Immer wieder nutze ich meine zahlreichen Begegnungen mit Afrikanern und Europäern, die in Afrika leben, um mich aus erster Hand über die Lage in den 55 afrikanischen Ländern zu informieren.
Die Vorgänge am Kreuzberger Oranienplatz und in der besetzten Kreuzberger Schule lösen in mir seit langem nur noch Entsetzen und Staunen über so viel Leichtgläubigkeit und so viel Dilettantismus der Berliner Landespolitik aus. „Wie kann man sich so ins Bockshorn jagen lassen und zugleich die Rechtsstaatlichkeit preisgeben?“
Danke Dilek Kolat!? Danke Monika Hermann?! Danke Frank Henkel?! Danke Klaus Wowereit?! – Das alles klingt in meinen Ohren nur noch wie Hohn, zumal das lächerliche Stück noch nicht abgeschlossen ist. Es gibt sicherlich einen Nachschlag zu der ganzen Komödie, die wir Steuerzahler finanzieren müssen!
Ergebnis meiner tour d’Horizon unter Afrikanern: Afrika ist ein unermesslich reicher Kontinent, der riesige Entwicklungschancen hat. Vor allem sind reichlich Bodenschätze vorhanden, der Kontinent kann sich dank vieler landwirtschaftlicher Nutzflächen selbst ernähren, er kann eigene Produkte ausführen, und die Bevölkerungsstruktur ist günstig, da sehr viele junge Menschen aufwachsen.
Die Probleme liegen in den Kriegen einiger Länder um Ressourcen, im Mangel der Rechtsstaatlichkeit, in Diktaturen und in betrügerischen Kleptokratien.
Afrika hat etwa 1,2 – 1,3 Mrd. Einwohner. Zur Zeit sind etwa 12-14 Millionen Afrikaner auf dem Kontinent durch Vertreibungen und Kriege zur Wanderschaft gezwungen. Bei guter Bewirtschaftung, bei guter Regierungsführung hingegen braucht kein Afrikaner zu fliehen! Die Massenflucht, die Masseneinwanderung in andere Kontinente ist für die Afrikaner keine echte Perspektive. Nur durch Befriedung der Staaten und durch den Aufbau funktionierender Strukturen kann ihnen eine Perspektive geboten werden. Hierfür liegt die Hauptverantwortung bei den Mächtigen der afrikanischen Staaten.
Ich bin überzeugt: Die afrikanischen Länder müssen es selber schaffen. Sie können alle Voraussetzungen für einen Aufschwung des Kontinentes selber schaffen.
Größte Hochachtung hege ich beispielsweise für den Verein Center of Hope for Dakawa, der in Berlin-Kreuzberg seinen Sitz hat. Dakawa liegt im Bezirk Morogoro im südlichen Hochland von Tansania. Für Tansania wird eine Schule, ein Waisenhaus, ein Altenheim, eine selbsttragende Landwirtschaft gepant.
Ziel des ‚Center of Hope for Dakawa e.V.‘ ist die Gründung und der Aufbau eines Bildungs- und Sozialzentrums zunächst als Internat und Waisenhaus. Dort sollen Waisen und behinderte Kinder als interne Schüler leben und Kinder aus der Umgebung als externe Schüler am Unterricht teilnehmen. Gleichzeitig soll Wohnraum für alte Menschen geschaffen werden, perspektivisch auch ein Ausbildungszentrum für erwachsene. Weitere Ziele des Projektes sind der Aufbau und die begleitende Unterstützung von Strukturen der Selbsthilfe und Selbstversorgung in den Bereichen Landwirtschaft und Viehzucht, Gesundheitswesen, sowie Aus- und Weiterbildungen.Landwirtschaft und Viehzucht sollen der direkten Versorgung des Zentrums dienen und dieses dadurch wirtschaftlich unterstützen.
Was noch fehlt, ist Geld. Während am Oranienplatz in Kreuzberg laut Morgenpost vom 14.04.2014 6 Millionen Euro allein für die Aufräumarbeiten eines schlecht inszenierten medialen Spektakels – genannt Flüchtlingscamp – bereitstehen, würden 200.000 Euro ausreichen, um in Tansania Land zu kaufen, Gebäude zu errichten und eine blühende Gemeinschaft in aufzubauen.
6-9 Milliarden kostet der neue Berliner Flughafen, 6 Millionen kostet das Beseitigen der Umweltschäden durch das Camp am Oranienplatz! Und für 200.000 Euro könnte man ein Vorzeigeprojekt in Tansania finanzieren, aufbauen und in eine selbsttragende Existenz entlassen.
6-9 Milliarden für einen Flughafen, der irgendwann vielleicht in Betrieb gehen wird – 6 Millionen für die Schadensbeseitigung am Oranienplatz. Das sind die Dimensionen.
Mit derartiger unfassbarer Fahrlässigkeit gibt die Berliner Politik sinnlos Geld aus, das anderweitig viel besser verwendet würde.
Und 200.000 Euro für eine Schule und eine Landwirtschaft in Dakawa. Damit könnte man einen Keim der Hoffnung säen, der vielfache Frucht tragen wird.
„Для нас всегда Бах Бах / Für uns bleibt Bach immer Bach.“ So vertraute es uns vor wenigen Tagen eine Musiklehrerin aus der Stadt Керч oder auch aus der Stadt Керчь oder auch aus der Stadt Keriç an. Im Hintergrund spielten die Schüler gerade den Sommer von Vivaldi.
Leider brechen jetzt zwischen den Ukrainern und den Russen die jahrzehntelang schwelenden Feindseligkeiten eruptiv wieder auf. Leider stelle ich immer wieder fest, dass die nicht bewältigte Vergangenheit vor allem der Jahre 1917 bis 1951 sich wie Mehltau auf die Beziehungen zwischen den Völkern und den Staaten im einstigen Ostblock legt. Die meisten Ukrainer kämpften von 1941 bis 1945 mehrheitlich auf einer anderen Seite als die meisten Russen. Sie kämpften mit den Deutschen für die Befreiung vom russisch-sowjetischen Joch. Sie zogen das Bündnis mit Deutschland der Unterdrückung durch Stalin vor. Nach 1945 brannte der verheerende Bürgerkrieg noch 5 Jahre weiter. In der Sowjetunion war es nicht möglich, eine echte Aussöhnung zwischen den Ukrainern und den Russen herbeizuführen. Die brutalen Vertreibungen der Krimvölker, das unvergessene totalitäre Terrorregime, die berüchtigten репрессии während der sowjetischen Herrschaft hat der russische Präsident erstaunlicherweise bei seiner Rede zur Annexion der Krim ungeschminkt beim Namen genannt. Diese Passagen der Rede werden bei der Diskussion in westlichen Ländern stets geflissentlich unterschlagen.
