Mit einer russischen Altistin, die sich um Hilfe an mich gewandt hat, gehe ich Silbe um Silbe einiger Arien aus der Matthäuspassion von Bach durch. Diese Genauigkeit der Aussprache, dieses Hinarbeiten an einzelnen Wörtern, bis jeder Buchstabe verschmilzt mit dem gesungenen Ton, das Ganze zu belebter Klangrede wird – es ist mir eine tiefe Freude, und Bachs Musik rührt mich immer wieder zu Tränen.
„… dass die Tropfen deiner Zähren … „ Wie oft habe ich diese Arien schon gehört – 50 Mal, hundert Mal? Jedesmal ergreifen sie mich anders.
Wer gibt sich heute in unseren elektronischen Massenmedien noch echte Mühe mit dem guten gepflegten Wort, abseits der vorgestanzten Formeln? Am Abend ruft mich ein Marktforschungsinstitut an. Thema: Berliner private Rundfunksender. Ob ich lieber alte oder neue Musik höre? Ich ziehe vom Leder, sage: „Die alte Musik, also die Musik bis etwa zum 15. Jahrhundert, kommt nicht an die innovative Ausdrucksfülle der neuen Musik eines J.S. Bach heran.“ „Für Hörer wie Sie haben ich keine Felder zum Ausfüllen“, klagt Frau Köhler, „meine Zeitschema geht nicht hinter 1970 zurück.“ Na, dann quälen wir uns noch weiter mit allerlei Fragen zu beliebten und unbeliebten Frühstücksmoderatoren, die mir alle unbekannt sind. I couldn’t care less about your breakfast moderators, Frau Köhler, Ihre Fragen gehen an meiner Bandbreite vorbei.
Irgendwann antworte ich nur noch: Radio Fritz. Damit bin ich wieder im Spiel, denn dieser Sender steht auch auf ihrem Zettel. Hurra! Aber ich bringe sie auch in Verlegenheit durch die Nennung einiger Berliner UKW-Sender, von denen sie noch nie gehört hat. Etwa Radio France International (106,00 FM) oder National Public Radio aus den USA (104,1 FM), ganz zu schweigen von Radio Russkij Berlin (97,2 FM).
Wir beenden das 20-minütige Interview im besten Einvernehmen: Wir haben beide Zeit verschwendet und gestehen dies einander ganz offen ein. Schön, dass es diese Ehrlichkeit gibt, Frau Köhler.