Juni 102008
 

Banges Warten herrscht in unserer Familie auf den Bescheid des Schulamtes Friedrichshain-Kreuzberg. Wohin geht unser Sohn ab nächstem Jahr zur Grundschule? Der Bescheid ist immer noch nicht da, mehrfache Zusagen des Schulamtes sind nicht eingehalten worden. Bereits im Oktober 2007 hatten wir fristgemäß unseren Antrag auf Einschulung bei der örtlich näher gelegenen, uns bestens bekannten und empfohlenen Grundschule, der Kreuzberger Adolf-Glaßbrenner-Grundschule, eingereicht. Dieses Blog berichtete im Oktober und am 1. Dezember 2007. Administrativ liegen wir im Einzugsbereich der viel weiter entfernt gelegenen Kreuzberger Fanny-Hensel-Grundschule. „Sie bekommen Anfang Mai 2008 Ihren Bescheid, warten Sie’s einfach ab. Fast alle Wünsche auf Einschulung in einer anderen Grundschule können befriedigt werden.“ So hörten wir’s damals landauf landab, unisono von Amtsmitarbeiterinnen, Schulleiterinnen und zuständigen Stellen. Aber die letzten Auskünfte, die ich telefonisch einhole, lauten ganz anders: „Es sieht schlecht aus. Wir sind voll. Ohne Geschwisterkind werden Sie bei Ihrer Wunschschule nicht reinkommen.“ Das Friedrichshain-Kreuzberger Schulamt ist offensichtlich überflutet und überfordert, kommt mit Anträgen und Fristen nicht zurecht. Wo bleibt bloß der Bescheid, der schon vor 6 Wochen hätte eintreffen müssen? Wird unser Sohn jetzt in eine Schule gehen, an der nach eigener Auskunft 41% der Kinder die Türkei, 32 % den Libanon und 6% Polen als „Herkunftsland“ angeben? Müssen wir umziehen? Soll unser Sohn die deutsche Schule in Moskau besuchen? Man lese doch im auskunftsfreudigen Schulprogramm der Fanny-Hensel-Schule nach! Kann unser Sohn gut genug Türkisch, Arabisch und Polnisch, um auf dieser Schule mithalten zu können? Wird er mit Deutsch und Russisch als Muttersprachen nicht zum Außenseiter abgestempelt werden? Zweifel und Ängste sind angebracht.

Interessant hingegen ist die ethnologische Perspektive: Der Tagesspiegel bringt heute auf S. 16 einen weiteren Hintergrundbericht zu Mentalitätsunterschieden zwischen Deutschland und den Herkunftsländern unseres multikulturellen Umfeldes: Fatma Bläser vom Verein Hennamond berichtet an verschiedenen Berliner Grundschulen, wie sie in der Türkei zwangsverheiratet wurde, dann aber trotz einer Reihe von Morddrohungen den Ausstieg schaffte:

14 500 Schüler, 137 Schulen – Fatma Bläser findet Gehör

Die Ausreise nach Deutschland in den 70er Jahren empfand Fatma zunächst als Befreiung, doch bald fing der Vater an, sie wegen Nichtigkeiten zu schlagen und zu Hause festzuhalten. Als sie die Schule beendet hatte, wurde sie in der Türkei zwangsverheiratet: Zurück in Deutschland weigerte sie sich, ihren Ehemann anzuerkennen. Stadttdessen heiratete sie einen Deutschen. Es kam zum Bruch mit der Familie, ein Mordkommando wurde auf sie angesetzt. Als es aufflog, sollten ihre Brüder sie töten. Zwei weigerten sich, einer kam mit einer Pistole zu ihr, ließ sich aber von seinem Vorsatz abbringen. Erst nach zehn Jahren kam es zu einer Aussöhnung mit ihren Eltern.

Zwangsverheiratungen scheinen auch in Berlin ein häufiges Phänomen zu sein. Schön, wenn man bereits an der Grundschule in diese Unterrichtsgegenstände eingeführt wird. Unser Sohn wird somit eine exzellente Grundausbildung im Bereich interkultureller Verständigung erfahren. Übrigens: Wir werden ihn nicht zwangsverheiraten. Er wird selbst entscheiden.

Über die Grundschule, die unsere Kinder besuchen, dürfen wir ja leider in Berlin nicht selbst entscheiden.

Schulamt Friedrichshain-Kreuzberg: Wir warten. Wie können wir euch helfen?

