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Klarheit und Wahrheit über Immobilien – braucht Europa mehr Süd-Nord-Übersetzer?

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Bei allen meinen Gesprächen mit Menschen, die in der Türkei, in Griechenland, in Italien, in Spanien oder in Portugal  aufgewachsen sind, läuft in meinem Kopf ein “Süd-Nord-Dolmetscher-Programm” mit. Es geht mir dabei darum, die Geschichte und Geschichten besser zu verstehen, die auf jene Menschen eine prägende Kraft ausgeübt haben. Jenseits der Landessprachen Türkisch, Griechisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch, die man ruhig auch erlernen könnte und sollte, ist die Kenntnis der kulturell tief verankerten Grundwerte fast noch wichtiger, um Europa in all seiner großartigen Vielfalt zu verstehen und zu erzählen.

Für die Griechen gilt, dass man sie nur verstehen kann, wenn man noch ein klein bisschen Rest-Ahnung vom Christentum  und vom Neuen Testament hat. Hä, Christentum? Was war das noch einmal? Nun, Deutschland hat zwei staatliche Ordnungen erlitten, die sich klar als Überwindung, als Gegenentwurf zum Christentum positionierten, als säkulare Ersatzreligionen, die nach und nach oder auch mit einem revolutionären Schlag das Christentum aus Deutschland hinausfegen wollten: der Nationalsozialismus in ganz Deutschland (1933-1945), der eine extreme, mörderische Feindschaft gegenüber dem Judentum und eine moderatere, kompromissbereite Feindschaft gegenüber dem Christentum verkündete,  und der Kommunismus in der DDR (1949-1989). In keinem anderen Land der Europäischen Union ist deshalb die Ablehnung des Christentums oder mindestens die Ertaubung  gegenüber dem Christentum und überhaupt gegenüber den alten Religionen in weiten Kreisen der Bevölkerung so ausgeprägt  wie in der Bundesrepublik Deutschland. Das spürt man als vielsprachiger Europäer subkutan, und das lässt sich auch empirisch belegen.

Anders Griechenland! Die heutige modische Christentumsfeindschaft Deutschlands und der westlichen europäischen Länder findet man in Griechenland eben nicht. Zwar gibt es auch in Griechenland heftige Kirchenkritik, aber die Kritik an der griechisch-orthodoxen Kirche spart stets das Christentum als solches aus. Das Christentum als solches lebt in Griechenland weiter wie eh und je.  Denn das Land ist nicht nur christlich geprägt, sondern erkennt das Christentum als offizielle Staatsreligion an – so wie Norwegen und das Vereinigte Königreich (UK) ja auch.

Nie hat in Griechenland eine rabiate Form der Kirchenfeindschaft, wie sie etwa der Kommunismus und der Nationalsozialismus in West-Europa predigten, um sich gegriffen! Selbst die griechischen Kommunisten waren und sind keine Christentumsfeinde, wie das etwa die russischen Bolschewisten und die europäischen Nationalsozialisten verschiedenster Länder waren und sind.

Viele heutige Griechen stammen ethnisch gesehen von Türken ab – sie sind die Nachfahren getaufter Türken. Für Griechen ist das Bekenntnis zum Christentum deshalb oftmals identitätsstiftend, so wie auch die etwa 2 Millionen in Deutschland lebenden türkischen Staatsbürger und auch die deutschen Staatsbürger kurdischer, tscherkessischer oder türkischer Abstammung automatisch als Muslime geführt werden, weil viele heutige Türken die Nachfahren von islamisierten Griechen sind. Kein Wunder, dass man etwa in einer griechisch geführten  Kneipe Schönebergs durchaus noch das orthodoxe Kreuz mit dem Doppelbalken über dem Zapfhahn findet – ein christliches Kreuz in einer säkularen Spelunke, das wäre im westlichen Europa sicher höchst ungewöhnlich!

Genug des allgemeinen Blabla!

Hier kommt eine kleine griechisch-deutsche Übersetzungsübung samt angefügter Interpretation!

