Kritik stehen unverbunden nebeneinander. 
  
Der Philosoph Peter Sloterdijk fragte anlässlich eines Besuches in Wittenberg, ob nicht eine „Befreiung vom Augustinismus“ an der Zeit wäre. Das Denken Augustinus habe das christliche Abendland nachhaltig verdunkelt und traumatisiert. Der Mensch als unheilbar korruptes Wesen habe seine Liebenswürdigkeit eingebüßt, seine Gottesbeziehung die Gegenseitigkeit verloren. Gnade würde als Begnadigung ins Werk gesetzt. 
  
Zu Beginn des Jahres 2017 fragen wir genauer nach den Erleuchtungen und Verdunklungen, die wir Aurelius Augustinus verdanken. Wir tun dies in ökumenischer Perspektive und im Blick auf zeitgenössische Augustinrezeptionen. Dabei werden uns begleiten Prof. Dr. Teresa Forcades i Vila (Berlin), Pater Prof. Dr. Elmar Salmann (Gerleve) und Prof. Dr. Notger Slenczka (Berlin). 

Als ein Beispiel unter vielen für die erstaunliche Gegenwärtigkeit des nordafrikanischen Philosophen und Theologen wurde uns von Professor Slenczka ein Zitat vorgelegt, das ich sofort und ohne mit der Wimper zu zucken den Meditationes de prima philosophia des Descartes zuordnen konnte. Zweifellos hatte ja Cartesius (1596-1650) in diesem Werk von 1641 erstmals systematisch den Gedanken des methodischen Zweifels als eine Art Letztbegründung des Selbstbewusstseins entwickelt. Auch wenn es keinerlei Gewissheit über irgendein Ding, irgendeine Empfindung gäbe, so Descartes, bliebe doch die Erfahrung des Zweifels bestehen. Es müsse also jemanden oder zumindest etwas geben, der oder das da zweifle, selbst wenn wir den Träger oder Akteur des Zweifels sowie auch den Gegenstand des Zweifels nicht zweifelsfrei bestimmen könnten.  Viuere se tamen et meminisse et intellegere et uelle et cogitare et scire et iudicare quis dubitet? Wer würde denn auch bezweifeln, dass er lebt und sich erinnert und versteht und will und denkt und weiß und urteilt – so falsch oder irrig dies alles auch sein möge?

Folgender uns vorgelegter Gedankengang, der geradezu von Descartes selbst geschrieben oder von Descartes abgeschrieben zu sein scheint, gibt in etwas anderen Worten die Argumentation des Cartesius recht gut wieder:

Sed quoniam de natura mentis agitur, remoueamus a consideratione nostra omnes notitias quae capiuntur extrinsecus per sensus corporis, et ea quae posuimus omnes mentes de se ipsis nosse certasque esse dilegentius attendamus. Vtrum enim aeris sit uis uiuendi, reminiscendi, intellegendi, uolendi, cogitandi, sciendi, iudicandi; an ignis, an cerebri, an sanguinis, an atomorum, an praeter usitata quattuor elementa quinti nescio cuius corporis, an ipsius carnis nostrae compago uel temperamentum haec efficere ualeat dubitauerunt homines, et alius hoc, alius illud affirmare conatus est. Viuere se tamen et meminisse et intellegere et uelle et cogitare et scire et iudicare quis dubitet? Quandoquidem etiam si dubitat, uiuit; si dubitat, unde dubitet meminit; si dubitat, dubitare se intellegit; si dubitat, certus esse uult; si dubitat, cogitat; si dubitat, scit se nescire; si dubitat, iudicat non se temere consentire oportere. Quisquis igitur alicunde dubitat de his omnibus dubitare non debet quae si non essent, de ulla re dubitare non posset.

Und – welcher kluge Kopf hat dies von Descartes abgeschrieben? Überlege selbst!

Und?

Nun, das Werk, aus dem diese Sätze stammen,  heißt De trinitate. Geschrieben hat es Aurelius Augustinus in den Jahren 399-419.  Wir zitierten aus dem Buch X, cap. 14. Daran ist kaum ein Zweifel möglich.

https://la.wikisource.org/wiki/De_trinitate_(Aurelius_Augustinus)/Liber_X#14

 

 Posted by at 14:45
Jan 242017
 

I know of no other country in the world that at the heart of its national capital erects monuments to its own shame“, so schrieb es 2014 Neil MacGregor, der damalige Direktor des Britischen Museums in London, heute einer der drei Gründungsintendanten des Humboldt Forums zu Berlin. Wir übersetzen ins Deutsche: “Ich weiß von keinem anderen Land auf der Welt, das im Herzen der Hauptstadt der Nation Denkmäler seiner eigenen Schande errichtet”, und er fährt fort: “Wie das Siegestor in München stehen sie nicht nur zur Erinnerung an die Vergangenheit da, sondern – und das ist wohl sogar noch wichtiger – um sicherzustellen, dass die Zukunft anders sein möge”, im englischen Original: “Like the Siegestor in Munich, they are there not only to remember the past, but – and perhaps even more importantly – to ensure that the future be different.”

Das sind zwei glänzende, wegweisende Sätze, in denen die Janusköpfigkeit unserer typisch deutschen Gedächtniskultur, die Doppelgesichtigkeit der einzigartigen deutschen Vergangenheitsbewältigung – jeder Vergangenheitsbewältigung, so meine ich –  in geradezu klassischer Vollkommenheit ausgedrückt wird. Zugleich stehen sie am Beginn des Buches “Germany. Memories of a Nation”. Und dieses Buch ist nicht anders zu bewerten denn als glänzender, ja genialer Wurf, nicht nur im gesamten Grundansatz, sondern auch bis in kleinste und feinste Details hinein. Kein Deutscher schafft so etwas derzeit! MacGregor bringt sorgfältig ausgewählte Bilder und Gegenstände zum Sprechen, freilich so, dass sie nicht bloß als tote Gegenstände der Vergangenheit ausgestellt, sondern als mahnende und ermunternde Zeugen freigelegt werden. Sie sollen uns ermöglichen die eigene Zukunft zu gestalten, ohne die letzten 10 Jahrhunderte der deutschen und die letzten 35 Jahrhunderte der europäischen Geschichte mit all ihren vielen guten und auch den schlechten Seiten zu vergessen.

Szenenwechsel! Wir sind jetzt in Weimar und schreiben das Jahr 1788.

“Die Götter rächen
Der Väter Missetat nicht an dem Sohn;
Ein jeglicher, gut oder böse, nimmt
Sich seinen Lohn mit seiner Tat hinweg.
Es erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch.”