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„Habt ihr denn schon eine Schule für Wanja?“

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Dez. 192007
 

So fragen gleichlautend ein Leser aus Barcelona und eine Leserin aus Prenzlauer Berg. Ich darf antworten: Ja, wir haben Wanja ordnungsgemäß bei der für uns zuständigen Grundschule, nämlich der Fanny-Hensel-Schule, angemeldet. Gleichzeitig reichten wir dort einen Antrag auf die Einschulung in der Adolf-Glassbrenner-Schule ein. Wir hatten diese Schule am Tag der offenen Tür besichtigt (dieses Blog berichtete am 25.10.2007), Wanjas Bruder Tassilo hat sie ebenfalls besucht und ein gutes Zeugnis abgelegt, und sie liegt sehr viel näher an unserer Wohnung als die Fanny-Hensel-Schule, die eigentlich für ein Kind, das zu Fuß geht, schon zu weit weg liegt.

Dem jahrgangsübergreifenden Unterricht kann man jedoch hier an den Berliner Grundschulen nicht entgehen. Er erinnert mich an den jahrgangsübergreifenden Unterricht an den Dorfschulen, von dem die Urgroßväter erzählten (“ … und es ist doch noch was G’scheites aus uns ‚worden!“). Für Menschen, die aus einem stärker leistungsfördernden Schulwesen kommen, ist dies ein Schauspiel, bei dem man erst einmal die Luft anhält. Wird unser Wanja hier drei Jahre lang das Alphabet lernen bzw. es im Sinne besserer Sozialkompetenz anderen beibringen – das er jetzt schon ohne einen einzigen Tag Grundschule kann, und zwar in kyrillischen und in lateinischen Buchstaben?

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Es geht doch: Deutsche Viertklässler sind beim Lesen in der Spitzengruppe

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Nov. 292007
 

Die gestern vorgestellte neue IGLU-Studie meldet Erfreuliches. Deutsche Viertklässler liegen nunmehr klar in der Spitzengruppe bei den Lesefertigkeiten. Der Abstand zwischen Jungen und Mädchen hat sich verringert. Wir Jungs sind gar nicht so unbegabt. Ganz vorne liegt – Russland. Also hat meine russische Frau irgendwo doch recht, wenn sie fragt: Wann fangt ihr in Deutschland mit dem Lernen an? Immerhin: Die deutsche Einheitsschule – also der gemeinsame Unterricht für alle Kinder in den Jahrgangsstufen 1 bis 4 – steht mittlerweile im internationalen Vergleich sehr gut da – erstklassige Arbeit, die unsere Grundschullehrer leisten! Sorge bereitet nach wie vor das soziale Ungleichgewicht bei den weiterführenden Schulen. Sobald die Aufspaltung in Hauptschule, Realschule, Gymnasium erfolgt, werden sozial bedingte Ungleichgewichte zementiert, Potenziale der Kinder aus den unteren Einkommensschichten bleiben ungenutzt. Hier können Sie das IGLU-Projekt nachlesen! Lesen Sie auch meinen Antrag zum kommenden Bezirksparteitag der CDU in Friedrichshain-Kreuzberg:

„Die Gruppe der Schüler, die besonders wenig lernen oder die Schule ohne Abschluss verlassen, ist in Friedrichshain-Kreuzberg viel zu groß. Der Schulerfolg hängt in Friedrichshain-Kreuzberg noch stärker von der sozialen und ethnischen Herkunft ab als in anderen Bezirken. Das nehmen wir Christdemokraten in Friedrichshain-Kreuzberg nicht hin, sondern arbeiten daran, möglichst alle Schülerinnen und Schüler zur höchsten ihnen möglichen Leistung zu führen. Dabei setzen wir vom ersten Schultag an neben Ermutigung zum selbstständigen Lernen auch auf bewährte Tugenden wie Fleiß, Pflichtbewusstsein, Höflichkeit und Gehorsam.

Die CDU Friedrichshain-Kreuzberg stellt fest, dass das derzeit vom Senat betriebene Projekt der Gemeinschaftsschule bereits in der jetzigen Pilotphase sowohl von den Schulen selbst wie auch von Eltern und Schülern mehrheitlich abgelehnt wird. Nicht hinreichend bedachte Experimente wie die Gemeinschaftsschule, die von den Beteiligten nicht angenommen werden, bedeuten hinausgeworfenes Geld, das anderswo sinnvoller eingesetzt werden könnte.