Ἀνὴρ δέ τις Ἁνανίας ὀνόματι σὺν Σαπφίρῃ τῇ γυναικὶ αὐτοῦ ἐπώλησεν κτῆμα

“Ein Mann namens Hananias verkaufte zusammen mit seiner Frau Sapphira eine Immobilie …”

Mit diesen Worten beginnt ein griechischer, heute weithin vergessener Schriftsteller seine kleine Erzählung über einen Streit über die Pflicht, die Wahrheit zu sagen. Hananias und Sapphira lauten die schönklingenden Namen des Ehepaares, das sich der Gemeinschaft erkenntlich zeigt und einen Teil des Erlöses aus dem Verkauf einer eigenen Immobilie der Gemeinschaft zur Verfügung stellt. Nicolas Poussin hat die Szene sehr schön gemalt, man findet sein Bild im Louvre. Allerdings unterschlagen Hananias und Sapphira der Gemeinschaft einen Teil der Wahrheit, indem sie – unabhängig voneinander – einen falschen Preis nennen und die verschwiegene Differenz einbehalten. Sie täuschen also die Gemeinschaft über ihre wahren Vermögensverhältnisse.

Diese Täuschung, diese Lüge wird offenbar, und der Gemeindevorsteher – nennen wir ihn einmal auf gut Deutsch Peter – tadelt die Eheleute Hananias und danach auch Sapphira individuell aufs heftigste: “Wie konntest du uns das antun? Du hättest deinen Besitz für dich behalten können. Wir wären auch ohne deinen Immobilienverkauf einigermaßen über die Runden gekommen. Aber dass du uns belogen hast, ist unter aller Kanone! Damit zerstörst du die Gemeinschaft im Wort. Wer lügt, untergräbt sinnvolles Zusammenleben. Es wäre besser gewesen, ihr hättet eure Immobilie für euch behalten, statt uns zu belügen!”

Wie ist die Geschichte von Hananias und Saphira aus der Feder des griechischen Schriftstellers Lukas zu deuten? Vermutlich so: Wichtiger als Hab und Gut, wichtiger als Verteilungsgerechtigkeit, wichtiger als die Aufgabe des individuellen Reichtums zugunsten der Gemeinschaft ist die Gemeinschaft im Wort. Nur wer frei entscheidet, seine Entscheidung dann redlich und ehrlich verkündet, dient der Gemeinschaft. Die Gemeinschaft des Wortes ist entscheidend, ist der Dreh- und Angelpunkt der Europäischen Union.

Wahrheit und Freiheit sind wichtiger als Wohlstand. Ehrlichkeit ist wichtiger als Pseudo-Sozialismus. Wichtiger als die Vergemeinschaftung der Immobilienverhältnisse ist die Redlichkeit des Wortes.

Diese zutiefst griechische, diese urgriechische Einsicht gilt auch im Verhältnis zwischen Staaten und Völkern.

Die Europäische Union steht und fällt mit der Gemeinschaft im Wort. Das hat Europa von den Griechen gelernt. Griechenland hat Europa diese in griechischer Sprache verfassten Urtexte des europäischen Selbstbewusstseins geschenkt. Dafür sollten wir anderen Europäaer wir kulturellen Graeculi dem Mutterland der europäischen Kultur HELLAS zutiefst dankbar sein!

Not tun mehr Nord-Süd-Übersetzer, die sich mutig und unerschrocken ins Gebrüll und Gewühl stellen!

Quellenangabe zur Geschichte von Hananias, Sapphira und Peter:
Apostelgeschichte, Kapitel 5, Vers 1-11, hier zitiert nach der griechischen Urfassung Novum testamentum graece, ed. Nestle-Aland, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart, 1993, S. 332-333

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Willkommen ihr Völker der Welt am Fuße des Kreuzbergs!

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Πάρθοι καὶ Μῆδοι καὶ Ἐλαμῖται καὶ οἱ κατοικοῦντες τὴν Μεσοποταμίαν, Ἰουδαίαν τε καὶ Καππαδοκίαν, Πόντον καὶ τὴν Ἀσίαν, 10 Φρυγίαν τε καὶ Παμφυλίαν, Αἴγυπτον καὶ τὰ μέρη τῆς Λιβύης τῆς κατὰ Κυρήνην, καὶ οἱ ἐπιδημοῦντες Ῥωμαῖοι, 11 Ἰουδαῖοί τε καὶ προσήλυτοι, Κρῆτες καὶ Ἄραβες, ἀκούομεν λαλούντων αὐτῶν ταῖς ἡμετέραις γλώσσαις τὰ μεγαλεῖα τοῦ θεοῦ.