So – in der Wiedergabe Goethes – die Mahnung des Pylades an Orest. Orest ist gewissermaßen völlig verstrickt in seine dunkle, mit Schandtaten aller Art beladene Vergangenheit, “obsessed with his ancestors’  past“. Er ist im zweiten Aufzug von Goethes Iphigenie der Inbegriff des schicksalhaft in die Verbrechen seiner Herkunftsfamilie, seiner Sippe und seines Volkes verfangenen Melancholikers; er leidet am kollektiven Schuldgefühl der Atriden, ausgelöst durch die mehrfach begangenen Kapitalverbrechen der Vorfahren. Ihm gegenüber vertritt Pylades den personalistischen Begriff der Schuld, wie ihn in der Bibel beispielsweise der Prophet Ezechiel im 6. Jahrhundert vor Chr. herausgearbeitet hat. Es gibt keine Kollektivschuld und keine kollektive Haftung bei Ezechiel. Auch von der Augustinischen Lehre der Erbsünde oder gar der neopaganen Lehre vom “Tätervolk” sind wir Lichtjahre entfernt. Nicht die Sippe, nicht das Volk tragen alle Schuld, sondern jeder einzelne Mensch wird von den Göttern – an deren Existenz Ezechiel ebenso wenig wie Goethe zweifelte – nach individuellem Handeln beurteilt.  Goethes Pylades führt hier gewissermaßen diesen prophetisch-christlichen, befreienden Schuldbegriff in die antikisierende Tragödie ein – die eben dadurch aufhört, eine echte Tragödie zu sein.

Zusammen mit der vorzüglichen, von Dieter Borchmeyer besorgten Neuausgabe von Goethes Klassischen Dramen und der monumentalen Arbeit von Peter Watson über den Deutschen Genius fängt MacGregor, so empfinde ich, das ständige Hin und Her, die fortwährenden, sich wiederholenden 180-Grad-Wendungen ein, die jeder gelingenden Gedächtniskultur by necessity nicht nur in Deutschland innewohnen müssen; man kann, man muss gewissermaßen das Schwabinger Siegestor immer wieder von Nord nach Süd und von Süd nach Nord durchqueren, Schande und sittliche Größe in der eigenen Herkunftsgeschichte gleichermaßen ins Auge fassen.

Blickt man hingegen auf den Streit zurück, den deutsche Geistesgrößen damals fast ausschließlich um völlig abstrakte Begriffe wie etwa “Einzigartigkeit” oder “Unerklärlichkeit” führten, ohne dass sie je der konkreten deutschen geschweige denn der europäischen Vergangenheit, diesem Medusen- und Juno-Haupt ins Antlitz geblickt hätten, so kann man ermessen, welch riesigen Schritt voran die vier genannten Bücher von MacGregor, Goethe, Ezechiel und Peter Watson darstellen. Watson, Goethe, MacGregor und der Prophet Hesekiel, diese vier sollte man unbedingt zur Kenntnis nehmen, ehe man auf typisch deutsche Art einen bouc émissaire oder whipping boy erwählt.

Gestern legte ich in einem kurzen Augenblick des Innehaltens diese drei frisch erworbenen Bücher, diese guten, verlässlichen Reiseführer und Wandergefährten in der zerklüfteten Landschaft der deutschen Gedächtniskultur zu Füßen der 3500 Jahre alten, hart an der Friedrichstraße mahnenden und wachenden Sphinx ab, ehe ich sie in meine Fahrradtasche packte. Ad multos annos, o Sphinx!

Neil MacGregor: “Monuments and memories”. in: Neil MacGregor: Germany. Memories of a Nation. Published in Penguin Books 2016 (first published  by Allen Lane in Great Britain 2014), S. IX-XXIII, hier S. XXIII

Johann Wolfgang Goethe: Klassische Dramen. Iphigenie auf Tauris. Egmont. Torquato Tasso. Herausgegeben von Dieter Borchmeyer unter Mitarbeit von Peter Huber. Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch, Band 30, Frankfurt am Main 2008, hier v.a. S. 575 (Iphigenie auf Tauris, Vers 713-717)

Peter Watson: The German Genius. Europe’s Third Renaissance, the Second Scientific Revolution, and the Twentieth Century. Simon&Schuster, London 2010

Das Buch Hesekiel/Ezechiel,  Kap. 18, in: Die Bibel

 

 

 Posted by at 13:22
Aug 222016
 

De mortuo nil nisi bene loquamur – von einem Toten möchten wir zunächst einmal nur Gutes reden. Ein wahrhaft europäischer Historiker war Ernst Nolte, der am 18. August verstorben ist.

Sein großartiges Werk “Der Faschismus in seiner Epoche”, das ich aus der Bibliothek meines Vaters in der 2. Auflage von 1965 ererbt habe, hinterließ mir vor Jahren schon einen tiefen Eindruck; zunächst übrigens wegen des außerordentlich eleganten, mit Fakten und tiefen Einsichten gesättigten Stils. Nolte war zuletzt einer der wenigen noch verbleibenden deutschen Wissenschaftler, der eine rhythmisch geordnete, architektonisch klar gegliederte, dem fein artikulierten rhetorischen Gestus nicht abholde Sprache schrieb. Man braucht sich nur einige Seiten aus seiner Feder vorzulesen und wird erkennen, dass er noch einmal das rhetorisch- analytische Erkennen, diesen Schatz  der antiken Historiker aufscheinen lässt. Sein Deutsch liest sich mitunter so, als wäre es aus Sallust oder Thukydides, aus Montaigne oder Montesquieu übersetzt! Mindestens lässt es diesen Goldgrund noch durchschimmern.

Als weiteren Vorzug hebe ich hervor, dass er sich mit den Quellen mehrerer europäischer Sprachräume auseinandergesetzt hat, sehr im Gegensatz zu fast allen, die in häufig unredlicher Art über ihn hergefallen sind. Er las eben noch im Original Mussolini, D’Annunzio, Drumont, Barrès und all die anderen.

Die meisten heutigen Feuilletonisten und akademischen Barone, von Jürgen Habermas angefangen bis zu all den anderen, die ihm seit dem unsäglichen, fälschlich so genannten “Historikerstreit” unablässig am Zeug flickten, sind oder waren schon wegen mangelnder Sprachkenntnisse gar nicht imstande, die historischen Quellen aus Italien, Frankreich, der Sowjetunion, Polen oder Tschechoslowakei eigenständig auszuwerten. Sie kennen und können nur Vorgekautes wiedergeben, soweit es ihnen  in deutscher oder englischer Sprache aus zweiter Hand vorgesetzt wird. Sie haben keine Quellenforschung betrieben. Ich behaupte: Sie konnten und können den Wahrheitsgehalt von Noltes Schriften nicht beurteilen. Sie haben sich nie der Mühe unterzogen, den gesamteuropäischen Charakter der großen Ideologien des 20. Jahrhunderts nachzuvollziehen, wie dies Nolte auf seine besondere Weise tat.

