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Dà oggi a noi la cotidiana manna. Zur vierten Bitte des Vaterunser


23. 4. 81 – Palazzo vecchio, Firenze: Lettura su Dante.

Diesen handschriftlichen Eintrag entdecke ich in schwarzer Tinte in meinem reichlich mitgenommenen Exemplar der Commedia des Dante Alighieri. Soeben fand ich das schmucklose Taschenbuch in meinem Billy-Regal. Dante begleitet mich als lo duca mio seit Jugendjahren, genauer: seit ein Lateinlehrer irgendwann uns Buben in der neunten Klasse einfach so die Anfangsverse der Commedia rezitierte. Ich verstand kein Wort, aber ich verstand den Klang, ich verstand instinktiv die Sprachmusik Dantes, ich verstand: das ist Poesie.

Bei meiner ersten Fahrt nach Florenz im Jahr 1981 besuchte ich meine erste Lectura Dantis, erneut verstand ich wenig. Aber ich verstand: Das ist Philologie! Nur durch den öffentlichen Vortrag, die öffentliche Erläuterung eines solchen überragenden Werkes kann sich seine ungeheure Lebendigkeit erweisen.

Genug der Erinnerungen, zurück zu den drängenden Fragen der Jetztzeit! Der Theologe Eckhard Nordhofen wirft 2 Jahrtausenden Übersetzungsgeschichte vor, fast die gesamte Christenheit bete heute das Vaterunser mit einem eingebauten kapitalen Übersetzungsfehler. Die Bitte “Unser tägliches Brot gib uns heute” sei falsch und widersinnig übersetzt. Es gehe gerade nicht um das gerade biologisch Lebensnotwendige, sondern um das im höheren Sinne Notwendige, das Hinzukommende, das Überwesentliche, das vom Himmel Fallende – das himmlische Brot: panis supersubstantialis. Die amtlichen Übersetzungen des Vaterunser in den unterschiedlichsten Sprachen (deren einige wir überprüft haben, darunter Russisch) seien grundfalsch. Eine taugliche Übersetzung dürfe nicht “unser tägliches Brot”, sondern müsse in etwa “unser überwesentliches, unser himmlisches Brot” lauten.

Andere heutige Theologen und Bibelausleger wiederum – genannt seien hier Gianfranco Ravasi und Joseph Ratzinger – beharren in guter Kenntnis des textkritischen Befundes seit längerem darauf, das “tägliche Brot” meine zunächst einmal das unmittelbare Lebenstaugliche, allenfalls sekundär mit hineingelegt und mitgedacht auch etwas hohes Hinzutretendes, ein “Epiphänomen” der Gnade also.

Was hätte wohl Dante zu dem seit Jahrhunderten schwelenden brandaktuellen Zwist gesagt?

Bei seiner öffentlichen Lectura Dantis in Hamburg wies uns am vergangenen Dienstag der Schauspieler, Essayist und Philosoph Franco Ricordi darauf hin, Dante habe die vierte Bitte des Vaterunser eigenwillig übersetzt.

Wie? Nun, lesen wir zunächst noch einmal das griechische Original:

τὸν ἄρτον ἡμῶν τὸν ἐπιούσιον δὸς ἡμῖν σήμερον

Dante gibt nun in seiner Umschreibung des Vaterunser in Purgatorio XI,13 diesen Vers Mt 6,11 so wieder:

Dà oggi a noi la cotidiana manna –

also zu deutsch etwa:
Gib heute uns das tägliche Manna

oder als stumpf schließender Endecasillabo con uscita tronca, das heißt mit 10 metrischen Silben:

Gib heute uns das täglich Himmelsbrot

Dante kommt damit dem Übersetzungsvorschlag Nordhofens, das ἄρτον ἐπιούσιον als himmlisches Brot zu übersetzen, erstaunlich nahe. Oder besser: Nordhofen kommt dem Übersetzungsvorschlag Dantes erstaunlich nahe.

Der Befund ist klar: Nicht die ganze Christenheit irrte! Dante hat wie einige andere seiner Zeitgenossen auch mit unerhört kühnem Ausgriff eine jahrhundertelange Übersetzungsquerele beizulegen versucht, die uns bis zu diesem Augenblick beschäftigt. Hat er es geschafft? Die Entscheidung liegt beim Du, sie liegt bei dir, o Bittender!