In den Ohren klingt mir noch die herrliche Musik Bachs, die Suite Nr. 3 in C-dur für Violoncello solo, hier wiederum vor allem die unfassbar tröstliche Allemande, die Мстисла́в Ростропо́вич oder auch Мстислав Ростропо́вич oder auch Mstislav Leopoldoviç Rostropoviç kurz nach der Öffnung der Berliner Mauer am ehemaligen Todesstreifen spielte.
Ich glaube: Der Todesstreifen des Hasses darf nicht breiter werden. Ich hoffe, dass das russisch-ukrainisch-tatarische Jugendorchester der Musikschule in Керч/Керчь/Keriç schon bald den Winter des Ungemachs mit Vivaldis Sommer vertreiben wird.
Schlimme Nachrichten höre ich von den Russen und den Ukrainern, mit denen ich privat spreche. Die Zeichen stehen in diesen Tagen auf Krieg zwischen Russland und Ukraine, wobei Russland meinen Eindrücken nach eindeutig die Rolle des Kriegstreibers ausführt. Die Ukrainer rechnen mit dem Schlimmsten. Moskau setzt offenbar alles daran, durch haltlose Greuel-Propaganda und verdecktes Einschleusen von eigenen Soldaten ins Staatsgebiet der Ukraine Fakten zu schaffen. Moskau wärmt dabei die uralte russische Reichsidee wieder auf: Russland als Herrscher, der Zar als „Friedensfürst“ über die umgebenden Völker. Die ukrainischen Männer melden sich bereits scharenweise freiwillig zur Armee. Das lässt nur einen Schluss zu: Moskau versucht in diesen Tagen die Ukraine zu demütigen und dann durch militärische Aktionen die eigene Macht zu stärken. Ich meine: Klare Stopp-Signale an Moskau, an Putin, wie sie der Westen und insbesondere die Bundesrepubik Deutschland – Bundestag und Bundesregierung – senden, sind richtig. Ein Krieg dient den Menschen nicht. Die Menschen wollen den Krieg nicht, weder die Russen noch die Ukrainer wollen den Krieg.
Die Ukraine ist ein souveräner Staat. Staaten haben ein Recht darauf, die eigenen Probleme selbständig, ohne Gewaltanwendung von außen zu lösen.
Einer meiner russischen Gesprächspartner fasste seine Einsichten in russischer Sprache so zusammen: „Украина может и должна самостоятельно разобраться со своими внутренними проблемами. Максимум, который может сделать Россия – принять беженцев, переселенцев, … Все! Ни армии, ни вмешательства, ни вторжения.“
Ukraine kann und muss mit seinen internen Problemen selbständig zurechtkommen. Das Maximum, was Russland leisten kann, ist die Aufnahme von Flüchtlingen und Übersiedlern. Mehr nicht! Weder Armee noch Einmischung noch Invasion sind angesagt.
Bild: vor der Russischen Botschaft Unter den Linden, Berlin, 02.03.2014
Es zerreißt mir schier das Herz. Ein Todesopfer polizeilicher Gewalt hatten wir schon vor Wochen zu beklagen in unserem ukrainischen Bekanntenkreis. Allerdings erfolgte der mörderische Übergriff nicht in Kiew, folglich wird davon auch nichts berichtet in den westlichen Medien.
Es ist selbst für die in Deutschland lebenden Ukrainer und Russen, mit denen ich spreche, fast unmöglich, im ukrainischen Pulverdampf die Orientierung zu bewahren. Die meisten westlichen Beobachter (Journalisten, Politiker, „Experten“) flattern nur wirr durcheinander. Von den EU-Staaten, ja von der EU selbst kommt wenig Zielführendes. Sie kennen sich schlechterdings nicht aus. Sie stochern im Nebel. Falsch wäre es vom „Westen“, hier in diesen bürgerkriegsähnlichen Zuständen eine „Partei“ zu ergreifen und die amtierende Regierung ersetzen zu wollen. WAS KÄME DENN DANACH? Dieselbe Frage warfen wir bereits beim Thema Libyen, beim Thema Syrien auf. Sie stellte sich in 80er Jahren in Afghanistan, später in Iran, später in Irak.
Da passt uns gut die Stimme Marina Weisbands in den Kreuzberger Kram: eine der wenigen ernstzunehmenden Stimmen aus Deutschland, die in vielerlei Hinsicht den Nagel auf den Kopf trifft. Marina Weisband muss man in Deutschland unbedingt ernstnehmen:
Die EU-Staaten müssen sich in Ermangelung echter Einsichten in die tatsächliche Lage meines Erachtens für folgendes aussprechen:
1) Für das Rechtsstaatsprinzip. Staatlichkeit bedeutet Rechtlichkeit. An einem Zerfall staatlicher Zustände in Ukraine kann niemand ein Interesse haben.
2) Für die Legitimität der jeweils amtierenden, gewählten Regierung. Dies fällt schwer, aber es ist so. Staaten müssen einander als souveräne Gebilde anerkennen.
3) Gegen Gewalt. Verzicht der Demonstrierenden auf Waffen und auf Gewalt.
4) Für die Freiheit des Wortes. Gewaltfreie Dialogforen schaffen.
5) Recht und Ordnung als Grundlagen des Zusammenlebens anerkennen.
6) Demokratie beruht auf Spielregeln (Gesetzen). Diese Spielregeln müssen für alle gelten. Der Staat hat das Recht, sie durchzusetzen. Politiker müssen sich in Wahlen um ein Mandat bewerben.
7) Frieden für alle, Recht für alle, Freiheit für alle – das sind die obersten Zielpunkte politischen Handelns, nicht Macht, Einfluss, Wohlstand.
Vor drei Tagen fragten wir nach einem unbekannten deutschsprachigen Autor, der durch eine Äußerung hervorgetreten war, die wir nicht umhin kamen rassistisch zu nennen. Wir vermuten: Träte dieser Autor heute etwa in der Humboldt-Universität auf, begäbe er sich heutigentags etwa zum lockeren Plausch in das berühmte Gasthaus Hasir bei uns in der Adalbertstraße, würde er sich etwa in eine der beliebten Talkshows wagen, er würde keine 2 Minuten auf seinem Platz bleiben dürfen. Er würde sofort niedergebrüllt oder rausgeworfen, und zwar unter anderem wegen folgenden Satzes:
„Schon heute vermehren sich unkultivierte Rassen und zurückgebliebene Schichten der Bevölkerung stärker als hochkultivierte.“
Der Name des leibhaftigen Gottseibeiuns: Sigmund Freud.