Derzeit gilt nämlich unverändert, dass die übergroße Mehrheit aller Berliner Eltern und Schüler die Oberschule bzw. das Gymnasium anstrebt, weil die beiden anderen Schulformen, besonders die Hauptschule, durch eine jahrzehntelange verfehlte Bildungs- und Integrationspolitik ihr Ansehen eingebüsst haben.

Ob das dreigliedrige Schulsystem mit Hauptschule, Realschule und Oberschule/Gymnasium in Berlin noch zu retten ist, wird sich erst am Ende eines ideologiefreien Diskussionsprozesses zeigen. Wir befürworten eine gründliche Debatte über die Zukunft des Berliner Schulwesens ohne vorschnelle Festlegungen.“

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Nov. 262007
 

Wichtige neuere Bildungsstudien scheinen zu belegen, dass kein nachweisbarer Zusammenhang zwischen der äußeren Organisation des Schulwesens und dem Lernerfolg besteht. Es kommt offenbar nicht so sehr darauf an, ob die Schüler in einer Einheitsschule oder einem gegliederten Schulwesen unterrichtet werden. Sowohl die TIMS-Studie 1997 als auch die Iglu-Studie 2001 und die Pisa-Studie 2003 lassen keine Rückschlüsse darauf zu, welches Schulsystem – das gegliederte oder das Einheitsmodell – grundsätzlich besser ist. Allerdings haben deutsche Schüler in den Vergleichsstudien stets nur im Mittelfeld abgeschnitten. Viel wichtiger als Schulformen sind offenbar Unterrichtsformen. Verschiedene Forscher kritisieren im Tagesspiegel von heute, 26.11.2007, S. 29, die Erkenntnisse der vergleichenden Bildungsforschung seien zwar auch in Deutschland zur Kenntnis genommen worden, doch hapere es an der praktischen Umsetzung, an Geld für Fortbildung, konkreten Plänen und Nachschulungen des lehrenden Personals. Das ständige Analysieren und Messen sei nur ein erster Schritt, aber: „Vom Wiegen wird die Sau nicht fett!“

Wir brauchen also nach Meinung dieser Experten besseren Unterricht, nicht notwendigerweise neue Schulformen.

Ich meine sogar: Ohne Fleiß kein Preis. Man sollte nicht immer alles den Lehrern anlasten. Sie tun viel Gutes, aber zum Lernen gehören auch Schüler – und Eltern.

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Okt. 252007
 

glasbrenner.jpg
Am heutigen Schnuppertag öffnete die Adolf-Glaßbrenner-Schule ihre Tore weit. Alle Eltern und Kinder, die im nächsten Jahr schulpflichtig sind, werden herzlich willkommen geheißen. Wir führen ungezwungene Gespräche mit der Sekretärin, der Religionspädagogin, zwei Lehrerinnen und der Schulleiterin. Vor allem aber dürfen wir den Unterricht besuchen und lauschen. Die Jahrgänge 1 und 2 werden zusammen unterrichtet. Dies wird verpflichtend für ganz Berlin vorgeschrieben. Es erinnert mich an die Zwergschulen der 50er Jahre mit ihren jahrgangsgemischten Klassen, die dann gegen heftigen Widerstand der konfessionell gebundenen Eltern abgeschafft wurden. Die Kinder machen alle eifrig mit, obwohl die Steuerung des Lerngeschehens den Lehrern sicherlich mehr abverlangt als bei herkömmlichen Jahrgangsklassen. Ich bin recht begeistert und sage dies zu der neben mir sitzenden Mutter. – Am Ende unseres Besuches trage ich einen Streit mit meiner Frau Ira über das deutsche Schulwesen aus. Sie ist der Meinung, dass es den Kindern in Deutschland viel zu leicht gemacht wird, dass Talente vergeudet werden und keine Leistung gefordert wird, ganz im Gegensatz zu Russland. Alles sei immer zum Vergnügen da, man habe Angst, die Kinder zu beanspruchen. – Ich spreche noch einmal mit einer Lehrerin. Sie meint, gerade Hochbegabungen und auch besonders schwache Begabungen könnten mit dem neuen System des binnendifferenzierten Unterrichtens besonders gut gefördert werden. Ich habe jedenfalls einen sehr guten Eindruck von dieser Schule. Sie steht jetzt oben auf der Liste. Auch mein erster Sohn Tassilo hat diese Schule besucht.