Ein Blick zurück in Demut ist nie verkehrt, sonst dreht man sich im Kreislauf der ewigen Wiederkehr!

Womit übrigens Dante recht behielte, wenn er sagt (Inf. XI, 13f.) :

Dà oggi a noi la cotidiana manna
sanza la qual per questo aspro deserto
a retro va chi più di gir s’affanna

Wir übersetzen abschließend Dantes drei Verse nunmehr:

Gib heute uns das täglich Himmelsbrot,
Fehlt es daran, so sehr wir uns im Kreis drehn,
Führt rückwärts uns der Weg in Wüstennot.

Dante Alighieri: La Divina Commedia. A cura di Fredi Chiappelli. Grande universale Mursia, 4a edizione, Milano 1976, p. 228-229 (Purgatorio, canto XI vv. 13-15)

Nestle-Aland: Novum testamentum graece, ed. vicesima septima, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1999, Seite 13 [Mt 6,11]

Eckhard Nordhofen: Brot. Ein hapax für jeden Tag. Merkur 72 (824), Januar 2018, S. 86-93

Joseph Ratzinger: “Unser tägliches Brot gib uns heute”, in: derselbe, Jesus von Nazareth. Erster Teil. Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2007, hier besonders: S. 185-191

Gianfranco Ravasi: “Unser tägliches Brot gib uns heute!” in: derselbe, Fragen und Verstehen. 150 Antworten des Glaubens. Aus dem Italienischen von Gabriele Stein. Mit einem Geleitwort von George Augustin. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2012, S. 289-292

Bild: Die Märzensonne scheint schon wolkenverhangen im winterlichen Februar. Sie wird die Blumenzwiebeln wecken. Aufnahme aus dem Schöneberger Südgelände, 12.02.2018

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Eigene Gedichte Klimawandel Natur Natur-Park Schöneberger Südgelände Naturwissenschaften

O Sorbus aria!

Kaum beachtet, meist verwechselt, schwer zu benennen, schwer zu erkennen: die Echte Mehlbeere. Wer achtet ihrer? Wer kann sie von einer Holz-Birne oder einer Echten Mispel sicher unterscheiden? Du, der Du dies liest? Ihr dort draußen? Ich nicht!

Wie dem auch sei – es gibt bei uns in der Schöneberger Heimat nicht nur die Robinie, die Weide, die Esche, die Kastanie, die Buche, sondern eben auch sie: die Echte Mehlbeere. Wie tüchtig ist sie doch! Wie klug schützt sie sich vor dem Klimawandel! Denn ihr Haarfilz auf den Blättern setzt die Verdunstung herab und ermöglicht es dem Baum, auch in sandiger Ödnis zu wachsen. Das ist wichtig, ja vorbildlich in Zeiten der Erderwärmung!

Mein gutes, kenntnisreiches Biologen-Ehepaar schreibt: “Die mehlig-weichen, fad schmeckenden Früchte, sind zwar essbar, eignen sich aber nur als Notnahrung. Getrocknet und vermahlen mischte man sie früher unter das Mehl, um Brot zu backen. Auch für die Gewinnung von Essig lassen sie sich verwenden.”

Mir kam ein Wandersang in den Sinn:

O ihr essigsauren Früchte, ich schätze euch sehr! Mir sollt ihr in Zeiten der Not willkommen sein! Wieviele hungrigen Mägen sättigtet ihr schon? Wie oft stilltet ihr das Geschrei der unmündigen Kindlein? Dein unten silberweiß behaartes Blatt, Aria, nötigt mir Ehrfurcht und Scheu ab wie das spärliche aschene Haar meiner Urgroßmutter Shulamith.  Sei mir gepriesen, Sorbus aria, sei mir gelobt und sei mir gesegnet, du echte, trutzige, nährende Beere! Andere starben, du lebst und wirst leben!