Soweit in der griechischen Urschrift das veranlassende Ereignis des lieblichen Fests, wie es Goethe nannte, also des Karnevals der Kulturen, der sich in all dem bunten Treiben und nicht ohne den einen oder anderen widerrechtlich geparkten schwäbischen PKW auf dem Radweg derzeit vor meinem Kreuzberger Fenster abspielt. Es ist ein beeindruckender Katalog, den die Apostelgeschichte Kap. 2 aufzählt, und es lohnt sich, die einzelnen Namen nach ihrer genauen Lokalisation zu entziffern. Spannend! Heute fand ich besonders beeindruckend die Erwähnung der  ἐπιδημοῦντες Ῥωμαῖοι, also der Römer mit Migrationshintergrund, die sich damals in Jerusalem aufhielten. Die Römer waren also auch schon unter den Zuhörern in Jerusalem vertreten, von den Germanen und den Schwaben und auch den Türken keine Spur. Ansonsten aber herrschten die Orientalen vor: der Mittlere Orient, also der heutige Irak und Iran, Saudi-Arabien, Kleinasien, die spätere Türkei, die Inselwelt des östlichen Mittelmeers. “Ägypten”, “Libyen”, die “Araber”, “Kappadokien”, “Asien”, die “Kreter” – das sind die Namen, die wir heute noch verwenden. Die mediterran-orientalische Welt der Diadochenreiche, das waren die ersten Adressaten der Frohen Botschaft außerhalb des Judentums.

Der entscheidende Impuls zur Entstehung des Christentums kam von Joshua ben Josef bzw. von Jeshu ha-nosri, wie er auf Hebräisch und in seiner Muttersprache Aramäisch hieß, oder auch von Jesus Christos, wie er in der damaligen  lingua franca  Griechisch genannt wurde. War Jesus Moslem, wie es kürzlich ein namhafter islamischer Gelehrter im deutschen Fernsehen bei Sandra Maischberger unwidersprochen behauptete? Nein. Jesus aus Nazareth, der als Jude geboren wurde, als Jude lebte, als Jude starb, war kein Moslem. Muslime gab es damals noch nicht, sehr wohl aber die Araber.

Aber gleich die erste Generation der Christen richtet ihr Wort an ein buntes Multi-Kulti-Gewühl. Die Botschaft, die vom alten Israel ausgeht, wird über die Person Jesus Christus vielsprachig, polyphon, polyglott. Die Kerngebote Jesu sind einfach, sind unmissverständlich, sind für alle leicht zu verstehen: die Gebote der Gottes- und Nächstenliebe, der unbedingte Verzicht auf Gewalt, das bedingungslose Vertrauen in den nächsten Menschen, der als Abbild Gottes gesehen wird, die Fürsorge für Schwache und Kranke, die Absage an Kollektiv-Egoismus, an Rassismus, Menschenfeindlickeit und Intoleranz, wie es die Berliner Verwaltung noch heute auf Amtspost stempelt, das Misstrauen gegenüber der Übermacht des Staates.

Das Christentum ist somit die Multi-Kulti-Religion par excellence, es ist das beste Gegenmittel gegen Rassismus, Intoleranz und Ausgrenzung. Durch das universell gewordene Judentum und nur durch dieses über Christus an alle Welt sprechende umgeformte Judentum kam erstmals die befreiende Botschaft von der Freiheit und Gleichheit jedes einzelnen Menschen vor Gott in die Alte Welt, aus der wenige Jahrhunderte später dann auch unser Europa hervorging.

In diesem Sinne: Willkommen, ihr Völker der Welt am Fuße des Kreuzbergs!

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Wo war eigentlich das Wort am Anfang?

In the beginning were the words … so leitet der aktuelle Economist seine sehr kluge, sehr bedachte Umschau über die kritische Erforschung des Korans ein (S. 42-43). Lesenswert!

Also: Am Anfang waren die Worte. In der Tat, ausgerechnet am 27. Dezember kamen wir wieder jene vielzitierten Einleitungssätze des Johannes-Evangeliums in den Sinn, an denen sich der arme Faust schon abmühte:

Geschrieben steht: >>im Anfang war das W o r t!<<
Hier stock’ ich schon! Wer hilft mir weiter fort!
Ich kann das W o r t so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen, […]

Eine kleine Übersicht in  wichtigen europäischen Sprachen der Jetztzeit ergab, dass alle das griechische Logos mit Wort (verbum, parola, слово, …) übersetzen. Es ist eine ur-europäische Tradition: das schaffende, das gesprochene, das zeugende Wort rückt im Johannes-Prolog in die höchste Wertigkeit auf.