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Richtige Grundschule für unser Kind (2)

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Okt. 102007
 

Die Clara-Grunwald-Grundschule hatte gestern „offene Tür“ angekündigt. Ich nutze die Mittagspause, um der Schule, die auf unserer „Auswahlliste“ steht, einen Besuch abzustatten. Es ist halb eins. Schülerinnen und Schüler strömen mir entgegen. Ein etwa 50-jähriger Mann in Jeans und Turnschuhen verlässt das Gebäude – ohne Kind. Das muss ein Lehrer sein, denke ich.

Ich kenne die Kinder dieser Schule von meinen Aufenthalten auf dem benachbarten öffentlichen Spielplatz, wo unser Wanja oft mit Wonne herumturnt. In der großen Vormittags-Pause heißt es immer: Manege frei!, und die Kinder stürmen aus dem Schulhof und ergreifen Besitz von den wippenden Hängebrücken, den Pfahlbauten auf dem öffentlichen Spielplatz. „In der Pause gehört der Spielplatz uns!“ wurde ich einmal durch eine Schülerin belehrt. Das klang wie ein Platzverweis. „Dürfen wir bleiben?“ fragte ich unterwürfig bei einer Lehrerin an. Ich verstand die Antwort so: Wir – also ein vierjähriges Kind mit seinem Vater, sind selbstverständlich geduldet. Dem Wanja ist nichts passiert, die wesentlich älteren Kinder scheinen meist Rücksicht zu nehmen.

Ich klopfe im Sekretariat an. Die Sekretärin sagt mir: „Der Tag der offenen Tür – war!“ Na prima, ich habe vergessen, dass der Tag in den meisten Schulen zur Mittagszeit zu Ende ist. Dabei wäre es für mich interessant gewesen zu sehen: Was machen die Kinder nach Schulschluss, wenn beide Eltern arbeiten? Gibt es ein Mittagessen? Was essen die Kinder? In welcher Stimmung sind sie nach einem Schulvormittag? Was letzteres angeht, so sind meine Eindrücke klar: Alle Kinder, die mir entgegenwuseln, wirken fröhlich, neugierig, nicht im mindsten müde, einige scheinen vor Unternehmungslust zu bersten. Keines schlendert abgespannt oder mit hängendem Kopf, die meisten sind in Gespräche einbezogen.

Ich erhalte von der sehr freundlichen Mitarbeiterin im Sekretariat einen Informationsbogen und einen Hinweis auf den nächsten „Vormittag der offenen Tür“, am 12. November 2007. Es gibt Hospitationsmöglichkeiten in den 1/2/3-Klassen. Das merke ich mir vor. Diese Schule arbeitet nach dem Prinzip der Altersmischung, also in Klassenverbänden mit ca. 24 Kindern der Klassenstufen 1-3 oder 4-6. Die Arbeit findet auf der Grundlage der Montessori-Pädagogik statt. Ich bin neugierig geworden!

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Okt. 012007
 

Nächstes Jahr kommt unser Sohn Wanja in die Grundschule. Mühsam suchen wir Informationen zusammen. Die drei nächstgelegenen Grundschulen in Kreuzberg wissen noch nicht verbindlich, zu welchem Einzugsbereich wir gehören. Drei Schulen geben mir drei unterschiedliche Auskünfte! Die größte Wahrscheinlichkeit hat jedoch die Fanny-Hensel-Grundschule für sich. Das würde bedeuten, dass unser Wanja ab nächstem Schuljahr eben diese Schule besucht, sofern wir nicht einen Antrag auf Einschulung in einer anderen Anstalt stellen und dieser vom Amt genehmigt wird. Diese Schule hat die beste Website unter den von mir eingesehenen Grundschul-Websites! Im letzten Schuljahr hatten die Schüler der Fanny-Hensel-Grundschule folgende Herkunftsländer: Türkei 41%, Libanon 32%, Deutschland 12%, Polen 6%, sonstige 9%. Gut auch, dass im Schulprogramm Probleme wie Arbeitslosigkeit, Spracharmut, gesüßte Getränke, hoher Weißmehlanteil im „sichtbaren Bereich der Ernährung“ direkt benannt werden. Diese Schule pflegt eine offene Sprache, sehr gut! Werden wir die im Schulprogramm angebotenen Chancen zum interkulturellen Zusammenleben, zur Sicherheit und Gewaltfreiheit freudig ergreifen? Es gibt Zweifel. Wir werden es besprechen. Die Würfel sind noch nicht gefallen. Fand dann noch eine sehr gute Web-Site, und zwar vom Landeselternausschuss Berlin. Bestes Angebot, beste Informationen, obwohl ehrenamtlich gemacht!

 Posted by at 13:13