Sigmund Freud, der bekanntlich vor den Nazis aus Wien floh, würde heute in London nicht mehr aufgenommen.
Zitat:
Sigmund Freud: Warum Krieg?, in: Sigmund Freud: Werkausgabe in zwei Bänden. Band 2: Anwendungen der Psychoanalyse. Herausgegeben und mit Kommentaren versehen von Anna Freud und Ilse Grubrich-Simitis. S. Fischer Verlag, Frankfurt 1978, S. 483-493, hier S. 492
„Bitte etwas mehr Differenzierung! Wir Polen/Deutsche/Russen/Juden sind oder waren nicht alle so, wie ihr denkt … !“ So kann man es immer wieder bei geschichtlichen Debatten hören.
Gestern schlugen Studentinnen (?) und Studenten (?) der Humboldt-Universität bei einer grandios-simplifikatorischen Niederbrüllaktion gegen den Bundesverteidigungsminister vor, man solle einfach Deutschland abschaffen, dann würde auch der Krieg abgeschafft. „Nie wieder Krieg, nie wieder Deutschland!“ verkündeten sie grölend und plärrend, aber auch durch ein deutlich sichtbares Laken (Leichentuch?) gegen Deutschland. Hier kommt das entsprechende Video mit der zitierten Aufschrift:
http://www.youtube.com/watch?v=R65c3s0UjaQ
Könnte man also durch die von den Studierenden beabsichtigte Selbstauflösung Deutschlands zugleich den Krieg weltweit abschaffen? „So einfach ist es nicht!“
„Bitte etwas mehr Differenzierung!“ Tja, wer wollte dem widersprechen! Mehr Differenzierung tut immer gut. Aber daneben gilt es doch auch, das große Ganze in den Grundlinien zutreffend, einigermaßen vollständig zu zeichnen. Wir brauchen auch das holzschnittartige Geschichtsbild!
Ein einigermaßen zureichendes, holzschnittartiges Gesamtbild der europäischen Entwicklungen, wie es etwa in „Unsere Mütter, unsere Väter“ versucht wird, ist aber ohne Einbeziehung der auf militärische Expansion zielenden Politik der Sowjetunion und auch Polens in den Jahren 1920-1941 nicht möglich.
Und so fällt mir an dieser wie auch an zahlreichen anderen Debatten immer wieder auf, dass das gesamte Schicksal Ostpolens in den Jahren 1919-1941 von den Nichtpolen, darunter offenbar auch vom ZDF, nahezu vollständig vergessen oder schlicht ignoriert wird. Hier, im damaligen Ostpolen bzw. der heutigen Ukraine wurde beispielsweise 1920 ein erbitterter Krieg zwischen Polen und der Sowjetunion ausgefochten, dessen Folgen sich weit in die 40er Jahre hineinschleppten. Polen gewann damals den bis heute historisch nicht völlig aufgearbeiteten Krieg und konnte ganz erhebliche Gebietsgewinne verbuchen.
Im September 1939 wiederum überfiel im Gegenzug die Sowjetunion mit ihren Truppen Polen von Osten her und besetzte die Osthälfte des gemeinsam mit Deutschland unterworfenen Landes. Damit trägt die Sowjetunion ab 1939 eine maßgebliche Beteiligung an der Entstehung der Verkettung all jener militärischen Konflikte, die später, etwa ab August 1941, in grober, holzschnittartiger Vereinfachung als „2. Weltkrieg“ zu bezeichnen ist.
Erstaunlicherweise sind die Russen sogar heute teilweise immer noch der irrigen Meinung, für sie habe der 2. Weltkrieg erst im August 1941 begonnen. So war es aber nicht. Die Russen waren von Anfang an, ab September 1939 Teilhaber und Spießgesellen der deutschen Beutezüge. Die Armeen des Deutschen Reiches und der Sowjetunion feierten denn auch ihren gemeinsam errungenen raschen Sieg über Polen am 22.09.1939 in einer großen gemeinsamen Parade in Brest-Litowsk. Deutschland und Russland blieben bis August 1941 enge militärische Partner und Verbündete gegen die Polen, die Briten und die Franzosen. Sowjets und Deutsche standen einander im Ausmaß des gegen die Polen, Juden, Ukrainer und Weißrussen verübten Terrors und der Vernichtung wohl kaum nach.
Ähnlich den Deutschen begingen die Sowjets, also die „Russen“, wie sie damals genannt wurden, schwerste Massenverbrechen: Massenerschießungen, Verschleppungen, Massendeportationen, Ausplünderung von Hab und Gut auf dem eroberten Territorium. Diese gut dokumentierten, aber während der Herrschaft des Kommunismus verleugneten Tatsachen sind bis heute leider außerhalb Polens und außerhalb der Zunft der Osteuropahistoriker fast unbekannt. Auch in den Massenmedien – etwa bei Filmemachern – scheinen sie überwiegend nicht geläufig zu sein. Ein zureichendes Gesamtbild der europäischen Entwicklungen ist aber ohne Einbeziehung der auf militärische Expansion zielenden Politik Polens und der Sowjetunion in den Jahren 1920-1939 nicht möglich.
Isâ ben Butrus, so hieß in arabischer Sprache der Stifter und Besitzer des glanzvollen “Aleppo-Zimmers” im Pergamon-Museum zu Berlin. Fünf Mal entdecken wir Maria mit Jesus, zwei Mal den heiligen Georg. Das Opfer Abrahams, oder Ibrahims, wie er auf arabisch heißt, wird ebenso dargestellt wie das letzte Abendmahl Jesu. Isâ ben Butrus war Christ, er gehörte zur blühenden Gemeinde im damals osmanisch beherrschten, heute syrischen Aleppo. Das Zimmer ist eindeutig auf 1009-1012 islamischer Zeitrechnung datiert, also auf 1600-1603 nach Chr.
Aleppo! Haleb! Chalybon!
Eine der ältesten Städte der Menschheit, tausendfach besungen und erwähnt, deren Geschichte sich anhand all der Stücke im Pergamonmuseum als ununterbrochener Faden nacherzähen lässt.