Wie geht der Text weiter? “Sie können doch Griechisch – zitieren Sie doch mal bitte!” So fragte mich kürzlich eine Runde an Fragenden. Ich ließ mich nicht bitten und antwortete:

καὶ ὁ λόγος ἦν πρὸς τὸν θεόν

… und merkwürdig, da fiel mir zum ersten Mal auf, wie seltsam dieses pros ton theon klingt. Ja, wer da mit den Augen hören, mit den Ohren denken möchte! Wer griechische Texte nicht nur stumm liest, sondern sie gelegentlich auch laut rezitiert, dem muss dieses πρὸς τὸν θεόν hart aufstoßen. Es klingt irgendwie falsch. Denn diese Präposition pros drückt zusammen mit dem Akkusativ  stets eine Richtung, eine Bewegung aus, fast niemals aber einen ruhenden Ort – pros mit Akkusativ bedeutet motus ad locum, nicht situs in loco. Dies gilt unverrückbar für die gesamte griechische Sprache bis weit über die Zeitwende hinaus – es gilt ohne Ausnahme auch für den Sprachgebrauch des Evangelisten Johannes.

Ich meine aus diesem Grund, dass die übliche vulgärsprachliche Übersetzung  nach der Vulgata “et verbum erat apud deum” – “und das Wort war bei Gott” den Sinn des zweifelsfrei überlieferten originalen griechischen Wortlautes nicht treffend wiedergibt.

Denn die Präpositionen bei oder auch lateinisch apud drücken keine Bewegung, sondern einen festen Ort aus. Ihr seht: Wie der arme Faust bin ich unzufrieden mit den jahrtausendealten verehrten Übersetzungen. Sie sind mir zu statisch, nicht dynamisch genug!

Es gibt jedoch eine Übersetzungsmöglichkeit, die das im griechischen Text Angelegte besser verstehbar macht, nämlich das lateinische “ad” bzw. das deutsche “zu”.

Ich meine somit, als Übersetzung des griechischen

καὶ ὁ Λόγος ἦν πρὸς τὸν Θεόν

folgende Möglichkeiten vorschlagen zu dürfen:

lateinisch: et verbum erat ad deum

deutsch: und das Wort war zu Gott

Dieser deutsche Satz klingt ungewöhnlich, klingt gewagt – und genau so klingt auch das griechische Original, wie jeder gute Kenner des Griechischen bestätigen wird.

Wagnis – Ungewöhnliches – Regelverletzung!

Diese beiden Übersetzungen sind grammatisch zweifellos näher am griechischen Wort, sie eröffnen darüber hinaus ein räumlich-bildliches Verständnis des Prologs, das geeignet ist, auch die nachfolgenden Texte und Gleichnisreden besser, nämlich körperlicher zu begreifen. Man braucht dann viel weniger Theologie, viel weniger Kommentar, viel weniger Regalmeter Sekundärliteratur, wenn man mithilfe guter, freilich unerlässlicher Vertrautheit mit dem Griechischen versucht, diesen Grundtext, wie ihn der arme Faust nennt, besser zu verstehen.

Johannes sagt also:

Das Wort war zu Gott.

Es war nicht ortsfest, nicht am festen Ort angekommen, es war am Anfang nicht bei Gott, sondern es war unterwegs, es war gerichtet auf denjenigen, den keiner je gesehen hat.

Quellen:

Muslims and the Koran: In the beginning were the words | The Economist December 31st 2011-January 6th 2012, Seite 42-43

Johann Wolfgang Goethe: Faust. Texte. Herausgegeben von Albrecht Schöne. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main, 1999, S. 61

Nestle-Aland: Novum testamentum graece, ed. vicesima septima, Deutsche Bibelgesellschaft, Suttgart 1999, S. 247

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Europäische Galerie Jesus von Nazareth Novum Testamentum graece

Gefangenenbefreiung: Barrabas und Andreas Baader

boltraffio-auferste24042011522.jpg“Er wollte ein Buch über bessere Erziehung schreiben.” So wird es über Andreas Baader berichtet. Nochmal kam mir kürzlich dieser  Mann in den Sinn in der Osterpredigt des Kreuzberger Pfarrers: Aus dem neuen Buch meines römischen compatriota bavarese gab der Pfarrer einige Erläuterungen zu einem politischen Gefangenen, zu Barrabas. Barrabas war – so dämmerte mir – im Grunde der Andreas Baader zu Zeiten des Pilatus. Ein politisch motivierter “Aufrührer”, “Mörder” und “Räuber”, ein Revoluzzer. Merkwürdig ist schon der Gleichklang der Namen: Andreas – Barrabas! Die Herzen des Volkes flogen beiden zu. Beide wurden aus der Gefangenschaft befreit. Beide waren Revoluzzer.