Habermas und die anderen haben nur versucht, die gesamte Epoche von 1917-1945 mit dem Absolutheitssiegel des Bösen schlechthin, verkörpert in Deutschland, zu entsorgen. Entsorgung der Vergangenheit! Sie haben genau das gemacht, was sie Nolte fälschlich vorwarfen. Sie verkörpern im Grunde die autokategoretische Denkart, wie sie sich geradezu idealtypisch in Deutschland herausbilden konnte. Diese Denkart lässt sich so zusammenraffen: “Es gibt genau eines und nur ein einziges Verbrechen, das alle anderen übersteigt. Dieses ist von uns Deutschen begangen worden.  Es ist das einzige Verbrechen, das nie vergeht, für das auch keinerlei Motivation oder Veranlassung denkbar ist, und das auf ewige Zeiten uns Deutschen anhaften wird. Dafür, für dieses einzigartige Verbrechen trägt Deutschland Schuld und Verantwortung.” So formulierte es übrigens noch kürzlich der Deutsche Bundestag in seiner Armenien-Resolution vom 02.06.2016.

An keiner Stelle hat Ernst Nolte dagegen so etwas wie eine Apologie des Nationalsozialismus versucht oder gar irgendwelche Verbrechen, die im deutschen Namen begangen oder von Deutschen begangen worden sind, zu verharmlosen, zu entschuldigen oder zu leugnen sich unterfangen, wie es ihm jedoch heute noch einmal auf höchst unredliche Weise im Tagesspiegel auf S. 1 unterstellt wird. Sehr wohl aber hat er versucht, zu verstehen, wie es so weit kommen konnte. Er versuchte das Geschäft des Historikers: Handlungsstränge nachvollziehen, mögliche Motivationen und Triebkräfte freilegen, ohne die historisch Handelnden als den Teufel schlechthin, als den Träger der Schuld schlechthin zu verurteilen –  “mit Abneigung, aber ohne Haß”.

Seine Gegner haben unhistorisch und auf tiefstem Niveau pseudotheologisch mit dem Argument des absoluten Bösen argumentiert, wobei der Rückgriff auf Martin Luthers Schuldbegriff auf krude Weise dem ganzen Volk übergestülpt wurde.

Manet odium sui germanicum! Man lese doch bitte noch einmal Luthers 4. Wittenberger These, und man wird erkennen, wie ein bedeutender Teil der deutschen Gelehrtenschaft ganz im Banne dieses von Luther absolut aufgeladenen kollektiven Schuldbegriffes steht, der letztlich zur Ablehnung der eigenen Identität, zum odium sui, wie dies Luther nannte, führen muss und geführt hat:

4. Manet itaque poena, donec manet odium sui (id est poenitentia vera intus), scilicet usque ad introitum regni caelorum.

 

Ernst Nolte: Der Faschismus in seiner Epoche. Die Action française. Der italienische Faschismus. Der Nationalsozialismus. R. Piper & Co Verlag, 2. Auflage München 1965

 

 Posted by at 16:50

“Jüdischer Bolschewismus”?

 Einzigartigkeiten, Gedächtniskultur, Haß, Hebraica, Selbsthaß, Vergangenheitsunterschlagung  Kommentare deaktiviert für “Jüdischer Bolschewismus”?
Apr 252016
 

Eine schwere gedankliche Last stellten die folgenden drei Bücher dar, die mich in den letzten Tagen erneut beschäftigten:

Sonja Margolina: Das Ende der Lügen. Rußland und die Juden im 20. Jahrhundert. Siedler Verlag, Berlin 1992
Ulrich Herbeck: Das Feindbild vom “jüdischen Bolschewiken”. Zur Geschichte des russischen Antisemitismus vor und während der Russischen Revolution. Metropol Verlag, Berlin 2009
Johannes Rogalla von Bieberstein: “Jüdischer Bolschewismus”. Mythos und Realität. Mit einem Vorwort von Ernst Nolte. Ares Verlag, Graz 2010

Ihnen, den drei schwerlastenden Büchern, ist ein großes Thema gemeinsam, nämlich der große Anteil, den Juden (also Menschen jüdischer Abstammung) an der weltweiten marxistischen und kommunistischen Bewegung in Europa, vor allem jedoch an der bolschewistischen Bewegung in Russland  hatten, der nachweisbar besonders hohe Anteil, den Juden (also Sowjetbürger jüdischer Volkszugehörigkeit) an den militärischen und geheimpolizeilichen Terrororganisationen der jungen Sowjetunion, also an Tscheka, GPU, NKWD und Roter Armee hatten, sowie vor allem auch das daraus sich erklärende Feindbild vom “jüdischen Bolschewismus”, das ja später bei den in Polen, den baltischen Gebieten, in Weißrussland und der Ukraine begangenen verheerenden Grausamkeiten und Metzeleien gegen Juden eine so entscheidende Rolle spielte. Wie sind all diese Tatsachen und Umstände, die keiner der drei Autoren bestreitet, zu erklären?

Die Antwort auf diese und verwandte Fragen hat wiederum einen nicht unerheblichen Einfluss auf die staatlich geförderte deutsche Erinnerungskultur, die deutsche Geschichtspolitik, ja sie erstreckt sich bis in die Tabubildungen, bis in strafrechtlich relevante Meinungsäußerungen hinein, sie ist prägend geworden für die offiziöse deutsche Staatsdoktrin von der absoluten Einzigartigkeit und Unvergänglichkeit ewiger deutscher Schuld und unverzeihlicher deutscher Schande.  Hat man diese Fragen vorurteilsfrei, tapfer und unbestechlich durchgearbeitet, dann dringt man bis in die Wurzelgeflechte deutschen Selbsthasses und deutscher Unterwürfigkeit vor.

 

 

 Posted by at 17:41

“La vera Europa, l’Europa dell’euro, l’Europa del centro-nord… ” Der Mahnruf Mario Montis

 Einzigartigkeiten, Geld, Religionen, Sezession, Trasformismo europeo, Zählen  Kommentare deaktiviert für “La vera Europa, l’Europa dell’euro, l’Europa del centro-nord… ” Der Mahnruf Mario Montis
Feb 042016
 

Zu den wirklich guten europäischen Sendungen zähle ich das studio24 des italienischen Senders RAINews, das ich bei Gelegenheit immer wieder einmal vormittags einschalte. Klug ausgewählte Fachleute aus den Bereichen Wirtschaft, Finanzen, Währung, Politik, ehemalige hochrangige Politiker und auch Fachpolitiker aus der zweiten Reihe kommen dort zu Wort. Keine Schaumschläger, keine Quasselstrippen.