 

Bild: Echte Mehlbeere, Sorbus aria im Schöneberger Natur-Park Südgelände. 28.09.2017
Zitat:
Echte Mehlbeere. Sorbus aria (Rosengewächse), in: Margot und Roland Spohn: Welcher Baum ist das? Kosmos Naturführer, Stuttgart 2014, S. 111

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Eigene Gedichte Natur-Park Schöneberger Südgelände

Das unhörbar leise Rascheln der Nachtkerzen

Wieder und wieder führt mich der Weg in mein gelobtes Arkadien, den Südpark am Lokschuppen. Gerade in diesen Tagen bietet die Natur unendlich viel: die Guteschafe sind in ein neues Geviert eingewiesen worden, während der zottige Hütehund alles im scharfen Auge behielt.

Zu voller Höhe sind die Gemeinen Nachtkerzen aufgeschossen.  Sie können gut und gern 200 cm erreichen und prangen als unangefochtene Herrscher über ein kleines Stück Wiese. Wenn du willst, sprich mit ihnen! Warum sollte man diese leuchtend gelb blühenden Blumen nicht anreden? Ich versuchte es so:

 

 

 

 

 

Erst in der Abenddämmerung werdet ihr euch entfalten,
Vierfach geblätterte Blüten, die ihr sitzt in den Achseln der
Blätter. Leise knistert und raschelt das zarte Gekeime.
Welches Ohr wird euch hören? Wer wird euch sehen?
Drei Minuten nur dauert es, dann seid ihr völlig entfaltet,
Stotzig und steif steht der ragende Stengel nach oben,
Weiter empor dann strebt noch während des Blühens der Ständer,
Eine Nacht nur leuchtet und glänzt ihr im sanften Mondschein,
Jäh und plötzlich verwelkt ihr im Licht  des folgenden Tages.
Aus und vorbei ist’s für manche der prachtvoll erglänzenden Blüten, doch
Siehe, Geliebte! Gleich morgen, die schwellenden Kapseln drängen sich vorwärts,
lange dauert es nicht, dann blühen die nächsten uns wieder.

Fotos: heute aufgenommen im Naturpark Schöneberger Südgelände

Hinweise und Auskünfte zum besseren Verständnis der hier angesprochenen  Gewöhnlichen Nachtkerze lieferte uns:

Margot und Roland Spohn: Welche Blume — ist das? Über 450 Blumen Europas. Kosmos Naturführer, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart 2017, hierin: „Gewöhnliche Nachtkerze. Oenothera biennis (Nachtkerzengewächse)”, S. 211

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Natur-Park Schöneberger Südgelände Unverhoffte Begegnung

Im Treibhaus

Kurzes Aufatmen nach den sintflutartigen Regenfällen der letzten 30 Stunden! Wie in einem Treibhaus ist es heute Mittag. Langsam und schwer kriechen die Menschen aus ihren Quartieren hervor. Die Sonne steht nur als trüber Schein über der Stadt. Ein Erkundungsgang führt mich ins Schöneberger Habichtsquartier am alten Lokschuppen. Werde ich das lockende Gickern des Habichts hören, das ängstliche Anschlagen der Amseln?

Hochgewölbte Blätterkronen spannen sich wie Baldachine über üppig wucherndem Rankenwerk. Schweigend neigen sich die Zweige, kein menschlicher Tritt ist zu vernehmen. Wie einsam ist’s hier! Schwere Tropfen rinnen die Blätter herab. Da hinter mir, das Aufrauschen des Windes, ein sanftes Rascheln!

Ich wende mich: Ein schwerer Vogel nimmt den Ansitz wohl drei Klafter über mir. In seinen Krallen hält er blutiges Gekröse. Ein prachtvolles Tier! Die braungebänderte Brust zeigt ihn eindeutig als Habicht an, die stattliche Größe – wohl ein halber Arm eines Kriegers – weist den Vogel als Weibchen aus. Deutlich über 1 Kilo wird es schon wiegen!
Herrisch wendet das Tier den Kopf hin und her. Wer wagt es? Nein, dich stört hier niemand, und auch ich bin dein Feind nicht!