Und heute stellen wir die Frage:
Waffenlieferungen nach Syrien – ja oder nein?
Gerade in diesen Tagen taucht die Frage auf, ob europäische Staaten, etwa Frankreich, das Vereinigte Königreich oder die Bundesrepublik Deutschland Waffen an oppositionelle Kräfte in Syrien liefern sollten.
Die nachstehende Analyse dieser Frage habe ich als einfacher Staatsbürger Deutschlands ausschließlich aufgrund meiner Gespräche mit politisch nicht aktiven Bürgern Syriens sowie verschiedener anderer Staaten des Nahen Ostens und aufgrund des Studiums offen zugänglicher Quellen erstellt und übernehme dafür persönlich die Verantwortung.
1) Wie in den Nachbarstaaten Irak, Jordanien und Libanon auch verlaufen die Kämpfe in Syrien zwischen unterschiedlichen, verwandtschaftlich, ethnisch und religiös gebundenen Netzen. Es geht allem Anschein nach, so meine ich zu verstehen, in Syrien im Wesentlichen um einen Machtkampf, nicht um einen Kampf für mehr Menschenrechte oder mehr Demokratie. Eine politisch aktive Zivilgesellschaft mit politischen Debatten, mit erkennbaren, einander entgegengesetzten politischen Grundwerten wie in Israel oder der Türkei existiert in Syrien nicht.
2) Im Gegensatz zu allem, was man vermuten möchte, bot das herrschende syrische Regime die Möglichkeit eines vergleichsweise liberalen Wirtschaftens, einer vergleichsweise freiheitlichen moderaten Lebensführung, solange der absolute Machtanspruch der syrischen Baath-Partei, der durch wirtschaftliche Gratifikationen und durch die in allen arabischen Staaten flächendeckend vertretene Geheimpolizei durchgesetzt wurde, unangetastet blieb. Ideologisch-religiös sind die alawitischen Eliten Syriens eher liberal, teilweise offen säkular eingestellt. Die Religion wird als Privatsache angesehen, der wachsende Machtanspruch des politischen Islams wird als Bedrohung empfunden.
3) Islamistische Gruppen sahen im Gefolge des sogenannten „Arabischen Frühlings“ offenbar auch die Chance gekommen, das ihnen nicht wohlgesonnene Baath-Regime zu stürzen. Sie haben es anscheinend darauf angelegt, das herrschende Regime zu destabilisieren und durch gezielte, auch gewaltsame Einzelaktionen die ebenso entschlossene, erwartbar brutale Unterdrückung durch den syrischen Machtapparat herauszufordern.
4) Die Uhr des jetzigen Machthabers scheint abzulaufen. Der Unterdrückungsapparat hat zu viele Gegenreaktionen der Opposition herausgefordert. Die Spaltungslinien des Bürgerkriegs verlaufen entlang der Grenzen der Verbände der religiös-politischen Denominationen.
5) Die gesamte politische Landschaft in Syrien ist im Wesentlichen durch Macht- und Verteilungskämpfe geprägt. Es gibt keine Parteienlandschaft in unserem Sinne, sondern nur Lager, diverse Führungspersönlichkeiten, Clans und Verbände.
6) Keine der oppositionellen Gruppen in Syrien kann mit Fug und Recht beanspruchen, für mehr Bürgerrechte, mehr Demokratie oder mehr Menschenrechte zu kämpfen. Die oppositionellen Gruppen wollen vielmehr das jetzige Regime stürzen, um anschließend selbst einen möglichst großen Teil der Macht zu erringen.
7) Gemäßigte Nachfolgeregimes sind in Syrien nicht zu erkennen.
8) Kein europäischer Staat kann wissen, auf welches Pferd er setzen sollte. Es gibt keine plausible Antwort auf die Frage: Was oder besser wer kommt nach dem Sturz des jetzigen Machthabers?
9) Von Waffenlieferungen in das Land Syrien rate ich deshalb jetzt und auch weiterhin nachdrücklich ab. Die EU-Staaten sollten sich meines Erachtens nicht in die militärische Auseinandersetzung einmischen.
10) Sinnvoll ist es, wenn die deutsche Außenpolitik und die – leider nicht vorhandene – EU-Außenpolitik sich konfliktmäßigend und mitfühlend mit den Opfern äußert, das Ende der Waffengewalt fordert, einen friedlichen Übergang befürwortet, die uralte Kulturlandschaft Syriens preist, die furchtbaren Zerstörungen in der Altstadt Aleppos beklagt.
11) Grundsätzlich aber stehen die am Bürgerkrieg beteiligten syrischen militärischen Kräfte – sowohl die der Regierung wie die der gewalttätigen Opposition – in der humanitären und völkerrechtlichen Pflicht, alle Zivilisten, alle unbeteiligten Menschen der Zivilbevölkerung zu verschonen und ihnen die nötige Versorgung zukommen zu lassen. Insoweit mögen Hilfsangebote europäischer Staaten willkommen sein, sie dürfen aber nicht daran hindern, die Verantwortung der Bürgerkriegsparteien für die eigene Bevölkerung wieder und wieder zu betonen.
12) Deutschland sollte ebenso wenig wie andere EU-Staaten Partei in der militärischen Auseinandersetzung werden, die – wie bereits festgestellt – um Macht, Ressourcenverteilung und die religiöse, zunehmend islamistische, mutmaßlich nicht mehr zu verhindernde Neuausrichtung des Landes kreist.
13) Kluge deutsche oder irgendwann hoffentlich entstehende europäische Außenpolitik muss die Machtverhältnisse und die Machtinteressen analysieren und bereits jetzt auf das schauen, was in 3 oder 5 Jahren entstehen wird. Sie darf es sich jetzt mit keiner der später obsiegenden Parteien verderben.
14) Europa sollte also – so meine ich – nach Syrien keine Waffen, sondern die Botschaft des Isâ, wie er im Qur’an (oder des Jesus, wie er auf Griechisch heißt) senden:
Wer das Schwert zückt, wird durch das Schwert umkommen. Tut Gutes denen, die euch hassen.
Der Gott Ibrahims und Mohammeds will nicht, dass Menschenblut fließt.
Foto: Das Aleppo-Zimmer im Pergamon-Museum zu Berlin. Aufnahme vom 25.12.201o
Zu den beeindruckendsten Erfahrungen meiner Jugendzeit – zugleich Ausweis meiner Geduld und Leidensfähigkeit – gehörte das mehrmalige Anhören von Richard Wagners Tannhäuser und seines Parsifal im Stadttheater der Vaterstadt Bert Brechts. Mir unvergesslich, da ich weit und breit keinen Gefährten hatte, der dazu bereit gewesen wäre! Auch in Berlin hörte ich vor wenigen Jahren eine der letzten Aufführungen unter dem Dirigat Daniel Barenboims.