Ich glaube, dass man in den Fachkreisen südlich der Alpen die im Norden der Alpen laufende Debatte durchaus mit wachen, klugen, kritischen Ohren und mit klug abwägendem Sinn verfolgt.

Herrliche Dialoge entspannen sich soeben in der heutigen Folge, an der neben anderen Senator Mario Monti und der stellv. Direktor des Corriere della sera Federico Fubini teilnahmen.

Monti malte die Gefahr an die Wand, es könne bei einer Fortsetzung der gegenwärtigen Politiken der nationalen Regierungen zu einem Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro (was niemand wünsche) und folglich dann zu einem Auseinanderbrechen der Europäischen Union zwischen dem eigentlichen, dem echten Europa, also dem Europa im Norden und in der Mitte Europas einerseits und dem Europa im Mittelmeerraum andererseits kommen. Als “wahres Europa” (L’Europa vera, la vera Europa) bezeichnete Monti ausdrücklich das Europa des Euro. Gemeint sind damit jene Länder der Europäischen Union, die den Euro eingeführt haben.

Bedarf es noch eines weiteren Beweises? Der Euro, die über alles geliebte Währung, wird wieder einmal, zum hundertsten oder auch zum tausendsten Male als die Sinnklammer, das allesentscheidende, das einzige Kriterium der Zugehörigkeit zum wahren Europa verkündet. Das ist die gängige Lehre.

Die gängige Lehre behauptet – und wir übersetzen die gängige Euro-Ideologie einmal in eine theologische Sprache – dadurch wird manches klarer:

“So wie jemand, der nicht an Jesus Christus glaubt, kein wahrer Christ sein kann, so kann auch jemand, der nicht an den Euro glaubt, kein wahrer Europäer sein.” Darauf läuft es hinaus. Der Euro ist alternativlos. Ein nominalistischer Taschenspielertrick der Geldfüchse. An den Euro hat die Europäische Union ihr ganzes Sinnen und Trachten, ihre ganze pseudoreligiöse Inbrunst gehängt. Gefordert ist also Zuneigung zum euro, simpatia verso l’euro, idolatria del denaro, Götzendienst am Gelde!

Wir dürfen zweifellos sagen: L’euro è il vitello d’oro dell’Unione europea. Der Euro ist das Goldene Kalb der Europäischen Union. EUROPA = EURO. Ganz Europa tanzt nach der Pfeife des Euros.

“La non-simpatia verso l’Europa, cioè la non-simpatia verso l’euro…” – die Abneigung gegen Europa, das heißt die Abneigung gegen den Euro, diesen Eindruck gelte es zu vermeiden, so lautete die eindeutige Aufforderung Mario Montis an die amtierende italienische Regierung.

Das vormittägliche studio24 von RAI News ist allen Nordeuropäern sehr zu empfehlen.

http://www.rainews.it/dl/rainews/live/ContentItem-3156f2f2-dc70-4953-8e2f-70d7489d4ce9.html

 Posted by at 12:36

Muß sich in unserer Gesellschaft alles der Kritik unterwerfen lassen, oder braucht unsere Gesellschaft Meinungstabus?

 Einzigartigkeiten, Freiheit, Immanuel Kant, Jesus von Nazareth, Philosophie, Religionen  Kommentare deaktiviert für Muß sich in unserer Gesellschaft alles der Kritik unterwerfen lassen, oder braucht unsere Gesellschaft Meinungstabus?
Feb 022016
 

20160201_200431[1]

a) “Wir haben nur eine Welt”
b) “Es gibt keinen Planet B”
c) “Scheitert der Euro, scheitert Europa”
d) “Jesus starb am Kreuz”
e) “Die Erde ist eine Kugel”
f) “Die Lichtgeschwindigkeit ist eine Naturkonstante”

Das sind Beispiele ganz unterschiedlicher Aussagentypen. Es sind teils Aussagesätze zu unterschiedlichsten Sachverhalten, teils Werturteile unterschiedlichster Bereiche, denen man unbefragt zustimmen kann oder sogar unbefragt zustimmen muss, wenn man “dazugehören” will. Zweifel an jeder einzelnen dieser Aussagen würden heutigentags in Teilen einer zufällig besuchten Gesellschaft sofort zu einer Art Ausschließungsmechanismus führen.

Muß sich in unserer Gesellschaft alles der Kritik unterwerfen, oder braucht unsere Gesellschaft strafbewehrte Meinungstabus? Gibt es Bereiche, die jeder Kritik überhoben sein müssen?

Der gestern zitierte Immanuel Kant nennt als solche tabubewehrte Bereiche “Religion”, “Heiligkeit”, “Gesetzgebung”, “Majestät”. Er schreibt in einer Fußnote der Vorrede zur ersten Auflage seiner “Critik der reinen Vernunft”, verlegts Johann Friedrich Hartknoch, Riga 1781:

*) Man hört hin und wieder Klagen über Seichtigkeit der Denkungsart unserer Zeit und den Verfall gründlicher Wissenschaft. Allein ich sehe nicht, daß die, deren Grund gut gelegt ist, als Mathematik, Naturlehre etc., diesen Vorwurf im mindesten verdienen, sondern vielmehr den alten Ruhm der Gründlichkeit behaupten, in der letzteren aber sogar übertreffen. Eben derselbe Geist würde sich nun auch in anderen Arten von Erkenntniß wirksam beweisen, wäre nur allererst für die Berichtigung ihrer Principien gesorgt worden. In Ermangelung derselben sind Gleichgültigkeit und Zweifel und endlich strenge Kritik vielmehr Beweise einer gründlichen Denkungsart. Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muß. Religion durch ihre Heiligkeit und Gesetzgebung durch ihre Majestät wollen sich gemeiniglich derselben entziehen. Aber alsdenn erregen sie gerechten Verdacht wider sich und können auf unverstellte Achtung nicht Anspruch machen, die die Vernunft nur demjenigen bewilligt, was ihre freie und öffentliche Prüfung hat aushalten können.

Was ist davon zu halten? Kant bestreitet, daß es Aussagen geben könne, die von freier und öffentlicher Prüfung auszunehmen seien. Prüfung aller nur erdenklichen Aussagen, dies sei das eigentliche Geschäft der Kritik. Es könne schlechterdings keine Aussage geben, die sich nicht vor den Richterstuhl der Vernunft müsse ziehen lassen können.

Dies sei geradezu das Probstück, also das Merkmal einer wahrhaft freien, wahrhaft aufgeklärten Gesellschaft. Immanuel Kant lehnt also den Begriff des Meinungstabus, des Meinungsverbrechens vehement ab.