Schließlich aus innen heraus – der Entschluss zum Abflug. Du stürzt dich hinab in die grünen Tunnel, weit breitest du die Schwingen aus und fliegst berührungslos hindurch durch das Rankengemenge, über den Mulch hin, als wäre es Deine Bahn, Deine Spur, Dein Revier!

Foto: Habichtweibchen, aufgenommen heute um 13.25 Uhr im Natur-Park Schöneberger Südgelände

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Goethe Natur-Park Schöneberger Südgelände

Einen Weck – mehr brauchst du nicht am heutgen Tag

In Goethes Leiden des jungen Werthers heißt es unter dem Datum vom 10. Mai 1771: Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich denen süßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen geniesse. Und unter dem heutigen 27. Mai erzählt er, wie er jedem der ihm begegnenden Kinder einen Kreuzer und wohl auch “einen Weck zur Suppe” gibt.
Der Weck, das ist natürlich a Weggla, wie der Franke sagt, ist natürlich ne Schrippe, wie der Berliner sagt, a Sömmi, wie der Bayer sagt!
Jeden Tag einen Weck zur Suppe, jeden Tag einen Kreuzer in die Hand, so leben wir in den Frühling hinein, als wenn es nie einen Winter gegeben hätte.
Obendrein hast du uns auch die Guteschafe in den Schöneberger Südpark zurück geschickt, lieber Mai, in dieses kleine arkadische Wahlheim, in dem wir immer wieder in Verzückungen, Gleichnisse und Deklamation verfallen.
Zitat:
Die Leiden des jungen Werthers. Erster Theil. Leipzig. In der Weygandschen Buchhandlung, 1774, Seite 8
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Natur-Park Schöneberger Südgelände

Und wer bist du?

Frage: Ja, wie heißt du denn?  Du mit deinen nickenden blauvioletten Blüten, mit deinen fünf Blütenblättern, deinem zierlichen Sporn? Jetzt bist du seit einigen Tagen aufgeblüht im Schöneberger Südpark! Und wartest du schon auf die Bestäuber, die Hummeln und emsigen Bienen? Fürchtest du dich vor den Guteschafen, deren Ankunft wir seit Tagen herbeiwünschen?

Ja, du! Heißest du etwa Narrenkappe, Stanitzelblume, Tauberln, Hüetli, Schlotterhose, Tintenglocke, Truerblüemli?

Antwort: Ich bin all das und vieles mehr, doch kümmert es mich nicht, wie du mich nennst, denn ich bin …

… die Akelei.

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31. Oktober 1517 Augustinus Eigene Gedichte Natur-Park Schöneberger Südgelände Selbsthaß