In letzter Zeit habe ich mir angewöhnt, Wagner nur noch lesend, summend und klimpernd aus den Klavierauszügen heraus zu erleben – ich spare dadurch viel Zeit und auch Geld für die teuren Operntickets. Gestern wiederum begnügte ich mich mit dem Anhören einiger Szenen von der CD sowie dem Lesen des Textbuches des Wagnerschen Tannhäuser.
Wir erinnern uns an das, was nachher, nach dem Tannhäuser, geschah: Planmäßig hatte Wagner den Ring des Nibelungen, diesen Versuch, eine Art germanische Ersatzmythologie zu schaffen, ins Scheitern hinein geführt. Der Versuch der germanischen Götter, mithilfe des SCHWERTES und des GELDES eine Art deutschsprachiges Weltenreich zu schaffen, war im Weltenbrand, in der Weltenlohe, im restlosen Untergang aller Beteiligten geendet.
Jeder Wagner-Anhänger kannte und kennt diese Botschaft: der mörderische Kult der nackten Gewalt, der Kult des gemeinsamen Blutes, der raffgierige Kult des schnöden Goldes führt in die Selbstzerstörung. Diese Botschaft ist so eindeutig wie nur irgendetwas in Richard Wagners gesamtem Schaffen enthalten, dass man schon mit Blindheit geschlagen sein muss, sie zu übersehen und zu überhören: „ZURÜCK vom RING!“ Das letzte Wort im Ring des Nibelungen! Schon aus diesem Grunde müssen wir Deutsche unbedingt das Schaffen Richard Wagners pflegen und hegen. Zurück zum Ring!
Eine sehr sinnvolle antirassistische Antifa-Aktivität im Anti-Gewalt-Training wäre es, Richard Wagners Opern im Unterricht der allgemeinbildenden weiterführenden Schulen wieder einzuführen – nachdem Pippi Ephraimstochter Langstrumpfs Taka-Tuka-Botschaft weitgehend entmachtet worden ist.
Ich meine: Sowohl Pippi Ephraimstochter Langstrumpfs Taka-Tuka-Negerkönig als auch Richard Wagners Ring des Nibelungen und sein Tannhäuser sowie sein Parsifal müssen einen festen Platz im antirassistischen Training jugendlicher Gewalttäter erhalten – ist ja eh billiger als mit viel Steuerzahlergold einen Segeltörn durch die Ost-, Nord- oder Südsee zu machen.
Zurück zum Ring – Zurück vom Ring! Wie geht es weiter? Nun, Wagner kriecht gegen Ende seines Lebens gewissermaßen auf Knien zurück zur jüdisch-christlich-muslimischen Mitleidsethik, die ihn schon zu Beginn seines Schaffens – im Lohengrin etwa – leitete. Was ist das allerletzte Wort Richard Wagners in dieser seiner letzten Oper, mit der er sich von der Gemeinde der Getreuen verabschiedete? „Erlösung dem Erlöser!“
„Halleluja!“הללויה
Ein hebräischer oder „semitischer“ Jubelruf „Lobet Gott!“ – „Erlösung dem Erlöser!“ ist das letzte Wort, mit dem der Komponist, dessen Werke heute in Israel nur mit größter Mühe zur Aufführung gerechtfertigt werden können, sich von dieser Welt verabschiedet hat. Er unterlegt diesen Ruf mit einer derart hinreißenden, derart gewaltigen Musik, dass man ihr nicht widerstehen kann – und auch nicht widerstehen sollte.
Dies ist die für jeden Mann und jede Frau nachvollziehbare Aussöhnung des scheinbaren Antisemiten, des scheinbar so urdeutschen Dichterkomponisten Richard Wagner aus dem Geiste der Musik im hebräischen WORT.
Nicht das SCHWERT, nicht das GELD, sondern das frei erklingende Wort, das gesungene zusammenführende WORT bringt Frieden und Aussöhnung nach Europa und Israel.
Für ganz wenige Euros gibt’s die Textbücher des großen deutschen Dichters Richard Wagner im Buchhandel und kostenlos im Internet!
Bild:
Wähntest du etwa, dies könnte der Wurzelstrunk
der germanischen Weltenesche sein,
doch ist’s nur der Strunk der mächtigen Kreuzberger Linde,
die halb entwurzelt kürzlich auf unsere Kreuzung krachte!
Reiche, tiefe Einsichten aus den letzten Tagen! „Laut EU und laut Frankreich ist der Klimawandel kurz- und mittelfristig das größte Problem der Menschheit. Wie seht ihr das? Ist Klimawandel eure Hauptsorge?“, so frage ich Freunde aus Syrien. Sie wären fast aus der Haut gefahren! „Bei uns in Aleppo haben sie seit 15 Tagen keinen Strom mehr, die mühsame Wiederaufbauarbeit der GTZ für die uralte Altstadt von Aleppo ist in wenigen Stunden vernichtet worden, hier sind Jahrtausende der Menschheitsgeschichte auf immer verloren worden – und ihr redet immer nur vom KLIMASCHUTZ und von der ENERGIEWENDE?!“
Nein, nein! Ich meine: Gewalt, Raub, Mord, Krieg, Verlust der Eltern, der Familie, Vertreibung, Gier, Neid, Hass, Rechtlosigkeit – das sind seit Menschengedenken die apokalyptischen Reiter, das sind auch heute die großen Bedrohungen.
Nicht Weltenrettung durch Klimaschutz ist angesagt, sondern das tägliche Ringen und Kämpfen für das Wohl des Menschen, dem wir begegnen. Eine einzige Bombe in Aleppo zerreißt doch all die wohlgemeinten Anstrengungen zur Rettung der Weltklimas.
Bei meinem Theaterauftritt in „Hör die Stimme der Natur!“ im Ackerstadtpalast sprach ich mich deshalb für den Schutz und die Hege, die Achtung und die Fürsorge für den Menschen aus. Herrlich, wie der Film „Das Leben des PI“ die grausame Unerbittlichkeit der NATUR PUR herausmeißelt! „Mancher, der glaubte, die NATUR PUR zu schützen, fand sich mit ihr auf einem Rettungsboot und entdeckte, dass sie ein reißender Tiger ist. Bitte fangt mit der Nächstenliebe an! Achtet die Natur im begegnenden Menschen zunächst! Fangen wir doch mal mit dem gesunden, achtsamen, menschenfreundlichen Radfahren an!“ Stolz hielt ich meinen Fahrradhelm ins Publikum. Die Botschaft kam an, die Menschen lachten und lächelten. Die wahre Energiewende ist eine Wende des Herzens!