Alle Aussagen müssen auf den Prüfstand! An den Gesprächen über jede einzelne Aussage ist jederzeit freier, unbehinderter Widerstreit möglich und nötig. An der von Immanuel Kant geforderten gründlichen Denkungsart fehlt es bei uns in Europa heute vielfach und vielerorten.

Zitat:
Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Riga 1781, Seite XII

Foto: “Es gibt keinen Planet B. Ändern wir die Politik. Nicht das Klima. Bündnis 90 Die Grünen.” Aufnahme Schöneberg, 01.02.2016

 Posted by at 12:59
Jan 152016
 

Wir warn all verdorben
per nostra crimina.

So lautet es lateinisch-deutsch in der dritten, erstmals 1545 bezeugten Strophe des älteren geistlichen Liedes In dulci jubilo, dessen Urfassung und Melodie wohl auf das 15. Jahrhundert zurückgehen. Das neue Gotteslob-Gesangbuch der deutschsprachigen Katholiken bringt das hybrid aus lateinischen und deutschen Teilen geformte Lied als Nummer 253.

Wir waren “verdorben”, corrupti eravamus, wir, das Volk, die Gesellschaft, die “Population” waren wegen unserer Verbrechen, per nostra crimina, ein heilloses, schuldbeladenes, unrettbar böses Volk. So etwa dürfen wir in heutiger Sprache den Sinn des Weihnachtsliedes wiedergeben.

Gibt es eine Kollektivschuld eines ganzen Volkes? Die heutige deutsche Gesellschaft vertritt in der politischen Elite und den führenden Leitmedien diese Meinung; “dafür, für das und das und das, was das Deutsche Reich in den Jahren 1933-1945 angestellt hat, trägt das deutsche Volk auf ewige Zeiten Schuld und Verantwortung.” Der Bundestag hat es letztes Jahr in einer Resolution so geschrieben, die junge Generation der Deutschen wird seit etwa 1980 in einem intensiven Schuldgefühl wegen der Verbrechen der Großväter erzogen; die Jahre 1933-1945 werden heute als definierende Momente der deutschen Geschichte gesehen, neben denen nichts anderes Bestand hat. Von Hermann dem Cherusker bis zu den heutigen Tagen gilt die Geschichte der Deutschen als heillos verdorben, Deutschland beeilt sich, seine Eigenständigkeit als Verfassungsstaat endlich aufzugeben, um sich in einen größeren europäischen einheitlichen Volkskörper einzugliedern. Dem dient die schrankenlose Öffnung der Landesgrenzen, die bereitwillige, bedingungslose, unterschiedslose Aufnahme von Hunderttausenden junger kräftiger Männer aus fernen Ländern, die nichts weniger im Sinn haben als Deutsche zu werden.

Von daher erklären sich auch die hartnäckigen Versuche, den deutschen Nationalstaat endlich abzuschaffen, ihn als postklassischen, postnationalen Staat einzuschmelzen in die verherrlichte Währungsgemeinschaft; die Aufgabe der D-Mark wird als sinnfälliger Beweis für die Aufgabe der deutschen Nation gesehen.

“…die Eigenheiten einer Nation sind wie ihre Sprache und ihre Münzsorten, sie erleichtern den Verkehr, ja sie machen ihn erst vollkommen möglich.” Ein erstaunliches Wort, das Goethe da am 20.07.1827 an Carlyle schreibt! In der Tat, die Sprache ist es, die eine Art geistiges Band der Nation stiftet, so wie die Währung – die “Münzsorte” – eine wirtschaftliche Einheit der Nation verbürgt und symbolisiert.

“Der Euro darf nicht scheitern! Denn scheitert der Euro, dann scheitert Europa!” Dieser tiefe, irrationale Glaube an den seligmachenden Euro, an die Währung, die die Deutschen endlich von ihrem Deutschsein erlösen soll, findet sich nur in Deutschland – in keinem anderen europäischen Land – als offizielle Politik, – scheint er doch zu verbürgen, dass die Deutschen endlich nicht mehr Deutsche, sondern glühende Europäer sein wollen, da sie doch die eigene Währung sowie zunehmend auch einen Teil der eigenen Sprache auf dem Altar Europas geopfert haben.

Kein Zweifel: Der Begriff der deutschen Kollektivschuld ist heute in Deutschland mehr denn je gelebte und geglaubte Realität; jeder Verweis darauf, dass auch andere Völker etwas Böses getan haben, wird abgebügelt und abgeschmettert mit dem Hinweis, das gehöre sich nicht, man dürfe die unvergleichliche deutsche Kollektivschuld auf keinen Fall in einen Kausalzusammenhang einbetten oder gar relativieren.

Die Theologie des alten Israel kannte übrigens durchaus den Begriff der Kollektivschuld. “Ein verdorbenes Geschlecht”, ein “abtrünniges Volk”, eine “wilde Rotte”, mit dessen “Messer man nichts zu tun haben will”. Es gibt Hunderte derartiger Anklagen der Propheten Israels gegen das eigene Volk oder auch gegen einen der 12 Stämme Jakobs. Jakob selbst sagt sich ausdrücklich in seiner Abschiedsrede, dem berühmten “Jakobssegen” – von zwei seiner Söhne los – von Simon und Levi. Bekanntlich hatten Simon und Levi den ersten Genozid der Bibel an einer anderen Kultgemeinschaft verübt – ein strafwürdiges Verbrechen. In der Tat verschwindet nach und nach der Stamm Simon aus dem alten Israel, während der Stamm Levi von allem Streben nach irdischer Herrlichkeit abgesondert wird, da seine Mitglieder fortan zu Trägern des Gotteswortes werden – zu den “Leviten”, die eben dem weniger sündhaft gewesenen Teil des Volkes Israel “die Leviten lesen” sollen.

Das Weihnachtslied “In dulci jubilo” räumt nun gewissermaßen mit dem antiken Begriff der Kollektivschuld, der Erbschuld auf. Ja, es war so, ja wir WAREN alle böse. Es war so – aber es ist nicht mehr so. Es gibt keine ewige Schuld, jeder Mensch fängt wieder von vorne an, Schuld wird nicht weitergegeben von Vätern auf Söhne.

Das Weihnachtslied verkündet sehr modern die Endlichkeit der Schuld. Es gibt keine absolute Schuld. Es gibt kein absolutes Böses, das in einem Volk nistet.

Für das vorherrschende deutsche Nationalgefühl meine ich hingegen folgende Sätze formulieren zu dürfen: Der Bundestag und das deutsche Feuilleton verkünden die unermessliche Unendlichkeit der kollektiven Schuld. Es gibt absolute Schuld. Es gibt das absolute Böse, das in einem Volk nistet. Und dieses Volk sind wir, die Deutschen.