Nach der Ostermette, nachdem ich die Osterglocken hatte läuten hören, las ich doch mitten in der Nacht tatsächlich die vier Barrabas-Geschichten der Evangelisten in meinem schon zerlesenen Nestle-Aland und übersetzte mir den einen oder anderen Satz in mein geliebtes Deutsch. Noch etwa überraschte mich: Bei Matthäus wird von einigen Codices  – tatsächlich der Personenname des Barrabas überliefert: Jesus. Es schien ein verschwiegenes Einverständnis zwischen den beiden zu herrschen.

Bild: Giovanni Antonio Boltraffio, Auferstehung, Gemäldegalerie, Kulturforum Berlin-Tiergarten

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Entkernung Gedächtniskultur Integration durch Kultur? Jesus von Nazareth Leitkulturen Novum Testamentum graece

Ravasi: Besser als Multikulturalismus ist Interkulturalität

Etwa 2000 Jahre gelebte Multikulturalität birgt das Christentum mit sich. Das Neue Testament ist durchtränkt mit Erfahrungen der Fremdheit zwischen Sprachen, Kulturen, ethnischen Gruppen, religiösen Fundamentalismen. Es gibt Hinweise darauf, dass etwa der Prozess gegen Jesus vor Pilatus eine Kette interkultureller Missverständnisse war.

Jesus selbst, dieser alle überragende Mensch, war allerdings stets bereit, diese kulturbedingten Barrieren zu überwinden, und er verlangte dies auch von anderen.

Für ihn stand letztlich der einzelne Mensch, der ihm begegnete, im Mittelpunkt seiner Fürsorge und Zuwendung. Diesen Menschen, der ihm begegnete, nannte er “den Nächsten”. “Wer ist denn mein Nächster?”, wurde er gefragt.  “Jeder Beliebige!” Ausdrücklich verstand er unter “dem Nächsten” nicht den Angehörigen der jeweiligen Sippe oder Nation, sondern den räumlich oder emotional Begegnenden. So mag Jesus und die auf ihn sich berufende Religion, das Christentum, als fundamentaler Zeuge gegen jede Art der ethnischen oder kulturellen Verhärtung gelten.

Soeben lese ich im Corriere della sera von gestern auf S. 11 einen Reflex eben dieses beständigen Grenzen-Überschreitens. Kardinal Gianfranco Ravasi spricht sich für einen Übergang vom Multikulturalismus zur Interkulturalität aus: “Ciò che dobbiamo fare è passare dalla multiculturalità alla interculturalità, von der bloßen Koexistenz von Kulturen, die nicht miteinander reden, müssen wir zur Erfahrung des Dialogs übergehen. Wir brauchen eine Art kulturelle convivenza, ein Zusammenleben, das freilich schwer und kompliziert ist.”

Ravasi verlangt nicht das Aufgeben der eigenen Kultur, sondern das Wahrnehmen der Andersartigkeit. Als Ursache für das Scheitern des Multikulturalismus sieht er eine Verleugnung der eigenen kulturellen Herkunft Europas, eine tiefe Selbst-Unsicherheit auf Seiten der Europäer, die neben anderen kulturellen Errungenschaften vor allem das Christentum buchstäblich verlernt hätten.

Es sei so, als wollte man ein Duett singen, und einer der Partner wüßte nicht, was seine Melodie ist.

Den Betrachtungen Gianfranco Ravasis kann ich meine lebhafteste Zustimmung nicht verweigern.
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Jesus von Nazareth Novum Testamentum graece Philosophie Religionen

“Ich bin christlich geprägt, obwohl Agnostiker”

“Ich bin christlich geprägt, obwohl Agnostiker”. Mit dieser Aussage wird in der WELT ein Zeuge zitiert, der damit sicherlich repräsentativ für die Mehrheit der Deutschen spricht. Sein Name? Spielt zunächst keine Rolle. Nennen wir ihn G.W.