„On the morning of Sunday 28 June 1914, Archduke Franz Ferdinand, heir apparent to the Austro-Hungarian throne, and his wife Sophie Chotek von Chotkowa and Wognin arrived by train in the city of Sarajevo and boarded a motorcar for the ride down the Appel Quay to the City Hall. There were six vehicles in the motorcade.“
Einen absoluten Kracher erlebte ich gestern, als ich – mehr tastend, mehr probeweise – die Erzählung großen, des überragenden Analysators und Geschichtserzählers Christopher Clark über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs las. Sein fesselnder Bericht über die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gattin Sophie Chotek, enthalten in dem Buch THE SLEEPWALKERS ist ein HAMMER. MANN MANN MANN, Christopher Clark, du bist ein Genie, an deiner Wiege stand offensichtlich die Muse Klio Patin, allein schon diese meisterliche Einleitung erinnert an den Mann ohne Eigenschaften von Musil!
The previous day had been coool and rainy, but on the morning of 28 June the city was bathed in sunshine.
In seinem Kapitel „Murder in Sarajevo“ kann man packend und mit unbezähmbarer Dramatik die letzten Stunden vor dem Attentat in Sarajevo nacherleben. Im Kugelhagel der Attentäter ging vieles unter, es war in der Tat das Ende eines großen Versuches, eine multiethnische, multikulterelle staatliche Gemeinschaft noch mühselig am Leben zu erhalten, ehe die Furie des Nationalismus sie zum Schafott führte, ehe „über ganz Europa die Lichter ausgingen“.
Ergreifend die Szene, als Sophie Chotek sich mit den muslimischen Frauenvertreterinnen zum Gespräch zurückzieht, wo dann endlich die Muslimas auch ihren Schleier ablegen dürfen. Damals, 1914, waren wir also in punkto Multikulti in Europa schon weiter als 1990 – wo serbischer und kroatischer Nationalismus am selben Ort Sarajevo (oder auch in Srebrenica) niemals solche Rücksichten genommen hätte, dass die muslimischen Interessenvertreterinnen in einer eigenen, weiblich bestimmten Islam-Konferenz konsultiert worden wären!
Ansonsten kann ich jetzt schon sagen: Clarks magistrales Buch speist sich aus umfangreicher Kenntnis und Neuauswertung der Quellen. Im Gegensatz zu vielen europäischen Fachkollegen wertet der Australier Clark nicht nur Quellen und Sekundärliteratur in westlichen Sprachen, sondern auch solche russischer und serbischer Provenienz aus.
Eines wage ich vorauszusagen: Die berühmte, vor allem in Deutschland unterwürfig nachgeplapperte Fritz-Fischer-These, wonach „Deutschlands Griff zur Weltmacht“ hauptursächlich den Ersten Weltkrieg ausgelöst habe, wird sich nicht halten lassen! Es tritt vielmehr etwas hervor, wofür ich mich in diesem Blog immer stark gemacht habe: Europa war damals und ist auch heute ein Schauplatz multipolaren Machtstrebens, Russland und die Hohe Pforte (die spätere Türkei) sind die großen großen Unbekannten in den Augen der westlichen, halbseitig blinden, sprachlich oft unzureichend gebildeten Historikerzunft, die zur Zeit noch die Geschichts-Lehrstühle an den Universitäten besetzen.
Bis zum heutigen Tag wird Deutschland und nur Deutschland offen oder unterschwellig die Schuld oder Hauptschuld an allen großen Katastrophen, allen staatlichen Massenverbrechen des 20. Jahrhunderts, die auf den 28.06.1914 folgten, zugeschoben. Ein großer Fehler, ein Irrtum, der sich wie nach 1918 bitter rächen könnte und der auch die Lösung der gegenwärtigen Krise der Europäischen Union verunmöglicht. Frankreich, Russland und noch einmal Russland, Osmanisches Reich bzw. Türkei, Italien, Großbritannien, USA, Belgien … sowie alle anderen europäischen Staaten kochten damals ihre Süppchen und kochen auch heute ihre Süppchen in einem Kessel, dessen Temperatur mehrere Male den Siedepunkt überschritt. COOL IT DOWN!
Das gilt es zu erkennen, das müssen die europäischen Historiker und auch die Politiker allmählich durchschauen lernen. Allmählich, allmählich. Wenn sie es denn wollen und sich selbst durch Autopsie der Quellen einen Einblick erarbeiten, wie es eben Christopher Clark in herausragender Weise vorgemacht hat. Das kann natürlich nicht gelingen, wenn man die Quellen der damaligen Zeit nicht oder nur selektiv zur Kenntnis nimmt.
Christopher Clark: Murder in Sarajevo. In: The Sleepwalkers. How Europe went to War in 1914. Penguin Books, London 2012 [hier zitiert nach der Kindle/Amazon-Ausgabe, Pos. 6976=51% ff.]
„Den deutschen Frauen danket! sie haben uns
Der Götterbilder freundlichen Geist bewahrt,
Und täglich sühnt der holde klare
Friede das böse Gewirre wieder.“
Wer mag diese deutschnationalen Töne wohl gedichtet haben? So viel sei verraten: es ist ein Dichter, der bei der jüngsten Wahl des Stuttgarter Oberbürgermeisters eine entscheidende Rolle als Wahlhelfer für den obsiegenden Bewerber gespielt hat! Vorname des Dichters wie auch des neuen Oberbürgermeisters: Friedrich, umgangssprachlich auch Fritz. Deutsch von echtem Schrot und Korn!
„Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!“
Wer mag diesen deutschnationalen Ton gedichtet haben? Nun ratet fein! Sein Vorname, Heinrich, umgangssprachlich Heinz.
„Gesang des Deutschen“, „Lied der Deutschen“ – in beiden Gedichten werden die deutschen Frauen besonders angerufen. Das hätte nur unter zwei Voraussetzungen Sinn: wenn erstens die deutschen Frauen irgendwie anders als die nichtdeutschen Frauen wären, und wenn zweitens auch die deutschen Frauen irgendwie anders als die deutschen Männer wären.