Das ist der Subtext, den wir immer wieder und wieder hören und aufs Butterbrot geschmiert bekommen.

Die deutsche Nationalhymne müsste folgenden Satz enthalten:

Wir sind all verdorben
per nostra crimina.

 Posted by at 16:38

Schuld, die nie vergehen wird, oder: odium sui rimanebit in saecula saeculorum

 31. Oktober 1517, Antideutsche Ideologie, Das Böse, Deutschstunde, Einzigartigkeiten, Gedächtniskultur, Selbsthaß  Kommentare deaktiviert für Schuld, die nie vergehen wird, oder: odium sui rimanebit in saecula saeculorum
Dez 122015
 

Am vergangenen Samstag wurde in der Staatsbibliothek zu Berlin für einen Tag lang ein originaler Erstdruck der berühmten 95 Thesen Martin Luthers ausgestellt. Ich eilte hin, las, staunte, sah und schreibe nun diese nachfolgenden Betrachtungen 7 Tage danach nieder. Das Foto habe ich mit Erlaubnis der Saalaufsicht vor einer Woche aufgenommen.

Luthers Thesen 20151205_145818

Das Bewusstsein ewiger, unverzeihlicher, unauslöschlicher Schuld, an dem so viele Menschen leiden, führt unweigerlich zum odium sui, zum Selbsthass, wie das Martin Luther 1517 an prominenter Stelle genannt hat. In der vierten seiner Wittenberger Thesen schreibt er:

“Manet itaque pena, donec manet odium sui (id est penitentia Vera intus), scilicet usque ad introitum regni celorum.”

“Die Strafe bleibt also, solange der Selbsthass bleibt (d.h. die wahre Buße im Innern), nämlich bis zum Eintritt des Himmelreiches.”

Ewige Strafe, ewige Pein, ewige Schuld wird in deutschen Landen weitergereicht von Vätern auf Söhne, auf Enkel, auf Urenkel – usque ad introitum regni celorum.

Dieser Selbsthass ist in deutschen Landen bis zum heutigen Tage ein guter, ein geförderter Zustand. “In mir ist nichts Gutes.” Da man nicht an die verzeihende, versöhnende Kraft des Wortes glaubt, vergräbt man sich in einen Kerker aus Schuldbewusstsein, Schwermut und Selbsthass.

Ein Beleg für den typisch deutschen Selbsthass? Hier kommt er, stellvertretend für viele:

“Und dann gibt es noch die unauslöschliche Großschuld, die Deutschland von 1914 bis 1945 auf sich geladen hat. Die Schuld an zwei Kriegen, die Schuld an Millionen Toten auf Schlachtfeldern und in Konzentrationslagern. Das ist eine Schuld, die nicht vergehen wird, an der es nichts zu rütteln gibt, von der die Zeit nichts abschleift.”

So schreibt es Christoph Schwennicke, Chefredakteur der Zeitschrift Cicero, am 3. März 2015.

Zu Hunderten findet man Derartiges in den meinungsbildenden Reden, Schriften und Kommentaren: diese Berufung auf die deutsche Großschuld, die alles andere überragende, in alle Ewigkeiten fortdauernde, alleinige Schuldigkeit Deutschlands für die beiden Weltkriege und die Massenmorde an Zivilisten in den Jahren 1914-1945.

Alle Völker Europas, insbesondere die Deutschen selbst, bekennen sich stolz und voller Sündengewissheit zu den deutschen Verbrechen, an denen sie allein, die Deutschen, bis in alle Ewigkeiten tragen werden, – du, ich, wir Deutschen alle. Diese deutsche Ur-, Erb- und Großschuld ist gewissermaßen das alles andere überschreibende Erbgut, durch das alles andere – auch alles Gute – überlagert wird.

Mit einem wahren furor teutonicus spürten und spüren deutsche Schriftsteller, deutsche Großintellektuelle diesen verbrecherischen Grundcharakter eines ganzen Volkes wieder und wieder auf, ergötzen sich daran, weiden sich daran.

Schon das kleinste Abweichen von dieser dauernden Selbstzerknischung wird als nationalistisches Gehabe rabiat unterdrückt. Wer erinnert sich nicht daran, wie der damalige CDU-Generalsekretär Herrmann Gröhe am Abend des Wahlsieges ein Fähnchen der Bundesrepublik Deutschland schwenkte und sofort von seiner Herrin sanft, aber nachdrücklich abgestraft wurde?

In der Tat: Das Schwenken eines kleinen Fähnchens der Bundesrepublik Deutschland gilt bereits als unschicklich, als frevelhafter Verstoß gegen die guten Sitten! Und die Franzosen versinken derzeit im nationalen Fahnenmeer so sehr, dass an den Kiosken kaum mehr Trikoloren zu kaufen sind! Russen, US-Amerikaner, Türken, Polen, Dänen, Schweden, Finnen und und und lassen stolz und fröhlich ihre Fahnen flattern, ohne doch zu leugnen, dass ihre leiblichen Vorfahren auch einiges auf dem Kerbholz haben. Das symbolische Bekenntnis zum eigenen Staat, zum eigenen Staatsvolk gilt dort nicht als Sünde.

Das in Deutschland immer noch anzutreffende, im Kern reinrassig völkische Denken, wonach Völker, hier also die Deutschen, zeitenüberdauernd an allem schuldig sind und schuldig bleiben, was ihre biologischen Vorfahren und Urahnen in vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten getan haben, feiert in unseren Jahren fröhliche Urständ. “Nie mehr Deutschland, nie mehr Krieg!” – mit dieser teutonisch-furiosen Losung sprengten junge Deutsche eine Veranstaltung des Verteidigungsministers de Maizière an der Humboldt-Universität.

Davon ganz abgesehen, dass dieses biologistisch-völkische Denken, wonach die Nachfahren die Schuld der leiblichen Vorfahren erben, kaum von allen Menschen geteilt wird, bestehen aus der Sicht historischer Forschung erhebliche Zweifel an der immer wieder von historischen Laien vorgetragenen Behauptung, Deutschland und nur Deutschland trage die Alleinschuld an den beiden Weltkriegen und an allen Genoziden in den Jahren 1914-1945. Vermutlich ist diese Behauptung sogar falsch.

Schuld, die nicht vergehen kann! Es ist, als hörte man das deutsche Gewissen pochen und klagen: “In mir (in mir, dem deutschen Volk) ist nichts Gutes, das neben der deutschen Großschuld Bestand hätte.” Oder auch: “Meine Sünde ist grösser / denn das sie mir vergeben werden müge.” So übersetzte Luther die Selbstbezichtigung Kains im 1. Buch Mose (4,13).