“Ich bin christlich geprägt, obwohl Agnostiker”. Ein bemerkenswerter Satz. Er erinnert an die Rede des Apostels Paulus auf dem Areopag in Athen, wo er den agnostos theos, den unbekannten, den nicht zu erkennenden Gott verkündet (Apostelgeschichte 17,23).

Christlich geprägt” und deshalb beseelt vom Glauben an die unveräußerliche Würde, die unveräußerlichen Rechte auf Leben und Freiheit jedes einzelnen Menschen. Und zugleich “Agnostiker” – na, ich würde fast sagen, das ist eigentlich eine Art säkulares Christentum. Das WELT-Christentum. Die säkularen Christen sagen: “Wir sind christlich geprägt, aber über Gott können wir nichts Bestimmtes erkennen und nichts Bestimmtes aussagen noch können wir überhaupt mit nachprüfbarer Gewissheit sagen, ob es einen Gott gibt.” Und genau derartige Aussagen finden sich in der Geschichte des Christentums auf Schritt und Tritt – auch bei jenen, die sich offen als Christen bekannten. Darunter der unvergleichliche Angelus Silesius oder der einzigartige Pascal.

Ein beliebiges Beispiel für dieses säkulare Christentum, für dieses Christentum der Agnostiker ist folgender Satz: “Keiner hat Gott je gesehen.” An diesen Satz können die säkularen, christlich geprägten Nicht-Christen und Christen mit ihren schwer navigierbaren, ortlosen WELT-Raumschiffen andocken. Es ist der Kernsatz der WELT-Christen, denn er bedeutet: “Wir huldigen einem unbekannten, einem nicht zu erkennenden, einem unerforschlichen Gott, von dem wir nicht einmal sinnvollerweise sagen können, ob es ihn gibt.”

Dieser Satz findet sich im Johannesevangelium, erstes Kapitel, Vers 18.

Die Zeugenaussage des christlich geprägten Agnostikers G.W. berichtete die WELT am 10.12.2010:

G. W. über Islam, Linke und Moral – Nachrichten Print – DIE WELT – Kultur – WELT ONLINE
Die Welt: Woher kommt Ihr Idealismus?

G. W.: Ich bin christlich geprägt, obwohl Agnostiker. Es gibt gewisse humane Werte, die allen Weltreligionen und den großen Philosophien eigen sind, und an denen sich die UN-Menschenrechtscharta orientiert.

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Kinder Novum Testamentum graece

… und er umarmte es …

20092009009.jpg Am Vormittag feuerten wir die Läufer beim Berlin-Marathon an. Beschwingte, heitere, großartige Stimmung! Die allermeisten laufen aus Freude am Laufen mit, nicht aus Ehrgeiz.

Im heutigen Gottesdienst in der Kreuzberger Bonifazius-Gemeinde geriet ich ins Nachdenken über ein Wort aus dem vorgetragenen Evangelium. Bei Markus heißt es im Kapitel 9 zum Streit der Jünger, wer unter ihnen der Größte sei: “Und er stellte ein Kind in die Mitte, umarmte es und sprach: …” Pfarrer Ulrich Kotzur trägt das Evangelium so vor, dass gerade das Wort “und er umarmte es” hervorgehoben ist. Als wollte er durch seinen Vortrag sagen: “Ihr habt wahrscheinlich alle im Kopf, dass Jesus sagen wird: Wer eins dieser Kinder in meinem Namen annimmt, nimmt mich an. Aber habt ich auch im Kopf, dass Jesus dieses Kinde zuerst umarmt?”

Das Markusevangelium erzählt schlicht und lebendig. Man muss es beim Wort nehmen und sich alles so vorstellen, wie es erzählt wird. Wenn es heißt: Er stellte es in die Mitte und umarmte es – wie muss man sich das vorstellen? Zweifellos so, dass Jesus sich niederbeugte, um das Kind zu umarmen. Ich kenne aber keine bildnerische Darstellung dieser Szene, dass Jesus sich niederbeugte. Sehr wohl kenne ich einige Darstellungen, wo Jesus das Kind hochhält. Aber dass er sich niederkniet oder niederbeugt zu dem Kind – das scheint nicht vielen bisher so deutlich geworden zu sein.