Sowohl bei Friedrich Hölderlin wie auch bei Heinrich Hoffmann von Fallersleben lässt sich eindeutig erkennen, dass deutsche Frauen anders als deutsche Männer sind oder doch wahrgenommen werden. Ist dies etwas Besonderes? Nein! Über die gesamte Geschichte der Menschheit lässt sich nämlich mit überwältigender Mehrheit eine Unterscheidung der Rolle von Männern und Frauen herausarbeiten, Hölderlin und Hoffmann sind da keine Ausnahme, sondern sie übernehmen diese uralte Einsicht, dass Männer und Frauen „irgendwie verschieden“ sind.
Woher kommt diese Verschiedenheit? Nun, hier scheint oftmals die Erkenntnis eine Rolle zu spielen, dass Frauen Mütter werden können. Es ist ein unleugbarer biologischer Befund, dass der Bestand von Gesellschaften an Mutterschaft geknüpft ist. Von daher die hohe Wertschätzung, die Mutterschaft und Familie seit unvordenklichen Zeiten weltweit in den meisten Gesellschaften genießen: ob nun als Demeter, als Magna Mater, als Gottesmutter Maria, als Madonna. Der Mutterbilder sind zwar unendlich viele, aber jeder anständige Mensch – so meine auch ich – zollt seiner Mutter wieder und wieder besondere Hochachtung, besonderen Respekt.
Die Mutter ist etwas „Unantastbares“, wer die Mutter eines Mannes beschimpft, beschimpft ihn selbst!
Kaum eine stärkere Beschimpfung ist denkbar als „Hurensohn“, eine Schmähung, wie sie seit einigen Jahren hier in Kreuzberg auf Straßen und Schulhöfen sehr oft zu hören ist. Das weibliche Gegenstück zum „Hurensohn“ ist die „Schlampe“, ein Ausruf, der sich seit einigen Jahren ebenfalls größter Beliebtheit erfreut.
„Ach, wenn wir doch nur ein Kind hätten“, seufzt die Frau in Grimms Märchen „Rapunzel“. In alten Märchen werden Frauen geschildert, deren sehnlichster Wunsch es ist, Mutter zu werden.
„Den deutschen Frauen danket!“ So Hölderlin!
Wie sehen die deutschen Vorzeigefrauen heute aus? Welches Frauenideal wird heute in Deutschland verkündet?
Die Antwort darauf fällt nicht einfach aus, doch müsste sie in folgende Richtung gehen: Angestrebt wird heute eine weitgehende Gleichheit der Geschlechter. Der berufliche Erfolg, die gleiche Bezahlung („equal pay“) ist der entscheidende Gradmesser der angestrebten Gleichheit. Wenn Frauen in den Führungspositionen der Wirtschaft und der Politik ebenso stark vertreten sind wie Männer und auch die gleiche Bezahlung bekommen, ist alles in Butter und wir können uns entspannt zurücklehnen! Dann hat die Sozialpolitik alles richtig gemacht!
Mutterwerden gilt gesellschaftlich im heutigen Deutschland nicht als für sich erstrebenswertes Ziel. Ganz im Gegenteil! Jede Frau, die sich etwa unterstünde zu sagen:
„Ich möchte vor allem Mutter werden! Mutter zu sein für meine Kinder, Herrin des Hauses meiner Familie zu sein, wäre ein großer Teil meines Lebenssinnes. Ich möchte gar nicht vorrangig an meinem eigenen beruflichen Erfolg arbeiten. Mir ist der Erfolg und das Glück meiner Familie und meiner Kinder grundsätzlich wichtiger als mein eigener individueller beruflicher Aufstieg!“
wird in den Medien sofort belächelt oder verachtet. Zwar dürfen Frauen als einzelne Menschen durchaus den Wunsch äußern, Mutter zu werden und eine Familie zu gründen, jedoch wirken sehr starke Kräfte auf sie ein, den Wunsch doch bitte schön zurückzustellen. Wichtiger als Mutterschaft und Familie ist die wirtschaftliche und soziale Selbständigkeit! Mutter werden kann frau später immer noch.
„Die Wirtschaft braucht das Potenzial von Männern und Frauen. Unsere Gesellschaft kann es sich nicht leisten, das wirtschaftliche Potenzial der Frauen ungenutzt zu lassen, gerade in Zeiten des demographischen Wandels! Unsere Volkswirtschaft braucht jede Frau und jeden Mann uneingeschränkt!“
Da Deutschland seit Jahrzenten eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit hat und die Kinder und die zukünftigen Arbeitskräfte bereits jetzt fehlen, müssen die Frauen in die Produktion. Politik und meinungsbildende Presse arbeiten zielstrebig an der Heranbildung oder besser Heranzüchtung eines neuen Frauenbildes.
Welches Frauenbild entsteht daraus? Zunächst einmal: Die Mutterschaft, vor allem die Mehrfach-Mutterschaft ist ein Risikofaktor für den beruflichen Erfolg und das gesellschaftliche Ansehen der Frau.
Gebraucht wird in den Zeiten des demographischen Wandels die universal einsetzbare Frau bis etwa Mitte 30, bei der all das, was auf Mutterschaft, auf Älterwerden oder das Risiko einer Mutterschaft oder das Risiko des Älterwerdens hindeutet, systematisch weggenommen wird. Nichts Rundes, nichts Überflüssiges, nichts Faltiges, Runzliges oder Fettes darf bleiben bei der marktkonformen Frau!
„Ich weiß genau, dass ich statistisch ein 20-30%-Risiko habe, dass die Frau wegen Mutterschaft auf Teilzeit gehen oder ganz ausscheiden wird. Da kannst du noch so viel Betreuung im Betriebskindergarten oder Flexitime anbieten. Mutterschaft der weiblichen Angestellten ist ein betriebswirtschaftliches Risiko. Dieses bezifferbare Risiko spiegelt sich bei den Gehaltsverhandlungen völlig korrekt wider. Equal-Pay-Forderungen sind unsinnig.“ So verriet mir einmal bei einer Tasse Kaffee unter dem Siegel der Vertraulichkeit einE UnternehmerIn.
Gefragt und verlangt ist angesichts des demographischen Wandels die alterslos mädchenhafte oder auch alterslos knabenhafte Frau bis zum Alter von maximal 35, die androgyne Frau, die Frau, bei der man nicht weiß, ob man in des Gesicht eines Jungen oder eines Mädchens blickt. Als wesentliches Knockout-Kriterium für beruflichen Erfolg kann heute „das Mütterliche“ gelten, also insbesondere jeder Hauch von Übergewicht.