Und was wir heute mehr denn je in Deutschland erleben, ist eine fortwährende Selbstbezichtigung Deutschlands als des Kainsvolkes unter den Völkern Europas.

Not tut jetzt eine Art Rückbesinnung auf den personalen Begriff der Schuld, wie ihn beispielsweise das Strafrecht lehrt: Jeder Mensch trägt nur für eigene Vergehen, für eigene Verbrechen Schuld. Es gibt keine generationenübergreifende Sippenhaftung oder gar so etwas wie Volksschuld.

http://www.rp-online.de/politik/deutschland/kolumnen/berliner-republik/deutschland-ist-nicht-an-allem-schuld-aid-1.4916046

 Posted by at 16:04

Darf man heute immer noch straffrei behaupten, die Erde sei keine Kugel?

 Das Böse, Einzigartigkeiten, Religionen, Sokrates, Tätervolk  Kommentare deaktiviert für Darf man heute immer noch straffrei behaupten, die Erde sei keine Kugel?
Nov 132015
 

“Es ist müßig, mit Leuten zu diskutieren, die keine Fakten akzeptieren”, sagte er demnach. Auf die Behauptung Haverbecks, dass es keine Beweise für den Holocaust gebe, habe der Richter geantwortet: “Ich muss auch nicht beweisen, dass die Erde eine Kugel ist.”

Mit dieser Begründung steckte ein Hamburger Amtsrichter gestern eine 87 Jahre alte Dame für 10 Monate ohne Bewährung ins Gefängnis. Ihre Straftat: Sie leugnete zum wiederholten Male den Holocaust.

Völlig richtig, Herr Richter! Es ist unnötig mit Leuten zu diskutieren, die keine Fakten akzeptieren. Muss man allerdings Leute akzeptieren, die bestreiten, dass die Erde eine Kugel ist? Muss man es hinnehmen, wenn jemand behauptet, dass die Erde keine Kugel sei, sondern ein abgeflachtes Rotationsellipsoid, also ein geometrisch unregelmäßig geformter, leicht abgeplatteter Körper?

Wer hat nun recht: Der Hamburger Amtsrichter, der die Tatsache behauptet, dass die Erde eine Kugel ist, oder der Wissenschaftler, der behauptet, die Erde sei ein abgeflachtes Rotationsellipsoid?

Ich meine: Das Leugnen von Tatsachen, das Lügen lässt sich als solches nicht bestrafen – außer, ja außer bei Tatsachen, die als wesentlich, als unverzichtbar, als im Sinne einer bestimmten Gesellschaft als schlechterdings nicht bezweifelbar gelten.

Unbezweifelbare Tatsachen werden seit Jahrhunderten unter Strafandrohung gestellt.

So galt jahrhundertelang Gotteslästerung oder Gottesleugnung als strafwürdiges Verbrechen; viele hartnäckige Gotteslästerer wurden durch Hinrichtung bestraft, z.B. Jesus, Giordano Bruno, Jan Hus oder Sokrates. Die Existenz Gottes bzw. die Existenz der Götter galten als unumstößliche Tatsache; Zweifel an dieser millionenfach bewiesenen Tatsache wurden bestraft.

In der Bundesrepublik gibt es heute nur ein klassisches Meinungsdelikt, im Grunde wird nur noch eine falsche Meinung, wird eine Lüge unter Strafe gestellt: die Holocaustleugnung. Man darf in Deutschland den ukrainischen Holodomor leugnen, man darf die systematische Ermordung von vielen Millionen sowjetischer Zivilisten während des 2. Weltkrieges schweigend übergehen. Man darf verschweigen oder leugnen, dass Jakow M. Swerdlow die Zarenfamilie erschießen ließ. Man darf verschweigen oder leugnen, dass Leo Trotzkij den systematischen Mord an Zivilisten, die systematische Vernichtung der Klassenfeinde befahl. Man darf die Kolonialgreuel in Belgisch-Kongo ignorieren oder leugnen. Man darf die Massenmorde des Pol Pot und der chinesischen Maoisten übersehen oder leugnen. Nur den Holocaust darf man nicht leugnen. Er ist in der Strafrechtspraxis das Factum absolutum der deutschen Rechtsordnung geworden.

Der israelische Schriftsteller Yitzhak Laor fasst diesen Prozess der Sakralisierung und absoluten Überhöhung des Holocaust im Anschluss an Überlegungen Alain Finkielkrauts so zusammen: “The Holocaust alone can provide the definition of evil.” “Der Holocaust allein kann die Definition des Bösen liefern.”

Die enormen Vorteile dieser Absolutsetzung, dieser Sakralisierung des Holocausts als des schlechthin Bösen liegen auf der Hand. Es wird im Nu alles so einfach in der Welt!

Erstens, er ist vorbei. Er liegt in der Vergangenheit. Laor schreibt: “The great advantage of this is that the Holocaust took place in the past and is now over; we can congratulate ourselves on having awoken from a nightmare.” Er ist damit der Nullpunkt der moralischen Argumentation geworden. Das absolute Böse, der Holocaust, ist glücklicherweise vergangen; solange man den Holocaust erinnert und eine Wiederholung des Holocaust verhindert, ist alles andere ja nur halb so schlimm. Das Wichtigste, aber auch das Tolle, das Phantastische, das Herrliche an der Weltgeschichte ist, dass der Holocaust einzigartig ist und sich deshalb nicht wiederholen kann. Es wird also automatisch alles immer besser in der Weltgeschichte, solange man nur verhindert, dass der Holocaust sich wiederholt.

Zweitens, es gibt ein eindeutiges Tätervolk, das dafür “Schuld und Verantwortung trägt”, wie es der Deutsche Bundestag erst kürzlich wieder festgestellt hat: die Deutschen, oder besser gesagt: “wir Deutschen”. Die Vorteile für alle anderen europäischen Staaten, die in den Jahren 1939-1945 vorübergehend oder dauerhaft mit dem Deutschen Reich verbündet waren (Sowjetunion, Finnland, Frankreich, Italien) sind unleugbar: Die Deutschen sind das Tätervolk.

Drittens: Die Holocaustleugnung und die ganze Klasse verwandter Delikte lassen sich problemlos unter Strafe stellen. Holocaustleugnung, aber mittlerweile auch die Historisierung, die historische Einbettung des Holocausts in eine Ereigniskette, die Relativierung, die Vergleichung des Holocausts mit anderen systematischen Ausrottungspolitiken der Weltgeschichte ist ein in der deutschen Öffentlichkeit weithin als solches eingestuftes Meinungsdelikt. Dieses Meinungsdelikt zu begehen erweist sich immer wieder als selbstmörderisch für den eigenen Ruf. Man kann nur davor warnen. Selbst bestens ausgewiesene Historiker wie Ernst Nolte haben wegen dieses Meinungsdelikts ihren früher guten Ruf, Politiker wie Martin Hohmann, Schriftsteller wie Martin Walser haben aufgrund dieses Delikts ihren bis dahin unbescholtenen Leumund eingebüßt. Sie stehen bis heute am Pranger.