Selbsthaß, Menschenhaß, Gotteshaß

Augustinus schreibt in seinen Confessiones, Buch VIII: […] quanto ardentius amabam illos de quibus audiebam  salubres affectus, quod se totos tibi sanandos dederunt, tanto  exsecrabilius me comparatum eis oderam, also zu deutsch: Je glühender ich jene [beiden Männer] liebte, über deren heilsame Gefühle ich erfuhrweil sie sich dir völlig zu ihrer eigenen Gesundung geschenkt hatten, desto verfluchter haßte ich mich, wenn ich mich mit ihnen verglich Odium sui, Selbsthaß! Lyndal Roper schreibt über den jungen Erfurter Augustinermönch Martin Luther: “Luther scheint geradezu in Schuldgefühlen geschwelgt zu haben, als könnte er, wenn er es zum Äußersten trieb, eine höhere Stufe des frommen Selbsthasses erleben, der ihn Gott so nahe wie möglich bringen würde.” Martin Luther schreibt noch in seinen letzten Lebensjahren immer wieder in aller Offenheit von seinem Haß auf sich selbst, von dieser Selbstverwerfung, die ihn ins Äußerste, in den hellen Zorn hineintreibt, in die Verwerfung Gottes, ja in den Haß auf Gott führt: Hierfür ein besonders machtvolles Beispiel, entnommen der Vorrede zum ersten Bande der Gesamtausgaben seiner lateinischen Schriften, in Luthers hell loderndem, an den Afrikaner Augustinus erinnerndem Latein originalgetreu wiedergegeben (Hervorhebung durch uns): [21] Ego autem, qui me, utcunque irreprehensibilis monachus vivebam, sentirem [22] coram Deo esse peccatorem inquietissimae conscientiae, nec mea satisfactione [23] placatum confidere possem, non amabam, imo odiebam iustum et [24] punientem peccatores Deum, tacitaque si non blasphemia, certe ingenti murmuratione [25] indignabar Deo, dicens: quasi vero non satis sit, miseros peccatores [26] et aeternaliter perditos peccato originali omni genere calamitatis oppressos [27] esse per legem decalogi, nisi Deus per euangelium dolorem dolori adderet, [28] et etiam per euangelium nobis iustitiam et iram suam intentaret. Ein erschütterndes Dokument für den Selbst- und Gotteshaß Martin Luthers, auf das ich vorderhand in Erinnerung an Goethe nur mit einigen kunstlos hingeworfenen Knittelversen antworten kann:
Ich höre, Martin, wie’s dich umtreibt:
S’ist Lieb, s’ist Haß, die glühend dich umwinden:
Aus jenen fernsten Gründen,
Wo ganz zuletzt der Mensch nur noch sich selbst erkennt;
Und sich nicht mehr bei seinem eignen Namen nennt,
Bricht über dich ein ungeheures Flammenübermaß!
So viel an dir ist Selbsthaß, Menschenleid,
So viel in dir ist Gotteshaß! O Martin, Martin, hör die Frage:
Wie findet Gott zu dir, Wie findet Gott ein gnädig Ich,
Das ihm verzeiht, ihn aufnimmt, nährt und stärkt,
Und nicht in hellem Zorn auf seine Fehler merkt?
Lass dir verzeihen, lösche aus die Fackel, die in dein Herz gesenkt,
Des Vorwurfs grimme Pfeile zieh aus deiner Brust,
Blick um Dich – das Leben fließt mit Lust
Und wird dir weiter Tag um Tag geschenkt.
Laß Tag es werden. Nimm das Leben heiter, wie es ist.
Laß es gut sein, Martin. Steh auf und geh. …

Und siehe – es war gut, sehr gut war es.

Foto: So schön, so südlich, so heiter ist es heute im Natur-Park Schöneberger Südgelände. Belegstellen: Lyndal Roper: Der Mensch Martin Luther. Die Biographie. Aus dem Englischen von Holger Fock und Sabine Müller. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2016, S. 81 WA = D. Martin Luthers Werke: Kritische Gesamtausgabe, Weimar 1903 ff., hier WA Band 54, S. 185, zitiert nach: http://www.lutherdansk.dk/WA%2054/WA%2054%20-%20web.htm

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Europäische Union Natur-Park Schöneberger Südgelände

Die Währungsunion – eine Schicksalsgemeinschaft?

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Das neue Buch des Euro-Skeptikers Thomas Schmid sei allen Euro-Gläubigen als Lektüre wärmstens empfohlen. Ein Europafeind ist er dabei sicher nicht. Im Gegenteil! Er will, dass die EU bestehen bleibt. Und so empfiehlt er denn statt des “Würgeeisens der immer engeren Union” (wie er das nennt)  zur Bewahrung der europäischen Idee neben anderen Korrekturen die einvernehmliche Regelung von Eintritten und Austritten aus der Währungsgemeinschaft.

Thomas Schmid: Europa ist tot, es lebe Europa! Eine Weltmacht muss sich neu erfinden. C. Bertelsmann Verlag, München 2016.
Zur absoluten Zentralität des Geldes vgl. insbesondere S. 242, S. 25, S. 163-192; zum “Würgeeisen der immer engeren Union” vgl. S. 48-50

Herbstbild aus dem Schöneberger Südpark oben:  Schon lichtet sich schicksalhaft die Krone der aus Amerika stammenden Gemeinen Robinie (robinia pseudoacacia) mit den aus bis zu 25 flirrenden, unpaarig gefiederten, oft sparrig verzweigten Blättchen bestehenden Blättern. Aufnahme vom gestrigen Tage

 

 

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Ey Alter Gemeinschaft im Wort Natur-Park Schöneberger Südgelände Novum Testamentum graece

Empowerment, oder: Ey Alter, du kannst mehr, als du denkst! Glaub’s mir!