Das griechische Wort bei Markus könnte freilich auch “auf die Arme nehmen” bedeuten. Aber warum hätte Jesus das Kind dann in die Mitte stellen sollen, wenn er es gleich darauf wieder “aufnahm”?

καὶ λαβὼν παιδίον ἔστησεν αὐτὸ ἐν μέσῳ αὐτῶν, καὶ ἐναγκαλισάμενος αὐτὸ εἶπεν αὐτοῖς·

Ich bleibe dabei: Ich glaube, dass Jesus sich niedergebeugt hat zu dem Kind und es sich nicht zu sich “emporgehoben” hat.

Pfarrer Kotzur trug des Wort heute so vor, als käme es ihm mehr auf das “liebevolle Aufnehmen” oder “Umarmen” an als auf das, was nachfolgte.

Es zeigt sich: das Wort braucht den Vortrag, es wird lebendig erst in der Verkündigung! Während Martin Luther sagte: “Das Wort sie soln lassen stan!”, sagt der Katholik eher: Das Wort “steht” nicht, es fliegt und weht dahin – und vergeht! Nicht der durch beharrliche Forschung ermittelte Schriftsinn ist das Entscheidende, sondern der wechselnde Sinn, die Wirkung des Wortes, das sich erst im Aussprechen und Zuhören entfaltet.

Das ist ein riesiger Unterschied zur bloß textkritischen Exegese der heiligen Schriften des Judentums und der Christenheit, wie ich sie selbst einige Jahre betrieben habe – und auch weiter betreiben werde.

Während ich hierüber nachdachte, hatte sich mein Sohn an mich geschmiegt. Er hatte sich in meinen Arm eingenistet, während wir zuhörten.

Am Nachmittag unternahmen wir in kräftiger Hitze einen Streifzug durch das herrlich verwilderte Gelände des “Gleisdreiecks”. Es ist das aufgegebene Gelände des alten Anhalter Bahnhofs. Kraut, Gestrüpp, Birken sind über die Jahrzehnte hinweg hier hochgeschossen. Wir wandten den Blick nach oben. Da kreisten drei Habichte. Ich zückte das Handy. Könnt ihr die kreisenden Habichte sehen? Wahrscheinlich nicht. So müsst ihr mir glauben: Wir haben heute drei Habichte über dem Gleisdreieck fliegen sehen. Ich benenne als Zeugen meine gesamte Familie.

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“Werde ein Heger des Vertrauens!”

“Ich war nicht dabei.” So umschrieb ich am 23.02.2009 eine Erfahrung, die wir wohl alle schon gemacht haben: Wichtige Ereignisse haben sich abgespielt, ohne dass wir ihnen beiwohnten. Wir kommen zu spät. Wir sind auf das angewiesen, was andere berichten. So ging es mir bei der deutschen Wiedervereinigung, so geht es mir bei Krieg und Vertreibung.

Und so ging es auch dem Thomas Didymus, von dem das Johannes-Evangelium berichtet. Er hat ein wesentliches Ereignis nicht miterlebt, das die anderen ihm voraushaben: Sie haben einen Menschen wiedergesehen, der bereits für alle sichtbar gestorben war. “Glaub ich nicht. Will ich erst mal sehen und anfassen!” So zweifelt Thomas. Sehen und Anfassen, das sind in der Tat die ursprünglichen Arten, mit denen wir als Kinder die Welt buchstäblich “begreifen” und “durchschauen”.

Aber Thomas erhält eine Chance. Wie war das doch? Ich schlage, wie so oft, meinen Nestle-Aland auf, eine Rekonstruktion des griechischen Urtextes des Neuen Testaments. Denn ich möchte diese Urschriften in mein geliebtes Deutsch sozusagen herübertragen.

Ich lese: Der Mensch, den er wieder sieht,  der sagt zu Thomas:

και μη γινου απιστος αλλα πιστος

Was heißt das? “Werde nicht unvertraut, sondern vertraut”, so können wir in einer Rohfassung aus dem griechischen Original übersetzen.

Was fällt auf? Der wiederkehrende Mensch spricht  einen Einzelnen an, er richtet sich im Du an den Zweifler. Er sagt nicht: “Sei!”, sondern “werde!”. Er vertraut also in die Veränderbarkeit des Angeredeten. Er nimmt den Zweifel des Thomas ernst. Er sieht: Thomas hat kein Vertrauen. Denn Thomas war nicht dabei.