Viertens: Unabhängig von Geisteszustand oder Alter des Meinungsverbrechers erreicht die deutsche Justiz und die deutsche Gesellschaft die Gewissheit, auf der Seite des absoluten Guten zu stehen. Denn wer gegen die Leugnung des absoluten Bösen kämpft, muss auf der Seite des Guten stehen.

Fünftens: Das Verbot der Holocaustleugnung hat einen umfassenden, disziplinierenden Effekt auf die öffentliche Meinung. Der gemeine Bürger fängt aus Angst im Unterbewusstsein schon an zu überlegen: “Es gibt also Lügen, die in Deutschland unter staatliche Strafe gestellt werden. Wenn schon eine 87-jährige Frau, eine offenkundig verwirrte oder fanatisch verblendete ältere Dame wegen einer sonnenklaren geschichtlichen Lüge für 10 Monate ins Gefängnis gesteckt wird, hmm, darf ich das oder das dann noch sagen? Darf man noch an unumstößlichen Tatsachen zweifeln, z.B. an der Konstantinischen Schenkung, an der Goldenen Bulle, am Holodomor, an den Stalinschen Säuberungen, an der Sinnhaftigkeit des Euro, an der Legitimität der Rechtsakte der Europäischen Union? Darf man noch am Klimawandel zweifeln, oder wird man dafür irgendwann auch ins Gefängnis gesteckt werden?”

Der Staat bestraft falsche Meinungen, der deutsche Staat bestraft das hartnäckige Lügen, sofern er ihm das Potenzial zur Volksverhetzung beimisst. Das dürfen wir nie vergessen.

Das gestern ergangene Urteil des Hamburger Amtsrichters wirft – trotz aller hier aufgewiesenen strategischen Vorteile, die mit ihm einhergehen – viele Fragen auf.

Belege:
Yitzhak Laor: The Shoah Belongs to Us (Us, the Non-Muslims). In derselbe: The Myths of Liberal Zionism. Verlag Verso, London New York 2009, S. 15-35, hier bsd. S. 32

http://www.stern.de/panorama/stern-crime/nazi-oma–87-jaehrige-ursula-haverbeck-muss-wegen-holocaust-leugnung-in-haft-6551784.html

 Posted by at 13:15
Sep 292015
 

Ein paar Gedanken mögen sich hier anschließen, wie sie mir im Nachklang des Abends in der Katholischen Akademie vom letzten Donnerstag einfallen:

1. Die Sprachlichkeit der Leib-Rede, die Leiblichkeit des gesprochenen Wortes wurde im Vorbeigehen belichtet. Begriffe wie Vergleich, Metapher, Symbol, Sakrament tauchten immer wieder auf.

2. Welche Bedeutung hat das Glauben für die Ein-Leib-Metapher? Die Metapher verlangt als solche keinen Glauben, sondern ein Verstehen. Metaphern sind Stilmittel der Rede, mit denen der Sprechende eine Wirkung erreichen will. “So wie der Körper viele Organe hat, so hat auch das Gemeinwesen viele Organe, deren jedes seine ihm zugewiesene Funktion hat. Der Magen kann nicht sagen: Ich mache nicht mehr mit. Er muss seinen Dienst als Magen verrichten, damit es allen Organen gut geht.”  So überzeugte, oder besser: “überredete” Menenius Agrippa im Jahr 494 v. Chr. die unzufriedenen Plebejer.  Sie kehrten in die Stadt Rom zurück. Er verwendete die Metapher – “ein gutes Gemeinwesen ist wie ein einziger Leib” – dieses eine Mal als Mittel im Dienste der Überzeugungsarbeit. Er setzte damit aber kein wiederholbares sinnstiftendes Zeichen, er stiftete kein Sakrament und keinen Ritus.

3. “Das ist mein Leib” (Mt 26,26), diese Worte sind nicht als Metapher zu verstehen und auch nicht als Symbol. Sie sind vielmehr ein “Zeichen höherer Art”, das durch eine sprachlich verfasste Tathandlung “gesetzt” wird; der übliche Ausdruck für ein derartiges gesetztes oder “eingesetztes”, “gestiftetes” Zeichen höherer Art, das im Vollzug des Ritus wiederholbar wird, lautet Sakrament.

4. Sakramente sind im Gegensatz zu Metaphern wiederholbare, stets an den sprachlichen Vollzug gebundene Handlungen, die über die Metapher hinausweisen. Sakramente, “geheiligte Tathandlungen” also, sind nicht bloß metaphorisch zu verstehen, sondern reichen jenseits der Metapher hinaus. Ihr Reich ist gewissermaßen “nicht nur von dieser Welt”.  Sie sind – sofern man sie glaubt und in ihnen lebt – eine Wirklichkeit jenseits der sprachlich abbildbaren Wirklichkeit, also eine “nur” geglaubte, “nur” gelebte Wirklichkeit.

5. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat wie Pasolini diesen Schritt über die Grenzen der metaphorischen Rede hinaus versucht, aber – im Gegensatz zum Künstler – vorerst nicht vollzogen. Wenn er einerseits schreibt: “Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt” und dann weiterschreitet: “Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische“, dann entzog sich ihm, als er den Tractatus logico-philosophicus verfasste, noch der Sinn für den Vollzugscharakter des Sprachhandelns, also das “Performative”, wie man modischerweise heute sagt.

6. L’umanità di Cristo è spinta da una tale forza interiore, da una tale irriducibile sete di sapere e di verificare il sapere, senza timore per nessuno scandalo e nessuna contraddizione, che per essa la metafora «divina» è ai limiti della metaforicità, fino a essere idealmente una realtà.

Von den “Grenzen des Metaphorischen” schreibt Pasolini am 12. Mai 1963 an Alfredo Bini.  Ein großes Zeugnis einer großen Liebe: “… amando così svisceratamente il Cristo di Matteo…” Irgendwann wird seine Stunde kommen. Wann? Wir wissen es nicht.

Quellen:

Ludwig Wittgenstein: Tracatatus Logico-Philosophicus, o.O., o.J., Sätze 5.6, 6.522
http://tractatus-online.appspot.com/Tractatus/jonathan/D.html

Brief Pier Paolo Pasolinis an Alfredo Bini vom 12. Mai 1963, zitiert nach: Gianni Borgna u.a. (Hrsg.): Pasolini Roma. Verlag Skira, Roma 2014 [Ausstellungskatalog], Seite 167

 

 Posted by at 13:31