Die „schönen Seiten“, das bunt bebilderte Magazin der FAZ und der NZZ lieferte an diesem Wochenende eine reich bebilderte Jagd- und Foto-Strecke für die Richtigkeit meiner Analyse: Kati Nescher, Lena Hardt, Luca Gajdus, Corinna Ingenleuf … das sind einige der erfolgreichen deutschen Frauen, deren Ruhm die meinungsbildende Presse weltweit erschallen lässt. Herrlich auch der Name Luca – ein italienischer Männername. Besser kann man das androgyne Ideal der modernen Frau nicht ausdrücken als durch die Wahl eines Männernamens!
Noch einmal: Die Geringschätzung des Mütterlichen, die sportliche, schlanke, rundum fitte Erscheinung ist der hervorstechende Zug des heute vorherrschenden Frauenbildes. Mithilfe von Gender Mainstreaming wird systematisch an dem Verschwinden des Mütterlichen gearbeitet. Ob die Frauen selbst das so wollen, wird nicht gefragt.
Dichter wie Friedrich Hölderlin, Friedrich Schiller oder Heinrich Hoffmann von Fallersleben würden heute keine Minute in der öffentlichen Arena überleben. Sie würden hochkant aus jeder Talkshow geworfen, Männerquote hin, Männerquote her. Hoffmann würde vor allem wegen seines heute weithin verfemten Deutschlandliedes, Hölderlin jedoch vor allem wegen seines allein schon wegen des Titels anstößigen „Gesangs des Deutschen“ rausgeworfen oder zerrissen.
Dass der obsiegende OB-Bewerber Friedrich Kuhn mitten im Wahlkampf allerdings einen von den Franzosen als so typisch deutsch empfundenen Dichter wie Friedrich Hölderlin mit seiner Ode „Stuttgart“ zustimmend zitiert, nötigt mir Hochachtung ab. Chapeau, Herr Friedrich! Lassen Sie sich nicht mainstreamen oder gendern!
Den deutschen Dichtern danket!
Quellenangaben:
Jana Drews: „Fräuleins“, in: Z. Die schönen Seiten. Beilage zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Neuen Zürcher Zeitung. Ausgabe Herbst 2012, 5/12, Seite 27
Friedrich Hölderlin: „Gesang des Deutschen“
Heinrich Hoffmann von Fallersleben: „Das Lied der Deutschen.“
Zitiert nach: Das deutsche Gedicht. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Herausgegeben von Wulf Segebrecht. S. Fischer Verlag, o.O., 2005, S. 189 und S. 252
Zło jest w nas – dies scheint mir eine sehr taugliche Friedensformel für die Aussöhnung zwischen Menschen und Völkern. Ich übernehme sie von dem Polen Leszek Kolakowski, einem marxistischen Philosophen und Professor.
Das Böse ist in uns und lauert jederzeit an der Schwelle. Ungefähr so steht es auch bereits in den alten Büchern, etwa im Buch Genesis der Bibel. Kain, der seinen Bruder aus Neid tötete, wurde zum Stammvater des Menschengeschlechts.
Warum tötete Kain? Nicht weil er verführt wurde, sondern weil das Böse in ihm hervorstieg.
Das Böse, so sagen es Kolakowski und vor ihm bereits das erste Buch der Bibel, wohnt in uns. Es gehört zum Menschen.
Einen Menschen, der das Böse in sich nicht kennt und nicht anerkennt, den würden wir wohl unvollständig nennen.
So fährt ja auch Jesus – laut Markusevangelium Kap. 10,17-18 – einem Mann recht unwirsch über den Mund, als dieser ihn „guter Meister“ nennt. Jesus weist es ausdrücklich zurück, gut genannt zu werden. Er weiß auch vom Bösen. Nur der Mensch, der auch von Missetaten etwas weiß, kann in vollem Sinne Mensch genannt werden.
Hier das Zitat im Original, entnommen dem Interview „Kołakowski: Religia nie zginie“ in der Zeitung Dziennik, 21. März 2008:
Prof. Kołakowski dla DZIENNIKA:
O upadku utopii doskonałego społeczeństwa:Zło jest w nas i to jest jeden z powodów, bo nie jedyny, dlaczego świata doskonałego nie można zbudować, dlaczego te nadzieje okazały się próżne. To nie oznacza, że nie można różnych rzeczy ulepszać. Doskonałości jednak nie osiągniemy.
„Über den Zusammenbruch der Utopie/der Utopien der vollkommenen Gesellschaft:Das Böse ist in uns, und das ist einer der Gründe, wenngleich nicht der einzige, weshalb eine vollkommene Welt nicht aufgebaut werden kann, und warum sich diese Hoffnungen als vergeblich erwiesen haben. Das bedeutet nicht, dass nicht Verschiedenes verbessert werden könnte. Die Vollkommenheit werden wir jedoch nicht erreichen.“ Übersetzung aus dem Polnischen: Johannes Hampel
Soeben schlenderte ich, vom Sonntagsgottesdienst in St. Bonifazius kommend, am Rathaus Kreuzberg vorbei. Schon von weitem empfängt mich ein Meer roter Fahnen, ein großer Bus ist quergestellt, laute Trillerpfeifen ertönen, Sirenen heulen auf, zahlreiche Polizisten versuchen, dieses Meer roter Fahnen, den Bus mit der Aufschrift „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“ zu schützen.
Laute Trillerpfeifen, große Fahrzeuge, rote Fahnen mit oder ohne Symbole – das waren Merkmale der beiden Sozialismen des 20. Jahrhunderts, des marxistischen Sozialismus der Räterepubliken, etwa der Sowjetunion, und des nationalen Sozialismus der anderen Staaten, etwa des Deutschen Reiches, der ungarischen, slowakischen, rumänischen Republik. Verwandte Bilder, beklemmend!
Ein paar Schritt weiter sehe ich eine Versammlung von Menschen mit der Deutschlandfahne. Sie stehen für Deutschland. Hier stehen also viele rote Fahnen des Sozialismus gegen einige wenige Deutschlandfahnen. Die Polizei schützt die vielen roten Fahnen und die wenigen Deutschlandfahnen. Sie versucht, die Verteidiger der Sozialismen mit den roten Fahnen von den Verteidigern der Deutschlandfahnen fernzuhalten.
Ich schlendere hindurch und mache mir Gedanken. Und formuliere die Frage, die ihr oben lest.