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Mancher Wortklauber hat schon die harte Nuss zu knacken versucht, wie man das neue deutsche Modewort Empowerment älteren Mitbürgerinnen und Mitbürgern mit älteren deutschen Worten erklären könne, die schon vor dem Jahr 2000 in Gebrauch waren.

Stets geht es bei Empowerment darum, Menschen, die in einer gewissen Lage sich nicht selbst zu helfen wissen oder nicht mehr weiter wissen, zu befähigen, selbständiger zu werden und mehr für sich in eigener Verantwortung zu bewirken.

Empowerment, das bedeutet die Stärkung der Eigenverantwortung, das heißt Stärken stärken, Selbstbewusstsein verleihen, Eigenkräfte fördern, Perspektiven öffnen, schlummernde Kräfte wecken, Selbstlähmung aufsprengen durch das lösende, befreiende, ermunternde Wort. Selbstfesselungen heilen!

“Hey Alter, nimm dein Bett, steh auf und geh!” Wer mag, der kann dabei, bei diesem Empowerment, an die Heilung des Gelähmten am Sabbat in Jerusalem denken.

Johannes, dessen höchst eigenwilliges, ja eigenmächtiges Evangelium, das sogenannte “Vierte Evangelium” wahrscheinlich das wichtigste Meister-Narrativ überhaupt, mutmaßlich die wichtigste Großerzählung, den bedeutendsten Grand récit  der gesamten europäischen Literaturgeschichte darstellt, erzählt die Geschichte in seinem Buch in Kap. 5, 1-18.  Der Evangelist Markus wiederum, der Mann mit dem Löwen, der Meister der Kleinerzählung, erzählt die Geschichte so ähnlich in seinem alltagsnäheren Jesus-Narrativ, dem sogenannten Markusevangelium, in deutlich bescheidenerer Form, nicht so gespannt, nicht so hochfliegend wie dies Johannes, der Mann mit dem Adler, später tun wird.

Markus 2,1-12 und Johannes 5,1-18 sind herrlich tönende Weckrufe. Sie erinnern – bildlich gesprochen – an Weckrufe von edlen Waldhörnern in der Halle der schlafenden Lokomotiven: “Auf auf, ihr schlafenden Lokomotiven, bewegt euch! Ihr habt noch was vor!”  Die Erzählungen von Markus und Johannes sind eine gute Erläuterung dessen, was das neue deutsche Wort Empowerment meint. Und diese Geschichte von der Heilung eines Gelähmten wurde schon vor 2000 Jahren erzählt, und sie wird auch noch in 2000 Jahren erzählt werden, wie ich zuversichtlich hoffe und fest glaube.

Bild: Vier Musiker der Staatskapelle Berlin, vier Waldhörner spielen mit fröhlichem Schall in der “Halle der schlafenden Lokomotiven”. Lokhalle, Natur-Park Südgelände, Schöneberg. Festliche Eröffnung des Langen Tages der Stadtnatur. Berlin, Samstag, 18. Juni 2016, 16 Uhr

 

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Eigene Gedichte Natur-Park Schöneberger Südgelände

Arkadische Melodie. Südgelände, Schöneberg

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Schon verloren die Guteschafe
die Hälfte des wolligen Kleides,
während auf sicher gebauetem Steg
der selberernannte Schäfer

Quendel und Quecke nicht achtend
stumm summend auf unhörbarer Flöte
zärtlich lockend die Zicklein heranruft,
die seiner nicht achten, nein:

Eifrig nicken die Köpfchen, zupfen
am Thymian und an Wegwarte
Blatt um Blatt, Halm um Halm,
eifrige Rasenstutzer im Dienste

des unbekannten, des unerkannten Gottes.
Die Sprayer werkeln und schütteln die Döschen,
träge rummen die Interregios vorüber;
ein uralter Opel-Schornstein qualmt unsichtbar weiter.

hic in reducta valle caniculae vitabis
vitabis aestus, die Fräulein Grimms erzählen indes
dein leichtes, dein sanft plätscherndes Leben,
dein Leben: das war, das ward, das wird und das sein wird.