Pistós, dieses griechische Wort bedeutet vielerlei – nämlich all das, was den auszeichnet, der die Haltung der Pistis hat: Pístis, das ist Vertrauen, Verlässlichkeit, Glauben, Zutrauen, Berechenbarkeit. Wichtig ist: pistós bedeutet im Griechischen sowohl “einer, dem vertraut wird” wie auch “einer, der vertraut”. Es gibt im Mittelhochdeutschen ein Wort, das einen ähnlichen Doppelsinn des aktiv-passiven Vertrauens entfaltet, nämlich: triuwe, von dem unser neuhochdeutsches treu herstammt.

Jesus sagt nicht: Vertraue mir! Er verlangt keine Unterwerfung. Er sagt, und dabei bringt er sich als Person aus Fleisch und Blut gar nicht ins Spiel: Werde ein Mensch des Vertrauens! Als wollte er sagen: Wenn du nicht glauben kannst, dass ich es wirklich bin, dann übernimm diese Grundhaltung des Vertrauens, der Zuversicht. Dein Zweifel sei dir unbenommen. Du darfst zweifeln.

Aber werde einer, der vertraut und dem vertraut wird.

Und somit ist das Werk vollbracht. Ich gelange aufgrund einer genauen Befragung des griechischen Urtextes zu folgender Übersetzung des letzten Halbsatzes von Kapitel 20, Vers 27 aus dem Evangelium nach Johannes:

” … und werde nicht einer, der nicht vertraut und dem nicht vertraut wird, sondern einer, der vertraut und dem vertraut wird.”

In freier Umformulierung ergibt sich für mich am heutigen Ostertag die folgende Botschaft:

Werde kein Sämann des Misstrauens, sondern werde ein Heger des Vertrauens!

Gestern schrieben wir über die verlorenen Söhne in Kreuzbergs Schwimmbädern, im Spreewaldbad und im Prinzenbad: Ihnen traut niemand etwas zu, und deshalb haben sie kein Selbstvertrauen. Ich wünsche ihnen und uns allen – bei allen Zweifeln, die immer mitschwingen dürfen – genau diese Grundhaltung des Vertrauens und der Zuversicht, der wir uns soeben angenähert haben.

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“Habt keine Angst!” Die Einsichten des Eugen Drewermann

heiligabend.jpg Hoch oben auf der Empore der Heilig-Kreuz-Kirche, auf den Treppenstufen hockend – denn es war kein Platz auf den Bänken – höre ich mir die Botschaft an:


“Habt keine Angst!” Unser Kind schwirrt auf eigene Faust im gewaltigen Kirchenraum umher. “Habt keine Angst!” Zuhause suchte und fand ich einen zeitgenössischen Deuter, der diese Freudenbotschaft, deren Verkündung ein Teil der Menschheit heute begeht, ganz wesentlich als Befreiung von Angst deutet. Von der Angst, die in mannigfachen Gestalten unser Dasein wesentlich bestimmt. Es ist Eugen Drewermann. Ich habe mir seinen Kommentar zum Johannes-Evangelium entliehen. Drewermann schreibt:

Verständlich machen lässt sich die “neue Wirklichkeit” (Paul Tillich), die mit der Person Jesu in die “Welt” getreten ist, wohl nur, wenn man sowohl individualpsychologisch als auch sozialpsychologisch die Mechanismen freilegt, die im Felde der Angst das gesamte Dasein des Menschen und seine Weltauslegung verformen. “In der Welt habt ihr Angst; aber faßt Mut: ich – besiegt habe ich die Welt”, sagt der johanneische Jesus (Joh 16,32).

Eugen Drewermann: Das Johannes-Evangelium. Bilder einer neuen Welt. Zweiter Teil: Joh 11-21. Patmos Verlag, Düsseldorf 2003, S. 8

Alle Weihnachtslieder singe ich mit, doch bricht mir manchmal die Stimme.

Ich werde gerade in diesen von Lohnarbeit freigestellten Tagen meine Studien zum griechisch verfassten Neuen Testament fortsetzen und beständig immer wieder in die dionysische Welt des Aischylos eintauchen. Höchst bemerkenswert, dass Drewermann wieder und wieder eine Nähe des Johannes-Evangeliums zum Dionysos-Kult zu belegen meint.